100 Jahre Deutsche Oper Berlin

Die Deutsche Oper Berlin feiert in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag. Am Samstag fand ein Festkonzert statt, gestern hatte eine Neuinszenierung von Wagners „Parsifal“ Premiere (musikalisch auf höchstem Niveau, szenisch seltsam verstaubt), und morgen Abend gibt es im RBB-Fernsehen den Film zum Jubiläum. Er stammt von Enrique Sanchez Lansch, hat den Titel OUVERTÜRE 1912 – DIE DEUTSCHE OPER BERLIN und ist sehr sehenswert. Enrique hat zahlreiche Gespräche geführt (unter anderem mit Christa Ludwig, Hans Neuenfels, René Kollo, Karan Armstrong und – kurz vor seinem Tod – Dietrich Fischer-Dieskau), er porträtiert wichtige Persönlichkeiten des Hauses und stellt dabei immer das Musiktheater in den Mittelpunkt. Es wird nicht chronologisch erzählt, aber stets deutlich gemacht, wo wir uns in der Zeitgeschichte befinden. Der Dramaturg Curt A. Roesler fungiert als Erzähler. Der Film ist nicht nur für Opernliebhaber interessant, mich erinnert er natürlich vor allem an die 1960er Jahre meiner Opernsozialisation. Sendetermin: 23.10., 22.45 Uhr, Drittes Programm RBB. Mehr zum Film: 8867605455.html

Hollywood Costume

Im Londoner Victoria & Albert Museum wurde gestern die große Ausstellung „Hollywood Costume“ eröffnet, und wenn man die Vorabberichte in den Zeitungen liest (Frankfurter Rundschau: 20665890.html, Die Welt: Kostueme-Hollywoods.html , der schöne Text von Alexander Menden in der SZ ist leider nicht online), möchte man sofort hinfahren. 130 Exponate aus 100 Jahren Filmgeschichte sind ausgestellt, darunter all die Ikonen, die einem sofort einfallen, wenn man selbst eine solche Ausstellung veranstalten dürfte: Chaplins Grundausstattung, Marlene Dietrichs Anzug und Zylinder aus MOROCCO, das grüne Kleid von Vivian Leigh in GONE WITH THE WIND, das rote von Cate Blanchett in ELIZABETH, das Mädchen-kostüm und die Paillettenschuhe von Judy Garland in THE WIZARD OF OZ, das blaue Kostüm von Meryl Streep als Maggie Thatcher, die Montur von Robert De Niro in TAXI DRIVER, ein Anzug von Harrison Ford aus INDIANA JONES, ein Hemd von John Wayne in THE SEARCHERS, die Kostüme der Blues Brothers. Kuratiert wurde die Ausstellung von Deborah Nadoolman Landis. Fünf Jahre hat es gedauert, die Schau zusammenzustellen, sie ist bis 27. Januar 2013 zu sehen. Mal sehen, ob ein Besuch in dieser Zeit zu schaffen ist. Mehr Informationen: about-the-exhibition/

Mamoulian/Borzage

Zwei interessante, aber nicht gerade populäre amerikanische Regisseure werden im neuen Band der Film-Konzepte miteinander verbunden: Rouben Mamoulian (1897-1987) und Frank Borzage (1894-1962). Immerhin sind sie in den letzten Jahren dank DVD aus dem Schatten der Vergessenheit getreten. Armin Jäger als Gastherausgeber stellt im Vorwort die Verwandtschaften zwischen ihnen her. In jeweils vier Aufsätzen werden spezielle Genrevorlieben, zum Beispiel Borzages stumme Melodramen (Autor: Thomas Koebner) und Mamoulians Musicals (Thomas Köhler), Themen (Das Schicksal des kleinen Mannes in Borzages frühen Tonfilmen; Lewis Beer), der Umgang mit Schaupielern (Starregisseur Mamoulian und seine Filmdiven; Armin Jäger), die Darstellung der Liebe im Krieg (in Borzages A FAREWELL TO ARMS und TILL WE MEET AGAIN; auch Armin Jäger), Mamoulians Inszenierungsstil (Robert Müller), sein innovatives Spiel mit Genrekonventionen (Claudia Mehlinger) und Borzages Ausflug in den Film noir (MOONRISE, Jasmin Kaiser) analysiert. In den Texten zeigen sich wieder Qualitäten der „Mainzer Schule“: Anschaulichkeit und Konkretion. Mehr zum Heft: neu_werke_default_film. Und ein kleiner Verweis auf einen eigenen Mamoulian-Text: 1987/02/applaus-rouben-mamoulian/

