Cloud Atlas

Heute kommt der langerwartete Film von den Wachowski-Geschwistern und Tom Tykwer in die deutschen Kinos. Man kann zurzeit viel darüber lesen, die Meinungen sind geteilt, aber auch die Skeptiker müssen gestehen, dass sich der Film auf hohem Niveau bewegt. Die Verbindung verschiedenster Zeiten mit sechs kühn verknüpften Geschichten, die zum Teil von identischen Schauspielern gespielt werden, setzt eine Mitarbeit der Zuschauer voraus. Ich bin sehr gespannt. Jeder Film von Tom hat zunächst einmal meine Sympathie. Mehr zum Film: www.cloudatlas-derfilm.de/

„And the Oscar goes to…“

Heute wird im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main eine Ausstellung zur Oscar-Geschichte eröffnet. Vor 85 Jahren wurde er erstmals vergeben, in den folgenden Jahren erweiterten sich die Sparten der einzelnen Leistungen, und inzwischen gilt die Auszeichnung weltweit als die renommierteste, auch wenn an den Abstimmungen der Mitglieder der American Academy of Motion Pictures Arts and Sciences immer wieder Kritik geübt wird. Viele Exponate hat die Academy dem Filmmuseum für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, darunter zehn Statuetten u.a. für Bette David, Clark Gable und Billy Wilder.  Es erscheint ein spezieller Ausstellungskatalog, und im Kino gibt es eine Filmreihe, in der auch neun restaurierte Kopien aus dem Archiv der Academy zu sehen sind. Daniel Kothenschulte hat für die Berliner Zeitung eine schöne Rezension der Ausstellung geschrieben: 20854850.html. Mehr zur Ausstellung: and-the-oscar-goes-to/.

Neuer Deutscher Film

In eigener Sache: Der erste Band der neuen Reihe „Stilepochen des Films“ (Initiator und Editor: Norbert Grob) über den Neuen Deutschen Film ist erschienen, herausgegeben von Norbert Grob, Hans Helmut Prinzler und Eric Rentschler. 39 Filme aus der Zeit von 1961 bis 1984 werden in diesem Buch mit Einzelanalysen gewürdigt, beginnend mit ZWEI UNTER MILLIONEN von Victor Vicas und Wieland Liebske, endend mit HEIMAT von Edgar Reitz. Ein umfängliches Vorwort verortet den Neuen Deutschen Film in der Epochengeschichte. An Frieda Grafe erinnert der Band mit einem Nachdruck ihres SZ-Textes zu FREAK ORLANDO von Ulrike Ottinger. Gewidmet ist das Buch Michael Althen, der einen Text zur Rudolf Thomes Film BERLIN CHAMISSOPLATZ  beigesteuert hat, der nun posthum erscheint. Meine drei Texte zu ES von Ulrich Schamoni, LIEBE MUTTER, MIR GEHT ES GUT von Christian Ziewer und DER KLEINE GODARD von Hellmuth Costard werden demnächst auch auf dieser Website zu lesen sein. Im Frühjahr 2013 erscheint der zweite Band der Reihe, herausgegeben von Elisabeth Bronfen und Norbert Grob. Sein Thema: das klassische Hollywood. Mehr zum gerade erschienenen Buch: Neuer_Deutscher_Film.

Imaginationen des Individuums

Eine Dissertation aus der Schweiz, nicht der Filmwissenschaft, sondern der Sozialgeschichte zuzuordnen. Interessanter Lesestoff für Anhänger der Figurenanalyse. Wenn man den zugrundegelegten Begriff des „Subjektmodells“ begriffen hat (der Autor verwendet darauf viel Mühe), dann hat es eine Logik, ihn als Schlüssel für Filmprotagonisten des klassischen Hollywoodkinos zu nutzen. 40 Filme aus den Jahren 1931 bis 1962, von LITTLE CAESAR bis TO KILL A MOCKINGBIRD, sind die Fallbeispiele für Stephan Durrer. Es sind vor allem Männer, deren Verhaltensweise analysiert wird. In vier großen Kapiteln werden jeweils fünf bis acht Filme in einen thematischen Zusammenhang gestellt: „Unbedingte Treue zu sich selbst“ (im Zentrum: MR. SMITH GOES TO WASHINGTON), „Existentielle Befreiung“ (ON THE WATERFRONT), „Zerfallende Souveränität“ (THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE), „Vergebliches Streben nach Freiheit“ (CITIZEN KANE). Ein separates Kapitel dazwischen: „Zur Selbstentwicklung von Hollywoods Heldinnen“ (GONE WITH THE WIND). Was mir gefällt, ist der genaue und konkrete Blick des Autors auf die Filme. Der Anhang ist informativ, die Abbildungen sind technisch akzeptabel und für die Argumentation hilfreich. Mehr über das Buch: www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20892-9.html

