Leben und Sterben des Philip Werner Sauber

2013.EdschmidPhilip Werner Sauber (*1947) war Schweizer Bürger, gehörte zum zweiten Jahrgang der Filmakademie in Berlin (dffb), schloss sich der „Bewegung 2. Juni“ an und starb am 9. Mai 1975 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Köln. Der Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid (*1940) erzählt sein Leben so genau, authentisch und zugeneigt, wie es nur aus einer großen, erfahrenen Nähe möglich ist. Die beschriebene Zeit liegt inzwischen vierzig Jahre zurück. Sie ist in vielen Dokumenten und Fiktionali-sierungen rekonstruiert worden, aber wohl noch nie aus so unmittelbarer Innensicht, mit so viel emotionaler und reflexiver Identifikation. Auch wenn sich die Wege von Ulrike E. und Philip S. 1972 langsam trennten und ihn sein unabdingbarer Gerechtigkeitssinn in den Untergrund trieb, blieben Verbindungen bestehen. Ulrike hat ab 1969 selbst an der dffb studiert, die Produktionsmittel genutzt, sich aus den politischen Debatten der Akademie aber eher herausgehalten. Philip war immer wieder in seiner zurückhaltenden Art im Schneideraum oder im Trickstudio präsent. Ich kann mich an Begegnungen im Büro von Helene Schwarz erinnern, und auch sein Film DER EINSAME WANDERER (1968) ist mir im Gedächtnis. Philips Verschwinden haben wir in der DFFB wahrgenommen, sein Ende hat uns schockiert. Eine große Rolle spielt in Ulrike Edschmids Roman ihr damals kleiner Sohn Sebastian (*1965) aus der kurzen Ehe mit Enzio Edschmid. Um ihn hat sich Philip offenbar wie ein junger Vater gekümmert, aber das hat ihn nicht von seinem konsequenten Weg zurückhalten können. Es ist vielleicht mehr als eine biografisch-familiäre Pointe, dass Sebastian Edschmid ab 1992 an der dffb studiert hat. Eine lesenswerte Rezension des Buches von Ulrike Edschmid hat Verena Lueken in der FAZ publiziert: einer-nimmt-seinen-koffer-und-geht-12138537.html. Mehr zum Buch: ulrike_edschmid_42349.html

Achtung Berlin

2013.AchtungBerlinHeute beginnt das Festival „Achtung Berlin“. Es findet schon zum neunten Mal statt. Schauplätze sind das Babylon am Rosa Luxemburgplatz, das Filmtheater am Friedrichshain und das Passage Neukölln. Im Wettbewerb „Made in Berlin-Brandenburg“ konkurrieren zehn Spielfilme und elf Dokumentarfilme um einen „new berlin film award“. Die Preis-verleihung findet am 24. April statt. Eröffnungs-film ist die Komödie KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNIS-MÄSSIGKEIT DER MITTEL von Aron Lehmann. Kurzfilme, Workshops und Gespräche ergänzen das Programm. Die Retrospektive „Emil und Co.“ widmet sich der Darstellung von Kindheit und Jugend in Spiel- und Kurzfilmen; hier sind u.a. EMIL UND DIE DETEKTIVE (1931) und IRGENDWO IN BERLIN (1946) von Gerhard Lamprecht, IKARUS (1975) von Heiner Carow, CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (1981) von Uli Edel und INSEL DER SCHWÄNE (1983) von Herrmann Zschoche zu sehen.

DER STUDENT VON PRAG (1913)

2013.Student von PragVor hundert Jahren, im Frühjahr 1913, wurde in Prag auf Schloß Belvedere, vor und im Hradschin, im Alchimisten-gässchen, am Daliborka-Gefängnis-turm, im Palais Fürstenberg und im Neubabelsberger Bioscop-Studio der Film DER STUDENT VON PRAG gedreht. Regie führte Stellan Rye oder vielleicht auch Hanns Heinz Ewers, darüber wird immer wieder gestritten, das Drehbuch stammte von Ewers, hinter der Kamera stand Guido Seeber, die Hauptrolle spielte Paul Wegener. Erzählt wird die dramatische Geschichte des armen Studenten Balduin, der für 100.000 Gulden sein Spiegelbild an den Scharlatan Scalpinelli verkauft, mit dem Geld aber kein unbeschwertes Leben führen kann, sondern am Ende sein Spiegelbild und damit sich selbst erschießt. Klaus Kreimeier hat in seinem Buch über die Geschichte des frühen Kinos „Traum und Exzess“ (traum-und-exzess/) die Bedeutung des Films auch im Vergleich zu dem anderen „alter ego“-Film DER ANDERE von Max Mack einleuchtend dargestellt. Im Februar wurde die restaurierte Fassung des Films im Rahmen der Berlinale erstmals gezeigt. Heute Abend, zu später Stunde um 23.40 Uhr, ist sie auf Arte zusehen.