Auslassen – Andeuten – Auffüllen

Was können Filmemacher ihren Zuschauerinnen und Zuschauern zutrauen und zumuten? Wie aktiv ist deren visuelle und auditive Imaginationsfähigkeit? In der Filmwissenschaft war das bisher nicht gerade ein zentrales Thema. Auf einer Tagung im Dezember 2010 in Berlin wurden ein paar Grundlagen gelegt. In 13 Texten liegen sie jetzt als Publikation vor. Schon die sehr instruktive Einleitung von Julian Hanich macht deutlich, mit wie vielen Begriffen hier operiert wird, wie unendlich viele Filmbeispiele aus allen Bereichen des Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilms als Belege fürs Auslassen, Andeuten und Auffüllen herangezogen werden können. Christine N. Brinckmanns brillanter Essay über „Paradoxien der Zeitraffung“, Britta Hartmanns Überlegungen „Zur kommunikativen Konstellation im Dokumentarfilm“ (verbunden mit einem Text von Ursula von Keitz über „Referenz und Imagination“) und Fabienne Liptays Brücke zur Kunstgeschichte sind die für mich interessantesten Beiträge. Unbedingt lesenswert sind auch Jens Eders Gedanken zur „Transmedialen Imagination“ und Julian Hanichs Erfahrungen mit Lesern und Zuschauern bei Literaturverfilmungen. Die Titelzahl 24 verweist subtil auf die Bildgeschwindigkeit pro Sekunde. Bei Godard ist das mit der Wahrheit verbunden. Mehr über das Buch: www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5398-3.html

Werner Herzog

In Berlin beginnt morgen eine kurze, aber intensive Werner-Herzog-Saison. An zwei Abenden ist er in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu Gast und liest dort aus seinem Buch „Die Eroberung des Nutzlosen“, dann wechselt er am 21. ins Kino Arsenal und führt dort in seinen Film DEATH ROW (2012) ein. Am 26. Oktober findet im Museum für Film und Fernsehen ein Symposium über Herzogs neue Filme statt: „An den Grenzen“. Eine gute Gelegenheit, um auf die neue, sehr lesenswerte Werner-Herzog-Biografie von Moritz Holfelder aufmerksam zu machen. Sie ist von Herzog nicht autorisiert worden, weil er bekanntlich sein Leben mit vielen Geheimnissen verknüpft, sich gern selbst stilisiert und natürlich nicht an der biografischen Konkretisierung durch eine ihm fremde Person mitwirken wollte. Holfelder macht daraus sein eigenes Spiel. Er hat sich auf eine persönliche Spurensuche begeben, viele Menschen gefunden, die über Herzog etwas zu sagen haben und sich nicht vom Familienclan vereinnahmen ließen. In Filmen und Interviews hat Herzog selbst sich ja auch sehr konkret geäußert. Aus dem Puzzle ist ein spannendes Buch geworden, zumal der Autor mit der Herausforderung der Wahrheitsfindung spielerisch umgeht. Es gibt acht „Annäherungen“ und vier „Dramolette“, in denen das Material originell verarbeitet wird. Zudem ist es beeindruckend, wie tief Holfelder in seinen Interpretationen in die künstlerische Herzog-Welt eindringt. Auch der Opernregisseur kommt dabei nicht zu kurz. Und die Zeit ab 1995, die Herzog weitgehend in Amerika verbringt, wo er inzwischen viel bekannter ist als in Deutschland, hat dabei einen hohen Stellenwert. Eigentlich kann WH mit dem Buch sehr zufrieden sein, aber Zufriedenheit ist keine zu ihm passende Charaktereigenschaft. Mehr über das Buch: werner-herzog.html

Fritz Lang in Wien

Im Öster-reichischen Filmmuseum beginnt morgen eine Retro-spektive des Gesamtwerks von Fritz Lang. Viele Filme werden in restaurierten Kopien gezeigt, die z.T. erstmals in Österreich zusehen sind – darunter etwa DIE NIBELUNGEN (Restaurierung 2011, mit Gottfried Huppertz‘ Originalmusik). Ausgewählte Interview- und Porträtfilme, Giorgio Moroders METROPOLIS-Bearbeitung von 1984 sowie Jean-Luc Godards LE MÉPRIS, in dem Lang als Darsteller seiner selbst agiert, ergänzen das Programm. Der Filmhistoriker Bernard Eisenschitz, Autor des zeitgenössischen Standardwerks zu Fritz Lang, und Oliver Hanley, Kurator im Filmmuseum, werden mehrere Einführungen halten. Begleitend erscheint eine Publikation über Fritz Lang, die zahlreiche Originalbeiträge, Interviews, autobiografische Schriften und Texte zu jedem seiner Filme versammelt. Mehr zur Retrospektive: reserve-mode=active.

