Horst Buchholz

2013.BuchholzIn den 1950er Jahren wurde er zu einem Star in der Bundesrepublik, in den Sechzigern machte er interna-tional Karriere, aber er stand sich bei der Auswahl der Rollen oft selbst im Wege, hatte Misserfolge und fand zwischen Kino, Theater und Fernsehen keinen festen Platz. Horst Buchholz (1933-2003) war ein sprachgewandter,hoch begabter  und vielseitiger Schauspieler. Als seine wichtigsten Filme bleiben HIMMEL OHNE STERNE (1955), DIE HALBSTARKEN (1956), BEKENNT-NISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL (1957), DAS TOTENSCHIFF (1959), THE MAGNIFICENT SEVEN (1960), ONE, TWO, THREE (1961) und LA VITA È BELLA (1997) in Erinnerung. Er starb vor zehn Jahren in Berlin. Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen der Deutschen Kinemathek, hat jetzt eine sehr lesenswerte Biografie über den Schauspieler publiziert, die nicht nur – mit Hilfe des verfügbaren Nachlasses – hervorragend recherchiert ist, sondern auch eine Bewertung der Filme aus heutiger Sicht wagt. Der aktuelle Blick bringt lohnende Erkenntnisse. Der Text ist seinem Protagonisten sehr zugeneigt, thematisiert aber auch unverständliche Entscheidungen und die Wahl falscher Rollen. Auch das Privatleben ist nicht ausgespart. Vor allem die Darstellung der letzten Jahre in Berlin schmerzt, wenn man sie mit beobachtet hat. Hilfreich für den Autor war die Aufgeschlossenheit von Myriam Bru-Buchholz und Christopher Buchholz. Ein beeindruckender Band in der inzwischen langen Biografien-Reihe des Berliner Aufbau Verlages. Mehr zum Buch: verfuhrer-und-rebell-horst-buchholz.html

Was Sie schon immer über Kino wissen wollten…

2013.Volk-WissenEs sind viele Fragen, die in diesem Buch von dem cinephilen Film- und Literaturkritiker Stefan Volk beantwortet werden. Fragen nach Superlativen (den besten, den teuersten, den erfolgreichsten Filmen und den größten Flops), nach den bekanntesten Filmzitaten, den berühmtesten Tieren auf der Leinwand, den lustigsten Filmtiteln und den schönsten Liebeserklärungen. Der Autor hat sein Material in Kapiteln strukturiert, ein eigenes ist Woody Allen gewidmet, ein anderes James Bond und zwei heißen schlicht „Dies und das“. Das längste handelt vom Oscar, und hier findet sich auch eine nützliche Tabelle mit allen Verleihungen von 1929 bis 2013 mit Datum, Veranstaltungsort, Moderation, Anzahl der Kategorien und bestem Film. Es geht ansonsten um Filmfehler und Filmklischees, um bekannte Schauspieler, die während einer Filmproduktion gestorben sind, um alternative Schlüsse (Happyend oder kein Happyend) und um die 27 Grafen von Monte Christo. Entbehrlich finde ich die Kapitel über Scientologen in Hollywood und die Goldenen Himbeeren. Dies ist im Übrigen kein Buch zum kontinuierlichen Lesen, sondern zum Blättern und Stöbern. Am Ende findet man eine Liste aller Listen, Tabellen und Texte im Überblick. Mehr zum Buch: was-sie-schon-immer-ueber-kino-wissen-wollten.html

