Noriko Smiling

2013.NorikoBANSHUN (SPÄTER FRÜHLING/ LATE SPRING) ist ein Film von Yasujiro Ozu aus dem Jahr 1949. Er erzählt die Geschichte des verwitweten Professors Somiya (Chishu Ryu), der von seiner 27jährigen Tochter Noriko (Setsuko Hara) betreut wird, die sich bisher offenbar wenig Gedanken über ihre eigene Zukunft gemacht hat. Am Ende des Films verlässt sie den Vater und heiratet. Der englische Autor Adam Mars-Jones (*1954), Romancier und Essayist, hat sich mit einer kaum vorstellbaren Genauigkeit in den Ozu-Film hineingearbeitet und eine Analyse formuliert, die den Film in die Gegenwart holt. Es ist in keinem Moment eine wissenschaftliche Herangehensweise, sie ist subjektiv, beobachtend und wertend, die westliche Perspektive nicht verleugnend, sie ist beschreibend, fragend, sie geschieht in genauester Kenntnis des Films und auf der Basis unterschiedlicher DVD-Editionen. Mars-Jones zitiert Ozu-Experten (Donald Richie, Paul Schrader, Shigehiko Hasumi, Kristin Thompson, Noel Burch), er widerspricht ihnen, ergänzt sie, nutzt sie für eigene Erkenntnisse. Er charakterisiert das Personal vor allem mit Blick auf die Hauptfigur, Noriko, er hat eine Haltung zu ihrem eher passiven Vater, der aktiven Tante Masa, der emanzipierten Freundin Aya, dem Assistenten des Vaters, Hattori, Die Fahrradfahrt von Noriko und Hattori wird fast emphatisch beschrieben, der Besuch von Vater und Tochter im No-Theater den Ritualen zugeordnet. Es ließen sich noch viele andere Beschreibungen hervorheben. Das Buch enthält keine Abbildungen. Sie entstehen in unseren Köpfen. Ich bin begeistert. Mehr zum Buch: noriko-smiling/169

Liebe am Set

2013.Liebe am SetDas Thema scheint seine Liebhaber(innen) zu haben, und das sind offenbar nicht nur die Leserinnen der Bunten. 16 Paare hat der Autor Joachim Kurz (*1967, Redaktionsleiter des Portals www.kino-zeit.de) ausgewählt, von Mary Pickford & Douglas Fairbanks sen. bis zu Anna Loos und Jan Josef Liefers. Und natürlich sind Humphrey Bogart & Lauren Bacall (Titelfoto), Marlene Dietrich & Josef von Sternberg, Elizabeth Taylor & Richard Burton dabei. Man vermisst u.a. Charles Chaplin & Paulette Goddard, Veit Harlan & Kristina Söderbaum, Simone Signoret & Yves Montand, Paul Newman & Joanne Woodward. Über eine Auswahl lässt sich ja immer streiten. Und weil über Filmpaare schon viel geschrieben wurde, soll man auch keine Neuigkeiten von den Texten erwarten. Die Fotos (schwarzweiß und Farbe) sind gut ausgewählt, ein ganzseitiges eröffnet jeweils ein Kapitel. Ein Buch für den Coffee Table, soweit man noch einen hat. Mehr zum Buch: liebe-am-set/index.html

