Golzow Forever

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Ulrike Häußer untersucht darin die Langzeit-dokumentation DIE KINDER VON GOLZOW von Winfried und Barbara Junge als Beitrag zur Debatte über den Umgang mit der DDR-Vergangenheit. Ein eigenes Kapitel ist zunächst der Geschichte des DEFA-Doku-mentarfilms gewidmet, von den Anfängen unter Kurt Maetzig bis zum Ende der DEFA 1992. Es folgt eine „Ortsbegehung Gol-zow“, die die Autorin 2011 mit dem Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann unternommen hat. Eingefügt sind Zitate aus dem „Feldforschungstagebuch“. Der Regisseur Winfried Jungen (*1935) wird mit einer Werkbiografie porträtiert. Im Mittel-punkt der Arbeit steht natürlich die Langzeitdokumentation selbst, die vom ersten Kurzfilm, WENN ICH ERST ZUR SCHULE GEH’… (1961), bis zum letzten Teil, …DANN LEBEN SIE NOCH HEUTE. BERNHARD UND ECKHARD (2008), detailliert analysiert wird. Es handelt sich um 2.570 Minuten Film. Drei Protagonisten nehmen ausführlich zur Arbeit von Winfried Junge Stellung: Jochen Teich, Gudrun Klitzke und Marieluise Seidel, denen Einzelporträts im Zyklus gewidmet waren. Ihre Anmerkungen sind spannend zu lesen. Sie sind auch in Screen-shots abgebildet. Ein letztes Kapitel des Buches informiert über ver-gleichbare Langzeitdokumentationen in Europa. Das Buch von Ulrike Häußler, kürzlich im Panama Verlag erschienen, ist eine schöne Würdigung der Arbeit von Winfried Junge, die er in der zweiten Phase zusammen mit seiner Frau Barbara realisiert hat. Mehr zum Buch: kinder-von-golzow/

Jürgen Böttcher/Strawalde

Heute wird im Schloss Sacrow die Ausstellung „Der Kreis schließt sich“ des Filmemachers und Malers Jürgen Böttcher/ Strawalde (*1931) eröffnet. Präsentiert werden Arbeiten aus allen Lebensphasen, großfor-matige Malereien, Filmaus-schnitte und Dokumente. Begleitet wird die Ausstellung von einer Filmreihe, in der auch Lieblingsfilme von Jürgen Böttcher gezeigt werden, zum Beispiel FAHRRADDIEBE von Vittorio De Sica, und lange Filme des Regisseurs, zum Beispiel JAHRGANG 45 und EIN WEIMARFILM. Gespräche mit ihm sind jeweils vorgesehen. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf ein Zitat des Künstlers. Bei seinem ersten Sacrow-Besuch stand er im Lennéschen Schlosspark, schaute über die Havel in Richtung Babelsberg und erinnerte sich an sein Studium dort in der zweiten Hälfte der 50er Jahre. Vor einem Jahr wurde in Sacrow sein Film DIE MAUER gezeigt, den ich damals eingeführt habe. Und es konkretisierte sich die Ausstellungsidee. Mehr zur Ausstellung und Filmreihe: aktuelles.html

Weltentwürfe im Comic / Film

Der Band dokumentiert die Bei-träge zu zwei internationalen Tagungen und speziell dafür geschriebene Aufsätze. Von den insgesamt 17 Texten haben mir elf besonders gut gefallen: Christian Wessely beschäftigt sich mit der Geschichte und der spezifischen Hermeneutik der Kunstgattung Comic. Bei Freek Bakker geht es um die Gottheit Hanuman im indischen Ani-mationsfilm und die Entwick-lung im Hinduismus. Martin Frenzel äußert sich zur Shoah im Comic. Franz Winter untersucht Apokalypsen in der japanischen Manga- und Anime-Tradition. Rainer Gottschalg sieht den japanischen Animationsfilm als theologisch-anthropologischen Diskursort. Patrick Bahners deutet Donald Duck in der Figurenzeichnung von Carl Barks als Herrn über alle Geschöpfe. Theresia Heimerl richtet ihren Blick auf Affirmation, Verweigerung oder Transgression von konventionellen Geschlechterrollenbildern in ausgewählten Comicverfilmungen, zum Beispiel CATWOMAN, LADY SNOWBLOOD, NAUSICAÄ, BATMAN und SPIDER-MAN. Fabian Löckener entdeckt religiöse Substrukturen bei den männlichen Superhelden Superman und Batman. Inge Kirsner schreibt über die Genderkonstruktion in 30 DAYS OF NIGHT von David Slade. Lisa Kienzl reflektiert über Antagonisten, Antihelden und die Suche nach Gott in dem Comic und der TV-Serie PREACHER. Sabine Horst informiert über Trauma, Drama und Erlösung in populären japanischen Animeserien – am Beispiel von NARUTO. Band 2 der neuen Reihe „Religion, Film und Medien“ im Schüren Verlag. Mit vielen Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: weltentwuerfe-im-comic-film.html

Film ab!

