Was Sie schon immer über Kino wissen wollten…

2013.Volk-WissenEs sind viele Fragen, die in diesem Buch von dem cinephilen Film- und Literaturkritiker Stefan Volk beantwortet werden. Fragen nach Superlativen (den besten, den teuersten, den erfolgreichsten Filmen und den größten Flops), nach den bekanntesten Filmzitaten, den berühmtesten Tieren auf der Leinwand, den lustigsten Filmtiteln und den schönsten Liebeserklärungen. Der Autor hat sein Material in Kapiteln strukturiert, ein eigenes ist Woody Allen gewidmet, ein anderes James Bond und zwei heißen schlicht „Dies und das“. Das längste handelt vom Oscar, und hier findet sich auch eine nützliche Tabelle mit allen Verleihungen von 1929 bis 2013 mit Datum, Veranstaltungsort, Moderation, Anzahl der Kategorien und bestem Film. Es geht ansonsten um Filmfehler und Filmklischees, um bekannte Schauspieler, die während einer Filmproduktion gestorben sind, um alternative Schlüsse (Happyend oder kein Happyend) und um die 27 Grafen von Monte Christo. Entbehrlich finde ich die Kapitel über Scientologen in Hollywood und die Goldenen Himbeeren. Dies ist im Übrigen kein Buch zum kontinuierlichen Lesen, sondern zum Blättern und Stöbern. Am Ende findet man eine Liste aller Listen, Tabellen und Texte im Überblick. Mehr zum Buch: was-sie-schon-immer-ueber-kino-wissen-wollten.html

Leben und Sterben des Philip Werner Sauber

2013.EdschmidPhilip Werner Sauber (*1947) war Schweizer Bürger, gehörte zum zweiten Jahrgang der Filmakademie in Berlin (dffb), schloss sich der „Bewegung 2. Juni“ an und starb am 9. Mai 1975 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Köln. Der Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid (*1940) erzählt sein Leben so genau, authentisch und zugeneigt, wie es nur aus einer großen, erfahrenen Nähe möglich ist. Die beschriebene Zeit liegt inzwischen vierzig Jahre zurück. Sie ist in vielen Dokumenten und Fiktionali-sierungen rekonstruiert worden, aber wohl noch nie aus so unmittelbarer Innensicht, mit so viel emotionaler und reflexiver Identifikation. Auch wenn sich die Wege von Ulrike E. und Philip S. 1972 langsam trennten und ihn sein unabdingbarer Gerechtigkeitssinn in den Untergrund trieb, blieben Verbindungen bestehen. Ulrike hat ab 1969 selbst an der dffb studiert, die Produktionsmittel genutzt, sich aus den politischen Debatten der Akademie aber eher herausgehalten. Philip war immer wieder in seiner zurückhaltenden Art im Schneideraum oder im Trickstudio präsent. Ich kann mich an Begegnungen im Büro von Helene Schwarz erinnern, und auch sein Film DER EINSAME WANDERER (1968) ist mir im Gedächtnis. Philips Verschwinden haben wir in der DFFB wahrgenommen, sein Ende hat uns schockiert. Eine große Rolle spielt in Ulrike Edschmids Roman ihr damals kleiner Sohn Sebastian (*1965) aus der kurzen Ehe mit Enzio Edschmid. Um ihn hat sich Philip offenbar wie ein junger Vater gekümmert, aber das hat ihn nicht von seinem konsequenten Weg zurückhalten können. Es ist vielleicht mehr als eine biografisch-familiäre Pointe, dass Sebastian Edschmid ab 1992 an der dffb studiert hat. Eine lesenswerte Rezension des Buches von Ulrike Edschmid hat Verena Lueken in der FAZ publiziert: einer-nimmt-seinen-koffer-und-geht-12138537.html. Mehr zum Buch: ulrike_edschmid_42349.html

