Hundert Ufa-Stars

2013.Ufa-GesichterEr hat Bücher über Peter Lorre, Karlheinz Böhm und Sybille Schmitz geschrieben und sich speziell mit dem deutschen Film der 1930er, 40er und 50er Jahre beschäftigt. Friedemann Beyer (*1955) beherrscht das Handwerk des Portraitierens. 1991 erschien in der Heyne-Filmbibliothek  sein Buch „Die Gesichter der Ufa“. Jetzt hat er es für eine Neuausgabe überarbeitet: aktualisierte Texte, besserer Druck, anderer Verlag. Hundert Schauspielerinnen und Schauspieler sind hier versammelt, je zur Hälfte Frauen und Männer, jeder Person ist eine Doppelseite gewidmet, links der Text, rechts das Bild. Bei den Frauen beginnt es mit Lida Baarová und endet mit Paula Wessely (Titelfoto: Lilian Harvey), bei den Männern wird die Reihe von Alfred Abel eröffnet,  Mathias Wieman schließt sie. Es gibt ein informatives Vorwort und eine kleine Ufa-Chronik. 99 Portraitierte sind inzwischen tot, nur eine ist noch am Leben: Marta Eggerth. Die in Ungarn geborene Schauspielerin und Sängerin ist 1938 in die USA emigriert und wohnt, 101 Jahre alt, in New York. Mehr zum Buch: ufa/index.html

Luchino Visconti

2013.ViscontiEr gehörte zu den Mitbegründern des italienischen Neorealismus und wurde später einer der Großen des Melodrams. Luchino Visconti (1906-1976) hat 15 Spielfilme gedreht, die meisten in den 1960er und 70er Jahren. Sechs Filme gibt es jetzt in einer schönen Arthaus-Box, drei davon zum ersten Mal als DVD: OSSESSIONE (1942), die Verfilmung des James M. Cain-Romans „The Postman Always Rings Twice“ mit Massimo Girotti und Clara Calamai, LA TERRA TREMA (1947/48), ein fast dokumentarischer Film nach einem Roman von Giovanni Verga mit sizilianischen Laiendarstellern, und BELLISSIMA (1951), nach einer Novelle des Neorealismus-Ideologen Cesare Zavattini mit Anna Magnani als Mutter eines potentiellen Kinderstars. SENSO (1954), Viscontis erster Historienfilm, mit Alida Valli und Farley Granger, wird in einer restaurierten Fassung vorgelegt. ROCCO E I SUOI FRATELLI (1960) mit Alain Delon, Renato Salvatori und Annie Girardot ist Viscontis letzter dem Neorealismus verbundener Film und erzählt eine Familiengeschichte aus Mailand. LUDWIG (1972) blickt zurück ins 19. Jahrhundert und inszeniert die Lebensgeschichte des Bayerischen Königs, der sich vor allem für die schönen Künste (und für Richard Wagner) interessierte. Mit Helmut Berger, Romy Schneider und Trevor Howard. Gute Zeiten, Visconti für die Gegenwart wiederzuentdecken. Mehr zur DVD: luchino_visconti_edition_

Werner Schroeter

2013.Schroeter DVDNun sind, dank der Restaurierungsarbeit des Münchner Filmmuseums, zwei relativ frühe Filme von Werner Schroeter als Doppel-DVD verfügbar: DER BOMBERPILOT (1970) und NEL REGNO DI NAPOLI/ NEAPOLITANI-SCHE GESCHWISTER (1978). Beide Filme handeln in der Kriegs- und Nachkriegszeit, DER BOMBERPILOT in Deutschland, NEL REGNO DI NAPOLI in Italien. Mit Carla Aulaulu, Mascha Elm und Magdalena Montezuma realisierte Schroeter so etwas wie eine Komödie, in der, wie so oft bei ihm, drei Frauen im Mittelpunkt stehen. Sie reüssieren als Künstlerinnen, oft am Rande grotesker Trivialität, zwischen Deutschland und den USA (auch die Amerika-Szenen wurden jedoch in Deutschland gedreht), und auf den titel-gebenden Bomberpiloten wartet man natürlich vergebens. Der Film wurde fürs „Kleine Fernsehspiel“ realisiert und ist relativ unbekannt. Die Geschichte des Geschwisterpaares Massimo und Vittoria aus Neapel erzählt vergleichsweise realistisch das Leben der Stadt zwischen 1944 und 1977. Der Zweistundenfilm ist voll von Haupt- und Neben-figuren, Schicksalen und Todesfällen, gedreht mit Laiendarstellern und einer professionellen Kamera von Thomas Mauch. Die DVD enthält als Bonusmaterial einen Schroeter-Film von 1978 (VIVRE À NAPLES ET MOURIR) und die Dokumentation eines Besuchs von Schroeter im Österreichischen Filmmuseum, ebenfalls 1978. Im Booklet findet man Kommentare von Schroeter zu den beiden frühen  Filmen und einen Text von Fassbinder über Schroeter aus dem Jahr 1979. Weitere Schroeter-Filme sollen in der Reihe „Edition Filmmuseum“ folgen. Mehr zur DVD: Der-Bomberpilot—Nel-Regno-di-Napoli.html

