Skandinavischer Horrorfilm

UMS2001kumediPenke.inddNils Penke (Göttingen) beobachtet ein erstaunliches Wachstum des Horrorfilms in Skandinavien seit zehn Jahren und hat sich zusammen mit elf Autorinnen und Autoren auf eine Spurensuche nach Traditionen, Vorbildern und neueren Entwicklungen begeben. Anna-Marie Mamar interpretiert die Figur des Todes in Victor Sjöströms KÖRKALEN (1921; dt.: DER FURMANN DES TODES), einem allegorischen Kunstfilm ohne Horroreffekte. Über Carl Theodor Dreyers VAMPYR (1931) schreibt Marcus Stiglegger und konzentriert sich dabei vor allem auf die Bildsprache. Weit über eine Einzelfilmanalyse geht Matthias Teicherts Text über Ingmar Bergmans Film VARGTIMMEN (DIE STUNDE DES WOLFS, 1968) hinaus; er analysiert mit Querverweisen zu Roger Corman und Mario Bava die Neuorientierung des Horrorfilms in den 1960er Jahren, die sich in den Siebziegern fortsetzt. Andreas Jacke und Sophie Wennerscheid unternehmen, zum Teil in Paralleltexten, eine Tiefenanalyse der Fernsehserie RIGET (1994/97) von Lars von Trier, grenzen sie gegen Kubricks THE SHINING, Polanskis ROSEMARIES BABY und Lynchs TWIN PEAK ab und erkennen in ihr einen „Metafilm“. Der schwedische Splatterfilm EVIL ED (1995) zeigt für Hauke Seven das Versagen der Zensur gegenüber Genreparodien. Judith Wassiltschenko ist mit zwei Texten vertreten: einmal geht es um die Sprache in den norwegischen Filmen VILLMARK (2003) und NABOER (2005); im zweiten Fall um den globalen Kulturaustausch am Beispiel von FRITT VILT (2006) und REYKJAVÍK WHALE WATCHING MASSACRE (Island 2009). Der dazwischen platzierte Text von Daniel Kehlmann über Lars von Triers ANTICHRIST (ein Nachdruck aus der Zeit) nimmt sich im Kontext der sonst wissenschaftlich argumentierenden Texte eher fremd aus. Bei Benjamin Ryan Schwartz geht es dann um Gender und Sexualität schwedischer Nachtwandler in neueren Film und TV-Produktionen. Mit dem Verhältnis von Räumlichkeiten und Männlichkeitskonzepten in SAUNA (Finnland 2008) beschäftigt sich Sabine Planka. Der Herausgeber Penke entdeckt Vergangenheits- und Gegenwarts-phänomene in der norwegischen Splatterkomödie Død snø (2009). Zum Abschluss referiert Petra Schrackmann über US-Remakes skandinavischer Horror- und Mysteryfilme. Basisliteratur im Genrebereich, empfehlenswert. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2001/ts2001.php .

Handgemalte Kinotransparente in Landshut

Bild 3In Landshut, nordöstlich von München, ist seit Montag eine Ausstellung zu sehen, die an die sehr individuelle Kinowerbung der 1950er und 60er Jahre erinnert. Damals haben Maler Kinotransparente für die Außenfassaden entworfen: bunt, plakativ und nicht zu übersehen. Aus heutiger, digitaler Perspektive war das pures Handwerk, das kaum noch ausgeübt wird. Ein passionierter Sammler hat Transparente des Malers René Birkner aus Landshut verwahrt, von denen jetzt eine Auswahl im Rathaus zu sehen ist. Kuratiert wurde die Präsentation von Lothar Just, vormals Publizist (Heyne-Filmjahrbuch) und Pressechef des Münchner Filmfests. Auch Werbung gehört zur Kinokultur und hat eine eigene Geschichte. Zu sehen bis 17. März. Am 14. März beginnt in Landshut das 14. Kurzfilmfestival.

