Deutscher Fernsehpreis

In Köln wird heute zum 14. Mal der „Deutsche Fernsehpreis“ verliehen, ein Gemeinschaftsunternehmen von ARD, ZDF, RTL und Sat.1. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung wird am 4. Oktober im ZDF gesendet. Muss man diesen Preis, über den von einer neunköpfigen Jury entschieden wird, wirklich ernst nehmen? Er konkurriert mit dem Grimme-Preis, der eine längere Tradition hat und als seriöser gilt. Der Deutsche Fernsehpreis – ein bisschen dem amerikanischen „Emmy Award“ vergleichbar – wird in 16 Kategorien verliehen. Es geht um Fiction, Nonfiction, Information, Unterhaltung und Sport. Die Nominierungen sind am 18. September in Berlin bekannt gegeben worden. Außerdem gibt es einen Publikumspreis und einen Ehrenpreis der Stifter. Der geht in diesem Jahr an den Moderator Frank Elstner.

Kollektive Erinnerung und nationale Identität

Eine Dissertation. Zunächst vertieft sich Gerhard Lüdecker (*1975) in den wissenschaftlichen Diskurs über kollektive Erinnerung und nationale Identität. Das tut er so gründlich, dass erst auf Seite 149, also in der Mitte des Buches, die konkreten Analysen ausgewählter Erinnerungs-filme beginnen. Zunächst wird der Nationalsozialismus behandelt, hier stehen vier Filme im Mittelpunkt: STALINGRAD (1992) von Joseph Vilsmaier, AIMÉE & JAGUAR (1998) von Max Färberböck, SOPHIE SCHOLL – DIE LETZTEN TAGE (2004) von Marc Rothemund und DER UNTERGANG (2004) von Oliver Hirschbiegel. Hinzu kommen verschiedene TV-Eventfilme. Dann geht es um die DDR und die Wiedervereinigung im deutschen Spielfilm nach 1989, beginnend mit DIE ARCHITEKTEN (1990) von Peter Kahane, gefolgt von GO, TRABI, GO (1990) von Peter Timm, WIR KÖNNEN AUCH ANDERS (1993) von Detlev Buck, NIKOLAIKIRCHE (1995) von Frank Beyer, DAS VERSPRECHEN (1994) von Margarethe von Trotta, SONNENALLEE (1999) von Leander Hausmann, DIE STILLE NACH DEM SCHUSS (1999) von Volker Schlöndorff, GOOD BYE, LENIN! (2003) von Wolfgang Becker und DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck. Lüdecker lässt sich intensiv auf die Filme ein, konfrontiert sie mit anderen Titeln, untersucht ihren Bezug zu kollektiver Erinnerung und nationaler Identität. Die Filmliste enthält 200 Titel (leider ist sie nicht als Register genutzt). Die Literaturliste ist umfangreich. Mehr zum Buch:  neu_werke_default_film

Spanische Filme

Zwanzig Filme, beginnend mit L’AGE D’OR (1930) von Luis Buñuel, werden in diesem Band exemplarisch analysiert, in der Mehrzahl stammen sie aus der Nach-Franco-Zeit, die 1975 begann. Aus den 1960er Jahren sind immerhin VIRIDIANA von Buñuel, EL VERDUGO von Luis García Berlanga und LA CAZA von Carlos Saura dabei. Einer meiner Lieblingsregisseure, Almodóvar, ist mit PEPI, LUCI, BOM Y OTRAS CHICAS DEL MONTÓN (1980) und TODO SOBRE MI MADRE (1999) vertreten. Und der jüngste Film, MI VIDA SIN MÍ von Isabel Coixet stammt aus dem Jahr 2003. Spanische und deutsche Autoren, meist Professoren/innen der Romanistik, haben bei diesem Buch eng zusammengearbeitet, koordiniert von dem Regensburger Kulturwissenschaftler Ralf Junkerjürgen (*1969), der vor drei Jahren ein ähnliches Buch über spanische Romane publiziert hat. Wir wissen (ich weiß) zu wenig über das spanische Kino. Da macht so ein Filmführer einen Sinn, weil er die einzelnen Titel in einen größeren – auch politischen – Zusammenhang stellt. Insofern auch ein Beitrag zur europäischen Stabilisierung. Mehr über das Buch: www.esv.info/978-3-503-12201-1.

