Stars und ihre deutschen Stimmen

2013.Stimmen 2Vor einigen Tagen starb der Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Schult. Er war die deutsche Stimme u.a. von Robert Redford, Anthony Hopkins, Clint Eastwood und Donald Sutherland. Die Synchronisation ausländischer Filme gibt es in Deutschland seit den 1930er Jahren, seit der Umstellung auf den Tonfilm. Thomas Bräutigam, im Hauptberuf mit spanischer Literatur beschäftigt, ist inzwischen eine Kapazität für deutsche Stimmen auf der Leinwand. Sein Lexikon erschien erstmals 2001, jetzt liegt eine dritte, ergänzte Auflage vor. Sie beschäftigt sich zunächst sehr sachkundig mit der Geschichte und den Problemen der Filmsynchronisation, die ja nicht unumstritten ist. Für die meisten Zuschauer ist sie eine Erleichterung beim Filmbesuch, weil die Untertitelung ausländischer Filme höhere Ansprüche stellt. Bräutigams Lexikon der Synchronschauspieler von A-Z, von Curt Ackermann bis Wolfgang Ziffer, versammelt mehr als 300 Biografien und stellt damit die wichtigsten Vertreter des Berufs vor. In einer Liste werden sodann die deutschen Sprecher der Weltstars genannt. Ein weiterer lexikalischer Teil schlüsselt Klassiker des Kinofilms und der TV-Serien mit Darstellern und Sprechern auf, von DAS A-TEAM bis ZWÖLF UHR MITTAGS. Als PDF-Datei ist eine umfangreichere Fassung unter www.schueren-verlag.de/synchronsprecher.html mit dem Passwort „Fremde Zungen“ im Netz zu finden. Ein Literaturverzeichnis schließt den Band ab. Mehr über das Buch: lexikon-der-synchronsprecher.html.

Regie Guide 2013/2014

2013.Regie-GuideBraucht man in der sich ständig aktualisierenden Netz-Zeit noch das gedruckte Mitglieder-Lexikon eines Berufsverbandes? Ich bin beein-druckt, wie anregend und informativ die Lektüre im gerade erschienenen Regie Guide ist, weil man ständig auf Personen stößt, die man kennt, aber aus den Augen verloren hat. Rund 730 Mitglieder hat der „Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure e.V.“, der 1975 gegründet wurde. Sie stellen sich mit Bild, Kontaktdaten, Filmografie, Auszeichnungen und Arbeitsprofil auf jeweils einer Seite vor, von Alexander Adolph bis Christian Zübert, dazu kommen noch die Bereiche Werbefilm, Synchronregie, Assistenz und Continuity. Zu Beginn dokumentiert ein Grundsatztext von Jobst C. Oetzmann und Jürgen Kasten „Wesen, Funktion und urheberrechtliche Bedeutung der Regie bei der Werkschöpfung des Filmwerks“, und Kasten, Geschäfts-führer des Verbandes, fordert die Gültigkeit des Urhebervertragrechts auch in der TV-Branche ein. Eine „Chronik des BVR 1975-2012“ vermittelt die historische Entwicklung des Verbandes. Alle Texte in Deutsch und Englisch. Und am Ende werden die Preisträger des Deutschen Regiepreises METROPOLIS der Jahre 2011 und 2012 vorgestellt. Eine nutzerfreundliche Publikation. Mehr zum Regie Guide: 2014/517/detail.html.

