Bertrand Tavernier

Kompliment an Thomas Koebner und Fabienne Liptay: jetzt ist der 25. Band ihrer Reihe „Film-Konzepte“ erschienen. Er ist dem französischer Regisseur Bertrand Tavernier gewidmet, und als Gastheraus-geber fungiert diesmal Karl Prümm, der natürlich auch in den Band einleitet. Es gibt zwei Generalartikel (von Pascale Anja Dannenberg und Marie Krämer) und vier Texte zu einzelnen Filmen; sie stammen von Norbert Grob (über ROUND MIDNIGHT), Karl Prümm (LA VIE ET RIEN D’AUTRE), Karina Kirsten (LA GUERRE SANS NOM) und Gerhard Midding (LA PRINSECCE DE MONTPENSIER im Kontext der Historienfilme von Tavernier). Mit Bio- und Filmgrafie. Schön, dass dieser Regisseur endlich bei uns gewürdigt wird. Mehr zum Buch: werke_default_film

Intermaterialität

Zur Definition: „Intermaterialität beschreibt die Beziehung zweier oder mehrerer Artefakte oder Zeichengebilde, wenn sie auf materialer Basis interagieren.“ Auch wenn zu Zeiten des Expressionismus von Intermaterialität noch nicht die Rede war, lässt sich aus dem Bezugssystem für das damalige Zusammen-spiel der Künste einiger Erkenntnisgewinn erzielen. Kleinschmidt analysiert an konkreten Beispielen das Zusammenwirken zwischen Text und Bild, Schrift und Film, Musik und Theater. Sein wissenschaftlicher Anspruch ist hoch, mit über 1.000 Quellenvermerken ist er auf der sicheren Seite. Was den Film betrifft, so konfrontiert er ihn, ausgehend vom „Kinobuch“ von Kurt Pinthus, mit der Literatur der Zeit und deren Aneignung des neuen Mediums. Sehr lesenswert ist das Kapitel „Der Stummfilm und die Schrift“, das sich auf drei Beispiele konzentriert: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM und NOSFERATU. Mehr über das Buch: www.transcript-verlag.de/ts1967/ts1967.php

Untergang der Titanic

Seit Wochen werden wir auf das Jubiläum eingestimmt: heute vor 100 Jahren ist die Titanic untergegangen. In vielen Kinos läuft Camerons Film in 3D. An verschiedenen Orten sind Spezialveranstaltungen ange-kündigt. Im Fernsehen gibt es jede Menge Dokumentationen. Und auch die Film-literatur leistet einen originalen Beitrag: im Verlag edition text + kritik ist soeben ein Buch von Michael Wedel erschienen. Es heißt „Kollision im Kino“ und stellt zwei Mythen in den Mittelpunkt: den frühen deutschen Film TITANIC – IN NACHT UND EIS aus dem Jahr 1912, der lange als verschollen galt und jetzt wieder zugänglich ist, und den Regisseur dieses Films, den Rumänen Mime Misou, über den fast gar nichts bekannt war. Er hat als Regisseur und Darsteller bis 1914 fünf kurze und mittellange Filme gedreht, in den folgenden Jahren in Holland und den USA gelebt und sich 1921 aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Wedels Buch, gut recherchiert, ist ein eigenständiger Beitrag zum Untergangsjahr. Mehr zum Buch: neu_werke_default_film

Märchen im Film

Frohe Ostern!

Ich nutze den Feiertag für den Hinweis auf ein besonderes Buch, das im vergangenen Jahr bei Routledge in New York und London erschienen ist und auf das ich von einer Freundin aufmerksam gemacht wurde. Der Autor Jack Zipes ist emeritierter Professor für Germanistik und Vergleichende Literatur-wissenschaft in Minnesota. Er hat sich über Jahrzehnte mit dem Märchen als litera-rischer Gattung beschäftigt und nun so etwas wie ein definitives Buch über Märchenfilme geschrieben: „The Enchanted Screen. The Unknown History of Fairy-Tale Films“ (436 S., viele Abbildungen). Im ersten Teil wird im Überblick die Geschichte des Märchenfilms erzählt, beginnend mit dem Franzosen Georges Méliès. Im zweiten Teil geht es um die Verfilmungen einzelner Märchen: Schneewittchen, Rotkäppchen, Blaubart, Aschenputtel. Eigene Kapitel sind dem Tierbräutigam und den Märchen von Hans Christian Andersen gewidmet. Im dritten Teil werden die unterschiedlichen Verfilmungen von „Der Zauberer von Oz“, „Pinocchio“, „Alice im Wunderland“ und „Peter Pan“ analysiert; ein separater Text ist den Märchenfilmen der CSSR und der DDR vorbehalten; und am Ende rücken Filme der vergangenen zwanzig Jahre ins Zentrum. Mit 144 Verfilmungen steht übrigens „Aschenputtel“ an der Spitze aller Titel. Die Analysen von Zipes sind sehr konkret und nachvollziehbar, sie berücksichtigen psychologische und soziologische Aspekte. Natürlich spielt auch Walt Disney eine zentrale Rolle. Die Filmografie im Anhang, klug strukturiert, nennt 1.935 Titel. Eine Verbeugung nach Minnesota. Mehr zum Buch: www.routledge.com/books/details/9780415990615/

100 Jahre für den Film

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich kürz-lich die interessante Festschrift einer Firma entdeckt, die heute „CinePostproduction“ heißt und bis 1998 den Namen „Geyer-Werke“ trug. Geyer, gegründet 1911, war das traditionsreiche Kopierwerk in Berlin-Neukölln, über das Martin Koerber 1989 für die Ausstellung „Nahaufnahme Neukölln“ eine Firmengeschichte geschrieben hat. Die Autoren Matthias Georgi und Benjamin Geissert erzählen die Geschichte in dem Buch „100 Jahre für den Film“ ausführlicher und führen sie bis in die Gegenwart fort. Die Umstellung auf Digitalisierung spielt dabei eine große Rolle. Mit umfangreichen Quellenangaben und vielen Abbildungen. Die Lektüre ist nicht nur für Filmtechniker ein Gewinn.

