Cyd Charisse

2013.CharisseSie war einer der großen Stars des Musicals der 1950er Jahre. Cyd Charisse (1921-2008) tanzte sich als Partnerin von Gene Kelly (SINGIN’ IN THE RAIN, 1952, BRIGADOON, 1954) und Fred Astaire (THE BAND WAGON, 1953, SILK STOCKINGS, 1957) in die Herzen des Publikums. Das Berliner Arsenal widmet ihr in der ersten Aprilhälfte eine Werkschau mit sechs Filmen. Natürlich ist auch PARTY GIRL (1958) von Nicholas Ray dabei. Am wenigstens bekannt dürfte IT’S ALWAYS FAIR WEATHER (1955) von Stanley Donen  sein. Auch hier ist Gene Kelly ihr Partner. Ralf Schenk hat am vergangenen Donnerstag in der Berliner Zeitung eine Würdigung von Cyd Charisse publiziert, die leider nicht im Netz steht. Seine schöne Erinnerung: „Jene Szene aus SINGIN‘ IN THE RAIN“, in der erst ihr Fuß die Leinwand füllt, dann die Kamera an ihrem rechten Bein und ihrem Körper noch oben gleitet und an ihrer Nase halt macht, aus der ein kleines Rauchwölkchen entschwebt, ging in die Geschichte des Filmmusicals ein.“

Frohe Ostern

2013.Frohe Ostern

 

Frohe Ostern

wünschen

Hans Helmut Prinzler

und

Antje Goldau

Vier Texte von Alexander Sokurov

2013.Sokurov 1Seine Schriften haben einen eigenen, unverwechselbaren Stil, sie sind sehr subjektiv, hier und da auch philosophisch, gleichzeitig abstrakt und konkret. Vier Texte des russischen Regisseurs Alexander Sokurov (*1951) hat jetzt Hans-Joachim Schlegel in einem schmalen lesenswerten Buch bei Schirmer/Mosel publiziert und ihnen ein kluges Nachwort hinzugefügt. Sie spannen einen Bogen zwischen Japan und Sokurovs Heimat, sind elegische Mitteilungen, Momentaufnahmen, beschreiben Japan nicht als geografischen, sondern als „emotionalen Raum“. Besonders gut haben mir die Fragmente aus dem „Japanischen Tagebuch“ (1999) gefallen, die während der Vorbereitung und Drehzeit des Films DOLCE entstanden. Sie thematisieren zum Beispiel die Farbe, den Geruch und – sehr dramatisch – die Erlebnisse während eines Taifuns. Die Filmarbeit wird dabei immer wieder zum Ausgangspunkt genereller Überlegungen. Mehr zum Buch: Sokurov_Japan.pdf.

Vor 50 Jahren: THE BIRDS

Bild 1Heute vor fünfzig Jahren hatte der Film THE BIRDS von Alfred Hitchcock in New York Premiere. Die Kritiken waren eher zurück-haltend, die Stärken des Films wurden erst später erkannt. Schon damals hat mich sehr beeindruckt, wie erschreckend der Angriff der Krähen, Möwen und Spatzen auf die Menschen in der Bodega Bay im Norden von San Francisco wirkte. Anders als bei der Riesenspinne TARANTULA oder der deformierten FLIEGE in den 50er Jahren war der Horror der aggressiven Vögel realistischer, und Hitchcock hat alles getan, uns die Bedrohung emotional erlebbar zu machen. Mit Tippi Hedren und Rod Taylor spielten zwei relativ unbekannte Darsteller die Hauptrollen, die zwischen ihnen beginnende Liebesgeschichte wird eher ironisch erzählt, bis die erste Seemöwe angreift. Dann geht es Schlag auf Schlag bis zum offen bleibenden Ende. Man weiß inzwischen viel über die von Ray Berwick dressierten Vögel des Films, die komplizierten Tricks, die elektronische Geräuschkulisse von Remi Gassmann und Oskar Sala, die aufwendige Montage. Kolportiert wird das Zitat von Hitchcock: „Die einzigen Stars in diesem Film sind die Vögel und ich selbst.“ Es wurde sein letzter „großer“ Film. Simon Broll hat auf spiegel.online ausführlich über die Dreharbeiten berichtet: alfred-hitchcocks-die-voegel.html

