Johnny Depp

2013.DeppDas erste Buch über den „sen-siblen Don Juan“ erschien in Deutschland vor 17 Jahren in der Heyne-Film-bibliothek. Jetzt hat der Knesebeck Verlag zum 50. Geburtstag einen prachtvollen Bildband publiziert. In mehr als 50 Filmen spielte Johnny Depp seit 1984 eine Hauptrolle. In guter Erinnerung sind mir vor allem EDWARD SCISSORHAND (1990) von seinem Lieblingsregisseur Tim Burton, WHAT’S EATING GILBERT GRAPE (1993) von Lasse Hallström, DEAD MAN (1994) von Jim Jarmusch, FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS (1998) von Terry Gilliam, THE NINTH GATE (1999) von Roman Polanski und PUBLIC ENEMIES (2009) von Michael Mann. Der Autor Steven Daly erzählt in einer großen Nähe zu seinem Protagonisten dessen Lebens- und Rollengeschichte. Die Basis dafür sind viele Interviews und die Kenntnis der Filme. Dominiert wird das Buch allerdings von den über 200 meist großformatigen Abbildungen, gegen die der Text etwas wirkungslos bleibt. Die Druckqualität ist exzellent. In den USA ist gerade der neueste Depp-Film angelaufen: THE LONE RANGER von Gore Verbinski. Mehr zum Buch: /johnny-depp/index.html

Jean Louis Schefer

2013.ScheferVor 33 Jahren ist das Buch „L’Homme ordinaire du cinéma“ des französischen Filmphilosophen Jean Louis Scherer (*1938) als Publikation der Cahiers du Cinéma erschienen, jetzt ist es, herausgegeben von Matthias Wittmann, erstmals auf Deutsch zu lesen: „Der gewöhnliche Mensch des Kinos“. Scherers theoretische Gedanken sind keine in sich geschlossene wissen-schaftliche Abhandlung, sie summieren sich – und das macht ihre Rezeption gleichzeitig schwierig und inspirierend – zu immer neuen Assoziationen mit vielen konkreten filmischen Ausgangspunkten. Im Mittelpunkt steht dabei das Kino als Projektionsort, in dem die Menschen nicht einfach ihre Wünsche realisiert finden, sondern wo die Wünsche sich einen Körper suchen und Intensitäten sich Intentionen schaffen. Schefers Interesse gilt speziell der Burleske, dem Psychodrama, dem Horrorfilm, es sind vor allem Filme der 1920er und 30er Jahre, auf die sich seine Beobachtungen und Reflexionen beziehen, zum Beispiel BATTLING BUTLER von Buster Keaton, NANA von Jean Renoir, FREAKS von Todd Browning, VAMPYR von Carl Theodor Dreyer. Den Texten im ersten Teil (Die Götter“) stehen Abbildungen gegenüber. Der zweite Teil („Das verbrecherische Leben (Der Film)“ ist bilderlos. Schefer hat für die deutsche Ausgabe ein Vorwort geschrieben, das Nachwort des Herausgebers Wittmann ist für das Verständnis der Texte sehr hilfreich. Eine lesenswerte Rezension des Buches von Petra Löffler erschien kürzlich in der Zeitschrift für Medienwissenschaft (www.zfmedienwissenschaft.de/?TID=89 ). Mehr zum Buch: 978-3-7705-5337-2.html