Preußen

Im Deutschen Historischen Museum ist inzwischen die Ausstellung „Friedrich der Große, verehrt, verklärt, verdammt“ zu sehen. Da kann man gern noch einmal auf die intelligente Publikation des Filmmuseums Potsdam hinweisen: „Preußen aus Celluloid“, herausgegeben von Annette Dorgerloh und Marcus Becker im Jaron Verlag. Andreas Kilb schreibt über Friedrich als Heldenfigur in den Filmen der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Guido Altendorf über Friedrich als Komödienfigur, Michael Gebühr über seinen Vater Otto, den bekanntesten Friedrich-Darsteller, Annette Dorgerloh und Marcus Becker über Filmräume und Szenografien des Preußenkönigs, Hubertus Fischer über Blicke und Großaufnahmen, Anett Werner über den Schriftsteller Walter von Molo (Autor des Friedrich-Films von 1936) und Kathrin Nachtigall über Frideriziana im Historienfilm. Viele gut gedruckte Abbildungen. Mehr über das Buch: Products/978-3-89773-681-8

Lexikon des Internationalen Films

Mit großer Verlässlichkeit erscheint jeweils Ende März der Rückblick auf das vergangene Filmjahr, in lexikalischer Form, heraus-gegeben von Horst Peter Koll und Hans Messias. Mehr als 2.000  Titel sind wieder mit Kurztext und filmografischen Daten erfasst. Es gibt wie immer eine Jahres-chronik und diesmal einen speziellen Schwerpunkt zum Kinder- und Jugendfilm. Seit nun schon acht Jahren enthält das Lexikon ein Dossier des Verbandes der Deutschen Filmkritik, in diesem Jahr zum Thema Berlinale, aber sehr auf das Festival des Jahres 2011 bezogen.  Mehr über das Lexikon: www.schueren-verlag.de/paymate/search.php?vid=2&aid=3219

Helden

Im Museum für Film und Fernsehen in Berlin wird heute die Ausstellung „Helden“ eröffnet, die vor allem für Kinder gedacht ist. Die Kuratorin Gerlinde Waz hat mit dieser Zielgruppe gute Erfahrungen gemacht (man denke zurück an: Im Dschungel, Wasser-welten, Auf heißen Spuren). Diesmal geht es um Helden, die es im Kino, im Fernsehen, im Computerspiel und in der Realität gibt. Die Heldenreise führt nach Indien, Japan, Schweden und Amerika. Und in einer speziellen Werkstatt kann man sehen, wie Helden gemacht werden.

Hans-Dieter Grabe

Am 6. März ist der Dokumentarist Hans-Dieter Grabe 75 Jahre alt geworden. Er gehört zu den Großen seiner Zunft. Vierzig Jahre hat er beim ZDF in die deutsche und internationale Geschichte zurückgeblickt, mit Porträts, die uns informiert und bewegt haben. Die Filme NUR LEICHTE KÄMPFE IM RAUM DA NANG (1970), Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus (1985) und Er nannte sich Hohenstein (1994) werde ich nie vergessen. 13 Filme von Hans-Dieter sind jetzt, herausgegeben von Peter Paul Kubitz, in einer DVD-Box erschienen. Sie beansprucht einen festen Platz neben der Box von Klaus Wildenhahn. Mehr über die DVDs: www.absolutmedien.de/film-1459.

Trier/Kaurismäki

Der Däne Lars von Trier und der Finne Aki Kaurismäki sind Ikonen des europäischen Autorenkinos. In ihren Filmen spielt das Melodramatische eine große Rolle. Ulrike Hanstein stellt das in ihrer Dissertation in einen größeren Zusammenhang. Ihr wissen-schaftlicher Pate ist der amerikanische Philosoph Stanley Cavell, der sich auch mit dem Hollywood-Film auseinandergesetzt hat, speziell in dem Buch „Contesting Tears: The Melodrama of the Unknown Women“ (1996). Hanstein ordnet ihre Erkenntnisse unter den Begriffen „Anschaulichkeit“, „Gesten“, „Hörweisen“, „Stimmen“ und schlägt einen Bogen zu den amerikanischen Klassikern WAY DOWN EAST (1920) von D.W. Griffith, STELLA DALLAS (1937) von King Vidor, NOW, VOYAGER (1942) von Irving Rapper und POSSESSED (1947) von Curtis Bernhardt, um dann die melodramatischen Aspekte bei Trier und Kaurismäki aufzuspüren. Die Filmanalysen sind konkret und genau. Aus dem Labyrinth des wissenschaftlichen Überbaus findet man notfalls den Ausgang durch einfaches Weiterblättern. Mehr zum Buch, das im Alexander Verlag Berlin erschienen ist:  titel/282-Unknown_Woman_gepruegelter_Held.html