CLOUD ATLAS, das Shooting Script

2013.Cloud AtlasGemessen an den Produktionskosten sind die Einspielergebnisse für den Film von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern eher enttäuschend. In Deutschland haben immerhin mehr als eine Million Zuschauer den CLOUD ATLAS bisher gesehen. Mich persönlich hat der Film sehr beeindruckt. Michael Töteberg hat als Begleitbuch diesmal das Shooting Script gewählt, kombiniert mit 350 Fotos, die dem Film entnommen sind (Kamera: Frank Griebe, John Toll). Man kann beim Lesen und Schauen noch einmal die Kunst der Montage nachvollziehen und die Verwandlungen der Darsteller Tom Hanks, Halle Berry, Ben Wishaw, Hugo Weaving, Susan Sarandon und Hugh Grant in ihren wechselnden Rollen im Lauf der Jahrhunderte. Ein schönes und nützliches Buch. Mehr dazu: Cloud_Atlas.3034536.html

Hedy Lamarr

2013.HedyEigentlich steht alles, was man heute über den Star Hedy Lamarr (1914-2000) wissen muss, im Buch von Peter Körte, das vor zwölf Jahren bei Michael Farin im belleville-Verlag erschienen ist. Nun setzt der Journalist Jochen Förster im Zusammen-wirken mit Anthony Loder, Lamarrs Sohn, noch eins drauf. Sie erzählen das Leben der österreichischen Schauspielerin Hedwig Kiesler, die mit dem Film EKSTASE (1933) bekannt wurde, 1938 nach Hollywood kam und als Hedy Lamarr ein Star wurde, dialogisch und lassen natürlich auch die späten Jahre nicht aus, als ihre Karriere zu Ende war und sie nur noch durch Affären und zwei Ladendiebstähle in den Schlagzeilen blieb. Ihre Filme kommen in der neuen Publikation ein bisschen kurz. Und ihr Anteil an der Erfindung des „Frequenzsprungverfahrens“ bleibt für mich weiter dubios. Aber der Verlag Ankerherz hat viel Kreativität in die Ausstattung dieses Buches investiert. Das macht den speziellen Reiz der Publikation aus. Mehr über das Buch:  www.ankerherz.de/produkte/hedy-darling/

Hannah Arendt

Ab heute ist Margarethe von Trottas HANNAH-ARENDT-Film in den Kinos zu sehen. Das Buch zum Film, herausgegeben von Martin Wiebel, ist klug konzipiert und nähert sich seinem Thema aus zwei Richtungen, der historischen Realität und der filmischen Umsetzung. Dokumentiert sind Texte von Arendt (u.a. ein Gespräch mit Joachim Fest aus dem Jahr 1964), ihrem damaligen Assistenten Jerome Kohn, Mary McCarthy, Rainer Schimpf, Bettina Stangnetz und Ernst Vollrath zu den historischen Fakten und publizistischen Wirkungen. Dem stehen Äußerungen der Co-Autorin Pam Katz, der Produzentin Bettina Brokemper, der Arendt-Darstellerin Barbara Sukowa, des Heidegger-Darstellers Klaus Pohl, des Ausstatters Volker Schäfer und Tagebuch-Aufzeichnungen von Margarethe von Trotta gegenüber. Vom Herausgeber Wiebel stammt ein einleitender Essay zur Entwicklung des Arendt-Projekts. Vier Drehbuchszenen und 15 Farbfotos sind eingefügt. Ein Vorwort hat Franziska Augstein beigesteuert.

Zur digitalen Medienkultur

Eine neue Buchreihe: „Bild und Bit“, herausgegeben von Gundolf S. Freyermuth und Lisa Gotto mit Unterstützung der Internationalen Filmschule Köln. Der erste Band ist paradigmatisch konzipiert: fünf Kapitel, beginnend mit „Umbruch“, endend mit „Aufbruch“, dazwischen „Stehendes Bild: Statische Visualität“, „Bewegtes Bild: Dynamische Visualität, „Virtuelles Bild: Interaktive Visualität“. Zwölf Essays. Von Thomas Elsaesser stammt eine beeindruckende Analyse zum Stand der 3-D-Technik mit der These, dass es hier weniger um einen Effekt, sondern eher um eine Erweiterung unseres Wahrnehmungsspektrums geht. Jörn Glasenapp setzt sich mit alten und neuen Fototheorien auseinander. Lisa Gotto erkennt im Vergleich filmischer Schneebilder (SHINING, FARGO, THE DAY AFTER TOMORROW, INCEPTION) die ästhetischen und medialen Veränderungen zwischen 1980 und 2010. Angela Keppler beschäftigt sich mit der Bildlichkeit des Fernsehens, Stefan Münker mit dessen Veränderungen der Medialität. Lorenz Engell sieht in der Serie BREAKING BAD Ansätze zu einem „Neuen Fernsehen“. Freyermuth als Mitherausgeber formuliert am Ende zwölf Thesen und öffnet damit den Horizont für die Zukunft seiner Schriftenreihe. Jedem Text folgt eine Literaturliste. In der Summe liest man hier theoretische Visionen auf hohem Niveau. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2182/ts2182.php

