Zum aktuellen deutschen Film

2013.Aktuelle FilmMomentaufnahmen zum deutschen Film auf 333 Seiten. Die beiden Herausgeber sind Absolventen der Mainzer Filmwissenschaft. Sie haben verschiedene Kolleginnen und Kollegen aktiviert, eigene Texte geschrieben und interessante Gastautoren gewonnen. Thomas Rothschild und Rüdiger Suchsland machen sich Gedanken über Gegenwart und Zukunft der Film-kritik, ein offenbar unerschöpfliches Thema. Der Genrekenner Georg Seeßlen beweist, dass die deutsche Filmkomödie gar nicht komisch sein kann (aktualisierte Fassung eines Textes aus epd film). Die beiden Festivalmacher Hajo Schäfer und Sebastian Brose („achtung berlin“) blicken auf den deutschen Film aus Festivalsicht. Bernd Zywietz gibt eine kluge Orientierungshilfe auf dem Feld Film/Fernsehen. Natürlich spielt die Digitalisierung eine Rolle, am nachhaltigsten in einem Text von Harald Mühlbeyer – als Mitarbeiter der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung dafür sensibilisiert – über die Sicherung und Pflege des deutschen Filmerbes. In drei Gesprächen kommen Newcomer zu Wort: André Erkau, Brigitte Maria Bertele und Wenzel Storch, Zywietz stellt in einem eigenen Text Jan G. Schütte, Jakob Lass, Tom Lass und Axel Ranisch als kreative Individualisten vor, Julia Quedzuweit reflektiert über die „Berliner Schule“, und Mühlbeyer sucht auf Festivals nach speziellen Begabungen des aktuellen deutschen Films. Die Dramaturgie der Texte ist klug strukturiert, am Ende werden noch neun Nachwuchs-darstellerinnen und –darsteller in kurzen Texten porträtiert. Die beiden Herausgeber, auf der Höhe der Zeit, aktualisieren ihr Buch fortlaufend auf einem begleitenden Blog: http://ansichtssache-buch.blogspot.de. Mehr zum Buch: ansichtssache-zum-aktuellen-deutschen-film.html.

Das jiddische Kino

2013.01.Jiddisches KinoMit dieser Dissertation hat Chantal Catherine Michel an der Freien Universität Berlin promoviert. Es geht um „Aufstiegs-inszenierungen zwischen Schtetl und American Dream“ (Untertitel), um das Jiddische Kino zwischen 1911 und 1950. Seine Zielgruppe waren osteuropäische Juden, die eine Emigration nach Amerika im Blick hatten. Rund 140 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme bildeten den Korpus des Jiddischen Kinos, ein Drittel davon waren Stummfilme. Ihre Nähe zum Theater ist auch formal spürbar. Die Autorin hat zwölf Produktionen für eine vertiefende Analyse ausgewählt. Sie geht von drei hypothetischen Voraussetzungen aus: einem Ziel (sozialer Aufstieg), einem Start (jüdische Identität) und einem Weg (Assimilation). Nach der Klärung der theoretischen Grundlagen werden die ausgewählten Filme vier Kategorien zugeordnet: „Assimilationsfilme“ (beispielhaft: MIZREKH UN MAYREV von Sydney M. Goldin, YIDL MITN FIDL von Joseph Green, AMERIKANER SHADKHEN von Edgar G. Ulmer), „Barrierefilme“ (YIZKOR von Sydney M. Goldin, DER VANDERNDER YID von George Roland und TEVYE DER MILKHIGER von Maurice Schwartz), „Wunschtraumfilme“ (DER PURIMSHPILER und MAMELA, beide von Joseph Green) und „Albtraumfilme“ (ONKL MOZES von Sidney M. Goldin, MOTL DER OPREYTER von Joseph Seiden, DER VILNER BALEBESL von George Moskov und Max Nossek). Die Filme wurden zum Teil in Osteuropa, zum Teil in den USA produziert. Chantal Catherine Michel hat gründlich recherchiert, ihre Strukturierung des Stoffes wirkt logisch, ihre Analysen sind konkret und sensibel, wie es dem Thema angemessen ist. Metropol-Verlag, Berlin, 400 Seiten, 24 €.

Kinoträume im WDR 3

2013.Reichart, ManuelaAm letzten Berlinale-Sonntag stellt Manuela Reichart traditionell im WDR 3 (Radio, 18.05-19.00 Uhr) neue Filmbücher vor, meist im Gespräch mit Autoren oder Herausgebern. Drei Bücher stehen heute im Mittelpunkt der Sendung: „Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood“ von Christine Wunnicke (Berenberg Verlag), „In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood“, herausgegeben von Heike Klapdor und Wolfgang Jacobsen (Aufbau Verlag) und mein Buch „Licht und Schatten. Die großen Stumm- und Tonfilme der Weimarer Republik“ (Schirmer/Mosel). Außerdem gibt es einen Hinweis auf das Buch „Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie“ von Klaus Nüchtern (Zsolnay Verlag). Das Buch von Christine Wunnicke erscheint Anfang März, ich bin sehr gespannt darauf. Die Bücher von Klapdor/Jacobsen (geschichten-fur-hollywood-2/) und Nüchtern (buster-keaton-2/) habe ich bereits vorgestellt. Mehr zur Sendung: kinotraeume100.html

