Walter Benjamin

2013.TraumpassagenAndreas Jacke (*1966) hat über Benjamins Rechtsphilosophie magistriert, über Marilyn Monroe und die Psychoanalyse promoviert. Der Autor holt – unterstützt durch Denkprozesse von Jacques Derrida – Walter Benjamin 73 Jahre nach dessen Tod in die Gegenwart der Filmwissenschaft. Thesen von Adorno und Kracauer sind dabei Hilfsmittel. Im Zentrum werden Begriffe von Benjamin mit Beispielen aus dem aktuellen Gegenwartskino konfrontiert. Es geht um Wahrheit und Allegorie, Schock und Kontemplation, Manipulation und Aura, Aberglauben und Tod, Sprachmagie und Bildmagie, Traumzustände und Übergänge, Mimesis und Identifikation, Spaltung und Paranoia. Zu den Filmbeispielen gehören AVATAR, INCEPTION, INSOMNIA, THE LORD OF THE RINGS, SHUTTER ISLAND, die STAR WARS-Filme und die TWILIGHT SAGA. Nicht nur für Benjamin-Spezialisten eine anregende Lektüre. Mehr zum Buch: Walter-Benjamin—-29-80.html.

Manipulation

2013.Cinema 58Bis in die frühen 1980er Jahre gab es die Schweizer Filmzeitschrift cinema, am Ende im Kleinformat wie heute Revolver. Als die staatliche Förderung dafür eingestellt wurde, blieb ein Jahrbuch übrig, das erste trug die Nr. 29 und erschien 1983. Dreißig Jahre später ist die Reihe bei der stolzen Zahl 58 angekommen. Jedes Jahr hat einen thematischen Schwerpunkt. Diesmal heißt er „Manipulation“. Es gibt 19 Beiträge zum Thema – Texte, Gespräche, Momentaufnahmen. Fünf haben mir besonders gut gefallen: Anita Gertisers Hypothesen zu Reaktionen auf den Film DÜRFEN WIR SCHWEIGEN? von Richard Oswald (1926), bei denen es um die Scham der Zuschauer geht. Sascha Lara Bleulers Gespräch mit Ari Folman über WALTZ WITH WITH BASHIR, in dem eigentlich nicht über den Film gesprochen werden sollte. Günter A. Buchwalds Moment-aufnahme zu Langs METROPOLIS, in der er seine Rolle als Musikbegleiter am Ende des Films problematisiert. Sarah Greifensteins und Hauke Lehmanns Vergleich der Suspense-Momente von Hitchcocks YOUNG AND INNOCENT (1937) und De Palmas CARRIE (1976), die unterschiedlich mit den Gefühlen der Zuschauer spielen. Und Rasmus Greiners Überlegungen zu den Bildern vom Irakkrieg, die das Problem Manipulation zuspitzen. In allen Beiträgen geht es um konkrete Filmbeispiele. Das gehört zu den Stärken des Bandes. Wie immer ist ein eigener Teil des Buches dem Schweizer Film des vorangegangenen Jahres gewidmet. Ein verlässlicher Führer durch die Produktion. Mehr zum Buch: manipulation.html.