„Eine Reise zu den spannend-sten Drehorten der Welt“. Vor zwei Jahren erschien das Buch im australischen Verlag Lonely Planet, jetzt hat Mairdumont eine deutsche Ausgabe publi-ziert. Die Inhaltsangabe findet sich auf den Buchklappen: 104 Titel von Filmen und Fernseh-serien. Eine alphabetische oder chronologische Ordnung gibt es nicht. Es beginnt auf Seite 4 mit dem Tal Wadi Rum in Jordanien, Drehort für THE MARTIAN (2015) von Ridley Scott, und endet auf Seite 127 mit der Treppe in Odessa, die durch Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) berühmt wurde. Auch ein Schauplatz in Deutschland wurde berücksichtigt: das Gefängnis (heute Gedenkstätte) in Berlin-Hohenschönhausen, in dem zwar DAS LEBEN DER ANDEREN von Florian Henckel von Donnersmarck nicht gedreht wurde, aber einige Szenen spielten. Herausragend ist die Qualität der Fotos. Ihre Tiefenschärfe hat eine starke Wirkung. Meine fünf Favoriten: die Verbotene Stadt in Peking (THE LAST EMPEROR von Bernardo Bertolucci), die New York Public Library (GHOSTBUSTERS von Ivan Reitman), der Dead Horse Point im State Park von Utah (THELMA & LOUISE von Ridley Scott), das Griffith Observatory in Los Angeles (REBEL WITHOUT A CAUSE von Nicholas Ray) und der Glenfinnan-Viadukt (mehrere HARRY POTTER-Filme). Natürlich sind auch das Riesenrad im Wiener Prater (THE THIRD MAN), der Trevi-Brunnen in Rom (LA DOLCE VITA), die Golden Gate Bridge in San Francisco (VERTIGO) und die Route 66 (EASY RIDER) abgebildet. Neben den Fotos liefert jeweils ein kurzer Text von Laurence Phelan Informationen über Ort und Film bzw. Fernsehserie. Mehr zum Buch: film-ab_23552721-1

Rudolf Thome

In der Reihe Film-Konzepte hat Tobias Haupts einen Band über Rudolf Thome herausgegeben. Elf Beiträge beschäftigen sich mit sehr unterschiedlichen Themen. Bei Michael Wedel geht es um Spiegelungen, Über-tragungen, Verwandlungen – Thome, Murnau und DIE SONNENGÖTTIN. Friederike Horstmann macht sich darüber Gedanken, „Was Thome be-rührt“. Gerhard Midding verbin-det Thome und die Nouvelle Vague. Jörg Schöning äußert sich zu dem Darsteller Marquard Bohm. Norbert Grob richtet seinen Blick auf Thome und die Frauen. Tobias Haupts reflektiert über „Thome, die Poetik der Dauer und die bundesdeutsche Filmgeschichte der 1980er Jahre“. Lukas Foerster entdeckt Wahlverwandtschaften zwischen Thome und der Kölner Gruppe. Ekkehard Knörer befasst sich mit Schreibszenen in Thome-Filmen. Christian Paul konzentriert sich auf INS BLAUE, Rudolfs bisher letzten Film. Annika Schaefer informiert über die Filmarbeit von Joya Thome, Rudolfs Tochter. Birgit Kohler hat ein Interview mit Serpil Turhan über deren Film RUDOLF THOME – ÜBERALL BLUMEN geführt. Die Texte fügen sich zu einem schönen Sammelband. Mit Abbildungen, Biografie und Filmografie. Coverfoto: Sabine Bach und Hanns Zischler in BERLIN CHAMISSOPLATZ. Mehr zum Buch: Wz4wFen-BW8

DIE SINGDROSSEL (1970)

