Judith Kaufmann

2013.Kaufmann2006 bekam sie (als erste Frau) den Marburger Kamerapreis. Monica Bleibtreu hielt damals die Laudatio, es gab das traditionelle mehrtägige Symposium zu ihrer Arbeit und natürlich eine Retrospektive ihrer Filme. Jetzt ist, als Band 8 der „Marburger Kameragespräche“, das Buch über Judith Kaufmann erschienen, und das Warten hat sich gelohnt. In sechs Texten wird ihre herausragende Arbeit sehr konkret analysiert: Marli Feldvoß schreibt über die Strategien der Kamera in SCHERBENTANZ (2002) von Chris Kraus, Karl Prümm charakterisiert die Bildgestaltung in ERBSEN AUF HALB 6 (2004) von Lars Büchel, Andreas Kirchner nimmt die Bilder von FREMDE HAUT (2005) von Angelina Maccarone unter die Lupe, Bernd Giesemann untersucht Aspekte der überwältigenden Bildästhetik in VIER MINUTEN (2006) von Chris Kraus, Annett Müller beschreibt die Kameraarbeit in DIE FREMDE (2010) von Feo Aladag und Rasmus Greiner widmet sich Kaufmanns Fernseharbeiten. Außerdem sind Gespräche von Marli Feldvoß, Martin Langer, Karl Prümm und Astrid Pohl mit Judith Kaufmann dokumentiert. Und sie selbst kommentiert drei exemplarische Sequenzen ihrer Filme WER WENN NICHT WIR von Andreas Veiel, THE LOOK von Angelina Maccarone und ZWEI LEBEN von Georg Maas aus den Jahren 2011/12. Biografie und Filmografie schließen den Band ab, der nach einem Vorwort mit der Bleibtreu-Laudatio beginnt. Viele, zum Teil farbige Abbildungen. Ein Muss für jeden, der sich für Kameraarbeit interessiert. Mehr zum Buch: judith-kaufmann.html

Die Erfindung von Hollywood

2013.Selig 2Filmgeschichte lässt sich auch literarisch erzählen. Christine Wunnicke (*1966) ist eine kluge, sprach-sensible Münchner Autorin, die uns noch einmal in Erinnerung ruft, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das damals sehr entlegene Hollywood als Filmstadt entdeckt wurde. Einerseits geht es dabei um Wetter-verhältnisse, anderer-seits um das Macht-spiel zwischen dem Filmproduzenten William Selig und dem Regisseur Francis Boggs. Selig fühlt sich Chicago verbunden und will dort auch die Regenzeiten aussitzen. Boggs zieht es aus Vernunftgründen ins sonnige Kalifornien. Letzten Endes gewinnt er den Kampf. Aber der Preis dafür ist hoch: er wird – und das ist historisch verbürgt – von dem Gärtner Frank Minematsu erschossen. Auf hundert Seiten wird diese Geschichte, unterbrochen von kurzen zeitgenössischen Zitaten, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und bekommt zeitweise eine filmische Dimension. Im Hintergrund spielen auch die Patentrechte von Thomas Edison eine Rolle, und am Rande taucht der Universal-Gründer Carl Laemmle auf. Wohlgemerkt: kein Sachbuch, sondern ein kleiner biografischer Roman. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: programm/selig-boggs/

Inszenierung des Alter(n)s

2013.Inszenierung Alter 2Dies ist eine Magisterarbeit aus dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig (Prof. Rüdiger Steinmetz): interessant in der Themenwahl, komplex in der Analyse. Nina Alexandra Roser untersucht die Darstellung von Senioren in deutschen Kino-spielfilmen von 1999 bis 2009. Sechs Titel stehen bei ihr im Mittelpunkt: JETZT ODER NIE – ZEIT IST GELD (2000) von Lars Büchel, SCHULTZE GET THE BLUES (2003) von Michael Schorr, KIRSCHBLÜTEN – HANAMI (2008) von Doris Dörrie, WOLKE 9 (2008) von Andreas Dresen und DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR ALT AUS! (2009) von Leander Haußmann. Die Filme werden einer quantitativen und qualitativen Analyse unterzogen; dabei geht es um die Identität der Hauptfiguren, um Familie, soziale Netzwerke, Partnerschaft und Sexualität, Leiblichkeit, Professionalität, materielle Situation, Wohnsituation und psychologische Aspekte. Die Filmfiktionen werden realen Erkenntnissen gegenübergestellt. Natürlich ist Andreas Dresen so etwas wie der Gewinner. Der Anhang enthält Sequenzprotokolle der sechs Filme inklusive einer Feinanalyse, eine internationale Filmliste von Senioren als Filmprotagonisten von 1999 bis 2009, eine Liste der 120 in der Arbeit angeführten Filme und eine umfangreiche Literaturliste (268 Titel). Die Autorin betont ihre Leseleistung, indem sie alle Autorennamen in Versalien schreibt. Das macht die Lektüre manchmal etwas mühsam. Der Verzicht auf Abbildungen ist zu akzeptieren. Mehr zum Buch: www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,1387