Neue Filmzeitschrift: me.MOVIES

2013.Me_MoviesSeit dieser Woche ist eine neue Filmzeitschrift auf dem Markt: me.MOVIES. Sie wird vom Axel Springer Verlag herausgegeben, hat das Format 21 x 27 cm, einen Umfang von 122 Seiten, kostet 6,90 € (inklusive einer DVD) und soll vierteljährlich erscheinen mit „Geschichten über Querköpfe, Ikonen, Reportagen und Hintergrund-berichten, Reise-, Buch und Stil-Tipps für Cineasten.“ Die Nr. 1 lässt noch viele Fragen offen, auch die nach der Zielgruppe. Einen Schwerpunkt bilden Schauspieler-porträts: Christoph Waltz (Titelgeschichte), Ryan Gosling (Interview), Robert Downey Jr. und Bill Murray (je ein Porträt), Paul Newman (Ikone). Die Textautoren sind vorwiegend seriöse Profis: zum Beispiel Andreas Busche, Joachim Hentschel, Roland Huschke, Dirk Peitz. Ziemlich undurchschaubar ist die Auswahl der „66 Filme für die Ewigkeit“. Einerseits stehen allein sechs Filme aus dem Jahr 2012 auf der Liste (LIFE OF PI, DANS LA MAISON, FLIGHT, CLOUD ATLAS, SAVAGES, DJANGO UNCHaiNED), andererseits aber auch so eigenwillige Werke wie PEEPING TOM von Michael Powell, THE NIGHT OF THE HUNTER von Charles Laughton, THE ELEPHANT MAN  von David Lynch, SOLARIS von Andrej Tarkovskij und LE CERCLE ROUGE von Jean-Pierre Melville. Zwei deutsche Filme haben es unter die 66 geschafft: das Drama M von Fritz Lang (gut so) und die Komödie DAS SPUKSCHLOSS IM SPESSART von Kurt Hoffmann (das muss nun wirklich nicht sein). Es gibt einen Report über den amerikanischen Sender HBO, DVD-Tipps und viele bunte Fotos. Die beigefügte DVD enthält den Film HALF NELSON von Ryan Fleck mit Ryan Gosling. Im Juli soll die nächste Nummer erscheinen. Mehr über die Zeitschrift: 18328735.html.

Leben und Sterben des Philip Werner Sauber

2013.EdschmidPhilip Werner Sauber (*1947) war Schweizer Bürger, gehörte zum zweiten Jahrgang der Filmakademie in Berlin (dffb), schloss sich der „Bewegung 2. Juni“ an und starb am 9. Mai 1975 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Köln. Der Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid (*1940) erzählt sein Leben so genau, authentisch und zugeneigt, wie es nur aus einer großen, erfahrenen Nähe möglich ist. Die beschriebene Zeit liegt inzwischen vierzig Jahre zurück. Sie ist in vielen Dokumenten und Fiktionali-sierungen rekonstruiert worden, aber wohl noch nie aus so unmittelbarer Innensicht, mit so viel emotionaler und reflexiver Identifikation. Auch wenn sich die Wege von Ulrike E. und Philip S. 1972 langsam trennten und ihn sein unabdingbarer Gerechtigkeitssinn in den Untergrund trieb, blieben Verbindungen bestehen. Ulrike hat ab 1969 selbst an der dffb studiert, die Produktionsmittel genutzt, sich aus den politischen Debatten der Akademie aber eher herausgehalten. Philip war immer wieder in seiner zurückhaltenden Art im Schneideraum oder im Trickstudio präsent. Ich kann mich an Begegnungen im Büro von Helene Schwarz erinnern, und auch sein Film DER EINSAME WANDERER (1968) ist mir im Gedächtnis. Philips Verschwinden haben wir in der DFFB wahrgenommen, sein Ende hat uns schockiert. Eine große Rolle spielt in Ulrike Edschmids Roman ihr damals kleiner Sohn Sebastian (*1965) aus der kurzen Ehe mit Enzio Edschmid. Um ihn hat sich Philip offenbar wie ein junger Vater gekümmert, aber das hat ihn nicht von seinem konsequenten Weg zurückhalten können. Es ist vielleicht mehr als eine biografisch-familiäre Pointe, dass Sebastian Edschmid ab 1992 an der dffb studiert hat. Eine lesenswerte Rezension des Buches von Ulrike Edschmid hat Verena Lueken in der FAZ publiziert: einer-nimmt-seinen-koffer-und-geht-12138537.html. Mehr zum Buch: ulrike_edschmid_42349.html

