LONTANO – Die Schaubühne von Peter Stein

Bild 1Vor einer Woche hatte der Film LONTANO. DIE SCHAUBÜHNE VON PETER STEIN von Andreas Lewin in der Berliner Akademie der Künste Premiere. Es ist – nach Klaus Kammer, Fritz Kortner und Thomas Holtzmann – das vierte Porträt von Lewin über einen großen Theater-künstler. Der Film kommt ohne Kommentar aus, er lässt Fragen offen, er vertraut der Neugier des Zuschauers. Ich finde ihn nicht nostalgisch, auch wenn er mich persönlich sehr berührt, weil ich in den 1970er Jahren theatersüchtig war und all die Aufführungen gesehen habe, die im Film zitiert werden. Lewin hat – neben Peter Stein – die früheren Ensemblemitglieder Bruno Ganz, Corinna Kirchhoff, Michael König, Willem Menne, Libgart Schwarz und Peter Simonischek zur Arbeit an der Schaubühne befragt. Und in den Filmausschnitten sieht man u.a. Edith Clever, Therese Giehse, Jutta Lampe und Otto Sander. „Ein besinnlicher Film“, sagt Peter Stein. Zeitgleich mit der Premiere ist eine DVD des Films erschienen. Das Booklet enthält einen Essay von Norbert Miller und einen Text von mir über Lewins Porträtfilme (drei-theaterleben/). Mehr zur DVD: filmography/lontano

Otto Sander

2013.Otto SanderGestern ist der Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Ich habe ihn in den siebziger Jahren als Ensemblemitglied der Schaubühne sehr verehrt und über alle Jahre als Filmdarsteller hoch geschätzt. Er wird mir in vielen Rollen in Erinnerung bleiben, als Kapitänleutnant in DAS BOOT, als Staatsanwalt in PALERMO ODER WOLFSBURG, als Karl Liebknecht in ROSA LUXEMBURG, als Engel Cassiel in DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH!, als Krimineller in DER BRUCH. Wir kannten uns persönlich seit Mitte der siebziger Jahre, als sich seine Ziehtochter Meret und meine Tochter Friderike in der Schule eng befreundeten. Die Verbindung zwischen der Jenaer Straße und der Kufsteiner Straße war damals sehr intensiv, und Ottos Frau, Monika Hansen, hatte daran einen großen Anteil. Otto Sanders Stimme prädestinierte ihn für Lesungen, Hörbücher und Synchronisationen. Aber es war vor allem die Präsenz auf der Bühne, die seinen Ruf als herausragender Darsteller begründet hat: in Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“, in Tschechows „Sommergästen“, in Robert Wilsons „Death, Destruction & Detroit“, in den „Bakchen“ des Euripides. 1981 hat er als Regisseur zusammen mit Bruno Ganz einen wunderbaren Film über die beiden Schauspieler Bernhard Minetti und Curt Bois gedreht: GEDÄCHTNIS. Ich bin über Ottos Tod sehr traurig. Zum 70. Geburtstag vor zwei Jahren hat Peter von Becker im Tagesspiegel ein Porträt geschrieben, das Otto Sander sehr nahe kam: der-gluecksrabe/4334352.html .

