Inszenierung des Alter(n)s

2013.Inszenierung Alter 2Dies ist eine Magisterarbeit aus dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig (Prof. Rüdiger Steinmetz): interessant in der Themenwahl, komplex in der Analyse. Nina Alexandra Roser untersucht die Darstellung von Senioren in deutschen Kino-spielfilmen von 1999 bis 2009. Sechs Titel stehen bei ihr im Mittelpunkt: JETZT ODER NIE – ZEIT IST GELD (2000) von Lars Büchel, SCHULTZE GET THE BLUES (2003) von Michael Schorr, KIRSCHBLÜTEN – HANAMI (2008) von Doris Dörrie, WOLKE 9 (2008) von Andreas Dresen und DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR ALT AUS! (2009) von Leander Haußmann. Die Filme werden einer quantitativen und qualitativen Analyse unterzogen; dabei geht es um die Identität der Hauptfiguren, um Familie, soziale Netzwerke, Partnerschaft und Sexualität, Leiblichkeit, Professionalität, materielle Situation, Wohnsituation und psychologische Aspekte. Die Filmfiktionen werden realen Erkenntnissen gegenübergestellt. Natürlich ist Andreas Dresen so etwas wie der Gewinner. Der Anhang enthält Sequenzprotokolle der sechs Filme inklusive einer Feinanalyse, eine internationale Filmliste von Senioren als Filmprotagonisten von 1999 bis 2009, eine Liste der 120 in der Arbeit angeführten Filme und eine umfangreiche Literaturliste (268 Titel). Die Autorin betont ihre Leseleistung, indem sie alle Autorennamen in Versalien schreibt. Das macht die Lektüre manchmal etwas mühsam. Der Verzicht auf Abbildungen ist zu akzeptieren. Mehr zum Buch: www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,1387

Der italienische Neorealismus

2013.GlasenappIm vergangenen Jahr hat der Bamberger Germanist Jörn Glasenapp eine umfangreiche Monografie über Michelangelo Antonioni herausgegeben (michelangelo-antonioni/), jetzt stellt er als alleiniger Autor Antonioni in den Zusammenhang des italienischen Neorealismus, der bis heute als die wichtigste filmische Erneuerungsbewegung nach 1945 bewertet wird. Glasenapp folgt den definitorischen Spuren vor allem von André Bazin („Der filmische Realismus und die italienische Schule nach der Befreiung“, 1948) und den neueren Überlegungen von Gilles Deleuze („Das Zeit-Bild“, 1985). Vier Filme stehen dabei im Mittelpunkt der Analysen: I VITELLONI (1953) von Federico Fellini, ACCATTONE (1961) von Pier Paolo Pasolini, LA NOTTE (1961) von Michelangelo Antonioni und IL CASANOVA (1976) von Fellini. Natürlich fungieren De Sicas LADRI DI BICICLETTE und andere Klassiker des Neorealismus als Vergleichsfilme und auch zur französischen Nouvelle Vague werden Bezüge hergestellt. Glasenapp hält sich eng an sein theoretisches System, aber es ist sehr lesenswert, wie er einzelne Szenen beschreibt und interpretiert. Das animiert dazu, die Filme mal wieder zu sehen. Die 64 Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5538-3.html

Karl Valentin im Babylon

2013.karlvalentinGanz schön mutig: Valentin in Berlin, wo es die Bayern ohnehin nicht leicht haben und zurzeit schon gar nicht. Aber vielleicht gibt es in der Stadt inzwischen genügend Valentin-Fans, so wie es, trotz allem, ja auch Fans von Bayern München gibt. Zu sehen sind im Babylon kurze und lange Filme, Stummfilme und Tonfilme, darunter auch MYSTERIEN EINES FRISIERSALONS (1922/23), DER SONDERLING (1929), KIRSCHEN IN NACHBARS GARTEN (1935) und DONNER, BLITZ UND SONNENSCHEIN (1936). Dazu kommt die Dokumentation EINMAL IM JAHR MÖCHT’ ICH AUCH LACHEN KÖNNEN (1982) von Joe Baier. Die Valentin-Saison dauert bis zum 12. Mai. Mehr zum Programm: karlvalentin.htm

