Global Bodies

Zwanzig Aufsätze zu medialen Repräsenta-tionen des Körpers: im Film, im Computer-spiel, im dreidimensionalen Bild, in Musikvideos, im Videoclip, im Aktionsbild. Einige Texte nehmen sich Regisseurinnen oder Regisseure vor: Philippe Grandrieux, Claire Denis, David Cronenberg, Olivier Assayas, zwei konzentrieren sich auf einen Film: BLACK SWAN (2010, Titelfoto) von Darren Aronofsky, VALHALLA RISING (2009) von Nicolas Winding Refns; andere untersuchen das neue französische Genrekino, den spanischen Horrorfilm, den russischen Kriegsfilm der Gegenwart oder, genereller, „pornografische Geschlechterkämpfe im narrativen Spielfilm“. Viel Blut, Sexualität und Genderfragen. Es empfiehlt sich, zuerst die Textbeschreibungen der einleitenden Bemerkungen lesen, da trennen sich – je nach eigenem Interesse – schon Spreu vom Weizen. Die beiden Herausgeber, Ritzer (Mainz) und Stiglegger (Siegen), wissen natürlich, was auf der akademischen Agenda steht. Es geht ihnen um den Körper als „kulturelles Konstrukt“. Mit vielen Abbildungen. Mehr zum Buch: www.bertz-fischer.de/globalbodies.html

Liebe – Das Buch

Hanekes Film, der gerade in den deutschen Arthouse-Kinos läuft, muss man sehen, auch wenn er sehr schmerzhaft ist. Und es lohnt sich, das Buch zu konsultieren, das den Eindruck noch einmal vertieft. Im Mittel-punkt steht das Drehbuch, das den Purismus des Films, sein elliptisches Erzählen und seine Sensibilität für viele Details erinnernd vor Augen führt. In seinen Ablauf sind zwei zusätzliche Informationsebenen eingefügt: zahlreiche Seiten aus dem deutschen Regiedrehbuch mit Einfügungen und Zeichnungen und aus dem französischen mit Storyboards und Notizen. Blicke in den Produktionsprozess. Dazu kommen viele große Stills aus dem Film. Von Georg Seeßlen stammt ein kluges Nachwort, das den Film in einen Werkzusammenhang von Haneke stellt. Mehr zum Buch: html?isbn=978-3-446-24027-8

Poetik der Schärfenverlagerung

Tereza Smid ist inzwischen Oberassistentin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Das Buch ist ihre Dissertation, die von Christine Noll Brinckmann betreut wurde. Als Brillenträgerin ist die Autorin für ihr Thema sensibilisiert. Sie strukturiert es in drei Kapitel: Gegenstand und Geschichte / Bild und Raum / Emotion und Narration. Ihr Blick ist auf das westliche Kino konzentriert, sie unternimmt aber auch einen Ausflug nach Japan und China (und vergisst dabei Yasujiro Ozu nicht). Es ist erstaunlich, wie die technischen und ästhetischen Phänomene von Bildschärfe und ihrer Verlagerung sich in der Filmgeschichte entwickelt haben und immer wieder vor allem auf zwei Konstante zurückführen: die Aufmerksamkeitslenkung und die Charakterisierung von Figurenbeziehungen. Smid zieht sehr viele Beispiele heran und nutzt intensiv DVD-Screenshots, um ihre Thesen zu visualisieren, was gerade bei diesem Thema unabdingbar ist. Fast 300 Fotos begleiten das Buch an der oberen Kante der Seiten. Auch wenn sie nur klein sind, geben sie eine Vorstellung von der Bedeutung der Szenen. Die Erforschung des Themas geschieht sehr komplex und auf beeindruckende Weise. Band 29 der „Zürcher Filmstudien“ und – wie gewohnt bei dieser Reihe – hervorragend gedruckt. Mehr über das Buch: poetik-der-schaerfenverlagerung.html

Dennis Hopper – The Lost Album

Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird heute eine besondere Fotoausstellung eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem Dennis Hopper-Trust werden erstmals in Europa über 400 Vintage-Prints von Hopper präsentiert, die erst nach seinem Tod, verborgen und fast vergessen, wieder gefunden worden sind. Im Fort Worth Art Center Museum in Texas waren sie 1969 zu sehen. Hopper (1936-2010) hat in den 1960er Jahren mit Leidenschaft fotografiert: Schauspieler, Künstler, Friedhöfe, Stierkämpfe, politische Ereignisse. George Seeßlen hat in der neuen Zeit (Beilage „Kultursaison“) darüber einen sehr schönen Text geschrieben. Auf dem Plakat, unschwer zu erkennen, ist Paul Newman 1964 im Schatten eines Zauns zu sehen.

