Sofia Coppola

2013.CoppolaMit einem Heft über Edgar Reitz (Nr. 28) hat sich Thomas Koebner, der die Publikationsreihe 2006 begrün-dete, als Herausgeber verabschiedet. Nun liegt die Verantwortung bei Michaela Krützen, Fabienne Liptay und Johannes Wende. Die Anmutung des Außentitels wurde leicht geändert, jedes Heft soll künftig einer Einzelperson gewidmet sein und sich auf ausgewählte Filme, spezielle Aspekte oder auch einzelne Szenen konzentrieren. Den Anfang macht die amerikanische Regisseurin Sofia Coppola (*1971). In fünf Texten kommt man ihr sehr nahe. Michaela Krützen schreibt über LOST IN TRANSLATION (2003), widmet sich intensiv den beiden Hauptfiguren Bob (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) und schlägt einen Bogen zu Fellinis LA DOLCE VITA. Lisa Gotto konzentriert sich auf den Poledance in SOMEWHERE (2010), Lorenz Engell sammelt eine kleine Ontologie kinematografischer Dinge, Johannes Wende, der als Herausgeber dieses Heftes fungiert, ergründet die Bedeutung von vier Häusern in vier Coppola-Filmen, und Tim Moeck denkt über das Vergehen von Zeit in SOMEWHERE nach. Das Schöne an allen Texten ist ihre Konkretisierung, ihre Nähe zu den Filmen, sind ihre Assoziationen, die dem Leser Denkangebote machen. 2013 kommt ein neuer Film von Sofia Coppola in die Kinos: THE BLING RING. Mehr zur Publikation: neu_werke_default_film.

Film, Fernsehen und Kino

2013.Julia von HeinzJulia von Heinz (*1976) ist ausgebildete Kamerafrau und Filmemacherin. Ihr jüngster Film, HANNI UND NANNI 2, läuft seit Mitte 2012 in den Kinos. Aber sie ist auch Wissenschaftlerin. Mit der hier veröffentlichten Dissertation hat sie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg und der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ihre Betreuer/Gutachter waren Lothar Mikos und Wolfgang Mühl-Benninghaus. Die Arbeit beeindruckt durch fleißige Recherche, kluge Struktur und Bewältigung des komplexen Themas. Sechzig Jahre Kino- und Fernsehgeschichte sind hier als komplizierte Beziehungsgeschichte aufgearbeitet. Es geht um ökonomische und politische Abhängigkeiten zwischen Filmwirtschaft und Fernsehen, um ästhetische und inhaltliche Unterschiede zwischen Fernsehfilm und Kinofilm. Die Autorin teilt die sechzig Jahre in fünf Phasen: 1950-1961 (Feindschaft), 1962-1973 (Annäherung des Fernsehens an den Jungen Deutschen Film), 1974-1983 (der amphibische Subventionsfilm), 1984-1997 (Abschied vom Autorenfilm), 1998-2010 (die freundliche Übernahme). Auf der ökonomisch-politischen Seite stehen das 1968 in Kraft getretene Filmförderungsgesetz, seine neun Novellierungen, die insgesamt neun Film-Fernseh-Abkommen, die zunehmende Wichtigkeit von Quoten und die Konkurrenz der privaten Fernsehsender im Mittelpunkt. Auf der inhaltlich-ästhetischen Seite geht es um Themenauswahl und Dramaturgie, Realismus und Phantasie, amphibischen Film und Süßstoff. Dies wird für die einzelnen Phasen mit konkreten Beispielen belegt. Die DDR wird in diesem Kontext mit Recht ausgelassen. Jeder Phase ist eine eigens recherchierte Tabelle mit Erstaufführungen deutscher Neuproduktionen, ihrem Marktanteil und der Beteiligung des Fernsehens vorangestellt. Die Quellenbelege erreichen die stattliche Zahl von 1.347. Gunther Witte, einstmals WDR-Fernsehspiel-Chef, nennt Julia von Heinz in seinem Vorwort „mutig“ und „klug“. Das ist ein angemessenes Kompliment, dem ein paar Fragen und Relativierungen des Insiders folgen, die für den Leser nützlich sind, aber die Substanz der Arbeit nicht beschädigen. Respekt! Mehr zum Buch: Heinz-freundliche-Übernahme/productview.aspx?product=15137.

