DER STUDENT VON PRAG (1913)

2013.Student von PragIn der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird heute Abend wieder ein Stummfilm mit Orchesterbegleitung aufgeführt. Diesmal ist es DER STUDENT VON PRAG aus dem Jahr 1913, inszeniert von Hans Heinz Ewers und Stellan Rye mit Paul Wegener, Grete Berger und Lyda Salmonova in den Hauptrollen. Als Kameramann gab Guido Seeber dem Film seine spezielle Ausdrucksform. Gezeigt wird als Erstaufführung eine digital rekonstruierte Fassung, die im Münchner Filmmuseum realisiert wurde.  Gespielt wird die nach einem Klavierauszug rekonstruierte Originalmusik von Josef Weiss. Daniel Grossmann dirigiert das Orchster Jakobsplatz München. Kooperationspartner ist ZDF/Arte. Mehr zum Film: programm/datenblatt.php?film_id=20137722

Ozu / Yamada

2013.Ozu 1Als Berlinale Classic zeigen die Film-festspiele heute TOKYO MONO-GATARI (1953) von Yasijiro Ozu in einer digitalen Restaurierung. Es ist für mich einer der schönsten Filme, die es gibt. Mit Chishu Ryu und Chieko Higashiyama als altem Elternpaar, das noch einmal seine erwachse-nen Kinder in Tokio besucht und dort nur von der verwitweten Schwiegertochter Noriko (Setsuko Hara) gut behandelt wird. Am Ende stirbt die Mutter, und der Vater muss sich sein Leben allein einrichten. 2013.Yamada– Yoji Yamada (*1931) war damals Ozus Regieassistent. Jetzt hat er – nach sechzig Jahren – ein Remake des Films gedreht. Geht das? Wenn man mit Ozus Film sehr vertraut ist, fällt es zunächst schwer, sich bei Yamada zuhause zu fühlen. Sein Film, das macht dann auch seinen Reiz aus, spielt in der japanischen Gegenwart, nach Fukushima. Das alte Elternpaar kommt ins moderne Tokio, es gibt viele Parallelen zu Ozus Geschichte, aber natürlich aktualisierte Varianten. Die Figur der Noriko – sie ist jetzt die Verlobte des jüngsten Sohnes – kommt spät ins Spiel, der Tod der Mutter (sie wird von Kazuko Yoshiyuki wunderbar gespielt) ist dramatischer inszeniert, der Vater (Isao Hashizume) wirkt aktiver, in vielen Details erkennt man Yamadas Verehrung für Ozu. Ihm ist der Film – auch er wird als Berlinale Special gezeigt – gewidmet. Mehr zum Film TOKYO KAZOKU: id=20136761.

Claude Lanzmann

2013.Lanzmann neuDie Hommage der 63. Berlinale ist dem großen französischen Filmemacher Claude Lanzmann (*1925) gewidmet, der heute nach Berlin kommt und morgen Abend einen Goldenen Ehrenbären erhält. Bei absolut Medien gibt es eine DVD-Box mit seinen sieben großen Filmen: WARUM ISRAEL (1973), SHOAH (1985), TSAHAL (1994), EIN LEBENDER GEHT VORBEI (1997), SOBIBOR, 14. OKTOBER 1943, 16 UHR (2001) und DER KARSKI-BERICHT (2010). Wohl niemand ist mit einer solchen Intensität in die Geschichte der Judenverfolgung im Nationalsozialismus eingedrungen wie Lanzmann. An seinem wichtigsten Film, SHOAH, arbeitete er zehn Jahre. Er dauert neun Stunden und lässt nur Zeitzeugen zu Wort kommen. 1985 war er der Höhepunkt des Forum-Programms der Berlinale. Jetzt wird er in digitalisierter Form gezeigt. Das Booklet der DVD-Box enthält u.a. einen Essay von Klaus Theweleit über Lanzmann. Mehr zur Box: editionen&list_item=0 . 2010 erschienen die Erinnerungen von Claude Lanzmann im Rowohlt-Verlag: „Der patagonische Hase“. Heute um 18 Uhr führt Ulrich Gregor ein Gespräch mit Claude Lanzmann im Filmhaus. Mehr zur Hommage:  hommage.

www.alleskino.de

2013.alleskinoHeute wird die Website frei-geschaltet und die ersten Filme sind als Video-on-demand verfügbar: „www.alleskino.de“. Das Projekt von Hans W. Geißendörffer, Jochen von Vietinghoff und Andreas Vogel ist ehrgeizig und auf Langfristigkeit angelegt. Alle rund 11.000 langen deutschen Spiel- und Dokumentar-filme soll man sich zuhause anschauen können. Jochen von Vietinghoff: „Wir wollen deutsche Filme wieder sichtbar machen. National und international über alle Kanäle. Unsere Herangehens-weise ist es, die Interessen der Produzenten, Kreativen und der Zuschauer gleichberechtigt zu berücksichtigen. Ob Arthouse oder Blockbuster – unsere Plattform will Heimat für alle Produktionen der deutschen Filmindustrie werden.“ Die verantwortliche Institution heißt „Schätze des deutschen Films“ und wurde vor einem Jahr gegründet. Man kann ihr nur viel Erfolg wünschen. Mehr zum Projekt: www.schaetze-des-deutschen-films.de/

