Die Retrospektive

2013.Retro„The Weimar Touch“ heißt die Retro-spektive der 63. Berlinale. Das ist ein wunderbarer Titel, um sich auf die Spurensuche nach den Folgen des Kinos der Weimarer Republik zu machen, nach den europäischen und amerikanischen Filmen, in denen die Emigranten, die Deutschland verlassen mussten, ihre Arbeit fortgesetzt haben oder Themen und Formen von amerikanischen und englischen Kollegen variiert wurden. 31 Filme haben die Kuratoren der Reihe, Rainer Rother, Laurence Kardish, Connie Betz und Hans-Michael Bock, ausgewählt und fünf Kapiteln zugeordnet: „The Dark Side“, „Light and Shadow“, „Know Your Enemy“, „Rhythm and Laugher“ und „Variations“. Da gibt es viele Filme zu entdecken und manche bekannten wiederzusehen. Das Foto stammt aus dem Film CONFESSIONS OF A NAZI SPY (1939) von Anatole Litvak mit Edward G. Robinson und Francis Lederer. Morgen um 18 Uhr kommentieren die Kuratoren ihre Auswahl in einer Veranstaltung der Kinemathek im Filmhaus. Daniel Kothenschulte hat in der Berliner Zeitung (und in der Frankfurter Rundschau) einen schönen Text zur Retrospektive geschrieben: 11463210,21670800.html.

Berlinale: Eröffnung

2013.Berlinale-PlakatHeute Abend werden im Berlinale-Palast die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Rund 400 Filme stehen in den verschiedenen Sektionen zur Auswahl, 19 Titel bewerben sich um den Goldenen Bären. Dazu kommen noch der Filmmarkt für Einkäufer und die Deutsche Reihe für internationale Gäste. In den vergangenen Tagen hat man seine Tagespläne entworfen. Ich bin gespannt auf den Eröffnungsfilm von Wong Kar Wai, auf die Wettbewerbsfilme von Gus Van Sant, Thomas Arslan, Jafar Panahi, Steven Soderbergh, Bruno Dumont, George Sluizer und Hong Sangsoo, auf die neuen Filme von Richard Linklater und Bille August, die außer Konkurrenz laufen. Natürlich gibt es auch in allen anderen Sektionen Filme, auf die ich neugierig bin. Und auf keinen Fall werde ich am 14. Februar die Vorführung meines Lieblingsfilms TOKYO MONOGATARI (1953) von Yasujiro Ozu in einer digital restaurierten Fassung versäumen. Viel Zeit braucht man außerdem für die Verabredungen, die man mit Freunden und Bekannten trifft, die zur Berlinale in die Stadt kommen. Es ist meine 54. Berlinale. Und ich weiß aus Erfahrung, wie schnell sie vorbei ist.

Fotos: Brigitte Lacombe

2013.LacombeIhre große Zeit war das New Hollywood der 1970er und 80er Jahre. Dustin Hoffman hat die französische Fotografin 1975 in Cannes entdeckt und auf den Set von ALL THE PRESIDENT’S MEN geholt. Seither ist Brigitte Lacombe eine von Regisseuren, Schauspielerinnen und Schauspielern geschätzte Beobachterin der Filmszene. Ihre Fotos von Steven Spielberg (1976), Roman Polanski (1977) oder Julia Roberts (1989) sind Aufnahmen entspannter Momente, wie man sie sonst kaum zu sehen bekommt. In der Cafeteria der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, dem „Helene-Schwarz-Café“, sind seit heute Fotos von Lacombe ausgestellt, die sie in den vergangenen dreißig Jahren „On the Set with Martin Scorsese“ gemacht hat. Eine wunderbare Ergänzung zur Scorsese-Ausstellung der Deutschen Kinemathek und ein eigenständiger Beitrag zur Berlinale. Lars-Olav Beier hat darüber in der aktuellen Print-Ausgabe des Spiegel einen schönen Text geschrieben (im Netz nur mit Bezahlung zu lesen). Mehr zur Ausstellung: www.dffb.de/html/de/blog/2013/1/3257

Filmblatt 50

2013.Filmblatt 50Seit 1996 gibt es die Zeitschrift Filmblatt, herausgegeben von CineGraph Babelsberg. Jetzt ist die Nummer 50 erschienen, ein Grund zum Feiern. Die Filmreihen „Wiederentdeckt“ und „FilmDokument“, von CineGraph Babelsberg gemeinsam veranstaltet mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv und der Deutschen Kinema-thek im Zeughauskino oder im Arsenal, liefern mit den überarbeiteten Einführungs-texten so etwas wie das Basismaterial für die Zeitschrift. Fundstücke und Filmbuch- bzw. DVD-Rezensionen sind ein weiterer Schwerpunkt. Das neue Heft eröffnet Klaus Kreimeier mit einem Text über Filmwissen-schaft und kulturelle Öffentlichkeit in Deutschland. Mit einem Essay über „Zeigen, Versammeln, Bewahren“ von Michael Wedel beginnt eine neue Rubrik „Aus Forschung und Vermittlung“. Interessante Texte handeln von der Drehbuchautorin Rosa Porten (Titelbild; Autorin: Annette Förster), dem Sittenfilm PEST IN FLORENZ (1919, Ursula von Keitz) und der Kontrastdramaturgie des Films DIE LIEBLINGSFRAU DES MAHARADSCHA (1920/21, Jürgen Kasten). In zwei FilmDokumenten geht es um den Kameramann Walter Frentz (Autoren: Jeanpaul Goergen und Matthias Struch). Dazu: diverse Rezensionen. Wirklich ein Jubiläumsheft. Mehr Informationen: www.filmblatt.de/filmblatt-aktuell.html

