Die 1950er Jahre

Eine Doppelnummer der Marburger Hefte zur Medienwissenschaft widmet sich den 1950er Jahren in der Bundesrepublik und der DDR. Irmbert Schenk fungiert hier als Gast-Herausgeber und formuliert in seinem Vorwort den Anspruch der Publikation: „Blitzlichter“ auf unterschiedliche, symptomatische Erscheinungen von Film und Fernsehen zu werfen. Knut Hickethier benennt in seinem Beitrag vor allem die Desiderata der Geschichtsschreibung zu den Einzelmedien. Andreas Kötzing erinnert an den „Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen“. Heinz-B. Heller thematisiert Rezeptionsaspekte des internationalen Films im westdeutschen Kino. Francesco Bono sieht den westdeutschen Film aus italienischer Perspektive. Schenk beschreibt generelle Aspekte des Kinos der Zeit. Gerhard Lüdeker konzentriert sich auf die Filmtrilogie 08/15. Günter Agde analysiert Gerhard Kleins Filmarbeit am Beispiel BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER. Weitere Beiträge stammen von Jonas Wegerer (Rezeption des Western), Sarah Kordecki (Rundfunkmedien im Heimatfilm), Stefanie Mathilde Frank (Remakes), Wolfgang Mühl-Benninghaus (Deutsch-deutsche Unterhaltung in der Nachkriegszeit), Peter Hoff (DDR-Fernsehunterhaltung) und Matthias Steinle (Geschichtsbilder im Kalten Krieg). Am Ende: eine sehr brauchbare Literaturliste zu den Medien der 1950er Jahre. Mehr zur Zeitschrift: medien-der-1950er-jahre-brd-und-ddr.html

Die Reise

Die Reise ist ein beliebtes Motiv des Films in allen Jahrzehnten. Ob zum Mond, nach Tilsit oder Tokio, nach Wien oder Sundevit – die Kinobesucher lassen sich mitnehmen. Mehr als neunzig Reise-Filme nennt das „Lexikon des Internationalen Films“ unter dem Buchstaben R. Marie-Therese Mäder untersucht in ihrer Dissertation einen speziellen Aspekt: die Suche nach Orientierung, genauer: nach kultureller und religiöser Identität. Sechs Filme aus den Jahren 2001-07 werden von ihr analysiert: Bei LE GRAND VOYAGE (2004) von Ismael Ferroukhi und BAB’AZIZ – LE PRINCE QUI CONTEMPLAIT SON AME (2007) von Nacer Khemir geht es um Reisen innerhalb religiöser Traditionen, AUF DER ANDEREN SEITE (2007) von Fatih Akin und Y TU MIMÁ TAMBIÉN (2001) von Alfonso Cuarón schildern die Reise als Neuanfang bzw. letzte Reise, SCHULTZE GETS THE BLUES (2003) von Michael Schorr und LITTLE MISS SUNSHINE (2006) von Jonathan Dyton und Valerie Faris erzählen von Reisen als tragikomischer Sinnsuche. Die Autorin untersucht Transformationsprozesse, beginnt bei den Pilgerreisen und endet beim Tourismus. Das Verhältnis von Raum und Zeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Dissertation wurde 2012 mit dem Jahrespreis der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet. Mehr zum Buch: die-reise-als-suche-nach-orientierung.html.

Edgar Reitz 80

Heute wird der deutsche Regisseur Edgar Reitz achtzig Jahre alt. Zunächst einmal assoziieren wir: HEIMAT. Die elf Teile der ersten Chronik aus den Jahren 1981-1984 waren ein fernseh-historisches Ereignis und machten den fiktiven Ort Schabbach berühmt. DIE ZWEITE HEIMAT (13 Teile), entstanden 1988 bis 1991, blickte zurück auf die 1960er Jahre in der Bundesrepublik, speziell in München. HEIMAT 3, gedreht 2002/2003, war eine Reminiszenz an die 1990er Jahre im geeinten Deutschland. Nun warten wir auf DIE ANDERE HEIMAT. Aber es ist auch an den jungen Filmregisseur Reitz zu erinnern, an MAHLZEITEN (1966), DIE REISE NACH WIEN (1973) und STUNDE NULL (1976/77). Auch hier sind authentische Geschichten mit konkreten Orten verbunden und Reitz hatte – trotz seiner engen Zusammenarbeit mit Alexander Kluge – eine ganz eigene Handschrift. Demnächst wird er im neuen Heft der Film-Konzepte gewürdigt, und am 15. November findet im Schloss Bellevue ein HEIMAT-Abend des Bundespräsidenten statt. Mehr über Edgar Reitz: www.edgar-reitz.com/biografie.html

Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms

François Niney, Philosoph, Filmkritiker, Hochschullehrer an der Sorbonne Nouvelle, Dozent an der Femisund Dokumentarfilmregisseur, ist in Deutschland kaum bekannt. Da macht es Sinn, ihm eine Plattform für die Reflexion über dokumentarische Filmarbeit zu bieten. Heinz-B. Heller und Matthias Steinle sind die Herausgeber eines Buches, das durchaus mehr ist als ein traditionelles Q&A-Spiel. Niney, mit der Geschichte des amerikanischen und des französischen Dokumentarfilms sehr vertraut, nutzt fünfzig Fragen für ein umfassendes Panorama einer fast puristischen Dokumentarfilmphilosophie. Es sind kluge und originelle Fragen darunter (Welche Beziehung besteht zwischen vergehender Zeit und gefilmter Zeit? Was heißt Modulation? Haben die Bilder eine Rückseite? Was sagen die Tiere dazu?). Die Stärke des Buches: generelle Abgrenzungen, Definitionen, Vertiefungen. Seine Schwäche: Niney weiß zu wenig von der deutschen Dokumentarfilmgeschichte, und seine pauschale Kritik am Fernsehen hat mit unserer Realität der vergangenen fünfzig Jahre wenig zu tun. Das wird an den Nachfragen von Heller und Steinle (statt eines Epilogs) deutlich. Mehr zum Buch: die-wirklichkeit-des-dokumentarfilms.html

Steven Spielberg

Vor dreißig Jahren kam sein Film E.T. in die Kinos, und der Erfolg hatte eine fast außerirdische Dimension. Es war ein poetischer, visionärer Film. Steven Spielberg (*1946) hatte in den 1980er und 90er Jahren seine beste Zeit als Regisseur in sehr verschiedenen Genres, und spätestens seit SCHINDLER’S LIST (1993) wurde er auch von der Kritik anerkannt. Im Dezember kommt sein neuester (28.) Film ins Kino: LINCOLN, ein Historiendrama. Der Filmpublizist Richard Schickel hat jetzt ein schönes und bilderreiches Buch über Spielberg veröffentlicht, in dem die Kreativität dieses großen Regisseurs gewürdigt wird. Es ist keine Biografie (Spielbergs Privatleben wird weitgehend ausgespart), sondern die kenntnisreiche Passage durch ein Lebenswerk. In den brillanten Farbfotos werden viele persönliche Erinnerungen an die Filme lebendig. Zitate aus Spielberg-Gesprächen mit Schickel liefern Produktionshintergründe und konkretisieren den Text. 1985 habe ich zusammen mit Antje Goldau ein Buch über Spielberg publiziert. Er hatte damals gerade mal sieben Filme gedreht. Hier ist das Vorwort: steven-spielberg/. Wie schön, dass es jetzt ein neues Buch gibt, das der Bedeutung des Regisseurs gerecht wird. Spielberg selbst hat ein Vorwort geschrieben. Mehr zum Buch: steven-spielberg/index.html

James Bond Archiv

Am kommenden Donnerstag kommt der neue James Bond-Film SKYFALL in unsere Kinos. Und weil die Titelfigur inzwischen auf ein fünfzig-jähriges Filmleben zurückblickt, wird dies ausgiebig gefeiert, zum Beispiel mit speziellen Publikationen. An Gewicht und Volumen nicht zu übertreffen ist der bei Taschen erschienene Band „The James Bond Archives“: 600 Seiten im Format 41 x 30 cm. Nach Bergman, Kubrick und Almodóvar steht diesmal nicht ein Regisseur im Mittelpunkt, sondern ein Genre. 23 Bond-Filme gibt es inzwischen. Der Herausgeber Paul Duncan hat die Archive der Produktionsfirma EON durchforstet, mehr als 1.000 Fotos ausgewählt und mit Dokumenten verbunden, die bisher unveröffentlicht waren: Aktennotizen, Alternativentwürfe, Storyboards, Modelle. Duncan konnte mit Regisseuren, Schauspielern, Scriptautoren, Ausstattern, Tricktechnikern und Stuntmen sprechen. Ein klassisches Stück Oral-History, die von DR. NO (1962) bis SKYFALL (2012) reicht. Englische Originalausgabe mit deutscher Übersetzung in einem Beiheft. Mehr zum Buch: james_bond_archiv.htm

DER ALTE FRITZ

Das Friedrich-Jahr (300. Geburtstag) geht langsam zu Ende, die Ausstellungen sind weitgehend ausgelaufen. Ein guter Zeit-punkt für die DVD von DER ALTE FRITZ, einem zweiteiligen Film aus den Jahren 1927/28, also aus der späten Stummfilm-zeit. Regie: Gerhard Lamprecht, der mit den BUDDENBROOKS bekannt wurde, mit seinen Zille-Filmen das Genre des proletarischen Films mitbegründet hatte und nun einen sehr differenzierten Blick ins höfische Leben wirft. Der Film konzentriert sich auf die Jahre ab 1762 und endet mit Friedrichs Tod 1786. Lamprecht und sein Autor Hanns Torius vermeiden vaterländische Stilisierungen, sie erzählen relativ komplex von den gesellschaftlichen Strukturen des späten 16. Jahrhunderts. Natürlich haben sie einen zentralen Protagonisten, der wieder von Otto Gebühr gespielt wird, aber es fehlt das Pathos und es überwiegt der angestrebte Realismus. Man muss sich für das Anschauen des Films Zeit lassen, seine Spieldauer: fünf Stunden, 19 Minuten. Musikalisch begleitet auf der Welte-Kinoorgel des Filmmuseums Potsdam. Mehr zur DVD: thema&list_item=53