Kulinarisches Kino

UMS2217.inddDas Herausgebertrio – Daniel Kofahl, Gerrit Fröhlich und Lars Alberth – kommt aus der Soziologie, Fröhlich und Alberth lehren in Trier bzw. Wuppertal, Kofahl leitet das „Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur“ (das auch den Druck des Buches unterstützt hat) und ist Mitglied der „Deutschen Akademie für Kulinaristik“. Sie bieten uns 16 Texte zur Lektüre, die in der Regel um jeweils einen Film kreisen. Die meisten dieser Filme können als bekannt vorausgesetzt werden: zum Beispiel EAT DRINK MAN WOMAN (1994) von Ang Lee (Text von Irene Schütze), BRUST ODER KEULE (1976) von Claude Zidi (Texte von Susanne Groß und Janine Legrand / Thomas Vilgis), BITTERSÜSSE SCHOKOLADE (1992) von Alfonso Arau (Gerrit Fröhlich), ZIMT UND KORIANDER (2003) von Tasso Boulmetis (Benedikt Jahnke), BABETTES FEST (1987) von Gabriel Axel (Peter Peter), EINE KOMÖDIE IM MAI (1990; Umschlagabbildung) von Louis Malle (Lars Alberth), DAS GROSSE FRESSEN (1973) von Marco Ferreri (Judith Ehlert / Robert Pfaller), DELICATESSEN (1991) von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro (Petra F. Köster), DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER (1989) von Peter Greenaway (Christoph Klotter). So bunt wie diese Mischung sind auch die interdisziplinären Perspektiven der Autorinnen und Autoren. Immerhin regen sie weitgehend den Appetit auf die Filme an. Natürlich darf im Ensemble Thomas Struck nicht fehlen, in der Berlinale für das Kulinarische Kino verantwortlich: er führt uns in neun kleinen Kapitel von seinem Film FLÜSSIG (2003) zu Theodor W. Adorno, der Nahrung und Kunst nicht verbinden wollte. Struck fragt mit Recht: „Wer würde gerne bei den Adornos essen, wenn die Kunst aus der Küche verbannt wäre?“. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2217/ts2217.php

WORK HARD – PLAY HARD

9783894728526Zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis hat es leider nicht gereicht, aber WORK HARD – PLAY HARD (2009-2011) von Carmen Losmann war einer der erfolgreichsten und am meisten gelobten Dokumentarfilme der letzten Jahren. Sein Thema: „Human Ressource Management“. Wie lassen sich die Arbeits-leistungen von Mitarbeitern maximieren? Losmann hat Architekten, Programmierer, Manager, Trainer dazu befragt. Ihr Film besteht vorwiegend aus Arbeitsbeobachtungen und kommt ohne Kommentar aus. Jetzt ist das Buch zum Film erschienen, herausgegeben von der Philosophieprofessorin Eva Bockenheimer, der Filmemacherin Losmann und dem Burnout-Spezialisten Stephan Siemens. Es besteht aus den drei Kapiteln „Resonanzen“ (Mitwirkende, Presse, Publikum), „Szenen“ (Beschreibungen, Interpretationen, Exkurse), „Recherche“ (Fährten, Exzerpte, Notizen). Den Auftakt bildet ein Gespräch zwischen Carmen Losmann und Stephan Siemens, moderiert von Eva Bockenheimer. So ein Buch macht Sinn, um die Problematik des Filmthemas zu vertiefen und Fragen zu beantworten, die der Film stellt, aber in 90 Minuten nicht alle hinreichend beantworten kann. Mehr zum Buch: work-hard-play-hard.html

Jacques Demy – eine Ausstellung

2013.DemyEin Text von Gerhard Midding in der neuen Ausgabe von epd Film macht neugierig auf eine Ausstellung über den französischen Regisseur Jacques Demy (1931-1990) in der Pariser Cinémathèque. 1964 hat Demy in Cannes für den Film DIE REGEN-SCHIRME VON CHERBOURGH die Goldene Palme gewonnen, und ich erinnere mich, dass ich damals sehr begeistert war von der Poesie, Musikalität und Farbenpracht des Films, in dem die Dialoge gesungen wurden – ohne dass es wie ein Musical wirkte. Auch andere Filme von Demy, der wenig mit der Nouvelle Vague zu tun hatte, haben mich beeindruckt: LOLA, DAS MÄDCHEN AUS DEM HAFEN (1960), DIE MÄDCHEN VON ROCHEFORT (1967) und später EIN ZIMMER IN DER STADT (1982). Wie schön, dass in Paris eine Ausstellung an den Regisseur erinnert. Ein zweiter Text von Midding aus der Welt über die Demy-Ausstellung steht auch im Netz: Unter-einem-Regenschirm-mit-Catherine-Deneuve.html Mehr über die Ausstellung, die noch bis zum 4. August zu sehen ist: exposition-jacques-demy/

