Filme zwischen Spur und Ereignis

Es geht in diesem Buch um „Erinnerung, Ge-schichte und ihre Sichtbarmachung im Found-Footage-Film“. so der Untertitel der Publikation von Seraina Winzeler, die in Zürich die Deutschschweizer Niederlassung der Cinémathèque Suisse leitet und sich mit der Geschichte von Film-archiven beschäftigt. Nach einer histori-schen Verortung von Found-Footage analysiert die Autorin drei Filme: AUFSCHUB (2007) von Harun Farocki, PASSAGEN (1996) von Lisl Ponger und THE FILM OF HER (1996) von Bill Morrison. Bei Farocki geht es um die Überlieferung und Aktualisierung eines kollektiven Bildgedächtnisses der Shoah, bei Ponger um das Imaginäre des Dokumentarischen, bei Morrison um Fiktionalisierung und Ironisierung. Die Analysen sind sehr präzise, der Erkenntnisgewinn zu Medialität und Wirkungsweise von Filmbildern ist entsprechend groß. Einige Abbildungen wären hilfreich gewesen. Das Coverfoto stammt aus dem Film von Harun Farocki. Mehr zum Buch: 14a3c2ad44fa807bc

Der Neue Mensch im revolutionären Russland

Vor hundert Jahren – 1917 – fanden in Russland die Februar- und die Oktoberrevolution statt, an die man erinnern darf, auch wenn man mit der aktuellen Putin-Politik nicht einverstan-den ist. In der „filmedition suhr-kamp“ ist gerade eine Auswahl von Filmen auf DVD erschie-nen, die vom „Aufbruch und Alltag im revolutionären Russ-land“ erzählen. Es handelt sich um vier Spielfilme und vier Kurz-filme. BETT UND SOFA (1927) von Abram Room erzählt die Geschichte einer emanzipierten Frau, die in Moskau in einer Dreier-beziehung lebt, schwanger wird, von den Männern zur Abtreibung aufgefordert wird, aber aus der Klinik flüchtet und mit ihrem Kind auf dem Land ein neues Leben beginnen will. DER MANN, DER DAS GEDÄCHTNIS VERLOR (1929) von Fridrich Ermler handelt von einem im Weltkrieg traumatisierten Unteroffizier, der sich zwar langsam an seine Vergangenheit erinnert, aber im modernen Leningrad Probleme mit der Gegenwart bekommt. Ein später Stummfilm mit vielen komö-diantischen Effekten. Auch DAS LEBEN IN DER HAND (1931) von Dawid Marjan ist noch ein Stummfilm. Er spielt in einem Wohnheim und einer Landmaschinenfabrik in der Ukraine, kontrastiert eine patente Frau mit ihrem trunksüchtigen Mann und lässt uns an einer Familientragödie teilnehmen, die nur gesellschaftlich gelöst werden kann: durch die Stärkung der Frau. DER WEG INS LEBEN (1931) von Nikolai Ekk erzählt von dem Versuch eines jungen Kommunisten, eine Gruppe verwahrloster Jugendlicher durch die Arbeit auf einer Kollektiv-farm zu sozialen Wesen zu machen. Ein früher sowjetischer Tonfilm. Die vier Kurzfilme sind FILM-PRAWDA 18 (1924) von Dsiga Wertow, DER SAMOJEDENJUNGE (1928) von Nikolai Chodatajew, Olga Chodotajewa, Valentina und Sinaida Brumberg, DER SCHRECKLICHE WAWILA UND TANTE ARINA (1928) von Nikolai Chodatajew und Olga Chodotajewa und BEHERRSCHER DES ALLTAGS (1932) von Aleksandr Ptuschko. Das sehr informative Booklet stammt von Alexander Schwarz und Rainer Rother. Mehr zur DVD: film/583/Der+Neue+Mensch