Über das gegenwärtige deutsche Kino

2013.CookeFür das internationale Ansehen des deutschen Films ist es nützlich, wenn im Ausland mit Sachverstand und Zuneigung über ihn geschrieben wird. Auch wenn der Effekt solcher Publikationen begrenzt ist, sollten wir sie mit Sympathie zur Kenntnis nehmen. Paul Cooke (*1969) ist Professor für German Cultural Studies an der University of Leeds. Sein Buch „Contemporary German Cinema“ erschien im vergangenen Jahr und ist eine komprimierte und sehr informative Zustandsbeschrei-bung. Im Mittelpunkt steht dabei der Film der Nuller Jahre. Cooke strukturiert sein Thema in sieben Kapitel. Zunächst klärt er die ja nicht leicht zu vermittelnden Finanzierungsfragen mit den speziellen Förderungseffekten in der Bundesrepublik. Dann geht es um die unterschiedlichen Abbildungen von Realität (Andreas Dresen und, als eine Art Gegenpol, die „Berliner Schule“). Natürlich ist ein umfangreiches Kapitel der Darstellung von deutscher Geschichte gewidmet (DER UNTERGANG, DAS LEBEN DER ANDEREN), das sich anschließend erweitert in den Themen politische Nachbarschaft (LICHTER) und multikulturelle Erfahrung (GEGEN DIE WAND). Als spezieller Aspekt wird das Thema Filme von Frauen (FREMDE HAUT, KIRSCHBLÜTEN) und über Frauen (DIE UNBERÜHRBARE) behandelt. Dann geht es um die Brücke nach Amerika (SCHULTZE GETS THE BLUES) und am Ende um neue Formen des Heimatfilms (WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOD, DAS WEISSE BAND). Cooke ist nicht nur sachkundig, er kommt auch zu differenzierten Urteilen. Das Titelbild stammt aus dem Film BERLIN CALLING von Hannes Stöhr. Die Druckqualität der rund 50 Abbildungen im Buch ist leider grenzwertig. Mehr zum Buch: 9780719076190

Hollywood in Deutschland

2013.GarncarzImmer wieder wird davon ausgegangen, dass es eine Dominanz des Hollywoodkinos in Deutschland schon in den 1920er Jahren gab, die sich in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik fortgesetzt hat und Dank der Blockbuster bis in die Gegenwart anhält. Joseph Garncarz (*1957) hat in seiner Kölner Habilitationsschrift systematisch die Publikums-interessen ab 1925 erforscht und dabei festgestellt, dass erst in den 1970er Jahren eine Präferenz des amerikanischen Films in der internationalen Kinokultur nachweisbar ist. In den 50er Jahren kamen die Kassenhits noch überwiegend aus der BRD, in den Sechzigern aus den europäischen Nachbarländern. Die Kino-Erfolgranglisten, die im Anhang abgedruckt sind, belegen die Thesen von Garncarz nachdrücklich. Natürlich hat das vor allem mit der Abwanderung großer Zuschauermengen zum Fernsehen und mit dem Generationswechsel beim Kinopublikum zu tun. Erst seit dem Inkrafttreten des Filmförderungsgesetzes 1968 gibt es im Übrigen verlässliche Daten über Besucherzahlen, die Recherchen von Garncarz für die Zeit davor waren mühsam und aufwendig. Sie sind in der Konsequenz aufschlussreich, führen aber nicht zu einer generellen Neubewertung der Filmgeschichte. Mehr zum Buch: buecher_H_658_1/

VIEHJUD LEVI (1998)

2013.Viehjud LeviAusgelöst durch den Fernsehfilm UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER wird in diesen Tagen viel über die Traumatisierung der Deutschen durch die Nazi-Verbrechen gesprochen. Da sind Hinweise auf frühere Filme angebracht. Der Schriftsteller Thomas Strittmatter war zwanzig Jahre alt, als er das Theaterstück „Viehjud Levi“ schrieb, das 1982 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Der Autor starb 1995. Didi Danquart hat das Stück 1998 verfilmt. Erzählt wird die Geschichte eines Viehhändlers im Schwarzwald, der 1933 die ideologischen Veränderungen existentiell zu spüren bekommt. Angeführt von einem Berliner Ingenieur repariert ein Bautrupp einen eingestürzten Eisenbahntunnel und bringt bei den Bewohnern eines entlegenen Tals irrationale Sympathien für den Nationalsozialismus zum Vorschein. Levi wird die Zielscheibe rassistischer Angriffe und kann nur mit Hilfe einer engagierten Bauerntochter sein Leben retten. Von Danquart subtil inszeniert, von Bruno Cathomas, Caroline Ebner, Ulrich Noethen und Martina Gedeck eindrucksvoll gespielt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films publiziert worden. Da wird auch noch einmal klar, dass uns mit Strittmatter ein hochbegabter Autor früh verloren gegangen ist. Mehr zur DVD: thema&list_item=53.

