Mauern, Grenzen, Zonen

16 Texte über politisch oder sozial geteilte Städte in Literatur und Film, herausgegeben von Walburga Hülk und Stephanie Schwerter im Universitätsverlag Winter. In sieben Beiträgen stehen Filme im Fokus. Bei Stephanie Schwerter geht es um Belfast und Beirut aus der Sicht von Jugendlichen. Die Filme sind TITANIC TOWN (1998) von Michell Roger und WEST BEIRUT (1998) von Ziad Doueiri, die beide in den frühen 1970er Jahren spielen. Auch Angela Vaupel richtet ihren Blick auf Belfast; sie untersucht die Darstellung von Raum und kindlichen Grenzerfahrungen in MICKYBO AND ME (2004) von Terry Loane. Marijana Erstić beschäftigt sich mit dem rituellen Städtemord in Sarajewo bei Theo Angelopoulos (DER BLICK DES ODYSSEUS, 1995) und in Texten des Architekturwissen-schaftlers Bogdan Bogdanović. Gregor Schuhen erinnert an das geteilte Paris in Schwarzweiß in dem Film LA HAINE (1995) von Mathieu Kassovitz. Die erste Hälfte des Films spielt sich in der Banlieue ab, der zweite Teil ist in der Innenstadt von Paris angesiedelt. Christian von Tschilschke äußert sich zu Gated Communities in der Literatur und im Film Lateinamerikas. Bei Daniel Winkler geht es vor allem um die soziopolitischen Spaltungen Marseilles in dem Film L’ARGENT FAIT LE BONHEUR (1993) von Robert Guédiguian. Pierre-Jacques Olagnier und Stephanie Schwerter geben einen Überblick über die Stadt im Science-Fiction-Film. Die Filmbeschreibungen wirken jeweils sehr präzise, die Texte sind sehr informativ und öffnen den Blick über Mauern, Grenzen und Zonen. Mehr zum Buch: Mauern_Grenzen_Zonen/

Es lebe das Kino!

Heute Abend findet in der Akademie der Künste am Pariser Platz ein Gespräch zur Situation des Kinos in Deutschland statt. Unter dem Titel „Es lebe das Kino!“ diskutieren ab 20 Uhr unter der Leitung des SPIO-Präsi-denten Alfred Holighaus der Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe und Vorsitzende der AG Kino Christian Bräuer, der Vorstand der Filmförde-rungsanstalt Peter Dinges, der Produzent und Regisseur Hans W. Geißendörfer, der Betreiber des Kinos „Filmpalette“ Joachim Kühn und die Präsidentin der Akademie der Künste Jeanine Meerapfel. Ich bin gespannt. Foto: „Utopolis Filmtheater“ in Coburg. Mehr zur Veranstal-tung: date=2018-02-06

Ida Lupino

Heute ist ihr 100. Geburtstag zu feiern. Ida Lupino war als Schauspielerin ein Star in Filmen von Michael Curtiz, Raoul Walsh oder Curtis Bern-hardt und stand selbst als Regisseurin hinter der Kamera. Frieda Grafe: „Ihre Filme, die fest verwurzelt sind im Holly-woodsystem, sind gleichzeitig voller Details, vom Rhythmus bis zu Inszenierungseinfällen, die man in Filmen von Männern nie sieht.“ (SZ, 9.10.1984). Ihr ist jetzt, herausgegeben von Elisabeth Bronfen, Ivo Ritzer und Hannah Schoch im Verlag Bertz + Fischer, ein Buch gewidmet, das ihr Leben und Werk angemessen würdigt. Elisabeth Bronfen und Hannah Schoch geben einen Überblick („Ida Lupinos Arbeit am American Dream“). Barbara Straumann informiert über ihre Biografie („Very British: Eine Engländerin in Amerika“). Elisabeth Bronfen richtet ihren Blick auf die Schauspielerin („Ein eigenwilliger Star in Hollywood“). Hannah Schoch äußert sich zur Regisseurin („Die Verhandlerin: Ida Lupino hinter der Kamera“). Fabienne Liptay sieht sie in sozialen Zusammenhängen: vor Gericht, auf dem Balkon, in institutioneller Pflege, auf dem Tennisplatz, im Bus, in der Wüste. Lukas Foerster entdeckt Plansequenzen zwischen Form und Ethik. Johannes Binotto analysiert die Kadrage in Ida Lupinos Regiearbeiten. Ivo Ritzer untersucht die Mettrice-en-scène in ihren Fernseharbeiten. Sieben Texte sind dann Ida Lupinos Kinofilmen gewidmet: NOT WANTET (1949, Beitrag von Hannah Schoch), NEVER FEAR (1949, Morgane A. Gillardi), OUTRAGE (1950, Elisabeth Bronfen), HARD, FAST AND BEAUTIFUL (1951, Elisabeth Bronfen), THE BIGAMIST (1953, Johannes Binotto), THE HITCH-HIKER (1953, Stella Castelli), THE TROUBLE WITH ANGELS (1966, Murièle Weber). Basis für die Publikation war eine Reihe des Filmpodiums Zürich und des Doktoratsprogramms des Englischen Seminars der Universität Zürich. Lesenswerte Texte, Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: idalupino.html

