Werner Herzog

In Berlin beginnt morgen eine kurze, aber intensive Werner-Herzog-Saison. An zwei Abenden ist er in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu Gast und liest dort aus seinem Buch „Die Eroberung des Nutzlosen“, dann wechselt er am 21. ins Kino Arsenal und führt dort in seinen Film DEATH ROW (2012) ein. Am 26. Oktober findet im Museum für Film und Fernsehen ein Symposium über Herzogs neue Filme statt: „An den Grenzen“. Eine gute Gelegenheit, um auf die neue, sehr lesenswerte Werner-Herzog-Biografie von Moritz Holfelder aufmerksam zu machen. Sie ist von Herzog nicht autorisiert worden, weil er bekanntlich sein Leben mit vielen Geheimnissen verknüpft, sich gern selbst stilisiert und natürlich nicht an der biografischen Konkretisierung durch eine ihm fremde Person mitwirken wollte. Holfelder macht daraus sein eigenes Spiel. Er hat sich auf eine persönliche Spurensuche begeben, viele Menschen gefunden, die über Herzog etwas zu sagen haben und sich nicht vom Familienclan vereinnahmen ließen. In Filmen und Interviews hat Herzog selbst sich ja auch sehr konkret geäußert. Aus dem Puzzle ist ein spannendes Buch geworden, zumal der Autor mit der Herausforderung der Wahrheitsfindung spielerisch umgeht. Es gibt acht „Annäherungen“ und vier „Dramolette“, in denen das Material originell verarbeitet wird. Zudem ist es beeindruckend, wie tief Holfelder in seinen Interpretationen in die künstlerische Herzog-Welt eindringt. Auch der Opernregisseur kommt dabei nicht zu kurz. Und die Zeit ab 1995, die Herzog weitgehend in Amerika verbringt, wo er inzwischen viel bekannter ist als in Deutschland, hat dabei einen hohen Stellenwert. Eigentlich kann WH mit dem Buch sehr zufrieden sein, aber Zufriedenheit ist keine zu ihm passende Charaktereigenschaft. Mehr über das Buch: werner-herzog.html

Grace. Die Biographie

50 Seiten Familiengeschichte, 170 Seiten Filmgeschichte, 100 Seiten Fürstengeschichte, 32 Seiten Fotos. Thilo Wydra hat akribisch recher-chiert, und dreißig Jahre nach ihrem Tod liegt jetzt die erste deutsche Biografie von Grace Kelly vor. Sie hatte schreckliche Eltern, nahm ein noch immer geheimnisvolles Ende und hat elf Filme hinterlassen, über die man gern ausführlich informiert wird. Dies tut Wydra intensiv und sensibel, seine Produktionsberichte vor allem zu den drei Hotchock-Filmen sind sehr lesenswert. Auch über die Zusammenarbeit mit Fred Zinnemann und John Ford erfährt man einiges. Alle Fakten wirken sorgsam belegt, vieles hat zwar James Spada schon vor 25 Jahren erzählt, aber ihm war die Filmgeschichte nicht so wichtig. Ein wirklich berührendes Wydra-Kapitel ist der Abschied von „Hitch“ (S. 294-301). Mehr zum Buch: www.aufbau-verlag.de/index.php/grace.html

Michael Althen-Preis

Heute wäre Michael Althen fünfzig Jahre alt geworden. Im Mai 2011 mussten wir von ihm Abschied nehmen und seither denken wir oft an ihn. Die FAZ hat ihm zu Ehren einen Michael-Althen-Preis für Kritik ausgeschrieben, der morgen erstmals vergeben wird. Erste Preisträgerin ist die Berliner Schrift-stellerin und Journalistin Sarah Khan für einen Text über die Fernsehserie DR. HOUSE in der Zeitschrift Cargo. Zur Jury gehören die Schauspielerin Claudia Michelsen, die Regisseure Dominik Graf und Tom Tykwer, der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Schauspieler und Publizist Hanns Zischler. Der Preis ist mit 10.000 € dotiert und wird im Deutschen Theater übergeben. Die Website mit Texten von Michael wird kontinuierlich erweitert, und eines Tages sind dort alle seine wunderbaren Texte zu lesen: http://michaelalthen.de/

