Dokumentarfilme aus Babelsberg

Ein neues Buch zur deutschen Dokumentar-filmgeschichte. Es bezieht sich auf einen Ort: Babelsberg, auf das Studio und die Film-hochschule. Klaus Stanjek, der Heraus-geber, seit 1993 Professor für Dokumentar-filmregie an der HFF „Konrad Wolf“, hat sich in die spezifischen Qualitäten des DDR-Dokumentarfilms eingearbeitet. Von ihm stammt einer der drei Aufsätze zu den Parametern des Babelsberger Dokumentar-films. Er hat sich zwei Autoren zu Hilfe geholt: seine Kollegin Marie Wilke, die in einem sehr klugen Essay die Langzeitbeobachtungen von Winfried Junge (Golzow) und Volker Koepp (Wittstock) vergleicht, und Günter Jordan, Absolvent der HFF, der die Entwicklung des Babelsberger Dokumentarfilms als teilnehmender Beobachter schildert. Die drei Essays sind sehr informativ. Etwas kurzatmig werden im Anhang 18 Filme der „Babelsberger Schule“ chronologisch von 1962 bis 2010 vorgestellt: drei von Jürgen Böttcher, zwei von Volker Koepp, je einer von Karl Gass, Winfried Junge, Kurt Teztlaff, Helke Misselwitz, Thomas Heise, Petra Tschörtner, Alice Agneskirchner, Uli Gaulke, Stanislaw Mucha, Ines Thomsen, Shaheen Dill-Riaz, Mernhard Sallmann und Dieter Schumann. Die Auswahl ist nicht ganz einsichtig. Dennoch ein bemerkenswertes Buch. Mehr Informationen: http://www.bertz-fischer.de/babelsbergerschule.html

Animation Under the Swastika

Rolf Giesen, Spezialist für Special Effects und Animation hat zusammen mit J. P. Storm ein Buch über den Trickfilm in der Nazizeit publiziert, kürzlich erschienen bei McFarland & Company in Jefferson. Ich habe das Buch noch nicht in der Hand gehabt, vertraue aber der Kompetenz von Rolf und weise hier darauf hin. Im Verlagstext heißt es: „Among their many idiosyncrasies, Adolf Hitler and Joseph Goebbels, the Nazi minister of propaganda, remained serious cartoon aficionados throughout their lives. They adored animation and their influence on German animation after World War II continues to this day. This study explores Hitler and Goebbels’ efforts to establish a German cartoon industry to rival Walt Disney’s and their love-hate relationship with American producers, whose films they studied behind locked doors. Despite their ambitious dream, all that remains of their efforts are a few cartoon shorts—advertising and puppet films starring dogs, cats, birds, hedgehogs, insects, Teutonic dwarves, and other fairy-tale ensemble. While these pieces do not hold much propaganda value, they perfectly illustrate Hannah Arendt’s controversial description of those who perpetrated the Holocaust: the banality of evil.“ Rolf ist seit einiger Zeit Direktor des „Jilin Animation, Comics and Games Museums“ in Changchun.

Film als Raumkunst

16 Beiträge zum Thema enthält dieser Sammelband, und es geht nach dem kurzen Vorwort kreuz und quer durch die Filmgeschich-te, unterstützt von wissenschaft-licher Gedankenhilfe der Kunst-geschichte. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Martin Loiperdingers Gedanken zum Henny Porten-Film ALEXANDRA (1914), Burkhardt Lindners Hinweise zur Medienarchäologie des frühen Tonfilms, Ursula von Keitz’ Raumanalysen von John Fords THE SEARCHERS (1956, aus dem auch das Titelfoto stammt), Fabienne Liptays Rekurs auf historische Gärten bei Peter Greenaway und Ang Lee (fast ein Dialog mit Nina Gerlachs Buch „Gartenkunst im Spielfilm“) und Malte Hageners Überlegungen zur Multiplikation filmischer Räume im Splitscreen. Mit vielen Abbildungen, sehr gut gedruckt. Mehr zum Buch: 108–film-als-raumkunst.html

Berliner TanzFilmNacht

Zum zweiten Mal gibt es im Film-theater am Friedrichshain in Berlin eine Tanz-FilmNacht. Sie beginnt um 18.30 Uhr, ihr Ende ist offen. Auf dem Programm stehen nach bisheriger Planung 14 Filme, der kürzeste dauert 10 Minuten (RED SHOES von Micah Meisner, 2009), der längste 109 (SHELL WE DANCE von Mark Dandrich, 1937, mit Fred Astaire und Ginger Rogers; Foto). Zweimal geht es um Strawinskys SACRE DU PRINTEMPS: zuerst getanzt von Pina Bausch (1976), dann sehr fiktional gefilmt von Oliver Herrmann (2003). Und natürlich wird auch an Mary Wigman erinnert.

Gene Kelly 100

Wieder ein Hundert-jähriger. Allerdings haben wir uns 1996 von ihm verabschie-det, und Michael Althen schrieb da-mals einen schönen Nachruf in der SZ: personen/kelly-gene/ Als ich vor 60 Jahren zuerst AN AMERI-CAN IN PARIS und wenig später SINGIN’ IN THE RAIN sah, hat das meine Ansprüche an den Tanzfilm geprägt: dass er für Lebensfreude und Phantasie zu sorgen hat. Zumindest in den 1950er Jahren stand mir Kelly näher als Fred Astaire. Das hat sich später etwas verändert.