Kinder des Olymp

LES ENFANTS DU PARADIS (1943-45) von Marcel Carné, geschrieben von Jacques Prévert,  ist einer der Filme, die mich duch mein ganzes Leben begleiten, seit ich ihn 1956 zum ersten Mal gesehen habe. Das Leben als Theater – das Theater als Lebensbühne, und das alles in einem poetischen Schwebezustand mit großen Schauspielern. In der Cinémathèque Française ist zurzeit (und noch bis Mitte Januar) eine Ausstellung zu sehen, in der alles präsentiert wird, was von diesem Film überlebt hat. Gerhard Midding hat gestern in der Welt eine wunderbare Rezension darüber geschrieben (Die-Pantomime-spricht.html). Man möchte sofort nach Paris fahren und die Ausstellung besuchen.

Alles über Film

„Alles“ über Film auf 352 Seiten. Da muss sich ein Autor ziemlich kurz fassen und viel weglassen. Ronald Bergan ist Filmkritiker des englischen Guardian, hat Bücher über Eisenstein, Coppola und die Coen Brüder geschrieben, man kann ihn als kompetent ansehen. Seine Aufgabe: alles schnell auf den Punkt bringen. Gegliedert ist das Buch in sechs Kapitel. 1. „Die Geschichte des Films“, in Jahrzehnten periodisiert (50 Seiten). 2. „Wie ein Film entsteht“ (15 Seiten). 3. „Filmgenres“, 25 von Action bis Western (50 Seiten). 4. „Das internationale Kino“, 21 Länder und Erdteile, von Afrika bis Neuseeland (50 Seiten, drei über Deutschland, die USA werden ausgespart). 5. „100 Regisseure“, von Woody Allen bis William Wyler (75 Seiten); aus Deutschland: Fassbinder, Herzog, Lang, Lubitsch, Murnau, Ophüls, Pabst, Wenders. Konrad Wolf fehlt. 6. „Die 100 besten Filme“, chronologisch (90 Seiten); neun aus Deutschland: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, NOSFERATU, METROPOLIS, DER BLAUE ENGEL, OLYMPIA, AGUIRRE – DER ZORN GOTTES, DIE EHE DER MARIA BRAUN, PARIS TEXAS, HEIMAT. Kein Film aus der DDR. Schwierig: der Umgang mit den deutschen Titeln ausländischer Filme. Manchmal sind sie so blöd, dass man sie inzwischen vergessen hat. Dominant: rund 700 Abbildungen. Verpackt ist das Buch in einer Filmdose. Das definiert es als Geschenk. Mehr über das Buch: /alles_ueber_film-1773/.

Revisionen – Relektüren – Perspektiven

Kurios und spannend nennen die beiden Herausgeber dieses Tagungsbandes die jährlichen „Film- und Fernsehwissen-schaftlichen Kolloquien“ (FFK), die seit 25 Jahren ohne Trägerschaft durch den deutschsprachigen Raum ziehen und zugangsoffen angelegt sind: wer sich rechtzeitig anmeldet, darf reden. Der Sammelband des 23. Kolloquiums, das 2010 in Hildesheim stattfand, ist jetzt bei Schüren erschienen und offeriert 26 Texte. Ihre Themen repräsentieren das Kunterbunt der Medien- und Wissenschaftswelt, man liest sich hier und da fest, spürt neue Denkweisen und staunt über das breite Spektrum theoretischer Positionen. Ich greife mal fünf Aufsätze heraus, die mich besonders interessiert haben: Stephanie Großmann (Passau) schreibt über Naturkatatrophen im Film. Diana Kainz (ebenfalls Passau) rehabilitiert sehr eindrucksvoll die Effi-Briest-Verfilmung von Hermine Huntgeburth. Ulrike Kuch (Weimar) denkt über Motive im Film nach und konkretisiert das an Swimmingpools. Birgit Leitner (Jena) verbindet auf intelligente Weise „das Kleine Schwarze“, also ein Kleidungsstück, in den Filmen BREAKFAST AT TIFFANY’S (1961) von Blake Edwards und CLÉO DE 5 À 7 (1962) von Agnes Verda. Anke Steinborn (Weimar) schlägt eine originelle Brücke zwischen der Kitchen-Debate (1959) zwischen Nixon und Chruschtschow und dem Film FIGHT CLUB (1999) von David Fincher. Man muss sich klar machen: dies sind vor allem Profilierungstexte. Meine Sympathien haben dabei natürlich die hermeneutischen Analysen. Pirouetten auf wissenschaftlichem Definitionsparkett interessieren mich nicht. Mehr zum Buch: revisionen-relektueren-perspektiven.html.