Film und Kindheit

Wie zeigen und inszenieren Filme Kinder? Welche Perspektive und Erfahrung von Kindheit vermitteln Filme? Welche Formen und Ästhe-tiken der Kindheit hat das Medium Film hervorgebracht? Diesen Fragen widmet sich das Forschungsprojekt „Filmästhetik und Kind-heit“. Im Fokus stehen französische Autorenfilme, die seit 1945 entstanden sind, und die sich auffällig häufig Kindern als Protago-nist*innen widmen. Darüber hinaus werden auch Filme des europäi-schen Autorenkinos untersucht, die das Verhältnis von Kino und Kindheit thematisieren, und deutsche Autorenfilme zum Vergleich hinzugezogen, um die kulturspezifischen Besonderheiten von filmi-schen Kindheitsdarstellungen zu berücksichtigen. Ziel ist es, Kindheit jenseits der Konstruktion von Kindheitsbildern auch als eine filmische Erfahrung und als ein ästhetisches Prinzip zu beschreiben und zu untersuchen, ob das Medium Film ein spezifisches Wissen von Kindheit enthält. Das für drei Jahre von der DFG geförderte Projekt ist an der Universität Bremen angesiedelt. Die Projektleitung liegt bei Bettina Henzler. Mehr zur Website: www.filmundkindheit.de

Akira Kurosawa

Beim „Mannheimer Film-seminar“ im Cinema Quadrat, das von Peter Bär initiiert wurde, kooperieren Psychoanalyse und Filmwissenschaft jährlich im Januar und widmen sich dem Werk eines Regisseurs. Die Buchreihe „Im Dialog. Psycho-analyse und Filmtheorie“ dokumentiert die Beiträge und ergänzt sie mit weiteren Texten. Band 14 beschäftigt sich mit dem japanischen Regisseur Akira Kurosawa: „Die Konfrontation des Eigenen mit dem Fremden“. Gerhard Schneider gibt zunächst einen Überblick über die Rezeption der Filme von Kurosawa. Marcus Stiglegger, der 2014 ein Buch über Akira Kurosawa publiziert hat, äußert sich zur Resonanz des Regisseurs im Weltkino. Jörg von Brincken richtet den Blick auf Kurosawas Ästhetik der Gewalt. Elf Beiträge befassen sich mit einzelnen Filmen. Bei Sabine Wollnik geht es um Rettungsversuche im Schatten des Krieges in ENGEL DER VERLORENEN (1948), bei Ralf Zwiebel um filmpsychologische Anmerkungen zu RASHOMON (1950), bei Sascha Schmidt um Individuum, Gemeinschaft und Zeit in DIE SIEBEN SAMURAI (1954), bei Isolde Böhme um die Ästhetik des Unheimlichen in DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD (1957), bei Peter Bär um die Bildgestaltung YOJIMBO (1961), bei Dirk Blothner um den Überlebenskampf in ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE (1963), bei Karsten Visarius um das Unglück in ROTBART (1965), bei Andreas Hamburger um die traumatische Zeitdiagnose in DODESKADEN – MENSCHEN IM ABSEITS (1970), bei Eva Berberich um die Bildgewalt in KAGEMUSHA – DER SCHATTEN DES KRIEGERS (1980), bei Kai Naumann um Chaos und Wahnsinn in RAN (1985), bei Christoph E. Walker um AKIRA KUROSAWAS TRÄUME (1990). Von dem Musikwissen-schaftler Dietrich Stern stammt ein Beitrag zur Musik in den Filmen von Kurosawa, von der Kunsthistorikerin Dorothe Höfert ein Text über die Frage, wie der Betrachter bei Vincent van Gogh und Akira Kurosawa ins Bild kommt. Interessante Lektüre. In diesem Jahr ist das Mannheimer Filmseminar dem Regisseur François Ozon gewidmet. Auf die Publikation bin ich sehr gespannt. Mehr zum Buch: hhp/products_id/2715