Erich Maria Remarque und der Film

untitledDer Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970) hatte eine große Affinität zum Kino, viele seiner Romane wurden verfilmt. 1998 hat Thomas F. Schneider mit dem Buch „Das Auge ist ein starker Verführer“ ein erstes Kompendium zu Remarque-Verfilmungen heraus-gegeben. Jetzt legt er im Remarque-Jahrbuch XXII nach. Im Nachlass des Autors wurden zwei bisher unveröffentlichte Filmexposés gefunden, die aus der Mitte der 1920er Jahre stammen. „Kleines Schicksal“ erzählt eine Großstadtgeschichte, in der ein Paar in existentielle Krisen gerät und am Ende den gemeinsamen Tod sucht. „Monteur Hagen“ spielt im Rennfahrermilieu und dramatisiert die Geschichte zwischen einer jungen naiven Frau, einer „dämonisch“ wirkenden Dame, einem Monteur und einem Rennfahrer, die glücklich endet. Beide Texte haben eine filmische Dimension. Melanie Latus vergleicht die Filme DER LETZTE AKT (1955, Regie: G. W. Pabst, Co-Autor: Remarque) und DER UNTERGANG (2004, Regie: Oliver Hirschbiegel, Buch: Bernd Eichinger) und arbeitet die Unterschiede heraus. Saskia Fares gelingt mit einer gründlichen Filmanalyse die Ehrenrettung der Remarque-Verfilmung von „Der Himmel kennt keine Günstlinge“ durch Sydney Pollack 1997. Sein Film BOBBY DEERFIELD ist besser, als es die Kritik damals erkannte. Im Anhang enthält das Jahrbuch Hinweise zu neuer Remarque-Literatur. Mehr zum Buch: remarque_und_der_film-1009362/.

Zum aktuellen deutschen Film

2013.Aktuelle FilmMomentaufnahmen zum deutschen Film auf 333 Seiten. Die beiden Herausgeber sind Absolventen der Mainzer Filmwissenschaft. Sie haben verschiedene Kolleginnen und Kollegen aktiviert, eigene Texte geschrieben und interessante Gastautoren gewonnen. Thomas Rothschild und Rüdiger Suchsland machen sich Gedanken über Gegenwart und Zukunft der Film-kritik, ein offenbar unerschöpfliches Thema. Der Genrekenner Georg Seeßlen beweist, dass die deutsche Filmkomödie gar nicht komisch sein kann (aktualisierte Fassung eines Textes aus epd film). Die beiden Festivalmacher Hajo Schäfer und Sebastian Brose („achtung berlin“) blicken auf den deutschen Film aus Festivalsicht. Bernd Zywietz gibt eine kluge Orientierungshilfe auf dem Feld Film/Fernsehen. Natürlich spielt die Digitalisierung eine Rolle, am nachhaltigsten in einem Text von Harald Mühlbeyer – als Mitarbeiter der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung dafür sensibilisiert – über die Sicherung und Pflege des deutschen Filmerbes. In drei Gesprächen kommen Newcomer zu Wort: André Erkau, Brigitte Maria Bertele und Wenzel Storch, Zywietz stellt in einem eigenen Text Jan G. Schütte, Jakob Lass, Tom Lass und Axel Ranisch als kreative Individualisten vor, Julia Quedzuweit reflektiert über die „Berliner Schule“, und Mühlbeyer sucht auf Festivals nach speziellen Begabungen des aktuellen deutschen Films. Die Dramaturgie der Texte ist klug strukturiert, am Ende werden noch neun Nachwuchs-darstellerinnen und –darsteller in kurzen Texten porträtiert. Die beiden Herausgeber, auf der Höhe der Zeit, aktualisieren ihr Buch fortlaufend auf einem begleitenden Blog: http://ansichtssache-buch.blogspot.de. Mehr zum Buch: ansichtssache-zum-aktuellen-deutschen-film.html.

