Hans Wollenberg

2013.WollenbergEr war, wenn man dem Titelfoto glaubt, ein meinungsfreudiger Mann. Hans Wollenberg (1893-1952), ausgebildeter Jurist, Redakteur des Fachblattes Lichtbild-Bühne von 1920 bis 1923, Chefredakteur von 1927 bis 1933, leitete von 1934 bis 1938 die Wochenzeitschrift des Reichs-bundes jüdischer Frontsoldaten Der Schild, ging 1938 ins Exil nach Prag, lebte und arbeitete ab 1939 in Großbritannien, schrieb 1948 das Buch „Fifty Years of German Film“, war ab 1949 als Gast  zu Vorträgen in Deutschland und starb 1952 in London. Eine fast paradigmatische Exil-Biografie, die von Ulrich Döge in seinem einleitenden Essay („Kosmopolit des Films“) auf siebzig Seiten bestens recherchiert geschildert wird. 70 Filmkritiken und 28 Aufsätze sind in dem Band dokumentiert. Sie sind meinungsfreudig, aber vor allem sachlich und voller Respekt vor den Machern der Filme. Beispielhaft finde ich seine Texte über SCHERBEN (1921) von Lupu Pick, DER MÜDE TOD (1921) von Fritz Lang (mit dem Resumée: „Die ihr an die Zukunft des Kinos glaubt, seht euch dieses Lichtspiel an! Die ihr dem Kino mißtraut, seht es euch erst recht an – aber laßt alle Bühnen-weisheit, laßt die Hamburgisch Dramaturgie  und den Laokoon hübsch zuhause. Denn ihr seid bei einer neuen Muse zu Gaste.“), DAS WEIB DES PHARAO (1922) von Ernst Lubitsch, DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT (1928) von Kurt Bernhardt und ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930) von Lewis Milestone. Und natürlich muss man seinen Aufsatz „Der Jude im Film“ aus dem Jahr 1927 lesen. Schön, dass die Reihe „Film & Schrift“, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen, mit ihrem 16. Band an Wollenberg erinnert. Mehr zum Buch: werke_default_film

Colin Firth

Bild 1In unseren Kinos ist gerade der Film GAMBIT (2012) von Michael Hoffman zu sehen. Colin Firth (*1960) spielt darin einen Kunstkurator, der seinen Boss, einen beses-senen Kunstsammler, in eine Falle locken will. Eine Krimikomödie, in der Firth nicht übermäßig gefordert ist. THE KING’S SPEECH (2010) bleibt der Höhepunkt in der bisherigen Karriere des Schauspielers. Er hat inzwischen so viele Anhänger, dass eine Biografie auf den Markt musste. Ihr Autor, Sandro Monetti, teilt uns viele Dinge aus dem Birth-Leben mit: wie er – oft in heftiger Konkurrenz mit Kollegen – zu seinen Filmrollen kam, wie er seine große Liebe Livia Giuggioli kennen lernte, wie er sich für indigene Völker einsetzt. Das muss man wirklich nicht alles wissen, und die Analyse der Filmrollen kommt dabei eher zu kurz. Da es offenbar ein Buch für die deutschen Fans ist, spart die Filmografie im Anhang die Originaltitel der Filme aus. Zwei farbige Bildteile: 16 Seiten Rollenfotos, 16 Seiten Privatfotos. Mehr zum Buch: colin-firth.html

Ennio Morricone

2013.MorriconeEr ist einer der bekann-testen, fleißigsten und vielseitigsten Filmkom-ponisten, auch wenn viele ihn aufs Genre des Italo-Western reduzie-ren. Für mehr als 500 Filme hat Ennio Morricone (*1928) die Musik geschrieben, darunter waren PRIMA DELLA REVOLUZIO-NE (1964) von Bernardo Bertolucci, TEOREMA (1968) von Pier Paolo Pasolini und natürlich C’ERA UNA VOLTA IL WEST (1968) von Sergio Leone. Zuletzt stand er im Nachspann von LA MIGLIORE OFFERTA (2013) von Giuseppe Tornatore. Jetzt ist ein prachtvoll aussehendes „earbook“ über Morricone erschienen. Es enthält als Hauptattraktion vier CDs mit 55 Musikstücken, darunter sind natürlich alle bekannten Titel. Das Buch hat zwei große Kapitel, zunächst eine Werkanalyse von Sergio Miceli, die – dreisprachig (englisch, italienisch, deutsch)  – von Fotos, Plakatabbildungen und Kontaktbögen dominiert wird. Für den Text bleibt da nicht allzu viel Raum, aber er ist auch in der Komprimierung informativ und lesenswert. Das zweite Kapitel ist eine Filmauswahl mit Fotos, Plakaten und filmografischen Daten als Erinnerungshilfe. Eine Liste der Preise für Morricone kulminiert im Ehren-Oscar 2007, eine Filmliste schließt sich an. Ein Buch also vor allem zum Hören. Mehr darüber: /ennio-morricone/

