Das Drama der Identität

Die Autorin Nathalie Weidenfeld erläutert zunächst die Theorien des klassischen und des nicht-klassischen Films, definiert den „homo agens“ und den „homo performans“ als Grundtypen filmischen Erzählens und plädiert für eine Revision formalistischer Filmnarratologie. Das sind 40 Seiten Wissenschaftsanstrengung. Im zweiten Teil (110 Seiten) werden sieben Filme analysiert:  Es handelt sich um ANTICHRIST, MATRIX, GATTACA, FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING, MEMENTO, 8 ½ und AUSSER ATEM. Die Analysen sind sehr konkret und einleuch-tend. Mehr zum Buch: search.php?vid=2&aid=3234

Der deutsche Schlagerfilm

„Ohne Sinn und Verstand“ hieß vor 32 Jahren die Titelgeschichte der legendären Zeitschrift Filme über den deutschen Schlagerfilm. Sie handelte von Caterina Valente und Peter Alexander, von Vico Torreani, Vivi Bach und Conny & Peter. Jetzt ist die erste Dissertation zu diesem Thema publiziert worden. Sie stammt von Daniela Schulz, die damit an der Kölner Universität promovierte. Die Autorin, das ist ein großer Vorteil des Buches, hat ein positives Verhältnis zu ihrem Thema. Auf der Suche nach historischen Genrebezügen wird sie sowohl bei der deutschen Tonfilmoperette wie beim amerikanischen Musical fündig. Sie bezieht vor allem in den 1960er und 70er Jahren die Entwicklung des Fernsehens ein. Sie unterscheidet den Schlagerfilm vom Heimatfilm und sichert sich (es handelt sich ja immerhin um eine Dissertation) mit 800 Quellenverweisen auch wissenschaftlich ab. Ein schönes Kapitel ist dem Vorspann gewidmet, hier gibt es auch einzelne Abbildungen. Eine sehr konkrete Analyse gilt dem SCHWARZWALDMÄDEL-Film von Hans Deppe. Und am Ende geht es um „Film und Fernweh“. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts1882/ts1882.php

Ed Wood

Edward Davies Wood jr. (1924-1978) war Regisseur, Schauspieler, Produzent, Autor und galt als ziemlich verrückt. Für seine Filme hat sich der Begriff „Trash“ eingebürgert. Daniel Kulle ist diplomierter Polarökologe und Fotosynthese-forscher. Er hat die Fächer gewechselt und in Zürich, betreut von Ursula von Keitz und Margrit Tröhler, eine Dissertation über Ed Wood verfasst. Ihre Hauptkapitel heißen Theorie, Geschichte, Genre, Ästhetik und Dilettantismus. Sie gehen der Frage nach, wie ein ziemlich sinnloser Film mit dem Titel PLAN 9 FROM OUTER SPACE zu einem Cult-Produkt werden kann und sein Regisseur zu einer Cult-Figur. Kulles Erkenntnisse sind sehr konkret, sie ergründen das Phänomen der billigen Filme und entdecken Alternativen in der so widersprüchlichen Hollywood-Welt. Am Ende wird auch Tim Burtons Ed Wood-Film (1994) ins Visier genommen: zu glatt und trivial. Eine ungewöhnliche Dissertation, die originell gedacht und gut formuliert ist. Und weil das Buch bei Bertz + Fischer erschienen ist, haben auch die Abbildungen ein hohes Niveau. Mehr über das Buch: http://www.bertz-fischer.de/edwood.html

Hans Sahl, Filmkritiker

Heute ist der 110. Geburtstag des Autors und Filmkritikers Hans Sahl (1902-1993). Ihm ist der 14. Band der Reihe „Film & Schrift“ gewidmet, die von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen herausgegeben wird. Sahl hat von 1926 bis 1932 regelmäßig für den Montag Morgen und den Berliner Börsen-Courier geschrieben: prägnant, meinungsfreudig und kurz, weil es für Filmkritiken damals nicht viel Platz gab. Fast 200 seiner damaligen Texte sind hier abgedruckt, darunter Kritiken zur BÜCHSE DER PANDORA (Verriss), zum BLAUEN ENGEL (Lob für Marlene) und zu King Vidors HALLELUJAH! (enthusiastisch). Dokumentiert sind außerdem Sahl-Texte aus dem Prager Exil und Kritiken für die NZZ, die SZ und Die Welt aus den Jahren 1958-1974 als Kulturkorrespondent in den USA. Von Ruth Oelze stammt ein sehr gut recherchierter biografischer Text über Sahl. Mehr zum Buch: 305818&template=neu_werke_default_film

Positionen und Perspektiven der Filmwissenschaft

Im neuen (52.) Heft der Marburger Zeitschrift AugenBlick, herausgegeben von Heinz-B. Heller, geht es in sieben Beiträgen um Positionen und Perspektiven der Film-wissenschaft. Vor allem die Texte von Ursula von Keitz (Bonn), Jörg Schweinitz und Margit Tröhler (Zürich), Vinzenz Hediger  (Frankfurt am Main), Malte Hagener (Marburg) und Knut Hickethier (ehemals Hamburg) sind ganz konkrete wissenschaft-liche Standortbestimmungen. Schade, dass es in diesem Zusammenhang keine Positionierungen aus Mainz, Berlin und Köln gibt. Die Website der Zeitschrift AugenBlick könnte im Übrigen eine Aktualisierung vertragen.