Historien- und Kostümfilm

2013.ReclamEin neuer Band in Thomas Koebners Reihe „Filmgenres“ bei Reclam. Es ist inzwischen der 15., als Gastherausgeber fungieren Fabienne Liptay und Matthias Bauer, es ist ein besonders gelungener Band. 72 Filmtitel nennt das Inhalts-verzeichnis, und weil bei einigen historischen Personen verschiedene Versionen behandelt werden, sind es eigentlich mehr. Die Reihenfolge ist chronologisch, sie beginnt mit INTOLERANCE (1916) von D. W. Griffith und endet mit MARIE ANTOINETTE (2006) von Sofia Coppola. 33 Autorinnen und Autoren waren am Werk. Ursula von Keitz unternimmt eine sehr sachkundige Passage durch zwanzig Napoleon-Darstellungen von 1903 bis 2002, was ein bisschen auf Kosten des je einzelnen Films geht. Armin Jäger arbeitet sich entsprechend an zehn Jesus-Christus-Filmen der Jahre 1912 bis 2004 ab, Fabienne Liptay hat neun Filme über Elizabeth I. zu bewältigen und Michael Grisko acht über die Jungfrau von Orleans. Gut gefallen haben mir u.a. die Texte von Michelle Koch über Josef von Bakys MÜNCH-HAUSEN, von Qin Hu über Zang Yimous ROTE LATERNE, von Julia Gerdes über Jane Campions PIANO und Marina May über Mamoulians KÖNIGIN CHRISTINE. Aber ich müsste eigentlich noch mindestens zwanzig andere nennen, die bewundernswert konkret die Filme in Erinnerung rufen. Es sind viele Protagonisten der „Mainzer Schule“ dabei. Die Bildauswahl ist sparsam, wie immer in der Reihe, aber dafür haben die Bildtexte ihre eigene Qualität. Ein Defizit ist für mich nur das Fehlen eines deutschen Lubitsch-Films. MADAME DUBARRY, ANNA BOLEYN oder SUMURUN hätten sich angeboten. Mehr zum Buch: Filmgenres__Historien__und_Kostuemfilm

Vier Texte von Alexander Sokurov

2013.Sokurov 1Seine Schriften haben einen eigenen, unverwechselbaren Stil, sie sind sehr subjektiv, hier und da auch philosophisch, gleichzeitig abstrakt und konkret. Vier Texte des russischen Regisseurs Alexander Sokurov (*1951) hat jetzt Hans-Joachim Schlegel in einem schmalen lesenswerten Buch bei Schirmer/Mosel publiziert und ihnen ein kluges Nachwort hinzugefügt. Sie spannen einen Bogen zwischen Japan und Sokurovs Heimat, sind elegische Mitteilungen, Momentaufnahmen, beschreiben Japan nicht als geografischen, sondern als „emotionalen Raum“. Besonders gut haben mir die Fragmente aus dem „Japanischen Tagebuch“ (1999) gefallen, die während der Vorbereitung und Drehzeit des Films DOLCE entstanden. Sie thematisieren zum Beispiel die Farbe, den Geruch und – sehr dramatisch – die Erlebnisse während eines Taifuns. Die Filmarbeit wird dabei immer wieder zum Ausgangspunkt genereller Überlegungen. Mehr zum Buch: Sokurov_Japan.pdf.

Über das gegenwärtige deutsche Kino

2013.CookeFür das internationale Ansehen des deutschen Films ist es nützlich, wenn im Ausland mit Sachverstand und Zuneigung über ihn geschrieben wird. Auch wenn der Effekt solcher Publikationen begrenzt ist, sollten wir sie mit Sympathie zur Kenntnis nehmen. Paul Cooke (*1969) ist Professor für German Cultural Studies an der University of Leeds. Sein Buch „Contemporary German Cinema“ erschien im vergangenen Jahr und ist eine komprimierte und sehr informative Zustandsbeschrei-bung. Im Mittelpunkt steht dabei der Film der Nuller Jahre. Cooke strukturiert sein Thema in sieben Kapitel. Zunächst klärt er die ja nicht leicht zu vermittelnden Finanzierungsfragen mit den speziellen Förderungseffekten in der Bundesrepublik. Dann geht es um die unterschiedlichen Abbildungen von Realität (Andreas Dresen und, als eine Art Gegenpol, die „Berliner Schule“). Natürlich ist ein umfangreiches Kapitel der Darstellung von deutscher Geschichte gewidmet (DER UNTERGANG, DAS LEBEN DER ANDEREN), das sich anschließend erweitert in den Themen politische Nachbarschaft (LICHTER) und multikulturelle Erfahrung (GEGEN DIE WAND). Als spezieller Aspekt wird das Thema Filme von Frauen (FREMDE HAUT, KIRSCHBLÜTEN) und über Frauen (DIE UNBERÜHRBARE) behandelt. Dann geht es um die Brücke nach Amerika (SCHULTZE GETS THE BLUES) und am Ende um neue Formen des Heimatfilms (WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOD, DAS WEISSE BAND). Cooke ist nicht nur sachkundig, er kommt auch zu differenzierten Urteilen. Das Titelbild stammt aus dem Film BERLIN CALLING von Hannes Stöhr. Die Druckqualität der rund 50 Abbildungen im Buch ist leider grenzwertig. Mehr zum Buch: 9780719076190