Marseille

2013.MarseilleEs ist Europas Kulturhauptstadt 2013 und eine Filmstadt in viel-fältiger Weise. Vor allem Kriminalfilme nutzten das Ambiente der französischen Hafenstadt: es sei an LE CERCLE ROUGE (1970) von Jean-Pierre Melville, FRENCH CONNECTION (1971 und 1975) von William Friedkin bzw. John Frankenheimer, BORSALINO (1970 und 1974) von Jacques Deray erinnert. Selbst Schimanski hat hier mal ermittelt (ZAHN UM ZAHN, 1985). Daniel Winkler, Romanist in Innsbruck, war schon 2007 Autor eines Marseille-Filmbuchs, das inzwischen vergriffen ist. Jetzt liegt eine überarbeitete und ergänzte Neuausgabe vor. Vier Kapitel bilden das Zentrum: Das provenzalische Marseille von Marcel Pagnol, das kriegerische Marseille von Paul Carpita, das populare Marseille von René Allio und das globale wie lokale Marseille von Robert Guédiguians. Die Analysen sind kenntnisreich und durch viele Quellenverweise abgesichert. Stilistisch bleiben ein paar Wünsche offen, mich nervt die häufige Verwendung des Wortes „Streifen“, wenn von Film die Rede ist. Der „Abspann“ enthält eine beeindruckende Marseille-Filmografie mit fast 400 Titeln. Das Titelbild stammt aus dem Film LA MARSEILLAISE (1938) von Jean Renoir. Mehr zum Buch: eine-metropole-im-filmischen-blick.html

Der Opernbesuch im Spielfilm

2013.Opernbesuch 2Im Wagner- und Verdi-Jahr ist dies ein schönes Thema. Sabine Sonntag, Regisseurin, Drama-turgin und Autorin in Hanno-ver, hat mit einer Dissertation über „Richard Wagner im Kino“ promoviert. Jetzt geht sie der Frage nach, welche Spielfilm-figuren aus welchen Motiven in die Oper gegangen sind, in welchen Genres dies besonders häufig vorkommt und welche Opern dabei bevorzugt werden. 250 Filme bezieht die Autorin in ihre Untersuchung ein, der älteste stammt aus dem Jahr 1913 (RICHARD WAGNER von William Wauer und Carl Froelich), die aktuellsten sind aus dem Jahr 2012: der „Tatort“ WEGWERF-MÄDCHEN, TO ROME WITH LOVE von Woody Allen, ANNA KARENINA von Joe Wright, QUARTETT von Dustin Hoffman. Zwölf Kapitel hat die Autorin gebildet und dabei entweder eine spezielle Oper bzw. einen Komponisten in den Mittelpunkt gestellt oder (mehrheitlich) die Opernbesuche in bestimmten Genres ausgemacht, dem Künstler-drama, der Comedy, der Literaturverfilmung, dem Kriminalfilm, dem Horrorfilm (vor allem die verschiedenen Versionen von PHANTOM OF THE OPERA), dem biographischen Künstlerfilm (Sänger / Komponisten) und dem Historienfilm. Eigene Kapitel sind den Besuchen von Verdis „La Traviata“, Wagner-Opern und Mozarts „Zauberflöte“ vorbehalten. Der Titel des Buches, „Einfach toll!“, ist natürlich ein Zitat aus PRETTY WOMAN, die Meinungsäußerung von Julia Roberts bei einem „Traviata“-Besuch. Die Qualitäten der Filme und die der jeweils besuchten Opernaufführungen werden von der Autorin oft sehr unterschiedlich bewertet. Man spürt: Sabine Sonntag kennt sich im Film und in der Oper gut aus. Das macht die Lektüre des Buches so lohnenswert. Mehr zum Buch: 18lnbb3vq3ld0vmo4

