Gustaf Gründgens

2013.Gründgens2Im September 1963, also demnächst vor fünfzig Jahren, starb auf einer Weltreise in Manila der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens im Alter von 63 Jahren. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Theaters in der Zeit der Weimarer Republik, unter der Nazi-Herrschaft und in der frühen Bundesrepublik. Seine Nähe zu Hermann Göring wurde zu einer großen Hypothek, andererseits verhalf ihm die Fürsprache jüdischer Exilanten später zur Entnazifizierung. Er war eine Persönlichkeit, die polarisierte. Der Autor (und promovierte Theaterwissenschaftler) Thomas Blubacher hat bereits 1999 und 2011 zwei Anläufe zu einer Gründgens-Biografie genommen, jetzt ist ihm so etwas wie eine definitive Fassung gelungen. Sie ist hervorragend recherchiert, gut lesbar und weicht auch den Ambivalenzen des privaten Gründgens nicht aus. Beginnend mit dem ziemlich geheimnisvollen Tod wird das Leben von GG weitgehend chronologisch erzählt. Viele frühere Kolleginnen und Kollegen kommen zu Wort. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich auch die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Filmarbeit von Gründgens tritt gegenüber der Theaterarbeit etwas in den Hintergrund. Immerhin hat er in 28 Filmen mitgespielt und bei fünf Filmen auch Regie geführt. Als Schränker in M (1931) von Fritz Lang und als Baron von Eggersdorf in LIEBELEI (1933) von Max Ophüls ist er unvergesslich. Blubacher erzählt ein ungewöhnliches Künstlerleben im Spannungsfeld deutscher Geschichte und psychischer Individualität. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 0.6.7.8.0.1

Hitchcock und die Künste

2013.Hitchcock+KünsteDer Herausgeber Henry Keazor (*1965) ist Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg. Im Winter 2011/12 hat er in Saarbrücken eine Ringvorlesung über Hitchcock und die Künste veranstaltet, deren Vorträge hier gesammelt sind. Eine lohnende Lektüre. In den Texten geht es um Hitchcock und seine Literaturadaptionen (Barbara Damm), um das Londoner Theater der 1920er und 30er Jahre (Beatrix Hesse), den MARNIEschen Blick auf Vermeer (Thierry Greub), die Gebäude in Hitchcock-Filmen (Steven Jacob), Hitchcocks Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik (Claudia Bullerjahn), um Choreografien von Traumata (Katja Erdmann-Rajski), Hitchcocks Filme im Spiegel zeitgenössischer Videoinstallationen (Ursula Frohne), um Korrelationen zwischen Essen, Sexualität und Tod in H.’s Filmen (Gregor Weber), um Fisch-Frauen (Anne Martinetti, unterstützt vom Herausgeber; mit Fisch-Rezepten) und um Angstlust als psychische Wirkung der Filme (Alf Gerlach). Keazor hat eine umfängliche Einleitung beigesteuert und ein Gespräch mit dem Künstler Benjamin Samuel über sein Werk Hitchcock30 geführt, das im Frankfurter Filmmuseum ausgestellt war. Die Abbildungen des Buches, oft sehr klein, sind hervorragend gedruckt. Wer noch mehr über Hitchcock und die Kunst erfahren will: 2001 erschien in Montreal ein Katalog zur Ausstellung „Hitchcock and Art“, herausgegeben von Dominique Paini und Guy Cogeval. Mehr zum Buch von Keazor: hitchcock-und-die-kuenste.html

Jüdisches Filmfestival

Bild 1In Potsdam wird heute das 19. Jüdische Filmfestival eröffnet  25 Spiel- und Dokumentar-filme stehen auf dem Programm, dazu kommen acht Kurzfilme und zwei Fernsehserien. Das Berliner Arsenal ist die Hauptspielstätte, zu Gast ist das Festival auch im Thalia Programm-kino in Potsdam, im Filmkunst 66, im Eiszeit-Kino und im Toni in Berlin. Die Eröffnung findet als „Galaveranstaltung“ im Potsdamer Hans-Otto-Theater statt. Es sprechen Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, die Brandenburgische Kulturministerin Sabine Kunst und die Festival-leiterin Nicola Galliner.  Als Festivalpaten fungieren Margarita Broich und Christian Berkel. Eröffnungsfilm ist ZAYTOUN, ein Spielfilm von Eran Riklis. Die Veranstaltung wird von Georgia Tornow moderiert.