Der italienische Neorealismus

2013.GlasenappIm vergangenen Jahr hat der Bamberger Germanist Jörn Glasenapp eine umfangreiche Monografie über Michelangelo Antonioni herausgegeben (michelangelo-antonioni/), jetzt stellt er als alleiniger Autor Antonioni in den Zusammenhang des italienischen Neorealismus, der bis heute als die wichtigste filmische Erneuerungsbewegung nach 1945 bewertet wird. Glasenapp folgt den definitorischen Spuren vor allem von André Bazin („Der filmische Realismus und die italienische Schule nach der Befreiung“, 1948) und den neueren Überlegungen von Gilles Deleuze („Das Zeit-Bild“, 1985). Vier Filme stehen dabei im Mittelpunkt der Analysen: I VITELLONI (1953) von Federico Fellini, ACCATTONE (1961) von Pier Paolo Pasolini, LA NOTTE (1961) von Michelangelo Antonioni und IL CASANOVA (1976) von Fellini. Natürlich fungieren De Sicas LADRI DI BICICLETTE und andere Klassiker des Neorealismus als Vergleichsfilme und auch zur französischen Nouvelle Vague werden Bezüge hergestellt. Glasenapp hält sich eng an sein theoretisches System, aber es ist sehr lesenswert, wie er einzelne Szenen beschreibt und interpretiert. Das animiert dazu, die Filme mal wieder zu sehen. Die 64 Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5538-3.html

Gustaf Gründgens

2013.Gründgens2Im September 1963, also demnächst vor fünfzig Jahren, starb auf einer Weltreise in Manila der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens im Alter von 63 Jahren. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Theaters in der Zeit der Weimarer Republik, unter der Nazi-Herrschaft und in der frühen Bundesrepublik. Seine Nähe zu Hermann Göring wurde zu einer großen Hypothek, andererseits verhalf ihm die Fürsprache jüdischer Exilanten später zur Entnazifizierung. Er war eine Persönlichkeit, die polarisierte. Der Autor (und promovierte Theaterwissenschaftler) Thomas Blubacher hat bereits 1999 und 2011 zwei Anläufe zu einer Gründgens-Biografie genommen, jetzt ist ihm so etwas wie eine definitive Fassung gelungen. Sie ist hervorragend recherchiert, gut lesbar und weicht auch den Ambivalenzen des privaten Gründgens nicht aus. Beginnend mit dem ziemlich geheimnisvollen Tod wird das Leben von GG weitgehend chronologisch erzählt. Viele frühere Kolleginnen und Kollegen kommen zu Wort. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich auch die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Filmarbeit von Gründgens tritt gegenüber der Theaterarbeit etwas in den Hintergrund. Immerhin hat er in 28 Filmen mitgespielt und bei fünf Filmen auch Regie geführt. Als Schränker in M (1931) von Fritz Lang und als Baron von Eggersdorf in LIEBELEI (1933) von Max Ophüls ist er unvergesslich. Blubacher erzählt ein ungewöhnliches Künstlerleben im Spannungsfeld deutscher Geschichte und psychischer Individualität. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 0.6.7.8.0.1