Bären-Verleihung

2013.Bären,neuHeute Abend findet im Berlinale-Palast die Preisverleihung statt. Sie wird von 3sat ab 19 Uhr live übertragen. Die Internationale Jury (Präsident: Wong Kar-Wai) darf einen Goldenen Bären und sieben Silberne (Großer Preis der Jury, Beste Regie, Beste Darstellerin, Bester Darsteller, Bestes Drehbuch, spezielle Künstlerische Leistung und Sonderpreis) verleihen, dazu kommt der „Alfred-Bauer-Preis“. Die Prognosen – vor allem was den Goldenen Bären betrifft – sind lebhaft. In den Spitzenpositionen findet man den iranischen Film PARDÉ von Jafar Panahi und Kamboziya Partovi, den chilenischen Film GLORIA von Sebastián Lelio, den rumänischen Film CHILD’S POSE von Cakin Peter Netzer, den bosnischen Film AN EPISODE IN THE LIFE OF AN IRON PICKER von Danis Tanovic und den kasachischen Film HARMONY LESSONS von Emir Baigazin. Gemeinsam ist ihnen – wie in fast jedem Jahr – die Programmierung in den vergangenen acht Tagen in der Presseschiene morgens um 9 Uhr. Besonders schwer wird die Wahl bei der besten Darstellerin, die Auswahl ist in diesem Jahr besonders groß. Der deutsche Beitrag GOLD von Thomas Arslan hat wohl (leider) wenig Aussichten auf einen Preis. Die Besucher der Preisverleihung können anschließend den Siegerfilm sehen – und seit heute sind die kritischen Resümees der 63. Berlinale zu lesen. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

DER STUDENT VON PRAG (1913)

2013.Student von PragIn der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird heute Abend wieder ein Stummfilm mit Orchesterbegleitung aufgeführt. Diesmal ist es DER STUDENT VON PRAG aus dem Jahr 1913, inszeniert von Hans Heinz Ewers und Stellan Rye mit Paul Wegener, Grete Berger und Lyda Salmonova in den Hauptrollen. Als Kameramann gab Guido Seeber dem Film seine spezielle Ausdrucksform. Gezeigt wird als Erstaufführung eine digital rekonstruierte Fassung, die im Münchner Filmmuseum realisiert wurde.  Gespielt wird die nach einem Klavierauszug rekonstruierte Originalmusik von Josef Weiss. Daniel Grossmann dirigiert das Orchster Jakobsplatz München. Kooperationspartner ist ZDF/Arte. Mehr zum Film: programm/datenblatt.php?film_id=20137722

Ozu / Yamada

2013.Ozu 1Als Berlinale Classic zeigen die Film-festspiele heute TOKYO MONO-GATARI (1953) von Yasijiro Ozu in einer digitalen Restaurierung. Es ist für mich einer der schönsten Filme, die es gibt. Mit Chishu Ryu und Chieko Higashiyama als altem Elternpaar, das noch einmal seine erwachse-nen Kinder in Tokio besucht und dort nur von der verwitweten Schwiegertochter Noriko (Setsuko Hara) gut behandelt wird. Am Ende stirbt die Mutter, und der Vater muss sich sein Leben allein einrichten. 2013.Yamada– Yoji Yamada (*1931) war damals Ozus Regieassistent. Jetzt hat er – nach sechzig Jahren – ein Remake des Films gedreht. Geht das? Wenn man mit Ozus Film sehr vertraut ist, fällt es zunächst schwer, sich bei Yamada zuhause zu fühlen. Sein Film, das macht dann auch seinen Reiz aus, spielt in der japanischen Gegenwart, nach Fukushima. Das alte Elternpaar kommt ins moderne Tokio, es gibt viele Parallelen zu Ozus Geschichte, aber natürlich aktualisierte Varianten. Die Figur der Noriko – sie ist jetzt die Verlobte des jüngsten Sohnes – kommt spät ins Spiel, der Tod der Mutter (sie wird von Kazuko Yoshiyuki wunderbar gespielt) ist dramatischer inszeniert, der Vater (Isao Hashizume) wirkt aktiver, in vielen Details erkennt man Yamadas Verehrung für Ozu. Ihm ist der Film – auch er wird als Berlinale Special gezeigt – gewidmet. Mehr zum Film TOKYO KAZOKU: id=20136761.