Das jiddische Kino

2013.01.Jiddisches KinoMit dieser Dissertation hat Chantal Catherine Michel an der Freien Universität Berlin promoviert. Es geht um „Aufstiegs-inszenierungen zwischen Schtetl und American Dream“ (Untertitel), um das Jiddische Kino zwischen 1911 und 1950. Seine Zielgruppe waren osteuropäische Juden, die eine Emigration nach Amerika im Blick hatten. Rund 140 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme bildeten den Korpus des Jiddischen Kinos, ein Drittel davon waren Stummfilme. Ihre Nähe zum Theater ist auch formal spürbar. Die Autorin hat zwölf Produktionen für eine vertiefende Analyse ausgewählt. Sie geht von drei hypothetischen Voraussetzungen aus: einem Ziel (sozialer Aufstieg), einem Start (jüdische Identität) und einem Weg (Assimilation). Nach der Klärung der theoretischen Grundlagen werden die ausgewählten Filme vier Kategorien zugeordnet: „Assimilationsfilme“ (beispielhaft: MIZREKH UN MAYREV von Sydney M. Goldin, YIDL MITN FIDL von Joseph Green, AMERIKANER SHADKHEN von Edgar G. Ulmer), „Barrierefilme“ (YIZKOR von Sydney M. Goldin, DER VANDERNDER YID von George Roland und TEVYE DER MILKHIGER von Maurice Schwartz), „Wunschtraumfilme“ (DER PURIMSHPILER und MAMELA, beide von Joseph Green) und „Albtraumfilme“ (ONKL MOZES von Sidney M. Goldin, MOTL DER OPREYTER von Joseph Seiden, DER VILNER BALEBESL von George Moskov und Max Nossek). Die Filme wurden zum Teil in Osteuropa, zum Teil in den USA produziert. Chantal Catherine Michel hat gründlich recherchiert, ihre Strukturierung des Stoffes wirkt logisch, ihre Analysen sind konkret und sensibel, wie es dem Thema angemessen ist. Metropol-Verlag, Berlin, 400 Seiten, 24 €.

Claude Lanzmann

2013.Lanzmann neuDie Hommage der 63. Berlinale ist dem großen französischen Filmemacher Claude Lanzmann (*1925) gewidmet, der heute nach Berlin kommt und morgen Abend einen Goldenen Ehrenbären erhält. Bei absolut Medien gibt es eine DVD-Box mit seinen sieben großen Filmen: WARUM ISRAEL (1973), SHOAH (1985), TSAHAL (1994), EIN LEBENDER GEHT VORBEI (1997), SOBIBOR, 14. OKTOBER 1943, 16 UHR (2001) und DER KARSKI-BERICHT (2010). Wohl niemand ist mit einer solchen Intensität in die Geschichte der Judenverfolgung im Nationalsozialismus eingedrungen wie Lanzmann. An seinem wichtigsten Film, SHOAH, arbeitete er zehn Jahre. Er dauert neun Stunden und lässt nur Zeitzeugen zu Wort kommen. 1985 war er der Höhepunkt des Forum-Programms der Berlinale. Jetzt wird er in digitalisierter Form gezeigt. Das Booklet der DVD-Box enthält u.a. einen Essay von Klaus Theweleit über Lanzmann. Mehr zur Box: editionen&list_item=0 .

Berliner Kinos

2013.Berliner Kinos„Kiez-Kinos“ heißen sie während der Berlinale, weil sie Schauplatz einer eigenen Reihe sind. Und dieses Buch, zur Berlinale erschienen, mit einem Vorwort von Dieter Kosslick, stellt 21 von ihnen in Wort und Bild vor. Der Autor Ulf Buschmann (Beruf: Fotograf) ist natürlich vor allem an den Bildern interessiert. Er zeigt Fassaden, Zuschauerräume, Leinwände, technische Einrichtungen, Beleuchtungen in schönen Fotos; besonders schön: Cinema Paris, Filmrauschpalast und Z-inema. Der Buch ließe sich mühelos verdoppeln, weil mindestens zwanzig Kinos (zum Beispiel Arsenal, Bali in Zehlendorf, Capitol in Dahlem, Kino am Bundesplatz, Filmkunst 66, Moviemento, Toni/Tonino oder Zeughauskino) fehlen. Bis aufs Colosseum sind alle Multiplexe ausgespart. Einen kleinen Einführungstext zur Kinoauswahl hätte man sich schon gewünscht. Titelfoto: Union in Friedrichshagen. Mehr zum Buch: Berliner_Kinos.html

