Gert Fröbe (2)

Der Autor und Regisseur Michael Strauven (*1940), jahrzehntelang bei ARD/SFB für Film und Kultur zuständig, hat ebenfalls eine Fröbe-Biografie geschrieben. Sie ist im Tonfall sehr salopp, meinungsfreudig, was die Filme betrifft, und ziemlich gut recherchiert. Strauven profitiert erstens von einer eigenen Fröbe-Sendung in der Reihe „Legenden“ (2010) und hat zweitens im Sommer 2012 weitere Gespräche mit Freunden und Hinter-bliebenen geführt und Archive konsultiert. Das Fröbe-Leben und die Fröbe-Filme halten sich im Textumfang die Waage. Strauven bewertet die Filme weitgehend aus heutiger Sicht und spitzt das im Anhang systematisch zu; von den rund 100 Filmen und Fernseh-sendungen findet er fünf „unbedingt sehenswert“, zwanzig „sehenswert“, 13 „interessant“ , sechs „verzichtbar“, 48 „uninteressant“ und die restlichen „bedingt sehenswert“, „nett“, „ärgerlich“, „schwer genießbar“ oder „ungenießbar“. Seine Beurteilungen erfolgen offensichtlich nach Anschauen in jüngster Zeit. Das gibt dem Buch, zumal der Autor nicht vor dem „Ich“ zurückscheut, eine subjektive Dimension. Titelbild: Fröbe in GANOVENEHRE (1966), nun ja. Mehr über das Buch: jedermanns-lieblingsschurke.html

Franz Stadler

Rund vierzig Jahre hat Franz Stadler (*1940) das Berliner Pro-grammkino „Filmkunst 66“ in der Bleibtreu-straße geleitet. Als gelernter Filmkauf-mann, autodidak-tischer Kinotechniker und individueller Cineast ist er zu einem Protagonisten der Berliner Kino-geschichte geworden. Jetzt hat er, auf Tagebuchnotizen gestützt, Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier gebracht. Logisch, dass es 66 Geschichten sind, die er erzählt, eingerahmt von einem Prolog, vier Vorgeschichten und einem Epilog. Dazu kommt ein schönes Vorwort von Tom Tykwer, der ja selbst eine Berliner Kinolegende ist. Stadlers Erinnerungen sind locker formuliert, sie handeln von sehr speziellen Festivals, einzelnen Filmen (HAROLD & MAUDE, HELZAPOPPIN, KINDER DES OLYMP, seinem Lieblingsfilm), von prominenten Besuchern (Jack Nicholson, William S. Burroughs, Jack Palance, Dennis Hopper, Bundespräsident Köhler, Günther Jauch), Weihnachts- und Silvesterprogrammen, von Lehrjahren als Filmförderer (FFA), Filmjuror (FBW), Kinojuror (Vergabeausschuss für die Kinoprogrammpreise des Bundes). Es gibt eine Typologie der deutschen Filmkritik und der Kinobesucher. Das alles fügt sich zum Erfahrungsspektrum eines sensiblen Kinobetreibers, der große Erfolge und auch einige Misserfolge hatte. Ich erinnere mich an viele Besuche im alten und im neuen Filmkunst 66, vor allem an die zwei Tage mit der ersten HEIMAT von Edgar Reitz. Jeder Geschichte fügt Stadler eine Kurzinfo hinzu: „Was 19xx sonst noch geschah“ oder „Kleine Geschichte der Bleibtreustraße“ oder „AG Kino und FiFiGe“ oder „Regina Ziegler“ oder einfach ein originelles Zitat. Mehr zum Buch: www.rediroma-verlag.de/index.php?det=655

Gert Fröbe (1)

Am 25. Februar 2013 wird sein 100. Geburtstag gefeiert. Kein Wunder, dass uns auf dem Buchmarkt mehrere Publikationen darauf vorbereiten. Hier ist die erste, verfasst von der Focus-Redakteurin Beate Strobel. Sie konzentriert sich auf die Lebensgeschichte, die ja abwechslungsreich genug ist, geht wenig in die Tiefe der einzelnen Rollen, die Fröbe als Charakterdarsteller in den 1950er und 60er Jahren zu einem internationalen Star machten. Das Privatleben mischt sich bei Strobel mit den beruflichen Herausforderungen, fünf Ehen müssen angemessen erzählt werden. Die Hauptquelle der Autorin ist Fröbes Autobiografie „Auf ein Neues, sagte er…und dabei fiel ihm das Alte ein“ (1988), erschienen im Jahr seines Todes. Die 30 Kapitel auf 170 Seiten wirken ein bisschen kleinteilig, die 45 Abbildungen kommen wegen der Papierqualität nicht wirklich zur Geltung. Aber das Titelbild (Foto: Wolfgang Gaedigk) ist wirklich schön, weil es auf schauspielerische Typisierung verzichtet. Mehr zum Buch: 346a8&navsection=2.

