Gruß aus Brodowin

Ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute zum Neuen Jahr wünschen Antje Goldau und Hans Helmut Prinzler

 

 

 

50 Jahre Oberhausen / DVD

1962/2012: 50 Jahre „Ober-hausener Manifest“. Einerseits wurde die „Geburts-stunde“ des Neuen Deutschen Films mit Publikationen, Veranstaltun-gen, Diskus-sionen und Symposien ausführlich gewürdigt. Andererseits gibt es in der „Edition Filmmuseum“ eine Doppel-DVD mit 19 Kurzfilmen aus den Jahren 1958 bis 1964, an denen alle 26 Unterzeichner des Manifests mitgewirkt haben. Hier sind – zur Erinnerung – ihre Namen: Boris von Borresholm, Christian Doermer, Bernhard Dörrie, Heinz Fuchner, Rob Houwer, Ferdinand Khittl, Alexander Kluge. Pitt Koch, Walter Krüttner, Dieter Lemmel, Hans Loeper, Ronald Martini, Hansjürgen Pohlan, Edgar Reitz, Raimund Ruehl, Peter Schamoni, Detten Schleiermacher, Fritz Schwennicke, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky, Wolfgang Urchs, Herbert Vesely, Wolf Wirth. Es lohnt sich, am Ende dieses Jahres 2012 die Filme noch einmal zu sehen, weil sie Dokumente ihrer Zeit sind, in der Fotografie, im Kommentar, in der musikalischen Begleitung die späten 1950er und frühen 1960er Jahre in Erinnerung rufen. Es ist Geschichtsunterricht, wie er nur im Film stattfinden kann. Ein 20-Seiten-Booklet in drei Sprachen mit Beiträgen von Ralph Eue, Volker Baer und Haro Senft vertieft die Eindrücke, das Bonus-Material enthält Filme von Ulrich Schamoni und Wilhelm Roth. Mehr zur DVD: Die–Oberhausener-.html.

Rosas 70 neue Filme

Wer noch auf der Suche nach einem schönen Weihnachtsgeschenk ist, hier kommt ein Vorschlag: die Büchse mit siebzig neuen Filmen von Rosa von Praunheim. Es sind elf DVDs. Wenn man alle Filme hintereinander anschaut (was man auf keinen Fall tun sollte), dauert das zwanzig Stunden. Die bessere Lösung: zehn Tage à zwei Stunden. Und wenn einem ein Film nicht gefällt: einfach zum nächsten wechseln. Die Protagonisten sind sehr unterschiedlich, es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um Komik und Tragik, um starke Frauen, sensible Heteros, starke Schwule, Transgender und andere Grenzbereiche. Im Schnitt dauern die Filme zwischen zehn und zwanzig Minuten, in der Mehrzahl sind es Dokumentarfilme (Portraits), und man lernt wirklich ungewöhnliche Menschen kennen. Meine bisherigen Lieblingsfilme (ich habe noch nicht alle gesehen): EVA MATTES (ein Portrait der Schauspielerin, 21 min), WERNER SCHROETER (das letzte Interview, 11 min.), EIN VATER STIRBT (Fritz Mikesch erzählt seinem 13jährigen Sohn von seinem Leben und stirbt kurz danach, 40 min.), PETER RAUE – ANWALT UND KUNSTLIEBHABER (über den Berliner Rechtsanwalt, der gerade Probleme mit seiner Mandantin Ulla Unseld-Berkéwicz hat, 20 min.), DAS ABATON (über Werner Grassmann, den Hamburger Kinomacher, 21 min.), KNUT IST GUT (über den begnadeten Radiomoderator Knut Elstermann, 15 min.), KLATSCHREPORTER (über Andreas Kurtz, den Reporter der Berliner Zeitung, 14 min.), MÖPSE IN NOT (Coregie: Oliver Sechting, 21 min.). Ich halte Rosa für einen charismatischen Interviewer – das macht die meisten dieser Filme so speziell. Die Cassette mit 70 Filmen kostet 99 €, pro Film sind das rund 1,40 €. Also: auch noch ein preiswertes Weihnachtsgeschenk. Nach Rosas Meinung müssen diese Geschenke ja spätestens im Oktober gekauft werden – aber da gab es die DVD-Box noch nicht. Mehr zur Box: 70-neue-filme-von-rosa-von-praunheim-11er-dvd-box.html