Ulrich Gregor 80

Ulrich Gregor, Filmhistoriker, Mitbegründer der Freunde der Deutschen Kinemathek, des Kinos Arsenal und des Internationalen Forums des jungen Films, wird heute achtzig Jahre alt. Er ist längst eine Berliner Institution mit internationaler Vernetzung. Sein filmhistorischer Horizont reicht von Asien über Ost- und Westeuropa bis Lateinamerika. Genau vor fünfzig Jahren publizierte er zusammen mit Enno Patalas die erste ernstzunehmende deutschsprachige Filmgeschichte, mein Filmbuch des Jahres 1962 (geschichte-des-films/), vier Jahre später den legendären Interviewband „wie sie filmen“, mein Filmbuch des Jahres 1966 (wie-sie-filmen/), und 1978 die „Geschichte des Films ab 1960“. Gefeiert wird heute im Arsenal. Herzlichen Glückwunsch!

Babelsberger Professoren

Auch Filmhochschulen müssen sich in der Konkurrenz profilieren. Dafür reichen offenbar nicht die Auszeich-nungen von Studentenfilmen. Die HFF ‚Konrad Wolf’ in Babelsberg, mit 58 Jahren die älteste deutsche Filmhochschule, wirbt jetzt mit einer Publikation über ihre Lehr-kräfte. Zehn Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Drehbuch/Dramaturgie porträtieren in einem Buch den noch amtierenden Präsidenten und 34 Professorinnen und Professoren der elf Studiengänge. Die Texte – je zwei bis drei Seiten – sind informativ und natürlich den Protagonisten zugeneigt. Aufmacher ist jeweils ein Foto. Ein Anhang listet die Lehrenden und ihre „Schaffenszeit“ an der HFF von 1954 bis in die Gegenwart auf. Herausgegeben von der Kanzlerin Brigitte Klotz und dem Dramaturgie-Professor Torsten Schulz. Mehr über das Buch: 504/detail.html

Bernd Eichinger

Mit der Abkürzung BE habe ich bisher vor allem das Berliner Ensemble verbunden. Und Eichinger war eben Eichinger. Seine Witwe Katja führt für den Buchtitel eine autobiografische Quelle ins Feld, die auf den existentiellen Subtext Let it B.E. verweist. Fünf Jahre waren Bernd und Katja Eichinger verheiratet, dann starb er am 24. Januar 2011, und die Witwe begann zu schreiben. Es ist ein erstaunliches Buch, das jetzt bei Hoffmann & Campe erschienen ist, geprägt von der Nähe der Autorin zum Protagonisten: intim in vielen Details, sehr gut recherchiert, besser formuliert als manche andere, zeitgleich erschienene (Auto-)Biografie. Briefe, Tagebucheintragungen, handschriftliche Zettel und Dokumente konkretisieren den Text der Autorin. Er wird eingerahmt von Schilderungen des Sterbetages, bei denen auch Auslassungen angenehm auffallen. Die Biografie von Detlef Dreßlein und Anne Lehwald bei Heyne 2011 war ein Schnellschuss. Katja Eichingers Biografie hat eine ganz andere Dimension. Dafür gebührt ihr Respekt. Hanns-Georg Rodek (Die Welt, 9.9.2012), Claudius Seidl (FAS, 9.9.) und Peter Körte (FAZ, 11.9.) haben das Buch zugeneigt rezensiert, Tobias Kniebe hat ihm in der SZ eine ganze Seite gewidmet (5.9.), Andrea Hanna Hünninger in der Zeit eine differenzierte Besprechung publiziert (13.9.). Mit 44 schwarzweißen und farbigen Abbildungen, aber leider ohne Personen- und Filmtitel-Register.