Stummfilme in der SZ-Cinemathek

Elf Stumm-filme aus den Jahren 1916 bis 1931 fügen sich zu einer neuen Box der SZ-Cinemathek. Sieben Titel stammen aus Deutschland, drei aus den USA, einer aus der Sowjet-union. Vier Filme liegen erstmals in digitaler Fassung als DVD vor: WHY CHANGE YOUR WIFE? (1920) von Cecil B. DeMille, DIE NIBELUNGEN (1924) von Fritz Lang, FAUST (1926) von Friedrich Wilhelm Murnau und DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT (1929) von Kurt Bernhardt. In den folgenden Wochen werden die Titel mit jeweils einem kurzen Text im Feuilleton der SZ vorgestellt.

Pola

Eigentlich hieß sie Barbara Apolonia Chałupiec, wurde 1897 in Polen geboren, klaute einer Lyrikerin den Namen Negri, kam 1918 als Schauspielerin nach Berlin, wurde durch Ernst Lubitsch zum Stummfilmstar (CARMEN, MADAME DUBARRY, SUMURUN), folgte dem Regisseur 1924 nach Amerika, hatte dort Affären mit Chaplin und Valentino, aber wenig Erfolg im Kino, kehrte 1934 nach Deutschland zurück, drehte mit Willi Forst den Film MAZURKA, fuhr 1938 wieder nach Amerika und beendete dort ihre Karriere. Sie war eine Diva mit vielen Widersprüchen. Die Berliner Autorin Daniela Dröscher (*1977) hat das fiktionale Kapital des Negri-Lebens gespürt und daraus einen Roman gemacht: „Pola“. Er erzählt seine Geschichte – die Suche nach Anerkennung und Erfolg – aus der Perspektive der 1930er Jahre, anfangs in L.A., später weitgehend in Berlin. Zum Personal gehören im ersten Kapitel Marlene Dietrich und Mercedes da Costa, David O. Selznick und Louis B. Mayer, dann geht es, schon auf deutschem Boden, weiter mit Willi Forst, Arnold Pressburger, Emil Jannings, Albrecht Schönhals, dem Kanzler und dem Minister (die Namen Hitler und Goebbels werden ausgespart), mit Polas Mutter Eleonora und mit fiktivem Personal, angeführt von dem jungen, schönen Hermann Braun, mit dem es eine längere Liaison gibt (eine Assoziation zu Maria Braun ist beabsichtigt). Eingeschoben sind Rückblenden in die Kindheit und Jugend. Die eruptiven Gefühle der Hauptfigur bringen sie in Schwierigkeiten mit der Politik, das ist spannend zu lesen. Viele Fakten sind gut recherchiert – und wenn etwas nicht ganz stimmen sollte, kann sich die Autorin darauf berufen, dass es sich ja um einen Roman handelt. Sein Thema ist die Blindheit der Selbstliebe. Und die Welt des Films. Andreas Platthaus hat für die FAZ eine kritische Rezension geschrieben: 11874578.html

