Max Steiner

Er war einer der großen Filmkom-ponisten, der die Entwicklung des Tonfilms stark beeinflusst und den Sound großer Hollywood-Klassiker geprägt hat, beginnend mit KING KONG (1933) über GONE WITH THE WIND bis zu A DISTANT TRUMPET (1964).  Max Steiner (1888-1971), geboren in Wien, ging 1929 nach Hollywood und hat die Musik zu mehr als 300 amerikanischen Filmen geschrieben. Er war 21mal für den Oscar nominiert und hat ihn dreimal gewonnen. Seine Autobiografie ist unveröffentlicht, jetzt hat der Komponist und Autor Peter Wegele ein sehr informatives Buch über Steiner geschrieben, das dreigeteilt ist. Zunächst geht es, etwas allgemeiner, um die Entwicklung der Filmmusik in der Übergangszeit von den 20er zu den 30er Jahren. Dann folgt die Steinersche Lebengeschichte mit vielen bisher unbekannten Details. Der dritte Teil ist speziell dem Film CASABLANCA gewidmet, den Steiner selbst nicht sehr gemocht hat, weil er zu einem Teil vorhandene Melodien verwenden musste, so zum Beispiel das berühmte „As Time Goes By“, das von Herman Hupfeld für eine Broadwayshow komponiert worden war. Wegeles musikalische Analysen sind sachverständig und konkret. Er hat sich intensiv mit Steiner beschäftigt und nimmt auch den Nichtsachverständigen auf die Reise mit. Für John-Ford-Fans: Steiner war einer seiner Lieblingskomponisten, bekam für THE INFORMER einen Oscar und schrieb die Musik zu THE SEARCHERS. Das Buch ist sorgfältig ediert, hat einen umfänglichen Anhang und all meine Sympathien. www.boehlau-verlag.com/978-3-205-78801-0.html

Der zweite Blick

Ein Luxusbuch. Der Verleger Axel Menges, bekannt für ungewöhn-liche, in der Regel zweisprachige Publikationen, lässt den Literaturwissenschaftler Konrad Kirsch einen „zweiten Blick“ auf fünf Filme werfen: zwei von Ridley Scott (BLADE RUNNER und GLADIATOR), je einen von Alfred Hitchcock (THE BIRDS), Blake Edwards (THE PARTY) und Stefan Ruzowitzky (ANATOMIE). Der Autor interessiert sich für die Entdeckung von Korrespondenzen innerhalb der Filme oder Bezüge zu Mythen, Gemälden, historischen Ereignissen, anderen Filmen. Von einem „700-lagigen Kuchen“ habe Scott bei BLADE RUNNER gesprochen. Durch diesen Kuchen frisst sich Kirsch mit großem Bildungsappetit. Die 160 Seiten werden real zu 80, weil der Text links in Deutsch und rechts in Englisch abgedruckt ist. Andererseits sind die Bilder meist etwas klein geraten. Mehr zum Buch: A-Second-Look.pdf . Axel Menges schätze ich vor allem als Verleger der Bücher von Hans Dieter Schaal (Architekt der Ständigen Ausstellung des Museums für Film und Fernsehen). So will ich nicht versäumen, auf eine neue Schaal-Publikation hinzuweisen, die auch einen Blick in „unser“ Filmmuseum wirft: Schaal_Work-in-Progress.pdf?&PU=Menges.

DEFA-Dokumentaristen

„Das Prinzip Neugier“ heißt ein umfängliches Buch, in dem 21 Dokumentarfilmer der DEFA über ihr Leben und ihre Arbeit, ihre Erfolge und Schwierigkeiten erzählen. Es ist Oral History der besten Art. O-Ton, wie er lesens-wert ist, wenn zugeneigt und sachkundig gefragt wird. Ingrid Poss, einst Dokumentar-filmerin bei der DFEA, heute Autorin, hat das Buch initiiert; sie wurde unterstützt von Christiane Mückenberger und Anne Richter, als Herausgeber fungiert das Filmmuseum Potsdam. Die Gespräche fanden fast alle 2010/2011 statt, nur das Interview mit Karl Gass stammt aus dem Jahr 1998. Die von vielen verehrte Vaterfigur des DDR-Dokumentarfilms starb 2009. Auch Kurt Maetzig, DEFA-Mitgründer und Dokumentarist bis 1950, ist inzwischen tot. Die Reihenfolge der Gespräche ist nach den Geburtsjahren der Protagonisten geordnet (nur Barbara Junge hat man nicht von ihrem acht Jahre älteren Ehemann Winfried getrennt). Erzählt werden Lebengeschichten: Herkunft, Ausbildung, Affinitäten zum Film, Arbeit bei der DEFA, Verhältnis zur Politik, eigener Lieblingsfilm – und dann geht es um die persönlichen Folgen der Wende, also die Trennung von der abgewickelten DEFA, die Versuche einer Neuorientierung, die beruflichen Schwierigkeiten, auch die Verbindungen zu Kollegen und immer die Schlussfrage „Was war die DEFA für Dich?“ Das Erinnerungsvermögen der Befragten ist in vielen Fällen phänomenal; vielleicht weil Dokumentaristen ein gutes Gedächtnis haben müssen. Die Antworten sind in der Regel reflektiert. Man hört – zum Beispiel bei Jürgen Böttcher, Winfried Junge und Volker Koepp, die ich am besten kenne – die Stimme. Mehr zum Buch: das-prinzip-neugier.html.

