Europäische Filmmusik

2013.FilmmusikDie Untersuchungen zur amerikanischen Filmmusik haben noch immer einen deutlichen Vorsprung vor den Analysen zur europäischen Filmmusik. So war es eine kluge Idee, 2011 in Bern eine wissenschaftliche Tagung zu veranstalten, bei der die Filmmusik verschiedener europäischer Länder im Mittelpunkt stand. Die Referate dieser Veranstaltung sind im vorliegenden Band vereinigt. In vier Texten geht es um systematische Aspekte, um theoretische Verbindungen zwischen Film und Musik (Autor: Iakovos Steinhauer), um den Orientalismus in der deutschen und amerikanischen Kinomusik der Stummfilmzeit (Christoph Hust), um Musik und Geräusch im frühen Tonfilm (Peer Moormann) und um die Rekonstruktion von Stummfilm-Originalkompositionen der 1920er Jahre (Claudia Bullerjahn). In zwölf Fallstudien konkretisieren sich sehr unterschiedliche europäische Entwicklungen: die Beiträge der Komponisten Camille Saint-Saëns (dargestellt von Arne Stollberg), Pietro Mascagni (Sinem Derya Kilic), Bohuslav Martinů (Ivana Rentsch), Sergej Prokofjew (Josef Kloppenburg), Manuel Parada (Cristina Urchueguía). Am meisten interessiert haben mich die drei sehr konkreten Analysen zu Hanns Eislers Musik zu KUHLE WAMPE (Panja Mücke), zur sinfonischen Filmmusik in Veit Harlans OPFERGANG (Christoph Henzel) und zu den auditiven und visuellen Propagandastrategien in JUD SÜSS und DER EWIGE JUDE (Alexandra Vinzenz). In den beiden Schlusstexten kommen auch Österreich und die Schweiz zu ihrem Recht. Mehr zum Buch: neu_werke_default_musik

Film- und Fernsichten

2013.Film- und FernsichtenJedes Jahr wird in einer deutschen Universitätsstadt das „Film- und fernsehwissenschaftliche Kollo-quium“ organisiert, das 24. fand 2011 zum ersten Mal außerhalb Deutschlands statt: am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Das Kolloquium ist kollegialer Austausch und Wissenschaftsbörse zugleich, die Beiträge werden in gebührendem Abstand in komprimierter Form publiziert. Die Bände sind so etwas wie ein Nachwuchsforum der Film- und Fernsehwissenschaft. Jetzt ist bei Schüren das jüngste Kompendium erschienen. Es enthält 35 Beiträge, die von den Herausgeberinnen kleineren Kapiteln zugeordnet wurden: „Erinnerung und Trauma“ (3 Texte, darunter eine kurze Analyse von Harun Farockis Film AUFSCHUB), „National/transnational?“ (8 Texte, darunter eine schöne Reflexion über den symbolischen Gebrauch der Farbe Rot im chinesischen Kino der 1980er Jahre), „“Comic/Zeichentrick“ (3 Texte), „Kinderfilme“ (2), „Einzelwerkanalysen“ (4; eine über die Ideologievermittlung in Harlans VERWEHTE SPUREN und eine exemplarische Dialoganalyse einer Szene aus Kubricks THE SHINING), „Theorie und Ästhetik“ (4), „Digitale Filmtechnik (2), „Fernsehen“ (4), „Filmgeschichte“ (5, mit einer klugen Beobachtung zur Berufskomik bei Chaplin). Jeder Beitrag hat einen Umfang von rund 10 Druckseiten und beginnt mit einer Zusammenfassung (6 bis 10 Zeilen). Natürlich geht es in vielen Beiträgen um Definitionen, Abgrenzungen und das Besetzen eines Terrains, denn eine wissenschaftliche Anstrengung muss gut vorbereitet werden. So dürfen wir in absehbarer Zeit mit einer Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus im Kino der Adenauer-Jahre rechnen, angekündigt in einem Text über GELIEBTE BESTIE (1958/59). Autorinnen sind im vorliegenden Band deutlich in der Überzahl. Mehr über das Buch: film-und-fernsichten.html