Arsenal 50

2013.ArsenalNach der Deutschen Kinemathek (Februar) feiern nun auch die ehemaligen „Freunde der Deutschen Kinemathek“ ihren 50. Geburtstag. Sie nennen sich nach einem Generationswechsel inzwischen „Arsenal. Institut für Film und Videokunst e.V.“. Ihre Erfolgsgeschichte ist beeindruckend. Mit dem Arsenal in der Welserstraße haben sie ab 1970 Basisarbeit geleistet, mit dem „Internationalen Forum des jungen Films“ ab 1971 die Berlinale gerettet, mit ihrem Verleih vor allem den unabhängigen Film für die Kommunalen Kinos zugänglich gemacht und – nicht zu vergessen – sie haben eine Publikationsreihe („Kinemathek“) ediert, die allerdings bei der Nummer 99 stehen geblieben ist. Heute Abend wird gefeiert. Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, der das Arsenal auch finanziert, führt die Rednerliste an, gefolgt von Hortensia Völkers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Dann sprechen Erika und Ulrich Gregor, Mitbegründer und langjährige Leiter des Hauses. Natürlich sind auch die jetzigen Leiterinnen, Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte-Strathaus, präsent. Nach dem Fest ist ein Film zu sehen: das kann nur ARSENAL (1928) von Alexander Dowshenko sein, das namensgebende Revolutionsdrama. Mehr zur Geschichte des Arsenals: article/4096/2796.html

Brigitte Lacombe

2013.LacombeNoch zwei Wochen ist die Ausstellung der französischen Fotografin Brigitte Lacombe (*1950) im Helene-Schwarz-Café der DFFB in der Potsdamer Straße zu sehen. Sie hat sich als schöne Erweiterung der Martin-Scorsese-Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen erwiesen, die inzwischen zu Ende gegangen ist. Lacombe ist mir erst jetzt, ich gestehe es, durch ihre Scorsese-Fotos nahe gekommen. Bei Schirmer/Mosel ist schon vor zwölf Jahren ein wunderschöner Band mit 250 ihrer Schwarzweiß-Aufnahmen aus den 1970er, 80er und 90er Jahren erschienen, auf den ich jetzt aufmerksam wurde und der (ich scheue mich nicht, dafür zu werben) nur 29,80 € kostet: „Lacombe. cinema / theater“. Es sind vorwiegend Porträtfotos aus der amerikanischen und französischen Filmwelt, die den Porträtierten auf geheimnisvolle Weise nahe kommen; für mich am schönsten: Agnes Varda (1975), Meryl Streep (1988), Dustin Hoffman (1988), Isabelle Adjani (1989), Leonardo DiCaprio, Martin Scorsese (beide 2000). Andere Aufnahmen zeigen Regisseure entspannt in Positur: Spielberg (1976), Kazan, Polanski, Rossellini, Truffaut, Warhol (alle 1977), Allen (1983), Mankiewicz (1989), Joel und Ethan Cohen (2000). Es gibt Theateraufnahmen, vorwiegend aus New York, wenige Standfotos, einige private Momente und beobachtete Gespräche (Billy Wilder/I.A.L.Diamond, Arthur Miller/Daniel Day-Lewis). Es darf, zumindest in den ersten Jahrzehnten, noch geraucht werden. Einige Protagonisten sind inzwischen tot, andere für uns sichtbar älter geworden. Das Buch ist wahrhaftig eine Schatzkiste und Lacombe eine große Fotografin. Mehr zum Buch: Lacombe_2013.pdf

