DIE ANDERE HEIMAT

2013.Andere HeimatMorgen kommt ein großer Film in die deutschen Kinos, der vierte HEIMAT-Film von Edgar Reitz, DIE ANDERE HEIMAT, mit dem Untertitel Chronik einer Sehnsucht. Die Kraft dieses Autors und Regisseurs ist bewundernswert, er wird demnächst 81 Jahre alt, gehörte vor mehr als fünfzig Jahren zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests und hat in den letzten zwei Jahren einen Vier-Stunden-Film realisiert, der viele Merkmale eines Alters- und Meisterwerks hat. Ich wünsche ihm viele Zuschauer, die mit Neugier und Geduld ins Kino gehen und sich auf diesen Schwarz-weiß-Film einlassen. Zeitgleich ist jetzt im Schüren-Verlag das Filmbuch zur ANDEREN HEIMAT erschienen. Edgar Reitz nennt es „Mein persönliches Filmbuch“ – und in der Tat ist es, zweigeteilt, ein eigenes Werk. Der erste Teil erzählt den Film in seiner fertigen Form, aber in einer durchaus originären Sprache, er enthält keine Filmfotos, er vertraut auf einen Leser, der den Film vielleicht schon gesehen hat und bei der Lektüre neue Aspekte und Subtexte entdeckt. Der zweite Teil handelt von der Filmentstehung, der Stoffentwicklung, der Arbeit mit den Schauspielern (zitiert werden hier Gespräche mit Thomas Koebner), der Kameraführung, dem Schnitt, der Produktion. Das liest sich spannend und macht noch einmal deutlich, wieviel Kreativität in die ANDERE HEIMAT investiert wurde. Mehr zum Buch: die-andere-heimat.html

Jacques Rivette im Arsenal

2013.RivetteMorgen beginnt im Berliner Arsenal eine komplette Jacques Rivette-Retrospektive, die bis zum 31. Oktober dauert. Zu sehen sind auch viele selten gezeigte Filme. Zur Eröffnung hat sein jüngster Film Berliner Premiere:  36 vues du pic saint loup (2009) mit Jane Birkin und Sergio Castellitto. An Rivette (*1928) bewundere ich, wie er Realität und Fiktion, Leben und Kunst in Verbindung bringt. Über zwanzig Filme hat er bisher realisiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Stadt Paris. Viele seiner Hauptdarstellerinnen sind durch ihn berühmt geworden: Bulle Ogier, Juliet Berto, Sandrine Bonnaire, Emmanuelle Béart. Zur Eröffnung der Retrospektive spricht Andreas Kilb, am 19. Oktober führt Ekkehard Knörer in den Film HAUT BAS FRAGILE (1995) ein, am 20. ist OUT 1, NOLI ME TANGERE (1970/90) zu sehen, der mit 773 Minuten längste Film von Rivette, am 21. präsentiert Stefanie Diekmann ihr Buch „Backstage – Konstellationen von Theater und Kino“. Foto: LE POINT DE NORD (1981). Mehr zum Programm: article/4364/3004.html

Otto Preminger

2013.PremingerIn meinem DVD-Regal stehen bereits zwölf Filme des großen Regisseurs Otto Preminger (1905-1986), da ist es ein Glücksfall, dass kürzlich bei cine qua non eine Box mit drei Filmen erschienen ist, die mir bisher fehlen: THE MOON IS BLUE (1953), eine komödian-tische Dreiecksgeschichte mit William Holden, Maggie McNamara und David Niven, SAINT JOAN (1957), ein Historiendrama mit Jean Seberg, Richard Widmark und Richard Todd, und ADVISE AND CONSENT (1962), ein Politthriller mit Henry Fonda, Charles Laughton und Don Murray. Preminger, österreichischer Emigrant, dem 1999 die Retrospektive der Berlinale gewidmet war, hat in vielen Genres gearbeitet und ist vor allem als Schauspieler-Regisseur in die Geschichte eingegangen. Das bestätigen alle drei Filme und auch die wunderbare 2-Stunden-Dokumentation PREMINGER – ANATOMY OF A FILMMAKER (1991) von Valerie A. Robins, die zum Bonus-Material der DVD-Box gehört. Sie enthält Interviews u.a. mit Peter Bogdanovich, Michael Caine, Deborah Kerr, Burgess Meredith, Don Murray, Frank Sinatra und James Stewart. Im beigefügten Booklet steht ein schöner Text über den legendären Titeldesigner Saul Bass. Mehr zur DVD-Box: otto-preminger-meisterwerke

