Hannah Arendt

Ab heute ist Margarethe von Trottas HANNAH-ARENDT-Film in den Kinos zu sehen. Das Buch zum Film, herausgegeben von Martin Wiebel, ist klug konzipiert und nähert sich seinem Thema aus zwei Richtungen, der historischen Realität und der filmischen Umsetzung. Dokumentiert sind Texte von Arendt (u.a. ein Gespräch mit Joachim Fest aus dem Jahr 1964), ihrem damaligen Assistenten Jerome Kohn, Mary McCarthy, Rainer Schimpf, Bettina Stangnetz und Ernst Vollrath zu den historischen Fakten und publizistischen Wirkungen. Dem stehen Äußerungen der Co-Autorin Pam Katz, der Produzentin Bettina Brokemper, der Arendt-Darstellerin Barbara Sukowa, des Heidegger-Darstellers Klaus Pohl, des Ausstatters Volker Schäfer und Tagebuch-Aufzeichnungen von Margarethe von Trotta gegenüber. Vom Herausgeber Wiebel stammt ein einleitender Essay zur Entwicklung des Arendt-Projekts. Vier Drehbuchszenen und 15 Farbfotos sind eingefügt. Ein Vorwort hat Franziska Augstein beigesteuert.

Scorsese-Ausstellung

Heute Abend wird im Berliner Museum für Film und Fernsehen die weltweit erste Martin-Scorsese-Ausstellung eröffnet. Dafür hat der gerade 70 Jahre alt gewordene Regisseur sein Privatarchiv geöffnet, und außerdem hatten die Kuratoren Kristina Jaspers und Nils Warnecke  noch den Zugriff auf die Sammlung von Scorseses Lieblingsdarsteller Robert De Niro. Zu sehen sind rund 600 Ausstellungsstücke, darunter De Niros Hemd mit Blutflecken aus CAPE FEAR, seine Boxhandschuhe aus RAGING BULL, Leonardo DiCaprios Kostüm aus GANGS OF NEW YORK und Cate Blanchett Robe aus AVIATOR. Briefe von Scorsese und De Niro dokumentieren ihre Zusammenarbeit an verschiedenen Filmen. Ein eigener Raum ist den New York-Filmen gewidmet. Storyboards – eine Ausstellungsspezialität des Berliner Museums – gibt es zu MEAN STREETS, TAXI DRIVER und AVIATOR, gezeichnet von Scorsese selbst.

Zur digitalen Medienkultur

Eine neue Buchreihe: „Bild und Bit“, herausgegeben von Gundolf S. Freyermuth und Lisa Gotto mit Unterstützung der Internationalen Filmschule Köln. Der erste Band ist paradigmatisch konzipiert: fünf Kapitel, beginnend mit „Umbruch“, endend mit „Aufbruch“, dazwischen „Stehendes Bild: Statische Visualität“, „Bewegtes Bild: Dynamische Visualität, „Virtuelles Bild: Interaktive Visualität“. Zwölf Essays. Von Thomas Elsaesser stammt eine beeindruckende Analyse zum Stand der 3-D-Technik mit der These, dass es hier weniger um einen Effekt, sondern eher um eine Erweiterung unseres Wahrnehmungsspektrums geht. Jörn Glasenapp setzt sich mit alten und neuen Fototheorien auseinander. Lisa Gotto erkennt im Vergleich filmischer Schneebilder (SHINING, FARGO, THE DAY AFTER TOMORROW, INCEPTION) die ästhetischen und medialen Veränderungen zwischen 1980 und 2010. Angela Keppler beschäftigt sich mit der Bildlichkeit des Fernsehens, Stefan Münker mit dessen Veränderungen der Medialität. Lorenz Engell sieht in der Serie BREAKING BAD Ansätze zu einem „Neuen Fernsehen“. Freyermuth als Mitherausgeber formuliert am Ende zwölf Thesen und öffnet damit den Horizont für die Zukunft seiner Schriftenreihe. Jedem Text folgt eine Literaturliste. In der Summe liest man hier theoretische Visionen auf hohem Niveau. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2182/ts2182.php

