Rosa 70

Morgen wird Rosa von Praunheim 70 Jahre alt. Dazu gratuliere ich ihm herzlich. Eigentlich feiert er seinen Geburtstag bereits seit vier Wochen. Er hat hart dafür gearbeitet, 70 neue Filme gedreht, die bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurden, jetzt in seiner Begleitung durch die großen europäischen Städte touren und in einschlägigen Fernsehprogrammen (rbb, wdr, arte) gezeigt werden. Gestern fand eine Gala im Kino Babylon in Berlin statt, es wurde zunächst die wunderbare Hommage ROSAKINDER von Tom Tykwer, Chris Kraus, Julia von Heinz, Robert Thalheim und Axel Ranisch gezeigt, dann ausgelassen gefeiert, wie es für dieses Geburtstagskind angemessen ist. Heute wird im Haus am Lützowplatz die Ausstellung „Rosa von Praunheim: Rosen haben Dornen“ eröffnet. Am 29. erscheint sein neues Buch „Ein Penis stirbt immer zuletzt“ mit Zeichnungen, Gedichten und sieben Kurzgeschichten (www.martin-schmitz-verlag.de). Und die 70 Filme sind als DVD-Box erhältlich (www.basisfilm.de ). Rosa ist präsent, es gab eine schöne tip-Titelgeschichte, in allen Zeitungen wird er gefeiert. Über seinen 80. Geburtstag will er noch nicht sprechen.

Filmräume, Leinwandträume

Seit sieben Jahren stellen Psycho-analytiker im Filmhaus, dem kommunalen Kino der Stadt Saarbrücken, regelmäßig Filme ihrer Wahl vor, denen jeweils eine Analyse folgt. Die Reihe ist sehr erfolgreich und wird inzwischen von anderen Kommunalkinos nachgeahmt. 15 Filme werden im vorliegenden Buch beispielhaft aus psychoanalytischer Sicht interpretiert, darunter ein Stummfilm (ORLACS HÄNDE, 1924). Als Gruppenarbeit von Dozenten und Studenten wird der amerikanische Film SEVEN von David Fincher aufgeschlüsselt. Drei neuere deutsche Filme sind in der Auswahl dabei: DER HIMMEL ÜBER BERLIN von Wim Wenders, GEGEN DIE WAND von Fatih Akin und YELLA von Christian Petzold. Natürlich fehlt Hitchcocks SPELLBOUND nicht. Interessant fand ich auch die Analysen von JEREMIAH JOHNSON (Sydney Pollack) und UP IN THE AIR (Jason Reitman). Die Diplompsychologin Christine Pop ist als Koordinatorin der Reihe tätig. Man kann sich einen zweiten Band gut vorstellen. Mehr zum Buch: php?p_id=2206.

James Gray

Das Werk des amerikanischen Regisseurs umfasst gerade mal vier Filme, da braucht’s für ein Buch noch keine hundert Seiten. Aber eine Beschäftigung mit James Gray (*1969) lohnt sich. Reinhold Zwick, Theologe an der Uni in Münster, schreibt über LITTLE ODESSA (1994). Es geht um die Rückkehr des verlorenen Sohnes und um Gnade. David Gaertners Sequenzanalysen von THE YARDS (1999) öffnen die emotionalen Potentiale des Films. Herbert Schwaab nimmt die Verfolgungsjagd in WE OWN THE NIGHT (2007) zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Inversion bei Gray. Silke Roesler-Keilholz untersucht die Medien-Räume in TWO LOVERS (2008) und verortet Gray im gegenwärtigen unabhängigen Kino der USA. Dazwischen: ein langes Interview mit dem Regisseur von Sascha Keilholz, in dem die Denkweisen und Arbeitsprinzipien deutlich werden. Mehr zum Buch: zwischen-naehe-und-distanz.html.

Emil Jannings

Diese Biografie war überfällig, denn Jannings war einer der großen Darsteller des deutschen Films, spielte Hauptrollen in vielen Klassikern des deutschen Stummfilms, eine Hollywood-karriere scheiterte mit Beginn des Tonfilms, er schaffte dann mühelos den Übergang vom Weimarer Kino zum NS-Film, hatte eine Nähe zu Hitler und Goebbels, war aber vor allem eins: ein Schauspieler mit hohen Ansprüchen an sich selbst, seine Autoren, Regisseure und Mitspieler. Ja, er war wohl der erste deutsche Weltstar, gehörte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu den Großen in Hollywood, erhielt als erster Schauspieler 1929 einen Oscar (die Statuette steht im Berliner Museum für Film und Fernsehen) und stellte sich in den 30er Jahren mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Naivität ins politische Zwielicht. Frank Noack (*1961), Filmpublizist in Berlin, hat das Leben von Jannings sorgfältig rekonstruiert, 773 Anmerkungen und Quellenverweise zeugen von einer intensiven Recherche. Stärken und auch Schwächen dieses Schauspielers werden an seinen wichtigsten Filmen herausgearbeitet. Das liest sich gut, vor allem wenn einem die vielen zitierten Personen und genannten Filme der Zeit vertraut sind, es kommt der Ambivalenz des Protagonisten sehr nahe und fordert so etwas wie eine späte Gerechtigkeit. Der Anhang enthält natürlich eine umfängliche Theatro- und Filmografie, Fotos in akzeptabler Qualität, aber kein Register. Das Titelbild gefällt mir, weil es gegen das Jannings-Klischee ausgewählt wurde. Mehr zum Buch: titel536.html. Heute Abend findet im Museum für Film und Fernsehen eine Präsentation des Buches statt.

MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK

Mit bewun-dernswerter Regelmäßig-keit sendet arte – wenn auch zu später Stunde – Stummfilme in restaurierter Fassung mit Orchester-begleitung. Heute: MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) von Piel Jutzi, ein Klassiker des prole-tarischen Films mit Alexandra Schmitt in der Titelrolle, Holmes Zimmermann, Ilse Trautschold und Gerhard Bienert. Erzählt werden Zille-Geschichten, in denen das Wohnungselend in Berliner Proletariervierteln angeprangert wird. Mutter Krause, die Zeitungsbotin, nimmt sich am Ende das Leben, nachdem ihr Sohn Paul die Abonnementsgelder veruntreut hat. Ein naturalistisches Melodram. Die Musik von Michael Gross wurde 2012 eingespielt. Die Restaurierung des Films übernahm das Münchner Filmmuseum. Mehr zum Film: 6564648.html.

Peter Greenaway

Micha Braun hat mit dieser Dissertation an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissen-schaften der Universität Leipzig promoviert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die seltsame Figur Tulse Luper, die in Greenayways Monumentalwerk THE TULSE LUPER SUITCASES (2004) eine zentrale Rolle spielt, aber auch in anderen Filmen auftaucht. Luper, Experte für Vogelkunde, Landschaftsgestaltung und Kartografie, hat eine Vorliebe für Statistiken, Listen und Sammlungen, archiviert in 92 Koffern die seltsamsten Dinge, schreibt Essays, dreht Filme, zeichnet, und ist auch für seinen Schöpfer Greenayway eine ambivalente, vielleicht sogar obskure Figur. Da muss ein Autor mit einem komplexen Wissenschafts-verständnis und hoher Affinität zur Kunst an die Arbeit gehen, um in dem labyrinthischen Versteckspiel interpretierbare Befunde zu machen und dabei nicht den Überblick zu verlieren. Braun strukturiert, analysiert, stellt Vermutungen an und macht am Ende neugierig. Vor dieser Leistung habe ich großen Respekt, auch wenn mir viele Erkenntnisse fremd bleiben. Für Greenaway-Anhänger ist das Buch sicherlich Pflichtlektüre. Mehr zum Buch: ts2123.php.

Michelangelo Antonioni

Vor sieben Wochen wurde er gewürdigt, weil sein 100. Geburtstag zu feiern war. Mit etwas Verspätung ist jetzt ein Buch erschienen, das man durchaus als Festschrift bezeichnen kann. In zwölf Texten wird das Werk vom Michelangelo Antonioni in Erinnerung gerufen. Daniel Illger verbindet die frühen Filme mit dem amerikanischen Gangstergenre. Claudia Öhlschläger entdeckt in IL GRIDO Re-Konfigurationen der Heiligen Familie. Von Jörn Glasenapp, dem Herausgeber, stammt eine sehr komplexe und lesenswerte Analyse von LA NOTTE. Michaela Krützen zieht originelle Verbindungslinien zwischen L’ECLISSE, Leo McCareys AN AFFAIR TO REMEMBER (1957) und Nora Ephrons SLEEPLESS IN SEATTLE (1993). Mit Hollywood-Dramaturgien kennt sich die Autorin bestens aus. Judith Wimmers versucht eine Neusichtung von L’ECLISSE mit Hilfe der „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel. Georgiana Banita unternimmt einen Schnitt durch Antonionis Filme auf der Suche nach dem Rohstoff Öl. Sie fördert Erstaunliches zutage. Elisabeth K. Paefgen vergleicht die Fotografenfilme BLOW UP, REAR WINDOW (1954) von Hitchcock und PEEPING TOM (1959) von Michael Powell. Uta Felten entdeckt in einem sehr theoretischen Diskurs Denkfiguren im Kino von Antonioni. Oliver Fahle analysiert ZABRISKIE POINT als anthropologisches Road Movie. Und Lisa Gotto beschließt den Band mit ihrer Lesart von JENSEITS DER WOLKEN. Fast alle Texte auf hohem Niveau. Die Abbildungen (schwarzweiß) sind zum Teil hilfreich, bei den späten Filmen fehlt einfach die Farbe. Mehr zum Buch: 5429-4.html

