Deutsche Selbstbilder in den Medien

Martin Nies, Akademischer Oberrat an der Universität Passau, Heraus-geber der Reihe „Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik“, formuliert in seinem Vorwort die „Kultursemio-tischen Perspektiven“ des Themas, und dann gibt es – vorwiegend aus Passauer Wissenschaftssicht – sieben konkrete Filmanalysen von 1946 bis zur Gegenwart: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) von Wolfgang Staudte (analysiert von Eckhard Pabst), GRÜN IST DIE HEIDE (1951) von Hans Deppe (Dennis Gräf), WIR WUNDERKINDER (1958) von Kurt Hoffmann (Andreas Blödorn), DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), Gruppenfilm (Jan Henschen), DER MANN AUF DER MAUER (1982, Titelfoto) von Reinhard Hauff (Christer Petersen), GOOD BYE, LENIN! (2003) von Wolfgang Becker (Ingold Zeisberger) und der HEIMAT-Zyklus (1984-2004) von Edgar Reitz (Hans Krah). Den Abschluss bildet eine Reflexion über den Wandel im filmischen Migrationsdiskurs 1985-2008 am Beispiel von 40 QM DEUTSCHLAND, Kanack Attack und diversen Tatorten von Stefan Halt. Interessant zu lesen im zeitlichen Abstand von der Produktion. Auffallend sind das Fehlen von ABSCHIED VON GESTERN (1966) und die Abwesenheit des DDR-Films abgesehen vom frühen Staudte. Mehr zum Buch: 1945-bis-zur-gegenwart.html

Neue Sterne auf dem Boulevard der Stars

20 neue Sterne werden heute auf dem Boule-vard der Stars vor dem Filmhaus auf der Potsdamer Straße in Berlin enthüllt. 61 existieren dort schon. Der Platz reicht für einige hundert. Und es gibt genügend Personen der deutschsprachigen Film- und Fernsehgeschichte, die einen Stern verdient haben. Diesmal werden geehrt (in alpha-betischer Reihenfolge): Ken Adam, Hans Albers, Heinrich Breloer, Karl Freund, Thomas Gottschalk, Reinhard Hauff, Michael Bully Herbig, Werner Richard Heymann, Hannelore Hoger, Nina Hoss, Carl-Franz Hutterer, Gerhard Lamprecht, Brigitte Mira, Friedrich Wilhelm Murnau, Volker Schlöndorff, Katharina Thalbach, Ruth Toma, Ulrich Tukur, Karl Valentin und Regina Ziegler. Viele von ihnen oder ihren Nachkommen (zum Beispiel die Urenkelin von Karl Valentin) werden dabei sein. Georgia Tornow als Geschäftsführerin dirigiert das Boulevard-Unternehmen und sorgt jedes Jahr dafür, dass würdig gefeiert wird. Nun muss nur noch die Sonne scheinen, wenn der Regierende Bürgermeister den festlichen Akt eröffnet. Mehr zum Boulevard:  http://boulevard-der-stars-berlin.de/

Ken Adam

Erste Nachricht: der Production Designer Ken Adam hat sein Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek geschenkt. Es wird sukzessive in die Sammlungen des Hauses integriert. Zweite Nachricht: wenn morgen die neuen Sterne auf dem Boulevard der Stars enthüllt werden, wird Ken Adam einen besonders glänzenden Stern bekommen und auch persönlich dabei sein. Da passt es gut, dass kürzlich bei Bertz + Fischer ein kluges Buch über Ken Adam und die James Bond-Filme erschienen ist. Petra Kissling-Koch, Kunsthistorikern und Innenarchitektin, hat darüber in Bonn ihre Dissertation geschrieben. Es geht ihr vor allem um das Erscheinungsbild von Machtzentralen in der Filmarchitektur. Wie lässt sich Herrschaft in der Architektur und im Design darstellen, gibt es für den Betrachter spezielle, wiedererkennbare Raumeindrücke, die zum Beispiel für Bond-Filme spezifisch sind? Sieben Filme aus den Jahren 1962 bis 1979 analysiert die Autorin, sie findet stilistisch typische Adam-Merkmale, verfolgt ihre Wurzeln in der Architekturgeschichte und formuliert schlüssige Erkenntnisse zu den Bond-Filmen der Sean-Connery- und Roger-Moore-Ära. Mit vielen brillanten Abbildungen. Mehr über das Buch: www.bertz-fischer.de/product_info.php?products_id=366