Inseln

2017.InselnInseln können Sehnsuchtsorte und Paradiese sein, aber auch Orte der Einsamkeit und Ver-zweiflung. Capri oder Alcatraz. Band 10 der Reihe „Projektio-nen“, herausgegeben von Hans Richard Brittnacher, widmet sich in zwölf Texten dem Insel-Motiv in Literatur, Malerei und Film. Siebenmal geht es dabei um den Film. Eva Hiller beschreibt in ihrer anregenden Passage durch die Inselfilm-Geschichte aus-führlicher FINIS TERRAE (1929), STROMBOLI (1950), IT STARTED IN NAPLES (1960), LES CHOSES DE LA VIE (1970), CAST AWAY und THE BEACH (beide 2000) und macht dabei erstaunliche Beobachtungen über menschliche Verhaltensweisen in der filmischen Fiktion. Matthias Bauer beschäftigt sich mit Zeitsprüngen, Zeitkerkern, Zeitspeichern und Zeitläufen in zahlreichen Filmbeispielen. Jürgen Heizmann richtet den Blick auf die Insel Alcatraz und die vielen dort angesiedelten Gefängnisfilme. Achim Küpper analysiert die Bedeutung des Insularen in den Filmen von Wes Anderson. Von Kai Spanke stammt ein Beitrag über die Fernsehserie LOST (2004-2010). Birgit Ziener reflektiert sehr eindrucksvoll über die Externalisierung der Angst in zwei Horrorfilmen: THE MOST DANGEROUS GAME (1932) und KING KONG (1933), beide inszeniert von Ernest B. Schoedsack. Der erstgenannte Film entstand nach einer Erzählung von Richard Connell und wurde 1945 unter dem Titel A GAME OF DEATH von Robert Wise wiederverfilmt. Die Schauspielerin Jenifer Pötzsche untersucht in ihrem Beitrag die Inselpsychosen in Martin Scorseses SHUTTER ISLAND (2010). Alle Texte sind sehr anregend zu lesen und öffnen den Blick speziell für das Thema des Buches. Ein Verzeichnis von Insel-Filmen im Anhang verweist auf 74 Titel, ein deutscher Film ist nicht dabei. Coverfoto: LE MÉPRIS von Jean-Luc Godard. Mehr zum Buch: WNuVdCiJbV4

Das Ufa-Imperium 1933 bis 1945

Im Filmhaus am Potsdamer Platz findet heute und morgen ein Symposium der Deutschen Kinemathek über das Ufa-Imperium in der Nazizeit statt: „Linien-treu und populär“. In drei Blöcken (100 Jahre Ufa: Rückblick und Ausblick – Goebbels’ Ufa: „Filmschaffen“ und Ökonomie – Die Effekte der Ufa: Alltag, Stars und Propaganda) werden insgesamt 17 Referate gehalten und zwei Gespräche geführt. Themen sind u.a. „Alfred Hugenberg: Wegbereiter der Ufa unterm Hakenkreuz?“ (Referent: Friedemann Beyer), „Zwischen Tradition und Moderne. Zum NS-Kulturfilm 1933-1945“ (Kay Hoffmann), „Zwangsarbeit bei der Ufa“ (Almut Püschel), „Ufa-Lehrschau und Deutsche Filmakademie“ (Rolf Aurich), „Die Produktion der deutschen Continental im besetzten Frankreich“ (Ralph Eue), „Zur Inszenierung von Arbeit und Arbeitern im NS-Spielfilm“ (Annika Schaefer), „Das Erbe der Ufa: Entflechtung und Neuverflechtung nach dem Zweiten Weltkrieg“ (Jörg Schöning). An den Gesprächen beteiligen sich Nico Hofmann, Thomas Weber, Wolf Bauer, Rainer Rother und Ernst Szebedits, sie werden von Klaudia Wick moderiert. Eine Filmreihe mit insgesamt sechs Spielfilmen und vier Kulturfilmen ergänzt das Symposium; sie findet im Kino Arsenal statt. Foto: Zarah Leander und Viktor Staal in DIE GROSSE LIEBE (1942). Mehr zum Symposium und zum Filmprogramm: UFA_Symposium_Flyer.pdf

London

Auch wenn der Brexit die Reise-stimmung etwas gebremst hat: einmal im Jahr zieht es uns nach London. Es sind vor allem die Ausstellungen, die uns interessieren, in der National Gallery und der National Portrait Gallery, im Tate Britain und im Tate Modern, im Victoria and Albert Museum. Initialzündung für die aktuelle Reise war die David Hockney-Ausstellung in der Tate Britain (Foto), die noch bis zum 29. Mai zu sehen ist. Wir sind auch sehr gespannt auf die Retrospektive des Fotografen Wolfgang Tillmans, die in der Tate Modern präsentiert wird. In der National Gallery wollen wir uns die Doppelausstellung „Michelangelo & Sebastiano“ anschauen. Im Victoria and Albert Museum interessiert uns die Ausstellung „Space“, die zwölf Fotografen vorstellt, die für den „Prix Pictet“ nominiert sind. Und vielleicht gehen wir auch noch in den Kensington Palast, wo zurzeit die Schau „Diana, Her Fashion Story“ zu sehen ist. Für ein paar Kinobesuche muss die Zeit auch noch reichen. Vom aktuellen Programm lassen wir uns überraschen. Mehr zu den Ausstellungen: david-hockney / wolfgang-tillmans-2017 / michelangelo-sebastiano / Prix-Pictet/dt/2017-05-09/free/1 /

