Ufa Filmnächte

Die Ufa-Filmnächte finden in diesem Jahr zum ersten Mal auf dem Schinkelplatz in Berlin Mitte statt. Am ersten Abend gibt es als Double Feature zunächst Walther Ruttmanns BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927), live begleitet vom Kammerorchester Potsdam, und anschließend Thomas Schadts Remake BERLIN: SINFONIE EINER GROSSSTADT (2002). Am 17. August ist Joe Mays ASPHALT (1929) zu sehen, musikalisch unterstützt von der Berliner Formation „Trioglyzerin“. Und am Schlussabend steht Fritz Langs SPIONE (1928) auf dem Programm, am Flügel begleitet von Neil Brand.

Internationale Stummfilmtage in Bonn

Morgen beginnt in Bonn das 28. Sommerkino: die internatio-nalen Stumm-filmtage, veranstaltet in Zusammen-arbeit mit dem Münchner Filmmuseum. Sie werden eröffnet mit Erich von Stroheims THE WEDDING MARCH. Auf dem Pro-gramm stehen bis zum 26. August 20 Filme. Ein Schwerpunkt in diesem Jahr ist die Beziehung Franz Kafkas zum Film. Diesem Thema ist auch ein zweitägiges Symposium gewidmet (21.+22. August).

Ronny Loewy

Am 9. August ist unser Freund Ronny Loewy im Alter von 66 Jahren gestorben. Das ist bitter und traurig für seine Frau Gisela und für alle, die ihn kannten. Als Filmhistoriker hat er eher im Hintergrund gearbeitet, war eng mit der Stadt Frankfurt, dem Kommunalen Kino und dem Deutschen Filmmuseum verbunden. Seine wichtigsten Themen waren das jiddische Kino, das Filmexil und der Holocaust. Seit 1993 betreute er die „Cinematographie des Holocaust“ für das Fritz Bauer Institut, das Deutsche Filminstitut und CineGraph Hamburg. Man traf ihn bei der Berlinale, beim Deutschen Filmpreis, bei wichtigen Veranstaltungen und hatte immer Gesprächsstoff. Wir werden nicht vergessen, wie er uns 1996, bei einem Besuch in Jerusalem (FIAF-Kongress), die Stadt nahe gebracht hat. Wir werden ihn sehr vermissen.

Dokumentarfilm (2)

Dies ist ein ganz anderes Buch über den Dokumen-tarfilm: nicht didaktisch, sondern reflexiv. Es heißt „Geliehene Landschaften“ (Untertitel: Zur Praxis und Theorie des Dokumentar-films), stammt von dem Dokumentaristen Hartmut Bitomsky (*1942) und lädt zum Nachdenken ein. Bevor man es liest, sollte man sich zwei Filme ansehen: B-52 (2001) und STAUB (2007). Sie spielen in den Arbeits-journalen, Aufzeichnungen, Tagebüchern, Notizen und Texten des Autors, die er zur Basis seiner Publikation gemacht hat, eine wichtige Rolle. Und dann muss man noch daran erinnern, dass Bitomsky in den 1970er und 80er Jahren mit seiner Firma „Big Sky“ essayistische Dokumentarfilme für den WDR (Redaktion: Werner Dütsch) gemacht hat, ich nenne nur: DER SCHAUPLATZ DES KRIEGES – DAS KINO VON JOHN FORD (1976), DEUTSCHLAND-BILDER (1983), REICHSAUTOBAHN (1985), DER VW KOMPLEX (1988/89). Schließlich ein Zitat: „Jeder Essayfilm ist ein Versuch, eine verlorene, verdrängte Potenz des Films zurückzuerobern, eine unerwünschte Qualität des Kinos wachzuhalten: Das Kino tritt aus sich heraus und kehrt sich selbst zu und in einer Wendung gegen sich selbst fragt es: was bin ich?“ Bitomsky gibt viele kluge Antworten. Herausgegeben hat das Buch der „Neue Berliner Kunstverein“, dessen Leiter Marius Babias ein Vorwort beigesteuert hat.