Internationale Stummfilmtage

2013.BonnZum 29. Mal finden ab heute in Bonn die Internationalen Stummfilmtage statt. An elf Abenden werden im Arkadenhof der Universität bei freiem Eintritt 24 kurze und lange Filme gezeigt. Kurator des Programms ist traditionell der Leiter des Münchner Filmmuseums, Stefan Drößler. Eröffnet wird mit dem japanischen Kurzfilm ZWEI WELTEN (1929) von Yasuji Murata und dem Spielfilm THE PLEASURE GARDEN (1925) von Alfred Hitchcock. Als musikalische Begleiter fungieren wieder Joachim Bärenz, Neil Brand, Günther A. Buchwald, Stephen Horne und Richard Siedhoff. Mehr zum Programm: aktuelles-stummfilmtage/

Locarno

2013.LocarnoHeute beginnen in Locarno die 66. Internationalen Filmfestspiele. Allein um die George Cukor-Retrospektive mit über fünfzig Titeln zu sehen, würde ich gern für zehn Tage in die Schweiz fahren. Locarno investiert bekanntlich viel in die jährlichen Retrospektiven, und Cukor ist ja ein besonderes Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte. Eine große Attraktion des Festivals sind natürlich auch die Vorführungen auf der Piazza grande, jeden Abend um 21.30 Uhr. 20 Filme sind im Internationalen Wettbewerb programmiert, darunter als deutscher Beitrag FEUCHTGEBIETE von David Wnendt nach dem Roman von Charlotte Roche als Uraufführung. Außerdem gibt es den „Concorso Cineasti del presente“ (Nachwuchs), zwei Kurzfilmwettbewerbe, die Reihe „Histoire(s) du cinema“, eine Dokumentarfilmreihe und eine Reihe neuer Filme aus der Schweiz. Ehrengäste sind Christopher Lee (Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms 2 GUNS von Baltasar Kormákur), Faye Dunaway, Anna Karina, Victoria Abril, Jacqueline Bisset, Werner Herzog, Douglas Trumbull, Otar Ioselliani und Margaret Ménégoz. Mehr zum Programm: www.pardolive.ch/de/catalogue/programme

THE STORY OF THE FILM

2013.DVD.TheStoryOfFilmEin mutiges Projekt: die Geschichte des Weltkinos in 15 Stunden, erzählt von einer Person. Der Ire Mark Cousins (* 1965) hat sechs Jahre daran gearbeitet, als Autor, Kameramann und Regisseur. 2011 wurde die Filmreihe im britischen Kanal More4 gesendet. Jetzt ist sie auf fünf DVDs zu sehen. In der deutschen Fassung spricht Knut Elstermann den Kommentar. Im Prinzip arbeitet sich Cousins chronologisch durch die Filmgeschichte, aber immer wieder verlässt er seine Zeitachse und verweist darauf, wie technische Erfindungen oder stilistische Innovationen später genutzt wurden. Natürlich sind Filmausschnitte das Hauptmaterial, insgesamt mehr als 600. Sie werden in Interviews vor allem von Autoren und Regisseuren kommentiert (Paul Schrader kommt wohl am häufigsten zu Wort), aber Cousins selbst spricht viel und mit großer Liebe und Leidenschaft. Auch wenn der Spielfilm im Mittelpunkt steht – Dokumentarfilm und Avantgarde werden nicht vergessen. Es gibt natürlich keine Ländergerechtigkeit, die USA dominieren, Europa wird vor allem für die 1950er und 60er Jahre gewürdigt, Japan hat eine relativ gute Position, weil Cousins offenbar ein Ozu-Fan ist. Das ehrt ihn. Der deutsche Film ist mit 18 Ausschnitten etwas an den Rand gerückt, darunter viermal Riefenstahl, viermal Fassbinder, zweimal Lubitsch, zweimal Lang, und Wenders darf sogar etwas sagen. Ich vermisse NOSFERATU von Murnau, M von Lang, den BLAUEN ENGEL von Sternberg, den DDR-Film und Werner Herzog. Aber Auslassungen sind der Preis für den Anspruch, das große Ganze zu zeigen. Zu sehen sind neben den Filmausschnitten und den Gesprächspartnern Orte, Landschaften, Studios, auch Kameras und Schneidetische. Eine kleine Liebeserklärung gibt es im letzten Kapitel an Gorillas im Film (inklusive Marlene im Gorilla-Kostüm in BLONDE VENUS). Und ganz zum Schluss tanzen Filmemacher aus aller Welt in Ouagadougou in Burkina Faso um das Denkmal „Place des Cineastes“. Ein symbolischer Akt für die Zukunft des Kinos. Nennen sollte man vielleicht auch den Schnittmeister des Films, Timo Langer, denn ich weiß seit der Arbeit an AUGE IN AUGE, wie schwierig es ist, Filmausschnitte in neue Zusammenhänge zu stellen und zu montieren (Gruß an unseren Cutter Tobias Streck). Anke Sterneborg hat eine Rezension der DVD THE STORY OF FILM in der Zeitschrift epd Film (Nr. 7/2013) publiziert. Mehr zum Film: dvd/the_story_of_film .

