Alles über Film

„Alles“ über Film auf 352 Seiten. Da muss sich ein Autor ziemlich kurz fassen und viel weglassen. Ronald Bergan ist Filmkritiker des englischen Guardian, hat Bücher über Eisenstein, Coppola und die Coen Brüder geschrieben, man kann ihn als kompetent ansehen. Seine Aufgabe: alles schnell auf den Punkt bringen. Gegliedert ist das Buch in sechs Kapitel. 1. „Die Geschichte des Films“, in Jahrzehnten periodisiert (50 Seiten). 2. „Wie ein Film entsteht“ (15 Seiten). 3. „Filmgenres“, 25 von Action bis Western (50 Seiten). 4. „Das internationale Kino“, 21 Länder und Erdteile, von Afrika bis Neuseeland (50 Seiten, drei über Deutschland, die USA werden ausgespart). 5. „100 Regisseure“, von Woody Allen bis William Wyler (75 Seiten); aus Deutschland: Fassbinder, Herzog, Lang, Lubitsch, Murnau, Ophüls, Pabst, Wenders. Konrad Wolf fehlt. 6. „Die 100 besten Filme“, chronologisch (90 Seiten); neun aus Deutschland: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, NOSFERATU, METROPOLIS, DER BLAUE ENGEL, OLYMPIA, AGUIRRE – DER ZORN GOTTES, DIE EHE DER MARIA BRAUN, PARIS TEXAS, HEIMAT. Kein Film aus der DDR. Schwierig: der Umgang mit den deutschen Titeln ausländischer Filme. Manchmal sind sie so blöd, dass man sie inzwischen vergessen hat. Dominant: rund 700 Abbildungen. Verpackt ist das Buch in einer Filmdose. Das definiert es als Geschenk. Mehr über das Buch: /alles_ueber_film-1773/.

Revisionen – Relektüren – Perspektiven

Kurios und spannend nennen die beiden Herausgeber dieses Tagungsbandes die jährlichen „Film- und Fernsehwissen-schaftlichen Kolloquien“ (FFK), die seit 25 Jahren ohne Trägerschaft durch den deutschsprachigen Raum ziehen und zugangsoffen angelegt sind: wer sich rechtzeitig anmeldet, darf reden. Der Sammelband des 23. Kolloquiums, das 2010 in Hildesheim stattfand, ist jetzt bei Schüren erschienen und offeriert 26 Texte. Ihre Themen repräsentieren das Kunterbunt der Medien- und Wissenschaftswelt, man liest sich hier und da fest, spürt neue Denkweisen und staunt über das breite Spektrum theoretischer Positionen. Ich greife mal fünf Aufsätze heraus, die mich besonders interessiert haben: Stephanie Großmann (Passau) schreibt über Naturkatatrophen im Film. Diana Kainz (ebenfalls Passau) rehabilitiert sehr eindrucksvoll die Effi-Briest-Verfilmung von Hermine Huntgeburth. Ulrike Kuch (Weimar) denkt über Motive im Film nach und konkretisiert das an Swimmingpools. Birgit Leitner (Jena) verbindet auf intelligente Weise „das Kleine Schwarze“, also ein Kleidungsstück, in den Filmen BREAKFAST AT TIFFANY’S (1961) von Blake Edwards und CLÉO DE 5 À 7 (1962) von Agnes Verda. Anke Steinborn (Weimar) schlägt eine originelle Brücke zwischen der Kitchen-Debate (1959) zwischen Nixon und Chruschtschow und dem Film FIGHT CLUB (1999) von David Fincher. Man muss sich klar machen: dies sind vor allem Profilierungstexte. Meine Sympathien haben dabei natürlich die hermeneutischen Analysen. Pirouetten auf wissenschaftlichem Definitionsparkett interessieren mich nicht. Mehr zum Buch: revisionen-relektueren-perspektiven.html.

Was lehrt das Kino?