Der Letzte der Ungerechten

Benjamin Murmelstein (1905-1989) war ab September 1944 der letzte sogenannte „Juden-älteste“ im Ghetto There-sienstadt. Claude Lanz-mann hat ihn 1975 in Rom in deutscher Sprache für den Film SHOAH interviewt, das Material dann aber in seinem Film nicht verwendet, sondern 2013 einen eigenen Film daraus gemacht. Das Buch, das jetzt im Rowohlt Verlag erschie-nen ist, dokumentiert das Interview und enthält Texte von Lanzmann zur Produktion des Films. Er verteidigt Murmelstein gegen Anschuldigungen, ein Handlanger der Nazis gewesen zu sein. Die Dialoge zwischen Murmelstein und Lanzmann sind eine spannende und berührende Lektüre. Mehr zum Buch: der-letzte-der-ungerechten.html

„Tatort“ als Fernsehgeschichte

2017.TatortEine Dissertation, die an der Hochschule für Fernsehen und Film in München entstanden ist. Judith Früh setzt sich mit der Geschichte des „Tatort“ von 1970 bis Ende 2014 auseinander. Sie beschäftigt sich mit „Historio-grafien und Archäografien eines Mediums“ (so der Untertitel). Mehr als 50 Buchpublikationen gibt es inzwischen über den „Tatort“, die von der Autorin – zusammen mit Rezensionen und Online-Seiten – sorgfältig ausge-wertet wurden. Sie unterscheidet zwischen Zuschauer­erfolg (Quote) und künstlerischem Erfolg (Grimme-Preis oder andere Auszeichnungen). Heute unvorstell-bar: Die Folge ROT…ROT…TOT vom 1. Januar 1978 hatte 26,57 Mio. Zuschauer; damals war Werner Schumacher der Stuttgarter Kommissar Lutz und Curd Jürgens spielte den gesuchten Mörder; jüngst wurden beim Münster-Tatort FANGSCHUSS 14,56 Mio. gemessen, und das gilt als Rekord für die letzten 25 Jahre. Judith Früh widmet sich in ihrem historiografischen Teil den Kanones, Anfängen, Zäsuren, Verläufen, Krisen und Enden der „Tatort“-Reihe (sie nennt das „Ordnungen das Narrativen“) und stellt dem Annalen und Chronik, Alphabet und Listen gegenüber („Ordnungen des Nicht-Narrativen“). Im zweiten Teil geht es um „Archäografien“, also um den Erhalt und die Verwertung des Programms. Die Schilderung der Archivierung ist zunächst noch weitgehend unabhängig vom „Tatort“, die Verantwortung liegt bei den Fernsehanstalten, es handelt sich hier um die Erschließung, den Zugang, die Digitalisierung und die Vernichtung („Die Materialität des Archivs“). Dann kommen wir, auf den „Tatort“ bezogen, zur Erstausstrahlung, Wiederholung, Remotierung und Kanonisierung („Die Immaterialität des Programms“) und schließlich zur „Materialität der Verwertung“ durch Ökonomisierung und Aufwertung. Mit ihrer Systematisierung und Zuordnung hat die Autorin eine beeindruckende Arbeit geleistet, die für „Tatort“-Fans unbedingt lesenswert ist. Der Anhang enthält ein Interview von Judith Früh mit dem „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke (WDR) und eine alphabetische Auflistung der DVD-Veröffentlichungen. Coverfoto: Screenshot aus der Tatort-Folge SCHWINDELFREI (2013). Mehr zum Buch: WK2lZyjzTV4 / Zu sehen sind viele „Tatorte“ im Übrigen in der Programmgalerie des Museums für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz.