Thriller

2013.ThrillerSeit 1976 gibt es die Genrereihe „Grundlagen des populären Films“. Sie erschien anfangs im Verlag Roloff & Seesslen, wechselte in den 1980ern zu Rowohlt und ist  seit den 90ern fester Bestandteil des Schüren-Programms. Weil sie als Basisliteratur gilt, trägt sie inzwischen den Reihen-Namen „Filmwissen“. Sie deckt fast den gesamten Genrebereich ab: Abenteuer, Detektive, Western, Horror, Erotik; es fehlen zurzeit ergänzte Neuauflagen für Komik, Utopie, Fantasy und Melodram. Soeben ist der neue Band über den Thriller erschienen. Der Autor Georg Seeßlen (* 1948) verbindet ein enormes Wissen mit einem verständlichen Stil, seine Schreibleistung ist bewundernswert; jüngst wurde er Mitglied der Abteilung Film- und Medienkunst der Akademie der Künste. – Beim Thrill geht es seit Anbeginn um ein Vergnügen an Angst und Verbrechen. Seeßlen erzählt die Geschichte vom Suspense im Stummfilm, über die deutschen, englischen und französischen Kriminalfilme der 1930er Jahre zum amerikanischen Film noir der Vierziger.  Er beschreibt das Ende der Gangsterhelden in der Nachkriegszeit, das PSYCHO- und das James Bond-Syndrom, bringt etwas Ordnung in die Zeit von 1980 bis 1995 und widmet das größte Kapitel (über 200 Seiten) den Jahren seit 1995 („Globalisierte Stätten der Angst“). Die Schlussthese heißt: „Der Thriller im Jahr 2013 muss schlagen, brennen, reißen, fallen, foltern, bluten und in jeder erdenklichen Weise wehtun, um sein eigentliches Experiment durchzuführen. Herauszufinden, ob seine Zuschauer überhaupt noch Gefühle haben.“ Titelfoto aus dem Film NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007). Mehr zum Buch: filmwissen-thriller.html

Hans Hillmann

2013.HillmannIm Essener Museum Folkwang, einem deutschen Zentrum für Plakatkunst, ist noch einen Monat lang die interessante Ausstellung der Film-plakate von Hans Hillmann (* 1925) zu sehen: „Der Titel wird im Bild fortgesetzt“. Die Ausstellung würdigt die stilprägenden Entwürfe von Hillmann vor allem in den 1960er Jahren. Zwei Verleihfirmen haben damals mit dem Künstler kooperiert: die Neue Filmkunst von Walter Kirchner und der Atlas Filmverleih von Hanns Eckelkamp. Ich erinnere mich als Programmsammler an die „Kleine Filmkunstreihe“, zum Beispiel an ABEND DER GAUKLER, BELLISSIMA, STURM ÜBER ASIEN oder TO BE OR NOT TO BE: schwarzweiß, ausschnitthaft, akzentuiert. Auch die Plakate, die fürs Kino früher eine große Bedeutung hatten, haben sich immer eingeprägt. Hier arbeitete Hillmann oft mit Farbkontrasten. Auf dem Titel des Katalogs (erschienen bei Edition Folkwang/Steidl) ist THE LONELINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER zu sehen. Mehr zur Ausstellung: hans-hillmann.html