Crossdressing

Männer kostümieren sich als Frauen, Frauen verkleiden sich als Männer. Das Crossdressing liefert seit hundert Jahren ein großes Potential für Komödien. Viele davon waren zwar einfach nur albern, vor allem in den 1950er Jahren, aber das Thema ist motivgeschichtlich und ideologisch interessant. Zwei Autorinnen haben sich den Stoff geteilt: Silke Arnold-de Simine schreibt über das Crossdressing in deutschen Filmen der Kaiserzeit (Asta Nielsen, Ossi Oswalda), der Weimarer Republik (DER GEIGER VON FLORENZ mit Elisabeth Bergner, DER FÜRST VON PAPPENHEIM mit Curt Bois, DER HIMMEL AUF ERDEN mit Reinhold Schünzel, VIKTOR UND VIKTORIA mit Renate Müller), der Nazi-Zeit (DER PAGE VOM PALAST-HOTEL mit Dolly Haas, CAPRICCIO mit Lilian Harvey). Von Christine Mielke stammen zwei sehr klug argumentierende und umfängliche Kapitel über die verschiedenen Versionen von CHARLEYS TANTE und über Liselotte Pulvers Paraderollen des weiblichen Crossdressing, ergänzt von Texten über Peter Alexander, die Tanten-Inflation der 1960er Jahre, das Take-off der Neunziger (MÄNNER, DER BEWEGTE MANN) und die „Adepten der Tanten“ in den letzten Jahren, endend mit Detlev Bucks RUBBELDIEKATZ. Die Autorinnen gehen auch auf internationale Remakes der Filme ein und verknüpfen ihre Analysen mit gesellschaftlichen Befunden, die sie wissenschaftlich gut absichern. Der Anhang enthält eine umfangreiche Bibliografie und eine Titelliste der Filme. Die Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: http://wvttrier.de/top/Beschreibungen/ID1251.html

bauhaus & film

So differenziert und gründlich ist das Verhältnis zwischen Bauhaus und Film bisher noch nie dargestellt worden. Thomas Tode, Autor und Filmemacher mit spezieller Bauhaus-Affinität, hat neue Recherchen initiiert und das Spektrum um den Bereich der hybriden Formen (Theatereinspielfilme, Lichtprojektionen, Entwürfe, Medienarchitektur) erweitert, weil ihm die bisherigen Erkenntnisse zu schmal erschienen. In der vorliegenden Publikation kommen viele unbekannte Materialien zum Vorschein, die zwar nicht den Filmcorpus vergrößern, aber den Umgang der Bauhäusler mit dem Film komplexer darstellen. Zu den 13 Autorinnen und Autoren des Bandes gehören neben dem Herausgeber, der einen grundlegenden Essay über interdisziplinäre Aspekte des Films am Bauhaus beisteuert, Norbert M. Schmitz, Birgit Hein, Jeanpaul Goergen, Olaf Bartels und Christian Hiller. Peter Schubert erinnert an die Arbeit der Ulmer Hochschule für Gestaltung in den 1960er Jahren. Niels Bolbrinker und Kerstin Stutterheim berichten über ihren Bauhaus-Film aus den Jahren 1997/98, der 2009 noch einmal überarbeitet wurde. Der Anhang enthält eine kommentierte Bibliografie zum Thema. Mehr zum Buch: www.boehlau-verlag.com/newbuchliste.aspx

Meine zehn Filme 2012

Die sind – in alphabetischer Reihenfolge – meine zehn Filme des Jahres 2012:  1. AMOUR von Michael Haneke.  2.  BARBARA von Christian Petzold.  3. CLOUD ATLAS von Tom Tykwer und Andy & Lana Wachowski.  4. DRIVE von Nicolas W. Refn.  5.  DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD von Jean Pierre & Luc Dardenne.  6. OH BOY von Jan-Ole Gerster.  7. ROSAS KINDER von Julia von Heinz/Chris Kraus/Axel Ranisch/Robert Thalheim/Tom Tykwer.  8. SKYFALL von Sam Mendes.  9. TINKER TAILOR SOLDIER SPY von Tomas Afredson.  10. WAS BLEIBT von Hans-Christian Schmid.  Weil Hanekes Film nicht nur im Alphabet vorn steht, ist ihm auch das Bild gewidmet, verbunden mit einem Hinweis auf das Buch zum Film: 2012/09/liebe-das-buch/

