Film als Raumkunst

16 Beiträge zum Thema enthält dieser Sammelband, und es geht nach dem kurzen Vorwort kreuz und quer durch die Filmgeschich-te, unterstützt von wissenschaft-licher Gedankenhilfe der Kunst-geschichte. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Martin Loiperdingers Gedanken zum Henny Porten-Film ALEXANDRA (1914), Burkhardt Lindners Hinweise zur Medienarchäologie des frühen Tonfilms, Ursula von Keitz’ Raumanalysen von John Fords THE SEARCHERS (1956, aus dem auch das Titelfoto stammt), Fabienne Liptays Rekurs auf historische Gärten bei Peter Greenaway und Ang Lee (fast ein Dialog mit Nina Gerlachs Buch „Gartenkunst im Spielfilm“) und Malte Hageners Überlegungen zur Multiplikation filmischer Räume im Splitscreen. Mit vielen Abbildungen, sehr gut gedruckt. Mehr zum Buch: 108–film-als-raumkunst.html

Der komische Kintopp

16 Komödien aus den Jahren 1908 bis 1919 sind auf dieser DVD versammelt. Wenn man sie hintereinander anschaut, hat man 147 Minuten lang etwas zum Lachen. Das ist nicht immer subtil, aber ganz auf der Höhe der Zeit. Marie-Luise Bolte spielt dazu Klavier, auch das Opium-Salonorchester macht sich akustisch bemerkbar, und als Sprecher fungiert Ulrich Tukur. Ein Geburtstagsgeschenk (er wurde 65 Jahre alt) für den Hamburger Filmhistoriker Hans-Michael Bock von Absolut Medien, und Arte ist Kooperations-partner, weil die Reihe dort zu sehen war. Wer die Filme von Gerhard Dammann, Heinrich Bolten-Baeckers, Viggo Larsen oder Karl Valentin noch nicht kennt, sollte seinen Horizont unbedingt erweitern. Hans-Michael hat die Filme in europäischen Archiven ausfindig gemacht. Die DVD enthält eine umfangreiche pdf-Broschüre. Im neuesten Heft des film-dienstes (Nr. 17, 16. August) hat Roland Mörchen über die DVD geschrieben. Und auf der Website von Absolut Medien gibt es zusätzliche Informationen: 1480&list=medien&list_item=2

Gartenkunst im Spielfilm

Auf den ersten Blick ist dies ein Sommer-buch. Aber dann wird dem Leser klar, dass es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit (Dissertation) handelt und im Garten viele geheimnisvolle Geschichten passieren, die einen kulturellen Hintergrund haben und zumindest partiell historisch zu entschlüs-seln sind. Vor allem sechs Filme stellt Nina Gerlach in den Mittelpunkt ihrer Analysen: MON ONCLE (1958) von Jacques Tati, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (1961) von Alain Resnais, BARRY LYNDON (1975) von Stanley Kubrick, THE DRAUGHTSMAN’S CONTRACT (1982) von Peter Greenaway, PLEASANTVILLE (1998) von Gary Ross und VATEL (2000) von Roland Joffé. Eine größere Rolle spielen auch Jane Austen-Verfilmungen und Suburbia-Filme der 1990er Jahre. Das Buch ist formal und typologisch gut strukturiert und durch hilfreiche Register erschlossen: 100 Orte, 170 Filme. Mit 144 sw-Abbildungen, die teilweise etwas zu klein geraten sind, und 44 Farbtafeln.

Revolver 26: Manifeste

Man kann Manifeste auf Bestellung schrei-ben. Die Filmzeitschrift Revolver hat befreundete Filmemacher um entsprechende Texte gebeten und 22 erhalten, die in der neuen Ausgabe abgedruckt sind. Geantwortet haben u.a. Apichatpong Weerasethakul, Marie Vermillard, Romuald Karmakar, Claire Denis, Redaktionsmitglied Christoph Hochhäusler, Ira Sachs, Mario Mentrup + Volker Sattel, Werner Penzel, Amie Siegel, Marina Abramovic und Klaus Lemke. Das kürzeste Manifest stammt von Angela Schanelec: „Flüchtigkeit. Absichtslosigkeit. Genauigkeit. Erstaunen.“ Vier Worte, ein Programm. Damit die Internationalität für alle Beteiligten erfahrbar wird, wurden die deutschen Manifeste ins Englische, die englischen und französischen ins Deutsche übersetzt. Mehr zu  Revolver:  www.revolver-film.de/