Haneke über Haneke

2013. HanekeDie frühen Filme von Michael Haneke (* 1942) waren mir zu effekthascherisch und grausam. Aber DIE KLAVIER-SPIELERIN (2001) und CACHÉ (2005), vor allem DAS WEISSE BAND (2009) und LIEBE (2012) respektiere und bewundere ich. Es gab viel darüber zu lesen, auch in Gesprächsform (Thomas Assheuer im Alexander Verlag), nun ist das Buch der Franzosen Michel Cieutat und Philippe Rouyer, übersetzt von Marcus Siebert, ebenfalls im Alexander Verlag erschienen, in dem der Regisseur Film für Film Frage und Antwort steht und dabei über Produktions-bedingungen, künstlerische Entscheidungen, Vorbilder und Einflüsse, Schauspielerinnen und Schauspieler Auskunft gibt. Das ist spannend zu lesen, weil man den Sprachduktus von Haneke im Ohr hat und spürt, dass er seine Interviewpartner ernst nimmt und nicht einfach das schon mehrfach Gesagte wiederholt. Meine Meinung über seine frühen Filme hat sich nach der Lektüre nicht unbedingt geändert, ist aber etwas offener geworden, zu den neueren Filmen gibt es interessante Informationen. Also: ein lesenswertes Buch. Die Abbildungen sind sehr akzeptabel, das Nachwort von Georg Seeßlen ist klug. Mehr zum Buch: HANEKE_ueber_HANEKE.html

STAUB AUF UNSEREN HERZEN (2012)

2013.Staub 1Dies ist der Abschiedsfilm der Schauspielerin Susanne Lothar, die im Juli 2012 mit 51 Jahren viel zu früh verstarb. Damit hat das Mutter-Tochter-Drama STAUB AUF UNSEREN HERZEN, der Abschlussfilm von Hanna Doose an der DFFB, einen eigenen Subtext. Denn man kann den Film nicht sehen, ohne an das Schicksal der Hauptdarstellerin zu denken. Aber der Lothar-Tod wirft keinen Schatten auf diesen Film, sie spielt ihre ambivalente Rolle mit aller Intensität, sie zieht die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Als Psychotherapeutin Chris dominiert sie ihre 30jährige Tochter Kathi, eine allein erziehende Mutter und mäßig erfolgreiche Schauspielerin. Stephanie Stremler muss als Kathi die Protagonistin einer orientierungslosen Generation verkörpern. Sie tut das mit sympathischer Zögerlichkeit und spürbarer Unsicherheit. Am Rande gibt es einen Vater, der sich nach 15 Jahren zurückmeldet, und einen Liebhaber, der Puppenspieler ist. Das Ende bleibt offen. Der Film entstand ohne fertiges Drehbuch, es wurde viel improvisiert. Das Ergebnis hat erstaunliche Qualitäten, gewann 2012 den Förderpreis beim Münchner Filmfest und den „First Steps Award“ als bester abendfüllender Spielfilm, hatte beim Publikum aber keinen nennenswerten Erfolg. Jetzt ist die DVD des Films erschienen. Lohnt sich. Mehr zum Film: www.movienetfilm.de/staub/dvd.php

Affektpoetiken des amerikanischen Großfilms

UMS2426_neu.inddDie Dissertation von Christian Pischel entstand 2008 am Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Im Mittelpunkt stehen zwei amerikanische Blockbuster aus den frühen 1990er Jahren, TERMINATOR 2  – JUDGEMENT DAY (1991) von James Cameron und JURASSIC PARK (1993) von Steven Spielberg und zwei aus dem Jahr 2001: PEARL HARBOUR von Michael Bay und HOLLOW MAN von Paul Verhoeven. Pischel kommt in seinen Analysen zu dem interessanten Schluss, dass diese Filme trotz der schon damals zur Verfügung stehenden Digitalisierungseffekte noch stark am Fotorealismus orientiert sind, was den dominanten Rezeptionsgewohnheiten des Jahrzehnts geschuldet ist. In der Definition des „Großfilms“ greift der Autor weit in die Filmgeschichte zurück, orientiert sich an ersten Phantasien von Kurt Pinthus (1913), erinnert an die Manifeste vom Futurismus und die Studie „The Photoplay“ (1916) des deutsch-amerikanischen Psychologen Hugo Münsterberg, nennt natürlich Eisenstein als Kronzeugen für die Montage der Attraktionen (1923/24) und findet viel theoretischen Rückhalt bei Tom Gunning und seinem fundamentalen Aufsatz „The Cinema of Attraction: Early Film, It’s Spectator and the Avant-Garde“ (1990). Eine sehr aufschlussreiche Passage ist der konkrete Vergleich zwischen HOLLOW MAN und THE INVISIBLE  MAN (1933) von James Whale. Vier Abbildungen, umfangreiches Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: ts2426.php