100 Meisterwerke im Kino

2013.StationenIn Düsseldorf beginnt das Filmmuseum zusammen mit seinem Freundeskreis einen neuen Versuch, die Filmgeschichte auf 100 Meisterwerke zu reduzieren. Gegen die ersten 25 Titel, die bis August jeweils am Dienstagabend zu sehen sind, ist nichts einzu-wenden, immerhin sind DAS CABINET DES DR. CALIGARI von Robert Wiene, DER LETZTE MANN von F. W. Murnau, MODERN TIMES von Charles Chaplin, TO BE OR NOT TO BE von Ernst Lubitsch, DIE KRANICHE ZIEHEN von Michail Kalatosow, THE MAN WITH THE GOLDEN ARM von Otto Preminger, LOLA MONTÈZ von Max Ophüls und DER GETEILTE HIMMEL von Konrad Wolf dabei. Erst wenn alle hundert Filme bekannt sind, lässt sich über die fehlenden reden. Und das sind dann mindestens zweihundert, die man vermisst. Aber jeder Blick zurück in die Filmgeschichte, wenn er die Interessenten in der Stadt aktiviert, ist wichtig und gehört zum Auftrag eines Filmmuseums.

Oscars (2)

2013.Oscar1Heute Nacht fand die 85. Oscar-Verleihung statt. Sie wurde zwischen halb drei und sechs von Pro Sieben live übertragen. Ted MacFarland moderierte ziemlich selbstgefällig. Steven Spielbergs LINCOLN, elfmal nominiert, war am Ende nur in zwei Kategorien erfolgreich und darf als Verlierer des Abends gelten. Als Gewinner müssen sich Ben Affleck (ARGO: bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Schnitt; Foto) und Ang Lee (THE LIFE OF PI: Regie, Kamera, Filmmusik, Spezialeffekte) fühlen. Und endlich hat Michael Haneke einen Oscar bekommen. Mit meinen Prognosen lag ich bei 14 Richtigen in 24 Kategorien im Mittelfeld, also schlechter als vor einem Jahr. Bei der traditionellen Oscar-Wette, die wieder von Artur und Teresa Althen organisiert wurde, war das Platz 26 bei 43 Teilnehmern. Es gab vier erste Plätze: Wolfgang Höbel, Verena Lueken, Rüdiger Suchsland und Amiel Pauli (alle mit 19 Richtigen). Einen medialen Augenzeugenbericht von Andreas Platthaus kann man wieder in der FAZ lesen: 12093539.html.

Oscar-Verleihung (1)

2013.OscarIn der kommenden Nacht findet die 85. Oscar-Verleihung statt. Sie wird live auf ProSieben übertragen, ab 0.35 Uhr präsentieren sich die Stars auf dem Roten Teppich, ab 2.30 Uhr moderiert Seth MacFarlane die Show im Dolby Theatre in Hollywood. Inzwischen sind es mehr als 30 Kategorien, für die es eine Statue gibt – und die Prognosen spitzen sich zu, vor allem: ARGO oder LINCOLN? Hier sind meine Tipps in den 21 wichtigsten Kategorien: ARGO (Best Picture), AMOUR (Foreign Language Film), BRAVE (Animated Feature Film), SEARCHING FOR SUGAR MAN (Documentary Feature), Steven Spielberg/LINCOLN (Directing), Daniel Day-Lewis/LINCOLN (Actor in a Leading Role), Tommy Lee Jones/LINCOLN (Actor in a Supporting Role), Jennifer Lawrence/ SILVER LININGS PLAYBOOK (Actress in a Leading Role), Anne Hathaway/LES MISÉRABLES (Actress in a Supporting Role), Quentin Tarantino/DJANGO UNCHAINED (Writing, Original Screenplay), Chris Terrio/ARGO (Writing, Adapted Screenplay), Claudio Miranda/LIFE OF PI (Cinematography), William Goldenberg/ARGO (Film Editing), Sarah Greenwood + Katie Spencer/ANNA KARENINA (Production Design), Jacqueline Durran/ANNA KARENINA (Costume Design), THE HOBBIT (Makeup and Hairstiling), John Williams/LINCOLN (Music, Original Score), „Skyfall“/SKYFALL (Original Song), LIFE OF PI (Sound Editing), SKYFALL (Sound Mixing), LIFE OF PI (Visual Effects). Morgen früh löst sich die Spannung auf.