Béla Tarr

2013.Béla TarrDer ungarische Regisseur Béla Tarr (* 1955) hat von 1977 bis 2011 neun Filme gedreht, am bekanntesten sind wohl BETON-BEZIEHUNG (1982), SATANSTANGO (1994), DER MANN AUS LONDON (2007) und DAS TURINER PFERD (2011). Das kleine, gewichtige Buch des französischen Philosophen Jacques Rancière (*1940) ist eine beeindruckende Passage durch das Werk von Béla Tarr. „Er macht immer denselben Film, spricht immer von derselben Realität; nur dringt er immer tiefer in diese ein. Vom ersten bis zum letzten Film geht es immer um eine enttäuschte Hoffnung, um eine Reise, die am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt.“ Film für Film entfaltet Rancière die Tiefe der Geschichten, der Themen, des Stils dieses Regisseurs. Er analysiert den Umgang mit der Zeit, die Funktion der Familie, die Bedeutung des Regens, die Rolle der Betrüger, der Idioten, der Verrückten, die Schwarzweißfotografie, den Ton, die Offenheit des geschlossenen Kreises, die als Textur den Filmen zugrunde liegt. Es ist ein Essay, wie er nur aus der intimen Kenntnis der Filme heraus geschrieben werden kann. So bewundernswert wie das Werk des Regisseurs. Mehr zum Buch: bela-tarr-die-zeit-danach/

Wolfgang Theis 65

2013.Theis 2Er ist der Hüter des Fotoarchivs der Deutschen Kinemathek, und das seit 28 Jahren. Er weiß wie niemand sonst, welche Schätze sich dort befinden. Heute wird Wolfgang Theis 65 Jahre alt. Dazu gratuliere ich ihm als Archivar und als Menschen, den ich in all der Zeit sehr schätzen gelernt habe. Zuletzt haben wir bei meiner Münchner Ausstellung „Licht und Schatten“ zusammengearbeitet, und seine Ratschläge waren außerordentlich wichtig für mich. In den vergangenen Jahrzehnten hat er die Umzüge der Kinemathek von der Pommernallee in die Heerstraße und von der Heerstraße an den Potsdamer Platz mitorganisiert, er hat den Beginn der Digitalisierung erlebt, das Scannen gelernt und immer die Balance zwischen Bewahrung und Auswertung seiner Bestände im Auge gehabt. Eine gewisse Skepsis gehört zu seiner Grundhaltung. Er führt ein zweites Leben als Mitbegründer und Ausstellungskurator des Schwulen Museums, das 1987 eröffnet wurde, seit 1989 am Mehringdamm existierte und gerade in die Lützowstraße umgezogen ist. Viele interessante Ausstellungen des Museums (u.a. über Conrad Veidt, Gustaf Gründgens, Greta Garbo, Luchino Visconti, Zarah Leander, Pier Paolo Pasolini) wurden in Kooperation mit der Kinemathek veranstaltet und hatten immer ihren eigenen Stil, in dem Wolfgang Theis zu spüren war. Ich hoffe, dass er der Kinemathek auch über das Rentenalter hinaus verbunden bleibt. Natürlich bewundere ich an ihm noch eine spezielle Fähigkeit, die er als Koch erlernt hat: wie man professionell ein Spanferkel zerlegt. Das hat er einmal bei einem Kinematheksfest in Brodowin demonstriert. Herzlichen Glückwunsch!