Film in der Schweiz

2013.Schweiz

Die große Zeit des Schweizer Films waren die 1970er und frühen 80er Jahre, dies gilt vor allem für die deutschsprachige Schweiz. Wir erinnern uns an die Filmemacher Alexander J. Seiler (UNSER LEHRER, 1971), Daniel Schmid (HEUTE NACHT ODER NIE, 1972), Kurt Gloor (DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER, 1976), Richard Dindo (DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS RICHARD S., 1976), Rolf Lyssy (DIE SCHWEIZERMACHER, 1978), Markus Imhoof (DAS BOOT IST VOLL, 1982) oder Fredi M. Murer (HÖHENFEUER, 1986), die damals auch international anerkannt wurden. In der „Blauen Reihe“ des Hanser Verlages erschien 1978 das Buch „Film in der Schweiz“, 1985 publizierte Wolfgang Gersch seine „Schweizer Kinofahrten“. Die Produktionsbedingungen und die staatlichen Förderungen in unserem Nachbarland hatten immer einen Zusammenhang mit der Größe und dem finanziellen Potential der föderalen Schweiz. Das 140-Seiten-Buch des Kultursoziologen Olivier Moeschler mit dem Untertitel „Kulturpolitik im Wandel: der Staat, die Filmschaffenden, das Publikum“ liefert die notwendigen Basisinformationen für die vergangenen fünfzig Jahre, es bewertet die Förderungseffekte, die künstlerischen Höhepunkte und auch die Durststrecken, es ist sehr gut recherchiert. Die Parallelen zur Filmförderung in der Bundesrepublik halten sich allerdings in Grenzen. Das Titelbild benutzt Produktionsfotos des Films IMAGE PROBLEM (2012) von Simon Baumann und Andreas Pfiffner. Mehr zum Buch: der-schweizer-film.html

Die Brüder Dardenne

2013.DardenneDie Brüder Dardenne, Jean-Pierre (*1951) und Luc (*1954), gehören inzwischen zu den wichtigsten Autoren/Regisseuren des europäischen Films. Schön, dass ihnen das neue Heft der Film-Konzepte gewidmet ist, das Johannes Wende herausgegeben hat. Es enthält zunächst Tagebuchauszüge von Luc Dardenne von 1993 bis 2005, die auf Deutsch noch nicht erschienen sind. Dann folgen vier Aufsätze: Andreas Gruber, Regisseur und Filmprofessor an der Münchner HFF, schreibt über den „Kriegsfilm“ ROSETTA (1999). Johannes Wende analysiert die wichtige Rolle des Geldes in den Dardenne-Filmen. Johannes Rosenstein erweitert die Motiv-Beobachtungen auf Grenze, Wald und Seele („Innen ist außen“). Mariella Schütz, die 2011 ein Buch über das „Explorationskino“ der Dardennes publiziert hat, beschäftigt sich mit den Figuren des Jungen Olivier und des Mörders Francis in LE FILS (2002). Vier kluge, den Brüdern sehr zugeneigte Texte. Mehr zum Heft: werke_default_film .

Joris Ivens

2013.IvensVor 25 Jahren wurde sein letzter Film, UNE HISTOIRE DU VENT, in Venedig uraufgeführt, und Joris Ivens erhielt einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Ein Jahr später starb er neunzigjährig in Paris. Der Holländer war einer der Großen der internationalen Dokumentarfilm-geschichte, beginnend mit den experimen-tellen Filmen DE BRUG (1928) und REGEN (1929). BORINAGE (1934, mit Henri Storck) und SPANISH EARTH (1937, mit dem Kommentar von Ernest Hemingway) waren wichtige Stationen eines politischen Engagements. Ivens drehte in den späten 1930er Jahren in den USA, unterstützte die indonesische Unabhängigkeitsbewegung, realisierte in den 50er Jahren Dokumentarfilme in Osteuropa, nahm mit verschiedenen Filmen Stellung gegen den Vietnamkrieg und schuf in den 70er Jahren zusammen mit Marceline Loridan den zwölfteiligen Zyklus COMMENT YUKONG DEPLACA LES MONTAGNES über die Kulturrevolution in China. Ich habe Ivens 1974 an der dffb kennen gelernt und damals das Protokoll eines siebenstündigen Gesprächs mit den Studenten ediert („Von Joris Ivens lernen“), später für den Film ZWISCHEN DEN BILDERN ein interessantes Interview mit ihm geführt und mich viel mit seinem Werk beschäftigt. Mein Text „The Flying Dutchman“ steht im Netz (/2001/04/356/ ). Es war eine große Tat von Absolut Medien, eine DVD-Box mit den wichtigsten Ivens-Filmen herauszugeben; der Direktor der Ivens-Stiftung, André Stufkens, hat dazu ein sehr informatives Buch geschrieben. Die Box gehört zum Pflichtbestand jedes Dokumentarfilminteressenten. Mehr zur Box: edition&list_item=53