Leipzig / Oberhausen

2013.Kalter KriegAndreas Kötzing (*1978), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden und Lehr-beauftragter an der Universität Leipzig, hat sich in seiner Dissertation auf zwei interessante Schauplätze der Ost-West-Beziehung und des Kalten Krieges in den 1950er und 60er Jahren konzentriert: die fast zeitgleich gegrün-deten Festivals in Oberhausen und Leipzig, deren sehr wechselhaftes Verhältnis das politische Klima zwischen den BRD und der DDR wider-spiegelte. Die „I. Westdeutschen Kulturfilmtage“ fanden, initiiert von Hilmar Hoffmann, im Oktober 1954 statt. Die „I. Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche“, konzeptioniert vom Sekretär des Clubs der Filmschaffenden der DDR, Wolfgang Kernicke, wurde im September 1955 eröffnet. Die „Mannheimer Filmwoche“, gegründet 1952, war für beide ein Vorbild. „Weg zum Nachbarn“ hieß das Oberhausener Motto, „gesamtdeutsch“ nannte sich das Festival in Leipzig. Ab 1958 und vor allem nach dem Mauerbau 1961 wurden die Entfernungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR größer, die Politik dominierte die Festivalkonzepte, auch wenn die Oberhausener Leitung natürlich freier in der Programmgestaltung war. Erst Ende der Sechziger gab es wieder Annäherungen. Kötzings Untersuchung fokussiert das Thema auf die Zeit zwischen 1954 und 1972. Er hat vorbildlich recherchiert, seine Literaturliste ist beeindruckend. Auch wenn die Zeiten sich fundamental geändert haben: es sind spannende Geschichten, die hier erzählt werden. Meine Oberhausen-Zeit waren vor allem die 1960er und 70er Jahre, meine Leipzig-Reisen fanden in den 70er und 80er Jahren statt. Ich fühlte mich beiden Festivals sehr verbunden. Mehr zum Buch: kultur-und-filmpolitik-im-kalten-krieg.html

Erich Mendelsohn

2013.MendelsonDer israelische Regisseur Duki Dror hat ein dokumentarisches Biopic über den Architekten Erich Mendelsohn (1887-1953) realisiert, das vor einem halben Jahr in einigen Kinos zu sehen war und jetzt als DVD erschienen ist. Mit vielen Zitaten aus den Memoiren von Luise Mendelsohn und aus den Briefen von Erich wird das weltweite Wirken des Baukünstlers sehr lebendig erzählt. Bilddokumente aus den 1920er und 30er Jahren sind anschaulich mit aktuellen Aufnahmen der Plätze und Gebäude in Potsdam, Berlin, Chemnitz, Chelsea, Jerusalem, Tel Aviv oder San Francisco verbunden. Natürlich werden auch die wechselhaften Lebensphasen in Deutschland bis 1933 und im Exil in England, Palästina und den USA thematisiert, und im Zentrum steht immer wieder die enge Beziehung zu seiner Frau, der Cellistin Luise Maas, die er früh geheiratet hatte und die ihm auch in existentiellen Krisen (Verlust eines Auges) zur Seite stand. Dem Film fehlt gottlob alles Lehrhafte, er sieht seinen Protagonisten aus heutiger Perspektive. Im Übrigen gibt es noch einen persönlichen Bezug: wir wohnen in einem Mendelsohn-Gebäude am Kurfürstendamm, hinter der heutigen „Schaubühne“, erbaut in den späten 20er Jahren mit dem damaligen Kino „Universum“ als Zentrum. Auch das wird im Film gezeigt. Mehr zur DVD: aktion=artikel&id=467

Hans Wollenberg

2013.WollenbergEr war, wenn man dem Titelfoto glaubt, ein meinungsfreudiger Mann. Hans Wollenberg (1893-1952), ausgebildeter Jurist, Redakteur des Fachblattes Lichtbild-Bühne von 1920 bis 1923, Chefredakteur von 1927 bis 1933, leitete von 1934 bis 1938 die Wochenzeitschrift des Reichs-bundes jüdischer Frontsoldaten Der Schild, ging 1938 ins Exil nach Prag, lebte und arbeitete ab 1939 in Großbritannien, schrieb 1948 das Buch „Fifty Years of German Film“, war ab 1949 als Gast  zu Vorträgen in Deutschland und starb 1952 in London. Eine fast paradigmatische Exil-Biografie, die von Ulrich Döge in seinem einleitenden Essay („Kosmopolit des Films“) auf siebzig Seiten bestens recherchiert geschildert wird. 70 Filmkritiken und 28 Aufsätze sind in dem Band dokumentiert. Sie sind meinungsfreudig, aber vor allem sachlich und voller Respekt vor den Machern der Filme. Beispielhaft finde ich seine Texte über SCHERBEN (1921) von Lupu Pick, DER MÜDE TOD (1921) von Fritz Lang (mit dem Resumée: „Die ihr an die Zukunft des Kinos glaubt, seht euch dieses Lichtspiel an! Die ihr dem Kino mißtraut, seht es euch erst recht an – aber laßt alle Bühnen-weisheit, laßt die Hamburgisch Dramaturgie  und den Laokoon hübsch zuhause. Denn ihr seid bei einer neuen Muse zu Gaste.“), DAS WEIB DES PHARAO (1922) von Ernst Lubitsch, DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT (1928) von Kurt Bernhardt und ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930) von Lewis Milestone. Und natürlich muss man seinen Aufsatz „Der Jude im Film“ aus dem Jahr 1927 lesen. Schön, dass die Reihe „Film & Schrift“, herausgegeben von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen, mit ihrem 16. Band an Wollenberg erinnert. Mehr zum Buch: werke_default_film

