The Making of The Good War

2013.Good WarSebastian Haak (*1983) hat mit dieser Untersuchung am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt promoviert. Es geht um „Hollywood, das Pentagon und die amerika-nische Deutung des Zweiten Weltkriegs 1945-1962“. The Good War war für die Amerikaner in ihrem politischen und kulturellen Verständnis ein zentrales Ereignis, das natürlich auch die Themen vieler Filme beeinflusste. Es gab dabei eine zeitweise sehr intensive Zusammenarbeit zwischen den Hollywood-Studios und dem amerikanischen Verteidigungs-ministerium, es wurden Verbesserungsvorschläge für die Drehbücher gemacht und auch die fertigen Filme kommentiert. Haak hat für seine Arbeit eine beeindruckende Recherche geleistet. Ein eigenes kleines Kapitel handelt von der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit des Archivmaterials, wobei die Militärakten (public domain) natürlich zugänglicher und eigentlich auch informativer sind als die Studiounterlagen. Sechs Filme stehen im Zentrum des Textes: THE BEST YEARS OF OUR LIVES (1946) von William Wyler, BATTLEGROUND (1949) von William A. Wellman, SANDS OF IWO JIMA (1949) von Allan Dwan, THE YOUNG LIONS (1958) von Edward Dmytryk nach dem Roman von Irwin Shaw, THE NAKED AND THE DEAD (1958) von Raoul Walsh nach dem Roman von Norman Mailer und  THE LONGEST DAY (1962) von Ken Anakin, Andrew Marton und Bernhard Wicki. Haak geht auf diese Filme sehr genau ein, schildert vor allem die Auseinandersetzungen zwischen Ministerium und Filmstudios, die am heftigsten bei THE LONGEST DAY stattfanden. Die hohe Wertschätzung des Good War durch die Amerikaner wirkte sich natürlich auch auf den anschließenden Kalten Krieg aus. Insofern haben wir es hier vor allem mit einer Historien- und Kulturanalyse der Fünfziger Jahre zu tun. Das Buch ist der Band 76 in der Reihe „Krieg in der Geschichte“ (KRiG), von der ich bisher noch nichts gehört hatte. Das Titelbild kombiniert eine Großaufnahme von Tom Hanks in SAVING PRIVATE RYAN (1998) mit einem kleinen Finalbild aus THE LONGEST DAY, im Vordergrund: Robert Mitchum. Mehr zum Buch: titel/978-3-506-77693-8.html

Slatan Dudow

2013.DudowVor fünfzig Jahren starb der Film-regisseur Slatan Dudow nach einem Verkehrsunfall während der Dreharbeiten zu seinem Film CHRISTINE. Das Berliner Zeughauskino erinnert an ihn mit einer Filmreihe. Der Bulgare Dudow kam in den frühen 1920er Jahren nach Berlin und drehte 1932 den Klassiker des proletarischen Films, KUHLE WAMPE, nach einem Drehbuch von Bertolt Brecht mit der Musik von Hanns Eisler und der von mir sehr verehrten Hertha Thiele in der weiblichen Hauptrolle. Er verbrachte die Exilzeit in Frankreich und der Schweiz, kehrte 1946 nach Deutschland zurück und realisierte für die DEFA sieben Filme, darunter UNSER TÄGLICH BROT (1949), FRAUENSCHICKSALE (1951), STÄRKER ALS DIE NACHT (1954) und VERWIRRUNG DER LIEBE (1958). Zu seinen speziellen Fähigkeiten gehörte die realistische Porträtierung von Frauenfiguren. Mehr zum Programm: dudow.html#zeitprobleme