Mit Herz und Auge

UMS2295.inddEs geht um die Liebe im sowjetischen Film und in der Literatur in der Zeit zwischen 1956 und 1990. Natalia Borisova unterrichtet russische Literatur und Sprache an der Universität Konstanz. Geleitet von den kommunikations-theoretischen Ansätzen von Roland Barthes (die Sprache der Liebe), Michel Foucault (der Diskurs der Liebe) und Niklas Luhmann (der Code der Liebe) untersucht die Autorin den Codewandel  in der Sowjetunion vor allem in den 1960er und 70er Jahren. Sie zeigt an vielen Beispielen, wie sich die Regeln des öffentlichen Verhaltens auflösen und dabei ein autonomer Raum für Liebesbeziehungen entsteht. Aber auch diese Liebe folgt oft noch alten Normen. Es sind vor allem die späten 50er und die 60er Jahre, die in Filmbeispielen analysiert werden; dabei stehen DER EINUNDVIERZIGSTE (1956) von Grigori Čuchraj, DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozow, NEUN TAGE EINES JAHRES (1961) von Michail Romm, UND WENN DAS LIEBE IST? (1961) von Julij Rajsman und mehrere Filme von Andrej Michalkow-Končalowskij im Mittelpunkt. Im zweiten Teil der Publikation dominiert die sowjetische Literatur. Auch im letzten Kapitel („Der Krieg der Geschlechter“) bleibt der Film im Hintergrund. Borisovas Erkenntnisse sind auch dann interessant, wenn man die Romane oder Erzählungen nicht gelesen hat. Ihre Hinweise auf WARTE AUF MICH (1943) von Aleksandr Stolper als „Vorgängerfilm“ von DIE KRANICHE ZIEHEN haben mich besonders interessiert. Mehr zum Buch: ts2295/ts2295.php

Judith Kaufmann

2013.Kaufmann2006 bekam sie (als erste Frau) den Marburger Kamerapreis. Monica Bleibtreu hielt damals die Laudatio, es gab das traditionelle mehrtägige Symposium zu ihrer Arbeit und natürlich eine Retrospektive ihrer Filme. Jetzt ist, als Band 8 der „Marburger Kameragespräche“, das Buch über Judith Kaufmann erschienen, und das Warten hat sich gelohnt. In sechs Texten wird ihre herausragende Arbeit sehr konkret analysiert: Marli Feldvoß schreibt über die Strategien der Kamera in SCHERBENTANZ (2002) von Chris Kraus, Karl Prümm charakterisiert die Bildgestaltung in ERBSEN AUF HALB 6 (2004) von Lars Büchel, Andreas Kirchner nimmt die Bilder von FREMDE HAUT (2005) von Angelina Maccarone unter die Lupe, Bernd Giesemann untersucht Aspekte der überwältigenden Bildästhetik in VIER MINUTEN (2006) von Chris Kraus, Annett Müller beschreibt die Kameraarbeit in DIE FREMDE (2010) von Feo Aladag und Rasmus Greiner widmet sich Kaufmanns Fernseharbeiten. Außerdem sind Gespräche von Marli Feldvoß, Martin Langer, Karl Prümm und Astrid Pohl mit Judith Kaufmann dokumentiert. Und sie selbst kommentiert drei exemplarische Sequenzen ihrer Filme WER WENN NICHT WIR von Andreas Veiel, THE LOOK von Angelina Maccarone und ZWEI LEBEN von Georg Maas aus den Jahren 2011/12. Biografie und Filmografie schließen den Band ab, der nach einem Vorwort mit der Bleibtreu-Laudatio beginnt. Viele, zum Teil farbige Abbildungen. Ein Muss für jeden, der sich für Kameraarbeit interessiert. Mehr zum Buch: judith-kaufmann.html