Crossdressing

Männer kostümieren sich als Frauen, Frauen verkleiden sich als Männer. Das Crossdressing liefert seit hundert Jahren ein großes Potential für Komödien. Viele davon waren zwar einfach nur albern, vor allem in den 1950er Jahren, aber das Thema ist motivgeschichtlich und ideologisch interessant. Zwei Autorinnen haben sich den Stoff geteilt: Silke Arnold-de Simine schreibt über das Crossdressing in deutschen Filmen der Kaiserzeit (Asta Nielsen, Ossi Oswalda), der Weimarer Republik (DER GEIGER VON FLORENZ mit Elisabeth Bergner, DER FÜRST VON PAPPENHEIM mit Curt Bois, DER HIMMEL AUF ERDEN mit Reinhold Schünzel, VIKTOR UND VIKTORIA mit Renate Müller), der Nazi-Zeit (DER PAGE VOM PALAST-HOTEL mit Dolly Haas, CAPRICCIO mit Lilian Harvey). Von Christine Mielke stammen zwei sehr klug argumentierende und umfängliche Kapitel über die verschiedenen Versionen von CHARLEYS TANTE und über Liselotte Pulvers Paraderollen des weiblichen Crossdressing, ergänzt von Texten über Peter Alexander, die Tanten-Inflation der 1960er Jahre, das Take-off der Neunziger (MÄNNER, DER BEWEGTE MANN) und die „Adepten der Tanten“ in den letzten Jahren, endend mit Detlev Bucks RUBBELDIEKATZ. Die Autorinnen gehen auch auf internationale Remakes der Filme ein und verknüpfen ihre Analysen mit gesellschaftlichen Befunden, die sie wissenschaftlich gut absichern. Der Anhang enthält eine umfangreiche Bibliografie und eine Titelliste der Filme. Die Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: http://wvttrier.de/top/Beschreibungen/ID1251.html

Kalter Krieg und Film-Frühling

Im Berliner Zeughauskino wird im Januar eine Auswahl der im Rahmen des Hamburger CineFest gezeigten Filme der 1960er Jahre präsentiert. Zu sehen sind u.a. DIE ENDLOSE NACHT von Will Tremper (BRD 1963; am 11. Januar mit einer Einführung von Jan Gympel), DER GETEILTE HIMMEL von Konrad Wolf (DDR 1964), DER FALL GLEIWITZ von Gerhard Klein (DDR 1961, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase), DER SCHWARZE PETER von Milos Forman (CSSR 1964), JULIA LEBT von Frank Vogel (DDR 1963) mit Angelica Domröse und Jutta Hoffmann, LOTS WEIB von Egon Günther (DDR 1965; Foto: Günther Simon, Marita Böhme). Mein Text über den GETEILTEN HIMMEL (der-geteilte-himmel/ ) stammt aus dem Jahr 1964. Mehr zum Programm: kalterkrieg_2013_01.html

bauhaus & film

So differenziert und gründlich ist das Verhältnis zwischen Bauhaus und Film bisher noch nie dargestellt worden. Thomas Tode, Autor und Filmemacher mit spezieller Bauhaus-Affinität, hat neue Recherchen initiiert und das Spektrum um den Bereich der hybriden Formen (Theatereinspielfilme, Lichtprojektionen, Entwürfe, Medienarchitektur) erweitert, weil ihm die bisherigen Erkenntnisse zu schmal erschienen. In der vorliegenden Publikation kommen viele unbekannte Materialien zum Vorschein, die zwar nicht den Filmcorpus vergrößern, aber den Umgang der Bauhäusler mit dem Film komplexer darstellen. Zu den 13 Autorinnen und Autoren des Bandes gehören neben dem Herausgeber, der einen grundlegenden Essay über interdisziplinäre Aspekte des Films am Bauhaus beisteuert, Norbert M. Schmitz, Birgit Hein, Jeanpaul Goergen, Olaf Bartels und Christian Hiller. Peter Schubert erinnert an die Arbeit der Ulmer Hochschule für Gestaltung in den 1960er Jahren. Niels Bolbrinker und Kerstin Stutterheim berichten über ihren Bauhaus-Film aus den Jahren 1997/98, der 2009 noch einmal überarbeitet wurde. Der Anhang enthält eine kommentierte Bibliografie zum Thema. Mehr zum Buch: www.boehlau-verlag.com/newbuchliste.aspx