 

Suzanne Beyeler

2013.Susanne BeyelerSie kam aus der Schweiz nach Berlin und hat 1971 mit großem Selbstbewusstsein ein Studium an der DFFB begonnen. Ihren ersten, teilweise autobiografischen Film UMWEGE (1968) brachte sie damals schon mit. Suzanne Beyeler war ein Gruppenmensch, engagierte sich in der politischen Szene und drehte mit Manfred Stelzer und Rainer März die Filme ALLEIN MACHEN SIE DICH EIN (1971-74), KALLDORF GEGEN MANNESMANN (1975) und EINTRACHT BORBECK (1976). Ihr Abschlussfilm STRAHLENDE ZUKUNFT (1977-80) war eine Auseinandersetzung mit der Kernenergie. Nach einigen Umwegen fand Suzanne Mitte der 1980er Jahre eine gewisse Geborgenheit im Sufismus. Am 1. Mai 2012 ist sie in der Schweiz gestorben. In der Neuen Rheinischen Zeitung hat Gernot Steinweg am 30. Mai 2012 einen schönen Nachruf publiziert: beitrag.php?id=17839. Im Berliner Arsenal wird heute in einer Veranstaltung der Deutschen Kinemathek an sie erinnert. Drei Filme stehen auf dem Programm: SHEFIKA – AUF DEM WEG DER SUFI (1997), UMWEGE und KALLDORF GEGEN MANNESMANN. Zwischen den Filmen sprechen Helke Sander, Enzio Edschmid und Claudia von Alemann über das Leben und die Arbeit von Suzanne Beyeler.

Internationales Fußballfilmfestival

2013.11mmIm Berliner Babylon-Kino sind bis 19. März alte und neue Fußballfilme zu sehen. Das Festival heißt 11mm und findet zum zehnten Mal statt. Das Publikum wählt wie in den Vorjahren „Die Goldene 11“ für den Festivalsieger. Und zum Jubiläum gibt es noch eine spezielle Preisverleihung: zwei Jurys suchen aus zwanzig nominierten Filmen den besten Dokumentarfilm und den besten Spielfilm aller Zeiten zum Thema Fußball aus (Vorführungen am 19. März um 18 und 20 Uhr). Ihre Deutschlandpremiere haben im Babylon u.a. THE STREET AND THE RAGBALL von Ciro Cappellari, LES REBELLES DU FOOT von Gilles Perez und Gilles Rof und GRINGO AT THE GATES von Roberti Donati und Pablo Miralles. Ein weiterer Höhepunkt ist am 18. Die „shortkicks-Gala“, der Kurzfilmwettbewerb mit Preisverleihung. Noch immer ist das Buch von Jan Tilmann Schwab die schönste Fundgrube für Fußballfilme: filmbuecher/fusball-im-film/ . Mehr zum 11mm-Programm: 11mm_2013.htm

Hitchcock und PSYCHO

2013.HitchcockHeute kommt der Film HITCHCOCK von Sacha Gervasi in unsere Kinos. Mit Anthony Hopkins als Alfred, Helen Mirren als Alma und Scarlett Johansson als Janet Leigh. Die Kritiken sind ambivalent. Es geht um die Produktion des Films PSYCHO (1959/60). Das Script basiert auf dem Buch „Alfred Hitch-cock & the Making of PSYCHO“ von Stephen Rebello aus dem Jahr 1999, das aus gegebenem Anlass neu aufgelegt wurde. Der Autor hat sich intensiv mit der Geschichte von PSYCHO beschäftigt, die in der Biographie des Regisseurs bekanntlich eine besondere Rolle spielt. Im Buch liest sich das sehr sachlich, und es vermittelt sich ein intensiver Blick in die Hollywoodgeschichte der späten 1950er Jahre. Aus der umfänglichen Hitchcock-Literatur (inklusive des Klassikers „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von François Truffaut) sind natürlich viele Details hinreichend bekannt. Aber wer von dem Thema nicht genug bekommen kann, wird von Rebello gut bedient. Mehr zum Buch: Stephen-Rebello/e424921.rhd

