Paul Czinner

2013.CzinnerEr stand meist im Schatten seiner Frau, der Schauspielerin Elisabeth Bergner. So ist es konsequent, dass sie auch auf dem Titel dieser Bro-schüre über den Produzenten und Regisseur Paul Czinner (1890-1972) abgebildet ist. Von 1924 bis 1932 haben Czinner und Bergner in Berlin sieben Filme gedreht, dann gingen sie ins Exil nach London, wo sie weitere fünf Filme machen konnten. Ab 1940 lebten sie in den USA, arbeiteten zusammen für Bühnen in New York, kehrten 1950 nach England zurück. In der Folgezeit dokumentierte Czinner (ohne Bergner) Opern- und Ballettaufführungen in London und Salzburg. Die Synema-Publikation (Redaktion: Michael Omasta und Brigitte Mayr) ist eine schöne Hommage an Czinner, der aus Wien stammt. Sie enthält eine gut recherchierte biografische Skizze, einen klugen Essay von Olaf Möller über Czinners Filme, eine Filmographie und Texte von Czinner über Arthur Schnitzler, Karl Kraus, das Medium Film und seine Frau Elisabeth Bergner. DER GEIGER VON FLORENZ (1926), DONA JUANA (1928) und FRÄULEIN ELSE (1929) gehören für mich zu den wichtigen Stummfilmen der Weimarer Republik. Mehr über das Heft demnächst auf der neuen Website von Synema: www.synema.at/

Michael Moore

Bild 2Der Amerikaner Michael Moore (*1954) ist der international wohl bekannteste Dokumentar-filmmacher. ROGER & ME (1989), BOWLING FOR COLOMBINE (2002), FAHRENHEIT 9/11 (2004) und CAPITALISM: A LOVE STORY (2009) haben in den Kinos Furore gemacht, weil sie ihre politisch und gesellschaftlich wichtigen Themen mit dem Einsatz persönlicher Stilmittel dargestellt haben. Man kann da durchaus von einer eigenständigen Methode sprechen. Daniel Alles hat sie in seiner Mainzer Dissertation analytisch untersucht und in den Zusammenhang der Dokumentarfilmgeschichte gestellt. So genau und sorgfältig ist das bisher nicht geschehen. Es sind vor allem vier Kapitel, die uns die Mittel von Moore deutlich machen: „Rhetorik im Spannungsfeld von Biografie und Performance“, „Konstruktion und Beobachtung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“, „Montage und Dramaturgie“, „Humor“. Der Autor Alles tritt dabei nicht als Verteidiger dieser Mittel, sondern als ihr analytischer Vermittler auf. Er verirrt sich nie in einem definitorischen Labyrinth, sondern beschreibt sehr genau, was in den Filmen zu sehen und zu hören ist. Ich gestehe, dass mir Frederick Wiseman als Dokumentarist weiterhin sehr viel näher steht als Michael Moore. Aber ich habe aus diesem gut lesbaren Buch einiges gelernt. Mehr dazu: aspx?product=19747

California Trilogy

Bild 1James Benning (*1942) macht seit 1971 dokumentarische Avantgardefilme. Er ist ein extremer Individualist, gelernter Mathematiker, immer sein eigener Kameramann, dreht in langen, statischen Einstellungen, ohne Kommentar. Sein Werk wird vom Österreichischen Filmmuseum archiviert. Jahrelang hat sich Benning gegen die Verbreitung seiner Filme als DVD gewehrt, jetzt ist er zur Digitalisierung bekehrt geworden. Die CALIFORNIA TRILOGY (1999-2001), gedreht in 16mm/Farbe, besteht aus drei jeweils 87 Minuten langen Filmen. Der erste, EL VALLEY CENTRO, dokumentiert die landwirtschaftliche Massenproduktion im Great Central Valley, der zweite, LOS, zeigt soziale Interaktionen im Großraum Los Angeles, der dritte, SOGOBIL, ist ein Porträt der kalifornischen Wildnis. Jeder Film ist exakt 87 Minuten lang und besteht aus jeweils 35 festen Einstellungen von zweieinhalb Minuten Länge. Einerseits sehen wir Landschaften und Flächen, andererseits werden räumliche Perspektiven geöffnet und Eingriffe der Menschen in die Natur dokumentiert. Zwischen den drei Filmen gibt es erkennbare Unterschiede in den Bildmotiven, im Umgang mit Horizontale und Vertikale, in der Akzentuierung sozialer Interaktionen. Musik wird erst im Nachspann eingesetzt, die Bilder sind ganz puristisch mit Originalton unterlegt. Bennings Filme fordern vom Zuschauer Geduld, genaues Hinschauen, aktive Neugier. Mehr zur DVD: California-Trilogy.html

