Fassbinder-Konferenzen (4)

Heute und morgen findet im Collegium Hungaricum die Fortsetzung der Fassbinder-Konferenzen statt. Diesmal geht es – etwas allgemein gefasst – um Gruppenarbeit. Gäste sind u.a. die drei Leiterinnen des Arsenal-Kinos, Stefanie Schulte-Strathaus, Birgit Kohler und Milena Gregor, mit der Innenansicht einer modernen Kinemathek, Alejandro Bachmann vom Österreichischen Filmmuseum mit einer bisher unveröffentlichten Fassbinder-Diskussion vom November 1975, die Dokumentaristen Philip Scheffner und Merle Kröger mit einem Gespräch über ihre Arbeit. Alban Lefranc präsentiert seinen Roman „Fassbinder, la mort en fanfare“ und definiert die Grundlagen einer neuen Wissenschaft, der „Fassbinderologie“. Organisiert und moderiert wird die Veranstaltung vom Team der Filmzeitschrift Revolver. Mehr zur Veranstaltung: php/de/hands-on-fassbinder

Europas Goldene Bären

Die Gemeinschaft der europäischen Kulturinstitute in Berlin (EUNIC) veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Berlinale und dem Kino Arsenal eine Filmreihe mit dem Titel „60 Jahre Goldene Bären“. Gezeigt werden bis Ende November jeweils mittwochs oder donnerstags 14 Spielfilme und ein Kurzfilmprogramm. Der älteste Film ist DIE VIER IM JEEP von Leopold Lindtberg (1951), der jüngste GRBAVICA von Jasmila Zbanic (2005). Mehr zum Programm: EUNIC_GoldBaer_FLYweb.pdf

Resonanz-Räume

In zwanzig Beiträgen geht es um die Stimme. Sie ist – trotz ihrer großen Bedeutung im Tonfilm und in den Medien der letzten Jahrzehnte – ein relativ wenig erforschtes Thema der Filmgeschichte. In vier großen Kapiteln (Zeitbilder / Identitätsbilder / Nicht-menschliche Stimmen / Stimm-Techniken, Stimm-Wirkungen) fügen sich die Texte zu einem interessanten audio-visuellen Panorama, beginnend mit der Frühzeit des amerikanischen, französischen und russischen Tonfilms. Bei David Assmann geht es dann um die Stimmfärbung von law and order in den Figuren John Waynes und James Stewarts, Larson Powell beschreibt das Verhältnis von Bild und Stimme in Konrad Wolfs GETEILTEM HIMMEL, Oliver Kreutzer die Filmstimmen von Doppelgängern, Zwillingen und Gender-Überläufern und die Herausgeberin Oksana Bulgakowa den Klang der 1950er Jahre am Beispiel von Marlon Brando und Innokenti Smoktunowski. Claudia Schmölders geht in ihrem sehr interessanten Beitrag der Frage nach, warum Frauenstimmen in historischen Mediendokumenten völlig unterrepräsentiert sind. In zwei Interviews kommen die Tonmeister Ben Burtt und Jim Webb zu Wort. Das ausdrucksstarke Titelfoto stammt von einem Photoplay-Cover aus dem Jahr 1929. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/resonanz-raeume.html

Pina – Der Film und die Tänzer

Dies ist mehr als „das Buch zum Film“. Natürlich steht der Film PINA von Wim Wenders im Zentrum der Publikation. Donata Wenders hat die Dreh-arbeiten fotografisch begleitet und den experi-mentellen Charakter der 3-D-Produktion eindrucksvoll dokumentiert. Darüber hinaus ist ihr ein sehr persönlicher Blick hinter die Kulissen des Wuppertaler Tanz-theaters gelungen. Mit einem Text von Wim Wenders. Drucktechnisch auf höchstem Niveau. Mehr zum Buch:  cPath=39&products_id=675

Michael Haneke

In einer Voraufführung mit anschließender Diskussion ist morgen in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg Michael Hanekes neuer Film LIEBE mit Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant zu sehen. Seit der Goldenen Palme in Cannes im Mai richtet sich auf den Film eine große Erwartung. Natürlich hat ihn Österreich inzwischen auch für den Oscar angemeldet. Haneke (*1942) ist seit 2002 Mitglied der Akademie und dort ein gern gesehener Gast. Das Gespräch mit ihm führt Georg Seeßlen. Mehr über die Veranstaltung: objectID=31150. Ab 20. September ist Hanekes Film offiziell in den Kinos zu sehen.