Scenario 7

2013.Scenario7-300x405Auch im verflixten siebten Jahr bewegt sich Scenario, der Film- und Drehbuch-alma-nach, den Jochen Brunow unverdrossen herausgibt, mit seinen Texten auf hohem Niveau. Das Werkstattgespräch mit Stefan Kolditz ist extrem spannend, weil hier mit Jochen als meinungsfreudigem Gesprächs-partner Vertreter einer Generation aus West und Ost aufeinander treffen, und Kollditz, eigentlich ein reflexiver Skeptiker, sehr offen über seine Vergangenheit und seine Entwicklung spricht, die ihn inzwischen zum Autor von Großproduktionen (DRESDEN) gemacht hat. In diesem Jahr gibt es kein „Journal“, aber die vier Essays sind besonders substantiell. Der dffb-Absolvent Sebastian Bleyl erzählt mit ironischem Unterton seine „Karrieregeschichte“. Keith Cunningham macht sich Gedanken über die Herausforderungen einer 3-D-Dramaturgie, Christoph Callenberg sucht nach den Grundlagen einer Zusammenarbeit zwischen Drehbuchautoren und Schauspielern, und Jochen Brunow beschreibt den Zauber der HBO-Serie TREME. Gerhard Midding gibt mit zwei Texten in der Abteilung „Backstory“ die Richtung vor: mit einem Blick auf die französischen Autoren vor der Nouvelle Vague und mit einem Nachruf auf den Drehbuchpoeten Tonino Guerra. Bei den „Lesezeichen“ haben mir vier Texte besonders gefallen: Roman Mauers Bewertung aktueller Bücher zur Filmnarratologie, Michael Tötebergs Lektürebericht zu den viel geliebten neuen US-Serien, die Verbeugung von Ralph Eue und Frederik Lang vor der filmhistorischen Arbeit von Helmut Färber und Manuela Reicharts Rezension des Buches „Sunset Boulevard“ von Kevin Vennemann. Das (noch nicht verfilmte) Drehbuch des Jahres, gestern vom Kulturstaatsminister ausgezeichnet, stammt von Nicole Armbruster & Marc Brummund. Ich habe es  noch nicht gelesen. Umschlag und Layout des Bandes wie immer von Hauke Sturm. Mehr zum Buch: 42&products_id=410.

Filmblatt 50

2013.Filmblatt 50Seit 1996 gibt es die Zeitschrift Filmblatt, herausgegeben von CineGraph Babelsberg. Jetzt ist die Nummer 50 erschienen, ein Grund zum Feiern. Die Filmreihen „Wiederentdeckt“ und „FilmDokument“, von CineGraph Babelsberg gemeinsam veranstaltet mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv und der Deutschen Kinema-thek im Zeughauskino oder im Arsenal, liefern mit den überarbeiteten Einführungs-texten so etwas wie das Basismaterial für die Zeitschrift. Fundstücke und Filmbuch- bzw. DVD-Rezensionen sind ein weiterer Schwerpunkt. Das neue Heft eröffnet Klaus Kreimeier mit einem Text über Filmwissen-schaft und kulturelle Öffentlichkeit in Deutschland. Mit einem Essay über „Zeigen, Versammeln, Bewahren“ von Michael Wedel beginnt eine neue Rubrik „Aus Forschung und Vermittlung“. Interessante Texte handeln von der Drehbuchautorin Rosa Porten (Titelbild; Autorin: Annette Förster), dem Sittenfilm PEST IN FLORENZ (1919, Ursula von Keitz) und der Kontrastdramaturgie des Films DIE LIEBLINGSFRAU DES MAHARADSCHA (1920/21, Jürgen Kasten). In zwei FilmDokumenten geht es um den Kameramann Walter Frentz (Autoren: Jeanpaul Goergen und Matthias Struch). Dazu: diverse Rezensionen. Wirklich ein Jubiläumsheft. Mehr Informationen: www.filmblatt.de/filmblatt-aktuell.html

DAS FAHRRAD von Evelyn Schmidt

Cover_Schmidt.inddEvelyn Schmidt (*1949) war Regisseurin im DEFA-Spielfilmstudio und hat dort zwischen 1980 und 1990 vier Spielfilme inszeniert: SEITENSPRUNG, DAS FAHRRAD, AUF DEM SPRUNG und DER HUT. Es waren eigenwillige Filme, und vor allem DAS FAHRRAD (1982, Drehbuch zusammen mit Ernst Wenig und Erika Richter) wurde von der DDR-Kritik überwiegend abgelehnt. In der Geschichte einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter gab es zu wenig positive, staatstragende Aspekte. Nach der Einigung konnte Evelyn Schmidt keinen Spielfilm mehr realisieren. Sie hat jetzt – mit Unterstützung der DEFA-Stiftung – in einer Montage aus Dokumenten und persönlichen Erinnerungen die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des FAHRRADS zu einem Buch verarbeitet, das höchst lesenswert ist, weil die Autorin darin sehr lakonisch und ehrlich ihren Lebens- und Berufsweg schildert und damit weit über die Grenzen eines Buchs über einen speziellen Film hinausgeht. Der Blick zurück ist durchaus selbstkritisch, auch emotional berührend und spart den privaten Bereich weitgehend aus. Heute Abend stellt Evelyn Schmidt ihr Buch im Berliner Arsenal vor. Mehr zum Buch: products_id=406