Otar Iosseliani (*1934) ist einer der großen Regisseure des geor-gischen Films, der seit 1982 in Paris lebt. DIE SINGDROSSEL (in der Bundesrepublik ES WAR EINMAL EINE SINGDROSSEL) war der erste Film, der ihn be-kannt machte. Er erzählt die Geschichte eines jungen Kessel-paukers in einem Opernorche-ster in Tiflis, der immer erst in letzter Sekunde vor seinem Ein-satz erscheint und damit den Zorn des Dirigenten und des Direktors auf sich zieht. Aber er führt ein chaotisches Leben, feiert, flirtet, komponiert, ist ein ewiger Träumer und lächelnder Flaneur. Das Ende des Films verrate ich nicht. Der Hauptdarsteller Deia Iwanidse war wie alle anderen ein Laie. Interessant ist die Tonmischung mit Geräuschen der Stadt, manchmal kaum zu verstehenden Dialogen und einer dominanten Musik. Tiflis wirkt als Stadt sehr präsent. Die Handlung dauert 36 Stunden. Ein sehr beeindruckender Film. Die DVD ist kürzlich bei Icestorm erschienen. Mehr zur DVD: die-singdrossel.html

Ingmar Bergman 100

Heute kann man den 100. Ge-burtstag des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman feiern. Er war einer der Großen des europäischen Films. Ich habe ihn seit den späten 50er Jahren sehr geschätzt, vor allem für seine Filme mit Harriet Andersson, Bibi Andersson, Ingrid Thulin, Liv Ullmann und Max von Sydow. Am 30. Juli 2007 ist er auf der Insel Fårö gestorben. Margarethe von Trotta, die ihn sehr verehrte, hat sich auf Spurensuche begeben und zusammen mit Felix Moeller einen sehenswerten Film über ihn gedreht, der jetzt bei uns im Kino läuft. Es ist eine Reise durchs Bergman-Universum mit Filmaus-schnitten, Archivaufnahmen von Bergman und Gesprächen mit Zeitzeugen: seiner Familie, Schauspieler*innen, Wegbegleitern. Margarethe bringt sich auch persönlich ein, erinnert sich, spricht u.a. mit Liv Ullmann, Gaby Dohm, Olivier Assayas, Jean-Claude Carrière, Ruben Östlund, Carlos Saura und Ingmar Bergman jr. Bettina Böhler hat den Film beeindruckend montiert. Mehr zum Film: auf_der_suche_nach_ingmar_bergman

1987 hat Ingmar Bergman seine Autobiografie publiziert: „Later-na magica“. Sie erschien zu-nächst bei Hoffmann & Campe, 2003 erstmals im Alexander Verlag und liegt jetzt in einer dritten, durchgesehenen Auflage vor. Sie beginnt und endet mit seiner Geburt, erzählt von seinem Leben, seiner Arbeit, seinen Filmen und ist unbedingt lesenswert. Mit einem Vorwort von Jean-Marie Gustave Le Clézio und einem Nachwort von Jean-Claude Carrière. – 2011 war die Retrospektive der Berlinale Ingmar Bergman gewidmet. Im Katalog findet man fünf einführende Essays von Marion Löhndorf. Und Thomas Koebner hat 2009 in einem Sonderband der Film-Konzepte eine Wanderung durch das Werk von Ingmar Bergman unternommen. Man kann diesen Regisseur anlässlich seines 100. Geburtstages durchaus wiederentdecken. Mehr zur Autobiografie: by=c.erschienen

Filme der 80er

Jetzt ist auch der Band „Filme der 80er“ aus der Dekadenreihe des Taschen Verlages, die von Jürgen Müller herausgegeben wird, in der kleinformatigen „Bibliotheca Universalis“ des Verlages erschienen. 830 Seiten für 15 €, das ist sehr preiswert. 101 Filme werden auf jeweils sechs bis zehn Seiten mit zahl-reichen Fotos, der Reproduktion eines Plakats, Credits + Cast und einem kurzen Text vorgestellt. Zu den Autor*innen gehören Philipp Bühler, Robert Fischer, Malte Hagener, Katja Kirste, Lars Penning, Anne Pohl, Burkhard Röwekamp und Jan Tilman Schwab. Fünf deutsche Produktionen wurden ausgewählt: DAS BOOT (1981) von Wolfgang Petersen, FITZCARRALDO (1981) von Werner Herzog, LOLA (1981) und QUERELLE (1982) von Rainer Werner Fassbinder, PARIS, TEXAS (1984) von Wim Wenders, die beiden letzten waren deutsch-französische Coproduktionen. Da vermisse ich zumindest HEIMAT von Edgar Reitz und DER HIMMEL ÜBER BERLIN von Wim Wenders. 70 Filme stammen aus den USA, elf aus Großbritannien. Immerhin wurden auch die Regisseure Pedro Almodóvar, Mehdi Charef, Aki Kaurismäki, Emir Kusturica, Éric Rohmer und Andrej Tarkowskij mit je einem Film berücksichtigt. Spitzenreiter unter den Regisseuren ist Brian De Palma mit vier Titeln. Die Frauenquote erscheint beschämend: drei Prozent. Es sind Filme von Kathryn Bigelow (NEAR DARK), Jane Campion (SWEETIE) und Susan Seidelman (DESPERATLY SEEKING SUSAN). Der Anhang enthält eine Oscar-Auflistung von 1982 bis 91 und ein Register. Cover: PRIZZI’S HONOR (1985) mit Jack Nicholson und Kathleen Turner. Mehr zum Buch: prod_id/50511888/

