Joe Dante

2013.Joe Dante15 Filme hat Joe Dante (*1946) als Regisseur in den Bereichen Fantasy und Horror bisher gedreht, das Österreichische Filmmuseum hat ihm soeben eine Retrospektive gewidmet und dazu ein sehr lesenswertes Buch herausgegeben – in englischer Sprache. Es ist im Übrigen die erste Publikation über diesen eigensinnigen Filmemacher. Mit den PIRANHAS (1978) wurde er bekannt, mit den GREMLINS (1984) berühmt, THE HOLE (2009) war sein bisher letzter Film. Das freundschaftlich-kollegiale Vorwort zum Buch stammt von John Sayles, der früh mit Dante zusammengearbeitet hat. Im Mittelpunkt steht ein 60-Seiten-Gespräch mit Dante von dem Autor und Filmemacher Gabe Klinger, in dem sehr reflektiert auf Form und Inhalte der Filme eingegangen wird. Weitere Texte stammen u.a. von Bill Krohn, J. Hoberman (über die GREMLINS und das Verhältnis zu Spielberg), Christoph Huber und Violeta Kovacsics. Howard Prouty und Gabe Klinger haben eine Dante-Chronik zusammengestellt, und von Prouty stammen auch die meisten Texte der kommentierten Filmografie. Dies ist bereits der 19. Band der „FilmmuseumSynemaPublikationen“ im reizvollen, fast quadratischen Format. Mehr zum Buch: www.filmmuseum.at/shop/joe_dante

Asta Nielsen

2013.Asta NielsenSie kam 1911 aus Dänemark nach Deutschland und wurde einer der großen Stars des Stummfilms. Asta Nielsen (1881-1972) hat in mehr als 80 Filmen die Hauptrolle gespielt. Sie wurde zum Prototyp der emanzipierten, konfliktbereiten Frau. Andererseits hatte sie auch das Talent zur Komik. In der „Edition Filmmuseum“ sind, verantwortet von der Deutschen Kinemathek, zwei DVDs mit vier Asta-Nielsen-Filmen erschienen. In DIE SUFFRAGETTE (1913, Titelfoto) spielt sie eine junge Frau, die für die Gleichberechtigung kämpft und dadurch in einen Liebeskonflikt gerät. Regisseur des Films war Nielsens damaliger Ehemann Urban Gad. DAS LIEBES-ABC (1916, Regie: Magnus Stifter) ist eine Komödie, in der Asta Nielsen einen unerfahrenen Mann in die Liebe einführt und zwischendurch, als Mann verkleidet, die Geschlechterrollen persifliert. Auch in DAS ESKIMOBABY (1916, Regie: Heinz Schall) spielt sie eine Hosenrolle: das Mädchen Ivigtut, das ein Grönlandforscher mit nach Berlin bringt und das in ihren Fellhosen die Gesellschaft aufmischt. DIE BÖRSENKÖNIGIN (1916, Regie: Edmund Edel) ist ein Melodram, in dem Nielsen als Besitzerin einer Kupfergrube viel Geld macht, aber kein Glück in der Liebe hat. Alle vier Filme wurden mühevoll aus vorhandenen Materialien rekonstruiert, bei der BÖRSENKÖNIGIN gab es eine viragierte Nitrokopie, sodass wir den Film in Farbe sehen können. Musikbegleitung aller Filme: Maud Nelissen. Zur DVD-Edition gehört wie immer ein informatives Booklet. Mehr zur DVD: Vier-Filme-mit-Asta-Nielsen.html

Zerstörte Vielfalt am Bundesplatz

Bild 1Bis zum Jahresende ist im Bundesplatz-Kino in Berlin jeweils sonntags und feiertags ein Film aus der Reihe „Zerstörte Vielfalt 1933“ zu sehen. 14 Titel stehen auf dem Programm, das von der Deutschen Kinemathek zusammengestellt wurde und zuvor bereits im Hamburger Metropolis gezeigt wurde. Am kommenden Sonntag ist DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE von Fritz Lang zu sehen. Es folgen u.a. SCHLEPPZUG M 17, ein wenig bekannter Berlin-Film von Werner Hochbaum und Heinrich George, WALZERKRIEG von Ludwig Berger mit Renate Müller und Willy Fritsch, VIKTOR UND VIKTORIA von Reinhold Schünzel mit Renate Müller und Hermann Thomig, EINMAL EINE GROSSE DAME SEIN von Gerhard Lamprecht mit Käthe von Nagy und Wolf-Albach-Retty und DAS HÄSSLICHE MÄDCHEN von Hermann Kosterlitz mit Dolly Haas und Max Hansen. Auch mit den Filmen SA-MANN BRANDT von Franz Seitz, HITLERJUNGE QUEX von Hans Steinhoff und SIEG DES GLAUBENS von Leni Riefenstahl kann man sich auseinandersetzen. Für die Einführungen sind die Kinobetreiber Peter Latta und Martin Erlenmaier und die Kollegen der Kinemathek zuständig. Das Bundesplatz-Kino ist gestern in Karlsruhe mit einem Kino-Preis ausgezeichnet worden. Glückwunsch! Mehr zum 1933-Programm: www.bundesplatz-kino.de/