Dennis Hopper

2013.HopperIm vergangenen Herbst konnte man seine eindrucksvollen Fotos in einer Ausstellung des Martin-Gropius-Baus sehen. Aber im Hauptberuf war Dennis Hopper (1936-2010) bekanntlich Schauspieler und Regisseur. Weil er eine schwierige und unberechenbare Persönlichkeit war, konnte er nur fünf Filme inszenieren, aber er spielte in über hundert Filmen Haupt- oder Nebenrollen, beginnend mit REBEL WITHOUT A CAUSE (1955). Mit seinem Regie-Debüt EASY RIDER (1969) wurde er zu einer Ikone des New Hollywood-Films. Tom Folsoms Biografie erzählt das Hopper-Leben sehr emotional und nahe an seinem Protagonisten. Viele Episoden sind dialogisch aufgelöst und verlieren sich auch mal in ihrem Detailreichtum. Man spürt den Wunsch des Autors, Hoppers Exzentrik gerecht zu werden. Die umfangreichsten Kapitel gelten natürlich den Filmen EASY RIDER und THE LAST MOVIE. Auch hier gibt es Redundanzen. Nur am Rande erwähnt wird Hoppers Zusammenarbeit mit Wim Wenders (DER AMERIKANISCHE FREUND und PALERMO SHOOTING), Roland Klick (WHITE STAR) bleibt ganz draußen vor. Originell ist das Kapitel über BLUE VELVET (1986) von David Lynch, in dem Hopper den masochistischen Killer Frank Booth spielte. Auf 400 Seiten lässt sich viel erzählen, auch manches, was man als Leser gar nicht wissen will. Mehr zum Buch: /Tom-Folsom/e429089.rhd?mid=1

Frieda Grafe (2)

2013.Rio GrandeHeute beginnt mit einem Double Feature der zweite Teil der Reihe mit Frieda Grafes 30 Lieblingsfilmen im Berliner Arsenal. Zuerst gibt es den John Ford-Film RIO GRANDE (1950, Foto) mit John Wayne und Maureen O’Hara (Einführung: Annett Busch), dann folgt THE MERRY WIDOW (1934) von Ernst Lubitsch mit einer Einführung von Klaus Theweleit. Es sind diesmal vor allem amerikanische Filme, die bis zum kommenden Sonntag auf dem Programm  stehen, zum Beispiel IT’S A GIFT (1934) von Norman Z. McLeod, LADY IN THE DARK (1944) von Mitchell Leisen, SOMMER STOCK (1950) von Charles Walters, THE LITTLE SHOP OF HORRORS (1960) von Roger Corman und THE HONEY POT (1967) von Joseph L. Mankiewicz, aber auch ORDET (1954) von Carl Theodor Dreyer und AKIBIYORI (1960) von Yasujiro Ozu. Alle Filme werden eingeführt, und es erscheint die zweite Publikation. Der dritte Teil folgt vom 30. Oktober bis 3. November. Mehr zum Programm: article/4206/2803.html

Utopien 1984-2054

2013.Filmische UtopienDas letzte Programm im Münchner Filmmuseum vor der Sommerpause: 18 Filme über die Zukunft, die zum Teil schon Vergangenheit ist. George Orwells Roman „1984“ entstand 1948 und wurde 1984 von Michael Radford verfilmt. „Big Brother“ überwachte die Welt. Auch das Jahr 2001, in dem Stanley Kubricks A SPACE ODYSSEY (Foto) stattfand, liegt hinter uns; gedreht wurde der Film 1966-68 nach einer Kurzgeschichte von Arthur C. Clarke. Sogar das Ende der Welt, wie es Roland Emmerich in seinem Film 2012 nach den Vorhersagen der Maya prognostizierte, haben wir gut überstanden. BLADE RUNNER von Ridley Scott (1982) führt uns ins Jahr 2019. In sechs Jahren wissen wir mehr über die Realität dieser Vision. Wong Kar-wais 2046, gedreht 2004, und das Jahr 2054 in Steven Spielbergs MINORITY REPORT von 2002 werde ich selbst nicht mehr erleben. Ob meine Enkel dann noch ins Kino gehen? Stefan Drößler hat die Münchner Reihe zusammengestellt.