Das Politische im Dokumentarfilm

2013.ZoomingAm Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien fand im Mai 2012 ein Symposium zu „Produktionen des Politischen im neueren deutschsprachigen Dokumentarfilm“ statt. Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Veranstaltung, bei der Theoretiker und Praktiker aufeinander trafen. Das Titelbild spielt mit dem Tandem-Begriff, und Gespräche, zum Beispiel zwischen Anette Baldauf und Katharina Weingartner über den neueren österreichischen Dokumentarfilm oder zwischen Elisabeth Scharang und Dan Christian Ghattas über Intersexualität, sind ein Schwerpunkt der Publikation. Vier „monologische“ Texte bilden die Mitte des Buches: Eva Hohenberger stellt Fragen zu Form und Politik im Dokumentarfilm, Peter Zimmermann gibt einen historischen Überblick über den dokumentarischen Portraitfilm in Deutschland, Georg Seeßlen setzt sich begrifflich und sinnsuchend mit dem Essayfilm auseinander, Christian Schulte äußert sich zur Film-Poetik von Alexander Kluge. Insgesamt haben 22 Autorinnen und Autoren mitgearbeitet. Das Buch aus unserem Nachbarland gibt viele Anregungen für eine Vertiefung der Debatte über den Dokumentarfilm. Mit Literaturhinweisen und akzeptablen Abbildungen. Mehr zum Buch: books/806/7462

Vampirkult im Film

2012.VampireIm Düsseldorfer Film-museum findet zurzeit die Ausstellung „Fürsten der Finsternis“ statt, und dies ist der Katalog – oder besser: das Basisbuch – dazu, heraus-gegeben vom Museums-Chef Bernd Desinger und seinem Vize Matthias Knop im belleville Verlag von Michael Farin. Es enthält sechs größere Aufsätze. Knop sucht nach Vampirmotiven im frühen Film, Desinger biografiert die vier Vampirdarsteller Max Schreck, Bela Lugosi, Christopher Lee und Gary Oldman, Özdan Süzer konzentriert sich auf den hypnotisierenden Blick in Tod Brownings DRACULA (1931), und Karin Woyke reflektiert über weibliche Monstrosität am Beispiel der Vampirin im Film. Zwei umfangreiche Texte stammen von dem Autor Hans Schmid, der eine eigenständige Geschichte des Frankenstein-Films vorbereitet; er analysiert zunächst mit verschiedenen Querverweisen die Filme NOSFERATU – EINE SINFONIE DES GRAUENS (1921) von F. W. Murnau und VAMPYR (1931) von Carl Theodor Dreyer, eingerahmt von den dokumentarischen Filmen UMBRACLE (1970) und VAMPIR (1972) von Pedro Portabella mit Christopher Lee; Schmids zweiter Text ist eine informative Passage durch den europäischen Vampirfilm der 1960er und 70er Jahre. Die zahlreichen Abbildungen sind von exzellenter Qualität, es fehlt ein Register, und nur im Vorwort wird auf die Ausstellung verwiesen. Aber es ist ein schönes Buch. Titelbild: Helen Chandler und Bela Lugosi in DRACULA. Mehr zur Publikation: buch.php?ID=573

Kindheiten

2013.KindheitenIn zehn Texten wird im Band 7 der Reihe „Projektionen“ das Thema Kindheiten in Literatur und Film konkretisiert. Der umfangreichste (Autorin: Bettina Kümmerling-Meibauer) handelt von der Darstellung von Störungen der Kindheit. Hans-Richard Brittmacher beschreibt Lebewesen, die um ihre Kindheit betrogen wurden: Kaspar Hauser und seine Geschwister Mignon und Meret. Anette Kaufmann entwickelt eine kleine Phänomenologie kindlicher Monster im Film. Im Beitrag von Andreas Friedrich geht es um Portale und Spiegelwelten im Fantasyfilm, im ersten Text von Felicitas Kleiner um die Verfilmung der Harry Potter-Romane. Ihr zweiter Text ist kurz und besonders originell, er verbindet Kinder und Fahrräder im Film, „Spritztour mit einem Requisit“. Eva Hiller schreibt über „zu groß geratene Kinder“ und analysiert sehr beeindruckend die Filme PRETTY BABY von Louis Malle, LITTLE MISS SUNSHINE von Jonathan Dayton und Valerie Faris, ABOUT A BOY von Chris und Paul Weitz und WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN von Lynne Ramsey. Natürlich geht es auch immer um die Erwachsenen. Also um uns, die Leser dieses Buches, das Thomas Koebner ediert hat. Mehr zum Buch: neu_werke_default_film