TAXI DRIVER (1975)

2013.Taxi DriverWieder ein großes, schweres Buch aus dem Taschen Verlag. 25 x 37 cm, drei Kilo, 400 Seiten. Diesmal geht es nur um einen Film: TAXI DRIVER (1975) von Martin Scorsese. Aber im Werk von Scorsese, das noch bis 12. Mai in einer Ausstellung des Museums für Film und Fernsehen in Berlin gewürdigt wird, ist TAXI DRIVER ein besonderer Höhepunkt. Und wenn man das Buch mit den Fotos von Steve Schapiro durch-blättert, wird einem noch einmal klar, wie tief Scorsese in die psychischen Deformationen eines Einzelgängers im New York der siebziger Jahre eingedrungen ist und welche Kraft Robert De Niro in die Darstellung seines Travis Bickle investiert hat. Die Fotos, schwarzweiß und Farbe, oft zweiseitig, haben eine eigene Dimension und scheuen auch vor der Abbildung von Grausamkeit nicht zurück. Herausgegeben von Paul Duncan, mit einem kurzen Vorwort von Martin Scorsese und Texten/Interviews aus der Produktionszeit von Scorsese, Autor Paul Schrader und Robert De Niro. Die Ausgabe ist mehrsprachig (englisch/französisch/deutsch) und für Scorsese-Fans unverzichtbar. Mehr zum Buch: taxi_driver.htm.

Deutscher Filmpreis

2013.LolaHeute Abend wird im Berliner Friedrichstadtpalast der Deutsche Filmpreis vergeben. Die Nominierungen in 16 Kategorien – vom Besten programmfüllenden Spielfilm bis zur Besten Tongestaltung – werden in Filmkreisen lebhaft diskutiert, vor allem: wie wird es dem CLOUD ATLAS ergehen, der neunmal nominiert ist, was holt OH BOY, der immerhin achtmal im Rennen ist, und wo steht am Ende HANNAH ARENDT mit sechs Nominierungen? Ich mache diesmal keine Prognosen und habe Sympathien für viele Kandidaten, auch für Oskar Roehlers QUELLEN DES LEBENS  (drei Nominie-rungen).  Den Ehrenpreis bekommt Werner Herzog, der aus L.A. angereist ist. Die Moderation der Veranstaltung liegt bei der mir unbekannten Mirjam Weichselbraun vom ORF, die der Künstlerische Leiter der Gala, Fred Kogel, ins Spiel gebracht hat. Am späten Abend wissen wir mehr. Das ZDF sendet eine bearbeitete Aufzeichnung ab 22.20 Uhr. Mehr zum Deutschen Filmpreis: deutscher-filmpreis-2013.html.

Wagner Kino

2013.WagnerIm Berliner Zeughauskino beginnt heute die Film- und Veranstal-tungsreihe „Wagner Kino“, bei der es um Spuren und Wirkun-gen Richard Wagners in der Filmkunst geht. Als Kuratoren fungieren Jan Drehmel, Kristina Jaspers und Steffen Vogt. Zur Eröffnung wird der Film RICHARD WAGNER (1913) von William Wauer und Carl Froelich gezeigt. Am kommenden Samstag findet ein Symposium statt, an dem Andreas Urs Sommer (Freiburg), Bernd Kiefer (Mainz), Peter Moormann (Berlin), Elisabeth Bronfen (Zürich), Jörg Buttgereit (Berlin) und Marcus Stiglegger (Siegen) teilnehmen. Thema: „Richard Wagner und das Kino der Dekadenz“. An Wagners 200. Geburtstag (22. Mai) ist der Film DER MEISTER VON NÜRNBERG (1927) von Ludwig Berger zu sehen. Die Reihe endet am 31. Mai. Sie wird gefördert vom Hauptstadt-kulturfonds. Mehr zum Programm: www.wagner-kino.de

