Emil Jannings

Diese Biografie war überfällig, denn Jannings war einer der großen Darsteller des deutschen Films, spielte Hauptrollen in vielen Klassikern des deutschen Stummfilms, eine Hollywood-karriere scheiterte mit Beginn des Tonfilms, er schaffte dann mühelos den Übergang vom Weimarer Kino zum NS-Film, hatte eine Nähe zu Hitler und Goebbels, war aber vor allem eins: ein Schauspieler mit hohen Ansprüchen an sich selbst, seine Autoren, Regisseure und Mitspieler. Ja, er war wohl der erste deutsche Weltstar, gehörte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu den Großen in Hollywood, erhielt als erster Schauspieler 1929 einen Oscar (die Statuette steht im Berliner Museum für Film und Fernsehen) und stellte sich in den 30er Jahren mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Naivität ins politische Zwielicht. Frank Noack (*1961), Filmpublizist in Berlin, hat das Leben von Jannings sorgfältig rekonstruiert, 773 Anmerkungen und Quellenverweise zeugen von einer intensiven Recherche. Stärken und auch Schwächen dieses Schauspielers werden an seinen wichtigsten Filmen herausgearbeitet. Das liest sich gut, vor allem wenn einem die vielen zitierten Personen und genannten Filme der Zeit vertraut sind, es kommt der Ambivalenz des Protagonisten sehr nahe und fordert so etwas wie eine späte Gerechtigkeit. Der Anhang enthält natürlich eine umfängliche Theatro- und Filmografie, Fotos in akzeptabler Qualität, aber kein Register. Das Titelbild gefällt mir, weil es gegen das Jannings-Klischee ausgewählt wurde. Mehr zum Buch: titel536.html. Heute Abend findet im Museum für Film und Fernsehen eine Präsentation des Buches statt.

MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK

Mit bewun-dernswerter Regelmäßig-keit sendet arte – wenn auch zu später Stunde – Stummfilme in restaurierter Fassung mit Orchester-begleitung. Heute: MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) von Piel Jutzi, ein Klassiker des prole-tarischen Films mit Alexandra Schmitt in der Titelrolle, Holmes Zimmermann, Ilse Trautschold und Gerhard Bienert. Erzählt werden Zille-Geschichten, in denen das Wohnungselend in Berliner Proletariervierteln angeprangert wird. Mutter Krause, die Zeitungsbotin, nimmt sich am Ende das Leben, nachdem ihr Sohn Paul die Abonnementsgelder veruntreut hat. Ein naturalistisches Melodram. Die Musik von Michael Gross wurde 2012 eingespielt. Die Restaurierung des Films übernahm das Münchner Filmmuseum. Mehr zum Film: 6564648.html.

Peter Greenaway

Micha Braun hat mit dieser Dissertation an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissen-schaften der Universität Leipzig promoviert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die seltsame Figur Tulse Luper, die in Greenayways Monumentalwerk THE TULSE LUPER SUITCASES (2004) eine zentrale Rolle spielt, aber auch in anderen Filmen auftaucht. Luper, Experte für Vogelkunde, Landschaftsgestaltung und Kartografie, hat eine Vorliebe für Statistiken, Listen und Sammlungen, archiviert in 92 Koffern die seltsamsten Dinge, schreibt Essays, dreht Filme, zeichnet, und ist auch für seinen Schöpfer Greenayway eine ambivalente, vielleicht sogar obskure Figur. Da muss ein Autor mit einem komplexen Wissenschafts-verständnis und hoher Affinität zur Kunst an die Arbeit gehen, um in dem labyrinthischen Versteckspiel interpretierbare Befunde zu machen und dabei nicht den Überblick zu verlieren. Braun strukturiert, analysiert, stellt Vermutungen an und macht am Ende neugierig. Vor dieser Leistung habe ich großen Respekt, auch wenn mir viele Erkenntnisse fremd bleiben. Für Greenaway-Anhänger ist das Buch sicherlich Pflichtlektüre. Mehr zum Buch: ts2123.php.

