Robert Bresson

2013.BressonNoch ein Blick nach Wien. Im Österreichischen Filmmuseum beginnt heute eine Robert Bresson-Retrospektive. Es werden alle 12 Filme gezeigt, die der französische Regisseur (1901-1999) gedreht hat. Und dazu noch acht Dokumen-tationen, die über ihn realisiert wurden. Bresson war ein Purist, er arbeitete fast ausschließlich mit Laien, weil ihm das Theater mit seinen Berufsschauspielern verhasst war. Neben Carl Theodor Dreyer war er wohl der am stärksten religiös motivierte Regisseur des zwanzigsten Jahrhunderts. Immer wieder geht es bei Bresson um die geistige Auseinandersetzung mit der Sünde, der Gnade und dem Bösen. Am liebsten sind mir seine Filme PICKPOCKET (1959) und LE DIABLE PROBABLEMENT (1976). 1978 war ich für den Datenteil des Bresson-Bandes der „Reihe Film“ verantwortlich. Die Recherche seiner Biografie war mühsam und blieb vage. Persönliches hat er nie preisgegeben. Deshalb scheiterte damals auch Karsten Wittes Versuch, ihn zu interviewen. Bresson hat zwar das Gespräch mit Karsten geführt, aber am Ende den Abdruck verweigert. Das haben wir nicht wirklich verstanden. Aber unabhängig von diesen Eigenheiten: Bressons Filme gehören in ihrer Unabdingbarkeit zu den großen Werken des letzten Jahrhunderts. 1975 hat er seine „Notes sur le cinématographe“ publiziert, die 2007 in einer deutschen Neuausgabe erschienen sind: notizen-zum-kinematographen/ Heute Abend spricht Michael Haneke im Filmmuseum über seine Verhältnis zu Bresson. Mehr zur Retrospektive: id=1355220831440&reserve-mode=active.

Ute Aurand

2013.AurandUte Aurand           (* 1957) ist Absolventin der dffb. Sie hat dort von 1979 bis 1985 studiert, sie gehörte zum letzten Jahr-gang, an dessen Aufnahme-prüfung ich teilgenommen habe. Damals wurden zum ersten Mal mehr Frauen als Männer aufgenommen. Am linearen Erzählen war Ute Aurand nie interessiert, ihr Blick ging immer eigene Wege, ihre Filme sind wirklich experimentell. In den letzten Wochen vor der Eröffnung des Filmmuseums Berlin im Sommer 2000 hat sie die Arbeit vor Ort mit ihrer 16mm-Kamera beobachtet. Nicht im klassisch dokumentarischen Sinn, sondern als Dialog zwischen Handwerkern und Exponaten, bevor alles in Vitrinen gesichert wurde. Hans-Dieter Schaals Ausstellungsarchitektur war für sie eine sehr spezielle Herausforderung. Der Film FILMMUSEUM AUFBAU 2000 ist stumm, dauert 22 Minuten und ist jetzt im Österreichischen Filmmuseum zu sehen. Dort widmet man Ute Aurand ein zweitägiges Programm mit elf Filmen, darunter ist auch ihr Debütfilm SCHWEIGEND INS GESPRÄCH VERTIEFT (1980). Mehr zum Programm: reserve-mode=active. Mehr über Ute Aurand: www.uteaurand.de/.