Alain Resnais im Arsenal

Im Berliner Kino Arsenal beginnt heute eine große Alain Resnais-Retrospektive. Im Juni feierte der Regisseur seinen 90. Geburtstag. In Cannes wurde sein neuester Film VOUS N’AVEZ ENCORE RIEN VU uraufgeführt, der heute im Rahmen der Retrospektive eine deutsche Vorabpremiere hat. Gezeigt wird sein Gesamtwerk, beginnend mit dem Spielfilm-debüt HIROSHIMA MON AMOUR (1959), sowie 19 kurze und mittellange Arbeiten aus den Jahren 1946 bis 1991, darunter vier Filme, die in Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstor-benen Filmemacher Chris Marker entstanden sind. Ich erinnere an das Buch von Sophie Rudolph, das ich hier am 12. Juni vorgestellt habe (2012/06/alain-resnais/). Man kann es als Begleitung durchs Arsenal-Programm nutzen. Mehr zum Programm der Retrospektive: 3627/2803.html

Die Utopie Film

Ein program-matischer Saisonbeginn: Das Öster-reichische Filmmuseum will bis zum 17. Oktober anhand von 100 Bei-spielen aus den Jahren 1896 bis 2011 „das ganze Kino“ präsentieren. Dazu publiziert es auf seiner Website einen film-philosophischen Text: reserve-mode=active  Zu sehen sind an den ersten drei Tagen die Filme SUNRISE (1927) von Friedrich Wilhelm Murnau, PLAYTIME (1967) von Jacques Tati, LO SCEICCO BIANCO (1952) von Federico Fellini, IMITATION OF LIFE (1959) von Douglas Sirk, Y’AURO T’LL DE LA NEIGE À NOEL? (1996) von Sandrine Veysset und ADAPTATION (2002) von Spike Lee.

Rudolf Thome

Heute ist der Kinostart des neuen Films von Rudolf Thome. Meine Bewunderung für ihn ist ziemlich groß, weil er beharrlich seinen Weg geht, es schafft, jährlich einen neuen Film zu realisieren und sich, wie man so sagt, dabei treu bleibt. Nicht alle seine Filme sind gelungen, aber ich bin immer wieder gespannt darauf, wie er seine neue Story erzählt. Am Drehbuchschreiben kann man beobachtend teilnehmen, wenn man seine Website moana.de/Blog/Drehbuch.html  besucht und sich nicht auf seinem Blog von den vielen Blumen in seinem Dorf ablenken lässt. Nun also INS BLAUE, ein Film über eine Italienreise, eine Filmproduktion und eine Vater-Tochter-Geschichte. Es ist der letzte Film mit Vadim Glowna. Auch das kann ein Motiv für den Kinobesuch sein. Mehr über den Film: Deutsch/DIB/DIBIn.html .

Venedig

Heute beginnt in Venedig das 69. Film-festival. Neuer Direktor ist Alberto Barbera (der das Festival schon einmal von 1998-2002 geleitet hat). Im Wettbewerb konkurrieren 17 Filme, darunter APRÈS MAI von Olivier Assayas, BELLA ADDORMENTATA von Marco Bellocchio, PASSION von Brian de Palma, PIETA von Kim Ki-duk, OUTRAGE BEYOND von Takeshi Kitano, TO THE WONDER von Terrence Malick, SINAPUPUNAN von Brillante Mendoza und PARADIES: GLAUBE von Ulrich Seidl. Präsident der Jury ist der amerikanischen Regisseur Michael Mann. Einen Ehrenpreis erhält der amerikanische Filmemacher Spike Lee. Das Festival dauert bis 8. September.

