Bremer Filmpreis

2013.Bela TarrHeute wird in Bremen zum 15. Mal der Bremer Filmpreis verliehen, eine Auszeichnung für ein Lebenswerk oder für stilbildende Einzelleistungen im europäischen Film. In diesem Jahr ist der ungarische Regisseur Béla Tarr der Preisträger. Sein letzter Film, DAS TURINER PFERD, lief im Wettbewerb der Berlinale 2012, Tarr bekam dort den Großen Preis der Jury. Die Laudatio auf Béla Tarr hält Ulrich Gregor. Der Preis ist mit 8.000 € dotiert.   – Morgen beginnt das 18. Internationale Bremer Symposium zum Film. Sein Thema: „Zuschauer? Zwischen Kino und sozialen Netzwerken“. Zu den Referenten gehören Heide Schlüpmann, Janet Staiger, Guillaime Soulez, Josep M. Català und Matthias Frey. Natürlich werden auch Filme vorgeführt.

Hybride Räume

2013.RäumeOliver Schmidt hat mit dieser Dissertation 2011 an der Universität Bremen promoviert. Im Kern geht es um die „Filmwelten im Hollywood-Kino der Jahrtausendwende“. Zum Korpus der analysierten Filme gehören rund 130 Titel aus den Jahren 1990 bis 2010. Und in der Tat wird deutlich, wie sich in diesen zwanzig Jahren der Umgang mit dem filmischen Raum verändert und erweitert hat. Sehr gründlich sind Schmidts theoretische Vorüber-legungen, die beim ‚Raum“ in der Filmgeschichte beginnen, den Raum in der Filmwissenschaft rekapitulieren, Elemente einer Ontologie filmischer Welten konstruieren und auch den aktiven Zuschauer nicht außer Acht lassen. Der Autor unterscheidet im Hauptteil zwischen „diegetischen Räumen“, „narrativen Räumen“, „audiovisuellen Bildräumen“ und entdeckt am Ende filmische Räume als „Genreräume“. Viel Zeit wird damit verbracht, die große Zahl der Filme ihren entsprechenden Räumen zuzuordnen. Je mehr Filme man kennt, umso leichter fällt es, dem wissenschaftlichen Puzzle seinen Reiz abzugewinnen. Besonders ausführlich sind die Analysen von GHOST, GROUNDHOG DAY, LOST HIGHWAY, WHAT DREAMS MAY COME, PLEASANTVILLE, MOULIN ROUGE, THE OTHERS, ADAPTATION, PANIC ROOM, 300, SIN CITY und INCEPTION, die mehrfach ins Spiel gebracht werden. Ein eigenes Kapitel ist Shakespeare-Verfilmungen gewidmet. Schmidt bewegt sich mit zunehmender Selbstsicherheit durch seinen Kosmos. Hilfreich für die Leser sind die zahlreichen Abbildungen, auch wenn die Screenshots manchmal sehr klein wirken. Es gibt mehrere Farbseiten. Mehr zum Buch: hybride-raeume.html

CLOUD ATLAS, das Shooting Script

2013.Cloud AtlasGemessen an den Produktionskosten sind die Einspielergebnisse für den Film von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern eher enttäuschend. In Deutschland haben immerhin mehr als eine Million Zuschauer den CLOUD ATLAS bisher gesehen. Mich persönlich hat der Film sehr beeindruckt. Michael Töteberg hat als Begleitbuch diesmal das Shooting Script gewählt, kombiniert mit 350 Fotos, die dem Film entnommen sind (Kamera: Frank Griebe, John Toll). Man kann beim Lesen und Schauen noch einmal die Kunst der Montage nachvollziehen und die Verwandlungen der Darsteller Tom Hanks, Halle Berry, Ben Wishaw, Hugo Weaving, Susan Sarandon und Hugh Grant in ihren wechselnden Rollen im Lauf der Jahrhunderte. Ein schönes und nützliches Buch. Mehr dazu: Cloud_Atlas.3034536.html