Maximilian Schell – Erinnerungen

Er ist ein Star, sehr selbstbewusst und kann ziemlich gut schreiben. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass der Schauspieler und Regisseur Maximilian Schell (*1930) uns sein Leben erzählt. Mit 81 ist er relativ spät dran, seinen ‚Oscar’ hat er vor inzwischen 50 Jahren bekommen. Seit Juni sind seine „Erinnerungen“ im Buchhandel und bewegen sich im unteren Bereich der Bestsellerliste. Er fühlt sich in Deutschland nicht wirklich geliebt und anerkannt. Seine großen Erfolge als Schau-spieler fanden im Ausland statt. Er hat mit vielen internationalen Stars zusammengearbeitet, war mit einigen befreundet (Montgomery Clift, Marlon Brando) und kann das alles sehr lebendig erzählen. Die Eitelkeiten halten sich in Grenzen, es ist der Respekt vor kollegialen Leistungen zu spüren, und natürlich geraten viele Geschichten zu Anekdoten. Seine Lebensreise führt uns kreuz und quer durch die Welt, die verschiedensten Künste und immer mal wieder auf die Kärtner Alm, wo er sich am wohlsten fühlt. Sehr berührend: die Erzählungen über seine Agentin Erna Baumbauer, seinen Freund Friedrich Dürrenmatt und auch das lange Kapitel über Marlene Dietrich. Viele Abbildungen und Faksimiles, Resultat eines reichen Lebens.

shomingeki 24

Es gibt diese Filmzeitschrift seit 16 Jahren, vielleicht ist es die letzte Nummer, der Herausgeber Rüdiger Tomczak deutet das in seinem Editorial an. Elf Texte fügen sich – wie immer sehr eigenwillig – zueinander, als Mitarbeiter werden Johannes Behringer, Stefan Flach, Charles Hersperger, Bettina Klix und Peter Nau genannt, sie schreiben über Helke Misselwitz, Naomi Kawase, Jia Zhang-ke, Jafar Panahani, Celia Caturelli, Robert Mulligan, Helmut Färbers Buch „Partie/Renoir“ und unter der Überschrift „Der Backsteingiebel nachts um halb eins“ über viele, sehr unterschiedliche Filme. Tomczak trägt einen langen, schönen Text über Terrence Malicks The Tree of Life  und Gedanken zu acht Filmen von Kinuru Shibuya bei. Shomingeki – das ist ein Verweis auf ein Genre des japanischen Kinos, das sich mit dem Leben einfacher Menschen beschäftigt und heute fast ausgestorben ist. Mehr über die Zeitschrift: www.shomingeki.de

Ronny Loewy

Am 9. August ist unser Freund Ronny Loewy im Alter von 66 Jahren gestorben. Das ist bitter und traurig für seine Frau Gisela und für alle, die ihn kannten. Als Filmhistoriker hat er eher im Hintergrund gearbeitet, war eng mit der Stadt Frankfurt, dem Kommunalen Kino und dem Deutschen Filmmuseum verbunden. Seine wichtigsten Themen waren das jiddische Kino, das Filmexil und der Holocaust. Seit 1993 betreute er die „Cinematographie des Holocaust“ für das Fritz Bauer Institut, das Deutsche Filminstitut und CineGraph Hamburg. Man traf ihn bei der Berlinale, beim Deutschen Filmpreis, bei wichtigen Veranstaltungen und hatte immer Gesprächsstoff. Wir werden nicht vergessen, wie er uns 1996, bei einem Besuch in Jerusalem (FIAF-Kongress), die Stadt nahe gebracht hat. Wir werden ihn sehr vermissen.