Josef Meinrad

2013.MeinradEr war auf der Bühne und im Film die Inkarnation des Österreichers. Im vergangenen April wäre Josef Meinrad 100 Jahre alt geworden, 1996 ist er in Wien gestorben. Zwischen 1947 und 1964 hat er in 52 Filmen mitgewirkt, darunter waren DER PROZESS von G.W. Pabst, SISSI (alle drei Teile) von Ernst Marischka (er spielte den Major Böckl), DIE TRAPP-FAMILIE I und II von Wolfgang Liebeneiner (da war er Dr. Wasner, der Freund der Familie), FRÄULEIN CASANOVA von E. W. Emo als Partner von Gertrud Kückelmann und THE CARDINAL von Otto Preminger (seine Rolle: Kardinal Theodor Innitzer). Das Buch aus dem Mandelbaum Verlag ist eine schöne Hommage. In 17 Kapiteln wird in vielen Varianten, aber immer in Bewunderung an den Schauspieler erinnert. Persönliche Texte stammen von Lotte Tobisch-Labotyn, Dagmar Koller, Michael Heltau und Achim Benning. Karin Moser, Mitarbeiterin des Filmarchivs Austria, hat ein umfangreiches und sehr sachkundiges Kapitel über die Filmrollen von Meinrad beigesteuert: „Exzentrisch – wahrhaftig – österreichisch“. Das Titelfoto stammt aus dem Film 1. APRIL 2000, an den ich mich noch gut erinnere. Mehr zum Buch: www.mandelbaum.de/books/764/7455

Der DEKALOG von Krzystof Kieslowski

Bild 1DEKALOG war eine zehnteilige Fernsehserie des polnischen Regisseurs Krzystof Kieslowski aus den Jahren 1988/89, die in den europäischen Kinos einen erstaunlichen Erfolg hatte. Thema: die zehn Gebote. Besonders verstörend: Folge fünf, in der es eine siebeneinhalb-minütige Mord-Sequenz gibt. Jan Ulrich Hasecke (*1963) hat über den DEKALOG seine Magisterarbeit geschrieben. Sie kreist um die Fragen des Realismus, ausgehend von Siegfried Kracauer und André Bazin, fokussiert sie auf die Geschichte des polnischen Films, reflektiert das Werk von Kieslowski als „Kino der moralischen Unruhe“ und analysiert in einem eigenen Kapitel die Blickstrategien im DEKALOG. „Zehn Versuche über den DEKALOG“ stehen im Mittelpunkt der Arbeit, sie sind exzellente Interpretationen, in denen alle wichtigen Aspekte der Serie zur Sprache kommen. Der Anhang enthält eine Literaturliste, ein Glossar und Sequenzlisten, in denen es vorzugsweise um Blickachsen und um komprimierte Handlungsbeschreibungen geht. Kay Kirchmann hat ein Vorwort geschrieben, das Titelbild wurde von Bartosz Sasínski gestaltet. Mehr über das Buch: www.hasecke.eu/Dekalog/

Noriko Smiling

2013.NorikoBANSHUN (SPÄTER FRÜHLING/ LATE SPRING) ist ein Film von Yasujiro Ozu aus dem Jahr 1949. Er erzählt die Geschichte des verwitweten Professors Somiya (Chishu Ryu), der von seiner 27jährigen Tochter Noriko (Setsuko Hara) betreut wird, die sich bisher offenbar wenig Gedanken über ihre eigene Zukunft gemacht hat. Am Ende des Films verlässt sie den Vater und heiratet. Der englische Autor Adam Mars-Jones (*1954), Romancier und Essayist, hat sich mit einer kaum vorstellbaren Genauigkeit in den Ozu-Film hineingearbeitet und eine Analyse formuliert, die den Film in die Gegenwart holt. Es ist in keinem Moment eine wissenschaftliche Herangehensweise, sie ist subjektiv, beobachtend und wertend, die westliche Perspektive nicht verleugnend, sie ist beschreibend, fragend, sie geschieht in genauester Kenntnis des Films und auf der Basis unterschiedlicher DVD-Editionen. Mars-Jones zitiert Ozu-Experten (Donald Richie, Paul Schrader, Shigehiko Hasumi, Kristin Thompson, Noel Burch), er widerspricht ihnen, ergänzt sie, nutzt sie für eigene Erkenntnisse. Er charakterisiert das Personal vor allem mit Blick auf die Hauptfigur, Noriko, er hat eine Haltung zu ihrem eher passiven Vater, der aktiven Tante Masa, der emanzipierten Freundin Aya, dem Assistenten des Vaters, Hattori, Die Fahrradfahrt von Noriko und Hattori wird fast emphatisch beschrieben, der Besuch von Vater und Tochter im No-Theater den Ritualen zugeordnet. Es ließen sich noch viele andere Beschreibungen hervorheben. Das Buch enthält keine Abbildungen. Sie entstehen in unseren Köpfen. Ich bin begeistert. Mehr zum Buch: noriko-smiling/169