Sam Fuller 100

Vor 28 Jahren erschien als Band 1 der „Edition Filme“, herausgegeben von Ulrich von Berg und Norbert Grob, ein Buch über den amerika-nischen Regisseur Sam Fuller, das erste in deutscher Sprache. Daran darf man erinnern, denn heute wäre Fuller 100 Jahre alt geworden. „Er schuf ein Kino der großen Geste, der exzentrischen Regieeinfälle und der bizarren Drehbücher um psychotische, nonkonformistische Helden“, schreibt Gerhard Midding in einem schönen Geburtstagstext für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Und das Bayerische Fernsehen sendet heute um 23.35 Uhr Fullers Film SHARK/HAI (1969). Mehr zum Film: main&first=1. Im Fuller-Buch der Edition Filme hat Rudolf Thome über den Film HAI geschrieben.

Dokumentarfilm (1)

Thorolf Lipp, Kulturanthropologe und Filmemacher, zurzeit Gastdozent an der Universität Mainz, hat ein Lehrbuch verfasst. Es ist „als Einstiegslektüre für Studierende an Universitäten, Film- und Fachhochschulen“ konzipiert. Der Autor möchte mit Begriffsklärungen theoretische Orientierungen ermöglichen, die dem Nonfiktionalen Film zu Ansehen und Würde verhelfen. Das ist, angesichts des aktuellen Doku-Mülls im Privatfernsehen, eine gute Absicht. Lipp unterscheidet nach einigen medienanthropologischen Grundgedanken fünf Prototypen des Dokumentarfilms: „plotbasierten Dokumentarfilm“ (historisches Beispiel: NANOOK OF THE NORTH von Robert Flaherty, 1921), „nonverbalen Dokumentarfilm“ (BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walther Ruttmann, 1927), „Documentary“ (THE SONG OF CEYLON von Basil Wright, 1934), „Direct Cinema“ (DONT’ LOOK BACK von D. A. Pennebaker, 1967) und „Cinéma Vérité“ (CHRONIQUE D’UN ÉTÉ von Jean Rouch, 1961). Der Autor benennt die jeweils spezifischen Eigenarten der genannten Typen, charakterisiert den beispielhaften Film, informiert über Weiterentwicklungen, stellt die gestalterischen Mittel und kommunikativen Ziele dar, vermittelt Stärken und Schwächen. Ein abschließendes Kapitel schildert die Produktionsbedingungen für den Nonfiktionalen Film heute. Im Bemühen, die Unterschiede deutlich zu machen, neigt Lipp zu Redundanzen. Manchmal führt das zu einem übertriebenen Pathos, gelegentlich auch zu trivialen Formulierungen. Vielleicht ist das ein unausweichllches Resultat seines Anspruchs. Da wir es mit einer „kompakten, multimedialen Einführung“ ins Thema zu tun haben, liegt dem Buch auch eine DVD bei. Sie liefert drei Stunden Anschauungsmaterial, funktioniert wie eine Power-Point-Präsentation, enthält noch einmal die wesentlichen Definitionsmerkmale, Ausschnitte aus den oben genannten Filmen sowie eine Reihe beispielhafter Übungsfilme. Erschienen im Schüren-Verlag. Mehr zum Buch: spielarten-des-dokumentarischen.html

GEDÄCHTNIS in der Brotfabrik

GEDÄCHTNIS hieß der Dokumentar-film, den Bruno Ganz und Otto Sander 1981 über ihre Schauspieler-Kollegen Curt Bois und Bernhard Minetti gedreht haben. Bois ging in der Nazi-Zeit ins Exil, Minetti blieb in Deutsch-land. Und auch sonst waren die beiden sehr unterschiedliche Charaktere. Der Film, produziert von Helmut Wietz, läuft zurzeit im Rahmen der neuen Reihe „Berlin-Film-Katalog“ in der „Brotfabrik“. Ihr Initiator, der Filmkritiker Jan Gympel, wird am 13. August einen kurzen Vortrag zum Film halten.