Berliner Kinos

2013.Berliner Kinos„Kiez-Kinos“ heißen sie während der Berlinale, weil sie Schauplatz einer eigenen Reihe sind. Und dieses Buch, zur Berlinale erschienen, mit einem Vorwort von Dieter Kosslick, stellt 21 von ihnen in Wort und Bild vor. Der Autor Ulf Buschmann (Beruf: Fotograf) ist natürlich vor allem an den Bildern interessiert. Er zeigt Fassaden, Zuschauerräume, Leinwände, technische Einrichtungen, Beleuchtungen in schönen Fotos; besonders schön: Cinema Paris, Filmrauschpalast und Z-inema. Der Buch ließe sich mühelos verdoppeln, weil mindestens zwanzig Kinos (zum Beispiel Arsenal, Bali in Zehlendorf, Capitol in Dahlem, Kino am Bundesplatz, Filmkunst 66, Moviemento, Toni/Tonino oder Zeughauskino) fehlen. Bis aufs Colosseum sind alle Multiplexe ausgespart. Einen kleinen Einführungstext zur Kinoauswahl hätte man sich schon gewünscht. Titelfoto: Union in Friedrichshagen. Mehr zum Buch: Berliner_Kinos.html

Filmstadt Berlin auf 3sat

2013.Chamissoplatz2-1Zwei extrem unterschiedliche Spielfilme und eine dokumentarische Impression zeigt 3sat heute Abend in seiner Reihe „Filmstadt Berlin“. Zuerst ist Wolfgang Staudtes DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) zu sehen, der erste deutsche Nachkriegsfilm mit Ernst Wilhelm Borchert und Hildegard Knef, ein Stimmungsbild der Trümmerstadt, das tief in die Traumata des Krieges eindringt. Dann folgt IN BERLIN (2009) von Michael Ballhaus und Ciro Cappellari, ein Kaleidoskop aus jüngerer Zeit, nicht so kunstvoll wie Ruttmanns BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927), der gestern zu sehen war, aber sympathisch. Und dann gibt es Rudolf Thomes wunderbaren Film BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980), eine Liebesgeschichte aus der Frühzeit der Gentrifizierung von Kreuzberg mit Hanns Zischler und Sabine Bach. Michael Althen hat darüber einen Text geschrieben, den man noch nicht im Netz lesen kann, aber ich zitiere wenigstens einige Sätze über die schönste Szene des Films: „Und während er anfängt zu singen, sitzt sie in ihrem Bademantel und noch feuchtem Haar auf dem Sofa und hört und sieht ihm zu. Einfach so. Nur ihr Gesicht und wie sich die Musik und die Liebe darauf abzeichnen. Sie nimmt auch einen Schluck Rotwein und lächelt. Über den Überschwang dieses Mannes am Flügel. Ihren Mann. Ihre Liebe. Einfacher und schöner ist das, was man Liebe nennt, im Kino nicht zu haben.“ (aus dem Band über den Neuen Deutschen Film, Reclam 2012). Mehr über die 3sat-Filmreihe: film/reihen/167448/index.html

Scenario 7

2013.Scenario7-300x405Auch im verflixten siebten Jahr bewegt sich Scenario, der Film- und Drehbuch-alma-nach, den Jochen Brunow unverdrossen herausgibt, mit seinen Texten auf hohem Niveau. Das Werkstattgespräch mit Stefan Kolditz ist extrem spannend, weil hier mit Jochen als meinungsfreudigem Gesprächs-partner Vertreter einer Generation aus West und Ost aufeinander treffen, und Kollditz, eigentlich ein reflexiver Skeptiker, sehr offen über seine Vergangenheit und seine Entwicklung spricht, die ihn inzwischen zum Autor von Großproduktionen (DRESDEN) gemacht hat. In diesem Jahr gibt es kein „Journal“, aber die vier Essays sind besonders substantiell. Der dffb-Absolvent Sebastian Bleyl erzählt mit ironischem Unterton seine „Karrieregeschichte“. Keith Cunningham macht sich Gedanken über die Herausforderungen einer 3-D-Dramaturgie, Christoph Callenberg sucht nach den Grundlagen einer Zusammenarbeit zwischen Drehbuchautoren und Schauspielern, und Jochen Brunow beschreibt den Zauber der HBO-Serie TREME. Gerhard Midding gibt mit zwei Texten in der Abteilung „Backstory“ die Richtung vor: mit einem Blick auf die französischen Autoren vor der Nouvelle Vague und mit einem Nachruf auf den Drehbuchpoeten Tonino Guerra. Bei den „Lesezeichen“ haben mir vier Texte besonders gefallen: Roman Mauers Bewertung aktueller Bücher zur Filmnarratologie, Michael Tötebergs Lektürebericht zu den viel geliebten neuen US-Serien, die Verbeugung von Ralph Eue und Frederik Lang vor der filmhistorischen Arbeit von Helmut Färber und Manuela Reicharts Rezension des Buches „Sunset Boulevard“ von Kevin Vennemann. Das (noch nicht verfilmte) Drehbuch des Jahres, gestern vom Kulturstaatsminister ausgezeichnet, stammt von Nicole Armbruster & Marc Brummund. Ich habe es  noch nicht gelesen. Umschlag und Layout des Bandes wie immer von Hauke Sturm. Mehr zum Buch: 42&products_id=410.