Jiri Menzel

2013.MenzelSeine Filme SCHARF BEOBACHTETE ZÜGE (1966) und EIN LAUNISCHER SOMMER (1968) habe ich damals gern gesehen. Jiri Menzel galt als wichtiger Protagonist einer Neuen Welle des tschechoslowa-kischen Films und hatte in den 1970er Jahren große Schwierigkeiten, Filme zu drehen. Zu seinem 75. Geburtstag widmet ihm das Zeughauskino ab heute eine Werkschau. Neun Filme stehen auf dem Programm, darunter LERCHEN AM FADEN (1969), der erst bei der Berlinale 1990 uraufgeführt werden konnte und damals den Goldenen Bären gewann, und als jüngster Film ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT (2006), wie öfter bei Menzel nach einem Roman von Bohumil Hrabal, in dem Julia Jentsch eine Hautrolle spielt. Menzels Filme lohnen eine Wiederentdeckung. Mehr zur Werkschau: jiri_menzel_2013_02_03.html.

Sofia Coppola

2013.CoppolaMit einem Heft über Edgar Reitz (Nr. 28) hat sich Thomas Koebner, der die Publikationsreihe 2006 begrün-dete, als Herausgeber verabschiedet. Nun liegt die Verantwortung bei Michaela Krützen, Fabienne Liptay und Johannes Wende. Die Anmutung des Außentitels wurde leicht geändert, jedes Heft soll künftig einer Einzelperson gewidmet sein und sich auf ausgewählte Filme, spezielle Aspekte oder auch einzelne Szenen konzentrieren. Den Anfang macht die amerikanische Regisseurin Sofia Coppola (*1971). In fünf Texten kommt man ihr sehr nahe. Michaela Krützen schreibt über LOST IN TRANSLATION (2003), widmet sich intensiv den beiden Hauptfiguren Bob (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) und schlägt einen Bogen zu Fellinis LA DOLCE VITA. Lisa Gotto konzentriert sich auf den Poledance in SOMEWHERE (2010), Lorenz Engell sammelt eine kleine Ontologie kinematografischer Dinge, Johannes Wende, der als Herausgeber dieses Heftes fungiert, ergründet die Bedeutung von vier Häusern in vier Coppola-Filmen, und Tim Moeck denkt über das Vergehen von Zeit in SOMEWHERE nach. Das Schöne an allen Texten ist ihre Konkretisierung, ihre Nähe zu den Filmen, sind ihre Assoziationen, die dem Leser Denkangebote machen. 2013 kommt ein neuer Film von Sofia Coppola in die Kinos: THE BLING RING. Mehr zur Publikation: neu_werke_default_film.

Film, Fernsehen und Kino

2013.Julia von HeinzJulia von Heinz (*1976) ist ausgebildete Kamerafrau und Filmemacherin. Ihr jüngster Film, HANNI UND NANNI 2, läuft seit Mitte 2012 in den Kinos. Aber sie ist auch Wissenschaftlerin. Mit der hier veröffentlichten Dissertation hat sie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg und der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ihre Betreuer/Gutachter waren Lothar Mikos und Wolfgang Mühl-Benninghaus. Die Arbeit beeindruckt durch fleißige Recherche, kluge Struktur und Bewältigung des komplexen Themas. Sechzig Jahre Kino- und Fernsehgeschichte sind hier als komplizierte Beziehungsgeschichte aufgearbeitet. Es geht um ökonomische und politische Abhängigkeiten zwischen Filmwirtschaft und Fernsehen, um ästhetische und inhaltliche Unterschiede zwischen Fernsehfilm und Kinofilm. Die Autorin teilt die sechzig Jahre in fünf Phasen: 1950-1961 (Feindschaft), 1962-1973 (Annäherung des Fernsehens an den Jungen Deutschen Film), 1974-1983 (der amphibische Subventionsfilm), 1984-1997 (Abschied vom Autorenfilm), 1998-2010 (die freundliche Übernahme). Auf der ökonomisch-politischen Seite stehen das 1968 in Kraft getretene Filmförderungsgesetz, seine neun Novellierungen, die insgesamt neun Film-Fernseh-Abkommen, die zunehmende Wichtigkeit von Quoten und die Konkurrenz der privaten Fernsehsender im Mittelpunkt. Auf der inhaltlich-ästhetischen Seite geht es um Themenauswahl und Dramaturgie, Realismus und Phantasie, amphibischen Film und Süßstoff. Dies wird für die einzelnen Phasen mit konkreten Beispielen belegt. Die DDR wird in diesem Kontext mit Recht ausgelassen. Jeder Phase ist eine eigens recherchierte Tabelle mit Erstaufführungen deutscher Neuproduktionen, ihrem Marktanteil und der Beteiligung des Fernsehens vorangestellt. Die Quellenbelege erreichen die stattliche Zahl von 1.347. Gunther Witte, einstmals WDR-Fernsehspiel-Chef, nennt Julia von Heinz in seinem Vorwort „mutig“ und „klug“. Das ist ein angemessenes Kompliment, dem ein paar Fragen und Relativierungen des Insiders folgen, die für den Leser nützlich sind, aber die Substanz der Arbeit nicht beschädigen. Respekt! Mehr zum Buch: Heinz-freundliche-Übernahme/productview.aspx?product=15137.