Resonanz-Räume

In zwanzig Beiträgen geht es um die Stimme. Sie ist – trotz ihrer großen Bedeutung im Tonfilm und in den Medien der letzten Jahrzehnte – ein relativ wenig erforschtes Thema der Filmgeschichte. In vier großen Kapiteln (Zeitbilder / Identitätsbilder / Nicht-menschliche Stimmen / Stimm-Techniken, Stimm-Wirkungen) fügen sich die Texte zu einem interessanten audio-visuellen Panorama, beginnend mit der Frühzeit des amerikanischen, französischen und russischen Tonfilms. Bei David Assmann geht es dann um die Stimmfärbung von law and order in den Figuren John Waynes und James Stewarts, Larson Powell beschreibt das Verhältnis von Bild und Stimme in Konrad Wolfs GETEILTEM HIMMEL, Oliver Kreutzer die Filmstimmen von Doppelgängern, Zwillingen und Gender-Überläufern und die Herausgeberin Oksana Bulgakowa den Klang der 1950er Jahre am Beispiel von Marlon Brando und Innokenti Smoktunowski. Claudia Schmölders geht in ihrem sehr interessanten Beitrag der Frage nach, warum Frauenstimmen in historischen Mediendokumenten völlig unterrepräsentiert sind. In zwei Interviews kommen die Tonmeister Ben Burtt und Jim Webb zu Wort. Das ausdrucksstarke Titelfoto stammt von einem Photoplay-Cover aus dem Jahr 1929. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/resonanz-raeume.html

Pina – Der Film und die Tänzer

Dies ist mehr als „das Buch zum Film“. Natürlich steht der Film PINA von Wim Wenders im Zentrum der Publikation. Donata Wenders hat die Dreh-arbeiten fotografisch begleitet und den experi-mentellen Charakter der 3-D-Produktion eindrucksvoll dokumentiert. Darüber hinaus ist ihr ein sehr persönlicher Blick hinter die Kulissen des Wuppertaler Tanz-theaters gelungen. Mit einem Text von Wim Wenders. Drucktechnisch auf höchstem Niveau. Mehr zum Buch:  cPath=39&products_id=675

Der Nationalsozialismus im Film

Das Buch von Sonja Schultz hat alle Qualitäten für ein „Filmbuch des Monats“. Aber ich gestehe, dass es mich stört, einen Monat lang auf der Eröffnungsseite meiner Homepage die aufgereihten Hakenkreuz­fahnen aus Leni Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS vor Augen zu haben. Mutig, fleißig und aufmerksam hat sich die Autorin in ihrer Dissertation (Humboldt-Universität Berlin) durch achtzig Jahre Weltfilmgeschichte hindurchgearbeitet und die Darstellung des Nationalsozialismus im internationalen Spiel- und Dokumentarfilm erforscht. Auf rund 400 Filme lässt sie sich genauer ein, beginnend mit HITLER ÜBER DEUTSCHLAND (1932), endend mit IRON SKY (2012) von Timo Vuorensola. Sie geht – mit Vor- und Rückgriffen – chronolo-gisch vor, ordnet in Dekaden und bildet Schwerpunkte, auch was den Umfang der Epochen betrifft. Natürlich werden die wichtigsten Filme genauer analysiert, aber oft müssen auch kurze Hinweise ausreichen, wobei sich die Autorin darauf verlassen kann, dass viele Titel in guter Erinnerung sind. Mit einer umfangreichen Bibliografie lädt sie zur vertiefenden Lektüre ein. Im Stil vermeidet Sonja Schulz soweit wie möglich den Wissenschaftsjargon, sie ist konkret in den Beschrei-bungen und nüchtern in den Bewertungen. Mit Quellenhinweisen und Fußnoten sichert sie sich ausreichend ab, nervt aber den Leser nicht über die Maßen. Für ihre Arbeitsleistung gebührt der Autorin großer Respekt. Bertz + Fischer haben wie immer viel Arbeit in den Band investiert, er ist gut lektoriert, zu den schwarzweißen Abbildungen kommt in der Mitte des Buches ein 32seitiger Farbteil. Also doch ein Buch des Monats. Mehr dazu: nationalsozialismusimfilm.html