Der Nationalsozialismus im Film

Das Buch von Sonja Schultz hat alle Qualitäten für ein „Filmbuch des Monats“. Aber ich gestehe, dass es mich stört, einen Monat lang auf der Eröffnungsseite meiner Homepage die aufgereihten Hakenkreuz­fahnen aus Leni Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS vor Augen zu haben. Mutig, fleißig und aufmerksam hat sich die Autorin in ihrer Dissertation (Humboldt-Universität Berlin) durch achtzig Jahre Weltfilmgeschichte hindurchgearbeitet und die Darstellung des Nationalsozialismus im internationalen Spiel- und Dokumentarfilm erforscht. Auf rund 400 Filme lässt sie sich genauer ein, beginnend mit HITLER ÜBER DEUTSCHLAND (1932), endend mit IRON SKY (2012) von Timo Vuorensola. Sie geht – mit Vor- und Rückgriffen – chronolo-gisch vor, ordnet in Dekaden und bildet Schwerpunkte, auch was den Umfang der Epochen betrifft. Natürlich werden die wichtigsten Filme genauer analysiert, aber oft müssen auch kurze Hinweise ausreichen, wobei sich die Autorin darauf verlassen kann, dass viele Titel in guter Erinnerung sind. Mit einer umfangreichen Bibliografie lädt sie zur vertiefenden Lektüre ein. Im Stil vermeidet Sonja Schulz soweit wie möglich den Wissenschaftsjargon, sie ist konkret in den Beschrei-bungen und nüchtern in den Bewertungen. Mit Quellenhinweisen und Fußnoten sichert sie sich ausreichend ab, nervt aber den Leser nicht über die Maßen. Für ihre Arbeitsleistung gebührt der Autorin großer Respekt. Bertz + Fischer haben wie immer viel Arbeit in den Band investiert, er ist gut lektoriert, zu den schwarzweißen Abbildungen kommt in der Mitte des Buches ein 32seitiger Farbteil. Also doch ein Buch des Monats. Mehr dazu: nationalsozialismusimfilm.html

Raum und Identität im Film

Neun Texte versammelt dieser Band. Sie wurden im Herbst und Winter 2010/11 an der Philosophischen Fakultät in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina) als Vorlesungen vorgetragen und sollten eine Diskussion darüber anregen, „in wieweit der Film als Medium und Kunstform zur Konstitution der Identität und des Raumes in der globalen Kultur beiträgt.“ Im Ergebnis stellen sich wenig konkrete Verbindungen her, aber einzelne Beiträge haben große Qualitäten, zum Beispiel der Text des Wiener Professors Klemens Gruber über die „Räume der Avantgarde“, die Reflexion des Konstanzer Medienwissen-schaftlers Joachim Paech über „Verkörperte Zeit“ in Christopher Nolans PRESTIGE, die Interpretation des Philosophen Samir Arnautovic der Metaphysik in den Filmen von Stanley Kubrick, die Entdeckungen des Studenten und Kommunalen Kinomachers Tim Glaser „Zur Präsenz unheimlicher Medien im modernen japanischen Horrorfilm“ und natürlich die medialen Zukunftsüberlegungen von Georg Seeßlen „Do Androids Dream of Virtual Spaces?“. Mehr zum Buch: 338–raum-und-identitaet-im-film.html