Erich Maria Remarque und der Film

untitledDer Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970) hatte eine große Affinität zum Kino, viele seiner Romane wurden verfilmt. 1998 hat Thomas F. Schneider mit dem Buch „Das Auge ist ein starker Verführer“ ein erstes Kompendium zu Remarque-Verfilmungen heraus-gegeben. Jetzt legt er im Remarque-Jahrbuch XXII nach. Im Nachlass des Autors wurden zwei bisher unveröffentlichte Filmexposés gefunden, die aus der Mitte der 1920er Jahre stammen. „Kleines Schicksal“ erzählt eine Großstadtgeschichte, in der ein Paar in existentielle Krisen gerät und am Ende den gemeinsamen Tod sucht. „Monteur Hagen“ spielt im Rennfahrermilieu und dramatisiert die Geschichte zwischen einer jungen naiven Frau, einer „dämonisch“ wirkenden Dame, einem Monteur und einem Rennfahrer, die glücklich endet. Beide Texte haben eine filmische Dimension. Melanie Latus vergleicht die Filme DER LETZTE AKT (1955, Regie: G. W. Pabst, Co-Autor: Remarque) und DER UNTERGANG (2004, Regie: Oliver Hirschbiegel, Buch: Bernd Eichinger) und arbeitet die Unterschiede heraus. Saskia Fares gelingt mit einer gründlichen Filmanalyse die Ehrenrettung der Remarque-Verfilmung von „Der Himmel kennt keine Günstlinge“ durch Sydney Pollack 1997. Sein Film BOBBY DEERFIELD ist besser, als es die Kritik damals erkannte. Im Anhang enthält das Jahrbuch Hinweise zu neuer Remarque-Literatur. Mehr zum Buch: remarque_und_der_film-1009362/.

Zum aktuellen deutschen Film

2013.Aktuelle FilmMomentaufnahmen zum deutschen Film auf 333 Seiten. Die beiden Herausgeber sind Absolventen der Mainzer Filmwissenschaft. Sie haben verschiedene Kolleginnen und Kollegen aktiviert, eigene Texte geschrieben und interessante Gastautoren gewonnen. Thomas Rothschild und Rüdiger Suchsland machen sich Gedanken über Gegenwart und Zukunft der Film-kritik, ein offenbar unerschöpfliches Thema. Der Genrekenner Georg Seeßlen beweist, dass die deutsche Filmkomödie gar nicht komisch sein kann (aktualisierte Fassung eines Textes aus epd film). Die beiden Festivalmacher Hajo Schäfer und Sebastian Brose („achtung berlin“) blicken auf den deutschen Film aus Festivalsicht. Bernd Zywietz gibt eine kluge Orientierungshilfe auf dem Feld Film/Fernsehen. Natürlich spielt die Digitalisierung eine Rolle, am nachhaltigsten in einem Text von Harald Mühlbeyer – als Mitarbeiter der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung dafür sensibilisiert – über die Sicherung und Pflege des deutschen Filmerbes. In drei Gesprächen kommen Newcomer zu Wort: André Erkau, Brigitte Maria Bertele und Wenzel Storch, Zywietz stellt in einem eigenen Text Jan G. Schütte, Jakob Lass, Tom Lass und Axel Ranisch als kreative Individualisten vor, Julia Quedzuweit reflektiert über die „Berliner Schule“, und Mühlbeyer sucht auf Festivals nach speziellen Begabungen des aktuellen deutschen Films. Die Dramaturgie der Texte ist klug strukturiert, am Ende werden noch neun Nachwuchs-darstellerinnen und –darsteller in kurzen Texten porträtiert. Die beiden Herausgeber, auf der Höhe der Zeit, aktualisieren ihr Buch fortlaufend auf einem begleitenden Blog: http://ansichtssache-buch.blogspot.de. Mehr zum Buch: ansichtssache-zum-aktuellen-deutschen-film.html.