Hollywood in Deutschland

2013.GarncarzImmer wieder wird davon ausgegangen, dass es eine Dominanz des Hollywoodkinos in Deutschland schon in den 1920er Jahren gab, die sich in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik fortgesetzt hat und Dank der Blockbuster bis in die Gegenwart anhält. Joseph Garncarz (*1957) hat in seiner Kölner Habilitationsschrift systematisch die Publikums-interessen ab 1925 erforscht und dabei festgestellt, dass erst in den 1970er Jahren eine Präferenz des amerikanischen Films in der internationalen Kinokultur nachweisbar ist. In den 50er Jahren kamen die Kassenhits noch überwiegend aus der BRD, in den Sechzigern aus den europäischen Nachbarländern. Die Kino-Erfolgranglisten, die im Anhang abgedruckt sind, belegen die Thesen von Garncarz nachdrücklich. Natürlich hat das vor allem mit der Abwanderung großer Zuschauermengen zum Fernsehen und mit dem Generationswechsel beim Kinopublikum zu tun. Erst seit dem Inkrafttreten des Filmförderungsgesetzes 1968 gibt es im Übrigen verlässliche Daten über Besucherzahlen, die Recherchen von Garncarz für die Zeit davor waren mühsam und aufwendig. Sie sind in der Konsequenz aufschlussreich, führen aber nicht zu einer generellen Neubewertung der Filmgeschichte. Mehr zum Buch: buecher_H_658_1/

VIEHJUD LEVI (1998)

2013.Viehjud LeviAusgelöst durch den Fernsehfilm UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER wird in diesen Tagen viel über die Traumatisierung der Deutschen durch die Nazi-Verbrechen gesprochen. Da sind Hinweise auf frühere Filme angebracht. Der Schriftsteller Thomas Strittmatter war zwanzig Jahre alt, als er das Theaterstück „Viehjud Levi“ schrieb, das 1982 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Der Autor starb 1995. Didi Danquart hat das Stück 1998 verfilmt. Erzählt wird die Geschichte eines Viehhändlers im Schwarzwald, der 1933 die ideologischen Veränderungen existentiell zu spüren bekommt. Angeführt von einem Berliner Ingenieur repariert ein Bautrupp einen eingestürzten Eisenbahntunnel und bringt bei den Bewohnern eines entlegenen Tals irrationale Sympathien für den Nationalsozialismus zum Vorschein. Levi wird die Zielscheibe rassistischer Angriffe und kann nur mit Hilfe einer engagierten Bauerntochter sein Leben retten. Von Danquart subtil inszeniert, von Bruno Cathomas, Caroline Ebner, Ulrich Noethen und Martina Gedeck eindrucksvoll gespielt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films publiziert worden. Da wird auch noch einmal klar, dass uns mit Strittmatter ein hochbegabter Autor früh verloren gegangen ist. Mehr zur DVD: thema&list_item=53.

Gespräche über Dokumentarfilm

2013.Subjektiv_SprechenIm Winter 2010/2011 haben sich in München die Pinakothek der Moderne und die Hochschule für Fernsehen und Film für eine Veranstaltungsreihe zusammengetan. Heiner Stadler (*1948, Leiter der HFF-Dokumentarfilm-abteilung) und Bernhard Schwenk (*1960, Kurator für Gegenwartskunst der PdM) diskutierten an sieben Abenden mit jeweils einer Studentin / einem Studenten und einem arrivierten Gast aus der Filmszene. Thema: was leistet der Dokumentarfilm, der Blick auf die Wirklichkeit, in unserer Zeit? Bei Doris Dörrie und Jan Gassman ging es um die Frage „Wen interessiert schon Alltag?“. Hans-Christian Schmid und Andy Wolff beschäftigte die Überlegung „Ist der Spielfilm der bessere Dokumentarfilm?“. Michael Ballhaus und Noemi Schneider fragten sich „Wo bleibt im Dokumentarfilm die Kunst?“. Ulrich Seidl und Leonie Stade diskutierten über „Grenzüberschreitungen im Dokumentarfilm“. Dominik Graf und Fatima Abdollahyan thematisierten das Problem „Kann man Leben recherchieren?“. Christian Jankowski und Alexander Hick fanden sich mit der Frage konfrontiert „Braucht die bildende Kunst das Dokumentarische?“. Und Jochen Kuhn sprach mit Ali Zojaji über die These „Blockiert Theorie die Arbeit am Film?“. Stadler und Schwenk fungierten als moderierende, aber meinungsfreudige Gesprächsteilnehmer, und auch das Publikum kam zu Wort. Die Gäste gaben mit ihrer Erfahrung den Gesprächen ein Zentrum. Interessanter Lesestoff, die Präsentation wirkt etwas selbstverliebt. Mehr zum Buch: werke_default_film.