Das neue Auge von Amsterdam

Seit kurzem gibt es eine neue Filmattraktion im Norden von Amsterdam, genannt „Eye Film Institute Nether-lands“. Der Entwurf des Gebäudes stammt vom Wiener Büro Delugan Meissl. Vier Kinos, Ausstellungs-räume, Bereiche für die Filmbildung und diverse Serviceeinrichtungen haben jetzt einen exponierten neuen Platz in der Stadt. Vier Institutionen wurden dafür fusioniert: Holland Film, das Nederlands Instituut voor Filmeducatie, die Filmbank und das Filmmuseum. Eröffnet wurde mit einer Martin Scorsese-Retrospektive und einer Found Foutage-Ausstellung. Mehr über Eye: filmmuseum.nl/en.

Olivier Assayas

Im Österreichischen Filmmuseum findet zurzeit (und noch bis zum 17. Juni) eine Retrospektive des französischen Filme-machers Olivier Assayas statt. Gezeigt werden alle Filme. Als eigenständige Publikation ist dazu eine Monografie erschienen, die der Autor und Filmemacher Kent Jones herausgegeben hat. Sie enthält – durchgehend in englischer Sprache – einen sehr sachkundigen 50seitigen Essays von Jones über Assayas, 17 Texte unterschiedlicher Autoren zu seinen Langfilmen, einen Text über seine Kurzfilme, eine Charakterisierung ausgewählter Mitarbeiter und Hinweise zu zehn Lieblingsfilmen von Assayas. Mit Bio-, Filmo- und Bibliografie und vielen farbigen Abbildungen. Das alles im bekannten Format der FilmmuseumSynema-Publikationen. Mehr zum Buch: olivier_assayas.

Zur Geschichte der Amerikanisierung

Die Dominanz des amerikanischen Films in Europa begann nach dem Ersten Weltkrieg. In einer materialreichen Dissertation hat die Münchner Kulturwissenschaftlerin Ursula Saekel Hollywoods Strategien speziell bei der Eroberung des deutschen Marktes erforscht. Mit dem Fokus auf den „US-Film in der Weimarer Republik“ dokumentiert sie kulturelle, politische und wirtschaftliche Entwicklungen von den 1910er bis in die späten 1930er Jahre. Dabei spielten Genrebildung, Starsystem und Studiomacht eine zentrale Rolle. Natürlich ging es vor allem ums Geld. Aber die politischen Interessen haben die frühe Globalisierung immer forciert und im Endeffekt für Demokratie und Freiheit geworben. Saekel ist zurückhaltend in der Ideologisierung und lässt Fakten sprechen. Sie hat sich auch gut mit den ökonomischen Aspekten des Weimarer Kinos vertraut gemacht. Ein umfangreicher Anhang mit Quellen, Tabellen und Grafiken belegt ihre Recherchen. Mehr über das Buch: 978-3-506-77174-2.html. Der Filmwissenschaftler Tobias Haupts hat die im Ferdinand Schöningh Verlag publizierte Dissertation auf der Website H-Soz-u-Kult rezensiert: rezensionen/2012-2-020

Texte von Jacques Rancière

Der französische Philosoph Jacques Rancière (*1940) publiziert seit Ende der 1990er Jahre Aufsätze in den Filmzeit-schriften Cahiers du Cinéma und Trafic. In dem Band „Und das Kino geht weiter“ sind 19 Texte von Rancière erstmals auf Deutsch zugänglich. Rancière plädiert für das Widerständige im Film und argumentiert mit Beispielen aus der Filmgeschichte (Robert Bresson, John Ford, Charles Chaplin) und aus dem zeitgenössischen Kino (Abbas Kiarostami, Pedro Costa, Brüder Dardenne). Vor allem der Aufsatz „Die Füße des Helden“, erschienen 2005 in Traffic, hat mich mit seiner eigenwilligen Lesart der Filme John Fords sehr beeindruckt. Der Band, herausgegeben von Sulgie Lie und Julian Radlmeier, ist im August Verlag Berlin der Buchhandlung Walther König Köln erschienen. Mehr zum Buch: page_id=1348

20. Todestag von Marlene Dietrich

Am 6. Mai 1992 starb in Paris die Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich, eine Ikone der deutschen Kultur. Zum 20. Todestag wird an ihrem Grab auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau ein Blumengebinde niedergelegt. Der Nachlass von Marlene Dietrich wird von der Deutschen Kinemathek betreut. Sie ist mit drei Räumen in der Dauerausstellung des Berliner Museums für Film und Fernsehen präsent. Marlene-Ausstellungen wandern um die Welt. Fünf meiner Eröffnungsreden aus den Jahren 1993 bis 2003 sind hier zu lesen: funf-reden-1993-2003/. Und im Tagesspiegel schreibt Udo Badelt über das Verhältnis zwischen Berlin und Marlene:  sie-war-gott-sei-dank-berlinerin/6594634.html