Imaginationen des Individuums

Eine Dissertation aus der Schweiz, nicht der Filmwissenschaft, sondern der Sozialgeschichte zuzuordnen. Interessanter Lesestoff für Anhänger der Figurenanalyse. Wenn man den zugrundegelegten Begriff des „Subjektmodells“ begriffen hat (der Autor verwendet darauf viel Mühe), dann hat es eine Logik, ihn als Schlüssel für Filmprotagonisten des klassischen Hollywoodkinos zu nutzen. 40 Filme aus den Jahren 1931 bis 1962, von LITTLE CAESAR bis TO KILL A MOCKINGBIRD, sind die Fallbeispiele für Stephan Durrer. Es sind vor allem Männer, deren Verhaltensweise analysiert wird. In vier großen Kapiteln werden jeweils fünf bis acht Filme in einen thematischen Zusammenhang gestellt: „Unbedingte Treue zu sich selbst“ (im Zentrum: MR. SMITH GOES TO WASHINGTON), „Existentielle Befreiung“ (ON THE WATERFRONT), „Zerfallende Souveränität“ (THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE), „Vergebliches Streben nach Freiheit“ (CITIZEN KANE). Ein separates Kapitel dazwischen: „Zur Selbstentwicklung von Hollywoods Heldinnen“ (GONE WITH THE WIND). Was mir gefällt, ist der genaue und konkrete Blick des Autors auf die Filme. Der Anhang ist informativ, die Abbildungen sind technisch akzeptabel und für die Argumentation hilfreich. Mehr über das Buch: www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20892-9.html

Kinder des Olymp

LES ENFANTS DU PARADIS (1943-45) von Marcel Carné, geschrieben von Jacques Prévert,  ist einer der Filme, die mich duch mein ganzes Leben begleiten, seit ich ihn 1956 zum ersten Mal gesehen habe. Das Leben als Theater – das Theater als Lebensbühne, und das alles in einem poetischen Schwebezustand mit großen Schauspielern. In der Cinémathèque Française ist zurzeit (und noch bis Mitte Januar) eine Ausstellung zu sehen, in der alles präsentiert wird, was von diesem Film überlebt hat. Gerhard Midding hat gestern in der Welt eine wunderbare Rezension darüber geschrieben (Die-Pantomime-spricht.html). Man möchte sofort nach Paris fahren und die Ausstellung besuchen.

Alles über Film

„Alles“ über Film auf 352 Seiten. Da muss sich ein Autor ziemlich kurz fassen und viel weglassen. Ronald Bergan ist Filmkritiker des englischen Guardian, hat Bücher über Eisenstein, Coppola und die Coen Brüder geschrieben, man kann ihn als kompetent ansehen. Seine Aufgabe: alles schnell auf den Punkt bringen. Gegliedert ist das Buch in sechs Kapitel. 1. „Die Geschichte des Films“, in Jahrzehnten periodisiert (50 Seiten). 2. „Wie ein Film entsteht“ (15 Seiten). 3. „Filmgenres“, 25 von Action bis Western (50 Seiten). 4. „Das internationale Kino“, 21 Länder und Erdteile, von Afrika bis Neuseeland (50 Seiten, drei über Deutschland, die USA werden ausgespart). 5. „100 Regisseure“, von Woody Allen bis William Wyler (75 Seiten); aus Deutschland: Fassbinder, Herzog, Lang, Lubitsch, Murnau, Ophüls, Pabst, Wenders. Konrad Wolf fehlt. 6. „Die 100 besten Filme“, chronologisch (90 Seiten); neun aus Deutschland: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, NOSFERATU, METROPOLIS, DER BLAUE ENGEL, OLYMPIA, AGUIRRE – DER ZORN GOTTES, DIE EHE DER MARIA BRAUN, PARIS TEXAS, HEIMAT. Kein Film aus der DDR. Schwierig: der Umgang mit den deutschen Titeln ausländischer Filme. Manchmal sind sie so blöd, dass man sie inzwischen vergessen hat. Dominant: rund 700 Abbildungen. Verpackt ist das Buch in einer Filmdose. Das definiert es als Geschenk. Mehr über das Buch: /alles_ueber_film-1773/.