Käutner-Preis für Christian Petzold

2013.Petzold 2Alle drei Jahre wird in Düsseldorf der Helmut-Käutner-Preis verliehen. Er ist mit 10.00 € dotiert und zeichnet Persön-lichkeiten aus, die „durch ihr Schaffen die Entwicklung der deutschen Filmkultur nachdrücklich unterstützt und beeinflusst, ihr Verständnis gefördert und zu ihrer Anerkennung beigetragen haben.“ Heute erhält der Regisseur Christian Petzold (*1960) den Preis. Und das ist eine sehr kluge Entscheidung der Jury, denn Christian ist einer der großen Kreativen des aktuellen deutschen Films und fühlt sich Käutner sehr verbunden. Für den Film AUGE IN AUGE (2008) hatte er sich als Pate den Käutner-Film UNTER DEN BRÜCKEN (1944/45) ausgesucht, der für ihn ein „Desertationfilm“ ist, also ein Film, der sich dem Krieg verweigerte. Und die Szene, in der Carl Raddatz Hannelore Schroth die Locke aus dem Gesicht pustet, ist für Petzold eine der großen Liebesszenen des deutschen Films. Katja Nicodemus, die Filmredakteurin der Zeit,  wird heute die Laudatio auf Christian halten. Und ich gratuliere ihm von Herzen. Mehr zum Preis: helmut-kaeutner-preis/index.shtml.

Textualität des Films

2013.TextualitätEine neue Schriftenreihe: „Zur Textualität des Films“. Sie wird herausgegeben von John Bateman, Heinz-Peter Preußer und Sabine Schlickers vom Bremer Institut für transmediale Textualitätsforschung. Der zweite Band über „Hybride Räume“ erschien im Herbst 2012. Jetzt folgt der erste. Von den 15 Aufsätzen haben mich zwei besonders interessiert: eine Analyse des Films MENSCHEN AM SONNTAG (1929/30) von Heinz-Peter Preußer und ein Text von Thomas Althaus über Stillstand und Bewegung im deutschen Film der 1920er Jahre. Preußer arbeitet sehr konkret die visuellen Qualitäten des Films von Robert Siodmak und Edgar Ulmer heraus, erkennt Blick- und Raumkonstellationen, interpretiert den besonderen Stellenwert der Strandfotografen-Sequenz und benennt die entscheidenden Kunstmittel des späten Stummfilms. Die permanenten Textualitätsbezüge sind dem wissenschaftlichen Anspruch des Autors geschuldet. Althaus stellt in seinem Aufsatz eine hilfreiche Brücke zur Entwicklung des Ausdruckstanzes her und benutzt fünf Schlüsselfilme des Jahrzehnts – CALIGARI, GOLEM, NOSFERATU, WACHSFIGURENKABINETT und METROPOLIS – mit Verweisen auf ihre Genrekonventionen, um seine Überlegungen zur Spezifik von Standbild und Bewegtbild zu formulieren, die auch ohne die semantischen Hypothesen nachvollziehbar sind. Mehr zum Buch: film-text-kultur.html.

Dominik Graf in Wien

2013.GrafIm Österreichischen Film-museum beginnt morgen eine Werkschau mit Filmen von Dominik Graf. Sie wird eröffnet mit einem Wunschfilm des Regisseurs: NIGHT MOVES (1975) von Arthur Penn. Dominik hat vier weitere Filme anderer Regisseure als Carte blanche im Programm, und es werden 15 seiner Arbeiten gezeigt. Zur Werkschau hat das Filmmuseum in der Reihe der Synema-Publikationen ein eigenes Buch herausgegeben. Christoph Huber, Filmredakteur der Wiener Presse, unternimmt darin eine Reise durch das Werk von Dominik Graf („Ein anderes Deutschland ist möglich“), die viele, auch neue Erkenntnisse zutage fördert. Von Olaf Möller, Autor in Köln, stammt eine umfängliche kommentierte Filmografie, die auch kritische Worte findet. Huber und Möller haben ein gemeinsames Gespräch mit Graf geführt. Das sehr empfehlenswerte Buch ist bereits Band 18 der „FilmmuseumSynemaPublikationen“, die eine meiner Lieblingsreihen unter den Filmbüchern ist. Mehr zum Buch: mode=active. Mehr zur Werkschau: reserve-mode=active.

 

Stars und ihre deutschen Stimmen

2013.Stimmen 2Vor einigen Tagen starb der Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Schult. Er war die deutsche Stimme u.a. von Robert Redford, Anthony Hopkins, Clint Eastwood und Donald Sutherland. Die Synchronisation ausländischer Filme gibt es in Deutschland seit den 1930er Jahren, seit der Umstellung auf den Tonfilm. Thomas Bräutigam, im Hauptberuf mit spanischer Literatur beschäftigt, ist inzwischen eine Kapazität für deutsche Stimmen auf der Leinwand. Sein Lexikon erschien erstmals 2001, jetzt liegt eine dritte, ergänzte Auflage vor. Sie beschäftigt sich zunächst sehr sachkundig mit der Geschichte und den Problemen der Filmsynchronisation, die ja nicht unumstritten ist. Für die meisten Zuschauer ist sie eine Erleichterung beim Filmbesuch, weil die Untertitelung ausländischer Filme höhere Ansprüche stellt. Bräutigams Lexikon der Synchronschauspieler von A-Z, von Curt Ackermann bis Wolfgang Ziffer, versammelt mehr als 300 Biografien und stellt damit die wichtigsten Vertreter des Berufs vor. In einer Liste werden sodann die deutschen Sprecher der Weltstars genannt. Ein weiterer lexikalischer Teil schlüsselt Klassiker des Kinofilms und der TV-Serien mit Darstellern und Sprechern auf, von DAS A-TEAM bis ZWÖLF UHR MITTAGS. Als PDF-Datei ist eine umfangreichere Fassung unter www.schueren-verlag.de/synchronsprecher.html mit dem Passwort „Fremde Zungen“ im Netz zu finden. Ein Literaturverzeichnis schließt den Band ab. Mehr über das Buch: lexikon-der-synchronsprecher.html.