Achtung Berlin

2013.AchtungBerlinHeute beginnt das Festival „Achtung Berlin“. Es findet schon zum neunten Mal statt. Schauplätze sind das Babylon am Rosa Luxemburgplatz, das Filmtheater am Friedrichshain und das Passage Neukölln. Im Wettbewerb „Made in Berlin-Brandenburg“ konkurrieren zehn Spielfilme und elf Dokumentarfilme um einen „new berlin film award“. Die Preis-verleihung findet am 24. April statt. Eröffnungs-film ist die Komödie KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNIS-MÄSSIGKEIT DER MITTEL von Aron Lehmann. Kurzfilme, Workshops und Gespräche ergänzen das Programm. Die Retrospektive „Emil und Co.“ widmet sich der Darstellung von Kindheit und Jugend in Spiel- und Kurzfilmen; hier sind u.a. EMIL UND DIE DETEKTIVE (1931) und IRGENDWO IN BERLIN (1946) von Gerhard Lamprecht, IKARUS (1975) von Heiner Carow, CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (1981) von Uli Edel und INSEL DER SCHWÄNE (1983) von Herrmann Zschoche zu sehen.

DER STUDENT VON PRAG (1913)

2013.Student von PragVor hundert Jahren, im Frühjahr 1913, wurde in Prag auf Schloß Belvedere, vor und im Hradschin, im Alchimisten-gässchen, am Daliborka-Gefängnis-turm, im Palais Fürstenberg und im Neubabelsberger Bioscop-Studio der Film DER STUDENT VON PRAG gedreht. Regie führte Stellan Rye oder vielleicht auch Hanns Heinz Ewers, darüber wird immer wieder gestritten, das Drehbuch stammte von Ewers, hinter der Kamera stand Guido Seeber, die Hauptrolle spielte Paul Wegener. Erzählt wird die dramatische Geschichte des armen Studenten Balduin, der für 100.000 Gulden sein Spiegelbild an den Scharlatan Scalpinelli verkauft, mit dem Geld aber kein unbeschwertes Leben führen kann, sondern am Ende sein Spiegelbild und damit sich selbst erschießt. Klaus Kreimeier hat in seinem Buch über die Geschichte des frühen Kinos „Traum und Exzess“ (traum-und-exzess/) die Bedeutung des Films auch im Vergleich zu dem anderen „alter ego“-Film DER ANDERE von Max Mack einleuchtend dargestellt. Im Februar wurde die restaurierte Fassung des Films im Rahmen der Berlinale erstmals gezeigt. Heute Abend, zu später Stunde um 23.40 Uhr, ist sie auf Arte zusehen.

Prag

Bildschirmfoto 2013-04-09 um 18.15.06Eine Woche in Prag. Stadt-erkundung auf den Spuren von Geschichte und Kultur. Was beeindruckt: der Reichtum an Baudenk-mälern und die Vielfalt in der Architektur. Faszinierende Fassaden, wohin man blickt, keine Kriegszerstörungen. Der Alte Jüdische Friedhof, das Kafka-Museum, das Kampa-Museum und ein Opernbesuch gehören zum Pflichtprogramm. Zurzeit  findet in Prag das Jahrestreffen der „Writers for Europe“ statt. Deshalb ist auch unser Freund Jochen Brunow in der Stadt. In einem Irish Pub sehen wir mit ihm am Mittwoch synchron die beiden Viertelfinalspiele der Champions League. Und treffen uns mit dem Schriftsteller und Filmemacher Jindrich Mann (Absolvent der dffb) zum Mittagessen im Café Savoy. Er schenkt mir sein Buch „Prag, poste  restante“, das Teile seiner Lebensgeschichte  und der Geschichte der Familie Mann erzählt. Wir  wohnen in der Nähe der Metrostation „Andel“ (Engel). Sie  wird dominiert von einem Gebäude 2013.Sanderdes französischen Architekten Jean Nouvel. An der Fassade ist der Engel Otto Sander aus dem Wenders-Film IN WEITER FERNE, SO NAH! abgebildet. Natürlich gibt es auch einige interessante Kinos in Prag, allen voran das „Penrepo“, betrieben vom Nationalen Filmarchiv (Foto oben). Es war einst die Produktionsstätte des Animationsfilmers Jiri Trnka. Aber auch die Programme des „Aero“ und des „Svetozor“ sind sehr respektabel. Im „Svetozor“ findet zurzeit ein Festival des europäischen Films statt, deutscher Beitrag: Barbara von Christian Petzold. Im Dox Centre for Contemporary Arts gibt noch bis 22. April eine Jonas Mekas-Ausstellung zu sehen. Und ein eigenes 2013.ZemanMuseum ist dem Regisseur Karel Zeman (1910-1989) gewidmet, in dem seine wunderbaren Filmtricks erklärt werden (www.muzeumkarlazemana.cz/en). Ein Filmgefühl stellt sich im Übrigen schon ein, wenn man einfach kreuz und quer mit der Straßenbahn durch die Stadt fährt. Senioren ab 70 brauchen dafür kein Ticket.