Ulrich Seidl

2013.SeidlMit seiner PARADIES-Trilogie war der Öster-reichische Regisseur Ulrich Seidl (* 1952) 2012/13 hinter-einander auf den drei großen Filmfestivals präsent: Cannes (LIEBE), Venedig (GLAUBE), Berlin (HOFFNUNG). Das ist, glaube ich, noch niemandem vorher gelungen. In Venedig gewann er immerhin den Spezialpreis der Jury. Seidl ist ein Regisseur, der Kritiker und Zuschauer polarisiert, vielen ist seine Haltung gegenüber den Hauptfiguren suspekt. Er scheut sich nicht, Behinderte, Depressive, Sozialverlierer vorzuführen. Sein zentrales Sujet ist die Einsamkeit der Menschen. Er mischt dabei professionelle Schauspieler mit Laien. Seidl hat auch intelligente Fürsprecher. Zu ihnen gehört der Wiener Filmkritiker Stefan Grissemann (profil), der 2007 sein erstes Seidl-Buch publiziert hat. In der überarbeiteten Neuauflage rückt er die PARADIES-Trilogie ins Zentrum, und Grissemann spricht ihr Qualitäten zu, die er einleuchtend analysiert. Auch Schwächen, vor allem im dritten Teil, werden benannt. Die PARADIES-Filme kommen jetzt sukzessive in unsere Kinos. Da ist das Buch ein nützlicher Begleiter. Man muss Seidls Filme nicht lieben, aber Grissemann hilft, sie zu verstehen. Der Anhang enthält eine Filmografie und einen 48seitigen farbigen Bildteil. Mehr zum Buch: www.sonderzahl.at/_buecher.htm

Independent Cinema in Südostasien

Bild 3In den vergangenen zehn Jahren hat sich das unabhängige Kino in Südostasien, in Indonesien, Thailand, Singapur und Malaysia, stark entwickelt. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der digitalen Kamera und kleinen Teams, die das Budget minimalisieren, lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen. Tilman Baumgärtel, seit 2009 Professor an der Royal University of Phnom Penh, zieht in seiner Publikation eine informative Zwischen-bilanz. Die Essays von John A. Lent Alfian Bin Sa’at, Ben Slater, Natalie Böhler, Intan Parmaditha, Tito Imanda, David Hanan und Baumgärtel selbst geben auf 100 Seiten einen kompetenten Überblick, der von fünf Dokumenten ergänzt wird. Die neun Interviews mit Brillante Mendoza und Armando Bing Lao, Lav Diaz, Apichatpong Weerasethakul, Pen-ek Ratanaruang, Nia Dinata, Eric Khoo, Amir Muhammad und Yasmin Ahamad machen deutlich, welche spezifischen Themen und Formen für den Erfolg des unabhängigen südostasiatischen Kinos ausschlaggebend sind. Eine umfangreiche Bibliografie findet man am Ende des Bandes. 44 Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: 9789888083619.

Trauma und Film

Bild 1Sammelband aus dem Bereich der Deutungs-literatur auf internatio-nalem Niveau. Sieben Texte in Englisch, acht in Deutsch. Die Autorinnen und Autoren kommen aus der Kultur- und Medien-wissenschaft. Die Herausgeberin Julia Barbara Köhne (Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien) gibt eine ausführliche Einführung, die in zwei weiteren Texten vertieft wird: „Traumatic Memory and Cinematic Syntax“ von Shireen R. K. Patell und „Filmdramaturgie und Traumaforschung“ von Anna Martinez. Die beiden Disziplinen entstanden zeitlich parallel. Im Folgenden geht es vorwiegend um einzelne Filme, in denen Traumata im Zentrum stehen, beispielsweise TAXI DRIVER (1976) von Martin Scorsese (interessanter Text von Sabine Sielke), THE HURT LOCKER (2008) von Kathryn Bigelow (Lars Koch), SALVATORE GIULIANO (1962) und IL CASO MATTEI (1972) von Francesco Rosi (sehr differenziert: Johannes Pause), THE NIGHT PORTER (1974) von Liliana Cavani (Herausgeberin Köhne), JACOB’S LADDER (1990) von Adrian Lyne (Thomas Ballhausen), CHILDREN OF MEN (2006) von Alfonso Cuarón als Beispiel von „Trauma Future-Tense“ (E. Ann Kaplan). Amelie Zadeh analysiert in einem dem Film angemessenen Duktus Harun Farockis RESPITE!/ AUFSCHUB (2007). Und bei Marika Korn geht es um „(Re)Negotiating the Trauma Paradigm after 9/11“. Mit vielen, gut reproduzierten Abbildungen. Mehr zum Buch: www.kv-kadmos.com/index.php