Der absolute Film

„Absoluter Film“ war von den 1910er bis in die frühen 1930er Jahre die Avantgarde, die sich befreite von der Wiedergabe der Realität und vom Erzählen fiktiver Geschichten. Sie spielte mit den Formen, nahm Anregungen der Bildenden Kunst und der Musik auf und bereicherte das Kino auf individuelle Art. Die Anthologie aus Zürich, herausgegeben von Christian Kiening und Heinrich Adorf, ist ein klassischer Sammelband. Er enthält 58 Texte, chronologisch geordnet, beginnend mit Bruno Corradines „Chromatischer Musik“ (1912), endend mit der Dissertation „Das Lichtspiel“ von Victor Schamoni (1936). Natürlich sind die großen Protagonisten wie Walter Ruttmann, Hans Richter, László Moholy-Nagy, Germaine Dulac, Fernand Léger und Oskar Fischinger und wichtige Filmkritiker wie Rudolf Arnheim, Fritz Böhme, Bernhard Diebold vertreten. Selbstdarstellungen wechseln mit kritischen Beiträgen. Der Anhang enthält eine umfangreiche Biobibliografie der Autoren und ein 90seitiges Nachwort, das den „absoluten Film“ historisch einordnet. Vorbildlich ediert. Mehr zum Buch: Neuerscheinungen

Emilie Altenloh

Diese soziologische Dissertation, verfasst vor hundert Jahren von Emilie Altenloh, heraus-gegeben von Alfred Weber, gedruckt 1914, also vor Beginn des Ersten Weltkriegs, ist legendär, weil sie erstmals wissenschaftliche Auskünfte über die Kino-Unternehmung der Frühzeit und die sozialen Schichten ihrer Besucher enthält. Altenloh hatte damals in Mannheim und Heidelberg die Kinosituation erforscht und 3.000 Fragebögen für ihre empirische Untersuchung verteilt. Ihre Beschreibung der technischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Kinematographen und der Erwartungen der Zuschauer sind eine einmalige Quelle, auch wenn sie nicht heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen mag. Das Buch wurde immer wieder zitiert, in den 1970er Jahren kursierte ein Raubdruck, nun ist, herausgegeben von Andrea Haller, Martin Loiperdinger und Heide Schlüpmann, bei Stroemfeld eine Neuausgabe erschienen. Sie enthält natürlich den vollständigen faksimilierten Text der Dissertation, wurde aber ergänzt durch zeitgenössische Rezensionen und sieben aktuelle Beiträge, die das Buch in einen historischen Zusammenhang stellen. (In einem meiner Filmbuchregale steht die Originalausgabe, die ich 1968 im Berliner Antiquariat von Carl Wegener in der Martin-Luther-Straße für 17 DM erworben habe.) Mehr zur Neuausgabe: buecher_Z_9_1/

Peter Nestler

Das Warten hat sich gelohnt. 22 Filme von Peter Nestler liegen jetzt in technisch sehr gutem Zustand als verspäteter Gruß zum 75. Geburtstag als DVD vor. Es sind vor allem Filme aus den sechziger Jahren, die mich mit dem Dokumentaristen verbinden. EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (1965) gehört bis heute zu meinen Lieblingsfilmen. Fünf DVDs ordnen das Werk – es handelt sich um seine deutschen Filme – in die Kapitel „Frühe Poetik“, „Verfolgte und Verfolger“, „Geschichte und Erinnerung“, „Natur und Kultur“ und „Ungarische Impressionen“. Kay Hoffmann fungiert als Herausgeber der Box im Zusammenwirken vom Haus des Dokumentarfilms mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Wieder schließt Absolut Medien eine Lücke in der Reihe „Die großen Dokumentaristen“. Im Bonusmaterial findet man das schöne Gespräch zwischen Christoph Hübner und Peter Nestler, das sie 1994 geführt haben. Vom Herausgeber Hoffmann stammt auch ein informatives Booklet, das der Box beiliegt.  Mehr zur Edition: thema&list_item=60