Peter Nestler 75

Morgen, am 1. Juni, wird der Dokumentarist Peter Nestler 75 Jahre alt. In den 1960er Jahren hat er mit Filmen wie AM SIEL, AUFSÄTZE, MÜLHEIM/RUHR und ÖDENWALDSTETTEN dem westdeutschen Dokumentarfilm zu ersten Maßstäben verholfen. Sein Film EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (1965) ist ein Meisterwerk und gehört für mich zu den zehn schönsten Filmen meines Lebens. Weil er in der Bundesrepublik keine Aufträge mehr bekam, emigrierte er 1966 nach Schweden und drehte dort vor allem Filme für das Jugendprogramm. Mit Filmen  wie SPANIEN! (1973), DIE JUDENGASSE (1988), PACHAMA – UNSERE ERDE (1995), VERTEIDIGUNG DER ZEIT (2007) hat er sich immer wieder programmatisch zu Wort gemeldet. Demnächst erscheint bei AbsolutMedien eine DVD-Box mit seinen wichtigsten Filmen. In frühen Jahren hat er als Gelegenheitsdarsteller in westdeutschen Filmen mitgewirkt. Darüber habe ich 1980 einen kleinen Text verfasst: 1980/06/1566/. Herzlichen Glückwunsch zum 75., lieber Peter!

Berlin Documentary Forum

Zum zweiten Mal findet im Berliner Haus der Kulturen der Welt ein viertägiges Festival zum Stand der dokumentarischen Formen statt. Die Programmatik klingt etwas nebulös: „Neue Modelle des Dokumentarischen bilden sich heraus, die ohne die Illusion einer vierten Wand auskommen und stattdessen ein Aufeinan-dertreffen von Zeichen, Referenten, Körpern, Räumen, Zeichen und Blicken begrüßen.“ Zu Gast sind Filmemacher, Kulturhistoriker und Theoretiker. Mehr zum Programm: documentary_2012_65716.php

„Meine Frau sagt…“

Dies ist ein sehr lustiges und sehr trauriges Buch. Es ist lustig, weil der Autor auf wunderbare Weise die ganz alltäglichen Probleme, die es im Leben und in einer Beziehung gibt, auf den Punkt bringt: nachts zu träumen, morgens aufzustehen, zu frühstücken, den Kühlschrank zu füllen, die angemessene Garderobe zu tragen, die Wohnung umzu-räumen, Fußball im Fernsehen anzuschauen, über Prinzipien zu reden, über Geschenke nachzu-denken, DVDs zu sammeln, den Hund zu versorgen, die Umsatz-steuer-Erklärung auszufüllen, sich Passwörter zu merken, Tango zu tanzen, über Kinderfilme zu streiten und Scrabble zu spielen. Ein eigenes Kapitel ist dem Reisen vorbehalten: mit 16 Unterkapiteln, beginnend mit dem Kofferpacken und endend mit dem Wort „Bikinistreifen“. Und es gibt vier Dialoge mit den Kindern Artur und Teresa, die von Mädchen, von Jungen und von Altersunterschieden handeln. Das Buch ist sehr traurig, weil der Autor, der über so viel Lebensklugheit verfügte, seit einem Jahr tot ist. Und wenn man das Buch liest und immer wieder lachen muss, dann wird einem in jedem Moment bewusst, wie groß der Verlust ist und welche Fallhöhe es in der Komik, im Lachen und im Leben gibt. Mit Illustrationen von Kat Menschik, einem Vorwort von Frank Schirrmacher und einem Nachwort von Claudius Seidl.

Thementag Schwarzweiß auf Arte

Mag sein, dass THE ARTIST der Auslöser war. Heute feiert Arte mit einem Thementag das schwarz-weiße Kino: mit Kurzfilmen, Dokumentarfilmen und Spielfilmen, von 10.40 Uhr am Vormittag bis 5.00 Uhr morgen früh. Zu sehen sind Filme aus den Jahren 1924 bis 2011. Drei Meisterwerke stehen im Mittelpunkt: BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) von Walther Ruttmann, MOROCCO (1930) von Josef von Sternberg und DER UNAUFFÄLLIGE MR. CRANE (2001) von Joel Coen. Eine Dokumen-tation von Reiner Holzemer und Thomas Honickel bringt das Thema kunsttheoretisch auf den Punkt: ALLES KOMMT AUS DEM SCHWARZ UND VERLIERT SICH IM WEISS (2012). Und wenn man bei Arte geahnt hätte, dass Michael Haneke gestern in Cannes die Goldene Palme gewinnt, wäre gewiss auch DAS WEISSE BAND gezeigt worden. Mehr Informationen: www.arte.tv/schwarzweiss .

Filme mit Romy Schneider

Am 29. Mai jährt sich der Todestag von Romy Schneider zum 30. Mal. Auf 3sat beginnt heute eine Reihe mit Filmen, in denen Romy Schneider die Hauptrolle spielt. Gezeigt werden bis zum 1. Juni neun Spiel-filme aus den Jahren 1957 bis 1982 und drei Porträts. Vor allem der 1966 entstandene Film ROMY – PORTRÄT EINES GESICHTS von Hans-Jürgen Syber-berg und der Dokumentarfilm ROMY SCHNEIDER – EINE FRAU IN DREI NOTEN von Frederick Baker und Sandra Fasolt (Österreich 2008) sind interessant.