Filmgeräusch

Ein wunderbares Buch. Es handelt vom Hören im Kino, von den Geräuschen im Film. Zwei Autoren – Frieder Butzmann und Jean Martin – haben sich mit Sensibilität und Neugier auf die Tonspur konzentiert und können ihre Erkenntnisse in einer nachvoll-ziehbaren Sprache vermitteln. Schon das Vorwort, das den Entstehungs-prozess des Buches beschreibt, nimmt den Leser auf die Reise mit: in eine Klangwelt, die in den vergangenen vier Jahren für die beiden Autoren zu einer konkreten Erfahrungswelt wurde. Am Anfang stehen eher allgemeine Überlegungen zum Ton im Film, dann folgt das zweite Kapitel, „Geräuschwelten“: erste Definitionen, Musik, Hörspiel, Klangkunst, die menschliche Stimme und die Entwicklung der Technik. Das dritte Kapitel ist dem „Wahrnehmungsfeld“ gewidmet. Da geht es um den „Seherhörer“, um künstliche Klänge, Sound Design, die Praxis von Walter Murch, die Theorien von Michel Chion und das Klangbad des Surround in sechs Kanälen. Im Zentrum steht der vierte Teil, „Filmgeräusche“, mit den Unterkapiteln Atmo, Stille, Ton im Dokumentarfilm, evokative Geräusche (Regen, Gewitter, Radio, Wind, Telefonklingeln), Reifenquietschen, Engel, Urmenschen, Roboter und Science Fiction. Am Ende werden beispielhafte Einzelfilme genauer analysiert: DIE DRITTE GENERATION von Fassbinder, ERASER-HEAD von David Lynch, PLAY TIME von Jacques Tati, THE BIRDS von Alfred Hitchcock, der Alltagshorror in EXORCIST und HALLOWYN, die Geräusche in UNTER DEN BRÜCKEN von Helmut Käutner, die Stimmen in SINGIN’ IN THE RAIN von Stanley Donen und Gene Kelly, Antonionis BLOW UP und Brian de Palmas BLOW OUT, schließlich die Suche nach Geräuschen in LISBON STORY von Wim Wenders. Und am Ende geht es um Werner Herzogs LAND DES SCHWEIGENS UND DER DUNKELHEIT. Hier haben zwei musikalisch geprägte Menschen beeindruckende Grundlagenarbeit geleistet. Keine Abbildungen, man hört die Filme. Mit Bibliografie, Filmliste und Personenindex. Mehr zum Buch: filmgeraeusch.html. Und zum Thema des Buches gibt es eine eigene Internetseite: www.filmgeraeusch.weebly.com

Europa im Sattel

Der Western, ein uramerika-nisches Genre seit über hundert Jahren und inzwischen ziemlich aus der Mode, hat in Europa phasenweise zu interessanten Varianten geführt, die im Herbst 2011 beim achten „Cinefest“ und beim 24. filmhistorischen Kongress in Hamburg thematisiert wurden. 14 Beiträge sind in diesem Buch dokumentiert, sie handeln von der Frage nach der Existenz eines „Euro-Western“, von Phil Jutzis FEUERTEUFEL, dem Isar-Western, den DEFA-Indianer-filmen, den westdeutschen Karl-May-Filmen, den Westernmotiven um Neuen Deutschen Film, den Folgen der MAGNIFICENT SEVEN in der UdSSR, dem sowjetischen Western als patriotischem Genre, der Western-Parodie LIMONADEN-JOE, dem Italo-Western und der mexikanischen Revolution, dem politischen Western in Europa 1966-1975, den österreichischen „postmodern sixshooters“, den Horrorelementen im italienischen Western und den deutschen Stummfilm-Western 1918-1921. Zu den 14 Autoren gehören Thomas Klein, Thomas Brandlmeier, Tim Bergfelder, Günter Agde, Harald Steinwender und der Redakteur des Bandes, Johannes Roschlau; zwei Autorinnen (Andrea Mariani und  Alexandra Matsouka) sind auch dabei. Mehr zum Buch: neu_werke_default_film.