Dario Argento

Bild 1Er hat seit 1970 zwanzig Filme fürs Kino inszeniert und drei fürs Fernsehen. Viele seiner Filme waren bei uns nie im Kino zu sehen, aber er hat inzwischen auch in Deutschland eine große Fangemeinde. Der Italiener Dario Argento (*1940) ist Spezialist für Giallo-Thriller und Gothic-Horror, und dieses Buch öffnet den Blick in eine Albtraum-Welt. 33 Autorinnen und Autoren haben mitgearbeitet, mit spürbarer Leidenschaft und großer Sachkenntnis. Von den zwölf Texten im ersten Teil des Buches haben mir acht besonders gut gefallen: Marcus Stigleggers „erste Annäherung“ an Argentos Œuvre, Joanna Barcks kluger Essay über die Beziehungen des Regisseurs zur Bildkunst, Johannes Binottos Überlegungen zu den „unheimlichen Räumen“ von DA, Ivo Ritzers Beobachtungen zu Genre und Gender, Dominik Grafs lebhafte Erinnerungen an die Musik der frühen Filme von DA, Sebastian Seligs Reise zu den Drehorten von SUSPIRIA (1977), Heiko Nemitz’ Unterscheidungen zwischen DA und Brian DePalma und Michael Flintrops Faktensammlung zu DAs Schwierigkeiten mit der Justiz. Der zweite Teil ist eine kommentierte Filmographie mit einem in der Regel vierseitigen Text zu jedem Titel. Im Anhang: Cast und Credits, Bibliografie und Index. Viele, technisch hervorragende Abbildungen. Auf dem Titel: OPERA (oben) und SUSPIRIA (unten). Band 16 der Reihe „Deep Focus“ von Bertz + Fischer. Mehr zum Buch: products_id=405

Filmfest Hamburg

2013.Filmfest HamburgHeute beginnt das 21. Hamburger Filmfest. Zehn Tage lang sind in den Kinos Abaton, CinemaxX Dammtor, Metropolis, Passage, Studio und 3001 rund 140 neue Filme zu sehen, die der Festivalleiter Albert Wiederspiel in elf Sektionen präsentiert. Sie haben alle einen viel versprechenden Namen: Agenda, Drei Farben Grün, Nordlichter, Voilà!, Vitrina, Asia Express, Eurovisuell, Deluxe, Wort!, 16:9 – dort sind zehn neue Fernsehfilme zu sehen, kuratiert von Friedemann Beyer – und das Kinder- und Jugend-Filmfest Michel. Eröffnet wird heute Abend mit dem kanadischen Film GABRIELLE von Louise Archambault. Treffpunkt für die Besucher wird wieder das Filmfestzelt vor dem Abaton auf dem Allende-Platz sein. Den Douglas-Sirk-Preis, der traditionell während des Hamburger Filmfests verliehen wird, erhält in diesem Jahr die britische Schauspielerin Tilda Swinton.

Christoph Waltz

2013.Christoph WaltzNach seinem zweiten Oscar als Darsteller in einem Film von Quentin Tarantino war er endgültig ein Weltstar. Das macht die Fans neugierig auf eine Biografie. Und das Leben von Christoph Waltz (* 1956) liefert ausreichend Stoff dafür. Gernot Wolfson hat gut recherchiert und konzentriert sich weitgehend auf die Fakten, auf die Familien-geschichte, die Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar und bei Stella Adler in New York, die vielen Haupt- und Nebenrollen im Film und Fernsehen der 1980er, 90er und frühen 2000er Jahre, bis zur Entdeckung durch Tarantino im Sommer 2008. Den ersten Teil seiner Biografie (50 Seiten) nennt Wolfson „Sisyphos“, den zweiten Teil (60 Seiten) „Glorios“. Der handelt dann vor allem von INGLOURIOS BASTERDS und DJANGO UNCHAINED, von Preisverleihungen, Projekten und Publicity. Die „exklusive Biografie“, mit vielen Abbildungen, ist eine gut gemeinte Hommage. Mehr zum Buch: 3131-christoph-waltz/

Haro Senft

2013.Haro SenftDer Titel verbindet metaphorisch einen Rechtlosen, Ausgestoßenen mit einem Kinder- und Naturfreund. Der Filme-macher Haro Senft (*1928) hat sich viele Freiheiten herausgenommen und musste um seine Anerkennung hart kämpfen, die Vogelfreiheit bezieht sich aber speziell auf die Jahre 1944/45, als Senft zunächst als Luftwaffenhelfer in den Krieg musste und dann in Prag interniert wurde. Der Zauberbaum verweist auf seine Kinder-filme und seine Naturverbundenheit. Die Publizistin Michaela Ast hat für ihre Biografie eine schöne Montageform gefunden: Sie verbindet ihren Text mit sehr viel Originalton Senft und Zitaten seiner Freunde und ehemaligen Mitarbeiter. Man kann Senfts Filmleben in sieben Phasen teilen: die frühe Zeit der experimentellen und engagierten Kurzfilme (1954-1959), die Gründung der Gruppe DOC 59, die Initiativen für das Oberhausener Manifest und die Mühen auf der Kurzfilmstrecke (1959-66), die Realisierung der beiden Spielfilme DER SANFTE LAUF und FEGEFEUER (1967-70), die Kinderfilmzeit mit der ZDF-Reihe RAPPELKISTE und den beiden Spielfilmen EIN TAG MIT DEM WIND und JAKOB HINTER DER BLAUEN TÜR (1972-80), die Filmreisen für das Goethe-Institut (1980-83) und die späten Dokumentarfilme (1984-97). Vor allem über die 1960er Jahre (Oberhausener Manifest, Filmarbeit in München und Prag) habe ich aus dem Buch viele neue Informationen erhalten. Zahlreiche, gut gedruckte Abbildungen. Textbeiträge u.a. von Gerald Fritzen, Rob Houwer, Pavel Jurácek, Hans-Georg Knopp (GI), Kurt Lorenz, Dorothee Mariano, Klaus Müller-Laue und Rainer Schmitt-Bruckmayer. Mehr zum Buch: action=detail&id=183&rubrik_id=