Technicolor

Im neuen Heft der Schweizer Zeitschrift Filmbulletin (6/2012) ist ein wunderbarer Aufsatz von Johannes Binotto zu lesen: „Übernatürliche Farbe“. Er handelt von der Ästhetik von Technicolor. Dieses legendäre Farbsystem hatte – nach mehreren Vorläufern – seine große Zeit von Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, beginnend mit BECKY SHARP (1935) von Rouben Mamoulian. Zu den ganz großen Technicolor-Werken gehören THE WIZARD OF OZ (1939) von Victor Fleming, ZIEGFIELD FOLLIES (1945) von Vincente Minnelli, BLACK NARCISSUS (1947) von Michael Powell und Emeric Pressburger, AN AMERICAN IN PARIS (1951) von Vincente Minnelli , SINGIN’ IN THE RAIN (1952) von Stanley Donen und Gene Kelly, MAGNIFICENT OBSESSION (1953) von Douglas Sirk. Meist fungierte Natalie Kalmus als Farbberaterin. Binotto reflektiert am Beispiel dieser Filme über Realität und Übernatürlichkeit der Farben und zitiert mehrfach die farbkompetente Frieda Grafe. Bei der verwendeten Literatur fehlt ein Verweis auf das Buch von Gert Koshofer „Color. Die Farben des Films“ (1988), das die technische Basis vermittelt. Der Aufsatz enthält 62 kleine, aber farbintensive Abbildungen. Und er macht auf die Website von Barbara Flückinger aufmerksam: http://zauberklang.ch/colorsys.php.

Buster Keaton

Heute hat Buster Keaton Geburtstag. Es ist sein 117., es gibt also keinen Grund, ihn besonders zu feiern. Aber da kürzlich bei Zsolnay ein neues Buch über Keaton erschienen ist, kann man die Gelegenheit nutzen, darauf empfehlend hinzuweisen. Klaus Nüchtern (*1961), Kulturredakteur beim Wiener Falter, hat sich – in genauer Kenntnis der umfangreichen vorliegenden Literatur – auf das Stummfilmwerk des amerikanischen Komikers eingelassen, der seit den 1960er Jahren auch in Europa sehr geschätzt wird. THE GENERAL (1925) gilt noch immer als sein Meisterwerk. „Komik in Zeiten der Sachlichkeit“ heißt der Untertitel von Nüchterns Buch. In einem Eingangsessay wird zunächst die Spezifik der Keaton-Kunst und der Buster-Figur entfaltet. Die ersten beiden Kapitel handeln von der Zusammenarbeit mit Roscoe „Fatty“ Arbuckle und von den 19 Kurzstummfilmen. Dann folgen elf äußerst kluge Analysen der Langfilme von OUR HOSPITALITY (1923) bis SPITE MARRIAGE (1929). Und ein letztes, trauriges Kapitel erzählt das Ende von Buster. Die Verfügbarkeit der Filme auf DVD wirkt sich natürlich positiv auf die Genauigkeit der Texte aus. Und Nüchtern hat eine große Fähigkeit, Stilmittel aufzuspüren und ihre Besonderheiten zu vermitteln. Das geschieht nie oberlehrerhaft, sondern mit eigener spürbarer Erkenntnisfreude. So erzielt er eine spezielle Leselust. Am Ende will man die Filme unbedingt wieder sehen. Ein paar Fakten über das Buch: www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-552-05584-1

Die neuen Kriege im Film

Eine Dissertation aus Marburg, betreut von Karl Prümm. Rasmus Greiner (*1983) beschreibt das Phänomen der neuen Kriege, die Medienberichterstattung und die Darstellung im Film an vier Beispielen: Jugoslawien, Zentralafrika, Irak und Afghanistan. Jedes Kapitel ist analog strukturiert: zunächst werden die Bilder der Region in der internationalen Filmgeschichte beschrieben, dann gibt es Chronologie und politische Hintergründe, gefolgt von der Rolle der Medienberichterstattung, und schließlich geht es konkret um die filmische Darstellung. An jeweils zwei oder drei Filmen wird diese dann genauer analysiert. Im Falle Jugoslawien sind es die Filme WELCOME TO SARAJEVO (1997) von Michael Winterbottom, BEHIND ENEMY LINES (2001) von John Moore und NO MAN’S LAND (2001) von Danis Tanovic. Für den Krieg in Zentralafrika stehen BLACK HAWK DOWN (2001) von Ridley Scott, HOTEL RWANDA (2005) von Terry George und BLOOD DIAMOND (2006) von Edward Zwick. Der Irakkrieg ist dargestellt in THE HURT LOCKER (2008) von Kathryn Bigelow, REDACTED (2007) von Brian De Palma und GREEN ZONE (2010) von Paul Greengrass. Der Afghanistankrieg findet in CHARLIE WILSON’S WAR (2007) von Mike Nichols und LIONS FOR LAMBS (2007) von Robert Redford statt. Es handelt sich also weitgehend um bekannte amerikanische Filme. Die Analysen sind, auch mit Blick auf Details, sachkundig und sehr einleuchtend. Mit fast 500 Seiten ein grundlegendes und erkenntnisreiches Buch. Mehr darüber: die-neuen-kriege-im-film-jugoslawien-zentralafrika-irak-afghanistan.html