Colin Firth

Bild 1In unseren Kinos ist gerade der Film GAMBIT (2012) von Michael Hoffman zu sehen. Colin Firth (*1960) spielt darin einen Kunstkurator, der seinen Boss, einen beses-senen Kunstsammler, in eine Falle locken will. Eine Krimikomödie, in der Firth nicht übermäßig gefordert ist. THE KING’S SPEECH (2010) bleibt der Höhepunkt in der bisherigen Karriere des Schauspielers. Er hat inzwischen so viele Anhänger, dass eine Biografie auf den Markt musste. Ihr Autor, Sandro Monetti, teilt uns viele Dinge aus dem Birth-Leben mit: wie er – oft in heftiger Konkurrenz mit Kollegen – zu seinen Filmrollen kam, wie er seine große Liebe Livia Giuggioli kennen lernte, wie er sich für indigene Völker einsetzt. Das muss man wirklich nicht alles wissen, und die Analyse der Filmrollen kommt dabei eher zu kurz. Da es offenbar ein Buch für die deutschen Fans ist, spart die Filmografie im Anhang die Originaltitel der Filme aus. Zwei farbige Bildteile: 16 Seiten Rollenfotos, 16 Seiten Privatfotos. Mehr zum Buch: colin-firth.html

Ennio Morricone

2013.MorriconeEr ist einer der bekann-testen, fleißigsten und vielseitigsten Filmkom-ponisten, auch wenn viele ihn aufs Genre des Italo-Western reduzie-ren. Für mehr als 500 Filme hat Ennio Morricone (*1928) die Musik geschrieben, darunter waren PRIMA DELLA REVOLUZIO-NE (1964) von Bernardo Bertolucci, TEOREMA (1968) von Pier Paolo Pasolini und natürlich C’ERA UNA VOLTA IL WEST (1968) von Sergio Leone. Zuletzt stand er im Nachspann von LA MIGLIORE OFFERTA (2013) von Giuseppe Tornatore. Jetzt ist ein prachtvoll aussehendes „earbook“ über Morricone erschienen. Es enthält als Hauptattraktion vier CDs mit 55 Musikstücken, darunter sind natürlich alle bekannten Titel. Das Buch hat zwei große Kapitel, zunächst eine Werkanalyse von Sergio Miceli, die – dreisprachig (englisch, italienisch, deutsch)  – von Fotos, Plakatabbildungen und Kontaktbögen dominiert wird. Für den Text bleibt da nicht allzu viel Raum, aber er ist auch in der Komprimierung informativ und lesenswert. Das zweite Kapitel ist eine Filmauswahl mit Fotos, Plakaten und filmografischen Daten als Erinnerungshilfe. Eine Liste der Preise für Morricone kulminiert im Ehren-Oscar 2007, eine Filmliste schließt sich an. Ein Buch also vor allem zum Hören. Mehr darüber: /ennio-morricone/

Marseille

2013.MarseilleEs ist Europas Kulturhauptstadt 2013 und eine Filmstadt in viel-fältiger Weise. Vor allem Kriminalfilme nutzten das Ambiente der französischen Hafenstadt: es sei an LE CERCLE ROUGE (1970) von Jean-Pierre Melville, FRENCH CONNECTION (1971 und 1975) von William Friedkin bzw. John Frankenheimer, BORSALINO (1970 und 1974) von Jacques Deray erinnert. Selbst Schimanski hat hier mal ermittelt (ZAHN UM ZAHN, 1985). Daniel Winkler, Romanist in Innsbruck, war schon 2007 Autor eines Marseille-Filmbuchs, das inzwischen vergriffen ist. Jetzt liegt eine überarbeitete und ergänzte Neuausgabe vor. Vier Kapitel bilden das Zentrum: Das provenzalische Marseille von Marcel Pagnol, das kriegerische Marseille von Paul Carpita, das populare Marseille von René Allio und das globale wie lokale Marseille von Robert Guédiguians. Die Analysen sind kenntnisreich und durch viele Quellenverweise abgesichert. Stilistisch bleiben ein paar Wünsche offen, mich nervt die häufige Verwendung des Wortes „Streifen“, wenn von Film die Rede ist. Der „Abspann“ enthält eine beeindruckende Marseille-Filmografie mit fast 400 Titeln. Das Titelbild stammt aus dem Film LA MARSEILLAISE (1938) von Jean Renoir. Mehr zum Buch: eine-metropole-im-filmischen-blick.html