DAS FAHRRAD von Evelyn Schmidt

Cover_Schmidt.inddEvelyn Schmidt (*1949) war Regisseurin im DEFA-Spielfilmstudio und hat dort zwischen 1980 und 1990 vier Spielfilme inszeniert: SEITENSPRUNG, DAS FAHRRAD, AUF DEM SPRUNG und DER HUT. Es waren eigenwillige Filme, und vor allem DAS FAHRRAD (1982, Drehbuch zusammen mit Ernst Wenig und Erika Richter) wurde von der DDR-Kritik überwiegend abgelehnt. In der Geschichte einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter gab es zu wenig positive, staatstragende Aspekte. Nach der Einigung konnte Evelyn Schmidt keinen Spielfilm mehr realisieren. Sie hat jetzt – mit Unterstützung der DEFA-Stiftung – in einer Montage aus Dokumenten und persönlichen Erinnerungen die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des FAHRRADS zu einem Buch verarbeitet, das höchst lesenswert ist, weil die Autorin darin sehr lakonisch und ehrlich ihren Lebens- und Berufsweg schildert und damit weit über die Grenzen eines Buchs über einen speziellen Film hinausgeht. Der Blick zurück ist durchaus selbstkritisch, auch emotional berührend und spart den privaten Bereich weitgehend aus. Heute Abend stellt Evelyn Schmidt ihr Buch im Berliner Arsenal vor. Mehr zum Buch: products_id=406

Zur Vielfalt des Weimarer Kinos

2013.Many FacesEin wichtiger Nachtrag zur Literatur zum Weimarer Kino, die Original-ausgabe erschien 2010, jetzt liegt die preiswerte Paperbackausgabe vor (sie kostet rund 30 €). Der Herausgeber Christian Rogowski, Germanist am Amherst College in Massachusetts, stellt nicht die Kanonfilme der Zeit, nicht CALIGARI, NOSFERATU oder METROPOLIS in den Fokus, sondern wichtige Filme der „zweiten Reihe“ und spezielle thematische Zusammenhänge. Neun Texte analysieren einzelne Filme: NERVEN (1919) von Robert Reinert (Autorin: Barbara Hale), SUMURUN (1920) von Ernst Lubitsch (Autor: Richard W. McCormick), DAS ALTE GESETZ (1923) von E. A. Dupont (Cynthia Walk), ORLACS HÄNDE (1924) von Robert Wiene (Anjeana Hans), WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT (1925) von Wilhelm Prager (Theodore F. Rippey), ALRAUNE (1927) von Henrik Galeen (Valerie Weinstein), GESCHLECHT IN FESSELN (1928) von Wilhelm Dieterle (Christian Rogowski), WESTFRONT 1918 (1930) von G. W. Pabst (Jaimey Fisher) und NIEMANDSLAND (1931) von Victor Trivas (Nancy P. Nenno). Die Essays behandeln die Aufklärungsfilme von Richard Oswald (Jill Suzanne Smith), antibolschewistische Tendenzen im frühen Weimarer Kino (Philipp Stiasny), das Starsystem der 1920er Jahre (Joseph Garncarz), die Rollen von Conrad Veidt (Elizabeth Otto), die Musik des Abstrakten Films (Joel Westerdale), Franz Osten in Indien (Veronika Fuechtner), die Sprachversionen 1929-1933 (Chris Wahl), die Integration des Tonfilms (Ofer Ashkenazi), Brigitte Helm und Marlene Dietrich (Mihaela Petrescu). Fast alle Texte sind auf hohem Niveau gedacht und formuliert und öffnen den Blick für den Zusammenhang zwischen Film und Gesellschaft in der Weimarer Zeit. Die rund 60 Abbildungen sind für die Lektüre hilfreich, aber von unterschiedlicher technischer Qualität. Mehr zum Buch: Product=13154

Ausstellung Volker Noth

2013.Noth-KatalogIm Museum Folkwang in Essen wird heute die Ausstellung „Berliner Leben“ mit Plakaten des Grafikers Volker Noth eröffnet. Mit rund 400 Plakaten ist im Archiv des Folkwang-Museums das Gesamtwerk von Noth verwahrt. 70 Blätter werden in der Ausstellung präsentiert, in Einzelfällen von der ersten Skizze bis zum fertigen Plakat. Volker hat von 1977 bis 2006 die Retro-Plakate für die Kinemathek entworfen und die Mehrzahl der Bücher gestaltet. Er war dem Haus als Grafiker eng verbunden. Zu seinem Buch „Deutsche Kinemathek/Plakate + Publikationen“ habe ich ein Vorwort geschrieben: 2005/07/799/ . Ich freue mich, dass er nun in Essen mit einer Ausstellung gewürdigt wird. Sie ist kombiniert mit der Ausstellung „Die Engel von Paul Klee“ und einer Präsentation „Kleiden – Verkleiden. Fotografien aus der Sammlung“. Und im Steidl Verlag (Edition Folkwang) erscheint ein Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von René Grohnert, Leiter des Folkwang-Plakatmuseums..