Regie Guide 2013/2014

2013.Regie-GuideBraucht man in der sich ständig aktualisierenden Netz-Zeit noch das gedruckte Mitglieder-Lexikon eines Berufsverbandes? Ich bin beein-druckt, wie anregend und informativ die Lektüre im gerade erschienenen Regie Guide ist, weil man ständig auf Personen stößt, die man kennt, aber aus den Augen verloren hat. Rund 730 Mitglieder hat der „Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure e.V.“, der 1975 gegründet wurde. Sie stellen sich mit Bild, Kontaktdaten, Filmografie, Auszeichnungen und Arbeitsprofil auf jeweils einer Seite vor, von Alexander Adolph bis Christian Zübert, dazu kommen noch die Bereiche Werbefilm, Synchronregie, Assistenz und Continuity. Zu Beginn dokumentiert ein Grundsatztext von Jobst C. Oetzmann und Jürgen Kasten „Wesen, Funktion und urheberrechtliche Bedeutung der Regie bei der Werkschöpfung des Filmwerks“, und Kasten, Geschäfts-führer des Verbandes, fordert die Gültigkeit des Urhebervertragrechts auch in der TV-Branche ein. Eine „Chronik des BVR 1975-2012“ vermittelt die historische Entwicklung des Verbandes. Alle Texte in Deutsch und Englisch. Und am Ende werden die Preisträger des Deutschen Regiepreises METROPOLIS der Jahre 2011 und 2012 vorgestellt. Eine nutzerfreundliche Publikation. Mehr zum Regie Guide: 2014/517/detail.html.

 

Suzanne Beyeler

2013.Susanne BeyelerSie kam aus der Schweiz nach Berlin und hat 1971 mit großem Selbstbewusstsein ein Studium an der DFFB begonnen. Ihren ersten, teilweise autobiografischen Film UMWEGE (1968) brachte sie damals schon mit. Suzanne Beyeler war ein Gruppenmensch, engagierte sich in der politischen Szene und drehte mit Manfred Stelzer und Rainer März die Filme ALLEIN MACHEN SIE DICH EIN (1971-74), KALLDORF GEGEN MANNESMANN (1975) und EINTRACHT BORBECK (1976). Ihr Abschlussfilm STRAHLENDE ZUKUNFT (1977-80) war eine Auseinandersetzung mit der Kernenergie. Nach einigen Umwegen fand Suzanne Mitte der 1980er Jahre eine gewisse Geborgenheit im Sufismus. Am 1. Mai 2012 ist sie in der Schweiz gestorben. In der Neuen Rheinischen Zeitung hat Gernot Steinweg am 30. Mai 2012 einen schönen Nachruf publiziert: beitrag.php?id=17839. Im Berliner Arsenal wird heute in einer Veranstaltung der Deutschen Kinemathek an sie erinnert. Drei Filme stehen auf dem Programm: SHEFIKA – AUF DEM WEG DER SUFI (1997), UMWEGE und KALLDORF GEGEN MANNESMANN. Zwischen den Filmen sprechen Helke Sander, Enzio Edschmid und Claudia von Alemann über das Leben und die Arbeit von Suzanne Beyeler.

Internationales Fußballfilmfestival

2013.11mmIm Berliner Babylon-Kino sind bis 19. März alte und neue Fußballfilme zu sehen. Das Festival heißt 11mm und findet zum zehnten Mal statt. Das Publikum wählt wie in den Vorjahren „Die Goldene 11“ für den Festivalsieger. Und zum Jubiläum gibt es noch eine spezielle Preisverleihung: zwei Jurys suchen aus zwanzig nominierten Filmen den besten Dokumentarfilm und den besten Spielfilm aller Zeiten zum Thema Fußball aus (Vorführungen am 19. März um 18 und 20 Uhr). Ihre Deutschlandpremiere haben im Babylon u.a. THE STREET AND THE RAGBALL von Ciro Cappellari, LES REBELLES DU FOOT von Gilles Perez und Gilles Rof und GRINGO AT THE GATES von Roberti Donati und Pablo Miralles. Ein weiterer Höhepunkt ist am 18. Die „shortkicks-Gala“, der Kurzfilmwettbewerb mit Preisverleihung. Noch immer ist das Buch von Jan Tilmann Schwab die schönste Fundgrube für Fußballfilme: filmbuecher/fusball-im-film/ . Mehr zum 11mm-Programm: 11mm_2013.htm