DIE VERMESSUNG DER WELT

Morgen kommt der Film DIE VERMESSUNG DER WELT von Detlev Buck in die deutschen Kinos. Ich habe ihn noch nicht gesehen, viel über ihn gelesen und sehe ihm mit Spannung entgegen. Die sehr positive Kritik von Kerstin Decker im Tagesspiegel hat mir gut gefallen, die Texte von Peter Körte (FAS) und Wolfgang Höbel (Der Spiegel) sind ernsthafte Auseinandersetzungen. Mein Respekt vor der Filmarbeit von Detlev Buck ist groß (detlev-buck-und-seine-filme/). Michael Töteberg hat zusammen mit Wenka von Mikulicz ein sehr schönes Buch zum Film herausgegeben. Es enthält das Drehbuch von Kehlmann, Buck und Daniel Nocke, Storyboards von Agi Dawaachu, Beobachtungen bei Dreharbeiten von Wenka von Mikulicz (in Görlitz) und Willi Winkler (in Ecuador), ein Gespräch von Willi Winkler mit Kehlmann und Buck, eine Reflexion von Jan Distelmeyer über 3D und viele Fotos. Mehr zum Buch: Die_Vermessung_der_Welt.2771774.html

Mamoulian/Borzage

Zwei interessante, aber nicht gerade populäre amerikanische Regisseure werden im neuen Band der Film-Konzepte miteinander verbunden: Rouben Mamoulian (1897-1987) und Frank Borzage (1894-1962). Immerhin sind sie in den letzten Jahren dank DVD aus dem Schatten der Vergessenheit getreten. Armin Jäger als Gastherausgeber stellt im Vorwort die Verwandtschaften zwischen ihnen her. In jeweils vier Aufsätzen werden spezielle Genrevorlieben, zum Beispiel Borzages stumme Melodramen (Autor: Thomas Koebner) und Mamoulians Musicals (Thomas Köhler), Themen (Das Schicksal des kleinen Mannes in Borzages frühen Tonfilmen; Lewis Beer), der Umgang mit Schaupielern (Starregisseur Mamoulian und seine Filmdiven; Armin Jäger), die Darstellung der Liebe im Krieg (in Borzages A FAREWELL TO ARMS und TILL WE MEET AGAIN; auch Armin Jäger), Mamoulians Inszenierungsstil (Robert Müller), sein innovatives Spiel mit Genrekonventionen (Claudia Mehlinger) und Borzages Ausflug in den Film noir (MOONRISE, Jasmin Kaiser) analysiert. In den Texten zeigen sich wieder Qualitäten der „Mainzer Schule“: Anschaulichkeit und Konkretion. Mehr zum Heft: neu_werke_default_film. Und ein kleiner Verweis auf einen eigenen Mamoulian-Text: 1987/02/applaus-rouben-mamoulian/

Auslassen – Andeuten – Auffüllen

Was können Filmemacher ihren Zuschauerinnen und Zuschauern zutrauen und zumuten? Wie aktiv ist deren visuelle und auditive Imaginationsfähigkeit? In der Filmwissenschaft war das bisher nicht gerade ein zentrales Thema. Auf einer Tagung im Dezember 2010 in Berlin wurden ein paar Grundlagen gelegt. In 13 Texten liegen sie jetzt als Publikation vor. Schon die sehr instruktive Einleitung von Julian Hanich macht deutlich, mit wie vielen Begriffen hier operiert wird, wie unendlich viele Filmbeispiele aus allen Bereichen des Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilms als Belege fürs Auslassen, Andeuten und Auffüllen herangezogen werden können. Christine N. Brinckmanns brillanter Essay über „Paradoxien der Zeitraffung“, Britta Hartmanns Überlegungen „Zur kommunikativen Konstellation im Dokumentarfilm“ (verbunden mit einem Text von Ursula von Keitz über „Referenz und Imagination“) und Fabienne Liptays Brücke zur Kunstgeschichte sind die für mich interessantesten Beiträge. Unbedingt lesenswert sind auch Jens Eders Gedanken zur „Transmedialen Imagination“ und Julian Hanichs Erfahrungen mit Lesern und Zuschauern bei Literaturverfilmungen. Die Titelzahl 24 verweist subtil auf die Bildgeschwindigkeit pro Sekunde. Bei Godard ist das mit der Wahrheit verbunden. Mehr über das Buch: www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5398-3.html