Hitchcock und die Künste

2013.Hitchcock+KünsteDer Herausgeber Henry Keazor (*1965) ist Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg. Im Winter 2011/12 hat er in Saarbrücken eine Ringvorlesung über Hitchcock und die Künste veranstaltet, deren Vorträge hier gesammelt sind. Eine lohnende Lektüre. In den Texten geht es um Hitchcock und seine Literaturadaptionen (Barbara Damm), um das Londoner Theater der 1920er und 30er Jahre (Beatrix Hesse), den MARNIEschen Blick auf Vermeer (Thierry Greub), die Gebäude in Hitchcock-Filmen (Steven Jacob), Hitchcocks Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik (Claudia Bullerjahn), um Choreografien von Traumata (Katja Erdmann-Rajski), Hitchcocks Filme im Spiegel zeitgenössischer Videoinstallationen (Ursula Frohne), um Korrelationen zwischen Essen, Sexualität und Tod in H.’s Filmen (Gregor Weber), um Fisch-Frauen (Anne Martinetti, unterstützt vom Herausgeber; mit Fisch-Rezepten) und um Angstlust als psychische Wirkung der Filme (Alf Gerlach). Keazor hat eine umfängliche Einleitung beigesteuert und ein Gespräch mit dem Künstler Benjamin Samuel über sein Werk Hitchcock30 geführt, das im Frankfurter Filmmuseum ausgestellt war. Die Abbildungen des Buches, oft sehr klein, sind hervorragend gedruckt. Wer noch mehr über Hitchcock und die Kunst erfahren will: 2001 erschien in Montreal ein Katalog zur Ausstellung „Hitchcock and Art“, herausgegeben von Dominique Paini und Guy Cogeval. Mehr zum Buch von Keazor: hitchcock-und-die-kuenste.html

TAXI DRIVER (1975)

2013.Taxi DriverWieder ein großes, schweres Buch aus dem Taschen Verlag. 25 x 37 cm, drei Kilo, 400 Seiten. Diesmal geht es nur um einen Film: TAXI DRIVER (1975) von Martin Scorsese. Aber im Werk von Scorsese, das noch bis 12. Mai in einer Ausstellung des Museums für Film und Fernsehen in Berlin gewürdigt wird, ist TAXI DRIVER ein besonderer Höhepunkt. Und wenn man das Buch mit den Fotos von Steve Schapiro durch-blättert, wird einem noch einmal klar, wie tief Scorsese in die psychischen Deformationen eines Einzelgängers im New York der siebziger Jahre eingedrungen ist und welche Kraft Robert De Niro in die Darstellung seines Travis Bickle investiert hat. Die Fotos, schwarzweiß und Farbe, oft zweiseitig, haben eine eigene Dimension und scheuen auch vor der Abbildung von Grausamkeit nicht zurück. Herausgegeben von Paul Duncan, mit einem kurzen Vorwort von Martin Scorsese und Texten/Interviews aus der Produktionszeit von Scorsese, Autor Paul Schrader und Robert De Niro. Die Ausgabe ist mehrsprachig (englisch/französisch/deutsch) und für Scorsese-Fans unverzichtbar. Mehr zum Buch: taxi_driver.htm.

Carl Laemmle – zwei Biografien

2013.Laemmle.BayerCarl Laemmle (1867-1939) war eine Schlüsselfigur der Gründungs-geschichte des amerikanischen Kinos; er stammte aus dem schwäbischen Laupheim, wanderte 1884 in die USA aus, machte den bilderbuchhaften Aufstieg vom Laufburschen für einen Drugstore zum Geschäftsführer einer Textil-firma, wurde ein Kinopionier in Chicago und gründete 1912 die „Universal Motion Picture Manufacturing Company“, die Ende der 1910er Jahre als „Universal Pictures“ zu den „Big Five“ in Hollywood gehörte. Über Laemmles Lebensgeschichte hat Hans Beller vor dreißig Jahren einen schönen zweiteiligen Dokumentarfilm gedreht. Zeitgleich in diesem Frühjahr sind jetzt zwei Biografien über Laemmle erschienen, die beide ihre Qualitäten haben. Udo Bayer, Historiker mit Wohnsitz in Laupheim, fühlt sich als offizieller Laemmle-Biograf, ist mit den Nachkommen und der Familiengeschichte aufs engste vertraut und schöpft aus archivarischer Fülle. In zwölf Kapiteln breitet er das Laemmle-Leben und die beruflichen Entwicklungen vor uns aus. In den Zitaten wird viel Originalton vermittelt. Laemmles jüdische Herkunft, die politischen Erfahrungen im Amerika der Jahrhundertwende und während des Ersten Weltkriegs, in den Zwanziger Jahren und nach der Machtergreifung der Nazis werden ausführlich thematisiert. Ein eigenes Kapitel ist der amerikanischen Einwanderungspolitik und Laemmles „Affidavits“ (Bürgschaftserklärungen) gewidmet. Mit 891 Fußnoten und Anmerkungen ist der Quellenreichtum beeindruckend belegt. In der Darstellung gibt es Redundanzen. Die Biografie der Bild 1Kulturwissenschaftlerin und Filmhistorikerin Cristina Stanca-Mustea basiert auf ihrer Dissertation. Die Autorin ist geschickt in der Komprimierung des Stoffes, schreibt flüssig und verlegt längere Zitate in den Anmerkungs-teil; sie kommt auch mit 159 Fuß-noten aus. In der bewundernden Verneigung vor ihrem Protago-nisten unterscheiden sich die beiden Bücher nicht. Die doppelte Würdigung von Carl Laemmle ist zwar überraschend, aber er hat sie verdient. Mehr zum Buch von Uo Bayer: op8eanmdp71. Mehr zum Buch von Stanca-Mustea: buch/carl-laemmle.

