50 Jahre Cinegrafik

Im Hamburger Metropolis-Kino findet in diesem Monat eine Ausstellung zum 50jährigen Jubiläum der Firma „Cinegrafik“ von Helmut Herbst statt. Sie ist verbunden mit einer Veranstaltungsreihe: Filmen + Gesprächen. Unter dem Titel „Früher als wir noch postmodern waren“ geht es um die Aufbrüche in den 1960er und 70er Jahren, die mit den experimentellen Arbeiten von Helmut Herbst und Franz Winzentsen, Hellmuth Costard, Werner Nekes, Bernd Upnmoor und Klaus Wyborny verbunden sind. Ein spezieller Rückblick gilt dem Altmeister Guido Seeber. Zur Ausstellung und zum Film-programm erscheint eine Edition der Werkstattbücher von Helmut Herbst.

Amtsübergabe bei der DEFA-Stiftung

Die DEFA-Stiftung in Berlin kümmert sich um den Erhalt und die Nutzung des DDR-Films und fördert die Filmkultur durch die Vergabe von Projektmitteln, Stipendien und Preisen. Als Nachfolger des Gründungsvorstands Wolfgang Klaue war Helmut Morsbach seit 2003 Vorstand der Stiftung. Er geht jetzt in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der Filmpublizist Ralf Schenk (*1956), der sich als Autor der Berliner Zeitung und des Film-Dienstes und als Herausgeber verschiedener Publikationen zur DEFA-Geschichte die Erinnerung an das DDR-Kino zur Aufgabe gemacht hat. Als Mitglied verschiedener Gremien (BKM-Projekt-Kommission, Berlinale-Programm-Kommission) hat er auch seine Kompetenz für das Gegenwartskino bewiesen. Auf ihn warten in der neuen Funktion vielfältige Aufgaben, denen er mit Sicherheit gewachsen ist.  Mehr über die DEFA-Stiftung: www.defa.de/cms/defa-stiftung-home

Peter Nestler 75

Morgen, am 1. Juni, wird der Dokumentarist Peter Nestler 75 Jahre alt. In den 1960er Jahren hat er mit Filmen wie AM SIEL, AUFSÄTZE, MÜLHEIM/RUHR und ÖDENWALDSTETTEN dem westdeutschen Dokumentarfilm zu ersten Maßstäben verholfen. Sein Film EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (1965) ist ein Meisterwerk und gehört für mich zu den zehn schönsten Filmen meines Lebens. Weil er in der Bundesrepublik keine Aufträge mehr bekam, emigrierte er 1966 nach Schweden und drehte dort vor allem Filme für das Jugendprogramm. Mit Filmen  wie SPANIEN! (1973), DIE JUDENGASSE (1988), PACHAMA – UNSERE ERDE (1995), VERTEIDIGUNG DER ZEIT (2007) hat er sich immer wieder programmatisch zu Wort gemeldet. Demnächst erscheint bei AbsolutMedien eine DVD-Box mit seinen wichtigsten Filmen. In frühen Jahren hat er als Gelegenheitsdarsteller in westdeutschen Filmen mitgewirkt. Darüber habe ich 1980 einen kleinen Text verfasst: 1980/06/1566/. Herzlichen Glückwunsch zum 75., lieber Peter!

„Meine Frau sagt…“

Dies ist ein sehr lustiges und sehr trauriges Buch. Es ist lustig, weil der Autor auf wunderbare Weise die ganz alltäglichen Probleme, die es im Leben und in einer Beziehung gibt, auf den Punkt bringt: nachts zu träumen, morgens aufzustehen, zu frühstücken, den Kühlschrank zu füllen, die angemessene Garderobe zu tragen, die Wohnung umzu-räumen, Fußball im Fernsehen anzuschauen, über Prinzipien zu reden, über Geschenke nachzu-denken, DVDs zu sammeln, den Hund zu versorgen, die Umsatz-steuer-Erklärung auszufüllen, sich Passwörter zu merken, Tango zu tanzen, über Kinderfilme zu streiten und Scrabble zu spielen. Ein eigenes Kapitel ist dem Reisen vorbehalten: mit 16 Unterkapiteln, beginnend mit dem Kofferpacken und endend mit dem Wort „Bikinistreifen“. Und es gibt vier Dialoge mit den Kindern Artur und Teresa, die von Mädchen, von Jungen und von Altersunterschieden handeln. Das Buch ist sehr traurig, weil der Autor, der über so viel Lebensklugheit verfügte, seit einem Jahr tot ist. Und wenn man das Buch liest und immer wieder lachen muss, dann wird einem in jedem Moment bewusst, wie groß der Verlust ist und welche Fallhöhe es in der Komik, im Lachen und im Leben gibt. Mit Illustrationen von Kat Menschik, einem Vorwort von Frank Schirrmacher und einem Nachwort von Claudius Seidl.

