Erzählen in einer anderen Dimension

Vor sechs Jahren hat sich Andreas Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main, mit der zeitlichen Modulation im Dokumentar-film beschäftigt. Jetzt geht es um Zeitdehnung und Zeitraffung im Erzählkino. Seine Leitlinien stammen aus der Phänomenologie Edmund Hussels. Auf 80 Seiten werden die theoretischen Voraussetzungen geklärt, dann folgen Beispielanalysen, beginnend mit Scorseses RAGING BULL. Drei Filme stehen für situatives Erzählen: BONNIE AND CLYDE, THE WILD BUNCH und THE UNTOUCHABLES. Ein Exkurs widmet sich den Martial Arts, den Kampfdarstellungen im Western und in Asien. Ein eigenes Kapitel ist den Olympia-Filmen gewidmet. Um Absencen geht es in Filmbeispielen von Werner Herzog, Wong Kar-wai, Gus Van Sant und Michelangelo Antonioni. Das Schlusskapitel handelt von Stanley Kubrick, Lars von Trier und Andrej Tarkowskij. Die Darstellung ist konzentriert und konkret. Mehr über das Buch: www.buechner-verlag.de/index.php/programm/becker

Global Bodies

Zwanzig Aufsätze zu medialen Repräsenta-tionen des Körpers: im Film, im Computer-spiel, im dreidimensionalen Bild, in Musikvideos, im Videoclip, im Aktionsbild. Einige Texte nehmen sich Regisseurinnen oder Regisseure vor: Philippe Grandrieux, Claire Denis, David Cronenberg, Olivier Assayas, zwei konzentrieren sich auf einen Film: BLACK SWAN (2010, Titelfoto) von Darren Aronofsky, VALHALLA RISING (2009) von Nicolas Winding Refns; andere untersuchen das neue französische Genrekino, den spanischen Horrorfilm, den russischen Kriegsfilm der Gegenwart oder, genereller, „pornografische Geschlechterkämpfe im narrativen Spielfilm“. Viel Blut, Sexualität und Genderfragen. Es empfiehlt sich, zuerst die Textbeschreibungen der einleitenden Bemerkungen lesen, da trennen sich – je nach eigenem Interesse – schon Spreu vom Weizen. Die beiden Herausgeber, Ritzer (Mainz) und Stiglegger (Siegen), wissen natürlich, was auf der akademischen Agenda steht. Es geht ihnen um den Körper als „kulturelles Konstrukt“. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: www.bertz-fischer.de/globalbodies.html

Liebe – Das Buch

Hanekes Film, der gerade in den deutschen Arthouse-Kinos läuft, muss man sehen, auch wenn er sehr schmerzhaft ist. Und es lohnt sich, das Buch zu konsultieren, das den Eindruck noch einmal vertieft. Im Mittel-punkt steht das Drehbuch, das den Purismus des Films, sein elliptisches Erzählen und seine Sensibilität für viele Details erinnernd vor Augen führt. In seinen Ablauf sind zwei zusätzliche Informationsebenen eingefügt: zahlreiche Seiten aus dem deutschen Regiedrehbuch mit Einfügungen und Zeichnungen und aus dem französischen mit Storyboards und Notizen. Blicke in den Produktionsprozess. Dazu kommen viele große Stills aus dem Film. Von Georg Seeßlen stammt ein kluges Nachwort, das den Film in einen Werkzusammenhang von Haneke stellt. Mehr zum Buch: html?isbn=978-3-446-24027-8

Poetik der Schärfenverlagerung

Tereza Smid ist inzwischen Oberassistentin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Das Buch ist ihre Dissertation, die von Christine Noll Brinckmann betreut wurde. Als Brillenträgerin ist die Autorin für ihr Thema sensibilisiert. Sie strukturiert es in drei Kapitel: Gegenstand und Geschichte / Bild und Raum / Emotion und Narration. Ihr Blick ist auf das westliche Kino konzentriert, sie unternimmt aber auch einen Ausflug nach Japan und China (und vergisst dabei Yasujiro Ozu nicht). Es ist erstaunlich, wie die technischen und ästhetischen Phänomene von Bildschärfe und ihrer Verlagerung sich in der Filmgeschichte entwickelt haben und immer wieder vor allem auf zwei Konstante zurückführen: die Aufmerksamkeitslenkung und die Charakterisierung von Figurenbeziehungen. Smid zieht sehr viele Beispiele heran und nutzt intensiv DVD-Screenshots, um ihre Thesen zu visualisieren, was gerade bei diesem Thema unabdingbar ist. Fast 300 Fotos begleiten das Buch an der oberen Kante der Seiten. Auch wenn sie nur klein sind, geben sie eine Vorstellung von der Bedeutung der Szenen. Die Erforschung des Themas geschieht sehr komplex und auf beeindruckende Weise. Band 29 der „Zürcher Filmstudien“ und – wie gewohnt bei dieser Reihe – hervorragend gedruckt. Mehr über das Buch: poetik-der-schaerfenverlagerung.html

Prager Frühling

Auch in den osteuropäischen Ländern gab es in den 1960er Jahren Aufbrüche. Sie gerieten allerdings bald in einen Stillstand. In der CSSR dauerte die Phase von 1963 bis in den Sommer 1968. Eine sehr interessant zusammengestellte Reihe im Münchner Filmmuseum erinnert daran. 26 Spielfilme, neun Kurzfilme und ein Dokumentarfilm werden bis 11. Dezember präsentiert. Dazu sind verschiedene Gäste eingeladen. Drei Filme sind mir noch in besonderer guter Erinnerung: WENN DER KATER KOMMT (1963) von Vojtech Jasny, DAS GESCHÄFT IN DER HAUPTSTRASSE (1965) von Ján Kadár und Elmar Klos, TAUSENDSCHÖNCHEN (1967) von Vera Chytilowá (Foto). Mehr zur Filmreihe: 30_Prager_Fruehling.pdf