Grace. Die Biographie

50 Seiten Familiengeschichte, 170 Seiten Filmgeschichte, 100 Seiten Fürstengeschichte, 32 Seiten Fotos. Thilo Wydra hat akribisch recher-chiert, und dreißig Jahre nach ihrem Tod liegt jetzt die erste deutsche Biografie von Grace Kelly vor. Sie hatte schreckliche Eltern, nahm ein noch immer geheimnisvolles Ende und hat elf Filme hinterlassen, über die man gern ausführlich informiert wird. Dies tut Wydra intensiv und sensibel, seine Produktionsberichte vor allem zu den drei Hotchock-Filmen sind sehr lesenswert. Auch über die Zusammenarbeit mit Fred Zinnemann und John Ford erfährt man einiges. Alle Fakten wirken sorgsam belegt, vieles hat zwar James Spada schon vor 25 Jahren erzählt, aber ihm war die Filmgeschichte nicht so wichtig. Ein wirklich berührendes Wydra-Kapitel ist der Abschied von „Hitch“ (S. 294-301). Mehr zum Buch: www.aufbau-verlag.de/index.php/grace.html

Weimar in München

In eigener Sache: Im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer in der Münchner Maximilianstraße wird heute die Ausstellung „Licht und Schatten. Am Filmset der Weimarer Republik 1918-1933“ eröffnet. 220 Fotos, weitgehend aus dem Bestand der Deutschen Kinemathek, erinnern an 66 Filme aus einer der kreativsten Phase der deutschen Kulturgeschichte. Sie ist mit international bekannten Namen von Regisseuren verbunden: Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Georg Wilhelm Pabst. Und mit großen Schauspielerinnen und Schauspielern: Henny Porten, Asta Nielsen, Lil Dagover, Louise Brooks, Emil Jannings, Conrad Veidt, Werner Krauß, Heinrich George. Die Originalfotos werden zusammen mit ausgewählten Plakaten präsentiert. Ich habe die Ausstellung kuratiert. Sie ist bis 27. Januar in München zu sehen. Das Buch zur Ausstellung ist soeben im Verlag Schirmer/Mosel erschienen. Mehr zum Buch: info.php?products_id=680.

Michael Althen-Preis

Heute wäre Michael Althen fünfzig Jahre alt geworden. Im Mai 2011 mussten wir von ihm Abschied nehmen und seither denken wir oft an ihn. Die FAZ hat ihm zu Ehren einen Michael-Althen-Preis für Kritik ausgeschrieben, der morgen erstmals vergeben wird. Erste Preisträgerin ist die Berliner Schrift-stellerin und Journalistin Sarah Khan für einen Text über die Fernsehserie DR. HOUSE in der Zeitschrift Cargo. Zur Jury gehören die Schauspielerin Claudia Michelsen, die Regisseure Dominik Graf und Tom Tykwer, der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Schauspieler und Publizist Hanns Zischler. Der Preis ist mit 10.000 € dotiert und wird im Deutschen Theater übergeben. Die Website mit Texten von Michael wird kontinuierlich erweitert, und eines Tages sind dort alle seine wunderbaren Texte zu lesen: http://michaelalthen.de/

Der Architekt

Eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München reflektiert den Beruf des Architekten vom Altertum bis in die Gegenwart. Das geschieht in komprimierter, aber kluger Form und macht den Status der „Baumeister“ in den verschiedenen Epochen deutlich. Für das 20. Jahrhundert nutzt die Ausstellung beispielhafte Modelle aus dem Archiv des Architekturmuseums der TU München. Ein eigener Bereich ist der Filmarchitektur gewidmet, die in METROPOLIS ein frühes Meisterwerk schuf, das noch weitgehend auf handwerklichem Können basierte. Auch die James Bond-Räume von Ken Adam werden präsentiert. Auf mehreren Bildschirmen wird das mediale Berufsbild des Architekten in Filmausschnitten gezeigt, am prägnantesten natürlich in langen Szenen aus King Vidors THE FOUNTAINHEAD (1949), der von den kreativen Visionen und der trotzigen Haltung eines Architekten handelt. Er erinnert  an die Lebensgeschichte von Frank Lloyd Wright. Gary Cooper spielt eindrucksvoll die Hauptrolle.