Hanns Zischlers Berlin

2013.ZischlerHanns Zischler (*1947) ist Schauspieler, Autor, Übersetzer und Fotograf. Er weiß viel über Architektur, über deutsche Geschichte und über die Stadt Berlin, auch wenn er in Ingolstadt geboren wurde. Und er hat die große Begabung, uns seine Beobachtungen und Gedanken auf Umwegen zu vermitteln. Seine Texte haben eine assoziative Dramaturgie. Sie werden immer wieder von Zitaten unterbrochen, sind mit Bildern verknüpft, mit historischen Dokumenten und aktuellen Fotos. Man muss sie wie ein Puzzle im Kopf zusammenfügen. Elf Kapitel bilden so etwas wie eine Struktur. Das erste handelt vom Teufelsberg, der bekanntlich ein Trümmerberg ist und aufs engste mit der Nachkriegsgeschichte verbunden. Das letzte und für mich schönste ist eine Fahrt mit dem Bus 104 vom Brixplatz im Westend (Charlottenburg) zur Tunnelstraße in Stralau (Treptow). Das sind 59 Stationen, und Zischler macht daraus eine Zeitreise durch die Stadtgeschichte, wie man sie so noch nie gelesen hat. Im längsten Kapitel („Straßenzusammenstöße“) geht es um Berliner Plätze, Gärten und Parke, um ihre Pflege, ihre Veränderungen, ihren aktuellen Zustand, zum Beispiel: Ludwigkirchplatz (positiver Befund), Olivaer Platz (negativer Befund). Der Walter-Benjamin-Platz kommt in der Bewertung überraschend gut weg. Dem Lebenskünstler Oskar Huth und der Dichterin Gertrud Kolmar werden kleine Denkmale gesetzt. Und fürs Tempelhofer Feld wünscht sich Zischler den damals nicht gebauten Turm des russischen Künstlers Wladimir Tatlin aus dem Jahr 1920, 400 Meter hoch. Eine Computersimulation macht ihn sichtbar. So vermittelt dieses wunderbare Buch auch persönliche Visionen. Mehr Informationen: berlin-ist-zu-gross-fuer-berlin.html

Hollywood Unseen

2013.Hollywood UnseenHumphrey Bogart auf dem Fahrrad, Elizabeth Taylor mit Schminkstift vor dem Spiegel, Marlene Dietrich im Herrenjackett, mit Zigarette am Swimming-pool, Burt Lancaster und Paul Newman beim Tennis-spiel. Was auf den ersten Blick nach Schnappschuss aus dem Privatleben aussieht, gehörte in Wahrheit zur harten Publicityarbeit der Hollywoodstudios, der sich kein Schauspieler entziehen konnte. Und so gibt es in den Fotoarchiven nicht nur die Standfotos ausgewählter Filmszenen, sondern auch die Starfotos hinter den Kulissen. Der Bildband „Hollywood Unseen“ präsentiert eine große Auswahl vornehmlich aus den 1930er bis 50er Jahren. Sie stammen aus dem Archiv der John Kobal Collection. Robert Dance beschreibt in einem Essay sehr anschaulich die Arbeit der Publicityfotografen, die vor allem für die Fan-Magazine tätig waren. Ein persönliches Vorwort stammt von Joan Collins. Die Druckqualität – es handelt sich fast ausschließlich um Schwarzweißfotos – ist bemerkenswert. Vom Genre her haben wir es hier mit einem klassischen Coffee Table Book zu tun. Mehr zum Buch: 427707.rhd?mid=5