Frieda Grafe, erster Teil

2013.Frieda GrafeIm Berliner Arsenal beginnt heute der erste von drei Teilen einer Hommage an Frieda Grafe (1934-2002). Bis zum Monats-ende werden zehn Filme gezeigt, die sie besonders geschätzt hat, im Juli und Oktober folgen zwanzig weitere. Das Projekt basiert auf einer Umfrage der Zeitschrift Steadycam im Jahr 1995. Dreißig Lieblingsfilme durfte man damals auflisten, ohne dies genauer zu begründen. Frieda Grafe hat an diesem Spiel teilgenommen und in der Tat eine eigenwillige Auswahl getroffen. Im Arsenal werden die Filme von internationalen Kritikerinnen und Kritikern, Filmemachern und Wissenschaftlern eingeführt, der Verlag Brinkmann & Bose publiziert drei Hefte mit den entsprechenden Texten, das Projekt wurde vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Zur Eröffnung gibt es heute den Film IHRE MAJESTÄT, DIE LIEBE (1931) von Joe May mit einer Einführung von Max Annas, der zusammen mit Annett Busch und Henriette Gunkel die Filmreihe kuratiert. In der heutigen taz hat Claudia Lenssen einen schönen Text über Frieda Grafe publiziert: F24%2Fa0150. Mehr zum Programm im Arsenal: 2796.html

Carl Laemmle – zwei Biografien

2013.Laemmle.BayerCarl Laemmle (1867-1939) war eine Schlüsselfigur der Gründungs-geschichte des amerikanischen Kinos; er stammte aus dem schwäbischen Laupheim, wanderte 1884 in die USA aus, machte den bilderbuchhaften Aufstieg vom Laufburschen für einen Drugstore zum Geschäftsführer einer Textil-firma, wurde ein Kinopionier in Chicago und gründete 1912 die „Universal Motion Picture Manufacturing Company“, die Ende der 1910er Jahre als „Universal Pictures“ zu den „Big Five“ in Hollywood gehörte. Über Laemmles Lebensgeschichte hat Hans Beller vor dreißig Jahren einen schönen zweiteiligen Dokumentarfilm gedreht. Zeitgleich in diesem Frühjahr sind jetzt zwei Biografien über Laemmle erschienen, die beide ihre Qualitäten haben. Udo Bayer, Historiker mit Wohnsitz in Laupheim, fühlt sich als offizieller Laemmle-Biograf, ist mit den Nachkommen und der Familiengeschichte aufs engste vertraut und schöpft aus archivarischer Fülle. In zwölf Kapiteln breitet er das Laemmle-Leben und die beruflichen Entwicklungen vor uns aus. In den Zitaten wird viel Originalton vermittelt. Laemmles jüdische Herkunft, die politischen Erfahrungen im Amerika der Jahrhundertwende und während des Ersten Weltkriegs, in den Zwanziger Jahren und nach der Machtergreifung der Nazis werden ausführlich thematisiert. Ein eigenes Kapitel ist der amerikanischen Einwanderungspolitik und Laemmles „Affidavits“ (Bürgschaftserklärungen) gewidmet. Mit 891 Fußnoten und Anmerkungen ist der Quellenreichtum beeindruckend belegt. In der Darstellung gibt es Redundanzen. Die Biografie der Bild 1Kulturwissenschaftlerin und Filmhistorikerin Cristina Stanca-Mustea basiert auf ihrer Dissertation. Die Autorin ist geschickt in der Komprimierung des Stoffes, schreibt flüssig und verlegt längere Zitate in den Anmerkungs-teil; sie kommt auch mit 159 Fuß-noten aus. In der bewundernden Verneigung vor ihrem Protago-nisten unterscheiden sich die beiden Bücher nicht. Die doppelte Würdigung von Carl Laemmle ist zwar überraschend, aber er hat sie verdient. Mehr zum Buch von Uo Bayer: op8eanmdp71. Mehr zum Buch von Stanca-Mustea: buch/carl-laemmle.

