Prager Frühling

Auch in den osteuropäischen Ländern gab es in den 1960er Jahren Aufbrüche. Sie gerieten allerdings bald in einen Stillstand. In der CSSR dauerte die Phase von 1963 bis in den Sommer 1968. Eine sehr interessant zusammengestellte Reihe im Münchner Filmmuseum erinnert daran. 26 Spielfilme, neun Kurzfilme und ein Dokumentarfilm werden bis 11. Dezember präsentiert. Dazu sind verschiedene Gäste eingeladen. Drei Filme sind mir noch in besonderer guter Erinnerung: WENN DER KATER KOMMT (1963) von Vojtech Jasny, DAS GESCHÄFT IN DER HAUPTSTRASSE (1965) von Ján Kadár und Elmar Klos, TAUSENDSCHÖNCHEN (1967) von Vera Chytilowá (Foto). Mehr zur Filmreihe: 30_Prager_Fruehling.pdf

Dennis Hopper – The Lost Album

Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird heute eine besondere Fotoausstellung eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem Dennis Hopper-Trust werden erstmals in Europa über 400 Vintage-Prints von Hopper präsentiert, die erst nach seinem Tod, verborgen und fast vergessen, wieder gefunden worden sind. Im Fort Worth Art Center Museum in Texas waren sie 1969 zu sehen. Hopper (1936-2010) hat in den 1960er Jahren mit Leidenschaft fotografiert: Schauspieler, Künstler, Friedhöfe, Stierkämpfe, politische Ereignisse. George Seeßlen hat in der neuen Zeit (Beilage „Kultursaison“) darüber einen sehr schönen Text geschrieben. Auf dem Plakat, unschwer zu erkennen, ist Paul Newman 1964 im Schatten eines Zauns zu sehen.

DOKU.ARTS in Berlin

Im Zeughauskino in Berlin wird heute die siebte Ausgabe der Werkschau DOKU.ARTS eröffnet. Nach ihrer Gründung durch den unermüdlichen Andreas Lewin im Zusammenwirken mit der Berliner Akademie der Künste gab es vor vier Jahren finanzielle Engpässe, die Lewin zum Export seines Unternehmens nach Amsterdam bewogen haben. Jetzt kehrt er heim, präsentiert bis 14. Oktober insgesamt 30 Dokumentarfilme und hofft auf eine Zukunft. Zu den Höhepunkten des diesjährigen Programms gehört ein Schwerpunkt Brasilien mit dem besonderen Gast Arthur Omar. Sehr gespannt bin ich auch auf die Filme MANDALA von Christoph Hübner und Gabriele Voss und MARK LEWIS – NOWHERE LAND von Reinhard Wulf. Mehr zum Programm: www.doku-arts.de/2012/de/

Ulrich Gregor 80

Ulrich Gregor, Filmhistoriker, Mitbegründer der Freunde der Deutschen Kinemathek, des Kinos Arsenal und des Internationalen Forums des jungen Films, wird heute achtzig Jahre alt. Er ist längst eine Berliner Institution mit internationaler Vernetzung. Sein filmhistorischer Horizont reicht von Asien über Ost- und Westeuropa bis Lateinamerika. Genau vor fünfzig Jahren publizierte er zusammen mit Enno Patalas die erste ernstzunehmende deutschsprachige Filmgeschichte, mein Filmbuch des Jahres 1962 (geschichte-des-films/), vier Jahre später den legendären Interviewband „wie sie filmen“, mein Filmbuch des Jahres 1966 (wie-sie-filmen/), und 1978 die „Geschichte des Films ab 1960“. Gefeiert wird heute im Arsenal. Herzlichen Glückwunsch!

Babelsberger Professoren

Auch Filmhochschulen müssen sich in der Konkurrenz profilieren. Dafür reichen offenbar nicht die Auszeich-nungen von Studentenfilmen. Die HFF ‚Konrad Wolf’ in Babelsberg, mit 58 Jahren die älteste deutsche Filmhochschule, wirbt jetzt mit einer Publikation über ihre Lehr-kräfte. Zehn Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Drehbuch/Dramaturgie porträtieren in einem Buch den noch amtierenden Präsidenten und 34 Professorinnen und Professoren der elf Studiengänge. Die Texte – je zwei bis drei Seiten – sind informativ und natürlich den Protagonisten zugeneigt. Aufmacher ist jeweils ein Foto. Ein Anhang listet die Lehrenden und ihre „Schaffenszeit“ an der HFF von 1954 bis in die Gegenwart auf. Herausgegeben von der Kanzlerin Brigitte Klotz und dem Dramaturgie-Professor Torsten Schulz. Mehr über das Buch: 504/detail.html