Klaus Wyborny

2013,Wyborny kleinerEr hat Physik studiert, ist ein passionierter Mathematiker, gehörte 1967 zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Filmmacher Cooperative, hat viele experimentelle Filme gemacht, wurde mehrfach zur documenta eingeladen und hat einen Hang zur Philosophie. Seit 2009 ist Klaus Wyborny (*1945) Professor an der Hochschule Mannheim. 1974-76 publizierte er in der Zeitschrift „Boa Vista“ „Nicht geordnete Notizen zum konventionellen narrativen Film“. Sie waren eine Art Pamphlet gegen die damals modische Semiotik und Filmsoziologie und hatten im Klassenkampf der Filmtheorie kaum Überlebenschancen. Inzwischen hat Wyborny seine Notizen geordnet und daraus einen ersten Band seiner „Filmtheoretischen Schriften“ gemacht. Es geht um eine „Elementare Schnitt-Theorie des Spielfilms“. Umfang: rund 400 Seiten. Im Zentrum stehen Raum, Zeit, Blicke, Bewegungen und lineares Erzählen. Die Lektüre führt den Leser durch ein Wechselbad der Erkenntnisse und Gefühle. Es gibt wunderbare Absätze, die in sich schlüssig sind, und es gibt viele Seiten, da versteht man nur Bahnhof, weil man die mathematischen Formeln nicht kapiert, auch wenn sie mit Grafiken verbunden sind. Über weite Strecken bleibt der Text unkonkret, weil es an Filmbeispielen mangelt. Die sind oft wie nebenbei eingefügt und höchst selten durch Fotos belegt. Vielleicht können mir eines Tages Schnittmeisterinnen wie Bettina Böhler oder Uta Schmidt bei der Lektüre helfen. Bis dahin stelle ich das Buch respektvoll ins Regal. Das Vorwort des Herausgebers Prof. Thomas Friedrich (Mannheim) ist freundschaftlich kollegial. Mehr zum Buch: www.lit-verlag.de/isbn/3-643-11053-4

Marburger Kamerapreis

2013.VorschneiderZum 13. Mal wird heute der Marburger Kamerapreis verliehen. Ausgezeichnet wird in diesem Jahr – und das ist eine hervor-ragende Entscheidung – der Kamera-mann Reinhold Vorschneider (*1951). Er hat Philosophie und Politologie studiert, absolvierte in den 1980er Jahren die dffb, wurde Assistent von Martin Schäfer und drehte seine ersten eigenen Filme für Rudolf Thome (zuletzt: PARADISO – SIEBEN TAGE MIT SIEBEN FRAUEN). Dann wurde er Bildgestalter von Angela Schanelec (sechs Filme, von DAS GLÜCK MEINER SCHWESTER bis ORLY), Maria Speth (vier Filme, darunter MADONNEN), Benjamin Heisenberg (drei, darunter DER RÄUBER), Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth. Wenn man so will, gehört er ins Zentrum der Berliner Schule. So hat es eine Logik, dass Angela Schanelec heute die Laudatio hält. In Werkstattgesprächen diskutiert Vorschneider mit Ekkehard Knörer, Axel Block und Christine N. Brinckmann. Und in einem Jahr können wir das alles in einem Buch nachlesen. Glückwunsch an den Preisträger!

Robert Bresson

2013.BressonNoch ein Blick nach Wien. Im Österreichischen Filmmuseum beginnt heute eine Robert Bresson-Retrospektive. Es werden alle 12 Filme gezeigt, die der französische Regisseur (1901-1999) gedreht hat. Und dazu noch acht Dokumen-tationen, die über ihn realisiert wurden. Bresson war ein Purist, er arbeitete fast ausschließlich mit Laien, weil ihm das Theater mit seinen Berufsschauspielern verhasst war. Neben Carl Theodor Dreyer war er wohl der am stärksten religiös motivierte Regisseur des zwanzigsten Jahrhunderts. Immer wieder geht es bei Bresson um die geistige Auseinandersetzung mit der Sünde, der Gnade und dem Bösen. Am liebsten sind mir seine Filme PICKPOCKET (1959) und LE DIABLE PROBABLEMENT (1976). 1978 war ich für den Datenteil des Bresson-Bandes der „Reihe Film“ verantwortlich. Die Recherche seiner Biografie war mühsam und blieb vage. Persönliches hat er nie preisgegeben. Deshalb scheiterte damals auch Karsten Wittes Versuch, ihn zu interviewen. Bresson hat zwar das Gespräch mit Karsten geführt, aber am Ende den Abdruck verweigert. Das haben wir nicht wirklich verstanden. Aber unabhängig von diesen Eigenheiten: Bressons Filme gehören in ihrer Unabdingbarkeit zu den großen Werken des letzten Jahrhunderts. 1975 hat er seine „Notes sur le cinématographe“ publiziert, die 2007 in einer deutschen Neuausgabe erschienen sind: notizen-zum-kinematographen/ Heute Abend spricht Michael Haneke im Filmmuseum über seine Verhältnis zu Bresson. Mehr zur Retrospektive: id=1355220831440&reserve-mode=active.