Was wäre, wenn …

Vier Jahre hat Verena Schmöller in Regensburg an dieser Dissertation gearbeitet, es geht um Spielfilme mit alternativen Handlungsverläufen. Ein Klassiker des Forking Path-Films ist IT’S A WONDERFUL LIFE (1946) von Frank Capra, in dem ein Engel einen verzweifelten Mann (James Stewart) vor dem Selbstmord bewahrt und „filmische Gabelungen“ öffnet. Er dient der Autorin als Modell. Dies sind die zwölf anderen analysierten Filme: PRZYPADEK (1987) von Krzysztof Kieslowski, BACK TO THE FUTURE, 3 Teile (1985-1990) von Robert Zemecki, GROUNDHOG DAY (1993) von Harold Ramis, SMOKING/NO SMOKING (1993) von Alain Resnais, LOLA RENNT (1998) von Tom Tykwer, THE MAN WITH RAINS IN HIS SHOES (1998) von Maria Ripoll, SLIDING DOORS (1998) von Peter Howitt, THE FAMILY MAN (2000) von Brett Ratner, MOROR (O NO) (2000) von Ventura Pons und MELINDA AND MELINDA (2004) von Woody Allen. Die Analyse der Typologie ist sehr konkret. In einer Schlussbetrachtung werden Formen und Funktionen, Auslöser und Tendenzen filmischer Gabelungen noch einmal auf den Punkt gebracht. Mit Grafiken und Abbildungen. Mehr über das Buch: www.schueren-verlag.de/programm/titel/339–was-waere-wenn-im-film.html

Werner Schroeter-Symposium in Boston

Begleitend zur Retrospektive der Filme von Werner Schroeter am Harvard Film Archive findet zurzeit am Goethe-Institut Boston ein filmwissen-schaftliches Symposium zu seinem Werk statt. Kuratiert und geleitet von Professor Roy Grundmann, Film Studies Program Director, Boston University, sollen die Diskussionen medienübergreifende Aspekte in den Filmen Schroeters beleuchten. Gäste sind u.a. Gertrud Koch (Freie Universität Berlin; Key note address), Christine N. Brinckmann (Zürich/Berlin), Caryl Flinn (University of Michigan, Ann Arbor), Ed Dimendberg (University of California, Irvine), Gerd Gemunden (Dartmouth College), Eric Rentschler (Harvard University), John Gianvito (Emerson College) und Charles Warren (Boston University). Special Guest ist Stefan Drößler aus München. Nach der Schroeter-Retrospektive im Frühjahr im MoMA ist dies ein weiterer Höhepunkt in der amerikanischen Auseinandersetzung mit seinem Werk. Mehr zur Veranstaltung: www.goethe.de/ins/us/bos/ver/de9150715v.htm

20. Hamburger Filmfest

Heute beginnt das 20. Filmfest in Hamburg. Es wird mit dem Film VALLEY OF SAINTS von Musa Syeed aus Kaschmir eröffnet. Festivalchef Albert Wiederspiel hat, unterstützt u.a. von Kathrin Kohlstedde, Jens Geiger, Mark Stöhr und Friedemann Beyer, wieder ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Am 4. Oktober wird der südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet. Sein neuester Film PIETA hat aus diesem Anlass seine Deutschlandpremiere.

Erzählen in einer anderen Dimension

Vor sechs Jahren hat sich Andreas Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main, mit der zeitlichen Modulation im Dokumentar-film beschäftigt. Jetzt geht es um Zeitdehnung und Zeitraffung im Erzählkino. Seine Leitlinien stammen aus der Phänomenologie Edmund Hussels. Auf 80 Seiten werden die theoretischen Voraussetzungen geklärt, dann folgen Beispielanalysen, beginnend mit Scorseses RAGING BULL. Drei Filme stehen für situatives Erzählen: BONNIE AND CLYDE, THE WILD BUNCH und THE UNTOUCHABLES. Ein Exkurs widmet sich den Martial Arts, den Kampfdarstellungen im Western und in Asien. Ein eigenes Kapitel ist den Olympia-Filmen gewidmet. Um Absencen geht es in Filmbeispielen von Werner Herzog, Wong Kar-wai, Gus Van Sant und Michelangelo Antonioni. Das Schlusskapitel handelt von Stanley Kubrick, Lars von Trier und Andrej Tarkowskij. Die Darstellung ist konzentriert und konkret. Mehr über das Buch: www.buechner-verlag.de/index.php/programm/becker