DIE WEBER

Heute Abend zeigt Arte den Stummfilm DIE WEBER (1929) von Friedrich Zelnick. Die Filmadaption des Theater-stücks von Gerhart Haupt-mann gehört zu den Klassikern des Weimarer Kinos. In den Haupt-rollen sind Paul Wegener, Wilhelm Dieterle, Arthur Kraußneck und Valeska Stock zu sehen. Die neu komponierte Musik stammt von dem Kölner Johannes Kalitzke. Der Film wurde von der Murnau-Stiftung aufwendig restauriert. Die Ausstrahlung ist für Nachtgucker terminiert und beginnt um 0.20 Uhr. Mehr zum Film: Zelnik/6565580.html

Dokumentarfilme aus Babelsberg

Ein neues Buch zur deutschen Dokumentar-filmgeschichte. Es bezieht sich auf einen Ort: Babelsberg, auf das Studio und die Film-hochschule. Klaus Stanjek, der Heraus-geber, seit 1993 Professor für Dokumentar-filmregie an der HFF „Konrad Wolf“, hat sich in die spezifischen Qualitäten des DDR-Dokumentarfilms eingearbeitet. Von ihm stammt einer der drei Aufsätze zu den Parametern des Babelsberger Dokumentar-films. Er hat sich zwei Autoren zu Hilfe geholt: seine Kollegin Marie Wilke, die in einem sehr klugen Essay die Langzeitbeobachtungen von Winfried Junge (Golzow) und Volker Koepp (Wittstock) vergleicht, und Günter Jordan, Absolvent der HFF, der die Entwicklung des Babelsberger Dokumentarfilms als teilnehmender Beobachter schildert. Die drei Essays sind sehr informativ. Etwas kurzatmig werden im Anhang 18 Filme der „Babelsberger Schule“ chronologisch von 1962 bis 2010 vorgestellt: drei von Jürgen Böttcher, zwei von Volker Koepp, je einer von Karl Gass, Winfried Junge, Kurt Teztlaff, Helke Misselwitz, Thomas Heise, Petra Tschörtner, Alice Agneskirchner, Uli Gaulke, Stanislaw Mucha, Ines Thomsen, Shaheen Dill-Riaz, Mernhard Sallmann und Dieter Schumann. Die Auswahl ist nicht ganz einsichtig. Dennoch ein bemerkenswertes Buch. Mehr Informationen: http://www.bertz-fischer.de/babelsbergerschule.html

Animation Under the Swastika

Rolf Giesen, Spezialist für Special Effects und Animation hat zusammen mit J. P. Storm ein Buch über den Trickfilm in der Nazizeit publiziert, kürzlich erschienen bei McFarland & Company in Jefferson. Ich habe das Buch noch nicht in der Hand gehabt, vertraue aber der Kompetenz von Rolf und weise hier darauf hin. Im Verlagstext heißt es: „Among their many idiosyncrasies, Adolf Hitler and Joseph Goebbels, the Nazi minister of propaganda, remained serious cartoon aficionados throughout their lives. They adored animation and their influence on German animation after World War II continues to this day. This study explores Hitler and Goebbels’ efforts to establish a German cartoon industry to rival Walt Disney’s and their love-hate relationship with American producers, whose films they studied behind locked doors. Despite their ambitious dream, all that remains of their efforts are a few cartoon shorts—advertising and puppet films starring dogs, cats, birds, hedgehogs, insects, Teutonic dwarves, and other fairy-tale ensemble. While these pieces do not hold much propaganda value, they perfectly illustrate Hannah Arendt’s controversial description of those who perpetrated the Holocaust: the banality of evil.“ Rolf ist seit einiger Zeit Direktor des „Jilin Animation, Comics and Games Museums“ in Changchun.