Noch der Hinweis auf ein Buch, das 1969 erschien, redaktionell verantwortet u.a. von Rolf Liebmann: Filmdokumentaristen der DDR (über Annelie und Andrew Thorndike, Joachim Hellwig, Walter Heynowski, Gerhard Scheumann, Max Jaap, Heinz Fischer, Joachim Hadaschik, Heinz Müller, Wolfgang Bartsch, Harry Hornig, Peter Ulbrich, Joop Huisken, Karl Gass, Winfried Junge, Jürgen Böttcher, Gitta Nickel, Karlheinz Mund). Es ist interessant, die Porträts aus heutiger Sicht zu lesen. Und noch immer lesenswert ist das Buch von Ralf Schenk und Günter Jordan: Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Jovis Verlag, Berlin 1996.

Todesrituale im Spielfilm

„Leinwandvölker“ sind, ethnologisch definiert und von der Autorin so bezeichnet, Stereotype in Filmen unterschiedlichster geografischer Herkunft, die durch Genre verbunden sind und sich global vernetzen. Wilma Kiener untersucht drei Bereiche: die Komödienfilmvölker, die Dramenfilmvölker und die Actionfilmvölker. Mit sechs standardisierten Fragen geht sie an ihre 25 Beispiele heran: Welcher Aspekt des Todes wird problematisiert? Welchem Todesbild hängt die Gesellschaft an? Wie ist der Tod in die Welt der Filmethnie integriert? In welcher kategorialen Beziehung zum Tod stehen die Hauptakteure? Welches gesellschaftlich relevante Thema wird anhand des Todes problematisiert? Welche Lebenskräfte stecken in diesen Filmen? Da die Autorin ausgebildete Filmemacherin ist, gibt sie konkrete Antworten. Zu ihren Beispielen gehören die Komödien HEATHERS (1989, USA), PULP FICTION (1994, USA), JOYONGHAN GAJOK (1998, Südkorea), VERY BAD THINGS (1998, USA), SNATCH (2000, England/USA) und VOLVER (2006, Spanien). Hier geht es meist um die Beseitigung einer Leiche. Als Beispiele für Dramen dienen TITANIC (1997, USA), ASOKA (2001, Indien), CITADE DE DEUS (2002, Brasilien), HOTEL RWANDA (2004, diverse Länder) und LE SCAPHRANRE ET LE PAPILLON (2007, Frankreich/USA). Der Tod am Ende darf hier dramaturgisch als bekannt vorausgesetzt werden. Die Actionfilme sind DIE HARD (1989, USA), LASHOU SHENTAN (1992, Hongkong), BLACK HAWK DOWN (2001, USA), DON (2006, Indien), ONG-BAK (2003, Thailand), KILL BILL VOL. 1 und 2 (2003/04, USA). Im Zentrum steht hier das Überlebensspiel. Es ist erstaunlich, wie viele visuelle Parallelen zutage gefördert werden. Die Screenshots sind dabei sehr hilfreich. Mehr über das Buch: http://www.bertz-fischer.de/lebenundsterben.html