Trollschack, Adorno, Herbst

2013.Wietz neuDies ist eine Graphic Novel im Pop-Art-Stil, die uns mitten hinein in die späten 1960er Jahre, ins Zentrum der Studentenbewegung, ins Kuddelmuddel von Politik, Sexualität und Gewalt führt. Die Bilder sparen nichts aus, die Zeit wird in einer skurrilen Mischung aus Phantasie und realen Personen in Erinnerung gerufen. Der Fährmann Hermann C. Trollschack aus Itzehoe, der im Kampf gegen Rechtsradikale seine Potenz steigert und seinen Aktionsraum erweitert, kommt über Hamburg nach Westberlin, trifft in der Filmakademie auf Holger Meins und Ulrike Meinhof, gerät in die Pornofilmgruppe, die für „Schweine-Schröder“ Filme dreht, erlebt den Tod des DFFB-Studenten Roland Hehn, besetzt mit Gleichgesinnten den Bundestag in Bonn, wird von Adorno zum „Verräter der dialektischen Aufklärung“ erklärt und ersticht ihn. Am Ende gebährt ihm seine Frau Kunigunde einen Sohn, in dem er – schreckliche Vision – Adorno erkennt. Trollschack, der Protagonist, ist physiognomisch als Hommage an den Trickfilmdozenten Helmut Herbst gezeichnet. Der Autor des Buches, Helmut Wietz (*1945), hat sich mit den ersten Blättern seines Comics 1969 an der DFFB beworben und dort bis 1973 studiert. In einem Nachwort beschreibt er seinen weiteren Berufsweg und begründet, warum er das Buch, nach jahrzehntelanger Unterbrechung, jetzt zu einem Ende gebracht hat. Es ist kein Filmbuch im eigentlichen Sinne, aber doch ein Beitrag zur Filmgeschichte. Eine sehr schöne Rezension hat Christian Schlüter für die Berliner Zeitung geschrieben: der-libido-kick-von–68,10809200,21969104.html. Mehr zum Buch: der-tod-von-adorno.

Walter Benjamin

2013.TraumpassagenAndreas Jacke (*1966) hat über Benjamins Rechtsphilosophie magistriert, über Marilyn Monroe und die Psychoanalyse promoviert. Der Autor holt – unterstützt durch Denkprozesse von Jacques Derrida – Walter Benjamin 73 Jahre nach dessen Tod in die Gegenwart der Filmwissenschaft. Thesen von Adorno und Kracauer sind dabei Hilfsmittel. Im Zentrum werden Begriffe von Benjamin mit Beispielen aus dem aktuellen Gegenwartskino konfrontiert. Es geht um Wahrheit und Allegorie, Schock und Kontemplation, Manipulation und Aura, Aberglauben und Tod, Sprachmagie und Bildmagie, Traumzustände und Übergänge, Mimesis und Identifikation, Spaltung und Paranoia. Zu den Filmbeispielen gehören AVATAR, INCEPTION, INSOMNIA, THE LORD OF THE RINGS, SHUTTER ISLAND, die STAR WARS-Filme und die TWILIGHT SAGA. Nicht nur für Benjamin-Spezialisten eine anregende Lektüre. Mehr zum Buch: Walter-Benjamin—-29-80.html.

Manipulation

2013.Cinema 58Bis in die frühen 1980er Jahre gab es die Schweizer Filmzeitschrift cinema, am Ende im Kleinformat wie heute Revolver. Als die staatliche Förderung dafür eingestellt wurde, blieb ein Jahrbuch übrig, das erste trug die Nr. 29 und erschien 1983. Dreißig Jahre später ist die Reihe bei der stolzen Zahl 58 angekommen. Jedes Jahr hat einen thematischen Schwerpunkt. Diesmal heißt er „Manipulation“. Es gibt 19 Beiträge zum Thema – Texte, Gespräche, Momentaufnahmen. Fünf haben mir besonders gut gefallen: Anita Gertisers Hypothesen zu Reaktionen auf den Film DÜRFEN WIR SCHWEIGEN? von Richard Oswald (1926), bei denen es um die Scham der Zuschauer geht. Sascha Lara Bleulers Gespräch mit Ari Folman über WALTZ WITH WITH BASHIR, in dem eigentlich nicht über den Film gesprochen werden sollte. Günter A. Buchwalds Moment-aufnahme zu Langs METROPOLIS, in der er seine Rolle als Musikbegleiter am Ende des Films problematisiert. Sarah Greifensteins und Hauke Lehmanns Vergleich der Suspense-Momente von Hitchcocks YOUNG AND INNOCENT (1937) und De Palmas CARRIE (1976), die unterschiedlich mit den Gefühlen der Zuschauer spielen. Und Rasmus Greiners Überlegungen zu den Bildern vom Irakkrieg, die das Problem Manipulation zuspitzen. In allen Beiträgen geht es um konkrete Filmbeispiele. Das gehört zu den Stärken des Bandes. Wie immer ist ein eigener Teil des Buches dem Schweizer Film des vorangegangenen Jahres gewidmet. Ein verlässlicher Führer durch die Produktion. Mehr zum Buch: manipulation.html.