Dokumentarfilm (2)

Dies ist ein ganz anderes Buch über den Dokumen-tarfilm: nicht didaktisch, sondern reflexiv. Es heißt „Geliehene Landschaften“ (Untertitel: Zur Praxis und Theorie des Dokumentar-films), stammt von dem Dokumentaristen Hartmut Bitomsky (*1942) und lädt zum Nachdenken ein. Bevor man es liest, sollte man sich zwei Filme ansehen: B-52 (2001) und STAUB (2007). Sie spielen in den Arbeits-journalen, Aufzeichnungen, Tagebüchern, Notizen und Texten des Autors, die er zur Basis seiner Publikation gemacht hat, eine wichtige Rolle. Und dann muss man noch daran erinnern, dass Bitomsky in den 1970er und 80er Jahren mit seiner Firma „Big Sky“ essayistische Dokumentarfilme für den WDR (Redaktion: Werner Dütsch) gemacht hat, ich nenne nur: DER SCHAUPLATZ DES KRIEGES – DAS KINO VON JOHN FORD (1976), DEUTSCHLAND-BILDER (1983), REICHSAUTOBAHN (1985), DER VW KOMPLEX (1988/89). Schließlich ein Zitat: „Jeder Essayfilm ist ein Versuch, eine verlorene, verdrängte Potenz des Films zurückzuerobern, eine unerwünschte Qualität des Kinos wachzuhalten: Das Kino tritt aus sich heraus und kehrt sich selbst zu und in einer Wendung gegen sich selbst fragt es: was bin ich?“ Bitomsky gibt viele kluge Antworten. Herausgegeben hat das Buch der „Neue Berliner Kunstverein“, dessen Leiter Marius Babias ein Vorwort beigesteuert hat.

Sam Fuller 100

Vor 28 Jahren erschien als Band 1 der „Edition Filme“, herausgegeben von Ulrich von Berg und Norbert Grob, ein Buch über den amerika-nischen Regisseur Sam Fuller, das erste in deutscher Sprache. Daran darf man erinnern, denn heute wäre Fuller 100 Jahre alt geworden. „Er schuf ein Kino der großen Geste, der exzentrischen Regieeinfälle und der bizarren Drehbücher um psychotische, nonkonformistische Helden“, schreibt Gerhard Midding in einem schönen Geburtstagstext für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Und das Bayerische Fernsehen sendet heute um 23.35 Uhr Fullers Film SHARK/HAI (1969). Mehr zum Film: main&first=1. Im Fuller-Buch der Edition Filme hat Rudolf Thome über den Film HAI geschrieben.

Dokumentarfilm (1)

Thorolf Lipp, Kulturanthropologe und Filmemacher, zurzeit Gastdozent an der Universität Mainz, hat ein Lehrbuch verfasst. Es ist „als Einstiegslektüre für Studierende an Universitäten, Film- und Fachhochschulen“ konzipiert. Der Autor möchte mit Begriffsklärungen theoretische Orientierungen ermöglichen, die dem Nonfiktionalen Film zu Ansehen und Würde verhelfen. Das ist, angesichts des aktuellen Doku-Mülls im Privatfernsehen, eine gute Absicht. Lipp unterscheidet nach einigen medienanthropologischen Grundgedanken fünf Prototypen des Dokumentarfilms: „plotbasierten Dokumentarfilm“ (historisches Beispiel: NANOOK OF THE NORTH von Robert Flaherty, 1921), „nonverbalen Dokumentarfilm“ (BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walther Ruttmann, 1927), „Documentary“ (THE SONG OF CEYLON von Basil Wright, 1934), „Direct Cinema“ (DONT’ LOOK BACK von D. A. Pennebaker, 1967) und „Cinéma Vérité“ (CHRONIQUE D’UN ÉTÉ von Jean Rouch, 1961). Der Autor benennt die jeweils spezifischen Eigenarten der genannten Typen, charakterisiert den beispielhaften Film, informiert über Weiterentwicklungen, stellt die gestalterischen Mittel und kommunikativen Ziele dar, vermittelt Stärken und Schwächen. Ein abschließendes Kapitel schildert die Produktionsbedingungen für den Nonfiktionalen Film heute. Im Bemühen, die Unterschiede deutlich zu machen, neigt Lipp zu Redundanzen. Manchmal führt das zu einem übertriebenen Pathos, gelegentlich auch zu trivialen Formulierungen. Vielleicht ist das ein unausweichllches Resultat seines Anspruchs. Da wir es mit einer „kompakten, multimedialen Einführung“ ins Thema zu tun haben, liegt dem Buch auch eine DVD bei. Sie liefert drei Stunden Anschauungsmaterial, funktioniert wie eine Power-Point-Präsentation, enthält noch einmal die wesentlichen Definitionsmerkmale, Ausschnitte aus den oben genannten Filmen sowie eine Reihe beispielhafter Übungsfilme. Erschienen im Schüren-Verlag. Mehr zum Buch: spielarten-des-dokumentarischen.html