Meine zehn Filme 2012

Die sind – in alphabetischer Reihenfolge – meine zehn Filme des Jahres 2012:  1. AMOUR von Michael Haneke.  2.  BARBARA von Christian Petzold.  3. CLOUD ATLAS von Tom Tykwer und Andy & Lana Wachowski.  4. DRIVE von Nicolas W. Refn.  5.  DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD von Jean Pierre & Luc Dardenne.  6. OH BOY von Jan-Ole Gerster.  7. ROSAS KINDER von Julia von Heinz/Chris Kraus/Axel Ranisch/Robert Thalheim/Tom Tykwer.  8. SKYFALL von Sam Mendes.  9. TINKER TAILOR SOLDIER SPY von Tomas Afredson.  10. WAS BLEIBT von Hans-Christian Schmid.  Weil Hanekes Film nicht nur im Alphabet vorn steht, ist ihm auch das Bild gewidmet, verbunden mit einem Hinweis auf das Buch zum Film: 2012/09/liebe-das-buch/

Filmbuch des Jahres 2012

Das Jahr 2013 hat begonnen. Zwölf „Filmbücher des Monats“ habe ich 2012 vorgestellt (www.hhprinzler.de/filmbuecher/). Eines davon soll wieder das „Filmbuch des Jahres“ werden. Wie immer gibt es drei Kandidaten: „Der CALIGARI-Komplex“ von Olaf Brill (August), „A New History of German Cinema“ (November) und „Andrej Tarkovskij“ (Dezember). Ich entscheide mich für das amerikanische Buch über den Deutschen Film, weil sein Blick auf unsere Filmgeschichte mir besonders intensiv, bedenkenswert und originell erscheint. 88 Autorinnen und Autoren haben daran mitgearbeitet, ihre Texte konzentrieren sich jeweils auf ein Datum, dem sie ein Ereignis oder ein Thema zuordnen. In  komprimierter Form nehmen sie dazu Stellung. Mein Respekt gilt Jennifer M. Kapczynski und Michael D. Richardson, die das Buch herausgegeben haben, und Gerd Gemünden und Johannes von Moltke, in deren Reihe „Screen Cultures: German Film and the Visual“ es erschienen ist. Mehr zum Buch: www.camden-house.com/store/viewItem.asp?idProduct=13944 und www.hhprinzler.de/filmbuecher/a-new-history-of-german-cinema/

Gruß aus Brodowin

Ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute zum Neuen Jahr wünschen Antje Goldau und Hans Helmut Prinzler

 

 

 

50 Jahre Oberhausen / DVD

1962/2012: 50 Jahre „Ober-hausener Manifest“. Einerseits wurde die „Geburts-stunde“ des Neuen Deutschen Films mit Publikationen, Veranstaltun-gen, Diskus-sionen und Symposien ausführlich gewürdigt. Andererseits gibt es in der „Edition Filmmuseum“ eine Doppel-DVD mit 19 Kurzfilmen aus den Jahren 1958 bis 1964, an denen alle 26 Unterzeichner des Manifests mitgewirkt haben. Hier sind – zur Erinnerung – ihre Namen: Boris von Borresholm, Christian Doermer, Bernhard Dörrie, Heinz Fuchner, Rob Houwer, Ferdinand Khittl, Alexander Kluge. Pitt Koch, Walter Krüttner, Dieter Lemmel, Hans Loeper, Ronald Martini, Hansjürgen Pohlan, Edgar Reitz, Raimund Ruehl, Peter Schamoni, Detten Schleiermacher, Fritz Schwennicke, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky, Wolfgang Urchs, Herbert Vesely, Wolf Wirth. Es lohnt sich, am Ende dieses Jahres 2012 die Filme noch einmal zu sehen, weil sie Dokumente ihrer Zeit sind, in der Fotografie, im Kommentar, in der musikalischen Begleitung die späten 1950er und frühen 1960er Jahre in Erinnerung rufen. Es ist Geschichtsunterricht, wie er nur im Film stattfinden kann. Ein 20-Seiten-Booklet in drei Sprachen mit Beiträgen von Ralph Eue, Volker Baer und Haro Senft vertieft die Eindrücke, das Bonus-Material enthält Filme von Ulrich Schamoni und Wilhelm Roth. Mehr zur DVD: Die–Oberhausener-.html.