European Film Awards

Heute wird in Valetta auf der Insel Malta der Europäische Filmpreis vergeben, zum 25. Mal. Ein Jubiläum im kleinsten EU-Land, das immerhin als Drehort eine gewisse Tradition hat: Wir erinnern uns an das Kolosseum in Ridley Scotts GLADIATOR, an Wolfgang Petersens TROJA, an das Fischerdorf in Robert Altmans POPEYE, an die gewaltigen Wasserlandschaften der „Mediterranean Film Studios“. Aber heute geht es um das europäische Arthouse-Kino, es konkurrieren um den Preis für den besten Film BARBARA, CAESAR MUSS STERBEN, JAGTEN, AMOUR, SHAME und ZIEMLICH BESTE FREUNDE. Ich vermute, dass Haneke auch in anderen Kategorien gewinnen wird. Die Ehrenpreise bekommen die Schauspielerin Helen Mirren und der Regisseur Bernardo Bertolucci. Morgen Abend gibt es eine 90-Minuten-Zusammenfassung auf Arte (22.10 Uhr).

Around the Word in 14 Films

Zum siebten Mal findet ab heute im Berliner Babylon Kino  das Festival „Around the World in 14 Films“ statt. Das Programm ist wie immer sehr vielfältig, die einzelnen Filme werden von Paten präsentiert, von Sandra Nettelbeck, Stefan Krohmer, Hanns Zischler, Pepe Danquart, RP Kahl, Knut Elstermann, Via Lewandowsky, Jasmin Tabatabai, Daniel Brühl, Philip Gröning, Rüdiger Suchsland, Hendrik Handloegten, Nina Kronjäger, Wim Wenders und einem Überraschungspaten. Viele Regisseure sind bei der Aufführung ihrer Filme anwesend. Das vollständige Programm: aroundtheworld12.htm. Gestern wurde im Kino International und im Cinema Paris die zwölfte Französische Filmwoche mit Régis Roinsards Film POPULAIRE eröffnet. Bis zum 5. Dezember werden 14 neue französische Filme gezeigt, die ja unter den europäischen Filmen bei uns den besten Ruf genießen. Im Kino Arsenal findet ab morgen die Reihe „Dans Paris – Paris im Film“ statt (acht Filme). Und seit Mittwoch geht es im Kino International, im Arsenal und im Filmtheater am Friedrichshain speziell um das neue Russische Kino. Mehr darüber: www.russische-filmwoche.de. Morgen wird in Malta der Europäische Filmpreis verliehen. In Berlin präsentiert sich derweil das europäische und internationale Kino in beispielhafter Auswahl.

Fritz Lang

Heute geht die große Fritz Lang-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums zu Ende. Was bleibt, ist die Publikation, herausgegeben von Astrid Johanna Ofner. Ihr Hauptteil sind filmografische Informationen und klug ausge-wählte Texte zu den 30 Filmen von Fritz Lang. Bunt gemischt sind dabei zeitgenössische und retrospektiv publizierte Rezensionen aus Deutschland, England, den USA und Frankreich. Die internationale Perspektive spiegelt sich auch in den neun Texten wider, die der Filmdokumentation vorangestellt sind: eine Erinnerung an eine Begegnung mit FL von Michel Piccoli, ein Essay von Georges Franju über den Stil von FL aus dem Jahr 1937, ein Aufsatz von Otis Ferguson über FL aus dem Jahr 1941, eine Reflexion von Jean Douchet über den Lang’schen Helden in SCARLET STREET (geschrieben 1990), Hinweise von Bernard Eisenschitz auf Briefe von Brecht an Lang und Erinnerungen Langs an Wien, ein Interview von Mary Morris mit FL (1945). Ganz am Anfang steht ein schöner, sehr persönlicher Text von Peter Nau über einige Begegnungen mit Fritz-Lang-Filmen. Man spürt, wie viel Nachdenken in diese Dokumentation investiert wurde. Mehr zum Buch: 351–fritz-lang.html.