Geoff Dyer: Die Zone

Dies ist „ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer“. Der englische Schriftsteller Geoff Dyer (*1958) macht uns zum Teilnehmer seiner sehr persönlichen Lektüre des Films STALKER (1979) von Andrej Tarkovskij. Der Film handelt von einer Expedition: Unter der Führung eines Ortskundigen, der am Rande der Welt in einer verfallenen Industrielandschaft lebt, begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in die mysteriöse „Zone“, wo es einen Raum geben soll, an dem die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Es wird eine Reise in die Innenwelt der Protagonisten. Dyer, ein Kenner der Kino- und Kulturgeschichte, ist kein Analytiker, sondern ein Entdecker, der assoziative und originelle Querverbindungen herstellt und Tarkovskijs Film neue Subtexte gibt. Das liest sich – inklusive der zahlreichen Fußnoten – wie ein spannender Reiseroman. Von Marion Kagerer hervorragend übersetzt. Mehr über das Buch  auf der Website von Schirmer/Mosel: products_id=671.

Spiel mit der Wirklichkeit

Bei der Wiedergabe der Wirklichkeit(en) befinden sich Dokumentation und Fiktion in Film und Fernsehen seit längerer Zeit in einem zunehmenden Spannungsverhältnis. Die Publikation, herausgegeben von Werner C. Barg (Autor und Produzent), Kay Hoff-mann (Studienleiter Wissenschaft im Haus des Dokumentarfilms) und Richard Kilborn (Dozent an der University of Stirling), beschreibt Entwicklungen in Deutschland und Großbritannien und ordnet den gegen-wärtigen Stand der Dinge. In drei Großkapiteln (Dokument und Fiktion im Spiel- und Dokumentarfilm, Entwicklung hybrider TV-Formate, Doku-Drama und historisches Re-Enactment) liefern 17 Texte Rückblicke, Bestandsaufnahmen und Ausblicke. Unter den Autorinnen und Autoren sind die drei Herausgeber mit jeweils mehreren Beiträgen vertreten. Von Martina Döcker stammt ein schöner Essay über sieben Richtungen im Dokumentarfilm. Zwischen den Texten gibt es acht Interviews: mit Carl Bergengruen und Manfred Hattendorf (SWR), Stephen Lambert (produziert in London „factual entertainment programmes“), Carl-Ludwig Rettinger (Lichtblick Film, Köln), Michael Kloft und Marc Brasse (Spiegel-TV), Taylor Downing (Flashback Television), Uwe Kersken (Gruppe 5, Köln), Guido Knopp und Stefan Braunburger (ZDF), Nico Hofmann (teamWorx). Mit vielen, gut reproduzierten Abbildungen. Das Titelfoto ist ein bekanntes Dokument und stammt aus dem Film TODESSPIEL von Heinrich Breloer. Mehr über das Buch: 40a6ea8098a99cbe0aa2e/

Das Drama der Identität

Die Autorin Nathalie Weidenfeld erläutert zunächst die Theorien des klassischen und des nicht-klassischen Films, definiert den „homo agens“ und den „homo performans“ als Grundtypen filmischen Erzählens und plädiert für eine Revision formalistischer Filmnarratologie. Das sind 40 Seiten Wissenschaftsanstrengung. Im zweiten Teil (110 Seiten) werden sieben Filme analysiert:  Es handelt sich um ANTICHRIST, MATRIX, GATTACA, FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING, MEMENTO, 8 ½ und AUSSER ATEM. Die Analysen sind sehr konkret und einleuch-tend. Mehr zum Buch: search.php?vid=2&aid=3234