Die Erfindung von Hollywood

2013.Selig 2Filmgeschichte lässt sich auch literarisch erzählen. Christine Wunnicke (*1966) ist eine kluge, sprach-sensible Münchner Autorin, die uns noch einmal in Erinnerung ruft, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das damals sehr entlegene Hollywood als Filmstadt entdeckt wurde. Einerseits geht es dabei um Wetter-verhältnisse, anderer-seits um das Macht-spiel zwischen dem Filmproduzenten William Selig und dem Regisseur Francis Boggs. Selig fühlt sich Chicago verbunden und will dort auch die Regenzeiten aussitzen. Boggs zieht es aus Vernunftgründen ins sonnige Kalifornien. Letzten Endes gewinnt er den Kampf. Aber der Preis dafür ist hoch: er wird – und das ist historisch verbürgt – von dem Gärtner Frank Minematsu erschossen. Auf hundert Seiten wird diese Geschichte, unterbrochen von kurzen zeitgenössischen Zitaten, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und bekommt zeitweise eine filmische Dimension. Im Hintergrund spielen auch die Patentrechte von Thomas Edison eine Rolle, und am Rande taucht der Universal-Gründer Carl Laemmle auf. Wohlgemerkt: kein Sachbuch, sondern ein kleiner biografischer Roman. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: programm/selig-boggs/

Inszenierung des Alter(n)s

2013.Inszenierung Alter 2Dies ist eine Magisterarbeit aus dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig (Prof. Rüdiger Steinmetz): interessant in der Themenwahl, komplex in der Analyse. Nina Alexandra Roser untersucht die Darstellung von Senioren in deutschen Kino-spielfilmen von 1999 bis 2009. Sechs Titel stehen bei ihr im Mittelpunkt: JETZT ODER NIE – ZEIT IST GELD (2000) von Lars Büchel, SCHULTZE GET THE BLUES (2003) von Michael Schorr, KIRSCHBLÜTEN – HANAMI (2008) von Doris Dörrie, WOLKE 9 (2008) von Andreas Dresen und DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR ALT AUS! (2009) von Leander Haußmann. Die Filme werden einer quantitativen und qualitativen Analyse unterzogen; dabei geht es um die Identität der Hauptfiguren, um Familie, soziale Netzwerke, Partnerschaft und Sexualität, Leiblichkeit, Professionalität, materielle Situation, Wohnsituation und psychologische Aspekte. Die Filmfiktionen werden realen Erkenntnissen gegenübergestellt. Natürlich ist Andreas Dresen so etwas wie der Gewinner. Der Anhang enthält Sequenzprotokolle der sechs Filme inklusive einer Feinanalyse, eine internationale Filmliste von Senioren als Filmprotagonisten von 1999 bis 2009, eine Liste der 120 in der Arbeit angeführten Filme und eine umfangreiche Literaturliste (268 Titel). Die Autorin betont ihre Leseleistung, indem sie alle Autorennamen in Versalien schreibt. Das macht die Lektüre manchmal etwas mühsam. Der Verzicht auf Abbildungen ist zu akzeptieren. Mehr zum Buch: www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,1387