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

2013.HolländerDas Wagner-Jahr (200. Geburtstag) neigt sich seinem Ende zu und wird langsam zum Verdi-Jahr (200. Geburtstag im Oktober). Zum Abschied von Wagner gibt es noch eine schöne DVD mit dem berühmten Holländer-Film von Joachim Herz aus dem Jahr 1964. Er hat die Oper auf eine sehr kluge Weise filmisch konzipiert: Sentas reale Welt wird im Normalformat gezeigt, für ihre Traumwelt erweitert sich das Bild in die CinemaScope-Breite (von der DEFA damals Totalvision genannt) und lässt die Musik im 4-Kanal-Magnetton erklingen. Das waren vor fünfzig Jahren neue und mutige Ideen, die vor allem die Techniker vor große Herausforderungen stellten, denn die Bild- und Tonwechsel fanden häufig statt und mussten perfekt funktionieren. Darstellung und Gesang wurden separiert und durch Playback synchronisiert, die Hauptrollen spielten Anna Prucnal (Senta) und Fred Düren (Holländer), es sangen Gerda Hannemann und Rainer Lüdecke. Das Gewandhausorchester Leipzig spielte unter Rolf Reuter, und eine besondere Leistung vollbrachte der Kameramann Erich Gusko. Ich habe im Januar 1965 in der Stuttgarter Zeitung über den Film geschrieben: hollander-1965/. Die DVD enthält ein Booklet, ein Gespräch mit der späteren Ehefrau von Joachim Herz, der Musikwissenschaftlerin Kristel Pappel-Herz, und einen Bericht über die Dreharbeiten in der Wochenschau „Der Augenzeuge“. Joachim Herz starb im Oktober 2010. Mehr zur DVD: hollaender-guenstig-kaufen.html

High Definition

2013.High DefinitionDiesmal stammt die (kleine) Publikation aus dem Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrungen im Zeichen der Entgrenzung der Künste“, auch ihn gibt es an der Berliner FU. Simon Rothöler reflektiert über die „Neuen Medien des Kinos“ und erklärt viele Aspekte der digitalen Filmästhetik. Seine Überlegungen konkretisiert er unter den Begriffen „Nachtbild“, „Effektbild“, „Dokumentarkunstbild“ und „Geschichtsbild“ an sechs Filmbeispielen: COLLATERAL (2004) von Michael Mann, THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY (2012) von Peter Jackson, HOLY MOTORS (2012) von Leos Carax, LEVIATHAN (2012) von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel, STREET (2012) von James Nares und PUBLIC ENEMIES (2009) von Michael Mann. Der Autor, technisch versiert, beschreibt auch für mich einigermaßen verständlich die Differenzen zwischen den Produktionsstandards und den genannten aktuellen Digitalfilmen. Schön ist sein Einstieg mit Abel Ferraras 4:44 LAST DAY ON EARTH (2011). Das Buch enthält eine umfängliche Bibliografie, aber keine Abbildungen. Mehr zum Buch: high-definition/

Der Hollywood-Kriegsfilm

2013.KriegsfilmDie Publikation kommt aus dem Forschungsprojekt „Inszenierungen des Bildes vom Krieg als Medialität des Gemeinschaftserlebens“ der Berliner FU. Sie enthält 15 Beiträge. Es geht ums Genrekino, um den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege. Sechs Texte haben mich besonders beeindruckt: Thomas Elsaesser analysiert Steven Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN (1998) unter den Gesichtspunkten Retrospektion, Überlebensschuld und affektives Gedächtnis. Elisabeth Bronfen beschäftigt sich bedenkenswert mit der Rolle der Justiz in den Kriegsgerichtsdramen PATHS OF GLORY (1957) von Stanley Kubrick, JUDGMENT OF NUREMBERG (1961) von Stanley Kramer, A FEW GOOD MEN (1992) von Rob Reiner und RULES OF ENGAGEMENT (2000) von William Friedkin. Michael Wedel schreibt über WINDTALKERS  (2002) von John Woo und den postklassischen Hollywood-Kriegsfilm. Als Verehrer von John Ford finde ich den Text von Hermann Kappelhoff über THEY WERE EXPENDABLE (1945) sehr substantiell. David Gaertner nimmt Frank Capras WHY WE FIGHT-Reihe unter die Lupe. Und ziemlich originell erscheint mir der Blick von Torsten Gareis auf den Helm im amerikanischen Kriegsfilm. Brilliante Abbildungen, aber leider kein Register. Mehr zum Buch: 160&submit=+Details