Sam Fuller 100

Vor 28 Jahren erschien als Band 1 der „Edition Filme“, herausgegeben von Ulrich von Berg und Norbert Grob, ein Buch über den amerika-nischen Regisseur Sam Fuller, das erste in deutscher Sprache. Daran darf man erinnern, denn heute wäre Fuller 100 Jahre alt geworden. „Er schuf ein Kino der großen Geste, der exzentrischen Regieeinfälle und der bizarren Drehbücher um psychotische, nonkonformistische Helden“, schreibt Gerhard Midding in einem schönen Geburtstagstext für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Und das Bayerische Fernsehen sendet heute um 23.35 Uhr Fullers Film SHARK/HAI (1969). Mehr zum Film: main&first=1. Im Fuller-Buch der Edition Filme hat Rudolf Thome über den Film HAI geschrieben.

Dokumentarfilm (1)

Thorolf Lipp, Kulturanthropologe und Filmemacher, zurzeit Gastdozent an der Universität Mainz, hat ein Lehrbuch verfasst. Es ist „als Einstiegslektüre für Studierende an Universitäten, Film- und Fachhochschulen“ konzipiert. Der Autor möchte mit Begriffsklärungen theoretische Orientierungen ermöglichen, die dem Nonfiktionalen Film zu Ansehen und Würde verhelfen. Das ist, angesichts des aktuellen Doku-Mülls im Privatfernsehen, eine gute Absicht. Lipp unterscheidet nach einigen medienanthropologischen Grundgedanken fünf Prototypen des Dokumentarfilms: „plotbasierten Dokumentarfilm“ (historisches Beispiel: NANOOK OF THE NORTH von Robert Flaherty, 1921), „nonverbalen Dokumentarfilm“ (BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walther Ruttmann, 1927), „Documentary“ (THE SONG OF CEYLON von Basil Wright, 1934), „Direct Cinema“ (DONT’ LOOK BACK von D. A. Pennebaker, 1967) und „Cinéma Vérité“ (CHRONIQUE D’UN ÉTÉ von Jean Rouch, 1961). Der Autor benennt die jeweils spezifischen Eigenarten der genannten Typen, charakterisiert den beispielhaften Film, informiert über Weiterentwicklungen, stellt die gestalterischen Mittel und kommunikativen Ziele dar, vermittelt Stärken und Schwächen. Ein abschließendes Kapitel schildert die Produktionsbedingungen für den Nonfiktionalen Film heute. Im Bemühen, die Unterschiede deutlich zu machen, neigt Lipp zu Redundanzen. Manchmal führt das zu einem übertriebenen Pathos, gelegentlich auch zu trivialen Formulierungen. Vielleicht ist das ein unausweichllches Resultat seines Anspruchs. Da wir es mit einer „kompakten, multimedialen Einführung“ ins Thema zu tun haben, liegt dem Buch auch eine DVD bei. Sie liefert drei Stunden Anschauungsmaterial, funktioniert wie eine Power-Point-Präsentation, enthält noch einmal die wesentlichen Definitionsmerkmale, Ausschnitte aus den oben genannten Filmen sowie eine Reihe beispielhafter Übungsfilme. Erschienen im Schüren-Verlag. Mehr zum Buch: spielarten-des-dokumentarischen.html

GEDÄCHTNIS in der Brotfabrik

GEDÄCHTNIS hieß der Dokumentar-film, den Bruno Ganz und Otto Sander 1981 über ihre Schauspieler-Kollegen Curt Bois und Bernhard Minetti gedreht haben. Bois ging in der Nazi-Zeit ins Exil, Minetti blieb in Deutsch-land. Und auch sonst waren die beiden sehr unterschiedliche Charaktere. Der Film, produziert von Helmut Wietz, läuft zurzeit im Rahmen der neuen Reihe „Berlin-Film-Katalog“ in der „Brotfabrik“. Ihr Initiator, der Filmkritiker Jan Gympel, wird am 13. August einen kurzen Vortrag zum Film halten.