Dokumentarisch Arbeiten 2

2013.Dokumentarisch 2Vier Gespräche mit Dokumentaristen aus Deutschland, jedes dauert eine Stunde. Und wenn man sie gesehen hat, weiß man, welche Möglichkeiten, welche Haltungen, welche Schwierig-keiten und welche Erfolge es im Dokumentarfilm gibt. Christoph Hübner hat eine große Begabung, seine Kollegen/Freunde zum Sprechen zu bringen. Er fragt nicht ab, er bringt seine Gedanken ins Spiel, und die Gesprächspartner nehmen sie auf, geben ihnen eine subjektive Wendung und kommen uns als „Autoren“ ihrer Filme nahe. So erfahren wir im Gespräch mit Hans-Dieter Grabe (aufgezeichnet 1998) viel über den Umgang mit der Zeit, mit Lebensläufen, mit Zumutungen für den Zuschauer. Bei Elfi Mikesch (aufgenommen 2000) geht es u.a. um das Licht, um das Erzählen, um Grenzüberschreitungen, auch um das Spielen und Träumen. Harun Farocki, der intellektuellste unter den vier Protagonisten, hat seine filmischen Formen vom essayistischen Dokumentarfilm zur Installation entwickelt, zur Parallelität von Bildern. Er liebt das Gedankenspiel, er ist mehr am Forschen als am Darstellen von Alltag und Realität interessiert. Das Gespräch stammt aus dem Jahr 2004. Thomas Heise (aufgenommen 2012) ist ein Skeptiker, seine Filme sollen keine definitiven Antworten geben, sondern den Zuschauer mit offenen Fragen entlassen. Er vertraut zunehmend mehr seinen beobachtenden Bildern als der Sprache der handelnden Personen. Hübner agiert als Kameramann im Off, Filmausschnitte sind einmontiert. Trotz der zeitlichen Abstände fügen sich die vier Gespräche zu einem kleinen Kosmos des deutschen Dokumentarfilms. Die DVD „Dokumentarisch Arbeiten (1)“ enthielt Gespräche mit Klaus Wildenhahn, Peter Nestler, Jürgen Böttcher und Volker Koepp. Mehr zur neuen DVD: Dokumentarisch-Arbeiten-2.html

Johnny Depp

2013.DeppDas erste Buch über den „sen-siblen Don Juan“ erschien in Deutschland vor 17 Jahren in der Heyne-Film-bibliothek. Jetzt hat der Knesebeck Verlag zum 50. Geburtstag einen prachtvollen Bildband publiziert. In mehr als 50 Filmen spielte Johnny Depp seit 1984 eine Hauptrolle. In guter Erinnerung sind mir vor allem EDWARD SCISSORHAND (1990) von seinem Lieblingsregisseur Tim Burton, WHAT’S EATING GILBERT GRAPE (1993) von Lasse Hallström, DEAD MAN (1994) von Jim Jarmusch, FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS (1998) von Terry Gilliam, THE NINTH GATE (1999) von Roman Polanski und PUBLIC ENEMIES (2009) von Michael Mann. Der Autor Steven Daly erzählt in einer großen Nähe zu seinem Protagonisten dessen Lebens- und Rollengeschichte. Die Basis dafür sind viele Interviews und die Kenntnis der Filme. Dominiert wird das Buch allerdings von den über 200 meist großformatigen Abbildungen, gegen die der Text etwas wirkungslos bleibt. Die Druckqualität ist exzellent. In den USA ist gerade der neueste Depp-Film angelaufen: THE LONE RANGER von Gore Verbinski. Mehr zum Buch: /johnny-depp/index.html