Horst Buchholz

2013.BuchholzIn den 1950er Jahren wurde er zu einem Star in der Bundesrepublik, in den Sechzigern machte er interna-tional Karriere, aber er stand sich bei der Auswahl der Rollen oft selbst im Wege, hatte Misserfolge und fand zwischen Kino, Theater und Fernsehen keinen festen Platz. Horst Buchholz (1933-2003) war ein sprachgewandter,hoch begabter  und vielseitiger Schauspieler. Als seine wichtigsten Filme bleiben HIMMEL OHNE STERNE (1955), DIE HALBSTARKEN (1956), BEKENNT-NISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL (1957), DAS TOTENSCHIFF (1959), THE MAGNIFICENT SEVEN (1960), ONE, TWO, THREE (1961) und LA VITA È BELLA (1997) in Erinnerung. Er starb vor zehn Jahren in Berlin. Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen der Deutschen Kinemathek, hat jetzt eine sehr lesenswerte Biografie über den Schauspieler publiziert, die nicht nur – mit Hilfe des verfügbaren Nachlasses – hervorragend recherchiert ist, sondern auch eine Bewertung der Filme aus heutiger Sicht wagt. Der aktuelle Blick bringt lohnende Erkenntnisse. Der Text ist seinem Protagonisten sehr zugeneigt, thematisiert aber auch unverständliche Entscheidungen und die Wahl falscher Rollen. Auch das Privatleben ist nicht ausgespart. Vor allem die Darstellung der letzten Jahre in Berlin schmerzt, wenn man sie mit beobachtet hat. Hilfreich für den Autor war die Aufgeschlossenheit von Myriam Bru-Buchholz und Christopher Buchholz. Ein beeindruckender Band in der inzwischen langen Biografien-Reihe des Berliner Aufbau Verlages. Mehr zum Buch: verfuhrer-und-rebell-horst-buchholz.html

Was Sie schon immer über Kino wissen wollten…

2013.Volk-WissenEs sind viele Fragen, die in diesem Buch von dem cinephilen Film- und Literaturkritiker Stefan Volk beantwortet werden. Fragen nach Superlativen (den besten, den teuersten, den erfolgreichsten Filmen und den größten Flops), nach den bekanntesten Filmzitaten, den berühmtesten Tieren auf der Leinwand, den lustigsten Filmtiteln und den schönsten Liebeserklärungen. Der Autor hat sein Material in Kapiteln strukturiert, ein eigenes ist Woody Allen gewidmet, ein anderes James Bond und zwei heißen schlicht „Dies und das“. Das längste handelt vom Oscar, und hier findet sich auch eine nützliche Tabelle mit allen Verleihungen von 1929 bis 2013 mit Datum, Veranstaltungsort, Moderation, Anzahl der Kategorien und bestem Film. Es geht ansonsten um Filmfehler und Filmklischees, um bekannte Schauspieler, die während einer Filmproduktion gestorben sind, um alternative Schlüsse (Happyend oder kein Happyend) und um die 27 Grafen von Monte Christo. Entbehrlich finde ich die Kapitel über Scientologen in Hollywood und die Goldenen Himbeeren. Dies ist im Übrigen kein Buch zum kontinuierlichen Lesen, sondern zum Blättern und Stöbern. Am Ende findet man eine Liste aller Listen, Tabellen und Texte im Überblick. Mehr zum Buch: was-sie-schon-immer-ueber-kino-wissen-wollten.html