Prag

Bildschirmfoto 2013-04-09 um 18.15.06Eine Woche in Prag. Stadt-erkundung auf den Spuren von Geschichte und Kultur. Was beeindruckt: der Reichtum an Baudenk-mälern und die Vielfalt in der Architektur. Faszinierende Fassaden, wohin man blickt, keine Kriegszerstörungen. Der Alte Jüdische Friedhof, das Kafka-Museum, das Kampa-Museum und ein Opernbesuch gehören zum Pflichtprogramm. Zurzeit  findet in Prag das Jahrestreffen der „Writers for Europe“ statt. Deshalb ist auch unser Freund Jochen Brunow in der Stadt. In einem Irish Pub sehen wir mit ihm am Mittwoch synchron die beiden Viertelfinalspiele der Champions League. Und treffen uns mit dem Schriftsteller und Filmemacher Jindrich Mann (Absolvent der dffb) zum Mittagessen im Café Savoy. Er schenkt mir sein Buch „Prag, poste  restante“, das Teile seiner Lebensgeschichte  und der Geschichte der Familie Mann erzählt. Wir  wohnen in der Nähe der Metrostation „Andel“ (Engel). Sie  wird dominiert von einem Gebäude 2013.Sanderdes französischen Architekten Jean Nouvel. An der Fassade ist der Engel Otto Sander aus dem Wenders-Film IN WEITER FERNE, SO NAH! abgebildet. Natürlich gibt es auch einige interessante Kinos in Prag, allen voran das „Penrepo“, betrieben vom Nationalen Filmarchiv (Foto oben). Es war einst die Produktionsstätte des Animationsfilmers Jiri Trnka. Aber auch die Programme des „Aero“ und des „Svetozor“ sind sehr respektabel. Im „Svetozor“ findet zurzeit ein Festival des europäischen Films statt, deutscher Beitrag: Barbara von Christian Petzold. Im Dox Centre for Contemporary Arts gibt noch bis 22. April eine Jonas Mekas-Ausstellung zu sehen. Und ein eigenes 2013.ZemanMuseum ist dem Regisseur Karel Zeman (1910-1989) gewidmet, in dem seine wunderbaren Filmtricks erklärt werden (www.muzeumkarlazemana.cz/en). Ein Filmgefühl stellt sich im Übrigen schon ein, wenn man einfach kreuz und quer mit der Straßenbahn durch die Stadt fährt. Senioren ab 70 brauchen dafür kein Ticket.

goEast

2013.GoEastIn Wiesbaden beginnt morgen das 13. goEast-Festival des mittel- und osteuro-päischen Films. 132 Filme aus 30 Ländern von Polen bis Kasachstan sind zu sehen, darunter acht Welt-premieren, sieben internationale und 21 Deutschlandpremieren. Herzstück von goEast ist der Wettbewerb, in dem zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilme um den Škoda-Filmpreis (10.000 €) konkurrieren. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vergibt den Dokumentarfilmpreis „Erinnerung und Zukunft“ (10.000 €) und die Landeshauptstadt Wiesbaden stellt den Preis für die Beste Regie (7.500 €). Das Auswärtige Amt lobt den Preis „für künstlerische Originalität, die kulturelle Vielfalt schafft“ aus. Die Hommage ist dem ungarischen Regisseur Miklós Jancsó (*1921) gewidmet. Zehn Filme von ihm stehen auf dem Programm.

50 Jahre Das kleine Fernsehspiel

DISTANT VOICES, STILL LIVESSeit 1963 gibt es das ZDF, am 1. April hat es seinen 50. Geburtstag gefeiert. Und im April 1963 kam auch die Sendereihe „Das kleine Fernsehspiel“ ins Programm. Sie sorgte für Innovationen, begleitete den Neuen Deutschen Film in seinem Entwicklungsprozess, wurde zum Partner der 1966/67 gegründeten Filmhochschulen in Berlin und München und baute eine Brücke zu internationalen Independentproduktionen. Mag sein, dass dies in den letzten Jahrzehnten etwas in den Hintergrund getreten ist, aber die Verdienste dieser Werkstatt des Spiel- und Dokumentarfilms sind unbestritten. Die Deutsche Kinemathek erinnert daran mit einer Hommage, die im Kino Arsenal und im ZDF stattfindet. An vier Themenabenden werden dort im April jeweils zwei Filme gezeigt. Heute Abend sind Eckart Stein, Christoph Holch und Anne Even im Arsenal zu Gast. Auf dem Programm stehen die Filme DISTANT VOICES – STILL LIVES (1987, Foto) von Terence Davies und ARDIENTE PACIENCA (MIT BRENNENDER GEDULD, 1983) von Antonio Skármeta. Mehr zur Filmreihe: article/3990/2796.html