Michelangelo Antonioni

Vor sieben Wochen wurde er gewürdigt, weil sein 100. Geburtstag zu feiern war. Mit etwas Verspätung ist jetzt ein Buch erschienen, das man durchaus als Festschrift bezeichnen kann. In zwölf Texten wird das Werk vom Michelangelo Antonioni in Erinnerung gerufen. Daniel Illger verbindet die frühen Filme mit dem amerikanischen Gangstergenre. Claudia Öhlschläger entdeckt in IL GRIDO Re-Konfigurationen der Heiligen Familie. Von Jörn Glasenapp, dem Herausgeber, stammt eine sehr komplexe und lesenswerte Analyse von LA NOTTE. Michaela Krützen zieht originelle Verbindungslinien zwischen L’ECLISSE, Leo McCareys AN AFFAIR TO REMEMBER (1957) und Nora Ephrons SLEEPLESS IN SEATTLE (1993). Mit Hollywood-Dramaturgien kennt sich die Autorin bestens aus. Judith Wimmers versucht eine Neusichtung von L’ECLISSE mit Hilfe der „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel. Georgiana Banita unternimmt einen Schnitt durch Antonionis Filme auf der Suche nach dem Rohstoff Öl. Sie fördert Erstaunliches zutage. Elisabeth K. Paefgen vergleicht die Fotografenfilme BLOW UP, REAR WINDOW (1954) von Hitchcock und PEEPING TOM (1959) von Michael Powell. Uta Felten entdeckt in einem sehr theoretischen Diskurs Denkfiguren im Kino von Antonioni. Oliver Fahle analysiert ZABRISKIE POINT als anthropologisches Road Movie. Und Lisa Gotto beschließt den Band mit ihrer Lesart von JENSEITS DER WOLKEN. Fast alle Texte auf hohem Niveau. Die Abbildungen (schwarzweiß) sind zum Teil hilfreich, bei den späten Filmen fehlt einfach die Farbe. Mehr zum Buch: 5429-4.html

Hands on Fassbinder (6)

An diesem Wochenende geht im Collegium Hungaricum Berlin (.CHB, Dorotheenstraße 12) die letzte der sechs Fassbinder-Konferenzen zu Ende. Sie zieht mit einem Blick von außen so etwas wie eine Bilanz. Zu Gast sind die argentinischen Regisseure Mariano Llinás und Agustin Mendilaharzu, Lodge Kerrigan (USA) und Joao Pedro Rodrigues/Joao Rui Guerra da Mata (Portugal). Sie suchen in Gesprächen ihre Verwandtschaft zu Fassbinder. Heute Abend gibt es eine Party, und ganz am Ende, am Sonntag um 19 Uhr, wird noch experimentiert: Den Film ANGST ESSEN SEELE AUF kommentieren live in englischer Sprache die Gäste des Wochenendes und Mitglieder von Revolver. Man kann ihn um 21 Uhr aber auch ohne Kommentar noch einmal im Zeughauskino sehen. Mehr zum Programm: page_id=279

Kalter Krieg und Film-Frühling

25. Film-historischer Kongress + 9. Festival des deutschen Film-Erbes in Hamburg. Diesmal geht es um die 1960er Jahre. Gezeigt und diskutiert werden Filme aus der Bundesrepublik, der DDR, der CSSR und Frankreich. Zu Gast sind: Hansjürgen Pohland, Loni von Fiedl, Wolfgang Kohlhaase, Egon Günther, Helga Schütz, Jutta Hoffmann, Hannelore Elsner und Christian Bau. Die Vorführungen werden von fachkundigen Filmhistorikern eingeführt. Am 21. November beginnt der Kongress im Gästehaus der Universität. Podiumsgäste sind unter anderem Wolfgang Kohlhaase, Ralf Schenk, Wolfgang Gersch, Evelyn Hampicke, Günter Krenn, Karlheinz Oplustil, Michael Töteberg und Klaus Kreimeier. Kongressleitung: Johannes Roschlau. Wie immer wird in ungefähr einem Jahr ein Buch mit den Kongressbeiträgen erscheinen.

