Der Hollywood-Kriegsfilm

2013.KriegsfilmDie Publikation kommt aus dem Forschungsprojekt „Inszenierungen des Bildes vom Krieg als Medialität des Gemeinschaftserlebens“ der Berliner FU. Sie enthält 15 Beiträge. Es geht ums Genrekino, um den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege. Sechs Texte haben mich besonders beeindruckt: Thomas Elsaesser analysiert Steven Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN (1998) unter den Gesichtspunkten Retrospektion, Überlebensschuld und affektives Gedächtnis. Elisabeth Bronfen beschäftigt sich bedenkenswert mit der Rolle der Justiz in den Kriegsgerichtsdramen PATHS OF GLORY (1957) von Stanley Kubrick, JUDGMENT OF NUREMBERG (1961) von Stanley Kramer, A FEW GOOD MEN (1992) von Rob Reiner und RULES OF ENGAGEMENT (2000) von William Friedkin. Michael Wedel schreibt über WINDTALKERS  (2002) von John Woo und den postklassischen Hollywood-Kriegsfilm. Als Verehrer von John Ford finde ich den Text von Hermann Kappelhoff über THEY WERE EXPENDABLE (1945) sehr substantiell. David Gaertner nimmt Frank Capras WHY WE FIGHT-Reihe unter die Lupe. Und ziemlich originell erscheint mir der Blick von Torsten Gareis auf den Helm im amerikanischen Kriegsfilm. Brilliante Abbildungen, aber leider kein Register. Mehr zum Buch: 160&submit=+Details

Odysseus’ Heimkehr?

2013.Odysseus' HeimkehrNoch eine Münchner Dissertation, diesmal betreut von Prof. Oliver Jahraus am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Medien. Benedikt Steierer untersucht den Odysseus-Mythos als Medien-Mythos und analysiert fünf Filme, die sehr unterschiedlich mit ihm umgehen: L’ILE DE CALYPSO OU ULYSSE ET LE GÉANT POLYPÈME (1905) von Georges Méliès, ULISSE (1954) von Mario Camerini mit Kirk Douglas in der Titelrolle, LE MÉPRIS (1963) von Jean-Luc Godard, der eine Odyssee-Verfilmung von Fritz Lang thematisiert, 2001: A SPACE ODYSSEY (1968) von Stanley Kubrick und INCEPTION (2010) von Christoper Nolan, eine Odyssee durch Realität, Unterbewusstsein und Traum-Sharing. In seinen Analysen konzentriert sich Steierer auf filmsprachliche Phänomene und lässt politische, ökonomische und ideologische Aspekte weitgehend außer Acht. Er ordnet seine fünf Beispiele drei Phasen der Filmgeschichte zu: der Frühphase (Méliès), der „Selbstexplorationsphase“ (Camerini, Godard, Kubrick) und der „Inkorporations- und Selbsterweiterungsphase“ (Nolan). Für den medientheoretischen Anlauf braucht der Autor ein Drittel, für die analytische Strecke zwei Drittel seines Buches, das ist nach meiner Wahrnehmung eine gute Proportion. Trotz vieler Zitate und Quellenverweise beeindruckt der Text durch seine konkrete,  verständliche Sprache. Mit 25 informativen Abbildungen. Mehr zum Buch: 6t06vdc9lo7d2

Der religiöse Refrain

2013..Der religiöse RefrainEine Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Olga Havenetidis hat dort in Religionswissenschaft promoviert, ihre Arbeit handelt von „Rückzugsszenen im europäischen Autorenfilm der Gegenwart“. Sechs Filme sind die Basis für ihre Untersuchung: DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (2001) von Jean-Pierre Jeunet, CATERINA VA IN CITTÀ (2003) von Paolo Virzì, NÓI ALBÍNÓI (2003) von Dagur Kári, BREAKING THE WAVES (1996) von Lars von Trier, LILJA 4-EVER (2003) von Lukas Moodysson und REQUIEM (2006) von Hans-Christian Schmid. Ausführlich wird der „Rückzug“ in der psychologischen Literatur geklärt und als Kategorie in der Religionswissenschaft definiert, bevor im dritten Teil mit methodischen Voraussetzungen von Roland Barthes, David Bordwell und Paul Schrader die Filmanalysen beginnen. Es geht um „das immergleiche Bild“ in AMÉLIE, den Chorgesang in CATERINA, das „heimliche unterirdische Nichtstun“ in NÓI ALBÍNÓI, das „Sprechen als Gott“ in BREAKING THE WAVES, die „Begegnung mit dem Engel“ in LILJA, und „das Hören der Dämonen“ in Requiem. Die religionswissenschaftliche Sicht auf die Filme führt zu interessanten Erkenntnissen. Mit einem Vorwort von Michael von Brück. Kleine Fotos im Analyseteil. Mehr zum Buch: rueckzugsszenen-im-europaeischen-autorenfilm-der-gegenwart.html