Jonas Mekas

2013.Jonas MekasEr ist einer der Großen des unabhängigen amerikani-schen Kinos, inzwischen neunzig Jahre alt und offen-sichtlich noch sehr unterneh-mungslustig. Jonas Mekas, geboren 1922 in Litauen, beehrt zurzeit eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum mit seiner Anwesenheit. Dort werden seit gestern mehr als vierzig Film- und Videoarbeiten von ihm gezeigt; viele davon sind relativ unbekannt. Und bei „Krinzinger Projekte“ in der Schottenfeld-gasse gibt es ergänzend zur Filmschau eine Ausstellung mit Installationen und Fotografien zu sehen. Eine Broschüre mit bisher unveröffentlichten Texten von und über Mekas ist soeben bei Synema erschienen. Christoph Gnädig hat das Gesamtprojekt kuratiert. Mehr zur Retrospektive: id=1355220831449&reserve-mode=active

Filmverlag der Autoren

2013.FilmverlagIm Münchner Filmmuseum beginnt heute ein Rückblick auf die 1970er Jahre mit einer Werkschau zum Filmverlag der Autoren. Der Eröffnungs-film ist GEGENSCHUSS – AUFBRUCH DER FILMEMACHER (2008) von Dominik Wessely und Laurens Straub, in dem viele der damals Beteiligten noch sehr lebendig Auskunft geben konnten. 21 Filme des Jahrzehnts stehen bis Ende Juni auf dem Programm, Michael Verhoeven, Peter Lilienthal, Bernhard Sinkel, Uwe Brandner und Reinhard Hauff sind bei ihren Filmen zu Gast. Die Filmreihe begleitet die Ausstellungen „Wem gehört die Stadt?“ und „“Geschmacksache – Moder der 1970er Jahre“, die bis September im Münchner Stadtmuseum zu sehen sind. Foto: Hark Bohm, Rainer Werner Fassbinder, Bernhard Wicki und Rudolf Augstein beim Gespräch über eine Finanzkrise des Filmverlags.

Historien- und Kostümfilm

2013.ReclamEin neuer Band in Thomas Koebners Reihe „Filmgenres“ bei Reclam. Es ist inzwischen der 15., als Gastherausgeber fungieren Fabienne Liptay und Matthias Bauer, es ist ein besonders gelungener Band. 72 Filmtitel nennt das Inhalts-verzeichnis, und weil bei einigen historischen Personen verschiedene Versionen behandelt werden, sind es eigentlich mehr. Die Reihenfolge ist chronologisch, sie beginnt mit INTOLERANCE (1916) von D. W. Griffith und endet mit MARIE ANTOINETTE (2006) von Sofia Coppola. 33 Autorinnen und Autoren waren am Werk. Ursula von Keitz unternimmt eine sehr sachkundige Passage durch zwanzig Napoleon-Darstellungen von 1903 bis 2002, was ein bisschen auf Kosten des je einzelnen Films geht. Armin Jäger arbeitet sich entsprechend an zehn Jesus-Christus-Filmen der Jahre 1912 bis 2004 ab, Fabienne Liptay hat neun Filme über Elizabeth I. zu bewältigen und Michael Grisko acht über die Jungfrau von Orleans. Gut gefallen haben mir u.a. die Texte von Michelle Koch über Josef von Bakys MÜNCH-HAUSEN, von Qin Hu über Zang Yimous ROTE LATERNE, von Julia Gerdes über Jane Campions PIANO und Marina May über Mamoulians KÖNIGIN CHRISTINE. Aber ich müsste eigentlich noch mindestens zwanzig andere nennen, die bewundernswert konkret die Filme in Erinnerung rufen. Es sind viele Protagonisten der „Mainzer Schule“ dabei. Die Bildauswahl ist sparsam, wie immer in der Reihe, aber dafür haben die Bildtexte ihre eigene Qualität. Ein Defizit ist für mich nur das Fehlen eines deutschen Lubitsch-Films. MADAME DUBARRY, ANNA BOLEYN oder SUMURUN hätten sich angeboten. Mehr zum Buch: Filmgenres__Historien__und_Kostuemfilm

Gerhard Lamprecht im Zeughauskino

2013.Lamprecht 1Mit einer kleinen Werkschau zu Gerhard Lamprecht (1897-1974), dem Gründer der Deutschen Kinemathek, beteiligt sich das Zeughauskino jetzt an den Festlichkeiten zum 50. Geburtstag der Kinemathek. Gezeigt werden vor allem die weniger bekannten Filme der 1930er und 40er Jahre, darunter EINER ZUVIEL AN BORD (1935) mit Lida Baarova und Albrecht Schoenhals, CLARISSA (1941) mit Sybille Schmitz und Gustav Fröhlich, DIE GEHÖRST MIR (1943) mit Willy Birgel und Lotte Koch. Am 9. April wird die restaurierte Fassung des Stummfilms DAS HAUS OHNE LACHEN (1923) präsentiert; am Flügel: Peter Gotthardt. Und am 11. April stellen die Herausgeber der Gerhard Lamprecht-Edition, Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Eva Orbanz, noch einmal das eindrucksvolle dreibändige Werk vor. Sascha Meng hat vor einigen Tagen in der taz  einen schönen Text über Lamprecht geschrieben: 2013%2F03%2F28%2Fa0193. Mehr zur Werkschau: das_schiffchen.html