Geoff Dyer: Die Zone

Dies ist „ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer“. Der englische Schriftsteller Geoff Dyer (*1958) macht uns zum Teilnehmer seiner sehr persönlichen Lektüre des Films STALKER (1979) von Andrej Tarkovskij. Der Film handelt von einer Expedition: Unter der Führung eines Ortskundigen, der am Rande der Welt in einer verfallenen Industrielandschaft lebt, begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in die mysteriöse „Zone“, wo es einen Raum geben soll, an dem die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Es wird eine Reise in die Innenwelt der Protagonisten. Dyer, ein Kenner der Kino- und Kulturgeschichte, ist kein Analytiker, sondern ein Entdecker, der assoziative und originelle Querverbindungen herstellt und Tarkovskijs Film neue Subtexte gibt. Das liest sich – inklusive der zahlreichen Fußnoten – wie ein spannender Reiseroman. Von Marion Kagerer hervorragend übersetzt. Mehr über das Buch  auf der Website von Schirmer/Mosel: products_id=671.

Spiel mit der Wirklichkeit

Bei der Wiedergabe der Wirklichkeit(en) befinden sich Dokumentation und Fiktion in Film und Fernsehen seit längerer Zeit in einem zunehmenden Spannungsverhältnis. Die Publikation, herausgegeben von Werner C. Barg (Autor und Produzent), Kay Hoff-mann (Studienleiter Wissenschaft im Haus des Dokumentarfilms) und Richard Kilborn (Dozent an der University of Stirling), beschreibt Entwicklungen in Deutschland und Großbritannien und ordnet den gegen-wärtigen Stand der Dinge. In drei Großkapiteln (Dokument und Fiktion im Spiel- und Dokumentarfilm, Entwicklung hybrider TV-Formate, Doku-Drama und historisches Re-Enactment) liefern 17 Texte Rückblicke, Bestandsaufnahmen und Ausblicke. Unter den Autorinnen und Autoren sind die drei Herausgeber mit jeweils mehreren Beiträgen vertreten. Von Martina Döcker stammt ein schöner Essay über sieben Richtungen im Dokumentarfilm. Zwischen den Texten gibt es acht Interviews: mit Carl Bergengruen und Manfred Hattendorf (SWR), Stephen Lambert (produziert in London „factual entertainment programmes“), Carl-Ludwig Rettinger (Lichtblick Film, Köln), Michael Kloft und Marc Brasse (Spiegel-TV), Taylor Downing (Flashback Television), Uwe Kersken (Gruppe 5, Köln), Guido Knopp und Stefan Braunburger (ZDF), Nico Hofmann (teamWorx). Mit vielen, gut reproduzierten Abbildungen. Das Titelfoto ist ein bekanntes Dokument und stammt aus dem Film TODESSPIEL von Heinrich Breloer. Mehr über das Buch: 40a6ea8098a99cbe0aa2e/

Romuald Karmakar im Münchner Filmmuseum

Im Dezember 2011 fand im Haus der Kultu-ren der Welt in Berlin eine Veranstaltung mit dem Titel ANGRIFF AUF DIE DEMOKRA-TIE – EINE INTERVENTION statt. Bei dieser Intervention präsentierten zehn deutsche Intellektuelle Statements zur Gefährdung der Demokratie durch die sogenannte Eurorettung. Romuald Karmakar hat daraus mit geringem technischem Aufwand einen interessanten Film montiert, der erstmals auf der Berlinale gezeigt wurde und heute in Anwesenheit des Autors im Münchner Filmmuseum zu sehen ist. Mehr zum Film auf Romualds Website: www.romuald-karmakar.de/

Das Drama der Identität

Die Autorin Nathalie Weidenfeld erläutert zunächst die Theorien des klassischen und des nicht-klassischen Films, definiert den „homo agens“ und den „homo performans“ als Grundtypen filmischen Erzählens und plädiert für eine Revision formalistischer Filmnarratologie. Das sind 40 Seiten Wissenschaftsanstrengung. Im zweiten Teil (110 Seiten) werden sieben Filme analysiert:  Es handelt sich um ANTICHRIST, MATRIX, GATTACA, FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING, MEMENTO, 8 ½ und AUSSER ATEM. Die Analysen sind sehr konkret und einleuch-tend. Mehr zum Buch: search.php?vid=2&aid=3234

Der deutsche Schlagerfilm

„Ohne Sinn und Verstand“ hieß vor 32 Jahren die Titelgeschichte der legendären Zeitschrift Filme über den deutschen Schlagerfilm. Sie handelte von Caterina Valente und Peter Alexander, von Vico Torreani, Vivi Bach und Conny & Peter. Jetzt ist die erste Dissertation zu diesem Thema publiziert worden. Sie stammt von Daniela Schulz, die damit an der Kölner Universität promovierte. Die Autorin, das ist ein großer Vorteil des Buches, hat ein positives Verhältnis zu ihrem Thema. Auf der Suche nach historischen Genrebezügen wird sie sowohl bei der deutschen Tonfilmoperette wie beim amerikanischen Musical fündig. Sie bezieht vor allem in den 1960er und 70er Jahren die Entwicklung des Fernsehens ein. Sie unterscheidet den Schlagerfilm vom Heimatfilm und sichert sich (es handelt sich ja immerhin um eine Dissertation) mit 800 Quellenverweisen auch wissenschaftlich ab. Ein schönes Kapitel ist dem Vorspann gewidmet, hier gibt es auch einzelne Abbildungen. Eine sehr konkrete Analyse gilt dem SCHWARZWALDMÄDEL-Film von Hans Deppe. Und am Ende geht es um „Film und Fernweh“. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts1882/ts1882.php