First Steps

2013.firststeps_logoIm Berliner Stage Theater am Potsdamer Platz werden heute die Nachwuchspreise „First Steps“ verliehen. In sechs Kategorien – Abendfüllende Spielfilme, Spielfilme bis 60 Minuten, Kurz- und Animationsfilme, NO FEAR Award, Dokumentarfilme, Werbefilme – sind 26 Filme nominiert worden. Die Preisgelder in Höhe von 82.000 € werden von drei Jurys vergeben. Veranstalter ist die Deutsche Filmakademie. Es moderiert die Schauspielerin Stefanie Stappenbeck. Und Andrea Hohnen ist als Organisatorin noch immer die Seele des Ganzen. Den Ehrenpreis erhält in diesem Jahr – darüber freue ich mich sehr – Rosa von Praunheim als Mentor vieler junger Filmemacher. Und in den nächsten Jahren werden wir sehen, wem es gelingt, mit Hilfe des Nachwuchspreises auf der Stufenleiter noch oben zu kommen. Die Nominierungen: wettbewerb/nominierte.html

LONTANO – Die Schaubühne von Peter Stein

Bild 1Vor einer Woche hatte der Film LONTANO. DIE SCHAUBÜHNE VON PETER STEIN von Andreas Lewin in der Berliner Akademie der Künste Premiere. Es ist – nach Klaus Kammer, Fritz Kortner und Thomas Holtzmann – das vierte Porträt von Lewin über einen großen Theater-künstler. Der Film kommt ohne Kommentar aus, er lässt Fragen offen, er vertraut der Neugier des Zuschauers. Ich finde ihn nicht nostalgisch, auch wenn er mich persönlich sehr berührt, weil ich in den 1970er Jahren theatersüchtig war und all die Aufführungen gesehen habe, die im Film zitiert werden. Lewin hat – neben Peter Stein – die früheren Ensemblemitglieder Bruno Ganz, Corinna Kirchhoff, Michael König, Willem Menne, Libgart Schwarz und Peter Simonischek zur Arbeit an der Schaubühne befragt. Und in den Filmausschnitten sieht man u.a. Edith Clever, Therese Giehse, Jutta Lampe und Otto Sander. „Ein besinnlicher Film“, sagt Peter Stein. Zeitgleich mit der Premiere ist eine DVD des Films erschienen. Das Booklet enthält einen Essay von Norbert Miller und einen Text von mir über Lewins Porträtfilme (drei-theaterleben/). Mehr zur DVD: filmography/lontano

Otto Sander

2013.Otto SanderGestern ist der Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Ich habe ihn in den siebziger Jahren als Ensemblemitglied der Schaubühne sehr verehrt und über alle Jahre als Filmdarsteller hoch geschätzt. Er wird mir in vielen Rollen in Erinnerung bleiben, als Kapitänleutnant in DAS BOOT, als Staatsanwalt in PALERMO ODER WOLFSBURG, als Karl Liebknecht in ROSA LUXEMBURG, als Engel Cassiel in DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH!, als Krimineller in DER BRUCH. Wir kannten uns persönlich seit Mitte der siebziger Jahre, als sich seine Ziehtochter Meret und meine Tochter Friderike in der Schule eng befreundeten. Die Verbindung zwischen der Jenaer Straße und der Kufsteiner Straße war damals sehr intensiv, und Ottos Frau, Monika Hansen, hatte daran einen großen Anteil. Otto Sanders Stimme prädestinierte ihn für Lesungen, Hörbücher und Synchronisationen. Aber es war vor allem die Präsenz auf der Bühne, die seinen Ruf als herausragender Darsteller begründet hat: in Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“, in Tschechows „Sommergästen“, in Robert Wilsons „Death, Destruction & Detroit“, in den „Bakchen“ des Euripides. 1981 hat er als Regisseur zusammen mit Bruno Ganz einen wunderbaren Film über die beiden Schauspieler Bernhard Minetti und Curt Bois gedreht: GEDÄCHTNIS. Ich bin über Ottos Tod sehr traurig. Zum 70. Geburtstag vor zwei Jahren hat Peter von Becker im Tagesspiegel ein Porträt geschrieben, das Otto Sander sehr nahe kam: der-gluecksrabe/4334352.html .

Film in der Schweiz

2013.Schweiz

Die große Zeit des Schweizer Films waren die 1970er und frühen 80er Jahre, dies gilt vor allem für die deutschsprachige Schweiz. Wir erinnern uns an die Filmemacher Alexander J. Seiler (UNSER LEHRER, 1971), Daniel Schmid (HEUTE NACHT ODER NIE, 1972), Kurt Gloor (DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER, 1976), Richard Dindo (DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS RICHARD S., 1976), Rolf Lyssy (DIE SCHWEIZERMACHER, 1978), Markus Imhoof (DAS BOOT IST VOLL, 1982) oder Fredi M. Murer (HÖHENFEUER, 1986), die damals auch international anerkannt wurden. In der „Blauen Reihe“ des Hanser Verlages erschien 1978 das Buch „Film in der Schweiz“, 1985 publizierte Wolfgang Gersch seine „Schweizer Kinofahrten“. Die Produktionsbedingungen und die staatlichen Förderungen in unserem Nachbarland hatten immer einen Zusammenhang mit der Größe und dem finanziellen Potential der föderalen Schweiz. Das 140-Seiten-Buch des Kultursoziologen Olivier Moeschler mit dem Untertitel „Kulturpolitik im Wandel: der Staat, die Filmschaffenden, das Publikum“ liefert die notwendigen Basisinformationen für die vergangenen fünfzig Jahre, es bewertet die Förderungseffekte, die künstlerischen Höhepunkte und auch die Durststrecken, es ist sehr gut recherchiert. Die Parallelen zur Filmförderung in der Bundesrepublik halten sich allerdings in Grenzen. Das Titelbild benutzt Produktionsfotos des Films IMAGE PROBLEM (2012) von Simon Baumann und Andreas Pfiffner. Mehr zum Buch: der-schweizer-film.html