Hedy Lamarr

2013.HedyEigentlich steht alles, was man heute über den Star Hedy Lamarr (1914-2000) wissen muss, im Buch von Peter Körte, das vor zwölf Jahren bei Michael Farin im belleville-Verlag erschienen ist. Nun setzt der Journalist Jochen Förster im Zusammen-wirken mit Anthony Loder, Lamarrs Sohn, noch eins drauf. Sie erzählen das Leben der österreichischen Schauspielerin Hedwig Kiesler, die mit dem Film EKSTASE (1933) bekannt wurde, 1938 nach Hollywood kam und als Hedy Lamarr ein Star wurde, dialogisch und lassen natürlich auch die späten Jahre nicht aus, als ihre Karriere zu Ende war und sie nur noch durch Affären und zwei Ladendiebstähle in den Schlagzeilen blieb. Ihre Filme kommen in der neuen Publikation ein bisschen kurz. Und ihr Anteil an der Erfindung des „Frequenzsprungverfahrens“ bleibt für mich weiter dubios. Aber der Verlag Ankerherz hat viel Kreativität in die Ausstattung dieses Buches investiert. Das macht den speziellen Reiz der Publikation aus. Mehr über das Buch:  www.ankerherz.de/produkte/hedy-darling/

Hannah Arendt

Ab heute ist Margarethe von Trottas HANNAH-ARENDT-Film in den Kinos zu sehen. Das Buch zum Film, herausgegeben von Martin Wiebel, ist klug konzipiert und nähert sich seinem Thema aus zwei Richtungen, der historischen Realität und der filmischen Umsetzung. Dokumentiert sind Texte von Arendt (u.a. ein Gespräch mit Joachim Fest aus dem Jahr 1964), ihrem damaligen Assistenten Jerome Kohn, Mary McCarthy, Rainer Schimpf, Bettina Stangnetz und Ernst Vollrath zu den historischen Fakten und publizistischen Wirkungen. Dem stehen Äußerungen der Co-Autorin Pam Katz, der Produzentin Bettina Brokemper, der Arendt-Darstellerin Barbara Sukowa, des Heidegger-Darstellers Klaus Pohl, des Ausstatters Volker Schäfer und Tagebuch-Aufzeichnungen von Margarethe von Trotta gegenüber. Vom Herausgeber Wiebel stammt ein einleitender Essay zur Entwicklung des Arendt-Projekts. Vier Drehbuchszenen und 15 Farbfotos sind eingefügt. Ein Vorwort hat Franziska Augstein beigesteuert.

Scorsese-Ausstellung

Heute Abend wird im Berliner Museum für Film und Fernsehen die weltweit erste Martin-Scorsese-Ausstellung eröffnet. Dafür hat der gerade 70 Jahre alt gewordene Regisseur sein Privatarchiv geöffnet, und außerdem hatten die Kuratoren Kristina Jaspers und Nils Warnecke  noch den Zugriff auf die Sammlung von Scorseses Lieblingsdarsteller Robert De Niro. Zu sehen sind rund 600 Ausstellungsstücke, darunter De Niros Hemd mit Blutflecken aus CAPE FEAR, seine Boxhandschuhe aus RAGING BULL, Leonardo DiCaprios Kostüm aus GANGS OF NEW YORK und Cate Blanchett Robe aus AVIATOR. Briefe von Scorsese und De Niro dokumentieren ihre Zusammenarbeit an verschiedenen Filmen. Ein eigener Raum ist den New York-Filmen gewidmet. Storyboards – eine Ausstellungsspezialität des Berliner Museums – gibt es zu MEAN STREETS, TAXI DRIVER und AVIATOR, gezeichnet von Scorsese selbst.

Zur digitalen Medienkultur

Eine neue Buchreihe: „Bild und Bit“, herausgegeben von Gundolf S. Freyermuth und Lisa Gotto mit Unterstützung der Internationalen Filmschule Köln. Der erste Band ist paradigmatisch konzipiert: fünf Kapitel, beginnend mit „Umbruch“, endend mit „Aufbruch“, dazwischen „Stehendes Bild: Statische Visualität“, „Bewegtes Bild: Dynamische Visualität, „Virtuelles Bild: Interaktive Visualität“. Zwölf Essays. Von Thomas Elsaesser stammt eine beeindruckende Analyse zum Stand der 3-D-Technik mit der These, dass es hier weniger um einen Effekt, sondern eher um eine Erweiterung unseres Wahrnehmungsspektrums geht. Jörn Glasenapp setzt sich mit alten und neuen Fototheorien auseinander. Lisa Gotto erkennt im Vergleich filmischer Schneebilder (SHINING, FARGO, THE DAY AFTER TOMORROW, INCEPTION) die ästhetischen und medialen Veränderungen zwischen 1980 und 2010. Angela Keppler beschäftigt sich mit der Bildlichkeit des Fernsehens, Stefan Münker mit dessen Veränderungen der Medialität. Lorenz Engell sieht in der Serie BREAKING BAD Ansätze zu einem „Neuen Fernsehen“. Freyermuth als Mitherausgeber formuliert am Ende zwölf Thesen und öffnet damit den Horizont für die Zukunft seiner Schriftenreihe. Jedem Text folgt eine Literaturliste. In der Summe liest man hier theoretische Visionen auf hohem Niveau. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2182/ts2182.php