goEast

2013.GoEastIn Wiesbaden beginnt morgen das 13. goEast-Festival des mittel- und osteuro-päischen Films. 132 Filme aus 30 Ländern von Polen bis Kasachstan sind zu sehen, darunter acht Welt-premieren, sieben internationale und 21 Deutschlandpremieren. Herzstück von goEast ist der Wettbewerb, in dem zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilme um den Škoda-Filmpreis (10.000 €) konkurrieren. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vergibt den Dokumentarfilmpreis „Erinnerung und Zukunft“ (10.000 €) und die Landeshauptstadt Wiesbaden stellt den Preis für die Beste Regie (7.500 €). Das Auswärtige Amt lobt den Preis „für künstlerische Originalität, die kulturelle Vielfalt schafft“ aus. Die Hommage ist dem ungarischen Regisseur Miklós Jancsó (*1921) gewidmet. Zehn Filme von ihm stehen auf dem Programm.

50 Jahre Das kleine Fernsehspiel

DISTANT VOICES, STILL LIVESSeit 1963 gibt es das ZDF, am 1. April hat es seinen 50. Geburtstag gefeiert. Und im April 1963 kam auch die Sendereihe „Das kleine Fernsehspiel“ ins Programm. Sie sorgte für Innovationen, begleitete den Neuen Deutschen Film in seinem Entwicklungsprozess, wurde zum Partner der 1966/67 gegründeten Filmhochschulen in Berlin und München und baute eine Brücke zu internationalen Independentproduktionen. Mag sein, dass dies in den letzten Jahrzehnten etwas in den Hintergrund getreten ist, aber die Verdienste dieser Werkstatt des Spiel- und Dokumentarfilms sind unbestritten. Die Deutsche Kinemathek erinnert daran mit einer Hommage, die im Kino Arsenal und im ZDF stattfindet. An vier Themenabenden werden dort im April jeweils zwei Filme gezeigt. Heute Abend sind Eckart Stein, Christoph Holch und Anne Even im Arsenal zu Gast. Auf dem Programm stehen die Filme DISTANT VOICES – STILL LIVES (1987, Foto) von Terence Davies und ARDIENTE PACIENCA (MIT BRENNENDER GEDULD, 1983) von Antonio Skármeta. Mehr zur Filmreihe: article/3990/2796.html

Jonas Mekas

2013.Jonas MekasEr ist einer der Großen des unabhängigen amerikani-schen Kinos, inzwischen neunzig Jahre alt und offen-sichtlich noch sehr unterneh-mungslustig. Jonas Mekas, geboren 1922 in Litauen, beehrt zurzeit eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum mit seiner Anwesenheit. Dort werden seit gestern mehr als vierzig Film- und Videoarbeiten von ihm gezeigt; viele davon sind relativ unbekannt. Und bei „Krinzinger Projekte“ in der Schottenfeld-gasse gibt es ergänzend zur Filmschau eine Ausstellung mit Installationen und Fotografien zu sehen. Eine Broschüre mit bisher unveröffentlichten Texten von und über Mekas ist soeben bei Synema erschienen. Christoph Gnädig hat das Gesamtprojekt kuratiert. Mehr zur Retrospektive: id=1355220831449&reserve-mode=active