Sesamstraße

Ausstellungen für Kinder haben im Museum für Film und Fernsehen in Berlin inzwischen eine Tradition. „Sesam-straße“ ist – nach „Auf heißer Spur – Meister-detektive“, „Wasser-welten“, „Im Dschungel“ und „Helden“ – die sechste von Gerlinde Waz (im Bild mit Tiffy) kuratierte Präsentation von Film- und Fernseh-geschichte für Menschen zwischen vier und vierzehn.  Eigentlich sind es immer Familienausstellungen, denn sie schlagen ja eine Brücke in unsere eigene Kindheit oder in die unserer Kinder. 40 Jahre Sesamstraße, die erste Sendung der amerikanischen Serie in deutscher Fassung fand am 8. Januar 1973 in der ARD statt. Meine Töchter sind mit Ernie und Bert, mit Samson, dem Krümelmonster und dem griesgrämigen Rumpel aufgewachsen. Manche Figuren sind inzwischen gar nicht mehr dabei. Wie schön, sie in der Ausstellung wiederzusehen, die mit spürbarer Liebe zusammengestellt wurde und bis 7. April 2013 in der Potsdamer Straße zu sehen ist.

Gert Fröbe (2)

Der Autor und Regisseur Michael Strauven (*1940), jahrzehntelang bei ARD/SFB für Film und Kultur zuständig, hat ebenfalls eine Fröbe-Biografie geschrieben. Sie ist im Tonfall sehr salopp, meinungsfreudig, was die Filme betrifft, und ziemlich gut recherchiert. Strauven profitiert erstens von einer eigenen Fröbe-Sendung in der Reihe „Legenden“ (2010) und hat zweitens im Sommer 2012 weitere Gespräche mit Freunden und Hinter-bliebenen geführt und Archive konsultiert. Das Fröbe-Leben und die Fröbe-Filme halten sich im Textumfang die Waage. Strauven bewertet die Filme weitgehend aus heutiger Sicht und spitzt das im Anhang systematisch zu; von den rund 100 Filmen und Fernseh-sendungen findet er fünf „unbedingt sehenswert“, zwanzig „sehenswert“, 13 „interessant“ , sechs „verzichtbar“, 48 „uninteressant“ und die restlichen „bedingt sehenswert“, „nett“, „ärgerlich“, „schwer genießbar“ oder „ungenießbar“. Seine Beurteilungen erfolgen offensichtlich nach Anschauen in jüngster Zeit. Das gibt dem Buch, zumal der Autor nicht vor dem „Ich“ zurückscheut, eine subjektive Dimension. Titelbild: Fröbe in GANOVENEHRE (1966), nun ja. Mehr über das Buch: jedermanns-lieblingsschurke.html