DOKU.ARTS

2013.doku.artsHeute beginnt im Berliner Zeughauskino das Festival DOKU.ARTS. Andreas Lewin hat ein interessantes Programm mit 22 Dokumen-tar- und Kompilations-filmen zur Kunst und über Künstler aus 17 Ländern zusammen-gestellt. Einen Schwerpunkt bilden in diesem Jahr Filme, die mit Archivmaterial arbeiten. Als regionaler Fokus sind nordafrikanische Länder und der arabische Raum zu erkennen. Eröffnet wird das Festival mit dem Film ROOM 237 von Rodney Ascher, der Stanley Kubricks THE SHINING analysiert. Zwei deutsche Filme stehen auf dem Programm: TADAO ANDO: VON DER LEERE ZUR UNENDLICHKEIT von Mathias Frick, ein Portrait des japanischen Architekten, und TRANSMITTING von Christoph Hübner, eine Begegnung mit den Jazzmusikern Joachim Kühn, Majid Bekkas und Roman Lopez. Das Festival wird neuerdings von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Mehr zum Programm: http://doku-arts.de/2013/de/programme

Die Brüder Dardenne

2013.DardenneDie Brüder Dardenne, Jean-Pierre (*1951) und Luc (*1954), gehören inzwischen zu den wichtigsten Autoren/Regisseuren des europäischen Films. Schön, dass ihnen das neue Heft der Film-Konzepte gewidmet ist, das Johannes Wende herausgegeben hat. Es enthält zunächst Tagebuchauszüge von Luc Dardenne von 1993 bis 2005, die auf Deutsch noch nicht erschienen sind. Dann folgen vier Aufsätze: Andreas Gruber, Regisseur und Filmprofessor an der Münchner HFF, schreibt über den „Kriegsfilm“ ROSETTA (1999). Johannes Wende analysiert die wichtige Rolle des Geldes in den Dardenne-Filmen. Johannes Rosenstein erweitert die Motiv-Beobachtungen auf Grenze, Wald und Seele („Innen ist außen“). Mariella Schütz, die 2011 ein Buch über das „Explorationskino“ der Dardennes publiziert hat, beschäftigt sich mit den Figuren des Jungen Olivier und des Mörders Francis in LE FILS (2002). Vier kluge, den Brüdern sehr zugeneigte Texte. Mehr zum Heft: werke_default_film .

Joris Ivens

2013.IvensVor 25 Jahren wurde sein letzter Film, UNE HISTOIRE DU VENT, in Venedig uraufgeführt, und Joris Ivens erhielt einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Ein Jahr später starb er neunzigjährig in Paris. Der Holländer war einer der Großen der internationalen Dokumentarfilm-geschichte, beginnend mit den experimen-tellen Filmen DE BRUG (1928) und REGEN (1929). BORINAGE (1934, mit Henri Storck) und SPANISH EARTH (1937, mit dem Kommentar von Ernest Hemingway) waren wichtige Stationen eines politischen Engagements. Ivens drehte in den späten 1930er Jahren in den USA, unterstützte die indonesische Unabhängigkeitsbewegung, realisierte in den 50er Jahren Dokumentarfilme in Osteuropa, nahm mit verschiedenen Filmen Stellung gegen den Vietnamkrieg und schuf in den 70er Jahren zusammen mit Marceline Loridan den zwölfteiligen Zyklus COMMENT YUKONG DEPLACA LES MONTAGNES über die Kulturrevolution in China. Ich habe Ivens 1974 an der dffb kennen gelernt und damals das Protokoll eines siebenstündigen Gesprächs mit den Studenten ediert („Von Joris Ivens lernen“), später für den Film ZWISCHEN DEN BILDERN ein interessantes Interview mit ihm geführt und mich viel mit seinem Werk beschäftigt. Mein Text „The Flying Dutchman“ steht im Netz (/2001/04/356/ ). Es war eine große Tat von Absolut Medien, eine DVD-Box mit den wichtigsten Ivens-Filmen herauszugeben; der Direktor der Ivens-Stiftung, André Stufkens, hat dazu ein sehr informatives Buch geschrieben. Die Box gehört zum Pflichtbestand jedes Dokumentarfilminteressenten. Mehr zur Box: edition&list_item=53