Neuer Deutscher Film

In eigener Sache: Der erste Band der neuen Reihe „Stilepochen des Films“ (Initiator und Editor: Norbert Grob) über den Neuen Deutschen Film ist erschienen, herausgegeben von Norbert Grob, Hans Helmut Prinzler und Eric Rentschler. 39 Filme aus der Zeit von 1961 bis 1984 werden in diesem Buch mit Einzelanalysen gewürdigt, beginnend mit ZWEI UNTER MILLIONEN von Victor Vicas und Wieland Liebske, endend mit HEIMAT von Edgar Reitz. Ein umfängliches Vorwort verortet den Neuen Deutschen Film in der Epochengeschichte. An Frieda Grafe erinnert der Band mit einem Nachdruck ihres SZ-Textes zu FREAK ORLANDO von Ulrike Ottinger. Gewidmet ist das Buch Michael Althen, der einen Text zur Rudolf Thomes Film BERLIN CHAMISSOPLATZ  beigesteuert hat, der nun posthum erscheint. Meine drei Texte zu ES von Ulrich Schamoni, LIEBE MUTTER, MIR GEHT ES GUT von Christian Ziewer und DER KLEINE GODARD von Hellmuth Costard werden demnächst auch auf dieser Website zu lesen sein. Im Frühjahr 2013 erscheint der zweite Band der Reihe, herausgegeben von Elisabeth Bronfen und Norbert Grob. Sein Thema: das klassische Hollywood. Mehr zum gerade erschienenen Buch: Neuer_Deutscher_Film.

Imaginationen des Individuums

Eine Dissertation aus der Schweiz, nicht der Filmwissenschaft, sondern der Sozialgeschichte zuzuordnen. Interessanter Lesestoff für Anhänger der Figurenanalyse. Wenn man den zugrundegelegten Begriff des „Subjektmodells“ begriffen hat (der Autor verwendet darauf viel Mühe), dann hat es eine Logik, ihn als Schlüssel für Filmprotagonisten des klassischen Hollywoodkinos zu nutzen. 40 Filme aus den Jahren 1931 bis 1962, von LITTLE CAESAR bis TO KILL A MOCKINGBIRD, sind die Fallbeispiele für Stephan Durrer. Es sind vor allem Männer, deren Verhaltensweise analysiert wird. In vier großen Kapiteln werden jeweils fünf bis acht Filme in einen thematischen Zusammenhang gestellt: „Unbedingte Treue zu sich selbst“ (im Zentrum: MR. SMITH GOES TO WASHINGTON), „Existentielle Befreiung“ (ON THE WATERFRONT), „Zerfallende Souveränität“ (THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE), „Vergebliches Streben nach Freiheit“ (CITIZEN KANE). Ein separates Kapitel dazwischen: „Zur Selbstentwicklung von Hollywoods Heldinnen“ (GONE WITH THE WIND). Was mir gefällt, ist der genaue und konkrete Blick des Autors auf die Filme. Der Anhang ist informativ, die Abbildungen sind technisch akzeptabel und für die Argumentation hilfreich. Mehr über das Buch: www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20892-9.html

Alles über Film

„Alles“ über Film auf 352 Seiten. Da muss sich ein Autor ziemlich kurz fassen und viel weglassen. Ronald Bergan ist Filmkritiker des englischen Guardian, hat Bücher über Eisenstein, Coppola und die Coen Brüder geschrieben, man kann ihn als kompetent ansehen. Seine Aufgabe: alles schnell auf den Punkt bringen. Gegliedert ist das Buch in sechs Kapitel. 1. „Die Geschichte des Films“, in Jahrzehnten periodisiert (50 Seiten). 2. „Wie ein Film entsteht“ (15 Seiten). 3. „Filmgenres“, 25 von Action bis Western (50 Seiten). 4. „Das internationale Kino“, 21 Länder und Erdteile, von Afrika bis Neuseeland (50 Seiten, drei über Deutschland, die USA werden ausgespart). 5. „100 Regisseure“, von Woody Allen bis William Wyler (75 Seiten); aus Deutschland: Fassbinder, Herzog, Lang, Lubitsch, Murnau, Ophüls, Pabst, Wenders. Konrad Wolf fehlt. 6. „Die 100 besten Filme“, chronologisch (90 Seiten); neun aus Deutschland: DAS CABINET DES DR. CALIGARI, NOSFERATU, METROPOLIS, DER BLAUE ENGEL, OLYMPIA, AGUIRRE – DER ZORN GOTTES, DIE EHE DER MARIA BRAUN, PARIS TEXAS, HEIMAT. Kein Film aus der DDR. Schwierig: der Umgang mit den deutschen Titeln ausländischer Filme. Manchmal sind sie so blöd, dass man sie inzwischen vergessen hat. Dominant: rund 700 Abbildungen. Verpackt ist das Buch in einer Filmdose. Das definiert es als Geschenk. Mehr über das Buch: /alles_ueber_film-1773/.