Die Brüder Dardenne

Die belgischen Brüder Jean-Pierre (*1951) und Luc (*1954) Dardenne sind in den letzten zehn Jahren in die Spitzengruppe des europäischen Autorenkinos vorgedrungen. Ich bewundere ihre Filme. Der Mainzer Filmwissenschaftler Gregory Mohr analysiert mit großer Sensibilität und Genauigkeit vier Dardenne-Filme: LA PROMESSE (DAS VERSPRECHEN, 1996), ROSETTA (1999), LE FILS (DER SOHN, 2002) und L’ENFANT (DAS KIND, 2005). Ausgehend von einer wissenschaftlich abgesicherten Realismusdefinition beschreibt Mohr zunächst den Stil der Dardennes, ihren Umgang mit Laiendarstellern, Kamera und Licht, Musik und Montage. Dann geht es um die Inhalte, um disfunktionale Familien, Lebensräume (die Filme spielen alle in der belgischen Stadt Seraing), um Arbeit und Geld. Der Autor kommt in der konkreten Analyse den Absichten der Dardenne-Brüder sehr nahe. Am Anfang und am Ende verarbeitet er – aus meiner Sicht – ein bisschen zuviel Sekundärliteratur. Acht Fotos, gut ausgewählt, trennen die Hauptteile des Buches. Titelbild: Emilie Dequenne als ROSETTA. Band 64 der „Filmstudien“, die jetzt von Norbert Grob und Oksana Bulgakowa herausgegeben werden und zum Nomos-Verlag gewandert sind. Mehr zum Buch: aspx?product=19554.

Westeuropäisches Kino

Der Band enthält neun Beiträge zur Tagung „Singulär Plural Sein. Fragen und Formen der Gemeinschaft im westeuropäischen Kino“ (2009). Die „Gemeinschaft“ vor allem des französischen, italienischen und westdeutschen Films dominiert die Fragestellungen und wird in der Einleitung aufgelöst. Die Mehrzahl der Texte ächzt unter ihren philophischen Ansprüchen. Dennoch sind für mich mindestens vier sehr lesenswert: Thomas Elsaessers Reflexionen über Jean-Luc Nancy, Claire Denis und den Film BEAU TRAVAIL, Pierre Sorlins Gedanken zum italienischen Neorealismus, Daniel Illgers Überlegungen zum Paradigma der Stadtinszenierung im italienischen Nachkriegskino und Ilka Brombachs Bewertungen speziell der Beiträge von Kluge und Fassbinder zu DEUTSCHLAND IM HERBST. Auch Gertrud Kochs Hinweise auf Kluges ABSCHIED VON GESTERN und Fechners DER PROZESS als westdeutsche Geschichts- und Rechtserzählungen sind – bei aller Verkürzung – nützlich. Mehr zum Buch: utn1550bd0e99c1fea/shopdata/index.shopscript

Filmklassiker der 90er

Fünf Kilogramm, zwei Bände im Schuber, 760 Seiten, 144 „Lieblings-filme“ aus den 1990er Jahren. Es war das Jahrzehnt von THELMA AND LOUISE, SCHINDLER’S LIST, SHORT CUTS, FARGO, TITANIC und GLADIATOR. Aber auch von LEBEWOHL, MEINE KONKUBINE, DER BEWEGTE MANN, LOLA RENNT und ALLES ÜBER MEINE MUTTER. Zu jedem Film gibt es Bilder und Texte auf vier bis acht Seiten. Erinnerungsarbeit. Die Basisfarbe ist Schwarz, die bunten Bilder dominieren. Da denkt man an die Dekadenbände, die ebenfalls von Jürgen Müller herausgegeben wurden. Und, in der Tat, über weite Strecken ist das schwere Stück identisch mit dem Band „Filme der 90er Jahre“, der 2001 erschien. Nur etwas größer im Format, zweigeteilt und bei rund zehn Titeln aktualisiert. Das erklärt den moderaten Preis von 39,99 €. Mehr zum Buch: facts.filmklassiker_der_90er.htm .

Prekäre Obsession

Prekariat, Inklusion und Minoritäts-diskurs gehörten zu Fassbinders Zeit nicht einmal bei Wissen-schaftlern zum Verständigungs-vokabular. Für das Buch sind sie Basisbegriffe. Es handelt sich um einen Sammelband aus dem Sonderforschungs-bereich „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“. 17 Autorinnen und Autoren untersuchen in 15 Aufsätzen Rainer Werner Fassbinders Umgang mit den Randbereichen der Gesellschaft. Es geht um Gewalt, Sadomasochismus, Körper der Minderheiten, Pathos der Fremdheit, Behinderung, jüdische Kapitalisten, Queerness, homosexuelle Minoritäten, Kriegs- und Holocaustnarrative, Terroristen und die Politik des Ästhetischen. Die für die Analysen herangezogenen Filme sind LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD, WHITY, KATZELMACHER, ANGST ESSEN SEELE AUF, DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS, DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, FONTANE EFFI BRIEST und MARTHA, CHINESISCHES ROULETTE, IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN, LILLI MARLEEN und DIE DRITTE GENERATION. Natürlich sind die Texte höchst unterschiedlich im Stil und in der Komplexität. Nicht immer sind die wissenschaftlichen Absicherungen lesefreundlich. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts1623/ts1623.php