Die Retrospektive

2013.Retro„The Weimar Touch“ heißt die Retro-spektive der 63. Berlinale. Das ist ein wunderbarer Titel, um sich auf die Spurensuche nach den Folgen des Kinos der Weimarer Republik zu machen, nach den europäischen und amerikanischen Filmen, in denen die Emigranten, die Deutschland verlassen mussten, ihre Arbeit fortgesetzt haben oder Themen und Formen von amerikanischen und englischen Kollegen variiert wurden. 31 Filme haben die Kuratoren der Reihe, Rainer Rother, Laurence Kardish, Connie Betz und Hans-Michael Bock, ausgewählt und fünf Kapiteln zugeordnet: „The Dark Side“, „Light and Shadow“, „Know Your Enemy“, „Rhythm and Laugher“ und „Variations“. Da gibt es viele Filme zu entdecken und manche bekannten wiederzusehen. Das Foto stammt aus dem Film CONFESSIONS OF A NAZI SPY (1939) von Anatole Litvak mit Edward G. Robinson und Francis Lederer. Morgen um 18 Uhr kommentieren die Kuratoren ihre Auswahl in einer Veranstaltung der Kinemathek im Filmhaus. Daniel Kothenschulte hat in der Berliner Zeitung (und in der Frankfurter Rundschau) einen schönen Text zur Retrospektive geschrieben: 11463210,21670800.html.

Berlinale: Eröffnung

2013.Berlinale-PlakatHeute Abend werden im Berlinale-Palast die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Rund 400 Filme stehen in den verschiedenen Sektionen zur Auswahl, 19 Titel bewerben sich um den Goldenen Bären. Dazu kommen noch der Filmmarkt für Einkäufer und die Deutsche Reihe für internationale Gäste. In den vergangenen Tagen hat man seine Tagespläne entworfen. Ich bin gespannt auf den Eröffnungsfilm von Wong Kar Wai, auf die Wettbewerbsfilme von Gus Van Sant, Thomas Arslan, Jafar Panahi, Steven Soderbergh, Bruno Dumont, George Sluizer und Hong Sangsoo, auf die neuen Filme von Richard Linklater und Bille August, die außer Konkurrenz laufen. Natürlich gibt es auch in allen anderen Sektionen Filme, auf die ich neugierig bin. Und auf keinen Fall werde ich am 14. Februar die Vorführung meines Lieblingsfilms TOKYO MONOGATARI (1953) von Yasujiro Ozu in einer digital restaurierten Fassung versäumen. Viel Zeit braucht man außerdem für die Verabredungen, die man mit Freunden und Bekannten trifft, die zur Berlinale in die Stadt kommen. Es ist meine 54. Berlinale. Und ich weiß aus Erfahrung, wie schnell sie vorbei ist.

Fotos: Brigitte Lacombe

2013.LacombeIhre große Zeit war das New Hollywood der 1970er und 80er Jahre. Dustin Hoffman hat die französische Fotografin 1975 in Cannes entdeckt und auf den Set von ALL THE PRESIDENT’S MEN geholt. Seither ist Brigitte Lacombe eine von Regisseuren, Schauspielerinnen und Schauspielern geschätzte Beobachterin der Filmszene. Ihre Fotos von Steven Spielberg (1976), Roman Polanski (1977) oder Julia Roberts (1989) sind Aufnahmen entspannter Momente, wie man sie sonst kaum zu sehen bekommt. In der Cafeteria der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, dem „Helene-Schwarz-Café“, sind seit heute Fotos von Lacombe ausgestellt, die sie in den vergangenen dreißig Jahren „On the Set with Martin Scorsese“ gemacht hat. Eine wunderbare Ergänzung zur Scorsese-Ausstellung der Deutschen Kinemathek und ein eigenständiger Beitrag zur Berlinale. Lars-Olav Beier hat darüber in der aktuellen Print-Ausgabe des Spiegel einen schönen Text geschrieben (im Netz nur mit Bezahlung zu lesen). Mehr zur Ausstellung: www.dffb.de/html/de/blog/2013/1/3257