Sache/Ding

Es geht in diesem Buch um die ästhetische Leitdifferenz in der Medienkultur der Weimarer Republik. Der Band versammelt Beiträge zu einer internationa-len Tagung und zwei Work-shops, die 2015/16 an der Ludwig-Maximilian-Universität München stattgefunden haben. Den Rahmen der Untersuchung beschreibt ein Einleitungsessay des Mitherausgebers Oliver Jahraus: „Leitdifferenz und Pluralismus“. Ein erstes Kapitel mit acht Beiträgen ist der Ver-sachlichung und Verdingli-chung in der Literatur der Weimarer Republik gewidmet. Fünf Texte beschäftigen sich dann mit der Versachlichung und Verdinglichung im Film. Michaela Nicole Raß unternimmt eine erste Spurensuche. Bei Michael Braun geht es um Erich Kästners Neue Sachlichkeit im Film („Emil vergisst die Schere nicht“). Henry Keazor richtet den Blick auf Versachlichung und Stasis als Zeichen der Kontrolle in Fritz Langs M. Burcu Dogramaci befasst sich mit den Künstlerfilmen von Hans Cürlis („Von schaffenden Händen und sich erschaffenden Werken“). Fabienne Liptay reflektiert über das Werk von László Moholy-Nagy („Film als Ding der Unmöglichkeit“). Das dritte Kapitel informiert über mediale Ästhetiken der Weimarer Republik mit Texten von Sabina Becker („Funktionale Ästhetik und Materialkunst“), Tanja Prokić („Der Diskurs vom Neuen Sehen in der Weimarer Republik“), Rüdiger Görner (Ernst Kreneks „Johnny spielt auf“ als Oper der Intermedialität) und Michaela Nicole Raß („Versachlichung und Verdinglichung als ästhetische Verfahren im Werk von Erich Kästner, in den Illustrationen von Erich Ohser und Walter Trier sowie den Literaturcomics von Isabel Kreitz“). Ein lesenswerter Band mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: WmYY2ukqtW8

„Besorgt mal Filme!“

Eine Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Richard Oehmig untersucht darin den internatio-nalen Programmhandel des DDR-Fernsehens. „Besorgt mal Filme!“ hat Hermann Axen, Mitglied des Politbüros der SED, in einem Telefongespräch mit dem damaligen Intendanten des Deutschen Fernsehfunks Hermann Zilles gefordert. Das war in der Zeit des Kalten Krieges nicht ganz leicht, denn das Programm des DFF, das seit dem 21. Dezember 1952 zu empfangen war, sollte ja den ideologischen Richtlinien entsprechen. Sechzig Geräte in Ostberlin konnten die erste Ausgabe der Aktuellen Kamera sehen, die bis zum 14. Dezember 1990 ausgestrahlt wurde. Oehmig hat für seine Arbeit sehr gut recherchiert, es geht um die Vorstellungen vom Kulturaustausch in der DDR, um den Programmhandel als Kulturtransfer, um die nationalen und internationalen Kontexte des Fernsehens der DDR von 1952 bis 1991. Drei umfangreiche Kapitel stehen im Mittelpunkt der Arbeit: 1. Aufbau und Etablierung. Von der Filmredaktion zum Bereich „Programmaustausch und Film“ (1952-1965). 2. Zwischen Expansion und systemübergreifender Niederlage: Farbfernsehen, Zweiter Kanal und Programmreform (1965-1981). 3. Die Grenzen der Konvergenz. Von der „alternativen Programmgestaltung“ bis zum Ende der DDR (1981-1990/91). Immer geht es dabei um Ost-West-Handelsbeziehun-gen auch in Zeiten starker Konfrontation. Ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des DDR-Fernsehens. Mehr zum Buch: besorgt-mal-filme.html