Eine seltsame Titelfrage, denn man geht doch nicht ins Kino wie in die Schule. Immerhin sind die meisten hier publizierten Texte durchaus lesenwert. Inhaltlich ist das Buch ein Remake. 2003 haben – auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung – ein Dutzend versierte Filmexperten einen Kanon zusammengestellt: 35 Filme, die man bis zum Abitur gesehen haben sollte. Alfred Holighaus hat 2005 bei Bertz + Fischer das entsprechende Buch herausgegeben (/filmkanon.html). Die neue Publikation reduziert die 35 Filme auf 24, es fehlen zum Beispiel Chaplin und THE GOLD RUSH (1925), John Ford und STAGECOACH (1939), Claude Lanzman und SHOAH (1985). Das wird aber nicht weiter begründet. Die Texte des neuen Buches – basierend auf zwei Ringvorlesungen der Freien Universität Berlin – sind insgesamt tiefgründiger und analytischer als im Kanon-Buch, das auch eine andere Zielgruppe hatte. Die Autorinnen und Autoren kommen vor allem aus der Germanistik, der Philosophie und der Amerikanistik. Die Filmprofession vertreten Wolfgang Jacobsen (über M), Thomas Koebner (RASHOMON), Bernhard Groß (LA STRADA), Andreas Kilb (DAS SÜSSE JENSEITS) und Hermann Kappelhoff (ALLES ÜBER MEINE MUTTER). Das Buch ist genau doppelt so umfangreich wie der Kanon-Band. Also: mehr Platz für Forschung und Lehre. Mehr über das Buch: neu_werke_default_film

Noch einmal: Ingmar Bergman

Zwei Monate nach der Bergman-Retrospektive der Berlinale, im April 2011, fand ein Symposium der Deutschen Kinemathek und des Einstein-Forums statt, in dem es um Lüge und Wahrheit im Werk des schwedischen Regisseurs ging. Die Beiträge – u.a. eine Untersuchung von Thomas Koebner über die Gespensterfurcht in ANSIKTET, eine psychoanalytische Interpretation von DET SJUNDE INSEGLET von Claudia Frank, eine bedenkenswerte Sicht von Mirjam Schaub auf AUS DEM LEBEN DER MARIONETTEN, ein religionswissenschaft-licher Blick auf Bergmans Mittelalter-Filme von Christian Kiening – liegen jetzt gedruckt vor; sie vermitteln in einem interdisziplinären Spektrum subjektive Erkenntnisprozesse und sind sehr lesenswert. Unmittelbar zu Bergman führt ein Text des Kurators des IB-Archivs Jan Holmberg, der die autobiografischen Schriften erschließt. Am Ende kommt der Regisseur mit eigenen Texten zu Wort, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Zur Vervollständigung des Bergman-Bestandes unabdingbar. Mehr zum Buch: wahreluegen.html.

Die 1950er Jahre

Eine Doppelnummer der Marburger Hefte zur Medienwissenschaft widmet sich den 1950er Jahren in der Bundesrepublik und der DDR. Irmbert Schenk fungiert hier als Gast-Herausgeber und formuliert in seinem Vorwort den Anspruch der Publikation: „Blitzlichter“ auf unterschiedliche, symptomatische Erscheinungen von Film und Fernsehen zu werfen. Knut Hickethier benennt in seinem Beitrag vor allem die Desiderata der Geschichtsschreibung zu den Einzelmedien. Andreas Kötzing erinnert an den „Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen“. Heinz-B. Heller thematisiert Rezeptionsaspekte des internationalen Films im westdeutschen Kino. Francesco Bono sieht den westdeutschen Film aus italienischer Perspektive. Schenk beschreibt generelle Aspekte des Kinos der Zeit. Gerhard Lüdeker konzentriert sich auf die Filmtrilogie 08/15. Günter Agde analysiert Gerhard Kleins Filmarbeit am Beispiel BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER. Weitere Beiträge stammen von Jonas Wegerer (Rezeption des Western), Sarah Kordecki (Rundfunkmedien im Heimatfilm), Stefanie Mathilde Frank (Remakes), Wolfgang Mühl-Benninghaus (Deutsch-deutsche Unterhaltung in der Nachkriegszeit), Peter Hoff (DDR-Fernsehunterhaltung) und Matthias Steinle (Geschichtsbilder im Kalten Krieg). Am Ende: eine sehr brauchbare Literaturliste zu den Medien der 1950er Jahre. Mehr zur Zeitschrift: medien-der-1950er-jahre-brd-und-ddr.html