Lola-Filme

2013.Lola Film„Lola-Filme“ sind für Simon Richter, Professor an der University of Pensylvania, ein Subgenre des Frauenfilms und des Melodrams. Sie haben zwei Namens-Ursprünge: die historische Figur Lola Montez (1821-1861), Geliebte des Königs Ludwig I. von Bayern, und vor allem die Figur der feschen Lola in Josef von Sternbergs Film DER BLAUE ENGEL (1931) mit Marlene Dietrich. 49 Titel nennt die Filmografie am Ende des Buches „Women, Pleasure, Film“ als Beispiele für Lola-Filme. Die bekanntesten sind, neben dem BLAUEN ENGEL, LOLA MONTEZ (1955) von Max Ophüls, LOLA (1961) von Jacques Demy, LOLITA (1962) von Stanley Kubrick, LOLA (1981) von Rainer Werner Fassbinder und LOLA RENNT (1998) von Tom Tykwer. In 16 Kapiteln entfaltet Richter ein differenziertes Lola-Spektrum, ich nenne acht: „“Lola Doesn’t Kill and Lola Doesn’t Die“, „Lola’s Legs“, „Lola’s Bedroom and the Staircase to Paradise“, „Lola and Motherhood“, „Lola, Race, and Ethnicity“, „Lola’s Menagerie“, „The Colors of Lola“, „It’s Lola’s Time“. Es ist erstaunlich, wieviel Material für Interpretation und Analyse die Filme hergeben. Mit zehn Abbildungen ist das Buch sparsam illustriert. Auf den vier Titelfotos sehen wir Lola Montez (oben) auf einem Foto der George Grantham Bain Collection, Ashleigh Sumner (rechts) in dem Film AND THEN CAME LOLA (2009) von Ellen Seidler und Megan Siler, Lothar Lambert (Mitte) als Lola in seinem Film IN HASSLIEBE LOLA (1995) und Marlene Dietrich (unten) in DER BLAUE ENGEL (1930) von Josef von Sternberg. Mehr zum Buch: 10.1057/9781137309730

Filme.Macherinnen

2013.FilmeMacherinnenCoverDie Münchner Hochschule für Fernsehen und Film hat sich in den letzten Jahr-zehnten sehr gezielt für die Situation ihrer Studentin-nen und Absolventinnen (sie heißen neuerdings „Alumnae“) interessiert. Sie hat Umfragen organisiert und Symposien veranstaltet. Jetzt ist ein Buch erschienen, das die Erfolgsgeschichte der HFF aus der Sicht der Frauen darstellt. Im Mittelpunkt (300 Seiten) stehen 41 Gespräche, die Henrietta Kaiser mit Absolventinnen geführt hat. Darunter sind einige sehr prominente Frauen (Doris Dörrie, Amelie Fried, Katja von Garnier, Nina Grosse, Jeanette Hain, Sherry Hormann, Caroline Link, Vivian Naefe, Maris Pfeiffer, Uschi Reich), für die das HFF-Studium zum Beginn einer Karriere wurde. Die Gespräche sind sehr informativ und gehen auch individuell auf die Situationen der Befragten ein. Claudia Schröter hat in einer Online-Befragung unter 364 HFF-Absolventinnen erkundet „Wie geht es den Frauen der HFF heute?“ (40 Seiten). Hier sind vor allem die statistischen Ergebnisse interessant. Die Dritte um Bunde der Herausgeberinnen, Monika Lerch-Stumpf, ist der HFF seit über 30 Jahre als Lehr- und Forschungskraft verbunden. Ihre „Geschichte der HFF“ (70 Seiten) rundet mit großer Sachkenntnis die Darstellung der Institution ab. Mehr zum Buch: default_film