Der komische Kintopp

16 Komödien aus den Jahren 1908 bis 1919 sind auf dieser DVD versammelt. Wenn man sie hintereinander anschaut, hat man 147 Minuten lang etwas zum Lachen. Das ist nicht immer subtil, aber ganz auf der Höhe der Zeit. Marie-Luise Bolte spielt dazu Klavier, auch das Opium-Salonorchester macht sich akustisch bemerkbar, und als Sprecher fungiert Ulrich Tukur. Ein Geburtstagsgeschenk (er wurde 65 Jahre alt) für den Hamburger Filmhistoriker Hans-Michael Bock von Absolut Medien, und Arte ist Kooperations-partner, weil die Reihe dort zu sehen war. Wer die Filme von Gerhard Dammann, Heinrich Bolten-Baeckers, Viggo Larsen oder Karl Valentin noch nicht kennt, sollte seinen Horizont unbedingt erweitern. Hans-Michael hat die Filme in europäischen Archiven ausfindig gemacht. Die DVD enthält eine umfangreiche pdf-Broschüre. Im neuesten Heft des film-dienstes (Nr. 17, 16. August) hat Roland Mörchen über die DVD geschrieben. Und auf der Website von Absolut Medien gibt es zusätzliche Informationen: 1480&list=medien&list_item=2

Gartenkunst im Spielfilm

Auf den ersten Blick ist dies ein Sommer-buch. Aber dann wird dem Leser klar, dass es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit (Dissertation) handelt und im Garten viele geheimnisvolle Geschichten passieren, die einen kulturellen Hintergrund haben und zumindest partiell historisch zu entschlüs-seln sind. Vor allem sechs Filme stellt Nina Gerlach in den Mittelpunkt ihrer Analysen: MON ONCLE (1958) von Jacques Tati, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (1961) von Alain Resnais, BARRY LYNDON (1975) von Stanley Kubrick, THE DRAUGHTSMAN’S CONTRACT (1982) von Peter Greenaway, PLEASANTVILLE (1998) von Gary Ross und VATEL (2000) von Roland Joffé. Eine größere Rolle spielen auch Jane Austen-Verfilmungen und Suburbia-Filme der 1990er Jahre. Das Buch ist formal und typologisch gut strukturiert und durch hilfreiche Register erschlossen: 100 Orte, 170 Filme. Mit 144 sw-Abbildungen, die teilweise etwas zu klein geraten sind, und 44 Farbtafeln. Jan Fücht-johann hat am 7. August in der Süddeutschen Zeitung eine sehr lesenswerte Rezension des Buches veröffentlicht, die leider nicht im Netz abrufbar ist; es lohnt sich, für die Lektüre 2 € zu zahlen. Mehr über das  Buch: www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5273-3.html

First Steps

Heute Abend wird im Berliner „Stage Theater“ am Marlene-Dietrich-Platz zum 13. Mal der Deutsche Nachwuchspreis „First Steps“ verliehen. Ins-gesamt 82.000 € werden von drei Jurys (Spielfilm, Doku-mentarfilm, Werbefilm) an Abschlussfilme deutsch-sprachiger Filmschulen vergeben. Die Nominierungen sind seit drei Wochen bekannt. Nun geht es in fünf Kategorien um die Gewinner und um einen Ehrenpreisträger. Moderiert wird die Veranstaltung von Joko Winterscheidt. Und wer am Ende gewonnen hat, ist nachzulesen auf der Website www.firststeps.de/wettbewerb/die-preise.html

Revolver 26: Manifeste

Man kann Manifeste auf Bestellung schrei-ben. Die Filmzeitschrift Revolver hat befreundete Filmemacher um entsprechende Texte gebeten und 22 erhalten, die in der neuen Ausgabe abgedruckt sind. Geantwortet haben u.a. Apichatpong Weerasethakul, Marie Vermillard, Romuald Karmakar, Claire Denis, Redaktionsmitglied Christoph Hochhäusler, Ira Sachs, Mario Mentrup + Volker Sattel, Werner Penzel, Amie Siegel, Marina Abramovic und Klaus Lemke. Das kürzeste Manifest stammt von Angela Schanelec: „Flüchtigkeit. Absichtslosigkeit. Genauigkeit. Erstaunen.“ Vier Worte, ein Programm. Damit die Internationalität für alle Beteiligten erfahrbar wird, wurden die deutschen Manifeste ins Englische, die englischen und französischen ins Deutsche übersetzt. Mehr zu  Revolver:  www.revolver-film.de/

Maximilian Schell – Erinnerungen

Er ist ein Star, sehr selbstbewusst und kann ziemlich gut schreiben. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass der Schauspieler und Regisseur Maximilian Schell (*1930) uns sein Leben erzählt. Mit 81 ist er relativ spät dran, seinen ‚Oscar’ hat er vor inzwischen 50 Jahren bekommen. Seit Juni sind seine „Erinnerungen“ im Buchhandel und bewegen sich im unteren Bereich der Bestsellerliste. Er fühlt sich in Deutschland nicht wirklich geliebt und anerkannt. Seine großen Erfolge als Schau-spieler fanden im Ausland statt. Er hat mit vielen internationalen Stars zusammengearbeitet, war mit einigen befreundet (Montgomery Clift, Marlon Brando) und kann das alles sehr lebendig erzählen. Die Eitelkeiten halten sich in Grenzen, es ist der Respekt vor kollegialen Leistungen zu spüren, und natürlich geraten viele Geschichten zu Anekdoten. Seine Lebensreise führt uns kreuz und quer durch die Welt, die verschiedensten Künste und immer mal wieder auf die Kärtner Alm, wo er sich am wohlsten fühlt. Sehr berührend: die Erzählungen über seine Agentin Erna Baumbauer, seinen Freund Friedrich Dürrenmatt und auch das lange Kapitel über Marlene Dietrich. Viele Abbildungen und Faksimiles, Resultat eines reichen Lebens.