Der italienische Neorealismus

2013.GlasenappIm vergangenen Jahr hat der Bamberger Germanist Jörn Glasenapp eine umfangreiche Monografie über Michelangelo Antonioni herausgegeben (michelangelo-antonioni/), jetzt stellt er als alleiniger Autor Antonioni in den Zusammenhang des italienischen Neorealismus, der bis heute als die wichtigste filmische Erneuerungsbewegung nach 1945 bewertet wird. Glasenapp folgt den definitorischen Spuren vor allem von André Bazin („Der filmische Realismus und die italienische Schule nach der Befreiung“, 1948) und den neueren Überlegungen von Gilles Deleuze („Das Zeit-Bild“, 1985). Vier Filme stehen dabei im Mittelpunkt der Analysen: I VITELLONI (1953) von Federico Fellini, ACCATTONE (1961) von Pier Paolo Pasolini, LA NOTTE (1961) von Michelangelo Antonioni und IL CASANOVA (1976) von Fellini. Natürlich fungieren De Sicas LADRI DI BICICLETTE und andere Klassiker des Neorealismus als Vergleichsfilme und auch zur französischen Nouvelle Vague werden Bezüge hergestellt. Glasenapp hält sich eng an sein theoretisches System, aber es ist sehr lesenswert, wie er einzelne Szenen beschreibt und interpretiert. Das animiert dazu, die Filme mal wieder zu sehen. Die 64 Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5538-3.html

Gustaf Gründgens

2013.Gründgens2Im September 1963, also demnächst vor fünfzig Jahren, starb auf einer Weltreise in Manila der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens im Alter von 63 Jahren. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Theaters in der Zeit der Weimarer Republik, unter der Nazi-Herrschaft und in der frühen Bundesrepublik. Seine Nähe zu Hermann Göring wurde zu einer großen Hypothek, andererseits verhalf ihm die Fürsprache jüdischer Exilanten später zur Entnazifizierung. Er war eine Persönlichkeit, die polarisierte. Der Autor (und promovierte Theaterwissenschaftler) Thomas Blubacher hat bereits 1999 und 2011 zwei Anläufe zu einer Gründgens-Biografie genommen, jetzt ist ihm so etwas wie eine definitive Fassung gelungen. Sie ist hervorragend recherchiert, gut lesbar und weicht auch den Ambivalenzen des privaten Gründgens nicht aus. Beginnend mit dem ziemlich geheimnisvollen Tod wird das Leben von GG weitgehend chronologisch erzählt. Viele frühere Kolleginnen und Kollegen kommen zu Wort. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich auch die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Filmarbeit von Gründgens tritt gegenüber der Theaterarbeit etwas in den Hintergrund. Immerhin hat er in 28 Filmen mitgespielt und bei fünf Filmen auch Regie geführt. Als Schränker in M (1931) von Fritz Lang und als Baron von Eggersdorf in LIEBELEI (1933) von Max Ophüls ist er unvergesslich. Blubacher erzählt ein ungewöhnliches Künstlerleben im Spannungsfeld deutscher Geschichte und psychischer Individualität. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 0.6.7.8.0.1

Hitchcock und die Künste

2013.Hitchcock+KünsteDer Herausgeber Henry Keazor (*1965) ist Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg. Im Winter 2011/12 hat er in Saarbrücken eine Ringvorlesung über Hitchcock und die Künste veranstaltet, deren Vorträge hier gesammelt sind. Eine lohnende Lektüre. In den Texten geht es um Hitchcock und seine Literaturadaptionen (Barbara Damm), um das Londoner Theater der 1920er und 30er Jahre (Beatrix Hesse), den MARNIEschen Blick auf Vermeer (Thierry Greub), die Gebäude in Hitchcock-Filmen (Steven Jacob), Hitchcocks Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik (Claudia Bullerjahn), um Choreografien von Traumata (Katja Erdmann-Rajski), Hitchcocks Filme im Spiegel zeitgenössischer Videoinstallationen (Ursula Frohne), um Korrelationen zwischen Essen, Sexualität und Tod in H.’s Filmen (Gregor Weber), um Fisch-Frauen (Anne Martinetti, unterstützt vom Herausgeber; mit Fisch-Rezepten) und um Angstlust als psychische Wirkung der Filme (Alf Gerlach). Keazor hat eine umfängliche Einleitung beigesteuert und ein Gespräch mit dem Künstler Benjamin Samuel über sein Werk Hitchcock30 geführt, das im Frankfurter Filmmuseum ausgestellt war. Die Abbildungen des Buches, oft sehr klein, sind hervorragend gedruckt. Wer noch mehr über Hitchcock und die Kunst erfahren will: 2001 erschien in Montreal ein Katalog zur Ausstellung „Hitchcock and Art“, herausgegeben von Dominique Paini und Guy Cogeval. Mehr zum Buch von Keazor: hitchcock-und-die-kuenste.html