Jean Louis Schefer

2013.ScheferVor 33 Jahren ist das Buch „L’Homme ordinaire du cinéma“ des französischen Filmphilosophen Jean Louis Scherer (*1938) als Publikation der Cahiers du Cinéma erschienen, jetzt ist es, herausgegeben von Matthias Wittmann, erstmals auf Deutsch zu lesen: „Der gewöhnliche Mensch des Kinos“. Scherers theoretische Gedanken sind keine in sich geschlossene wissen-schaftliche Abhandlung, sie summieren sich – und das macht ihre Rezeption gleichzeitig schwierig und inspirierend – zu immer neuen Assoziationen mit vielen konkreten filmischen Ausgangspunkten. Im Mittelpunkt steht dabei das Kino als Projektionsort, in dem die Menschen nicht einfach ihre Wünsche realisiert finden, sondern wo die Wünsche sich einen Körper suchen und Intensitäten sich Intentionen schaffen. Schefers Interesse gilt speziell der Burleske, dem Psychodrama, dem Horrorfilm, es sind vor allem Filme der 1920er und 30er Jahre, auf die sich seine Beobachtungen und Reflexionen beziehen, zum Beispiel BATTLING BUTLER von Buster Keaton, NANA von Jean Renoir, FREAKS von Todd Browning, VAMPYR von Carl Theodor Dreyer. Den Texten im ersten Teil (Die Götter“) stehen Abbildungen gegenüber. Der zweite Teil („Das verbrecherische Leben (Der Film)“ ist bilderlos. Schefer hat für die deutsche Ausgabe ein Vorwort geschrieben, das Nachwort des Herausgebers Wittmann ist für das Verständnis der Texte sehr hilfreich. Eine lesenswerte Rezension des Buches von Petra Löffler erschien kürzlich in der Zeitschrift für Medienwissenschaft (www.zfmedienwissenschaft.de/?TID=89 ). Mehr zum Buch: 978-3-7705-5337-2.html

The Real Eighties in Berlin

2013.EightiesWährend sich das Öster-reichische Filmmuseum in die Sommer-pause verabschiedet hat, zeigt das Berliner Arsenal im Juli eine Auswahl aus der Wiener Retro „The Real Eighties“, mit der eine Ehrenrettung des amerika-nischen Films der 1980er Jahre stattgefunden hat. Von den 47 Filmen, die in Wien gezeigt wurden, hat das Arsenal allerdings nur acht ausgewählt. Immerhin sind Regisseure wie James Foley, Roger Donaldson, Jim McBride, William Friedkin, Ridley Scott, John Cassavetes (Foto: GLORIA mit Gena Rowlands). James Bridges und Brian De Palma dabei. Heute, am 4th of July, beginnt die Reihe. Mehr zum Programm: 4205/2796.html

Leipzig / Oberhausen

2013.Kalter KriegAndreas Kötzing (*1978), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden und Lehr-beauftragter an der Universität Leipzig, hat sich in seiner Dissertation auf zwei interessante Schauplätze der Ost-West-Beziehung und des Kalten Krieges in den 1950er und 60er Jahren konzentriert: die fast zeitgleich gegrün-deten Festivals in Oberhausen und Leipzig, deren sehr wechselhaftes Verhältnis das politische Klima zwischen den BRD und der DDR wider-spiegelte. Die „I. Westdeutschen Kulturfilmtage“ fanden, initiiert von Hilmar Hoffmann, im Oktober 1954 statt. Die „I. Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche“, konzeptioniert vom Sekretär des Clubs der Filmschaffenden der DDR, Wolfgang Kernicke, wurde im September 1955 eröffnet. Die „Mannheimer Filmwoche“, gegründet 1952, war für beide ein Vorbild. „Weg zum Nachbarn“ hieß das Oberhausener Motto, „gesamtdeutsch“ nannte sich das Festival in Leipzig. Ab 1958 und vor allem nach dem Mauerbau 1961 wurden die Entfernungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR größer, die Politik dominierte die Festivalkonzepte, auch wenn die Oberhausener Leitung natürlich freier in der Programmgestaltung war. Erst Ende der Sechziger gab es wieder Annäherungen. Kötzings Untersuchung fokussiert das Thema auf die Zeit zwischen 1954 und 1972. Er hat vorbildlich recherchiert, seine Literaturliste ist beeindruckend. Auch wenn die Zeiten sich fundamental geändert haben: es sind spannende Geschichten, die hier erzählt werden. Meine Oberhausen-Zeit waren vor allem die 1960er und 70er Jahre, meine Leipzig-Reisen fanden in den 70er und 80er Jahren statt. Ich fühlte mich beiden Festivals sehr verbunden. Mehr zum Buch: kultur-und-filmpolitik-im-kalten-krieg.html