Die Reise

Die Reise ist ein beliebtes Motiv des Films in allen Jahrzehnten. Ob zum Mond, nach Tilsit oder Tokio, nach Wien oder Sundevit – die Kinobesucher lassen sich mitnehmen. Mehr als neunzig Reise-Filme nennt das „Lexikon des Internationalen Films“ unter dem Buchstaben R. Marie-Therese Mäder untersucht in ihrer Dissertation einen speziellen Aspekt: die Suche nach Orientierung, genauer: nach kultureller und religiöser Identität. Sechs Filme aus den Jahren 2001-07 werden von ihr analysiert: Bei LE GRAND VOYAGE (2004) von Ismael Ferroukhi und BAB’AZIZ – LE PRINCE QUI CONTEMPLAIT SON AME (2007) von Nacer Khemir geht es um Reisen innerhalb religiöser Traditionen, AUF DER ANDEREN SEITE (2007) von Fatih Akin und Y TU MIMÁ TAMBIÉN (2001) von Alfonso Cuarón schildern die Reise als Neuanfang bzw. letzte Reise, SCHULTZE GETS THE BLUES (2003) von Michael Schorr und LITTLE MISS SUNSHINE (2006) von Jonathan Dyton und Valerie Faris erzählen von Reisen als tragikomischer Sinnsuche. Die Autorin untersucht Transformationsprozesse, beginnt bei den Pilgerreisen und endet beim Tourismus. Das Verhältnis von Raum und Zeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Dissertation wurde 2012 mit dem Jahrespreis der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet. Mehr zum Buch: die-reise-als-suche-nach-orientierung.html.

Edgar Reitz 80

Heute wird der deutsche Regisseur Edgar Reitz achtzig Jahre alt. Zunächst einmal assoziieren wir: HEIMAT. Die elf Teile der ersten Chronik aus den Jahren 1981-1984 waren ein fernseh-historisches Ereignis und machten den fiktiven Ort Schabbach berühmt. DIE ZWEITE HEIMAT (13 Teile), entstanden 1988 bis 1991, blickte zurück auf die 1960er Jahre in der Bundesrepublik, speziell in München. HEIMAT 3, gedreht 2002/2003, war eine Reminiszenz an die 1990er Jahre im geeinten Deutschland. Nun warten wir auf DIE ANDERE HEIMAT. Aber es ist auch an den jungen Filmregisseur Reitz zu erinnern, an MAHLZEITEN (1966), DIE REISE NACH WIEN (1973) und STUNDE NULL (1976/77). Auch hier sind authentische Geschichten mit konkreten Orten verbunden und Reitz hatte – trotz seiner engen Zusammenarbeit mit Alexander Kluge – eine ganz eigene Handschrift. Demnächst wird er im neuen Heft der Film-Konzepte gewürdigt, und am 15. November findet im Schloss Bellevue ein HEIMAT-Abend des Bundespräsidenten statt. Mehr über Edgar Reitz: www.edgar-reitz.com/biografie.html

Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms

François Niney, Philosoph, Filmkritiker, Hochschullehrer an der Sorbonne Nouvelle, Dozent an der Femisund Dokumentarfilmregisseur, ist in Deutschland kaum bekannt. Da macht es Sinn, ihm eine Plattform für die Reflexion über dokumentarische Filmarbeit zu bieten. Heinz-B. Heller und Matthias Steinle sind die Herausgeber eines Buches, das durchaus mehr ist als ein traditionelles Q&A-Spiel. Niney, mit der Geschichte des amerikanischen und des französischen Dokumentarfilms sehr vertraut, nutzt fünfzig Fragen für ein umfassendes Panorama einer fast puristischen Dokumentarfilmphilosophie. Es sind kluge und originelle Fragen darunter (Welche Beziehung besteht zwischen vergehender Zeit und gefilmter Zeit? Was heißt Modulation? Haben die Bilder eine Rückseite? Was sagen die Tiere dazu?). Die Stärke des Buches: generelle Abgrenzungen, Definitionen, Vertiefungen. Seine Schwäche: Niney weiß zu wenig von der deutschen Dokumentarfilmgeschichte, und seine pauschale Kritik am Fernsehen hat mit unserer Realität der vergangenen fünfzig Jahre wenig zu tun. Das wird an den Nachfragen von Heller und Steinle (statt eines Epilogs) deutlich. Mehr zum Buch: die-wirklichkeit-des-dokumentarfilms.html

Steven Spielberg

Vor dreißig Jahren kam sein Film E.T. in die Kinos, und der Erfolg hatte eine fast außerirdische Dimension. Es war ein poetischer, visionärer Film. Steven Spielberg (*1946) hatte in den 1980er und 90er Jahren seine beste Zeit als Regisseur in sehr verschiedenen Genres, und spätestens seit SCHINDLER’S LIST (1993) wurde er auch von der Kritik anerkannt. Im Dezember kommt sein neuester (28.) Film ins Kino: LINCOLN, ein Historiendrama. Der Filmpublizist Richard Schickel hat jetzt ein schönes und bilderreiches Buch über Spielberg veröffentlicht, in dem die Kreativität dieses großen Regisseurs gewürdigt wird. Es ist keine Biografie (Spielbergs Privatleben wird weitgehend ausgespart), sondern die kenntnisreiche Passage durch ein Lebenswerk. In den brillanten Farbfotos werden viele persönliche Erinnerungen an die Filme lebendig. Zitate aus Spielberg-Gesprächen mit Schickel liefern Produktionshintergründe und konkretisieren den Text. 1985 habe ich zusammen mit Antje Goldau ein Buch über Spielberg publiziert. Er hatte damals gerade mal sieben Filme gedreht. Hier ist das Vorwort: steven-spielberg/. Wie schön, dass es jetzt ein neues Buch gibt, das der Bedeutung des Regisseurs gerecht wird. Spielberg selbst hat ein Vorwort geschrieben. Mehr zum Buch: steven-spielberg/index.html

James Bond Archiv

Am kommenden Donnerstag kommt der neue James Bond-Film SKYFALL in unsere Kinos. Und weil die Titelfigur inzwischen auf ein fünfzig-jähriges Filmleben zurückblickt, wird dies ausgiebig gefeiert, zum Beispiel mit speziellen Publikationen. An Gewicht und Volumen nicht zu übertreffen ist der bei Taschen erschienene Band „The James Bond Archives“: 600 Seiten im Format 41 x 30 cm. Nach Bergman, Kubrick und Almodóvar steht diesmal nicht ein Regisseur im Mittelpunkt, sondern ein Genre. 23 Bond-Filme gibt es inzwischen. Der Herausgeber Paul Duncan hat die Archive der Produktionsfirma EON durchforstet, mehr als 1.000 Fotos ausgewählt und mit Dokumenten verbunden, die bisher unveröffentlicht waren: Aktennotizen, Alternativentwürfe, Storyboards, Modelle. Duncan konnte mit Regisseuren, Schauspielern, Scriptautoren, Ausstattern, Tricktechnikern und Stuntmen sprechen. Ein klassisches Stück Oral-History, die von DR. NO (1962) bis SKYFALL (2012) reicht. Englische Originalausgabe mit deutscher Übersetzung in einem Beiheft. Mehr zum Buch: james_bond_archiv.htm