Terrence Malick

2013.MalickSein neuer Film TO THE WONDER ist zurzeit in den deutschen Kinos zu sehen. Also ein guter Zeitpunkt für ein Buch über den Regisseur Terrence Malick (*1943), der es inzwischen gerade mal auf sechs Filme gebracht hat. Zunächst: es ist ein schönes Buch mit vielen gut ausgesuchten und hervorragend gedruckten Bildern. Titelbild: Jessica Chastain und Tye  Sheridan in THE TREE OF LIFE (2011). Die beiden österreichischen Autoren Dominik Kamalzadeh (Film-redakteur des Standard) und Michael Pekler (freier Filmpublizist) setzen sich in ihren Texten auf hohem Niveau mit Malick auseinander. Eröffnet wird mit einem biografischen Kapitel, in dem es auch um die vielen Projekte geht, die nicht realisiert werden konnten. Dann geht es um die Schauplätze der Filme, um ihre Naturbezüge und philosophischen Wurzeln. Den Erzählperspektiven und der Entfernung von einer linearen Dramaturgie gilt ein weiterer Text. In einer positiven Konnotierung des Wortes wird die Nostalgie von Malicks Filmen untersucht. Wichtig ist natürlich auch die Tonebene mit Voice-Over, dem Flüstern der Menschen und dem Rauschen der Natur. Da Malick bekanntlich nicht über seine Filme spricht, haben die Autoren ein Interview mit dem Production Designer Jack Fisk (*1945) geführt, der an allen sechs Filmen beteiligt war. Eine kurze kommentierte Filmografie steht am Ende des Bandes. Vor allem für Malick-Fans ein Muss. Mehr zum Buch: terrence-malick.html

Synchronisierung der Künste

2013.Synchronisierung 2Ein Vorwort (Gertrud Koch), ein Textdokument (Eisenstein) und zehn Aufsätze, die vor drei Jahren bei der Abschlusskonferenz eines Forschungs-projektes noch die Form von Vorträgen hatten. Es geht – und deswegen kommt man an Eisenstein nicht vorbei – um die Montage und um die Synthese von Material. Dies wird im letzten Teil des Buches vom Film auf den Kunstbereich insgesamt ausgeweitet. Dafür sind Sabeth Buchmann („Montage und Synästhesie in (post)konzeptuellen Werkformen“), Branden W. Joseph („Biomusik und elektronische Medien“) und Diedrich Diedrichsen („Synchronie in der zentrumslosen Popmusik“) zuständig. Barbara Wurm stellt Verbindungen zwischen Dsiga Wertow, Peter Kubelka und Kurt Kren her. Robin Curtis untersucht die urbane Immersion in den 1920er Jahren am Beispiel der Filme von László Moholy-Nagy. Gut gefallen haben mir Karl Siereks Suche nach Godards Hund in HELAS POUR MOI (1993) und seine Gedanken zum Bild-Ton-Verhältnis in den Filmen dieses Regisseurs, Marc Siegels Überlegungen zur Verbreitung von Gerüchten, beispielhaft in Joseph L. Mankiewiczs THE BAREFOOT CONTESSA (1954), und Hermann Kappelhoffs Konkretisierung von Personenbewegung und Choreographie in William Wylers JEZEBEL (1938). Sammelbände haben den Vorteil, dass man eigentlich immer einige Texte darin findet, die einen persönlich besonders interessieren. Das ist auch hier der Fall. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5102-6.html

Paul Czinner

2013.CzinnerEr stand meist im Schatten seiner Frau, der Schauspielerin Elisabeth Bergner. So ist es konsequent, dass sie auch auf dem Titel dieser Bro-schüre über den Produzenten und Regisseur Paul Czinner (1890-1972) abgebildet ist. Von 1924 bis 1932 haben Czinner und Bergner in Berlin sieben Filme gedreht, dann gingen sie ins Exil nach London, wo sie weitere fünf Filme machen konnten. Ab 1940 lebten sie in den USA, arbeiteten zusammen für Bühnen in New York, kehrten 1950 nach England zurück. In der Folgezeit dokumentierte Czinner (ohne Bergner) Opern- und Ballettaufführungen in London und Salzburg. Die Synema-Publikation (Redaktion: Michael Omasta und Brigitte Mayr) ist eine schöne Hommage an Czinner, der aus Wien stammt. Sie enthält eine gut recherchierte biografische Skizze, einen klugen Essay von Olaf Möller über Czinners Filme, eine Filmographie und Texte von Czinner über Arthur Schnitzler, Karl Kraus, das Medium Film und seine Frau Elisabeth Bergner. DER GEIGER VON FLORENZ (1926), DONA JUANA (1928) und FRÄULEIN ELSE (1929) gehören für mich zu den wichtigen Stummfilmen der Weimarer Republik. Mehr über das Heft demnächst auf der neuen Website von Synema: www.synema.at/