Die Reise

Die Reise ist ein beliebtes Motiv des Films in allen Jahr-zehnten. Ob zum Mond, nach Tilsit oder Tokio, nach Wien oder Sundevit – die Kinobesucher lassen sich mitnehmen. Mehr als neunzig Reise-Filme nennt das „Lexikon des Internationalen Films“ unter dem Buchstaben R. Marie-Therese Mäder untersucht in ihrer Dissertation einen speziellen Aspekt: die Suche nach Orientierung, genauer: nach kultureller und religiöser Identität. Sechs Filme aus den Jahren 2001-07 werden von ihr analysiert: Bei LE GRAND VOYAGE (2004) von Ismael Ferroukhi und BAB’AZIZ – LE PRINCE QUI CONTEMPLAIT SON AME (2007) von Nacer Khemir geht es um Reisen innerhalb religiöser Traditionen, AUF DER ANDEREN SEITE (2007) von Fatih Akin und Y TU MIMÁ TAMBIÉN (2001) von Alfonso Cuarón schildern die Reise als Neuanfang bzw. letzte Reise, SCHULTZE GETS THE BLUES (2003) von Michael Schorr und LITTLE MISS SUNSHINE (2006) von Jonathan Dyton und Valerie Faris erzählen von Reisen als tragikomischer Sinnsuche. Die Autorin untersucht Transformationsprozesse, beginnt bei den Pilgerreisen und endet beim Tourismus. Das Verhältnis von Raum und Zeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Dissertation wurde 2012 mit dem Jahrespreis der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet. Mehr zum Buch: die-reise-als-suche-nach-orientierung.html.

Hong Sang-soo

Seit fünfzehn Jahren dreht der koreanische Regisseur Hong Sang-soo (*1960) Filme, und inzwischen hat er viele Fans in aller Welt. Auch Rudolf Thome ist ein großer Bewunderer seines Werkes. Jetzt präsentiert das Arsenal eine vollständige Retrospektive: 13 lange Filme und ein Kurzfilm. Sie sind eigensinnig, unterhaltsam und minimalistisch. TALE OF CINEMA (2005) ist einer seiner schönsten Filme. Am 19. und 20. November kommt Hong Sang-soo zusammen mit seinem Hauptdarsteller Yoo Jun-sang ins Arsenal. Und am 18. findet im Koreanischen Kulturzentrum Berlin (Lepziger Platz) ein internationaler Workshop statt. Mehr zum Programm der Retrospektive: article/3744/2796.html.

Edgar Reitz 80

Heute wird der deutsche Regisseur Edgar Reitz achtzig Jahre alt. Zunächst einmal assoziieren wir: HEIMAT. Die elf Teile der ersten Chronik aus den Jahren 1981-1984 waren ein fernseh-historisches Ereignis und machten den fiktiven Ort Schabbach berühmt. DIE ZWEITE HEIMAT (13 Teile), entstanden 1988 bis 1991, blickte zurück auf die 1960er Jahre in der Bundesrepublik, speziell in München. HEIMAT 3, gedreht 2002/2003, war eine Reminiszenz an die 1990er Jahre im geeinten Deutschland. Nun warten wir auf DIE ANDERE HEIMAT. Aber es ist auch an den jungen Filmregisseur Reitz zu erinnern, an MAHLZEITEN (1966), DIE REISE NACH WIEN (1973) und STUNDE NULL (1976/77). Auch hier sind authentische Geschichten mit konkreten Orten verbunden und Reitz hatte – trotz seiner engen Zusammenarbeit mit Alexander Kluge – eine ganz eigene Handschrift. Demnächst wird er im neuen Heft der Film-Konzepte gewürdigt, und am 15. November findet im Schloss Bellevue ein HEIMAT-Abend des Bundespräsidenten statt. Mehr über Edgar Reitz: www.edgar-reitz.com/biografie.html

Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms

François Niney, Philosoph, Filmkritiker, Hochschullehrer an der Sorbonne Nouvelle, Dozent an der Femisund Dokumentarfilmregisseur, ist in Deutschland kaum bekannt. Da macht es Sinn, ihm eine Plattform für die Reflexion über dokumentarische Filmarbeit zu bieten. Heinz-B. Heller und Matthias Steinle sind die Herausgeber eines Buches, das durchaus mehr ist als ein traditionelles Q&A-Spiel. Niney, mit der Geschichte des amerikanischen und des französischen Dokumentarfilms sehr vertraut, nutzt fünfzig Fragen für ein umfassendes Panorama einer fast puristischen Dokumentarfilmphilosophie. Es sind kluge und originelle Fragen darunter (Welche Beziehung besteht zwischen vergehender Zeit und gefilmter Zeit? Was heißt Modulation? Haben die Bilder eine Rückseite? Was sagen die Tiere dazu?). Die Stärke des Buches: generelle Abgrenzungen, Definitionen, Vertiefungen. Seine Schwäche: Niney weiß zu wenig von der deutschen Dokumentarfilmgeschichte, und seine pauschale Kritik am Fernsehen hat mit unserer Realität der vergangenen fünfzig Jahre wenig zu tun. Das wird an den Nachfragen von Heller und Steinle (statt eines Epilogs) deutlich. Mehr zum Buch: die-wirklichkeit-des-dokumentarfilms.html

Steven Spielberg

Vor dreißig Jahren kam sein Film E.T. in die Kinos, und der Erfolg hatte eine fast außerirdische Dimension. Es war ein poetischer, visionärer Film. Steven Spielberg (*1946) hatte in den 1980er und 90er Jahren seine beste Zeit als Regisseur in sehr verschiedenen Genres, und spätestens seit SCHINDLER’S LIST (1993) wurde er auch von der Kritik anerkannt. Im Dezember kommt sein neuester (28.) Film ins Kino: LINCOLN, ein Historiendrama. Der Filmpublizist Richard Schickel hat jetzt ein schönes und bilderreiches Buch über Spielberg veröffentlicht, in dem die Kreativität dieses großen Regisseurs gewürdigt wird. Es ist keine Biografie (Spielbergs Privatleben wird weitgehend ausgespart), sondern die kenntnisreiche Passage durch ein Lebenswerk. In den brillanten Farbfotos werden viele persönliche Erinnerungen an die Filme lebendig. Zitate aus Spielberg-Gesprächen mit Schickel liefern Produktionshintergründe und konkretisieren den Text. 1985 habe ich zusammen mit Antje Goldau ein Buch über Spielberg publiziert. Er hatte damals gerade mal sieben Filme gedreht. Hier ist das Vorwort: steven-spielberg/. Wie schön, dass es jetzt ein neues Buch gibt, das der Bedeutung des Regisseurs gerecht wird. Spielberg selbst hat ein Vorwort geschrieben. Mehr zum Buch: steven-spielberg/index.html

Leipzig

In Leipzig beginnt heute das 55. Internationale Festival für Dokumentar- und Anima-tionsfilm. Insgesamt werden mehr als 300 Filme gezeigt. Festivaldirektor Claas Danielsen und seine Mitarbeiter (darunter Ralph Eue, Cornelia Klauß und Grit Lemke) haben ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Im Dokumentarfilm-Wettbewerb sind 13 lange Filme zu sehen, es gibt separate Wettbewerbe deutscher und kurzer Dokumentarfilme und einen Wettbewerb des Animationsfilms (15 kurze Filme). Die Retrospektive „Die rote Traumfabrik“ ist weitgehend eine Übernahme von der letzten Berlinale und zeigt proletarische Filme der späten 1920er und frühen 1930er Jahre aus Deutschland und der Sowjetunion. In Sonderreihen wird u.a. an den Produzenten Boris von Borresholm und den Puppenfilmer Wladyslaw Starewicz erinnert. Eine Hommage gilt dem Dokumentaristen Peter Nestler, eine zweite der amerikanischen Queer Cinema Queen Barbara Hammer.

