Antonin Artaud

Der Franzose Antonin Artaud (1896-1948) war Schauspieler, Dichter, Dramatiker, Theoretiker, Zeichner, gehörte eine Weile zum Surrealismus und verfolgte später vor allem seine eigenen Theaterideen, zu denen Mitte der 1930er Jahre das „Theater der Grausamkeit“ gehörte, in dem man einen Vorläufer heutiger Performance sehen kann. Artauds Einfluss auf das moderne Theater sollte nicht unterschätzt werden. Seine Affinität zum Film war zunächst groß, er spielte – meist in Nebenrollen – in mehr als zwanzig Filmen mit, u.a. in Dreyers LA PASSION DE JEANNE D’ARC und Langs LILIOM. Und er investierte viele originelle Gedanken in die Phänomene des Kinos, war aber enttäuscht von der Entwicklung des Tonfilms. Seine Texte zum Film sind jetzt in einem eigenen Band der Artaud-Werke im Verlag Matthes & Seitz zu lesen. Die Ausgabe ist gut kommentiert, mit einem Nachwort von Bernd Mattheus versehen und fällt schon mal durch den tief schwarzen Einband auf, den kein bunter Schutzumschlag aufhellt. Mehr zum Buch: scripts/buch.php?ID=436

Polar

Das Wort, das uns als Bezeichnung für Gegensätze dient, hat in Frankreich eine allseits bekannte filmische Bedeutung. Es kombiniert die Wörter „police“ und „argot“, Polizei und Gaunersprache, es meint die Konfrontation von Gesetz und Verbrechen, es fungiert als Genrebegriff für alles Kriminelle, mit vielen Subgenres und der Konstante der Dunkelheit, der Nacht. In der Genre-Reihe des Bender-Verlages ist jetzt, herausgegeben von Ivo Ritzer, ein Band mit 15 kenntnis-reichen Beiträgen zum „Polar“ erschienen. Vom Herausgeber stammt ein fundierter Genre-Diskurs, von Dominik Graf eine persönliche Hommage. Es gibt Texte zur historischen Entwicklung, zu einzelnen Phänomenen und zu ausgewählten Regisseure, zum Beispiel Henri-Georges Clouzot, Claude Chabrol, José Giovanni, Jean-Pierre Melville, Alain Corneau, Philippe Grandrieux, Gaspar Noé und Bruno Dumont. Zu den Autoren gehören Norbert Grob, Bernd Kiefer, Roman Mauer, Karlheinz Oplustil, Andreas Rauscher, Marcus Stiglegger und verschiedene Doktoranden der Filmwissenschaft in Mainz. Gute Abbildungen. Der vierte Genre-Band bei Bender. Ob weitere folgen? Mehr zum Buch: 82fa5d59656dfb14b2f42e32fea8c436

Filmidole im Dritten Reich

1991 hat Friedemann Beyer sein erstes Buch über Nazi-Schauspielerinnen publiziert; es hieß damals „Die Ufa-Stars im Dritten Reich“. Nach über zwanzig Jahren ist jetzt eine überarbeitete Neuausgabe erschienen: „Frauen für Deutschland“, in der Collection Rolf Heyne. Es geht um Zarah Leander, Olga Tschechowa, Sybille Schmitz, Ilse Werner und Kristina Söderbaum, die auch den Titel schmückt (in der ersten Fassung waren noch alle fünf Frauen auf dem Cover zu sehen). Es wurden neue Erkenntnisse eingearbeitet, und auch der Fototeil ist erweitert worden. Manchmal lohnt es sich, an ein früheres Buch noch einmal Hand anzulegen. Mehr zum Buch: titel503.html

Oberhausen: 50 Jahre Manifest

Morgen beginnen die 58. Oberhausener Kurzfilmtage, und weil dort vor fünfzig Jahren das Oberhausener Manifest verlesen wurde, soll das auch gefeiert werden. Natürlich gibt es eine Publikation zum Jubiläum. Sie hat den Titel „Provokation der Wirklichkeit“, ihre Herausgeber sind der Publizist Ralph Eue und der Leiter der Kurzfilmtage Lars Henrik Gass. Der Band enthält Dokumente, Essays und Gespräche. Mehr über das Buch: default_film. Neben dem Buch gehören zur Würdigung des Jahrestages die Restaurierung zahlreicher Filme der Unterzeichner, eine DVD-Edition mit deren Arbeiten, eine Reihe von Filmprogrammen im In- und Ausland, die Website www.oberhausener-manifest.com sowie ein internationales Symposium im Österreichi-schen Filmmuseum Wien am 7. und 8. Juni. Das Projekt wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.

Der Film und das Tier

Hühner und Katzen, Löwen und Affen, Dinosaurier und Schmetterlinge – eigentlich haben alle Tierarten ihr spezielles Leinwand-leben. In meiner Bibliothek steht das Buch „Wilde Tiere im Film“ von Joseph Delmont, einem Großwildjäger und Tierfilmregisseur, aus dem Jahr 1925. Ein Lexikon der Filmtiere wäre schön, ist aber wohl undenkbar. Die Alternative: Analyse von Spezialfällen. Das Bremer Filmsymposium hat sich 2011 mit dem Thema beschäftigt, und bei Bertz + Fischer ist jetzt die Dokumentation der Vorträge erschienen. Sortiert unter den Begriffen Klassifizierungen, Cinephilien und Philosophien sind zehn Texte von Winfried Pauleit, Vinzenz Hediger, Sabine Nessel, Jonathan Burt, Annette Förster, Gustavon Martin Garzo, Raymond Bellour, Ute Holl, Herbert Schwaab und Jennifer Fay zu lesen. Ganz besonders gefallen hat mir Bellours Erinnerung an BRINGING UP BABY und MONKEY BUSINESS von Howard Hawks. Mehr über das Buch: filmunddastier.html