Kollektive Erinnerung und nationale Identität

Eine Dissertation. Zunächst vertieft sich Gerhard Lüdecker (*1975) in den wissenschaftlichen Diskurs über kollektive Erinnerung und nationale Identität. Das tut er so gründlich, dass erst auf Seite 149, also in der Mitte des Buches, die konkreten Analysen ausgewählter Erinnerungs-filme beginnen. Zunächst wird der Nationalsozialismus behandelt, hier stehen vier Filme im Mittelpunkt: STALINGRAD (1992) von Joseph Vilsmaier, AIMÉE & JAGUAR (1998) von Max Färberböck, SOPHIE SCHOLL – DIE LETZTEN TAGE (2004) von Marc Rothemund und DER UNTERGANG (2004) von Oliver Hirschbiegel. Hinzu kommen verschiedene TV-Eventfilme. Dann geht es um die DDR und die Wiedervereinigung im deutschen Spielfilm nach 1989, beginnend mit DIE ARCHITEKTEN (1990) von Peter Kahane, gefolgt von GO, TRABI, GO (1990) von Peter Timm, WIR KÖNNEN AUCH ANDERS (1993) von Detlev Buck, NIKOLAIKIRCHE (1995) von Frank Beyer, DAS VERSPRECHEN (1994) von Margarethe von Trotta, SONNENALLEE (1999) von Leander Hausmann, DIE STILLE NACH DEM SCHUSS (1999) von Volker Schlöndorff, GOOD BYE, LENIN! (2003) von Wolfgang Becker und DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck. Lüdecker lässt sich intensiv auf die Filme ein, konfrontiert sie mit anderen Titeln, untersucht ihren Bezug zu kollektiver Erinnerung und nationaler Identität. Die Filmliste enthält 200 Titel (leider ist sie nicht als Register genutzt). Die Literaturliste ist umfangreich. Mehr zum Buch:  neu_werke_default_film

Spanische Filme

Zwanzig Filme, beginnend mit L’AGE D’OR (1930) von Luis Buñuel, werden in diesem Band exemplarisch analysiert, in der Mehrzahl stammen sie aus der Nach-Franco-Zeit, die 1975 begann. Aus den 1960er Jahren sind immerhin VIRIDIANA von Buñuel, EL VERDUGO von Luis García Berlanga und LA CAZA von Carlos Saura dabei. Einer meiner Lieblingsregisseure, Almodóvar, ist mit PEPI, LUCI, BOM Y OTRAS CHICAS DEL MONTÓN (1980) und TODO SOBRE MI MADRE (1999) vertreten. Und der jüngste Film, MI VIDA SIN MÍ von Isabel Coixet stammt aus dem Jahr 2003. Spanische und deutsche Autoren, meist Professoren/innen der Romanistik, haben bei diesem Buch eng zusammengearbeitet, koordiniert von dem Regensburger Kulturwissenschaftler Ralf Junkerjürgen (*1969), der vor drei Jahren ein ähnliches Buch über spanische Romane publiziert hat. Wir wissen (ich weiß) zu wenig über das spanische Kino. Da macht so ein Filmführer einen Sinn, weil er die einzelnen Titel in einen größeren – auch politischen – Zusammenhang stellt. Insofern auch ein Beitrag zur europäischen Stabilisierung. Mehr über das Buch: www.esv.info/978-3-503-12201-1.