Revisionen – Relektüren – Perspektiven

Kurios und spannend nennen die beiden Herausgeber dieses Tagungsbandes die jährlichen „Film- und Fernsehwissen-schaftlichen Kolloquien“ (FFK), die seit 25 Jahren ohne Trägerschaft durch den deutschsprachigen Raum ziehen und zugangsoffen angelegt sind: wer sich rechtzeitig anmeldet, darf reden. Der Sammelband des 23. Kolloquiums, das 2010 in Hildesheim stattfand, ist jetzt bei Schüren erschienen und offeriert 26 Texte. Ihre Themen repräsentieren das Kunterbunt der Medien- und Wissenschaftswelt, man liest sich hier und da fest, spürt neue Denkweisen und staunt über das breite Spektrum theoretischer Positionen. Ich greife mal fünf Aufsätze heraus, die mich besonders interessiert haben: Stephanie Großmann (Passau) schreibt über Naturkatatrophen im Film. Diana Kainz (ebenfalls Passau) rehabilitiert sehr eindrucksvoll die Effi-Briest-Verfilmung von Hermine Huntgeburth. Ulrike Kuch (Weimar) denkt über Motive im Film nach und konkretisiert das an Swimmingpools. Birgit Leitner (Jena) verbindet auf intelligente Weise „das Kleine Schwarze“, also ein Kleidungsstück, in den Filmen BREAKFAST AT TIFFANY’S (1961) von Blake Edwards und CLÉO DE 5 À 7 (1962) von Agnes Verda. Anke Steinborn (Weimar) schlägt eine originelle Brücke zwischen der Kitchen-Debate (1959) zwischen Nixon und Chruschtschow und dem Film FIGHT CLUB (1999) von David Fincher. Man muss sich klar machen: dies sind vor allem Profilierungstexte. Meine Sympathien haben dabei natürlich die hermeneutischen Analysen. Pirouetten auf wissenschaftlichem Definitionsparkett interessieren mich nicht. Mehr zum Buch: revisionen-relektueren-perspektiven.html.

Unter Vorbehalt

Morgen und übermorgen geht es im Berliner Zeughauskino sehr konzentriert um die sogenannten „Vorbehaltsfilme“, also Filme aus der NS-Zeit, die öffentlich nur mit Einführung und Diskussion gezeigt werden dürfen. In zwei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion werden die Hintergründe dargestellt. Christine von Wahlert, Geschäftsführerin der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) referiert über deren Geschichte und den Umgang mit Vorbehaltsfilmen. Ernst Szebedits, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die über die Rechte der meisten NS-Filme verfügt, spricht über den verantwortlichen Umgang mit diesem Erbe. Zusammen mit Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Historiker, wird morgen Abend über die Maßstäbe bei der Vorführung von Propagandafilmen diskutiert. Zwei Filme laufen als Beispiele: WUNSCHKONZERT (1940) von Eduard von Borsody und HEIMKEHR (1941) von Gustav Ucicky. Mehr zum Programm: unter_vorbehalt_2012_11_12.html

Was lehrt das Kino?

Eine seltsame Titelfrage, denn man geht doch nicht ins Kino wie in die Schule. Immerhin sind die meisten hier publizierten Texte durchaus lesenwert. Inhaltlich ist das Buch ein Remake. 2003 haben – auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung – ein Dutzend versierte Filmexperten einen Kanon zusammengestellt: 35 Filme, die man bis zum Abitur gesehen haben sollte. Alfred Holighaus hat 2005 bei Bertz + Fischer das entsprechende Buch herausgegeben (/filmkanon.html). Die neue Publikation reduziert die 35 Filme auf 24, es fehlen zum Beispiel Chaplin und THE GOLD RUSH (1925), John Ford und STAGECOACH (1939), Claude Lanzman und SHOAH (1985). Das wird aber nicht weiter begründet. Die Texte des neuen Buches – basierend auf zwei Ringvorlesungen der Freien Universität Berlin – sind insgesamt tiefgründiger und analytischer als im Kanon-Buch, das auch eine andere Zielgruppe hatte. Die Autorinnen und Autoren kommen vor allem aus der Germanistik, der Philosophie und der Amerikanistik. Die Filmprofession vertreten Wolfgang Jacobsen (über M), Thomas Koebner (RASHOMON), Bernhard Groß (LA STRADA), Andreas Kilb (DAS SÜSSE JENSEITS) und Hermann Kappelhoff (ALLES ÜBER MEINE MUTTER). Das Buch ist genau doppelt so umfangreich wie der Kanon-Band. Also: mehr Platz für Forschung und Lehre. Mehr über das Buch: neu_werke_default_film

Noch einmal: Ingmar Bergman

Zwei Monate nach der Bergman-Retrospektive der Berlinale, im April 2011, fand ein Symposium der Deutschen Kinemathek und des Einstein-Forums statt, in dem es um Lüge und Wahrheit im Werk des schwedischen Regisseurs ging. Die Beiträge – u.a. eine Untersuchung von Thomas Koebner über die Gespensterfurcht in ANSIKTET, eine psychoanalytische Interpretation von DET SJUNDE INSEGLET von Claudia Frank, eine bedenkenswerte Sicht von Mirjam Schaub auf AUS DEM LEBEN DER MARIONETTEN, ein religionswissenschaft-licher Blick auf Bergmans Mittelalter-Filme von Christian Kiening – liegen jetzt gedruckt vor; sie vermitteln in einem interdisziplinären Spektrum subjektive Erkenntnisprozesse und sind sehr lesenswert. Unmittelbar zu Bergman führt ein Text des Kurators des IB-Archivs Jan Holmberg, der die autobiografischen Schriften erschließt. Am Ende kommt der Regisseur mit eigenen Texten zu Wort, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Zur Vervollständigung des Bergman-Bestandes unabdingbar. Mehr zum Buch: wahreluegen.html.