Unter Vorbehalt

Morgen und übermorgen geht es im Berliner Zeughauskino sehr konzentriert um die sogenannten „Vorbehaltsfilme“, also Filme aus der NS-Zeit, die öffentlich nur mit Einführung und Diskussion gezeigt werden dürfen. In zwei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion werden die Hintergründe dargestellt. Christine von Wahlert, Geschäftsführerin der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) referiert über deren Geschichte und den Umgang mit Vorbehaltsfilmen. Ernst Szebedits, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die über die Rechte der meisten NS-Filme verfügt, spricht über den verantwortlichen Umgang mit diesem Erbe. Zusammen mit Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Historiker, wird morgen Abend über die Maßstäbe bei der Vorführung von Propagandafilmen diskutiert. Zwei Filme laufen als Beispiele: WUNSCHKONZERT (1940) von Eduard von Borsody und HEIMKEHR (1941) von Gustav Ucicky. Mehr zum Programm: unter_vorbehalt_2012_11_12.html

Was lehrt das Kino?

Eine seltsame Titelfrage, denn man geht doch nicht ins Kino wie in die Schule. Immerhin sind die meisten hier publizierten Texte durchaus lesenwert. Inhaltlich ist das Buch ein Remake. 2003 haben – auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung – ein Dutzend versierte Filmexperten einen Kanon zusammengestellt: 35 Filme, die man bis zum Abitur gesehen haben sollte. Alfred Holighaus hat 2005 bei Bertz + Fischer das entsprechende Buch herausgegeben (/filmkanon.html). Die neue Publikation reduziert die 35 Filme auf 24, es fehlen zum Beispiel Chaplin und THE GOLD RUSH (1925), John Ford und STAGECOACH (1939), Claude Lanzman und SHOAH (1985). Das wird aber nicht weiter begründet. Die Texte des neuen Buches – basierend auf zwei Ringvorlesungen der Freien Universität Berlin – sind insgesamt tiefgründiger und analytischer als im Kanon-Buch, das auch eine andere Zielgruppe hatte. Die Autorinnen und Autoren kommen vor allem aus der Germanistik, der Philosophie und der Amerikanistik. Die Filmprofession vertreten Wolfgang Jacobsen (über M), Thomas Koebner (RASHOMON), Bernhard Groß (LA STRADA), Andreas Kilb (DAS SÜSSE JENSEITS) und Hermann Kappelhoff (ALLES ÜBER MEINE MUTTER). Das Buch ist genau doppelt so umfangreich wie der Kanon-Band. Also: mehr Platz für Forschung und Lehre. Mehr über das Buch: neu_werke_default_film

Noch einmal: Ingmar Bergman

Zwei Monate nach der Bergman-Retrospektive der Berlinale, im April 2011, fand ein Symposium der Deutschen Kinemathek und des Einstein-Forums statt, in dem es um Lüge und Wahrheit im Werk des schwedischen Regisseurs ging. Die Beiträge – u.a. eine Untersuchung von Thomas Koebner über die Gespensterfurcht in ANSIKTET, eine psychoanalytische Interpretation von DET SJUNDE INSEGLET von Claudia Frank, eine bedenkenswerte Sicht von Mirjam Schaub auf AUS DEM LEBEN DER MARIONETTEN, ein religionswissenschaft-licher Blick auf Bergmans Mittelalter-Filme von Christian Kiening – liegen jetzt gedruckt vor; sie vermitteln in einem interdisziplinären Spektrum subjektive Erkenntnisprozesse und sind sehr lesenswert. Unmittelbar zu Bergman führt ein Text des Kurators des IB-Archivs Jan Holmberg, der die autobiografischen Schriften erschließt. Am Ende kommt der Regisseur mit eigenen Texten zu Wort, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Zur Vervollständigung des Bergman-Bestandes unabdingbar. Mehr zum Buch: wahreluegen.html.