Klaus Wyborny

2013,Wyborny kleinerEr hat Physik studiert, ist ein passionierter Mathematiker, gehörte 1967 zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Filmmacher Cooperative, hat viele experimentelle Filme gemacht, wurde mehrfach zur documenta eingeladen und hat einen Hang zur Philosophie. Seit 2009 ist Klaus Wyborny (*1945) Professor an der Hochschule Mannheim. 1974-76 publizierte er in der Zeitschrift „Boa Vista“ „Nicht geordnete Notizen zum konventionellen narrativen Film“. Sie waren eine Art Pamphlet gegen die damals modische Semiotik und Filmsoziologie und hatten im Klassenkampf der Filmtheorie kaum Überlebenschancen. Inzwischen hat Wyborny seine Notizen geordnet und daraus einen ersten Band seiner „Filmtheoretischen Schriften“ gemacht. Es geht um eine „Elementare Schnitt-Theorie des Spielfilms“. Umfang: rund 400 Seiten. Im Zentrum stehen Raum, Zeit, Blicke, Bewegungen und lineares Erzählen. Die Lektüre führt den Leser durch ein Wechselbad der Erkenntnisse und Gefühle. Es gibt wunderbare Absätze, die in sich schlüssig sind, und es gibt viele Seiten, da versteht man nur Bahnhof, weil man die mathematischen Formeln nicht kapiert, auch wenn sie mit Grafiken verbunden sind. Über weite Strecken bleibt der Text unkonkret, weil es an Filmbeispielen mangelt. Die sind oft wie nebenbei eingefügt und höchst selten durch Fotos belegt. Vielleicht können mir eines Tages Schnittmeisterinnen wie Bettina Böhler oder Uta Schmidt bei der Lektüre helfen. Bis dahin stelle ich das Buch respektvoll ins Regal. Das Vorwort des Herausgebers Prof. Thomas Friedrich (Mannheim) ist freundschaftlich kollegial. Mehr zum Buch: www.lit-verlag.de/isbn/3-643-11053-4

Marburger Kamerapreis

2013.VorschneiderZum 13. Mal wird heute der Marburger Kamerapreis verliehen. Ausgezeichnet wird in diesem Jahr – und das ist eine hervor-ragende Entscheidung – der Kamera-mann Reinhold Vorschneider (*1951). Er hat Philosophie und Politologie studiert, absolvierte in den 1980er Jahren die dffb, wurde Assistent von Martin Schäfer und drehte seine ersten eigenen Filme für Rudolf Thome (zuletzt: PARADISO – SIEBEN TAGE MIT SIEBEN FRAUEN). Dann wurde er Bildgestalter von Angela Schanelec (sechs Filme, von DAS GLÜCK MEINER SCHWESTER bis ORLY), Maria Speth (vier Filme, darunter MADONNEN), Benjamin Heisenberg (drei, darunter DER RÄUBER), Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth. Wenn man so will, gehört er ins Zentrum der Berliner Schule. So hat es eine Logik, dass Angela Schanelec heute die Laudatio hält. In Werkstattgesprächen diskutiert Vorschneider mit Ekkehard Knörer, Axel Block und Christine N. Brinckmann. Und in einem Jahr können wir das alles in einem Buch nachlesen. Glückwunsch an den Preisträger!