Entgrenzungsfilme

2013.EntgrenzungsfilmeMitte der 1990er Jahre gab es im westeuropäischen Film sichtbare und hörbare Aufbrüche, bei denen die Musik eine dominante Rolle spielte und junge Protagonisten im Zentrum standen. Die Autorin Senta Siewert nennt sie „Entgrenzungs-filme“, ihre wichtigsten Beispiele sind LA HAINE von Mathieu Kasovitz, TRAINSPOTTING von Danny Boyle und LOLA RENNT von Tom Tykwer. Es geht um „Jugend, Musik, Affekt, Gedächtnis“. Nach der Erläuterung ihrer methodischen Vorgehensweise blickt die Autorin zurück auf den Pop im Kino der 60er Jahre und schildert die Transformationen in Film, Musik, Technik und Ästhetik im Kino seit den 90er Jahren. Neben den drei genannten Filmen analysiert sie in Form von Fallstudien die britischen Filme 24 HOUR PARTY PEOPLE von Michael Winterbottom und VELVET GOLDMINE von Todd Haynes, die französischen Filme CLUBBED TO DEATH von Yolande Zauberman, DANS PARIS von Christophe Honoré und LA SCIENCE DES REVES von Michel Gondry sowie die deutschen Filme SONNENALLEE von Leander Hausmann, VERSCHWENDE DEINE JUGEND von Benjamin Quabeck und GEGEN DIE WAND von Fatih Akin. Mit großer Sachkenntnis baut die Autorin die Brücken zwischen Visualität und Tonalität, zwischen Film- und Musikwissenschaft. Mehr zum Buch: entgrenzungsfilme-jugend-musik-affekt-gedaechtnis.html

Kleopatra – Der Katalog

2013.KleopatraZur Kleopatra-Ausstellung der Bonner Kunsthalle (sie ist noch bis zum 6. Oktober zu sehen) ist im Hirmer Verlag ein Katalog erschienen, der alle Qualitäten eines definitiven Kleopatra-Buches hat. Die 180 meist ganzseitigen Abbildungen machen den Wandel des Bildes dieser rätselhaften Frau über die Jahrhunderte deutlich: die frühen Statuen und Plastiken, die Gemälde der Renaissance, die neuen Akzentuierungen im 19. Jahrhundert und natürlich die unvergesslichen Darstellungen im Film, vor allem durch Claudette Colbert (1934), Vivien Leigh (1945) und Liz Taylor (1963). Elisabeth Bronfen, mit Diven-Geschichten bestens vertraut, beschreibt in ihrem Einführungsessay die Darstellung und Rezeption (mit einem schönen Exkurs zu Shakespeare) im historischen Kontext und räumt dabei dem Film einen besonderen Platz ein. Die Co-Kuratorin Agnieszka Lulinska liefert Anmerkungen zur Biografie der mythischen Person. In zehn Einzelkapiteln verschiedener Autorinnen und Autoren geht es u.a. um Kleopatra im Doppelporträt mit Königin Elizabeth I., um Kleopatra in der französischen Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhundert, um ihr Nachleben im Musiktheater, in der Popmusik, in der Mode. Der Katalogteil wird eingerahmt von Andy Warhols Siebdrucken „Blue Liz as Cleopatra“ und „Silver Liz as Cleopatra“. Ein außergewöhnlich schönes Buch. Mehr dazu: detail&titelnummer=2088