Gustaf Gründgens

2013.Gründgens2Im September 1963, also demnächst vor fünfzig Jahren, starb auf einer Weltreise in Manila der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens im Alter von 63 Jahren. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Theaters in der Zeit der Weimarer Republik, unter der Nazi-Herrschaft und in der frühen Bundesrepublik. Seine Nähe zu Hermann Göring wurde zu einer großen Hypothek, andererseits verhalf ihm die Fürsprache jüdischer Exilanten später zur Entnazifizierung. Er war eine Persönlichkeit, die polarisierte. Der Autor (und promovierte Theaterwissenschaftler) Thomas Blubacher hat bereits 1999 und 2011 zwei Anläufe zu einer Gründgens-Biografie genommen, jetzt ist ihm so etwas wie eine definitive Fassung gelungen. Sie ist hervorragend recherchiert, gut lesbar und weicht auch den Ambivalenzen des privaten Gründgens nicht aus. Beginnend mit dem ziemlich geheimnisvollen Tod wird das Leben von GG weitgehend chronologisch erzählt. Viele frühere Kolleginnen und Kollegen kommen zu Wort. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich auch die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Filmarbeit von Gründgens tritt gegenüber der Theaterarbeit etwas in den Hintergrund. Immerhin hat er in 28 Filmen mitgespielt und bei fünf Filmen auch Regie geführt. Als Schränker in M (1931) von Fritz Lang und als Baron von Eggersdorf in LIEBELEI (1933) von Max Ophüls ist er unvergesslich. Blubacher erzählt ein ungewöhnliches Künstlerleben im Spannungsfeld deutscher Geschichte und psychischer Individualität. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 0.6.7.8.0.1

Hitchcock und die Künste

2013.Hitchcock+KünsteDer Herausgeber Henry Keazor (*1965) ist Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg. Im Winter 2011/12 hat er in Saarbrücken eine Ringvorlesung über Hitchcock und die Künste veranstaltet, deren Vorträge hier gesammelt sind. Eine lohnende Lektüre. In den Texten geht es um Hitchcock und seine Literaturadaptionen (Barbara Damm), um das Londoner Theater der 1920er und 30er Jahre (Beatrix Hesse), den MARNIEschen Blick auf Vermeer (Thierry Greub), die Gebäude in Hitchcock-Filmen (Steven Jacob), Hitchcocks Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik (Claudia Bullerjahn), um Choreografien von Traumata (Katja Erdmann-Rajski), Hitchcocks Filme im Spiegel zeitgenössischer Videoinstallationen (Ursula Frohne), um Korrelationen zwischen Essen, Sexualität und Tod in H.’s Filmen (Gregor Weber), um Fisch-Frauen (Anne Martinetti, unterstützt vom Herausgeber; mit Fisch-Rezepten) und um Angstlust als psychische Wirkung der Filme (Alf Gerlach). Keazor hat eine umfängliche Einleitung beigesteuert und ein Gespräch mit dem Künstler Benjamin Samuel über sein Werk Hitchcock30 geführt, das im Frankfurter Filmmuseum ausgestellt war. Die Abbildungen des Buches, oft sehr klein, sind hervorragend gedruckt. Wer noch mehr über Hitchcock und die Kunst erfahren will: 2001 erschien in Montreal ein Katalog zur Ausstellung „Hitchcock and Art“, herausgegeben von Dominique Paini und Guy Cogeval. Mehr zum Buch von Keazor: hitchcock-und-die-kuenste.html

Jüdisches Filmfestival

Bild 1In Potsdam wird heute das 19. Jüdische Filmfestival eröffnet  25 Spiel- und Dokumentar-filme stehen auf dem Programm, dazu kommen acht Kurzfilme und zwei Fernsehserien. Das Berliner Arsenal ist die Hauptspielstätte, zu Gast ist das Festival auch im Thalia Programm-kino in Potsdam, im Filmkunst 66, im Eiszeit-Kino und im Toni in Berlin. Die Eröffnung findet als „Galaveranstaltung“ im Potsdamer Hans-Otto-Theater statt. Es sprechen Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, die Brandenburgische Kulturministerin Sabine Kunst und die Festival-leiterin Nicola Galliner.  Als Festivalpaten fungieren Margarita Broich und Christian Berkel. Eröffnungsfilm ist ZAYTOUN, ein Spielfilm von Eran Riklis. Die Veranstaltung wird von Georgia Tornow moderiert.