BERLIN ECKE VOLKSBÜHNE (2005)

Frank Castorf verabschiedet sich in diesem Sommer nach 25 Jahren als Intendant der Volks-bühne am Rosa-Luxemburg-Platz, im Herbst wird dort Chris Dercon sein Nachfolger, der Streit über diese Entscheidung ist noch immer heftig. Das Haus der Volksbühne beherrscht einen Platz, der natürlich eine eigene Geschichte hat. Die wird in dem Dokumentarfilm BERLIN ECKE VOLKSBÜHNE von Britta Wauer erzählt, den es jetzt bei der Edition Salzgeber als DVD gibt. Die Dreiecksfläche im Scheunenviertel, geplant und bebaut vor über hundert Jahren, hieß zunächst Babelsberger Platz, dann Bülowplatz, in der Nazizeit Horst-Wessel-Platz, nach dem Krieg Liebknechtplatz, ab 1947 Luxemburgplatz und seit 1969 Rosa-Luxemburg-Platz. Die Volksbühne wurde 1914 eröffnet, im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und in den 50er Jahren wiederaufgebaut. Wichtige Gebäude am Platz sind außerdem das Babylon-Kino (entworfen von Hans Poelzig) und die Parteizentrale der Linken, die früher das Haus der Kommunistischen Partei Deutschlands war. Der Film von Bettina Wauer stammt aus dem Jahr 2005, wurde für das ZDF produziert und dauert 52 Minuten. Es kommen viele Zeitzeugen zu Wort, die Geschichte wird vor allem durch dokumentarisches Material präsent gemacht, das geschickt montiert ist und gelegentlich in Zeichnungen mutiert. Auch Heinrich Zille wird so einbezogen. Zentrale historische Ereignisse vor Ort waren der Blutmai 1929 und die Morde an zwei Polizeihauptleuten 1931; zu den Tätern gehörte damals Erich Mielke, später Stasi-Minister in der DDR. Der Film hat große Qualitäten. Zum Bonusmaterial gehört ein 5-Minuten-Film über die Kinoorgel im Babylon. Mehr zur DVD: artikel&id=588

trash-tv

2017.trash-tvAnja Rützel plaudert sich auf 100 Seiten durch die Welt des trivialen Fernsehens: DER BACHELOR, BAUER SUCHT FRAU, DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPER-STAR, CASTING, GERMANY’S NEXT TOPMODEL, DSCHUNGELCAMP, BIG BROTHER. Die Autorin weiß viel über die amerikanischen Vorbilder und bekennt: „Es ist Mist, aber ich mag’s“. Ein Blick hinter die Kulissen, teilweise amüsant zu lesen und für RTL-Fans wahrscheinlich Pflichtlektüre. Aber es ist nicht meine Welt. Mehr zum Buch: Trash_TV__100_Seiten

Hamburgische Dramaturgie der Medien

Er war Autor, Regisseur, Pro-duzent und hat deutsche Fern-sehgeschichte geschrieben. Ein neues Buch im Schüren Verlag erzählt in 18 Beiträgen weit-gehend chronologisch das Arbeitsleben von Egon Monk (1927-2007), beginnend mit den Lehrjahren am Berliner Ensemble. Es geht dabei um Institutionen (RIAS Berlin, den NDR, das Deutsche Schauspiel-haus in Hamburg, das ZDF, das Archiv der Akademie der Künste), Mentoren und Freunde (Hans Mayer, Claus Hubalek, Christian Geissler, Walter Jens, Rolf Busch), aber auch um einzelne Projekte, die er realisiert hat (u.a. den Fernsehfilm EIN TAG), die Grundlegung von Fernsehspiel und Fernsehfilm in den 1960er Jahren, das Fernsehen der 1970er Jahre und Monks Einfluss auf die „Zweite Hamburger Schule des Fernsehdokumentarismus“ (Klaus Wildenhahn, Eberhard Fechner). Zu den Autorinnen und Autoren des Bandes gehören u.a. Joan Kristin Bleicher, Heiko Christians, Knut Hickethier, Christian Hißnauer, Karl Prümm, Nicky Rittmeyer, Julia Schumacher, Andreas Stuhlmann und Michael Töteberg. Ihre Texte haben eine hohe Qualität, kommen auch in der zeitlichen Distanz zu neuen Bewertungen und fügen sich zu einem beeindruckenden Bild der kreativen Lebensleistung von Egon Monk, den ich auch persönlich sehr geschätzt habe. Der Band ist in der Reihe „Aufblende“ erschienen und wurde in der Realisierung von der Akademie der Künste unterstützt. Cover: Arbeitsfoto während des Drehs zu WILHELMSBURGER FREITAG. Mehr zum Buch: die-hamburgische-dramaturgie-der-medien.html