My Week with Marilyn

Heute startet der englische Film MY WEEK WITH MARILYN von Simon Curtis mit Michelle Williams, Emma Watson und Kenneth Branagh in den deutschen Kinos. Erzählt wird eine „True Story“, die sich im September 1956 während der Dreharbeiten zu THE PRINCE AND THE SHOWGIRL ereignet haben soll. Der Autor Colin Clark war damals als dritter Assistent auf dem Set in den Pinewood Studios ein sehr realer Protagonist in einem fast mythischen Geschehen. Sein Buch, geschrieben vor zwölf Jahren, ist rechtzeitig zu Filmpremiere bei Schirmer/Mosel Literatur erschienen: „Meine Woche mit Marilyn. Eine wahre Geschichte“. Clark hat in den 1960er und 70er Jahren viele Dokumentarfilme gedreht, dann als Schriftsteller gearbeitet und ist 2002 gestorben. Für Marilyn-Fans ist es natürlich obligatorisch, das Buch zu lesen und den Film zu sehen.  Mehr über das Buch: php?products_id=670  Über den Film hat Susan Vahabzadeh eine schöne Kritik in der SZ geschrieben: der-schoene-und-das-biest-1.1335098

Filmland Brandenburg

Aus Berliner Sicht ist Brandenburg „das Umland“. Aber das Land Brandenburg hat eine eigene Geschichte und, wie man weiß und durch dieses Buch bestätigt bekommt, auch eine eigene Filmgeschichte. Sie ist eng verbunden mit dem Studio in Babelsberg, aber ihre Schauplätze sind kreuz und quer über das Land verstreut. Da ist es hilfreich, eine Art Reiseführer zur Hand zu haben. Marcel Piethe, gut vertraut mit Regional- und Landesgeschichte, gibt sechs Strecken vor, die er mit insgesamt mehr als 300 Filmen verknüpft: vom Spreewald und dem FREMDEN VOGEL (1912) mit Asta Nielsen bis nach Neuruppin und Hermine Huntgeburths HUCK FINN (2012) mit Heike Makatsch. Kein Lexikon, sondern ein schönes Lesebuch. Heute Abend wird es im Filmmuseum Potsdam präsentiert:  de/398-0-7613.htm.  Mehr zum Buch:  filmlandbrandenburg.html

Bertrand Tavernier

Kompliment an Thomas Koebner und Fabienne Liptay: jetzt ist der 25. Band ihrer Reihe „Film-Konzepte“ erschienen. Er ist dem französischer Regisseur Bertrand Tavernier gewidmet, und als Gastheraus-geber fungiert diesmal Karl Prümm, der natürlich auch in den Band einleitet. Es gibt zwei Generalartikel (von Pascale Anja Dannenberg und Marie Krämer) und vier Texte zu einzelnen Filmen; sie stammen von Norbert Grob (über ROUND MIDNIGHT), Karl Prümm (LA VIE ET RIEN D’AUTRE), Karina Kirsten (LA GUERRE SANS NOM) und Gerhard Midding (LA PRINSECCE DE MONTPENSIER im Kontext der Historienfilme von Tavernier). Mit Bio- und Filmgrafie. Schön, dass dieser Regisseur endlich bei uns gewürdigt wird. Mehr zum Buch: werke_default_film

Intermaterialität

Zur Definition: „Intermaterialität beschreibt die Beziehung zweier oder mehrerer Artefakte oder Zeichengebilde, wenn sie auf materialer Basis interagieren.“ Auch wenn zu Zeiten des Expressionismus von Intermaterialität noch nicht die Rede war, lässt sich aus dem Bezugssystem für das damalige Zusammen-spiel der Künste einiger Erkenntnisgewinn erzielen. Kleinschmidt analysiert an konkreten Beispielen das Zusammenwirken zwischen Text und Bild, Schrift und Film, Musik und Theater. Sein wissenschaftlicher Anspruch ist hoch, mit über 1.000 Quellenvermerken ist er auf der sicheren Seite. Was den Film betrifft, so konfrontiert er ihn, ausgehend vom „Kinobuch“ von Kurt Pinthus, mit der Literatur der Zeit und deren Aneignung des neuen Mediums. Sehr lesenswert ist das Kapitel „Der Stummfilm und die Schrift“, das sich auf drei Beispiele konzentriert: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM und NOSFERATU. Mehr über das Buch: www.transcript-verlag.de/ts1967/ts1967.php

Untergang der Titanic

Seit Wochen werden wir auf das Jubiläum eingestimmt: heute vor 100 Jahren ist die Titanic untergegangen. In vielen Kinos läuft Camerons Film in 3D. An verschiedenen Orten sind Spezialveranstaltungen ange-kündigt. Im Fernsehen gibt es jede Menge Dokumentationen. Und auch die Film-literatur leistet einen originalen Beitrag: im Verlag edition text + kritik ist soeben ein Buch von Michael Wedel erschienen. Es heißt „Kollision im Kino“ und stellt zwei Mythen in den Mittelpunkt: den frühen deutschen Film TITANIC – IN NACHT UND EIS aus dem Jahr 1912, der lange als verschollen galt und jetzt wieder zugänglich ist, und den Regisseur dieses Films, den Rumänen Mime Misou, über den fast gar nichts bekannt war. Er hat als Regisseur und Darsteller bis 1914 fünf kurze und mittellange Filme gedreht, in den folgenden Jahren in Holland und den USA gelebt und sich 1921 aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Wedels Buch, gut recherchiert, ist ein eigenständiger Beitrag zum Untergangsjahr. Mehr zum Buch: neu_werke_default_film