Gespräche über Dokumentarfilm

2013.Subjektiv_SprechenIm Winter 2010/2011 haben sich in München die Pinakothek der Moderne und die Hochschule für Fernsehen und Film für eine Veranstaltungsreihe zusammengetan. Heiner Stadler (*1948, Leiter der HFF-Dokumentarfilm-abteilung) und Bernhard Schwenk (*1960, Kurator für Gegenwartskunst der PdM) diskutierten an sieben Abenden mit jeweils einer Studentin / einem Studenten und einem arrivierten Gast aus der Filmszene. Thema: was leistet der Dokumentarfilm, der Blick auf die Wirklichkeit, in unserer Zeit? Bei Doris Dörrie und Jan Gassman ging es um die Frage „Wen interessiert schon Alltag?“. Hans-Christian Schmid und Andy Wolff beschäftigte die Überlegung „Ist der Spielfilm der bessere Dokumentarfilm?“. Michael Ballhaus und Noemi Schneider fragten sich „Wo bleibt im Dokumentarfilm die Kunst?“. Ulrich Seidl und Leonie Stade diskutierten über „Grenzüberschreitungen im Dokumentarfilm“. Dominik Graf und Fatima Abdollahyan thematisierten das Problem „Kann man Leben recherchieren?“. Christian Jankowski und Alexander Hick fanden sich mit der Frage konfrontiert „Braucht die bildende Kunst das Dokumentarische?“. Und Jochen Kuhn sprach mit Ali Zojaji über die These „Blockiert Theorie die Arbeit am Film?“. Stadler und Schwenk fungierten als moderierende, aber meinungsfreudige Gesprächsteilnehmer, und auch das Publikum kam zu Wort. Die Gäste gaben mit ihrer Erfahrung den Gesprächen ein Zentrum. Interessanter Lesestoff, die Präsentation wirkt etwas selbstverliebt. Mehr zum Buch: werke_default_film.

Käutner-Preis für Christian Petzold

2013.Petzold 2Alle drei Jahre wird in Düsseldorf der Helmut-Käutner-Preis verliehen. Er ist mit 10.00 € dotiert und zeichnet Persön-lichkeiten aus, die „durch ihr Schaffen die Entwicklung der deutschen Filmkultur nachdrücklich unterstützt und beeinflusst, ihr Verständnis gefördert und zu ihrer Anerkennung beigetragen haben.“ Heute erhält der Regisseur Christian Petzold (*1960) den Preis. Und das ist eine sehr kluge Entscheidung der Jury, denn Christian ist einer der großen Kreativen des aktuellen deutschen Films und fühlt sich Käutner sehr verbunden. Für den Film AUGE IN AUGE (2008) hatte er sich als Pate den Käutner-Film UNTER DEN BRÜCKEN (1944/45) ausgesucht, der für ihn ein „Desertationfilm“ ist, also ein Film, der sich dem Krieg verweigerte. Und die Szene, in der Carl Raddatz Hannelore Schroth die Locke aus dem Gesicht pustet, ist für Petzold eine der großen Liebesszenen des deutschen Films. Katja Nicodemus, die Filmredakteurin der Zeit,  wird heute die Laudatio auf Christian halten. Und ich gratuliere ihm von Herzen. Mehr zum Preis: helmut-kaeutner-preis/index.shtml.

Textualität des Films

2013.TextualitätEine neue Schriftenreihe: „Zur Textualität des Films“. Sie wird herausgegeben von John Bateman, Heinz-Peter Preußer und Sabine Schlickers vom Bremer Institut für transmediale Textualitätsforschung. Der zweite Band über „Hybride Räume“ erschien im Herbst 2012. Jetzt folgt der erste. Von den 15 Aufsätzen haben mich zwei besonders interessiert: eine Analyse des Films MENSCHEN AM SONNTAG (1929/30) von Heinz-Peter Preußer und ein Text von Thomas Althaus über Stillstand und Bewegung im deutschen Film der 1920er Jahre. Preußer arbeitet sehr konkret die visuellen Qualitäten des Films von Robert Siodmak und Edgar Ulmer heraus, erkennt Blick- und Raumkonstellationen, interpretiert den besonderen Stellenwert der Strandfotografen-Sequenz und benennt die entscheidenden Kunstmittel des späten Stummfilms. Die permanenten Textualitätsbezüge sind dem wissenschaftlichen Anspruch des Autors geschuldet. Althaus stellt in seinem Aufsatz eine hilfreiche Brücke zur Entwicklung des Ausdruckstanzes her und benutzt fünf Schlüsselfilme des Jahrzehnts – CALIGARI, GOLEM, NOSFERATU, WACHSFIGURENKABINETT und METROPOLIS – mit Verweisen auf ihre Genrekonventionen, um seine Überlegungen zur Spezifik von Standbild und Bewegtbild zu formulieren, die auch ohne die semantischen Hypothesen nachvollziehbar sind. Mehr zum Buch: film-text-kultur.html.