Der deutsche Schlagerfilm

„Ohne Sinn und Verstand“ hieß vor 32 Jahren die Titelgeschichte der legendären Zeitschrift Filme über den deutschen Schlagerfilm. Sie handelte von Caterina Valente und Peter Alexander, von Vico Torreani, Vivi Bach und Conny & Peter. Jetzt ist die erste Dissertation zu diesem Thema publiziert worden. Sie stammt von Daniela Schulz, die damit an der Kölner Universität promovierte. Die Autorin, das ist ein großer Vorteil des Buches, hat ein positives Verhältnis zu ihrem Thema. Auf der Suche nach historischen Genrebezügen wird sie sowohl bei der deutschen Tonfilmoperette wie beim amerikanischen Musical fündig. Sie bezieht vor allem in den 1960er und 70er Jahren die Entwicklung des Fernsehens ein. Sie unterscheidet den Schlagerfilm vom Heimatfilm und sichert sich (es handelt sich ja immerhin um eine Dissertation) mit 800 Quellenverweisen auch wissenschaftlich ab. Ein schönes Kapitel ist dem Vorspann gewidmet, hier gibt es auch einzelne Abbildungen. Eine sehr konkrete Analyse gilt dem SCHWARZWALDMÄDEL-Film von Hans Deppe. Und am Ende geht es um „Film und Fernweh“. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts1882/ts1882.php

Ed Wood

Edward Davies Wood jr. (1924-1978) war Regisseur, Schauspieler, Produzent, Autor und galt als ziemlich verrückt. Für seine Filme hat sich der Begriff „Trash“ eingebürgert. Daniel Kulle ist diplomierter Polarökologe und Fotosynthese-forscher. Er hat die Fächer gewechselt und in Zürich, betreut von Ursula von Keitz und Margrit Tröhler, eine Dissertation über Ed Wood verfasst. Ihre Hauptkapitel heißen Theorie, Geschichte, Genre, Ästhetik und Dilettantismus. Sie gehen der Frage nach, wie ein ziemlich sinnloser Film mit dem Titel PLAN 9 FROM OUTER SPACE zu einem Cult-Produkt werden kann und sein Regisseur zu einer Cult-Figur. Kulles Erkenntnisse sind sehr konkret, sie ergründen das Phänomen der billigen Filme und entdecken Alternativen in der so widersprüchlichen Hollywood-Welt. Am Ende wird auch Tim Burtons Ed Wood-Film (1994) ins Visier genommen: zu glatt und trivial. Eine ungewöhnliche Dissertation, die originell gedacht und gut formuliert ist. Und weil das Buch bei Bertz + Fischer erschienen ist, haben auch die Abbildungen ein hohes Niveau. Mehr über das Buch: http://www.bertz-fischer.de/edwood.html

Hans Sahl, Filmkritiker

Heute ist der 110. Geburtstag des Autors und Filmkritikers Hans Sahl (1902-1993). Ihm ist der 14. Band der Reihe „Film & Schrift“ gewidmet, die von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen herausgegeben wird. Sahl hat von 1926 bis 1932 regelmäßig für den Montag Morgen und den Berliner Börsen-Courier geschrieben: prägnant, meinungsfreudig und kurz, weil es für Filmkritiken damals nicht viel Platz gab. Fast 200 seiner damaligen Texte sind hier abgedruckt, darunter Kritiken zur BÜCHSE DER PANDORA (Verriss), zum BLAUEN ENGEL (Lob für Marlene) und zu King Vidors HALLELUJAH! (enthusiastisch). Dokumentiert sind außerdem Sahl-Texte aus dem Prager Exil und Kritiken für die NZZ, die SZ und Die Welt aus den Jahren 1958-1974 als Kulturkorrespondent in den USA. Von Ruth Oelze stammt ein sehr gut recherchierter biografischer Text über Sahl. Mehr zum Buch: 305818&template=neu_werke_default_film