DIE VERLORENE ZEIT

Anna Justice, Absolventin der dffb, hat eine Reihe interessanter Kino- und Fernsehfilme realisiert, darunter den Jugendfilm MAX MINSKY UND ICH (2006/07). Ihr jüngster Film, DIE VERLORENE ZEIT, ist 2011 in den Kinos etwas untergegangen. Er erzählt eine Liebesgeschichte, die 1944 in einem polnischen KZ beginnt und dreißig Jahre später eine seltsame Fortsetzung findet. Das Psycho-drama spielt mit den Wirren der Geschichte, vermeidet Sentimen-talitäten und konkretisiert ein biografisches Trauma. Die Hauptdarsteller (Alice Dwyer, Mateuz Damiecki, Dagmar Manzel) sind eindrucksvoll geführt, Susanne Lothar spielte mit aller Intensität eine schreckliche Mutter. Michael Ballhaus hat den Film koproduziert. Seit kurzem ist eine DVD verfügbar, die dem Film zu seinem Recht verhilft. Mehr Informationen: zeit/dvd.php

Hanns Eisler – eine neue Biografie

Der Film war für den Komponisten Hanns Eisler (1898-1962) ein wichtiges Betätigungsfeld, vor allem in der Zeit der Weimarer Republik und im Exil. Die Musikhistorikerin Friederike Wiß-mann (*1973) erzählt Eislers Leben nicht in Form einer traditionellen Biografie, sondern weitgehend aus der Perspektive seiner Musik. In jedem ihrer 14 Kapitel steht ein Werkporträt im Zentrum, das exemplarisch für eine bestimmte Schaffensphase ist. So gibt es drei „Film-Kapitel“; das erste handelt von KUHLE WAMPE, dem Arbeiterfilm von Slatan Dudow, an dessen Erfolg Bert Brecht, Ernst Busch, Hertha Thiele und eben auch Eisler großen Anteil hatten. Das zweite analysiert sehr sensibel Eislers Vertonung des Ivens-Films REGEN mit „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“ und erzählt von der schwierigen Zusammenarbeit mit Theodor A. Adorno im Exil. Daran schließt sich das dritte Kapitel „Hollywooder Liederbuch“ an, in dem Eislers Kompositionsarbeit und Existenzkämpfe bis März 1948, also bis zur Ausweisung aus Amerika thematisiert werden. Es ist bemerkenswert, wie konkret und eng die Autorin ihre künstlerischen Befunde mit Eislers biografischer Odyssee und seiner dezidierten politischen Positionierung verknüpft. Der Untertitel heißt folgerichtig „Komponist, Weltbürger, Revolutionär“. Mit einem Vorwort von Peter Hamm. Mehr zum Buch: Friederike-Wissmann/e368376.rhd

Kurt Tucholsky – eine neue Biografie

Für die Weltbühne schrieb er Filmkritiken, berühmt ist sein Text über DAS CABINET DES DR. CALIGARI. Kurt Tucholsky (1890-1935) war ein vielseitiger Autor und eine der kreativsten Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Kein Wunder, dass es immer wieder neue Biografien über ihn gibt. Die jüngste stammt von Rolf Hosfeld (*1948), dem wissenschaftlichen Leiter des Lepsiushauses Potsdam, der sich als Dozent, Redakteur, Filme-macher und Biograf (Karl Marx) einen Namen gemacht hat. Sein großer Vorteil: er kann gut schreiben und tut das auf der Basis recherchierter Fakten. Knapp 1.000 Quellenhinweise sichern ihn ab. Aber das Buch ist trotzdem gut lesbar und nimmt uns – weitgehend chronologisch erzählt – mit auf einen erstaunlichen, sehr hektischen und viel zu früh zu Ende gegangenen Lebensweg. Hosfeld interessiert sich vor allem für Zeitgeschichte, Publizistik und Literatur. Tucholskys politische Positionierungen wirken zuweilen sprunghaft, er schrieb unter vielen Pseudonymen, er hatte ein abwechslungsreiches Liebesleben, und er war ein heimatloser Berliner, der zwar sprachlich, aber nur selten physisch in der Stadt präsent war. Dem Film stand er mit neugieriger Skepsis gegenüber. Das wird von Hosfeld aber nicht weiter vertieft. Mehr zum Buch: e351642.rhd

The Greatest Films of All Time

Alle zehn Jahre fragen das British Film Institute und die Zeitschrift Sight and Sound seit 1952 Filmfachleute aus aller Welt nach den „Greatest Films of All Time“. 846 haben dieses Mal geantwortet, der Altersdurchschnitt der Befragten lag vermutlich bei 60+. Und das Ganze ist natürlich auch ein Spiel… Hier sind die Titel 1-10 in der neuen Reihenfolge:

1. VERTIGO (Hitchcock, 1958) 191 Stimmen
2. CITIZEN KANE (Welles, 1941) 157
3. TOKYO MONOGATARI (Ozu, 1953) 107
4. LA RÈGLE DU JEU (Renoir, 1939) 100
5. SUNRISE (Murnau, 1927), 93
6. 2001: A SPACE ODYSSEY (Kubrick, 1968) 90
7. THE SEARCHERS (Ford, 1956) 78
8. DER MANN MIT DER KAMERA (WERTOW, 1929) 68
9. LA PASSION DE JEANNE D’ARC (Dreyer, 1927) 65
10. 8 ½ (Fellini, 1963) 64

Nach fünfzig Jahren hat CITIZEN KANE seinen Spitzenplatz eingebüßt, Ozu und Murnau haben sich nach oben bewegt, Eisensteins POTEMKIN hat mit Wertows MANN MIT DER KAMERA getauscht und Fords THE SEARCHERS ist endlich unter den ersten Zehn. Als aktuellster Film kam IN THE MOOD FOR LOVE von Wong Kar-wai (2000) auf Platz 23. Bester deutscher Film: METROPOLIS (Lang, 1927) auf Platz 35 (zusammen mit PSYCHO, je 34 Stimmen). Hier sind die Top 50:  www.bfi.org.uk/news/50-greatest-films-all-time

 

Münchner Filmkunstwochen

Ein Jubiläum: seit 60 Jahren gibt es die „Münchner Filmkunst-wochen“. Sie finden statt, wenn in Bayern Ferien sind. Sieben Kinos beteiligen sich inzwischen daran, sie zeigen über 100 Filme, alte und neue, manche als Previews, häufig im Original mit Untertiteln, gelegentlich mit Gästen. Und weil im Filmmuseum Sommerpause ist, kann die Münchner Kinoszene mal so richtig ihr Profil beweisen. Heute, zum Beispiel, stehen BARBARA, PINA, FITZCARRALDO, LLUVIA, OSSESSIONE und MIDNIGHT IN PARIS zur Auswahl.

Marilyn

Morgen jährt sich ihr Todes-tag zum 50. Mal. Das wissen wir seit einigen Wochen, weil es uns mit Filmen, Büchern und Texten annonciert wurde. Jahrestage sind Erinnerungstage. Vor allem das Fernsehen macht daraus ein Programm. Zum Beispiel gibt es heute Abend auf arte den französischen Dokumentarfilm MARILYNS LETZTE SITZUNG von Petrick Jeudy zu sehen (20.15 Uhr) und morgen Nachmittag den Film BERT STERN – THE MAN WHO SHOT MARILYN von Shannah Laumeister (17.00). Auch der Bayerische Rundfunk denkt an MM und zeigt am Sonntag zuerst (22.00) FLUSS OHNE WIEDERKEHR und anschließend den Dokumentarfilm MARILYN MONROE – ICH MÖCHTE GELIEBT WERDEN von Eckhart Schmidt. Bei der ARD beginnt um 0 Uhr MANCHE MÖGEN’S HEISS, dem Milan Pavlovic heute auf der SZ-Fernsehseite seinen Respekt zollt. – 3sat hat das Datum  im Juli zu einer speziellen Blondinen-Retrospektive genutzt. Und Georg Seeßlen hat  schon im April in einer Art DVD-Umschau mit einem intelligenten Text auf den Todestag hingewiesen: DVD-Monroe/komplettansicht. Wer dann noch etwas wissen will, ist vielleicht hier an der richtigen Adresse: www.marilynmonroe.de

Haneke/Bresson in Düsseldorf

Es ist eine interessante Verwandt-schaft, der das Filmmuseum Düsseldorf in einer doppelten Werkschau auf die Spur kommen will: Michael Haneke und Robert Bresson verbinden viele stilistische Elemente, und Haneke hat mehrfach auf seine Liebe zu Bresson verwiesen. In der black box sind sieben Filme von Bresson (darunter natürlich auch AU HASARD BALTHASAR, 1966, Foto) und zehn von Haneke zu sehen.