DIE VERLORENE ZEIT

Anna Justice, Absolventin der dffb, hat eine Reihe interessanter Kino- und Fernsehfilme realisiert, darunter den Jugendfilm MAX MINSKY UND ICH (2006/07). Ihr jüngster Film, DIE VERLORENE ZEIT, ist 2011 in den Kinos etwas untergegangen. Er erzählt eine Liebesgeschichte, die 1944 in einem polnischen KZ beginnt und dreißig Jahre später eine seltsame Fortsetzung findet. Das Psycho-drama spielt mit den Wirren der Geschichte, vermeidet Sentimen-talitäten und konkretisiert ein biografisches Trauma. Die Hauptdarsteller (Alice Dwyer, Mateuz Damiecki, Dagmar Manzel) sind eindrucksvoll geführt, Susanne Lothar spielte mit aller Intensität eine schreckliche Mutter. Michael Ballhaus hat den Film koproduziert. Seit kurzem ist eine DVD verfügbar, die dem Film zu seinem Recht verhilft. Mehr Informationen: zeit/dvd.php

Hanns Eisler – eine neue Biografie

Der Film war für den Komponisten Hanns Eisler (1898-1962) ein wichtiges Betätigungsfeld, vor allem in der Zeit der Weimarer Republik und im Exil. Die Musikhistorikerin Friederike Wiß-mann (*1973) erzählt Eislers Leben nicht in Form einer traditionellen Biografie, sondern weitgehend aus der Perspektive seiner Musik. In jedem ihrer 14 Kapitel steht ein Werkporträt im Zentrum, das exemplarisch für eine bestimmte Schaffensphase ist. So gibt es drei „Film-Kapitel“; das erste handelt von KUHLE WAMPE, dem Arbeiterfilm von Slatan Dudow, an dessen Erfolg Bert Brecht, Ernst Busch, Hertha Thiele und eben auch Eisler großen Anteil hatten. Das zweite analysiert sehr sensibel Eislers Vertonung des Ivens-Films REGEN mit „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“ und erzählt von der schwierigen Zusammenarbeit mit Theodor A. Adorno im Exil. Daran schließt sich das dritte Kapitel „Hollywooder Liederbuch“ an, in dem Eislers Kompositionsarbeit und Existenzkämpfe bis März 1948, also bis zur Ausweisung aus Amerika thematisiert werden. Es ist bemerkenswert, wie konkret und eng die Autorin ihre künstlerischen Befunde mit Eislers biografischer Odyssee und seiner dezidierten politischen Positionierung verknüpft. Der Untertitel heißt folgerichtig „Komponist, Weltbürger, Revolutionär“. Mit einem Vorwort von Peter Hamm. Mehr zum Buch: Friederike-Wissmann/e368376.rhd

Kurt Tucholsky – eine neue Biografie

Für die Weltbühne schrieb er Filmkritiken, berühmt ist sein Text über DAS CABINET DES DR. CALIGARI. Kurt Tucholsky (1890-1935) war ein vielseitiger Autor und eine der kreativsten Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Kein Wunder, dass es immer wieder neue Biografien über ihn gibt. Die jüngste stammt von Rolf Hosfeld (*1948), dem wissenschaftlichen Leiter des Lepsiushauses Potsdam, der sich als Dozent, Redakteur, Filme-macher und Biograf (Karl Marx) einen Namen gemacht hat. Sein großer Vorteil: er kann gut schreiben und tut das auf der Basis recherchierter Fakten. Knapp 1.000 Quellenhinweise sichern ihn ab. Aber das Buch ist trotzdem gut lesbar und nimmt uns – weitgehend chronologisch erzählt – mit auf einen erstaunlichen, sehr hektischen und viel zu früh zu Ende gegangenen Lebensweg. Hosfeld interessiert sich vor allem für Zeitgeschichte, Publizistik und Literatur. Tucholskys politische Positionierungen wirken zuweilen sprunghaft, er schrieb unter vielen Pseudonymen, er hatte ein abwechslungsreiches Liebesleben, und er war ein heimatloser Berliner, der zwar sprachlich, aber nur selten physisch in der Stadt präsent war. Dem Film stand er mit neugieriger Skepsis gegenüber. Das wird von Hosfeld aber nicht weiter vertieft. Mehr zum Buch: e351642.rhd