Peter Lorre

Heute beginnt im Zeughauskino eine Hommage an den Schau-spieler Peter Lorre, die von Fre-derik Lang kuratiert und vom Hauptstadtkulturfonds gefördert wurde: „Das Gesicht hinter der Maske“. 39 Filme werden bis Ende September zu sehen sein. Bei Synema in Wien ist aus diesem Anlass eine sehr lesens-werte Publikation über Peter Lorre erschienen. Stefanie Mathilde Frank unternimmt darin Erkundungen des Komi-schen in Filmen der Dreißiger- und Vierzigerjahre („Lustiger Lorre“). Peter Nau schreibt über zwei Hitchcock-Filme mit Peter Lorre. Bei Gerd Gemünden geht es um Peter Lorre im Exil. Christoph Fuchs richtet den Blick auf Entstehung und Rezeption der einzigen Regiearbeit von Lorre, DER VERLORENE („Dr. Rothe trifft Dr. Holl“). Felix Hofmann erinnert an die Arbeit an DAS DOPPELTE GESICHT mit Gisela Trowe. Brigitte Mayr, Michael Omasta und Elisabeth Streit haben eine Chronik des Lebens von Peter Lorre zusammengestellt, von Frederik Lang stammt eine Kommentierte Filmografie. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zur Hommage: das-gesicht-hinter-der-maske.html

Start in Moskau

Die Regisseurin Iris Gusner (*1941) hat von 1960 bis 1966 am „Wsjesojusny Gosudarst-wenny Institut Kinematografii“ (abgekürzt: WGIK) in Moskau studiert und über diese Zeit ein höchst lesenswertes Buch ge-schrieben, das kürzlich in der Schriftenreihe der DEFA-Stif-tung bei Bertz + Fischer erschie-nen ist. Ich schätze die Filme von Iris Gusner – vor allem ALLE MEINE MÄDCHEN und KASKADE RÜCKWÄRTS – sehr und habe mit großem Interesse das Buch „Fantasie und Arbeit“ gelesen, das sie 2009 zusammen mit Helke Sander veröffentlicht hat. In ihrem neuen Buch erinnert sie sich mit erstaunlicher Genauigkeit und spürbarer Empathie an die Ausbildungsjahre in der ältesten Filmhochschule der Welt, gegründet 1919. Ihr wichtigster Lehrer war Michail Romm, der nach NEUN TAGE EINES JAHRES den Dokumentarfilm DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS realisierte. Neben dem Film spielt die Literatur eine große Rolle in diesem Buch. Und natürlich die Politik. Ein Kapitel heißt „Chruschtschow und sein ‚Tauwetter’“. Nach der Ausbildung in Moskau war eine Assistenz bei Konrad Wolfs GOYA-Film Gusners erste Beschäftigung bei der DEFA. Auch Konrad Wolf hatte, zehn Jahre zuvor, am WGIK studiert. Vier ehemalige Studienkolleg*innen sind als Gesprächspartner präsent: der irakische Regisseur Abdul Hadi Al Rawi, der russische Dokumentar-filmregisseur Waleri Chomenko, der DEFA-Regisseur Siegfried Kühn (er begann sein Studium in Moskau 1959) und die polnische Regisseurin Jolanta Omasta. Sie erzählen im O-Ton von ihrer Jugend, ihrer Ausbildung und der anschließenden Arbeit in ihren Heimatländern. Die Vielfalt der Perspektiven und die geschickte Montage der Texte machen dieses Buch zu einem Lesestoff, der sich streckenweise wie ein Roman liest. Ich bin begeistert. Mehr zum Buch: startinmoskau.html