Cloud Atlas

Heute kommt der langerwartete Film von den Wachowski-Geschwistern und Tom Tykwer in die deutschen Kinos. Man kann zurzeit viel darüber lesen, die Meinungen sind geteilt, aber auch die Skeptiker müssen gestehen, dass sich der Film auf hohem Niveau bewegt. Die Verbindung verschiedenster Zeiten mit sechs kühn verknüpften Geschichten, die zum Teil von identischen Schauspielern gespielt werden, setzt eine Mitarbeit der Zuschauer voraus. Ich bin sehr gespannt. Jeder Film von Tom hat zunächst einmal meine Sympathie. Mehr zum Film: www.cloudatlas-derfilm.de/

„And the Oscar goes to…“

Heute wird im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main eine Ausstellung zur Oscar-Geschichte eröffnet. Vor 85 Jahren wurde er erstmals vergeben, in den folgenden Jahren erweiterten sich die Sparten der einzelnen Leistungen, und inzwischen gilt die Auszeichnung weltweit als die renommierteste, auch wenn an den Abstimmungen der Mitglieder der American Academy of Motion Pictures Arts and Sciences immer wieder Kritik geübt wird. Viele Exponate hat die Academy dem Filmmuseum für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, darunter zehn Statuetten u.a. für Bette David, Clark Gable und Billy Wilder.  Es erscheint ein spezieller Ausstellungskatalog, und im Kino gibt es eine Filmreihe, in der auch neun restaurierte Kopien aus dem Archiv der Academy zu sehen sind. Daniel Kothenschulte hat für die Berliner Zeitung eine schöne Rezension der Ausstellung geschrieben: 20854850.html. Mehr zur Ausstellung: and-the-oscar-goes-to/.

Neuer Deutscher Film

In eigener Sache: Der erste Band der neuen Reihe „Stilepochen des Films“ (Initiator und Editor: Norbert Grob) über den Neuen Deutschen Film ist erschienen, herausgegeben von Norbert Grob, Hans Helmut Prinzler und Eric Rentschler. 39 Filme aus der Zeit von 1961 bis 1984 werden in diesem Buch mit Einzelanalysen gewürdigt, beginnend mit ZWEI UNTER MILLIONEN von Victor Vicas und Wieland Liebske, endend mit HEIMAT von Edgar Reitz. Ein umfängliches Vorwort verortet den Neuen Deutschen Film in der Epochengeschichte. An Frieda Grafe erinnert der Band mit einem Nachdruck ihres SZ-Textes zu FREAK ORLANDO von Ulrike Ottinger. Gewidmet ist das Buch Michael Althen, der einen Text zur Rudolf Thomes Film BERLIN CHAMISSOPLATZ  beigesteuert hat, der nun posthum erscheint. Meine drei Texte zu ES von Ulrich Schamoni, LIEBE MUTTER, MIR GEHT ES GUT von Christian Ziewer und DER KLEINE GODARD von Hellmuth Costard werden demnächst auch auf dieser Website zu lesen sein. Im Frühjahr 2013 erscheint der zweite Band der Reihe, herausgegeben von Elisabeth Bronfen und Norbert Grob. Sein Thema: das klassische Hollywood. Mehr zum gerade erschienenen Buch: Neuer_Deutscher_Film.

Imaginationen des Individuums

Eine Dissertation aus der Schweiz, nicht der Filmwissenschaft, sondern der Sozialgeschichte zuzuordnen. Interessanter Lesestoff für Anhänger der Figurenanalyse. Wenn man den zugrundegelegten Begriff des „Subjektmodells“ begriffen hat (der Autor verwendet darauf viel Mühe), dann hat es eine Logik, ihn als Schlüssel für Filmprotagonisten des klassischen Hollywoodkinos zu nutzen. 40 Filme aus den Jahren 1931 bis 1962, von LITTLE CAESAR bis TO KILL A MOCKINGBIRD, sind die Fallbeispiele für Stephan Durrer. Es sind vor allem Männer, deren Verhaltensweise analysiert wird. In vier großen Kapiteln werden jeweils fünf bis acht Filme in einen thematischen Zusammenhang gestellt: „Unbedingte Treue zu sich selbst“ (im Zentrum: MR. SMITH GOES TO WASHINGTON), „Existentielle Befreiung“ (ON THE WATERFRONT), „Zerfallende Souveränität“ (THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE), „Vergebliches Streben nach Freiheit“ (CITIZEN KANE). Ein separates Kapitel dazwischen: „Zur Selbstentwicklung von Hollywoods Heldinnen“ (GONE WITH THE WIND). Was mir gefällt, ist der genaue und konkrete Blick des Autors auf die Filme. Der Anhang ist informativ, die Abbildungen sind technisch akzeptabel und für die Argumentation hilfreich. Mehr über das Buch: www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20892-9.html