Franz Stadler

Rund vierzig Jahre hat Franz Stadler (*1940) das Berliner Pro-grammkino „Filmkunst 66“ in der Bleibtreu-straße geleitet. Als gelernter Filmkauf-mann, autodidak-tischer Kinotechniker und individueller Cineast ist er zu einem Protagonisten der Berliner Kino-geschichte geworden. Jetzt hat er, auf Tagebuchnotizen gestützt, Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier gebracht. Logisch, dass es 66 Geschichten sind, die er erzählt, eingerahmt von einem Prolog, vier Vorgeschichten und einem Epilog. Dazu kommt ein schönes Vorwort von Tom Tykwer, der ja selbst eine Berliner Kinolegende ist. Stadlers Erinnerungen sind locker formuliert, sie handeln von sehr speziellen Festivals, einzelnen Filmen (HAROLD & MAUDE, HELZAPOPPIN, KINDER DES OLYMP, seinem Lieblingsfilm), von prominenten Besuchern (Jack Nicholson, William S. Burroughs, Jack Palance, Dennis Hopper, Bundespräsident Köhler, Günther Jauch), Weihnachts- und Silvesterprogrammen, von Lehrjahren als Filmförderer (FFA), Filmjuror (FBW), Kinojuror (Vergabeausschuss für die Kinoprogrammpreise des Bundes). Es gibt eine Typologie der deutschen Filmkritik und der Kinobesucher. Das alles fügt sich zum Erfahrungsspektrum eines sensiblen Kinobetreibers, der große Erfolge und auch einige Misserfolge hatte. Ich erinnere mich an viele Besuche im alten und im neuen Filmkunst 66, vor allem an die zwei Tage mit der ersten HEIMAT von Edgar Reitz. Jeder Geschichte fügt Stadler eine Kurzinfo hinzu: „Was 19xx sonst noch geschah“ oder „Kleine Geschichte der Bleibtreustraße“ oder „AG Kino und FiFiGe“ oder „Regina Ziegler“ oder einfach ein originelles Zitat. Mehr zum Buch: www.rediroma-verlag.de/index.php?det=655

Gert Fröbe (1)

Am 25. Februar 2013 wird sein 100. Geburtstag gefeiert. Kein Wunder, dass uns auf dem Buchmarkt mehrere Publikationen darauf vorbereiten. Hier ist die erste, verfasst von der Focus-Redakteurin Beate Strobel. Sie konzentriert sich auf die Lebensgeschichte, die ja abwechslungsreich genug ist, geht wenig in die Tiefe der einzelnen Rollen, die Fröbe als Charakterdarsteller in den 1950er und 60er Jahren zu einem internationalen Star machten. Das Privatleben mischt sich bei Strobel mit den beruflichen Herausforderungen, fünf Ehen müssen angemessen erzählt werden. Die Hauptquelle der Autorin ist Fröbes Autobiografie „Auf ein Neues, sagte er…und dabei fiel ihm das Alte ein“ (1988), erschienen im Jahr seines Todes. Die 30 Kapitel auf 170 Seiten wirken ein bisschen kleinteilig, die 45 Abbildungen kommen wegen der Papierqualität nicht wirklich zur Geltung. Aber das Titelbild (Foto: Wolfgang Gaedigk) ist wirklich schön, weil es auf schauspielerische Typisierung verzichtet. Mehr zum Buch: 346a8&navsection=2.

Die Brüder Dardenne

Die belgischen Brüder Jean-Pierre (*1951) und Luc (*1954) Dardenne sind in den letzten zehn Jahren in die Spitzengruppe des europäischen Autorenkinos vorgedrungen. Ich bewundere ihre Filme. Der Mainzer Filmwissenschaftler Gregory Mohr analysiert mit großer Sensibilität und Genauigkeit vier Dardenne-Filme: LA PROMESSE (DAS VERSPRECHEN, 1996), ROSETTA (1999), LE FILS (DER SOHN, 2002) und L’ENFANT (DAS KIND, 2005). Ausgehend von einer wissenschaftlich abgesicherten Realismusdefinition beschreibt Mohr zunächst den Stil der Dardennes, ihren Umgang mit Laiendarstellern, Kamera und Licht, Musik und Montage. Dann geht es um die Inhalte, um disfunktionale Familien, Lebensräume (die Filme spielen alle in der belgischen Stadt Seraing), um Arbeit und Geld. Der Autor kommt in der konkreten Analyse den Absichten der Dardenne-Brüder sehr nahe. Am Anfang und am Ende verarbeitet er – aus meiner Sicht – ein bisschen zuviel Sekundärliteratur. Acht Fotos, gut ausgewählt, trennen die Hauptteile des Buches. Titelbild: Emilie Dequenne als ROSETTA. Band 64 der „Filmstudien“, die jetzt von Norbert Grob und Oksana Bulgakowa herausgegeben werden und zum Nomos-Verlag gewandert sind. Mehr zum Buch: aspx?product=19554.