TAXI DRIVER (1975)

2013.Taxi DriverWieder ein großes, schweres Buch aus dem Taschen Verlag. 25 x 37 cm, drei Kilo, 400 Seiten. Diesmal geht es nur um einen Film: TAXI DRIVER (1975) von Martin Scorsese. Aber im Werk von Scorsese, das noch bis 12. Mai in einer Ausstellung des Museums für Film und Fernsehen in Berlin gewürdigt wird, ist TAXI DRIVER ein besonderer Höhepunkt. Und wenn man das Buch mit den Fotos von Steve Schapiro durch-blättert, wird einem noch einmal klar, wie tief Scorsese in die psychischen Deformationen eines Einzelgängers im New York der siebziger Jahre eingedrungen ist und welche Kraft Robert De Niro in die Darstellung seines Travis Bickle investiert hat. Die Fotos, schwarzweiß und Farbe, oft zweiseitig, haben eine eigene Dimension und scheuen auch vor der Abbildung von Grausamkeit nicht zurück. Herausgegeben von Paul Duncan, mit einem kurzen Vorwort von Martin Scorsese und Texten/Interviews aus der Produktionszeit von Scorsese, Autor Paul Schrader und Robert De Niro. Die Ausgabe ist mehrsprachig (englisch/französisch/deutsch) und für Scorsese-Fans unverzichtbar. Mehr zum Buch: taxi_driver.htm.

Deutscher Filmpreis

2013.LolaHeute Abend wird im Berliner Friedrichstadtpalast der Deutsche Filmpreis vergeben. Die Nominierungen in 16 Kategorien – vom Besten programmfüllenden Spielfilm bis zur Besten Tongestaltung – werden in Filmkreisen lebhaft diskutiert, vor allem: wie wird es dem CLOUD ATLAS ergehen, der neunmal nominiert ist, was holt OH BOY, der immerhin achtmal im Rennen ist, und wo steht am Ende HANNAH ARENDT mit sechs Nominierungen? Ich mache diesmal keine Prognosen und habe Sympathien für viele Kandidaten, auch für Oskar Roehlers QUELLEN DES LEBENS  (drei Nominie-rungen).  Den Ehrenpreis bekommt Werner Herzog, der aus L.A. angereist ist. Die Moderation der Veranstaltung liegt bei der mir unbekannten Mirjam Weichselbraun vom ORF, die der Künstlerische Leiter der Gala, Fred Kogel, ins Spiel gebracht hat. Am späten Abend wissen wir mehr. Das ZDF sendet eine bearbeitete Aufzeichnung ab 22.20 Uhr. Mehr zum Deutschen Filmpreis: deutscher-filmpreis-2013.html.

Wagner Kino

2013.WagnerIm Berliner Zeughauskino beginnt heute die Film- und Veranstal-tungsreihe „Wagner Kino“, bei der es um Spuren und Wirkun-gen Richard Wagners in der Filmkunst geht. Als Kuratoren fungieren Jan Drehmel, Kristina Jaspers und Steffen Vogt. Zur Eröffnung wird der Film RICHARD WAGNER (1913) von William Wauer und Carl Froelich gezeigt. Am kommenden Samstag findet ein Symposium statt, an dem Andreas Urs Sommer (Freiburg), Bernd Kiefer (Mainz), Peter Moormann (Berlin), Elisabeth Bronfen (Zürich), Jörg Buttgereit (Berlin) und Marcus Stiglegger (Siegen) teilnehmen. Thema: „Richard Wagner und das Kino der Dekadenz“. An Wagners 200. Geburtstag (22. Mai) ist der Film DER MEISTER VON NÜRNBERG (1927) von Ludwig Berger zu sehen. Die Reihe endet am 31. Mai. Sie wird gefördert vom Hauptstadt-kulturfonds. Mehr zum Programm: www.wagner-kino.de

Frieda Grafe, erster Teil

2013.Frieda GrafeIm Berliner Arsenal beginnt heute der erste von drei Teilen einer Hommage an Frieda Grafe (1934-2002). Bis zum Monats-ende werden zehn Filme gezeigt, die sie besonders geschätzt hat, im Juli und Oktober folgen zwanzig weitere. Das Projekt basiert auf einer Umfrage der Zeitschrift Steadycam im Jahr 1995. Dreißig Lieblingsfilme durfte man damals auflisten, ohne dies genauer zu begründen. Frieda Grafe hat an diesem Spiel teilgenommen und in der Tat eine eigenwillige Auswahl getroffen. Im Arsenal werden die Filme von internationalen Kritikerinnen und Kritikern, Filmemachern und Wissenschaftlern eingeführt, der Verlag Brinkmann & Bose publiziert drei Hefte mit den entsprechenden Texten, das Projekt wurde vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Zur Eröffnung gibt es heute den Film IHRE MAJESTÄT, DIE LIEBE (1931) von Joe May mit einer Einführung von Max Annas, der zusammen mit Annett Busch und Henriette Gunkel die Filmreihe kuratiert. In der heutigen taz hat Claudia Lenssen einen schönen Text über Frieda Grafe publiziert: F24%2Fa0150. Mehr zum Programm im Arsenal: 2796.html