Crossdressing

Männer kostümieren sich als Frauen, Frauen verkleiden sich als Männer. Das Crossdressing liefert seit hundert Jahren ein großes Potential für Komödien. Viele davon waren zwar einfach nur albern, vor allem in den 1950er Jahren, aber das Thema ist motivgeschichtlich und ideologisch interessant. Zwei Autorinnen haben sich den Stoff geteilt: Silke Arnold-de Simine schreibt über das Crossdressing in deutschen Filmen der Kaiserzeit (Asta Nielsen, Ossi Oswalda), der Weimarer Republik (DER GEIGER VON FLORENZ mit Elisabeth Bergner, DER FÜRST VON PAPPENHEIM mit Curt Bois, DER HIMMEL AUF ERDEN mit Reinhold Schünzel, VIKTOR UND VIKTORIA mit Renate Müller), der Nazi-Zeit (DER PAGE VOM PALAST-HOTEL mit Dolly Haas, CAPRICCIO mit Lilian Harvey). Von Christine Mielke stammen zwei sehr klug argumentierende und umfängliche Kapitel über die verschiedenen Versionen von CHARLEYS TANTE und über Liselotte Pulvers Paraderollen des weiblichen Crossdressing, ergänzt von Texten über Peter Alexander, die Tanten-Inflation der 1960er Jahre, das Take-off der Neunziger (MÄNNER, DER BEWEGTE MANN) und die „Adepten der Tanten“ in den letzten Jahren, endend mit Detlev Bucks RUBBELDIEKATZ. Die Autorinnen gehen auch auf internationale Remakes der Filme ein und verknüpfen ihre Analysen mit gesellschaftlichen Befunden, die sie wissenschaftlich gut absichern. Der Anhang enthält eine umfangreiche Bibliografie und eine Titelliste der Filme. Die Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: http://wvttrier.de/top/Beschreibungen/ID1251.html

Kalter Krieg und Film-Frühling

Im Berliner Zeughauskino wird im Januar eine Auswahl der im Rahmen des Hamburger CineFest gezeigten Filme der 1960er Jahre präsentiert. Zu sehen sind u.a. DIE ENDLOSE NACHT von Will Tremper (BRD 1963; am 11. Januar mit einer Einführung von Jan Gympel), DER GETEILTE HIMMEL von Konrad Wolf (DDR 1964), DER FALL GLEIWITZ von Gerhard Klein (DDR 1961, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase), DER SCHWARZE PETER von Milos Forman (CSSR 1964), JULIA LEBT von Frank Vogel (DDR 1963) mit Angelica Domröse und Jutta Hoffmann, LOTS WEIB von Egon Günther (DDR 1965; Foto: Günther Simon, Marita Böhme). Mein Text über den GETEILTEN HIMMEL (der-geteilte-himmel/ ) stammt aus dem Jahr 1964. Mehr zum Programm: kalterkrieg_2013_01.html

bauhaus & film

So differenziert und gründlich ist das Verhältnis zwischen Bauhaus und Film bisher noch nie dargestellt worden. Thomas Tode, Autor und Filmemacher mit spezieller Bauhaus-Affinität, hat neue Recherchen initiiert und das Spektrum um den Bereich der hybriden Formen (Theatereinspielfilme, Lichtprojektionen, Entwürfe, Medienarchitektur) erweitert, weil ihm die bisherigen Erkenntnisse zu schmal erschienen. In der vorliegenden Publikation kommen viele unbekannte Materialien zum Vorschein, die zwar nicht den Filmcorpus vergrößern, aber den Umgang der Bauhäusler mit dem Film komplexer darstellen. Zu den 13 Autorinnen und Autoren des Bandes gehören neben dem Herausgeber, der einen grundlegenden Essay über interdisziplinäre Aspekte des Films am Bauhaus beisteuert, Norbert M. Schmitz, Birgit Hein, Jeanpaul Goergen, Olaf Bartels und Christian Hiller. Peter Schubert erinnert an die Arbeit der Ulmer Hochschule für Gestaltung in den 1960er Jahren. Niels Bolbrinker und Kerstin Stutterheim berichten über ihren Bauhaus-Film aus den Jahren 1997/98, der 2009 noch einmal überarbeitet wurde. Der Anhang enthält eine kommentierte Bibliografie zum Thema. Mehr zum Buch: www.boehlau-verlag.com/newbuchliste.aspx