Global Bodies

Zwanzig Aufsätze zu medialen Repräsenta-tionen des Körpers: im Film, im Computer-spiel, im dreidimensionalen Bild, in Musikvideos, im Videoclip, im Aktionsbild. Einige Texte nehmen sich Regisseurinnen oder Regisseure vor: Philippe Grandrieux, Claire Denis, David Cronenberg, Olivier Assayas, zwei konzentrieren sich auf einen Film: BLACK SWAN (2010, Titelfoto) von Darren Aronofsky, VALHALLA RISING (2009) von Nicolas Winding Refns; andere untersuchen das neue französische Genrekino, den spanischen Horrorfilm, den russischen Kriegsfilm der Gegenwart oder, genereller, „pornografische Geschlechterkämpfe im narrativen Spielfilm“. Viel Blut, Sexualität und Genderfragen. Es empfiehlt sich, zuerst die Textbeschreibungen der einleitenden Bemerkungen lesen, da trennen sich – je nach eigenem Interesse – schon Spreu vom Weizen. Die beiden Herausgeber, Ritzer (Mainz) und Stiglegger (Siegen), wissen natürlich, was auf der akademischen Agenda steht. Es geht ihnen um den Körper als „kulturelles Konstrukt“. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: www.bertz-fischer.de/globalbodies.html

Liebe – Das Buch

Hanekes Film, der gerade in den deutschen Arthouse-Kinos läuft, muss man sehen, auch wenn er sehr schmerzhaft ist. Und es lohnt sich, das Buch zu konsultieren, das den Eindruck noch einmal vertieft. Im Mittel-punkt steht das Drehbuch, das den Purismus des Films, sein elliptisches Erzählen und seine Sensibilität für viele Details erinnernd vor Augen führt. In seinen Ablauf sind zwei zusätzliche Informationsebenen eingefügt: zahlreiche Seiten aus dem deutschen Regiedrehbuch mit Einfügungen und Zeichnungen und aus dem französischen mit Storyboards und Notizen. Blicke in den Produktionsprozess. Dazu kommen viele große Stills aus dem Film. Von Georg Seeßlen stammt ein kluges Nachwort, das den Film in einen Werkzusammenhang von Haneke stellt. Mehr zum Buch: html?isbn=978-3-446-24027-8

Poetik der Schärfenverlagerung

Tereza Smid ist inzwischen Oberassistentin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Das Buch ist ihre Dissertation, die von Christine Noll Brinckmann betreut wurde. Als Brillenträgerin ist die Autorin für ihr Thema sensibilisiert. Sie strukturiert es in drei Kapitel: Gegenstand und Geschichte / Bild und Raum / Emotion und Narration. Ihr Blick ist auf das westliche Kino konzentriert, sie unternimmt aber auch einen Ausflug nach Japan und China (und vergisst dabei Yasujiro Ozu nicht). Es ist erstaunlich, wie die technischen und ästhetischen Phänomene von Bildschärfe und ihrer Verlagerung sich in der Filmgeschichte entwickelt haben und immer wieder vor allem auf zwei Konstante zurückführen: die Aufmerksamkeitslenkung und die Charakterisierung von Figurenbeziehungen. Smid zieht sehr viele Beispiele heran und nutzt intensiv DVD-Screenshots, um ihre Thesen zu visualisieren, was gerade bei diesem Thema unabdingbar ist. Fast 300 Fotos begleiten das Buch an der oberen Kante der Seiten. Auch wenn sie nur klein sind, geben sie eine Vorstellung von der Bedeutung der Szenen. Die Erforschung des Themas geschieht sehr komplex und auf beeindruckende Weise. Band 29 der „Zürcher Filmstudien“ und – wie gewohnt bei dieser Reihe – hervorragend gedruckt. Mehr über das Buch: poetik-der-schaerfenverlagerung.html