Sirens & Sinners

2013.Sirens & SinnersBei Thames & Hudson in London und New York ist jetzt die englische Ausgabe meines Buches „Licht und Schatten. Die großen Stumm- und Tonfilme der Weimarer Republik“ (deutsch im vergangenen Herbst bei Schirmer/Mosel, München) mit dem Titel „Sirens & Sinners“ erschienen. Umschlagfoto: Aud Egede Nissen in dem Film DIE STRASSE (1923) von Karl Grune. David H. Wilson hat die Texte übersetzt, gedruckt wurde in hoher Qualität in Italien. Als Autor und Herausgeber muss man sich an die neue Publikation erst heran-arbeiten. Schirmer/Mosel hat ja wirklich Maßstäbe gesetzt. Das Titelbild der deutschen Ausgabe aus Fritz Langs M (1931) mit Inge Landgut und dem Schatten von Peter Lorre hat für mich eine paradig-matische Bedeutung, da hat es jede Alternative schwer. Auch auf der Rückseite – deutsche Ausgabe: Franz Lederer im Schoß von Louise Brooks (DIE BÜCHSE DER PANDORA) – hat eine Veränderung stattgefunden. Hier erlebt jetzt Werner Krauss seinen montierten Albtraum in GEHEIMNISSE EINER SEELE. In die englischen Texte lese ich mich zurzeit hinein. Sie sind mir noch fremd. Fehler habe ich noch nicht entdeckt. Es ist natürlich ein sehr schönes Gefühl, dieses Buch in der Hand zu halten und zu wissen, dass nun auch die Filmfreunde in Amerika und England meine Arbeit zur Kenntnis nehmen können. Mehr über das Buch: Sinners/9780500516898

Lotte Reiniger

2013.ReinigerSie war eine Pionierin des Animationsfilms. Ihr Metier: der Silhouettenfilm. Lotte Reiniger (1899-1981) kam über Paul Wegener in die Filmbranche, ihre große Zeit waren die 1920er Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Carl Koch (der vor allem für die Technik zuständig war) realisierte sie ihren ersten Märchenfilm, ASCHEN-PUTTEL. Drei Jahre dauerte dann die Produktion des abendfüllenden Silhouetten-films DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED , der zu ihrem bekanntesten Werk wurde. Die NS-Zeit verbrachte Lotte Reiniger großenteils in der Emigration, in den Fünfzigern arbeitete sie für die BBC, nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie nach Deutschland zurück und starb 82jährig in Tübingen. Der 60minütige Dokumentarfilm von Susanne Marschall, Rada Bieberstein und Kurt Schneider erzählt das Leben der Künstlerin, zeigt ihre speziellen gestalterischen Fertigkeiten, verbunden mit vielen Filmausschnitten. Die schöne Hommage an Lotte Reiniger ist jetzt als DVD verfügbar. Mehr dazu: list_item=53

Michael Haneke

2013.Du.HanekeVor einem Jahr hatte Michael Hanekes AMOUR in Cannes Premiere und startete seinen Siegeszug durch das Weltkino. Jetzt widmet die Schweizer Zeitschrift Du dem österreichi-schen Regisseur ein interessantes Themenheft. Die Reporterin Daniele Muscionico beschreibt fast sarkastisch die Stimmungs-ambivalenzen, denen ein Journalist in einem Haneke-Interview ausgesetzt ist. Die Münchner Filmkritikerin Martina Knoben und der Wiener Kritiker Stefan Grissemann haben sich noch einmal alle Haneke-Filme angeschaut, sie die Kinofilme, er die Fernsehfilme. Zwei Texte mit Blick für inhaltliche und ästhetische Zusammenhänge. Über jeweils einen Film schreiben die Schriftstellerinnen Terézia Mora (CACHÈ) und Sibylle Berg (FUNNY GAMES) mit einer sehr persönlichen Haltung. Gerda Wurzenberger reflektiert über das österreichische Wesen des Regisseurs. Der Zürcher Operndramaturg Claus Spahn hat sich die Haneke-Inszenierung von „Cosi fan tutte“ in Madrid angeschaut. Und den Abschluss bildet ein Gespräch mit der Schauspielerin Isabelle Huppert. Wie immer bei Du sind die Fotos von besonderer Qualität. Das neue Heft fügt sich in die große Reihe der Regisseurs-Würdigungen dieser Zeitschrift, zuletzt galten sie Clint Eastwood (März 2012), Ang Lee (Februar 2006), Pedro Almodóvar (September 2002). Mehr: www.du-magazin.com/