Handbuch Nachkriegskultur

2013.NachkriegskulturNur ein Fünftel des Buches ist dem Film gewidmet, aber er wird hier als Teil der Nachkriegskultur ernstgenommen und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Das macht die Publikation so interessant. Das Herausgeberpaar Elena Agazzi (Bergamo) und Erhard Schütz( Berlin) hat zwölf Themenkomplexe gebildet, denen es wichtige Werke der Literatur (Romane, Erzählungen, Theaterstücke, vor allem auch Sachbücher) und des Films aus den Jahren 1945 bis 1962 zuordnet: Krieg und Zivilisationsbruch, Gefangenschaft und Heimkehr, Flucht und Vertreibung, die Schuldfrage, Seelenheil und Religion, technische Zeit, die atomare Situation, Kritik der Medienkultur, Kulturimport, Nonkonformismus und Experiment, Wünsche des Alltags, neue Jugend. Insgesamt 116 Bücher, Stücke, Filme werden von 52 Autorinnen und Autoren in Einzeltexten kommentiert. In diesen Texten, es handelt sich dabei um jeweils zwei bis fünf Druckseiten, geht es einerseits um die zeitgenössische Bedeutung der Bücher und Filme, andererseits aber auch um ihre Relevanz aus heutiger Sicht. Nicht alle Texte können ihren Anspruch einlösen, aber es entsteht ein erstaunlich komplexes Bild der Zeit. Erhard Schütz hat eine sehr umfängliche und kluge Einführung geschrieben, und jedem Thema ist eine kurze Einführung vorangestellt. Mit fast 130 € Ladenpreis ist das Buch eine mittlere Investition. Mehr zum Buch: 9783110221398.pdf

Figurenspiele

2013.FigurenspieleSchon das Blättern in diesem Buch ist ein Vergnügen: die fünf Kapitel und die 22 Texte sind durch einfarbige Seiten verbunden, die den Farbton des Titelkostüms aus dem Film FUNNY FACE aufnehmen. Das Papier ist gut, die Fotos sind excellent gedruckt, das Layout hat einen subtilen Reiz. Katharina Sykora, Professorin für Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, hat sich immer wieder mit Figuren des Erzählkinos beschäftigt, die in Typologie, Interaktion und Habitus ein besonderes Potential haben und durch Inszenierung, Kamera und Licht spezielle Wirkungen erzielen. Die hier versammelten Texte sind zwischen 1989 und 2012 in zum Teil sehr entlegenen Publikationen erschienen, und es war eine wunderbare Idee, sie zu einer Anthologie zu vereinen. Die fünf Kapitel heißen: Diven, Majestäten, Männlichkeiten, Großstadtfiguren, Fotojäger. Alle Texte sind lesenswert, fünf finde ich ganz besonders schön: über Kim Novak („Blond in Schwarzweiß und Technicolor“), über die beiden Katharina-Filme aus dem Jahr 1934, THE SCARLET EMPRESS mit Marlene Dietrich und CATHERINE THE GREAT mit Elisabeth Bergner („Nero im Reifrock oder Venus im Pelz“), über Jean Cocteaus ORPHÉE (1949) mit Jean Marais („Kino-Poet im Zweilicht“), über Werner Hochbaums VORSTADTVARIETÉ (1935) mit Luise Ullrich und über das Fotografieren in Edward Yangs YI YI, A ONE AND A TWO (2000). Eigentlich ist dies ein „Buch des Monats“. Deshalb kombiniere ich diesen Hinweis mit der Vorstellung meines Oktober-Buchs. Mehr zum Buch: figurenspiele.html