Der Opernbesuch im Spielfilm

2013.Opernbesuch 2Im Wagner- und Verdi-Jahr ist dies ein schönes Thema. Sabine Sonntag, Regisseurin, Drama-turgin und Autorin in Hanno-ver, hat mit einer Dissertation über „Richard Wagner im Kino“ promoviert. Jetzt geht sie der Frage nach, welche Spielfilm-figuren aus welchen Motiven in die Oper gegangen sind, in welchen Genres dies besonders häufig vorkommt und welche Opern dabei bevorzugt werden. 250 Filme bezieht die Autorin in ihre Untersuchung ein, der älteste stammt aus dem Jahr 1913 (RICHARD WAGNER von William Wauer und Carl Froelich), die aktuellsten sind aus dem Jahr 2012: der „Tatort“ WEGWERF-MÄDCHEN, TO ROME WITH LOVE von Woody Allen, ANNA KARENINA von Joe Wright, QUARTETT von Dustin Hoffman. Zwölf Kapitel hat die Autorin gebildet und dabei entweder eine spezielle Oper bzw. einen Komponisten in den Mittelpunkt gestellt oder (mehrheitlich) die Opernbesuche in bestimmten Genres ausgemacht, dem Künstler-drama, der Comedy, der Literaturverfilmung, dem Kriminalfilm, dem Horrorfilm (vor allem die verschiedenen Versionen von PHANTOM OF THE OPERA), dem biographischen Künstlerfilm (Sänger / Komponisten) und dem Historienfilm. Eigene Kapitel sind den Besuchen von Verdis „La Traviata“, Wagner-Opern und Mozarts „Zauberflöte“ vorbehalten. Der Titel des Buches, „Einfach toll!“, ist natürlich ein Zitat aus PRETTY WOMAN, die Meinungsäußerung von Julia Roberts bei einem „Traviata“-Besuch. Die Qualitäten der Filme und die der jeweils besuchten Opernaufführungen werden von der Autorin oft sehr unterschiedlich bewertet. Man spürt: Sabine Sonntag kennt sich im Film und in der Oper gut aus. Das macht die Lektüre des Buches so lohnenswert. Mehr zum Buch: 18lnbb3vq3ld0vmo4

Béla Tarr

2013.Béla TarrDer ungarische Regisseur Béla Tarr (* 1955) hat von 1977 bis 2011 neun Filme gedreht, am bekanntesten sind wohl BETON-BEZIEHUNG (1982), SATANSTANGO (1994), DER MANN AUS LONDON (2007) und DAS TURINER PFERD (2011). Das kleine, gewichtige Buch des französischen Philosophen Jacques Rancière (*1940) ist eine beeindruckende Passage durch das Werk von Béla Tarr. „Er macht immer denselben Film, spricht immer von derselben Realität; nur dringt er immer tiefer in diese ein. Vom ersten bis zum letzten Film geht es immer um eine enttäuschte Hoffnung, um eine Reise, die am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt.“ Film für Film entfaltet Rancière die Tiefe der Geschichten, der Themen, des Stils dieses Regisseurs. Er analysiert den Umgang mit der Zeit, die Funktion der Familie, die Bedeutung des Regens, die Rolle der Betrüger, der Idioten, der Verrückten, die Schwarzweißfotografie, den Ton, die Offenheit des geschlossenen Kreises, die als Textur den Filmen zugrunde liegt. Es ist ein Essay, wie er nur aus der intimen Kenntnis der Filme heraus geschrieben werden kann. So bewundernswert wie das Werk des Regisseurs. Mehr zum Buch: bela-tarr-die-zeit-danach/