Filmbuch des Jahres 2012

Das Jahr 2013 hat begonnen. Zwölf „Filmbücher des Monats“ habe ich 2012 vorgestellt (www.hhprinzler.de/filmbuecher/). Eines davon soll wieder das „Filmbuch des Jahres“ werden. Wie immer gibt es drei Kandidaten: „Der CALIGARI-Komplex“ von Olaf Brill (August), „A New History of German Cinema“ (November) und „Andrej Tarkovskij“ (Dezember). Ich entscheide mich für das amerikanische Buch über den Deutschen Film, weil sein Blick auf unsere Filmgeschichte mir besonders intensiv, bedenkenswert und originell erscheint. 88 Autorinnen und Autoren haben daran mitgearbeitet, ihre Texte konzentrieren sich jeweils auf ein Datum, dem sie ein Ereignis oder ein Thema zuordnen. In  komprimierter Form nehmen sie dazu Stellung. Mein Respekt gilt Jennifer M. Kapczynski und Michael D. Richardson, die das Buch herausgegeben haben, und Gerd Gemünden und Johannes von Moltke, in deren Reihe „Screen Cultures: German Film and the Visual“ es erschienen ist. Mehr zum Buch: www.camden-house.com/store/viewItem.asp?idProduct=13944 und www.hhprinzler.de/filmbuecher/a-new-history-of-german-cinema/

50 Jahre Oberhausen / DVD

1962/2012: 50 Jahre „Ober-hausener Manifest“. Einerseits wurde die „Geburts-stunde“ des Neuen Deutschen Films mit Publikationen, Veranstaltun-gen, Diskus-sionen und Symposien ausführlich gewürdigt. Andererseits gibt es in der „Edition Filmmuseum“ eine Doppel-DVD mit 19 Kurzfilmen aus den Jahren 1958 bis 1964, an denen alle 26 Unterzeichner des Manifests mitgewirkt haben. Hier sind – zur Erinnerung – ihre Namen: Boris von Borresholm, Christian Doermer, Bernhard Dörrie, Heinz Fuchner, Rob Houwer, Ferdinand Khittl, Alexander Kluge. Pitt Koch, Walter Krüttner, Dieter Lemmel, Hans Loeper, Ronald Martini, Hansjürgen Pohlan, Edgar Reitz, Raimund Ruehl, Peter Schamoni, Detten Schleiermacher, Fritz Schwennicke, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky, Wolfgang Urchs, Herbert Vesely, Wolf Wirth. Es lohnt sich, am Ende dieses Jahres 2012 die Filme noch einmal zu sehen, weil sie Dokumente ihrer Zeit sind, in der Fotografie, im Kommentar, in der musikalischen Begleitung die späten 1950er und frühen 1960er Jahre in Erinnerung rufen. Es ist Geschichtsunterricht, wie er nur im Film stattfinden kann. Ein 20-Seiten-Booklet in drei Sprachen mit Beiträgen von Ralph Eue, Volker Baer und Haro Senft vertieft die Eindrücke, das Bonus-Material enthält Filme von Ulrich Schamoni und Wilhelm Roth. Mehr zur DVD: Die–Oberhausener-.html.

Rosas 70 neue Filme

Wer noch auf der Suche nach einem schönen Weihnachtsgeschenk ist, hier kommt ein Vorschlag: die Büchse mit siebzig neuen Filmen von Rosa von Praunheim. Es sind elf DVDs. Wenn man alle Filme hintereinander anschaut (was man auf keinen Fall tun sollte), dauert das zwanzig Stunden. Die bessere Lösung: zehn Tage à zwei Stunden. Und wenn einem ein Film nicht gefällt: einfach zum nächsten wechseln. Die Protagonisten sind sehr unterschiedlich, es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um Komik und Tragik, um starke Frauen, sensible Heteros, starke Schwule, Transgender und andere Grenzbereiche. Im Schnitt dauern die Filme zwischen zehn und zwanzig Minuten, in der Mehrzahl sind es Dokumentarfilme (Portraits), und man lernt wirklich ungewöhnliche Menschen kennen. Meine bisherigen Lieblingsfilme (ich habe noch nicht alle gesehen): EVA MATTES (ein Portrait der Schauspielerin, 21 min), WERNER SCHROETER (das letzte Interview, 11 min.), EIN VATER STIRBT (Fritz Mikesch erzählt seinem 13jährigen Sohn von seinem Leben und stirbt kurz danach, 40 min.), PETER RAUE – ANWALT UND KUNSTLIEBHABER (über den Berliner Rechtsanwalt, der gerade Probleme mit seiner Mandantin Ulla Unseld-Berkéwicz hat, 20 min.), DAS ABATON (über Werner Grassmann, den Hamburger Kinomacher, 21 min.), KNUT IST GUT (über den begnadeten Radiomoderator Knut Elstermann, 15 min.), KLATSCHREPORTER (über Andreas Kurtz, den Reporter der Berliner Zeitung, 14 min.), MÖPSE IN NOT (Coregie: Oliver Sechting, 21 min.). Ich halte Rosa für einen charismatischen Interviewer – das macht die meisten dieser Filme so speziell. Die Cassette mit 70 Filmen kostet 99 €, pro Film sind das rund 1,40 €. Also: auch noch ein preiswertes Weihnachtsgeschenk. Nach Rosas Meinung müssen diese Geschenke ja spätestens im Oktober gekauft werden – aber da gab es die DVD-Box noch nicht. Mehr zur Box: 70-neue-filme-von-rosa-von-praunheim-11er-dvd-box.html