Ute Aurand

2013.AurandUte Aurand           (* 1957) ist Absolventin der dffb. Sie hat dort von 1979 bis 1985 studiert, sie gehörte zum letzten Jahr-gang, an dessen Aufnahme-prüfung ich teilgenommen habe. Damals wurden zum ersten Mal mehr Frauen als Männer aufgenommen. Am linearen Erzählen war Ute Aurand nie interessiert, ihr Blick ging immer eigene Wege, ihre Filme sind wirklich experimentell. In den letzten Wochen vor der Eröffnung des Filmmuseums Berlin im Sommer 2000 hat sie die Arbeit vor Ort mit ihrer 16mm-Kamera beobachtet. Nicht im klassisch dokumentarischen Sinn, sondern als Dialog zwischen Handwerkern und Exponaten, bevor alles in Vitrinen gesichert wurde. Hans-Dieter Schaals Ausstellungsarchitektur war für sie eine sehr spezielle Herausforderung. Der Film FILMMUSEUM AUFBAU 2000 ist stumm, dauert 22 Minuten und ist jetzt im Österreichischen Filmmuseum zu sehen. Dort widmet man Ute Aurand ein zweitägiges Programm mit elf Filmen, darunter ist auch ihr Debütfilm SCHWEIGEND INS GESPRÄCH VERTIEFT (1980). Mehr zum Programm: reserve-mode=active. Mehr über Ute Aurand: www.uteaurand.de/.

Ulrich Seidl

2013.SeidlMit seiner PARADIES-Trilogie war der Öster-reichische Regisseur Ulrich Seidl (* 1952) 2012/13 hinter-einander auf den drei großen Filmfestivals präsent: Cannes (LIEBE), Venedig (GLAUBE), Berlin (HOFFNUNG). Das ist, glaube ich, noch niemandem vorher gelungen. In Venedig gewann er immerhin den Spezialpreis der Jury. Seidl ist ein Regisseur, der Kritiker und Zuschauer polarisiert, vielen ist seine Haltung gegenüber den Hauptfiguren suspekt. Er scheut sich nicht, Behinderte, Depressive, Sozialverlierer vorzuführen. Sein zentrales Sujet ist die Einsamkeit der Menschen. Er mischt dabei professionelle Schauspieler mit Laien. Seidl hat auch intelligente Fürsprecher. Zu ihnen gehört der Wiener Filmkritiker Stefan Grissemann (profil), der 2007 sein erstes Seidl-Buch publiziert hat. In der überarbeiteten Neuauflage rückt er die PARADIES-Trilogie ins Zentrum, und Grissemann spricht ihr Qualitäten zu, die er einleuchtend analysiert. Auch Schwächen, vor allem im dritten Teil, werden benannt. Die PARADIES-Filme kommen jetzt sukzessive in unsere Kinos. Da ist das Buch ein nützlicher Begleiter. Man muss Seidls Filme nicht lieben, aber Grissemann hilft, sie zu verstehen. Der Anhang enthält eine Filmografie und einen 48seitigen farbigen Bildteil. Mehr zum Buch: www.sonderzahl.at/_buecher.htm