Hollywood in Deutschland

2013.GarncarzImmer wieder wird davon ausgegangen, dass es eine Dominanz des Hollywoodkinos in Deutschland schon in den 1920er Jahren gab, die sich in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik fortgesetzt hat und Dank der Blockbuster bis in die Gegenwart anhält. Joseph Garncarz (*1957) hat in seiner Kölner Habilitationsschrift systematisch die Publikums-interessen ab 1925 erforscht und dabei festgestellt, dass erst in den 1970er Jahren eine Präferenz des amerikanischen Films in der internationalen Kinokultur nachweisbar ist. In den 50er Jahren kamen die Kassenhits noch überwiegend aus der BRD, in den Sechzigern aus den europäischen Nachbarländern. Die Kino-Erfolgranglisten, die im Anhang abgedruckt sind, belegen die Thesen von Garncarz nachdrücklich. Natürlich hat das vor allem mit der Abwanderung großer Zuschauermengen zum Fernsehen und mit dem Generationswechsel beim Kinopublikum zu tun. Erst seit dem Inkrafttreten des Filmförderungsgesetzes 1968 gibt es im Übrigen verlässliche Daten über Besucherzahlen, die Recherchen von Garncarz für die Zeit davor waren mühsam und aufwendig. Sie sind in der Konsequenz aufschlussreich, führen aber nicht zu einer generellen Neubewertung der Filmgeschichte. Mehr zum Buch: buecher_H_658_1/

VIEHJUD LEVI (1998)

2013.Viehjud LeviAusgelöst durch den Fernsehfilm UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER wird in diesen Tagen viel über die Traumatisierung der Deutschen durch die Nazi-Verbrechen gesprochen. Da sind Hinweise auf frühere Filme angebracht. Der Schriftsteller Thomas Strittmatter war zwanzig Jahre alt, als er das Theaterstück „Viehjud Levi“ schrieb, das 1982 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Der Autor starb 1995. Didi Danquart hat das Stück 1998 verfilmt. Erzählt wird die Geschichte eines Viehhändlers im Schwarzwald, der 1933 die ideologischen Veränderungen existentiell zu spüren bekommt. Angeführt von einem Berliner Ingenieur repariert ein Bautrupp einen eingestürzten Eisenbahntunnel und bringt bei den Bewohnern eines entlegenen Tals irrationale Sympathien für den Nationalsozialismus zum Vorschein. Levi wird die Zielscheibe rassistischer Angriffe und kann nur mit Hilfe einer engagierten Bauerntochter sein Leben retten. Von Danquart subtil inszeniert, von Bruno Cathomas, Caroline Ebner, Ulrich Noethen und Martina Gedeck eindrucksvoll gespielt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films publiziert worden. Da wird auch noch einmal klar, dass uns mit Strittmatter ein hochbegabter Autor früh verloren gegangen ist. Mehr zur DVD: thema&list_item=53.