Ilse Kubaschewski

Sie galt als die erfolg-reichste Verleiherin und Produzentin in der Bun-desrepublik der 1950er Jahre, als das Kino noch ein Publikumsmagnet war. Ilse Kubaschewski (1907-2001) gründete 1949 den „Gloria Film-verleih“ und vier Jahre später die Firma „Diana Film“, die sie kurz darauf in „Divina Film“ umbe-nannte. 1956 eröffnete sie am Münchner Stachus den Gloria-Palast, ein luxuriöses Urauffüh-rungskino mit 800 Plätzen. Die erfolgreichsten Filme ihres Verleihs waren GRÜN IST DIE HEIDE, 08/15 (drei Teile), DIE TRAPP-FAMILIE, DIE TRAPP-FAMILIE IN AMERIKA und DER BRAVE SOLDAT SCHWEJK. Aber sie war auch die Produzentin von NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM (Robert Siodmak), FAUST (Gustaf Gründgens) und DER TRAUM VON LIESCHEN MÜLLER (Helmut Käutner). In seiner Biografie beschreibt Michael Kamp, wie eng ihr Leben mit dem Film verbunden war, wie sie schon in ihrer Jugend in Berlin Stummfilme auf der Violine begleitet hat, wie sie Zugang zur Kinobranche fand und viele ihrer Träume in Erfüllung gingen. Der Autor hat gründlich recherchiert, spart auch das Privatleben von Ilse Kubascheswki und ihre Beziehung zu Luggi Waldleitner nicht aus, kann bei den Abbildungen aus dem Vollen schöpfen und hat mit „Glanz und Gloria“ erstaunlicherweise die erste Biografie über diese „Grande Dame des deutschen Films“ geschrieben. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: ilse-kubaschewski-1907-2001

Jim Jarmusch

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilian-Univer-sität München entstanden ist. Benedikt Feiten untersucht darin „Transnationalität und alternative filmische Erzähl-formen“ im Werk von Jim Jarmusch. Über diesen Regisseur liegen bereits verschiedene Publikationen vor, die unter dem Stichwort „Forschungsstand“ einge-ordnet werden. Bei Feiten stehen Narration und Musik im Fokus. Ihnen sind zunächst spezielle Kapitel gewidmet, in denen das New Hollywood Cinema, der Independent-Film und Transnationalität definiert, Konventionen der Filmmusik alternativen und reflexiven Filmmusiken gegenübergestellt werden. In zwei weiteren Kapiteln werden insgesamt sechs Filme von Jim Jarmusch konkret analysiert: PERMANENT VACATION, STRANGER THAN PARADISE und BROKEN FLOWERS mit Blick auf Verweilorte und Durchquerungen, DOWN BY LAW, NIGHT ON EARTH und GHOST DOG mit der Frage nach kultureller Hybridität und Musik. Der Erkenntnisse des Autors sind vielfältig und aufschlussreich. Da Jim Jarmusch zu meinen Lieblingsregisseuren gehört (seinen bisher letzten Film, PATERSON, finde ich herausragend), habe ich das Buch mit großem Interesse gelesen. Mit kleinen Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: ?c=738

Was ist ein Hype?

Ausgelöst durch den Film TONI ERDMANN von Maren Ade beschäftigt sich das von C. Bernd Sucher herausgegebene Buch mit der Frage, was ein „Hype“ ist. Georg Seeßlen weiß, wie er entsteht, wem er nützt und was er bewirkt. Er sieht den Hype als „Kommunikation und kapitalistische Kulturtechnik“. Dann kommt TONI ERDMANN ins Spiel. Sofia Glasl formuliert eine Selbsterregung („Die lustigste deutsche Komödie, die Sie jemals sehen werden“) und informiert über die Entscheidung bei Filmpreisen. Es folgen Ausschnitte aus Interviews mit Maren Ade und Peter Simonischek. Besonders interessant fand ich das Interview mit Tobias Kniebe über Pressereaktionen in Cannes. Der Produzent Michael Weber wird gefragt, ob Hypes erklärbar sind („Wenn ich das wüsste, würde ich nur solche Filme machen“). Zwei Essays untersuchen „TONI ERDMANN und den Zeitgeist“ (Philipp Bovermann) und „Travestie als Möglichkeitsraum“ (Maximilian Sippenauer). Der Herausgeber C. Bernd Sucher definiert am Ende den Unterschied zwischen Hype und Boom. Mit Abbildungen aus dem Film. Mehr zum Buch: wasisteinhype.html