Hollywood Unseen

2013.Hollywood UnseenHumphrey Bogart auf dem Fahrrad, Elizabeth Taylor mit Schminkstift vor dem Spiegel, Marlene Dietrich im Herrenjackett, mit Zigarette am Swimming-pool, Burt Lancaster und Paul Newman beim Tennis-spiel. Was auf den ersten Blick nach Schnappschuss aus dem Privatleben aussieht, gehörte in Wahrheit zur harten Publicityarbeit der Hollywoodstudios, der sich kein Schauspieler entziehen konnte. Und so gibt es in den Fotoarchiven nicht nur die Standfotos ausgewählter Filmszenen, sondern auch die Starfotos hinter den Kulissen. Der Bildband „Hollywood Unseen“ präsentiert eine große Auswahl vornehmlich aus den 1930er bis 50er Jahren. Sie stammen aus dem Archiv der John Kobal Collection. Robert Dance beschreibt in einem Essay sehr anschaulich die Arbeit der Publicityfotografen, die vor allem für die Fan-Magazine tätig waren. Ein persönliches Vorwort stammt von Joan Collins. Die Druckqualität – es handelt sich fast ausschließlich um Schwarzweißfotos – ist bemerkenswert. Vom Genre her haben wir es hier mit einem klassischen Coffee Table Book zu tun. Mehr zum Buch: 427707.rhd?mid=5

Sirens & Sinners

2013.Sirens & SinnersBei Thames & Hudson in London und New York ist jetzt die englische Ausgabe meines Buches „Licht und Schatten. Die großen Stumm- und Tonfilme der Weimarer Republik“ (deutsch im vergangenen Herbst bei Schirmer/Mosel, München) mit dem Titel „Sirens & Sinners“ erschienen. Umschlagfoto: Aud Egede Nissen in dem Film DIE STRASSE (1923) von Karl Grune. David H. Wilson hat die Texte übersetzt, gedruckt wurde in hoher Qualität in Italien. Als Autor und Herausgeber muss man sich an die neue Publikation erst heran-arbeiten. Schirmer/Mosel hat ja wirklich Maßstäbe gesetzt. Das Titelbild der deutschen Ausgabe aus Fritz Langs M (1931) mit Inge Landgut und dem Schatten von Peter Lorre hat für mich eine paradig-matische Bedeutung, da hat es jede Alternative schwer. Auch auf der Rückseite – deutsche Ausgabe: Franz Lederer im Schoß von Louise Brooks (DIE BÜCHSE DER PANDORA) – hat eine Veränderung stattgefunden. Hier erlebt jetzt Werner Krauss seinen montierten Albtraum in GEHEIMNISSE EINER SEELE. In die englischen Texte lese ich mich zurzeit hinein. Sie sind mir noch fremd. Fehler habe ich noch nicht entdeckt. Es ist natürlich ein sehr schönes Gefühl, dieses Buch in der Hand zu halten und zu wissen, dass nun auch die Filmfreunde in Amerika und England meine Arbeit zur Kenntnis nehmen können. Mehr über das Buch: Sinners/9780500516898

Lotte Reiniger

2013.ReinigerSie war eine Pionierin des Animationsfilms. Ihr Metier: der Silhouettenfilm. Lotte Reiniger (1899-1981) kam über Paul Wegener in die Filmbranche, ihre große Zeit waren die 1920er Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Carl Koch (der vor allem für die Technik zuständig war) realisierte sie ihren ersten Märchenfilm, ASCHEN-PUTTEL. Drei Jahre dauerte dann die Produktion des abendfüllenden Silhouetten-films DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED , der zu ihrem bekanntesten Werk wurde. Die NS-Zeit verbrachte Lotte Reiniger großenteils in der Emigration, in den Fünfzigern arbeitete sie für die BBC, nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie nach Deutschland zurück und starb 82jährig in Tübingen. Der 60minütige Dokumentarfilm von Susanne Marschall, Rada Bieberstein und Kurt Schneider erzählt das Leben der Künstlerin, zeigt ihre speziellen gestalterischen Fertigkeiten, verbunden mit vielen Filmausschnitten. Die schöne Hommage an Lotte Reiniger ist jetzt als DVD verfügbar. Mehr dazu: list_item=53