Duisburg / Cottbus

In Duisburg wird heute die 36. Filmwoche eröffnet. Im Mittelpunkt steht wieder der lange deutschsprachige Dokumentarfilm. 26 Titel stehen auf dem Programm. „Räume“ ist das Leitthema in diesem Jahr. Parallel findet das Kinder- und Jugenddokumentarfilmfestival „doxs! Kino“ statt. Sechs Filme aus dem Duisburger Programm werden in diesen Tagen auf 3sat ausgestrahlt. Und am Samstag findet die Preisverleihung statt. Mehr zum Programm der Filmwoche: /programm.html.

In Cottbus wird morgen das 22. Festival des osteuropäischen Films eröffnet. Im Spielfilmwettbewerb konkurrieren zehn Titel. Außerdem gibt es einen Wettbewerb der Kurzfilme und der Jugendfilme, Specials, Nationale Hits, einen „Russischen Tag“, Neues vom Nachbarn Polen, einen Fokus „Osteuropa der Religionen“ und eine Retrospektive. Die ist in diesem Jahr Helke Misselwitz gewidmet. Ihr Film WINTER ADÉ (1987/88) ist auch im Abstand von rund 25 Jahren ein herausragendes Dokument der Zeit.

Die 1950er Jahre

Eine Doppelnummer der Marburger Hefte zur Medienwissenschaft widmet sich den 1950er Jahren in der Bundesrepublik und der DDR. Irmbert Schenk fungiert hier als Gast-Herausgeber und formuliert in seinem Vorwort den Anspruch der Publikation: „Blitzlichter“ auf unterschiedliche, symptomatische Erscheinungen von Film und Fernsehen zu werfen. Knut Hickethier benennt in seinem Beitrag vor allem die Desiderata der Geschichtsschreibung zu den Einzelmedien. Andreas Kötzing erinnert an den „Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen“. Heinz-B. Heller thematisiert Rezeptionsaspekte des internationalen Films im westdeutschen Kino. Francesco Bono sieht den westdeutschen Film aus italienischer Perspektive. Schenk beschreibt generelle Aspekte des Kinos der Zeit. Gerhard Lüdeker konzentriert sich auf die Filmtrilogie 08/15. Günter Agde analysiert Gerhard Kleins Filmarbeit am Beispiel BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER. Weitere Beiträge stammen von Jonas Wegerer (Rezeption des Western), Sarah Kordecki (Rundfunkmedien im Heimatfilm), Stefanie Mathilde Frank (Remakes), Wolfgang Mühl-Benninghaus (Deutsch-deutsche Unterhaltung in der Nachkriegszeit), Peter Hoff (DDR-Fernsehunterhaltung) und Matthias Steinle (Geschichtsbilder im Kalten Krieg). Am Ende: eine sehr brauchbare Literaturliste zu den Medien der 1950er Jahre. Mehr zur Zeitschrift: medien-der-1950er-jahre-brd-und-ddr.html

Die Reise

Die Reise ist ein beliebtes Motiv des Films in allen Jahr-zehnten. Ob zum Mond, nach Tilsit oder Tokio, nach Wien oder Sundevit – die Kinobesucher lassen sich mitnehmen. Mehr als neunzig Reise-Filme nennt das „Lexikon des Internationalen Films“ unter dem Buchstaben R. Marie-Therese Mäder untersucht in ihrer Dissertation einen speziellen Aspekt: die Suche nach Orientierung, genauer: nach kultureller und religiöser Identität. Sechs Filme aus den Jahren 2001-07 werden von ihr analysiert: Bei LE GRAND VOYAGE (2004) von Ismael Ferroukhi und BAB’AZIZ – LE PRINCE QUI CONTEMPLAIT SON AME (2007) von Nacer Khemir geht es um Reisen innerhalb religiöser Traditionen, AUF DER ANDEREN SEITE (2007) von Fatih Akin und Y TU MIMÁ TAMBIÉN (2001) von Alfonso Cuarón schildern die Reise als Neuanfang bzw. letzte Reise, SCHULTZE GETS THE BLUES (2003) von Michael Schorr und LITTLE MISS SUNSHINE (2006) von Jonathan Dyton und Valerie Faris erzählen von Reisen als tragikomischer Sinnsuche. Die Autorin untersucht Transformationsprozesse, beginnt bei den Pilgerreisen und endet beim Tourismus. Das Verhältnis von Raum und Zeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Dissertation wurde 2012 mit dem Jahrespreis der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet. Mehr zum Buch: die-reise-als-suche-nach-orientierung.html.