Independent Cinema in Südostasien

Bild 3In den vergangenen zehn Jahren hat sich das unabhängige Kino in Südostasien, in Indonesien, Thailand, Singapur und Malaysia, stark entwickelt. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der digitalen Kamera und kleinen Teams, die das Budget minimalisieren, lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen. Tilman Baumgärtel, seit 2009 Professor an der Royal University of Phnom Penh, zieht in seiner Publikation eine informative Zwischen-bilanz. Die Essays von John A. Lent Alfian Bin Sa’at, Ben Slater, Natalie Böhler, Intan Parmaditha, Tito Imanda, David Hanan und Baumgärtel selbst geben auf 100 Seiten einen kompetenten Überblick, der von fünf Dokumenten ergänzt wird. Die neun Interviews mit Brillante Mendoza und Armando Bing Lao, Lav Diaz, Apichatpong Weerasethakul, Pen-ek Ratanaruang, Nia Dinata, Eric Khoo, Amir Muhammad und Yasmin Ahamad machen deutlich, welche spezifischen Themen und Formen für den Erfolg des unabhängigen südostasiatischen Kinos ausschlaggebend sind. Eine umfangreiche Bibliografie findet man am Ende des Bandes. 44 Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 9789888083619.

Trauma und Film

Bild 1Sammelband aus dem Bereich der Deutungs-literatur auf internatio-nalem Niveau. Sieben Texte in Englisch, acht in Deutsch. Die Autorinnen und Autoren kommen aus der Kultur- und Medien-wissenschaft. Die Herausgeberin Julia Barbara Köhne (Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien) gibt eine ausführliche Einführung, die in zwei weiteren Texten vertieft wird: „Traumatic Memory and Cinematic Syntax“ von Shireen R. K. Patell und „Filmdramaturgie und Traumaforschung“ von Anna Martinez. Die beiden Disziplinen entstanden zeitlich parallel. Im Folgenden geht es vorwiegend um einzelne Filme, in denen Traumata im Zentrum stehen, beispielsweise TAXI DRIVER (1976) von Martin Scorsese (interessanter Text von Sabine Sielke), THE HURT LOCKER (2008) von Kathryn Bigelow (Lars Koch), SALVATORE GIULIANO (1962) und IL CASO MATTEI (1972) von Francesco Rosi (sehr differenziert: Johannes Pause), THE NIGHT PORTER (1974) von Liliana Cavani (Herausgeberin Köhne), JACOB’S LADDER (1990) von Adrian Lyne (Thomas Ballhausen), CHILDREN OF MEN (2006) von Alfonso Cuarón als Beispiel von „Trauma Future-Tense“ (E. Ann Kaplan). Amelie Zadeh analysiert in einem dem Film angemessenen Duktus Harun Farockis RESPITE!/ AUFSCHUB (2007). Und bei Marika Korn geht es um „(Re)Negotiating the Trauma Paradigm after 9/11“. Mit vielen, gut reproduzierten Abbildungen. Mehr zum Buch: www.kv-kadmos.com/index.php

Chinesische Filmgeschichte 1929-1964

2013.Little Toys 1Im Berliner Arsenal beginnt heute eine Werk-schau des chinesischen Films der Jahre 1929 bis 64. Unter dem Titel „Ein Lied um Mitternacht“ werden im März insgesamt 24 Filme gezeigt, die in Deutschland bisher weitgehend unbekannt sind. Das Kuratorenteam „The Canine Condition“ (Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke und Cecilia Valenti) hat sich viel Zeit genommen und die Filmreihe sorgsam vorbereitet. Als Kooperationspartner haben das China Film Archive (Peking), das Hong Kong Filmarchive und die Deutsche Kinemathek das Projekt unterstützt. Zum Teil galten die Filme bisher als verschollen. Die Retrospektive bietet einen Querschnitt durch viele Genres: Komödien, Melodramen, Alltagsgeschichten, Heldenerzählungen und zeigt auch zwei Animationsfilme. Fünf Filme stammen von dem Regisseur Sun Yu, darunter die drei Stummfilme KLEINE SPIELZEUGE (1933, Foto), TAGESANBRUCH (1934) und DIE GROSSE STRASSE (1934). Einen schönen Einführungstext hat Silvia Hallensleben heute im Tagesspiegel publiziert: filmreihe-24-kostbarkeiten/7856890.html. Mehr zur Filmreihe: article/3924/2796.html.