Michael Haneke

2013.Du.HanekeVor einem Jahr hatte Michael Hanekes AMOUR in Cannes Premiere und startete seinen Siegeszug durch das Weltkino. Jetzt widmet die Schweizer Zeitschrift Du dem österreichi-schen Regisseur ein interessantes Themenheft. Die Reporterin Daniele Muscionico beschreibt fast sarkastisch die Stimmungs-ambivalenzen, denen ein Journalist in einem Haneke-Interview ausgesetzt ist. Die Münchner Filmkritikerin Martina Knoben und der Wiener Kritiker Stefan Grissemann haben sich noch einmal alle Haneke-Filme angeschaut, sie die Kinofilme, er die Fernsehfilme. Zwei Texte mit Blick für inhaltliche und ästhetische Zusammenhänge. Über jeweils einen Film schreiben die Schriftstellerinnen Terézia Mora (CACHÈ) und Sibylle Berg (FUNNY GAMES) mit einer sehr persönlichen Haltung. Gerda Wurzenberger reflektiert über das österreichische Wesen des Regisseurs. Der Zürcher Operndramaturg Claus Spahn hat sich die Haneke-Inszenierung von „Cosi fan tutte“ in Madrid angeschaut. Und den Abschluss bildet ein Gespräch mit der Schauspielerin Isabelle Huppert. Wie immer bei Du sind die Fotos von besonderer Qualität. Das neue Heft fügt sich in die große Reihe der Regisseurs-Würdigungen dieser Zeitschrift, zuletzt galten sie Clint Eastwood (März 2012), Ang Lee (Februar 2006), Pedro Almodóvar (September 2002). Mehr: www.du-magazin.com/

Michael Ballhaus

2013.Ballhaus 2Der 30. Band der Film-Konzepte ist dem Kameramann Michael Ballhaus gewidmet. Die Herausgeberin Fabienne Liptay hat ein langes, inten-sives Gespräch mit ihm geführt, das am Ende des Bandes abgedruckt ist. Acht Texte umkreisen sein Werk und suchen spezielle Stilmerk-male. Der zentrale Essay stammt von Karl Prümm; mit großer Genauigkeit rekonstruiert er die Zusammenarbeit zwischen Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder bei insgesamt 17 Filmen zwischen 1970 und 1978, von WHITY bis zur EHE DER MARIA BRAUN. Hier werden Entwicklungen beschrieben, Erfindungen analysiert und die sehr speziellen Spannungen zwischen einem bildbesessenen Regisseur und einem eigenwilligen Kameramann thematisiert. Zwei Texte spezifizieren die Arbeit für RWF: der Kunsthistoriker Christian Drude interpretiert die klaustrophilen Bilder nach Klimt in DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, Susanne Marschall öffnet den Blick für die Bildvisionen in WELT AM DRAHT. Die Zusammenarbeit von Ballhaus mit Martin Scorsese beschreibt Matthias Bauer sehr konkret am Beispiel von drei Filmen. Ein kurzer Text über BRAM STOKER’S DRACULA stammt von dem Filmemacher Rudi Gaul. Drei Kameraleute – Stephan Vorbrugg & Diana Weilepp (beide sind Absolventen der Münchner HFF) und Rolf Coulange – haben jeweils ihre persönlichen Eindrücke von der Bilddramaturgie, der Bildersuche und den visuellen Konzepten von Ballhaus formuliert. Juliane Lorenz darf kurz für den physischen Erhalt des Filmerbes im digitalen Zeitalter werben. Nach dem Buch „Das fliegende Auge“ (Ballhaus im Gespräch mit Tom Tykwer, 2002, aktualisierte Neuausgabe 2011) hat es eine neue Ballhaus-Publikation natürlich schwer. Die Lektüre des 120-Seiten-Heftes ist sehr anregend und bringt auch neue Erkenntnisse. Mehr zur Publikation: neu_werke_default_film