Chinesische Filmgeschichte 1929-1964

2013.Little Toys 1Im Berliner Arsenal beginnt heute eine Werk-schau des chinesischen Films der Jahre 1929 bis 64. Unter dem Titel „Ein Lied um Mitternacht“ werden im März insgesamt 24 Filme gezeigt, die in Deutschland bisher weitgehend unbekannt sind. Das Kuratorenteam „The Canine Condition“ (Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke und Cecilia Valenti) hat sich viel Zeit genommen und die Filmreihe sorgsam vorbereitet. Als Kooperationspartner haben das China Film Archive (Peking), das Hong Kong Filmarchive und die Deutsche Kinemathek das Projekt unterstützt. Zum Teil galten die Filme bisher als verschollen. Die Retrospektive bietet einen Querschnitt durch viele Genres: Komödien, Melodramen, Alltagsgeschichten, Heldenerzählungen und zeigt auch zwei Animationsfilme. Fünf Filme stammen von dem Regisseur Sun Yu, darunter die drei Stummfilme KLEINE SPIELZEUGE (1933, Foto), TAGESANBRUCH (1934) und DIE GROSSE STRASSE (1934). Einen schönen Einführungstext hat Silvia Hallensleben heute im Tagesspiegel publiziert: filmreihe-24-kostbarkeiten/7856890.html. Mehr zur Filmreihe: article/3924/2796.html.

Skandinavischer Horrorfilm

UMS2001kumediPenke.inddNils Penke (Göttingen) beobachtet ein erstaunliches Wachstum des Horrorfilms in Skandinavien seit zehn Jahren und hat sich zusammen mit elf Autorinnen und Autoren auf eine Spurensuche nach Traditionen, Vorbildern und neueren Entwicklungen begeben. Anna-Marie Mamar interpretiert die Figur des Todes in Victor Sjöströms KÖRKALEN (1921; dt.: DER FURMANN DES TODES), einem allegorischen Kunstfilm ohne Horroreffekte. Über Carl Theodor Dreyers VAMPYR (1931) schreibt Marcus Stiglegger und konzentriert sich dabei vor allem auf die Bildsprache. Weit über eine Einzelfilmanalyse geht Matthias Teicherts Text über Ingmar Bergmans Film VARGTIMMEN (DIE STUNDE DES WOLFS, 1968) hinaus; er analysiert mit Querverweisen zu Roger Corman und Mario Bava die Neuorientierung des Horrorfilms in den 1960er Jahren, die sich in den Siebziegern fortsetzt. Andreas Jacke und Sophie Wennerscheid unternehmen, zum Teil in Paralleltexten, eine Tiefenanalyse der Fernsehserie RIGET (1994/97) von Lars von Trier, grenzen sie gegen Kubricks THE SHINING, Polanskis ROSEMARIES BABY und Lynchs TWIN PEAK ab und erkennen in ihr einen „Metafilm“. Der schwedische Splatterfilm EVIL ED (1995) zeigt für Hauke Seven das Versagen der Zensur gegenüber Genreparodien. Judith Wassiltschenko ist mit zwei Texten vertreten: einmal geht es um die Sprache in den norwegischen Filmen VILLMARK (2003) und NABOER (2005); im zweiten Fall um den globalen Kulturaustausch am Beispiel von FRITT VILT (2006) und REYKJAVÍK WHALE WATCHING MASSACRE (Island 2009). Der dazwischen platzierte Text von Daniel Kehlmann über Lars von Triers ANTICHRIST (ein Nachdruck aus der Zeit) nimmt sich im Kontext der sonst wissenschaftlich argumentierenden Texte eher fremd aus. Bei Benjamin Ryan Schwartz geht es dann um Gender und Sexualität schwedischer Nachtwandler in neueren Film und TV-Produktionen. Mit dem Verhältnis von Räumlichkeiten und Männlichkeitskonzepten in SAUNA (Finnland 2008) beschäftigt sich Sabine Planka. Der Herausgeber Penke entdeckt Vergangenheits- und Gegenwarts-phänomene in der norwegischen Splatterkomödie Død snø (2009). Zum Abschluss referiert Petra Schrackmann über US-Remakes skandinavischer Horror- und Mysteryfilme. Basisliteratur im Genrebereich, empfehlenswert. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2001/ts2001.php .