Michael Ballhaus

2013.Ballhaus 2Der 30. Band der Film-Konzepte ist dem Kameramann Michael Ballhaus gewidmet. Die Herausgeberin Fabienne Liptay hat ein langes, inten-sives Gespräch mit ihm geführt, das am Ende des Bandes abgedruckt ist. Acht Texte umkreisen sein Werk und suchen spezielle Stilmerk-male. Der zentrale Essay stammt von Karl Prümm; mit großer Genauigkeit rekonstruiert er die Zusammenarbeit zwischen Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder bei insgesamt 17 Filmen zwischen 1970 und 1978, von WHITY bis zur EHE DER MARIA BRAUN. Hier werden Entwicklungen beschrieben, Erfindungen analysiert und die sehr speziellen Spannungen zwischen einem bildbesessenen Regisseur und einem eigenwilligen Kameramann thematisiert. Zwei Texte spezifizieren die Arbeit für RWF: der Kunsthistoriker Christian Drude interpretiert die klaustrophilen Bilder nach Klimt in DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, Susanne Marschall öffnet den Blick für die Bildvisionen in WELT AM DRAHT. Die Zusammenarbeit von Ballhaus mit Martin Scorsese beschreibt Matthias Bauer sehr konkret am Beispiel von drei Filmen. Ein kurzer Text über BRAM STOKER’S DRACULA stammt von dem Filmemacher Rudi Gaul. Drei Kameraleute – Stephan Vorbrugg & Diana Weilepp (beide sind Absolventen der Münchner HFF) und Rolf Coulange – haben jeweils ihre persönlichen Eindrücke von der Bilddramaturgie, der Bildersuche und den visuellen Konzepten von Ballhaus formuliert. Juliane Lorenz darf kurz für den physischen Erhalt des Filmerbes im digitalen Zeitalter werben. Nach dem Buch „Das fliegende Auge“ (Ballhaus im Gespräch mit Tom Tykwer, 2002, aktualisierte Neuausgabe 2011) hat es eine neue Ballhaus-Publikation natürlich schwer. Die Lektüre des 120-Seiten-Heftes ist sehr anregend und bringt auch neue Erkenntnisse. Mehr zur Publikation: neu_werke_default_film

Philosophie des Films

2013.Früchtl 2Ohne Philosophiestudium kann man diesem Buch nicht gerecht werden. Deshalb formuliere ich mit aller Vorsicht ein paar Gedanken, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen. Josef Früchtl (*1954), Professor für Philosophie und Kultur an der Universität Amsterdam, rekapituliert die auch von Gilles Deleuze vertretene These, dass das Medium Film auf der Basis des Neorealismus, der Nouvelle Vague und des westdeutschen Autorenfilms dafür gesorgt hat, den Menschen im ontologischen und existentiellen Sinne Vertrauen in das Funktionieren der Welt zurückzugeben. Im Zentrum des Buches steht dann der Versuch, die Vertrauensthese von Deleuze zu befreien und ihr mit dem Denken anderer Philosophen zu einer eigenständigen, weniger metaphysischen Bedeutung zu verhelfen. Dafür holt sich Früchtl Unterstützung bei Jean-Luc Nancy, Walter Benjamin, Georg Simmel, Immanuel Kant, Hans Ulrich Gumbrecht, Stanley Cavell und einem Dutzend anderer Kollegen. Die neun Kapitel – meist aus Vorträgen destilliert – bauen ein kompliziertes Konstrukt aus Definition, Abgrenzung und neuer Hypothese. Der Film selbst spielt dabei zwar eine existentielle, aber nur in wenigen Momenten eine konkrete Rolle. Seinen Einstieg findet Früchtl mit der Schlussszene des Antonioni-Films BLOW UP, die als Einladung zum Vertrauen interpretiert wird. Ein kleines Kapitel ist dem Film FIGHT CLUB von David Fincher gewidmet. Da geht es um den „Kampf des Ich mit und gegen sich selbst.“ Als dritter Film wird im siebten Kapitel FLAGS OF OUR FATHERS von Clint Eastwood auf das Heldenbild hin untersucht. Das ist mir, aufs Ganze gesehen, zu wenig Konkretisierung. Im Labyrinth der Philosophie hätten mir ein paar Brücken in die filmische Realität sehr geholfen. Aber wahrscheinlich bin ich die falsche Zielgruppe für diese Publikation. Und für ein Zweitstudium ist es leider ein bisschen zu spät. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5506-2.html