Philosophie des Films

2013.Früchtl 2Ohne Philosophiestudium kann man diesem Buch nicht gerecht werden. Deshalb formuliere ich mit aller Vorsicht ein paar Gedanken, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen. Josef Früchtl (*1954), Professor für Philosophie und Kultur an der Universität Amsterdam, rekapituliert die auch von Gilles Deleuze vertretene These, dass das Medium Film auf der Basis des Neorealismus, der Nouvelle Vague und des westdeutschen Autorenfilms dafür gesorgt hat, den Menschen im ontologischen und existentiellen Sinne Vertrauen in das Funktionieren der Welt zurückzugeben. Im Zentrum des Buches steht dann der Versuch, die Vertrauensthese von Deleuze zu befreien und ihr mit dem Denken anderer Philosophen zu einer eigenständigen, weniger metaphysischen Bedeutung zu verhelfen. Dafür holt sich Früchtl Unterstützung bei Jean-Luc Nancy, Walter Benjamin, Georg Simmel, Immanuel Kant, Hans Ulrich Gumbrecht, Stanley Cavell und einem Dutzend anderer Kollegen. Die neun Kapitel – meist aus Vorträgen destilliert – bauen ein kompliziertes Konstrukt aus Definition, Abgrenzung und neuer Hypothese. Der Film selbst spielt dabei zwar eine existentielle, aber nur in wenigen Momenten eine konkrete Rolle. Seinen Einstieg findet Früchtl mit der Schlussszene des Antonioni-Films BLOW UP, die als Einladung zum Vertrauen interpretiert wird. Ein kleines Kapitel ist dem Film FIGHT CLUB von David Fincher gewidmet. Da geht es um den „Kampf des Ich mit und gegen sich selbst.“ Als dritter Film wird im siebten Kapitel FLAGS OF OUR FATHERS von Clint Eastwood auf das Heldenbild hin untersucht. Das ist mir, aufs Ganze gesehen, zu wenig Konkretisierung. Im Labyrinth der Philosophie hätten mir ein paar Brücken in die filmische Realität sehr geholfen. Aber wahrscheinlich bin ich die falsche Zielgruppe für diese Publikation. Und für ein Zweitstudium ist es leider ein bisschen zu spät. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5506-2.html

Hundert Ufa-Stars

2013.Ufa-GesichterEr hat Bücher über Peter Lorre, Karlheinz Böhm und Sybille Schmitz geschrieben und sich speziell mit dem deutschen Film der 1930er, 40er und 50er Jahre beschäftigt. Friedemann Beyer (*1955) beherrscht das Handwerk des Portraitierens. 1991 erschien in der Heyne-Filmbibliothek  sein Buch „Die Gesichter der Ufa“. Jetzt hat er es für eine Neuausgabe überarbeitet: aktualisierte Texte, besserer Druck, anderer Verlag. Hundert Schauspielerinnen und Schauspieler sind hier versammelt, je zur Hälfte Frauen und Männer, jeder Person ist eine Doppelseite gewidmet, links der Text, rechts das Bild. Bei den Frauen beginnt es mit Lida Baarová und endet mit Paula Wessely (Titelfoto: Lilian Harvey), bei den Männern wird die Reihe von Alfred Abel eröffnet,  Mathias Wieman schließt sie. Es gibt ein informatives Vorwort und eine kleine Ufa-Chronik. 99 Portraitierte sind inzwischen tot, nur eine ist noch am Leben: Marta Eggerth. Die in Ungarn geborene Schauspielerin und Sängerin ist 1938 in die USA emigriert und wohnt, 101 Jahre alt, in New York. Mehr zum Buch: ufa/index.html

Luchino Visconti

2013.ViscontiEr gehörte zu den Mitbegründern des italienischen Neorealismus und wurde später einer der Großen des Melodrams. Luchino Visconti (1906-1976) hat 15 Spielfilme gedreht, die meisten in den 1960er und 70er Jahren. Sechs Filme gibt es jetzt in einer schönen Arthaus-Box, drei davon zum ersten Mal als DVD: OSSESSIONE (1942), die Verfilmung des James M. Cain-Romans „The Postman Always Rings Twice“ mit Massimo Girotti und Clara Calamai, LA TERRA TREMA (1947/48), ein fast dokumentarischer Film nach einem Roman von Giovanni Verga mit sizilianischen Laiendarstellern, und BELLISSIMA (1951), nach einer Novelle des Neorealismus-Ideologen Cesare Zavattini mit Anna Magnani als Mutter eines potentiellen Kinderstars. SENSO (1954), Viscontis erster Historienfilm, mit Alida Valli und Farley Granger, wird in einer restaurierten Fassung vorgelegt. ROCCO E I SUOI FRATELLI (1960) mit Alain Delon, Renato Salvatori und Annie Girardot ist Viscontis letzter dem Neorealismus verbundener Film und erzählt eine Familiengeschichte aus Mailand. LUDWIG (1972) blickt zurück ins 19. Jahrhundert und inszeniert die Lebensgeschichte des Bayerischen Königs, der sich vor allem für die schönen Künste (und für Richard Wagner) interessierte. Mit Helmut Berger, Romy Schneider und Trevor Howard. Gute Zeiten, Visconti für die Gegenwart wiederzuentdecken. Mehr zur DVD: luchino_visconti_edition_