Gerd Kroske

2013.Gerd KroskeGerd Kroske (*1958) ist unter den deutschen Dokumentaristen ein besonderer Spurensucher und Entdecker. Er hat nach dem Studium an der HFF ‚Konrad Wolf’ in Babelsberg vier Jahre als Autor, Dramaturg und Regisseur im DEFA-Dokumentarfilmstudio gearbeitet und ist seit 1991 freier Autor und Regisseur . Seine Filmografie umfasst 16 Titel, in der DVD-Box, die jüngst bei Absolut Medien erschienen ist, sind 13 Filme enthalten. Relativ bekannt wurde sein Porträt DER BOXPRINZ (1999/2000) über den Selbstruin des Boxers Norbert Grupe. Sehr berührend ist die Leipzig-Trilogie KEHRAUS (1990), KEHREIN, KEHRAUS (1997) und KEHRAUS, WIEDER (2006), eine Langzeitbeobachtung von drei Protagonisten, die bei der Straßenreinigung beginnt und auf dem Armenfriedhof endet. Kroske interessiert sich besonders für den Rand der Gesellschaft, seine Filme handeln oft von Verlierern und fragen nach den Verantwortlichen. VOKZAL – BAHNHOF BREST (1993/93) ist ein Schwarzweiß-Film über die Grenzstation zwischen Weißrussland und Polen und ihre Geschichte. In GALERA (1998) beobachtet Kroske Jugendliche in St. Petersburg, Mantes-la-Jolie (Frankreich), Rio de Janeiro und Berlin. DIE STUNDENEICHE (2006) setzt einem Baum am Berliner Autobahnring ein Denkmal, der 2004 gefällt wurde und als Skulptur der Bildhauerin Franziska Uhl überlebt. SCHRANKEN (2009) erzählt von erfolgreichen und von tragisch endenden Fluchtversuchen an der DDR-Grenze der 80er Jahre. HEINO JAEGER – LOOK BEFORE YOU KUCK (2012) ist der Nachruf auf den Maler und Kabarettisten, der dem Alkohol verfiel: ein Spagat zwischen Komik und Verzweiflung. Für das Booklet hat Christa Blümlinger einen sehr lesenswerten Text verfasst. Mehr zur Box: edition&list_item=53

Pordenone

Bild 3Im italienischen Pordenone beginnt heute das 32. Festival „Le giornate del cinema muto“. David Robinson und Livio Jacob haben wieder ein vielseitiges Programm zusammen-gestellt. Die größte Neugier ist wohl auf das kürzlich entdeckte Material des ersten Films von Orson Welles gerichtet, der unvollendeten Stummfilmkomödie TOO MUCH JOHNSON (1938) mit Joseph Cotten und Arlene Francis. Zu sehen gibt es außerdem Schwedische Filme der späten 20er Jahre, sechs Programme mit Filmen mit Anny Ondra, sowjetische Animationsfilme der 20er Jahre, Filme aus der Ukraine, italienische Raritäten, mehrere Filme von Alexander Dowshenko mit spezieller musikalischer Begleitung, einen dreiteiligen Dokumentarfilm über die mexikanische Revolution, frühe Filme aus Australien und Neuseeland und zum Abschluss den Film THE FRESHMAN (1925) von Sam Taylor mit Harald Lloyd, begleitet vom FVG Mitteleuropa Orchestra unter Leitung von Carl Davis. Eine besondere Attraktion ist der Auftritt des berühmten japanischen Kinoerzählers Ichiro Kataoka. Die Deutsche Kinemathek bereichert das Programm mit vier Filmen von Gerhard Lamprecht: DIE VERRUFENEN (1925), DIE UNEHELICHEN (1926), MENSCHEN UNTEREINANDER (1926) und UNTER DER LATERNE (1928). Drei weitere deutsche Beiträge sind SCHERBEN (1921) von Lupu Pick, LUCREZIA BORGIA (1922) von Richard Oswald und DER GEHEIME KURIER (1928) von Gennaro Righelli. Eine Ausstellung ist dem kanadischen Animationsfilmer Richard Williams gewidmet. Mehr zum Programm: www.cinetecadelfriuli.org/gcm/

Spuren eines dritten Kinos

UMS2061_2.inddWenn das „Erste Kino“ in Nord-amerika lokalisiert ist und das „Zweite“ in Europa, dann verteilt sich das Dritte auf den Rest der Welt. Es gab ein historisches Drittes Kino in den 1960er und 70er Jahren, und es gibt ein World Cinema der Gegenwart. Von ihm handelt – in aus-schnitthafter Konkretisierung – das vorliegende Buch. Es schließt an eine Filmreihe an, die im Sommer 2010 im Berliner Zeughaus-kino stattfand und von der Herausgebergruppe Foerster/Perneczky/ Tietke/Valenti, die sich „The Canine Condition“ nennt, kuratiert wurde. Finanziert hat die Publikation der FU-Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“. Zu Beginn geht es um die Präsentation und Archivierung des Dritten Kinos, speziell um die Rolle des Berliner Arsenals. Dann richtet sich der Fokus auf vier Länder: China, Nigeria, die Philippinen und Brasilien. Zu jedem Land gibt es drei informative Texte. Neben den vier Editoren sind zehn Autorinnen und Autoren an dem Buch beteiligt, das sich mit Ästhetik, Politik und Ökonomie beschäftigt. Die Umschlagabbildung stammt aus dem Film DERNIER MAQUIS von Rabah Ameur-Zaimeche. Weitere Aktivitäten zum Thema (Filmreihen, Publikationen) sind angekündigt. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2061/ts2061.php