Ekstase

Band 6 der „Projektionen. Studien zu Natur, Kultur und Film“, herausgegeben von Thomas Koebner. Und weil sein Horizont weit über den Film hinausgeht, gibt er auch dem Phänomen von Exaltation und Entrückung eine substantielle Tiefe. So reflektiert Susanne Gödde in einem höchst lesenswerten Essay über die dionysische Ekstase in der griechischen Antike, entdeckt Gert Sautermeister in einem großen Text Verbindungen einer Gegenkultur bei Bocciaccio, Nietzsche, Schiller, Beethoven, Klopstock, Gottfried Keller und Eichendorff und endet bei der Studentenbewegung. Was in der Konklusion noch keine Logik bekommt, erschließt sich spätestens beim Lesen. Eike Wittrock erinnert an moderne Tanzekstasen zwischen Form und Erfahrung. Und Thomas Koebners Beispiele der Ekstase im Film verweisen auf Langs METROPOLIS (die falsche Maria) und FURY, Bergmans SIEBTES SIEGEL, Renoirs FRENCH CAN CAN, Fellinis I VITELLONI, Fred Astaire, Gustav Machatys Drama EKSTASE, Pascal Ferrans LADY CHATTERLEY und Peter Weirs PICNIC AT HANGING ROCK. Koebner interpretiert die ekstatischen Momente der Filme und lässt ihnen dabei ihre Geheimnisse. Michelle Koch schreibt am Ende, eher kurz, aber komprimiert, über Rauschekstasen im Film. Wie schön, dass solche Motivschnitte, die über das Medium hinausweisen, in der (Film-)Literatur möglich sind. Mehr über das Buch: neu_werke_default_film.

Filmsoziologie

Ein zu geringes Interesse der Soziologie für den Film beklagen die drei Heraus-geber dieses Buches. Sie haben deshalb 2011 eine Tagung in Graz initiiert und publizieren hier ausgewählte Referate und Diskussions-ergebnisse der offenbar sehr instruktiven Verantaltung. Sechs Texte beschäftigen sich im ersten Teil mit theoretischen und methodologischen Perspektiven der Filmsoziologie, darunter Markus Scherers Beitrag zu einer Soziologie des Visuellen und Rainer Winters Überlegungen zum postmodernenen Hollywoodkino und der kulturellen Politik der Gegenwart. Im zweiten Teil wird es konkreter. Unter der Überschrift „Angewandte Filmsoziologie“ geht es um einzelne, beispielhafte Filme (DAS WUNDER VON BERN  und den Fußballfilm als Heimatfilm, THE BOURNE IDENTITY, das Globalisierungswissen und die Identitätskrise, Jean Rouchs LES MAITRES FOUS als Darstellung von Kult und Ritualen), um das Fernsehen (die Filmästhetik des „Tatorts“ und das Sterben im Fernsehen), um Filmsoziologie in der DDR und um Geschlechternarrationen im jüngeren österreichischen Kinospielfilm. Die Themenauswahl wirkt noch etwas beliebig, aber in der Summierung wird eine Bewegung deutlich. So gesehen, wird auch Wissenschaftszukunft beschworen, wie sie der Titel verspricht. Mehr über das Buch: f2912de88cb/.

Hans Steinhoff

Er hat 47 Spielfilme inszeniert, den ersten 1921 (KLEIDER MACHEN LEUTE), den letzten 1945 (SHIVA UND DIE GALGENBLUME,  unvollendet). In die deutsche Filmgeschichte ist Hans Steinhoff vor allem mit drei Titeln eingegangen: HITLERJUNGE QUEX (1933), ROBERT KOCH, DER BEKÄMPFER DES TODES (1939) und OHM KRÜGER (1941). Er gilt als Starregisseur der NS-Zeit, war ehrgeizig und endete dramatisch: bei einem Flugzeugabsturz am 20. April 1945.  Horst Claus (*1940) hat unfassbar genau recherchiert und viel Zeit investiert, um das Steinhoff-Leben so genau wie möglich zu erforschen. Akten, Biografien, Nachlässe, Briefe, Zeitungsartikel dienen ihm als Faktengrundlage. 1.440 Anmerkungen belegen die Quellen. Hat sich der Aufwand gelohnt? Ja und nein. Das Buch korrigiert so ziemlich alle Falschmeldungen und füllt alle Lücken, die es in der Steinhoff-Literatur bisher gab. Es ist gut geschrieben, es lässt sich auf die einzelnen Filme ein und vermittelt in neun „Exkursen“ wichtiges Hintergrundwissen. Aber: es verliert sich auch in Details, wirkt redundant und nach 540 Seiten fragt man sich: muss ich das wirklich alles wissen? Da mischen sich Bewunderung für den Fleiß und Verwunderung über eine so spezielle Informationssucht. Eine parallele Lektüre mit der Jannings-Biografie von Frank Noack (2012/11/emil-jannings/ ) ist nicht ohne Reiz, denn der Schauspieler war in drei Steinhoff-Filmen Hauptdarsteller. Noack, journalistisch geübt, kann besser komprimieren. Beeindruckend am Steinhoff-Buch, das vom Filmarchiv Austria publiziert wurde, ist die Druck- und damit auch die Bildqualität. Mehr über das Buch: filme-fuer-hitler.