Psychoanalytiker im Spielfilm

Auf der Suche nach Klischees und Stereotypen analysiert die Soziologin Silvia Herb neun amerikanische Filme aus den Jahren 1980 bis 2005: DRESSED TO KILL (Brian de Palma, 1980), ORDINARY PEOPLE (Robert Redford, 1980), ZELIG (Woody Allen, 1983), NUTS (Martin Ritt, 1987), HOUSE OF GAMES (David Mamet, 1987), WHAT ABOUT BOB? (Frank Oz, 1991), FINAL ANALYSIS (Phil Joanou, 1992), ANALYZE THIS (Harold Ramis, 1999) und PRIME (Ben Youngster, 2005). Analog zur Cartoon-Forschung findet sie natürlich die dominanten Erkennungsmerkmale: männliches Geschlecht, Couch/Sessel, Brille, Notizblock, Diplome an der Wand, Bart und Ähnlichkeit mit Freud. Aber es geht auch um das Verhältnis zwischen Wissen und Macht, um Empathie und um Interaktionsbeziehungen zwischen Nähe und Distanz. Die Autorin bleibt – DVD macht’s möglich – ganz nah an den Filmen, kann ihre Beobachtungen sehr konkret vermitteln und leistet damit ihren Beitrag zum Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Gesellschaft. Auch wissenschaftlich ist sie auf sicherem Terrain. Mehr zum Buch: psychosozial/details.php?p_id=2173

Arno Schmidt und das Kino

Er war ein kultur-pessimistischer Sprachkünstler, ein avantgardistischer Erzähler, ein leidenschaftlicher Fotograf und hatte schon zu Lebzeiten eine gut organisierte Fangemeinde. Arno Schmidt (1914-1979) gilt als einer der Großen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Über seine Affinität zum Film und zum Kino war bisher wenig bekannt, weil er als Verächter alles Populären und Trivialen galt. Der Literaturwissenschaftler Guido Erol Öztanil, mit dem Schmidt-Werk bestens vertraut, hat sich auf intensive Spurensuche begeben und dabei erstaunliche Entdeckungen gemacht. In der Kindheit, in der Schule, in der Hamburger Zeit hatten Filme eine große Bedeutung für den späteren Autor, die sich als Subtext vor allem Frühwerk wiederfindet. In den 1960er Jahren hat Arno Schmidt in Bargfeld auch alte Filme im Fernsehen (ARD, ZDF und Deutscher Fernsehfunk) gesehen. Öztanil zieht dafür 330 Ausgaben der Zeitschrift Fernsehtag mit Ankreuzungen aus dem Nachlass heran. Für Filmbesuche in der Jugend (Schmidts Mutter war kinosüchtig) und in der Zeit bis 1945 gibt es viele andere verlässliche Quellen. Intensiv lässt sich Öztanil auf einige Filme ein: den vierteiligen FRIDERICUS REX (1921-23) von Arzen von Cserépy, Fritz Langs DIE NIBELUNGEN (1924), die Expeditionsfilme ABU MARKÚB (1925) von Bengt Berg und vor allem DAS GROSS WEISSE SCHWEIGEN (1924) von Herbert George Ponting über Captain Scotts Todesfahrt zum Südpol. Ein eigenes Kapitel handelt von der ersten Bilderliebe zu der Schauspielerin Lya Mara. Mit umfänglichem Anhang, einer „Filmographie Arno Schmidt“, Quellenhinweisen und unendlich vielen Fotos. Ein bewundernswertes Werk, wichtig für die Literaturgeschichte wie die Filmgeschichte. Mehr über das Buch: details&id=457.

Film im Zeitalter Neuer Medien II

Digitalität und Kino ist ein angesagtes Thema. In den zehn Aufsätzen dieses Buches werden viele technische Vorgänge, funktionale Veränderungen und mediale Folgen dargestellt. Nach der grundlegenden Einführung des Herausgebers Segeberg folgen drei Teile: 1. Strategien der Digitalisierung, 2. Effekte der D. und 3. Praktiken der D. Zu den Autorinnen und Autoren gehören übliche Verdächtige: Jan Distelmeyer, Martin Doll, Jens Eder, Barbara Flückinger, Franziska Heller, Markus Kuhn, Rüdiger Maulko. Sehr lesenswert sind die Ausätze über computer-generierte Figuren in BENJAMIN BUTTON und AVATAR (Flückinger) und digitale Figuren in Kinofilm und Computerspiel (Eder/Jan-Noel Thon). Bei manchen Texten verirrt man sich leicht im Labyrinth der Sekundärliteratur. Mehr zum Buch: 978-3-7705-5327-3.html