Gespräche über Dokumentarfilm

2013.Subjektiv_SprechenIm Winter 2010/2011 haben sich in München die Pinakothek der Moderne und die Hochschule für Fernsehen und Film für eine Veranstaltungsreihe zusammengetan. Heiner Stadler (*1948, Leiter der HFF-Dokumentarfilm-abteilung) und Bernhard Schwenk (*1960, Kurator für Gegenwartskunst der PdM) diskutierten an sieben Abenden mit jeweils einer Studentin / einem Studenten und einem arrivierten Gast aus der Filmszene. Thema: was leistet der Dokumentarfilm, der Blick auf die Wirklichkeit, in unserer Zeit? Bei Doris Dörrie und Jan Gassman ging es um die Frage „Wen interessiert schon Alltag?“. Hans-Christian Schmid und Andy Wolff beschäftigte die Überlegung „Ist der Spielfilm der bessere Dokumentarfilm?“. Michael Ballhaus und Noemi Schneider fragten sich „Wo bleibt im Dokumentarfilm die Kunst?“. Ulrich Seidl und Leonie Stade diskutierten über „Grenzüberschreitungen im Dokumentarfilm“. Dominik Graf und Fatima Abdollahyan thematisierten das Problem „Kann man Leben recherchieren?“. Christian Jankowski und Alexander Hick fanden sich mit der Frage konfrontiert „Braucht die bildende Kunst das Dokumentarische?“. Und Jochen Kuhn sprach mit Ali Zojaji über die These „Blockiert Theorie die Arbeit am Film?“. Stadler und Schwenk fungierten als moderierende, aber meinungsfreudige Gesprächsteilnehmer, und auch das Publikum kam zu Wort. Die Gäste gaben mit ihrer Erfahrung den Gesprächen ein Zentrum. Interessanter Lesestoff, die Präsentation wirkt etwas selbstverliebt. Mehr zum Buch: werke_default_film.

Textualität des Films

2013.TextualitätEine neue Schriftenreihe: „Zur Textualität des Films“. Sie wird herausgegeben von John Bateman, Heinz-Peter Preußer und Sabine Schlickers vom Bremer Institut für transmediale Textualitätsforschung. Der zweite Band über „Hybride Räume“ erschien im Herbst 2012. Jetzt folgt der erste. Von den 15 Aufsätzen haben mich zwei besonders interessiert: eine Analyse des Films MENSCHEN AM SONNTAG (1929/30) von Heinz-Peter Preußer und ein Text von Thomas Althaus über Stillstand und Bewegung im deutschen Film der 1920er Jahre. Preußer arbeitet sehr konkret die visuellen Qualitäten des Films von Robert Siodmak und Edgar Ulmer heraus, erkennt Blick- und Raumkonstellationen, interpretiert den besonderen Stellenwert der Strandfotografen-Sequenz und benennt die entscheidenden Kunstmittel des späten Stummfilms. Die permanenten Textualitätsbezüge sind dem wissenschaftlichen Anspruch des Autors geschuldet. Althaus stellt in seinem Aufsatz eine hilfreiche Brücke zur Entwicklung des Ausdruckstanzes her und benutzt fünf Schlüsselfilme des Jahrzehnts – CALIGARI, GOLEM, NOSFERATU, WACHSFIGURENKABINETT und METROPOLIS – mit Verweisen auf ihre Genrekonventionen, um seine Überlegungen zur Spezifik von Standbild und Bewegtbild zu formulieren, die auch ohne die semantischen Hypothesen nachvollziehbar sind. Mehr zum Buch: film-text-kultur.html.

Dominik Graf

2013.GrafIm Österreichischen Film-museum beginnt morgen eine Werkschau mit Filmen von Dominik Graf. Sie wird eröffnet mit einem Wunsch-film des Regisseurs: NIGHT MOVES (1975) von Arthur Penn. Dominik hat vier weitere Filme anderer Regisseure als Carte blanche im Programm, und es werden 15 seiner Arbeiten gezeigt. Zur Werkschau hat das Filmmuseum in der Reihe der Synema-Publikationen ein eigenes Buch herausgegeben. Christoph Huber, Filmredakteur der Wiener Presse, unternimmt darin eine Reise durch das Werk von Dominik Graf („Ein anderes Deutschland ist möglich“), die viele, auch neue Erkenntnisse zutage fördert. Von Olaf Möller, Autor in Köln, stammt eine umfängliche kommentierte Filmografie, die auch kritische Worte findet. Huber und Möller haben ein gemeinsames Gespräch mit Graf geführt. Das sehr empfehlenswerte Buch ist bereits Band 18 der „FilmmuseumSynemaPublikationen“, die eine meiner Lieblingsreihen unter den Filmbüchern ist. Mehr zum Buch: mode=active.