Claude Lanzmann

2013.Lanzmann neuDie Hommage der 63. Berlinale ist dem großen französischen Filmemacher Claude Lanzmann (*1925) gewidmet, der heute nach Berlin kommt und morgen Abend einen Goldenen Ehrenbären erhält. Bei absolut Medien gibt es eine DVD-Box mit seinen sieben großen Filmen: WARUM ISRAEL (1973), SHOAH (1985), TSAHAL (1994), EIN LEBENDER GEHT VORBEI (1997), SOBIBOR, 14. OKTOBER 1943, 16 UHR (2001) und DER KARSKI-BERICHT (2010). Wohl niemand ist mit einer solchen Intensität in die Geschichte der Judenverfolgung im Nationalsozialismus eingedrungen wie Lanzmann. An seinem wichtigsten Film, SHOAH, arbeitete er zehn Jahre. Er dauert neun Stunden und lässt nur Zeitzeugen zu Wort kommen. 1985 war er der Höhepunkt des Forum-Programms der Berlinale. Jetzt wird er in digitalisierter Form gezeigt. Das Booklet der DVD-Box enthält u.a. einen Essay von Klaus Theweleit über Lanzmann. Mehr zur Box: editionen&list_item=0 . 2010 erschienen die Erinnerungen von Claude Lanzmann im Rowohlt-Verlag: „Der patagonische Hase“. Heute um 18 Uhr führt Ulrich Gregor ein Gespräch mit Claude Lanzmann im Filmhaus. Mehr zur Hommage:  hommage.

www.alleskino.de

2013.alleskinoHeute wird die Website frei-geschaltet und die ersten Filme sind als Video-on-demand verfügbar: „www.alleskino.de“. Das Projekt von Hans W. Geißendörffer, Jochen von Vietinghoff und Andreas Vogel ist ehrgeizig und auf Langfristigkeit angelegt. Alle rund 11.000 langen deutschen Spiel- und Dokumentar-filme soll man sich zuhause anschauen können. Jochen von Vietinghoff: „Wir wollen deutsche Filme wieder sichtbar machen. National und international über alle Kanäle. Unsere Herangehens-weise ist es, die Interessen der Produzenten, Kreativen und der Zuschauer gleichberechtigt zu berücksichtigen. Ob Arthouse oder Blockbuster – unsere Plattform will Heimat für alle Produktionen der deutschen Filmindustrie werden.“ Die verantwortliche Institution heißt „Schätze des deutschen Films“ und wurde vor einem Jahr gegründet. Man kann ihr nur viel Erfolg wünschen. Mehr zum Projekt: www.schaetze-des-deutschen-films.de/

Berliner Kinos

2013.Berliner Kinos„Kiez-Kinos“ heißen sie während der Berlinale, weil sie Schauplatz einer eigenen Reihe sind. Und dieses Buch, zur Berlinale erschienen, mit einem Vorwort von Dieter Kosslick, stellt 21 von ihnen in Wort und Bild vor. Der Autor Ulf Buschmann (Beruf: Fotograf) ist natürlich vor allem an den Bildern interessiert. Er zeigt Fassaden, Zuschauerräume, Leinwände, technische Einrichtungen, Beleuchtungen in schönen Fotos; besonders schön: Cinema Paris, Filmrauschpalast und Z-inema. Der Buch ließe sich mühelos verdoppeln, weil mindestens zwanzig Kinos (zum Beispiel Arsenal, Bali in Zehlendorf, Capitol in Dahlem, Kino am Bundesplatz, Filmkunst 66, Moviemento, Toni/Tonino oder Zeughauskino) fehlen. Bis aufs Colosseum sind alle Multiplexe ausgespart. Einen kleinen Einführungstext zur Kinoauswahl hätte man sich schon gewünscht. Titelfoto: Union in Friedrichshagen. Mehr zum Buch: Berliner_Kinos.html

Filmstadt Berlin auf 3sat

2013.Chamissoplatz2-1Zwei extrem unterschiedliche Spielfilme und eine dokumentarische Impression zeigt 3sat heute Abend in seiner Reihe „Filmstadt Berlin“. Zuerst ist Wolfgang Staudtes DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) zu sehen, der erste deutsche Nachkriegsfilm mit Ernst Wilhelm Borchert und Hildegard Knef, ein Stimmungsbild der Trümmerstadt, das tief in die Traumata des Krieges eindringt. Dann folgt IN BERLIN (2009) von Michael Ballhaus und Ciro Cappellari, ein Kaleidoskop aus jüngerer Zeit, nicht so kunstvoll wie Ruttmanns BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927), der gestern zu sehen war, aber sympathisch. Und dann gibt es Rudolf Thomes wunderbaren Film BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980), eine Liebesgeschichte aus der Frühzeit der Gentrifizierung von Kreuzberg mit Hanns Zischler und Sabine Bach. Michael Althen hat darüber einen Text geschrieben, den man noch nicht im Netz lesen kann, aber ich zitiere wenigstens einige Sätze über die schönste Szene des Films: „Und während er anfängt zu singen, sitzt sie in ihrem Bademantel und noch feuchtem Haar auf dem Sofa und hört und sieht ihm zu. Einfach so. Nur ihr Gesicht und wie sich die Musik und die Liebe darauf abzeichnen. Sie nimmt auch einen Schluck Rotwein und lächelt. Über den Überschwang dieses Mannes am Flügel. Ihren Mann. Ihre Liebe. Einfacher und schöner ist das, was man Liebe nennt, im Kino nicht zu haben.“ (aus dem Band über den Neuen Deutschen Film, Reclam 2012). Mehr über die 3sat-Filmreihe: film/reihen/167448/index.html