James Bond Archiv

Am kommenden Donnerstag kommt der neue James Bond-Film SKYFALL in unsere Kinos. Und weil die Titelfigur inzwischen auf ein fünfzig-jähriges Filmleben zurückblickt, wird dies ausgiebig gefeiert, zum Beispiel mit speziellen Publikationen. An Gewicht und Volumen nicht zu übertreffen ist der bei Taschen erschienene Band „The James Bond Archives“: 600 Seiten im Format 41 x 30 cm. Nach Bergman, Kubrick und Almodóvar steht diesmal nicht ein Regisseur im Mittelpunkt, sondern ein Genre. 23 Bond-Filme gibt es inzwischen. Der Herausgeber Paul Duncan hat die Archive der Produktionsfirma EON durchforstet, mehr als 1.000 Fotos ausgewählt und mit Dokumenten verbunden, die bisher unveröffentlicht waren: Aktennotizen, Alternativentwürfe, Storyboards, Modelle. Duncan konnte mit Regisseuren, Schauspielern, Scriptautoren, Ausstattern, Tricktechnikern und Stuntmen sprechen. Ein klassisches Stück Oral-History, die von DR. NO (1962) bis SKYFALL (2012) reicht. Englische Originalausgabe mit deutscher Übersetzung in einem Beiheft. Mehr zum Buch: james_bond_archiv.htm

Hands on Fassbinder (5)

Fassbinder-Konferenzen Teil 5. Diesmal stehen die Fernsehgeschichten im Zentrum. Heute sind Martin Wiebel, Harry Baer, Barbara Baum und Juliane Lorenz zu Gast. Morgen ist die Gegenwart ein Ausgangspunkt. Nicolas Wackerbarth spricht mit dem israelischen Regisseur Nadav Lapid, anschließend diskutieren Eoin Moore, Daniela Mussgiller, Ralf Husmann und Klaus Wolfertstetter mit Ekkehard Knörer und Franz Müller über heutige Fernsehserien. Abschließend steht wieder Fassbinder im Mittelpunkt: dann sprechen Günter Rohrbach, Dietrich Leder und Saskia Walker über RWF und den WDR, über ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG, WELT AM DRAHT und BERLIN ALEXANDERPLATZ. Die Konferenz findet wie immer im Collegium Hungaricum Berlin (.CHB) in der Dorotheenstraße statt. Mehr zum Programm: 2012/10/Leporello5.pdf

DER ALTE FRITZ

Das Friedrich-Jahr (300. Geburtstag) geht langsam zu Ende, die Ausstellungen sind weitgehend ausgelaufen. Ein guter Zeit-punkt für die DVD von DER ALTE FRITZ, einem zweiteiligen Film aus den Jahren 1927/28, also aus der späten Stummfilm-zeit. Regie: Gerhard Lamprecht, der mit den BUDDENBROOKS bekannt wurde, mit seinen Zille-Filmen das Genre des proletarischen Films mitbegründet hatte und nun einen sehr differenzierten Blick ins höfische Leben wirft. Der Film konzentriert sich auf die Jahre ab 1762 und endet mit Friedrichs Tod 1786. Lamprecht und sein Autor Hanns Torius vermeiden vaterländische Stilisierungen, sie erzählen relativ komplex von den gesellschaftlichen Strukturen des späten 16. Jahrhunderts. Natürlich haben sie einen zentralen Protagonisten, der wieder von Otto Gebühr gespielt wird, aber es fehlt das Pathos und es überwiegt der angestrebte Realismus. Man muss sich für das Anschauen des Films Zeit lassen, seine Spieldauer: fünf Stunden, 19 Minuten. Musikalisch begleitet auf der Welte-Kinoorgel des Filmmuseums Potsdam. Mehr zur DVD: thema&list_item=53

50. Viennale

Jubiläum in Wien. Seit nunmehr fünfzig Jahren gibt es dort ein Festival, das sein eigenes Profil gefunden hat und bei vielen Gästen auf der Terminliste ganz oben steht. Seit 1997 wird es von Hans Hurch (Foto) geleitet, der sich der kollegialen Kooperation mit dem Film-museumsdirektor Alexander Horwath sicher sein kann. 71 neue Spielfilme, 66 Dokumentarfilme, 44 Kurzfilme und alle Filme von Fritz Lang stehen in diesem Jahr auf dem Programm. Michael Caine ist ein Tribute gewidmet, Patti Smith hat einen Evening to Remember, es gibt spezielle Programme mit Filmen von Kurdwin Ayub, Narcisa Hirsch, Mati Diop und Coleen Fitzgibbon. Das Festival dauert bis 7. November.