Werner Schroeter

2013.Schroeter DVDNun sind, dank der Restaurierungsarbeit des Münchner Filmmuseums, zwei relativ frühe Filme von Werner Schroeter als Doppel-DVD verfügbar: DER BOMBERPILOT (1970) und NEL REGNO DI NAPOLI/ NEAPOLITANI-SCHE GESCHWISTER (1978). Beide Filme handeln in der Kriegs- und Nachkriegszeit, DER BOMBERPILOT in Deutschland, NEL REGNO DI NAPOLI in Italien. Mit Carla Aulaulu, Mascha Elm und Magdalena Montezuma realisierte Schroeter so etwas wie eine Komödie, in der, wie so oft bei ihm, drei Frauen im Mittelpunkt stehen. Sie reüssieren als Künstlerinnen, oft am Rande grotesker Trivialität, zwischen Deutschland und den USA (auch die Amerika-Szenen wurden jedoch in Deutschland gedreht), und auf den titel-gebenden Bomberpiloten wartet man natürlich vergebens. Der Film wurde fürs „Kleine Fernsehspiel“ realisiert und ist relativ unbekannt. Die Geschichte des Geschwisterpaares Massimo und Vittoria aus Neapel erzählt vergleichsweise realistisch das Leben der Stadt zwischen 1944 und 1977. Der Zweistundenfilm ist voll von Haupt- und Neben-figuren, Schicksalen und Todesfällen, gedreht mit Laiendarstellern und einer professionellen Kamera von Thomas Mauch. Die DVD enthält als Bonusmaterial einen Schroeter-Film von 1978 (VIVRE À NAPLES ET MOURIR) und die Dokumentation eines Besuchs von Schroeter im Österreichischen Filmmuseum, ebenfalls 1978. Im Booklet findet man Kommentare von Schroeter zu den beiden frühen  Filmen und einen Text von Fassbinder über Schroeter aus dem Jahr 1979. Weitere Schroeter-Filme sollen in der Reihe „Edition Filmmuseum“ folgen. Mehr zur DVD: Der-Bomberpilot—Nel-Regno-di-Napoli.html

Mit Herz und Auge

UMS2295.inddEs geht um die Liebe im sowjetischen Film und in der Literatur in der Zeit zwischen 1956 und 1990. Natalia Borisova unterrichtet russische Literatur und Sprache an der Universität Konstanz. Geleitet von den kommunikations-theoretischen Ansätzen von Roland Barthes (die Sprache der Liebe), Michel Foucault (der Diskurs der Liebe) und Niklas Luhmann (der Code der Liebe) untersucht die Autorin den Codewandel  in der Sowjetunion vor allem in den 1960er und 70er Jahren. Sie zeigt an vielen Beispielen, wie sich die Regeln des öffentlichen Verhaltens auflösen und dabei ein autonomer Raum für Liebesbeziehungen entsteht. Aber auch diese Liebe folgt oft noch alten Normen. Es sind vor allem die späten 50er und die 60er Jahre, die in Filmbeispielen analysiert werden; dabei stehen DER EINUNDVIERZIGSTE (1956) von Grigori Čuchraj, DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozow, NEUN TAGE EINES JAHRES (1961) von Michail Romm, UND WENN DAS LIEBE IST? (1961) von Julij Rajsman und mehrere Filme von Andrej Michalkow-Končalowskij im Mittelpunkt. Im zweiten Teil der Publikation dominiert die sowjetische Literatur. Auch im letzten Kapitel („Der Krieg der Geschlechter“) bleibt der Film im Hintergrund. Borisovas Erkenntnisse sind auch dann interessant, wenn man die Romane oder Erzählungen nicht gelesen hat. Ihre Hinweise auf WARTE AUF MICH (1943) von Aleksandr Stolper als „Vorgängerfilm“ von DIE KRANICHE ZIEHEN haben mich besonders interessiert. Mehr zum Buch: ts2295/ts2295.php