Bernd Eichinger

Mit der Abkürzung BE habe ich bisher vor allem das Berliner Ensemble verbunden. Und Eichinger war eben Eichinger. Seine Witwe Katja führt für den Buchtitel eine autobiografische Quelle ins Feld, die auf den existentiellen Subtext Let it B.E. verweist. Fünf Jahre waren Bernd und Katja Eichinger verheiratet, dann starb er am 24. Januar 2011, und die Witwe begann zu schreiben. Es ist ein erstaunliches Buch, das jetzt bei Hoffmann & Campe erschienen ist, geprägt von der Nähe der Autorin zum Protagonisten: intim in vielen Details, sehr gut recherchiert, besser formuliert als manche andere, zeitgleich erschienene (Auto-)Biografie. Briefe, Tagebucheintragungen, handschriftliche Zettel und Dokumente konkretisieren den Text der Autorin. Er wird eingerahmt von Schilderungen des Sterbetages, bei denen auch Auslassungen angenehm auffallen. Die Biografie von Detlef Dreßlein und Anne Lehwald bei Heyne 2011 war ein Schnellschuss. Katja Eichingers Biografie hat eine ganz andere Dimension. Dafür gebührt ihr Respekt. Hanns-Georg Rodek (Die Welt, 9.9.2012), Claudius Seidl (FAS, 9.9.) und Peter Körte (FAZ, 11.9.) haben das Buch zugeneigt rezensiert, Tobias Kniebe hat ihm in der SZ eine ganze Seite gewidmet (5.9.), Andrea Hanna Hünninger in der Zeit eine differenzierte Besprechung publiziert (13.9.). Mit 44 schwarzweißen und farbigen Abbildungen, aber leider ohne Personen- und Filmtitel-Register.

Fassbinder-Konferenzen (4)

Heute und morgen findet im Collegium Hungaricum die Fortsetzung der Fassbinder-Konferenzen statt. Diesmal geht es – etwas allgemein gefasst – um Gruppenarbeit. Gäste sind u.a. die drei Leiterinnen des Arsenal-Kinos, Stefanie Schulte-Strathaus, Birgit Kohler und Milena Gregor, mit der Innenansicht einer modernen Kinemathek, Alejandro Bachmann vom Österreichischen Filmmuseum mit einer bisher unveröffentlichten Fassbinder-Diskussion vom November 1975, die Dokumentaristen Philip Scheffner und Merle Kröger mit einem Gespräch über ihre Arbeit. Alban Lefranc präsentiert seinen Roman „Fassbinder, la mort en fanfare“ und definiert die Grundlagen einer neuen Wissenschaft, der „Fassbinderologie“. Organisiert und moderiert wird die Veranstaltung vom Team der Filmzeitschrift Revolver. Mehr zur Veranstaltung: php/de/hands-on-fassbinder

Europas Goldene Bären

Die Gemeinschaft der europäischen Kulturinstitute in Berlin (EUNIC) veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Berlinale und dem Kino Arsenal eine Filmreihe mit dem Titel „60 Jahre Goldene Bären“. Gezeigt werden bis Ende November jeweils mittwochs oder donnerstags 14 Spielfilme und ein Kurzfilmprogramm. Der älteste Film ist DIE VIER IM JEEP von Leopold Lindtberg (1951), der jüngste GRBAVICA von Jasmila Zbanic (2005). Mehr zum Programm: EUNIC_GoldBaer_FLYweb.pdf

Resonanz-Räume

In zwanzig Beiträgen geht es um die Stimme. Sie ist – trotz ihrer großen Bedeutung im Tonfilm und in den Medien der letzten Jahrzehnte – ein relativ wenig erforschtes Thema der Filmgeschichte. In vier großen Kapiteln (Zeitbilder / Identitätsbilder / Nicht-menschliche Stimmen / Stimm-Techniken, Stimm-Wirkungen) fügen sich die Texte zu einem interessanten audio-visuellen Panorama, beginnend mit der Frühzeit des amerikanischen, französischen und russischen Tonfilms. Bei David Assmann geht es dann um die Stimmfärbung von law and order in den Figuren John Waynes und James Stewarts, Larson Powell beschreibt das Verhältnis von Bild und Stimme in Konrad Wolfs GETEILTEM HIMMEL, Oliver Kreutzer die Filmstimmen von Doppelgängern, Zwillingen und Gender-Überläufern und die Herausgeberin Oksana Bulgakowa den Klang der 1950er Jahre am Beispiel von Marlon Brando und Innokenti Smoktunowski. Claudia Schmölders geht in ihrem sehr interessanten Beitrag der Frage nach, warum Frauenstimmen in historischen Mediendokumenten völlig unterrepräsentiert sind. In zwei Interviews kommen die Tonmeister Ben Burtt und Jim Webb zu Wort. Das ausdrucksstarke Titelfoto stammt von einem Photoplay-Cover aus dem Jahr 1929. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/resonanz-raeume.html

Pina – Der Film und die Tänzer

Dies ist mehr als „das Buch zum Film“. Natürlich steht der Film PINA von Wim Wenders im Zentrum der Publikation. Donata Wenders hat die Dreh-arbeiten fotografisch begleitet und den experi-mentellen Charakter der 3-D-Produktion eindrucksvoll dokumentiert. Darüber hinaus ist ihr ein sehr persönlicher Blick hinter die Kulissen des Wuppertaler Tanz-theaters gelungen. Mit einem Text von Wim Wenders. Drucktechnisch auf höchstem Niveau. Mehr zum Buch:  cPath=39&products_id=675