Sounddesign im deutschen Spielfilm

2013.SounddesignTon, Musik, Geräusche im Film sind ein angesagtes Thema. Beim Buch über „Psychoakustische Verfah-ren der Geräuschkonzeption von der Nachkriegs- bis zur Neuzeit“ von Marion Brauch handelt es sich um eine Dissertation, die an der Pädagogischen Hochschule Karlruhe entstanden ist. Zunächst werden die Grundlagen zur Entstehung und Wahrnehmung von Soundereignissen beschrieben. Im Hauptteil geht es um das Sounddesign im deutschen Film, genauer gesagt: im westdeutschen Film, denn alle Filmbeispiele von den 1950er bis in die 80er Jahre stammen aus der Bundesrepublik, weil die Gewinner des Deutschen Filmpreises als Basis benutzt werden. Die Modellanalysen sind anschaulich dargestellt und nachvollziehbar beschrieben. 60 Seiten widmen sich einer „Typologie von Lautereignissen im Kontext des Bedingungsgefüges“. Hier geht es um Schritte, Türen, Signale, Uhren, Glocken, Herz- und Atemgeräusche, Sprachkommentare, Tierlaute, elektronische Cluster, elektronisches Rauschen und Summen. 60 Filme dienen als Beispiele. Im Zentrum steht immer wieder der Neue deutsche Film der 1960er und 70er Jahre (Kluge, Fassbinder, Wenders). Zum Abschluss vermittelt eine empirische Studie, an der 118 Probanden auf Grund einer Online-Befragung teilnahmen, Daten zur Wirkung von Geräuschkulissen im Spielfilm. Im Sprachstil hat die Arbeit einige Mängel, die wissenschaftlichen Ansprüche werden erfüllt. Mehr zum Buch: Nachkriegszeit-Neuzeit.html

Neuer Ausstellungsführer

ausstellungNach mehr als zehn Jahren hat der alte Ausstellungsführer des Filmmuseums Berlin, inzwischen: Museum für Film und Fernsehen, ausgedient. In der Ständigen Ausstellung wurde seit der Eröffnung im September 2000 viel geändert, vor allem in den Räumen „Von der Nachkriegszeit…(1946-1980) …zur Gegenwart (1981 bis heute)“ und im hinzugekommenen Fernsehbereich mit Zeittunnel und Programmgalerie. Rainer Rother führt in die Ständige Ausstellung ein. 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinemathek haben mit großer Sachkenntnis für liebevolle Begleittexte zu den einzelnen Bereichen gesorgt. Die Fotos der Ausstellung und der Objekte stammen von Marian Stefanowski. Annette Vogler hat das Buch redaktionell betreut. Druck und Papierqualität sind hervorragend, wie schön, dass der Ausstellungsführer (den es auch in englischer Sprache gibt) jetzt bei Bertz + Fischer erschienen ist. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/ausstellung.html.

Geschichten für Hollywood

2013.In der Ferne das GlückViele deutsche Autoren, die 1933 vor den Nazis fliehen mussten und ins Exil gingen, hatten große Schwierig-keiten, sich in der neuen Umgebung beruflich zu betätigen. In Hollywood, dem Ziel zahlreicher Emigranten, funktionierte wenig ohne Sprachkennt-nisse und gute Verbindungen. Der Agent Paul Kohner war in den 1930er Jahren eine bevorzugte Anlaufstelle und große Hilfe für viele Schriftsteller. In seinem Nachlass, der 1988 von der Stiftung Deutsche Kinemathek erworben wurde, finden sich zahlreiche Texte bekannter Autoren, die hier erstmals publiziert werden. 25 Erzählungen haben die Herausgeber Wolfgang Jacobsen und Heike Klapdor für das Buch „In der Ferne das Glück“ ausgewählt, darunter Texte von Vicki Baum, Ernest Bornemann, Fritz Kortner, Heinrich und Klaus Mann, Joseph Roth und Leo Mittler, Felix Salten, Alfred H. Unger und Ernst Wolff. Die Kommentare der Herausgeber (mehr als 100 Seiten) sind sorgfältig recherchiert und sehr informativ. Heute Abend wird das Buch in der Mendelssohn-Remise (Jägerstraße) vorgestellt. Es liest Bibiana Beglau. Mehr zum Buch: in-der-ferne-das-gluck.html.