Horst Buchholz

2013.BuchholzIn den 1950er Jahren wurde er zu einem Star in der Bundesrepublik, in den Sechzigern machte er interna-tional Karriere, aber er stand sich bei der Auswahl der Rollen oft selbst im Wege, hatte Misserfolge und fand zwischen Kino, Theater und Fernsehen keinen festen Platz. Horst Buchholz (1933-2003) war ein sprachgewandter,hoch begabter  und vielseitiger Schauspieler. Als seine wichtigsten Filme bleiben HIMMEL OHNE STERNE (1955), DIE HALBSTARKEN (1956), BEKENNT-NISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL (1957), DAS TOTENSCHIFF (1959), THE MAGNIFICENT SEVEN (1960), ONE, TWO, THREE (1961) und LA VITA È BELLA (1997) in Erinnerung. Er starb vor zehn Jahren in Berlin. Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen der Deutschen Kinemathek, hat jetzt eine sehr lesenswerte Biografie über den Schauspieler publiziert, die nicht nur – mit Hilfe des verfügbaren Nachlasses – hervorragend recherchiert ist, sondern auch eine Bewertung der Filme aus heutiger Sicht wagt. Der aktuelle Blick bringt lohnende Erkenntnisse. Der Text ist seinem Protagonisten sehr zugeneigt, thematisiert aber auch unverständliche Entscheidungen und die Wahl falscher Rollen. Auch das Privatleben ist nicht ausgespart. Vor allem die Darstellung der letzten Jahre in Berlin schmerzt, wenn man sie mit beobachtet hat. Hilfreich für den Autor war die Aufgeschlossenheit von Myriam Bru-Buchholz und Christopher Buchholz. Ein beeindruckender Band in der inzwischen langen Biografien-Reihe des Berliner Aufbau Verlages. Mehr zum Buch: verfuhrer-und-rebell-horst-buchholz.html

Was Sie schon immer über Kino wissen wollten…

2013.Volk-WissenEs sind viele Fragen, die in diesem Buch von dem cinephilen Film- und Literaturkritiker Stefan Volk beantwortet werden. Fragen nach Superlativen (den besten, den teuersten, den erfolgreichsten Filmen und den größten Flops), nach den bekanntesten Filmzitaten, den berühmtesten Tieren auf der Leinwand, den lustigsten Filmtiteln und den schönsten Liebeserklärungen. Der Autor hat sein Material in Kapiteln strukturiert, ein eigenes ist Woody Allen gewidmet, ein anderes James Bond und zwei heißen schlicht „Dies und das“. Das längste handelt vom Oscar, und hier findet sich auch eine nützliche Tabelle mit allen Verleihungen von 1929 bis 2013 mit Datum, Veranstaltungsort, Moderation, Anzahl der Kategorien und bestem Film. Es geht ansonsten um Filmfehler und Filmklischees, um bekannte Schauspieler, die während einer Filmproduktion gestorben sind, um alternative Schlüsse (Happyend oder kein Happyend) und um die 27 Grafen von Monte Christo. Entbehrlich finde ich die Kapitel über Scientologen in Hollywood und die Goldenen Himbeeren. Dies ist im Übrigen kein Buch zum kontinuierlichen Lesen, sondern zum Blättern und Stöbern. Am Ende findet man eine Liste aller Listen, Tabellen und Texte im Überblick. Mehr zum Buch: was-sie-schon-immer-ueber-kino-wissen-wollten.html