Handgemalte Kinotransparente in Landshut

Bild 3In Landshut, nordöstlich von München, ist seit Montag eine Ausstellung zu sehen, die an die sehr individuelle Kinowerbung der 1950er und 60er Jahre erinnert. Damals haben Maler Kinotransparente für die Außenfassaden entworfen: bunt, plakativ und nicht zu übersehen. Aus heutiger, digitaler Perspektive war das pures Handwerk, das kaum noch ausgeübt wird. Ein passionierter Sammler hat Transparente des Malers René Birkner aus Landshut verwahrt, von denen jetzt eine Auswahl im Rathaus zu sehen ist. Kuratiert wurde die Präsentation von Lothar Just, vormals Publizist (Heyne-Filmjahrbuch) und Pressechef des Münchner Filmfests. Auch Werbung gehört zur Kinokultur und hat eine eigene Geschichte. Zu sehen bis 17. März. Am 14. März beginnt in Landshut das 14. Kurzfilmfestival.

100 Meisterwerke im Kino

2013.StationenIn Düsseldorf beginnt das Filmmuseum zusammen mit seinem Freundeskreis einen neuen Versuch, die Filmgeschichte auf 100 Meisterwerke zu reduzieren. Gegen die ersten 25 Titel, die bis August jeweils am Dienstagabend zu sehen sind, ist nichts einzu-wenden, immerhin sind DAS CABINET DES DR. CALIGARI von Robert Wiene, DER LETZTE MANN von F. W. Murnau, MODERN TIMES von Charles Chaplin, TO BE OR NOT TO BE von Ernst Lubitsch, DIE KRANICHE ZIEHEN von Michail Kalatosow, THE MAN WITH THE GOLDEN ARM von Otto Preminger, LOLA MONTÈZ von Max Ophüls und DER GETEILTE HIMMEL von Konrad Wolf dabei. Erst wenn alle hundert Filme bekannt sind, lässt sich über die fehlenden reden. Und das sind dann mindestens zweihundert, die man vermisst. Aber jeder Blick zurück in die Filmgeschichte, wenn er die Interessenten in der Stadt aktiviert, ist wichtig und gehört zum Auftrag eines Filmmuseums.

Oscars (2)

2013.Oscar1Heute Nacht fand die 85. Oscar-Verleihung statt. Sie wurde zwischen halb drei und sechs von Pro Sieben live übertragen. Ted MacFarland moderierte ziemlich selbstgefällig. Steven Spielbergs LINCOLN, elfmal nominiert, war am Ende nur in zwei Kategorien erfolgreich und darf als Verlierer des Abends gelten. Als Gewinner müssen sich Ben Affleck (ARGO: bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Schnitt; Foto) und Ang Lee (THE LIFE OF PI: Regie, Kamera, Filmmusik, Spezialeffekte) fühlen. Und endlich hat Michael Haneke einen Oscar bekommen. Mit meinen Prognosen lag ich bei 14 Richtigen in 24 Kategorien im Mittelfeld, also schlechter als vor einem Jahr. Bei der traditionellen Oscar-Wette, die wieder von Artur und Teresa Althen organisiert wurde, war das Platz 26 bei 43 Teilnehmern. Es gab vier erste Plätze: Wolfgang Höbel, Verena Lueken, Rüdiger Suchsland und Amiel Pauli (alle mit 19 Richtigen). Einen medialen Augenzeugenbericht von Andreas Platthaus kann man wieder in der FAZ lesen: 12093539.html.