Dennis Hopper – The Lost Album

Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird heute eine besondere Fotoausstellung eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem Dennis Hopper-Trust werden erstmals in Europa über 400 Vintage-Prints von Hopper präsentiert, die erst nach seinem Tod, verborgen und fast vergessen, wieder gefunden worden sind. Im Fort Worth Art Center Museum in Texas waren sie 1969 zu sehen. Hopper (1936-2010) hat in den 1960er Jahren mit Leidenschaft fotografiert: Schauspieler, Künstler, Friedhöfe, Stierkämpfe, politische Ereignisse. George Seeßlen hat in der neuen Zeit (Beilage „Kultursaison“) darüber einen sehr schönen Text geschrieben. Auf dem Plakat, unschwer zu erkennen, ist Paul Newman 1964 im Schatten eines Zauns zu sehen.

DOKU.ARTS in Berlin

Im Zeughauskino in Berlin wird heute die siebte Ausgabe der Werkschau DOKU.ARTS eröffnet. Nach ihrer Gründung durch den unermüdlichen Andreas Lewin im Zusammenwirken mit der Berliner Akademie der Künste gab es vor vier Jahren finanzielle Engpässe, die Lewin zum Export seines Unternehmens nach Amsterdam bewogen haben. Jetzt kehrt er heim, präsentiert bis 14. Oktober insgesamt 30 Dokumentarfilme und hofft auf eine Zukunft. Zu den Höhepunkten des diesjährigen Programms gehört ein Schwerpunkt Brasilien mit dem besonderen Gast Arthur Omar. Sehr gespannt bin ich auch auf die Filme MANDALA von Christoph Hübner und Gabriele Voss und MARK LEWIS – NOWHERE LAND von Reinhard Wulf. Mehr zum Programm: www.doku-arts.de/2012/de/

Ulrich Gregor 80

Ulrich Gregor, Filmhistoriker, Mitbegründer der Freunde der Deutschen Kinemathek, des Kinos Arsenal und des Internationalen Forums des jungen Films, wird heute achtzig Jahre alt. Er ist längst eine Berliner Institution mit internationaler Vernetzung. Sein filmhistorischer Horizont reicht von Asien über Ost- und Westeuropa bis Lateinamerika. Genau vor fünfzig Jahren publizierte er zusammen mit Enno Patalas die erste ernstzunehmende deutschsprachige Filmgeschichte, mein Filmbuch des Jahres 1962 (geschichte-des-films/), vier Jahre später den legendären Interviewband „wie sie filmen“, mein Filmbuch des Jahres 1966 (wie-sie-filmen/), und 1978 die „Geschichte des Films ab 1960“. Gefeiert wird heute im Arsenal. Herzlichen Glückwunsch!

Babelsberger Professoren

Auch Filmhochschulen müssen sich in der Konkurrenz profilieren. Dafür reichen offenbar nicht die Auszeich-nungen von Studentenfilmen. Die HFF ‚Konrad Wolf’ in Babelsberg, mit 58 Jahren die älteste deutsche Filmhochschule, wirbt jetzt mit einer Publikation über ihre Lehr-kräfte. Zehn Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Drehbuch/Dramaturgie porträtieren in einem Buch den noch amtierenden Präsidenten und 34 Professorinnen und Professoren der elf Studiengänge. Die Texte – je zwei bis drei Seiten – sind informativ und natürlich den Protagonisten zugeneigt. Aufmacher ist jeweils ein Foto. Ein Anhang listet die Lehrenden und ihre „Schaffenszeit“ an der HFF von 1954 bis in die Gegenwart auf. Herausgegeben von der Kanzlerin Brigitte Klotz und dem Dramaturgie-Professor Torsten Schulz. Mehr über das Buch: 504/detail.html

Bernd Eichinger

Mit der Abkürzung BE habe ich bisher vor allem das Berliner Ensemble verbunden. Und Eichinger war eben Eichinger. Seine Witwe Katja führt für den Buchtitel eine autobiografische Quelle ins Feld, die auf den existentiellen Subtext Let it B.E. verweist. Fünf Jahre waren Bernd und Katja Eichinger verheiratet, dann starb er am 24. Januar 2011, und die Witwe begann zu schreiben. Es ist ein erstaunliches Buch, das jetzt bei Hoffmann & Campe erschienen ist, geprägt von der Nähe der Autorin zum Protagonisten: intim in vielen Details, sehr gut recherchiert, besser formuliert als manche andere, zeitgleich erschienene (Auto-)Biografie. Briefe, Tagebucheintragungen, handschriftliche Zettel und Dokumente konkretisieren den Text der Autorin. Er wird eingerahmt von Schilderungen des Sterbetages, bei denen auch Auslassungen angenehm auffallen. Die Biografie von Detlef Dreßlein und Anne Lehwald bei Heyne 2011 war ein Schnellschuss. Katja Eichingers Biografie hat eine ganz andere Dimension. Dafür gebührt ihr Respekt. Hanns-Georg Rodek (Die Welt, 9.9.2012), Claudius Seidl (FAS, 9.9.) und Peter Körte (FAZ, 11.9.) haben das Buch zugeneigt rezensiert, Tobias Kniebe hat ihm in der SZ eine ganze Seite gewidmet (5.9.), Andrea Hanna Hünninger in der Zeit eine differenzierte Besprechung publiziert (13.9.). Mit 44 schwarzweißen und farbigen Abbildungen, aber leider ohne Personen- und Filmtitel-Register.