Über das gegenwärtige deutsche Kino

2013.CookeFür das internationale Ansehen des deutschen Films ist es nützlich, wenn im Ausland mit Sachverstand und Zuneigung über ihn geschrieben wird. Auch wenn der Effekt solcher Publikationen begrenzt ist, sollten wir sie mit Sympathie zur Kenntnis nehmen. Paul Cooke (*1969) ist Professor für German Cultural Studies an der University of Leeds. Sein Buch „Contemporary German Cinema“ erschien im vergangenen Jahr und ist eine komprimierte und sehr informative Zustandsbeschrei-bung. Im Mittelpunkt steht dabei der Film der Nuller Jahre. Cooke strukturiert sein Thema in sieben Kapitel. Zunächst klärt er die ja nicht leicht zu vermittelnden Finanzierungsfragen mit den speziellen Förderungseffekten in der Bundesrepublik. Dann geht es um die unterschiedlichen Abbildungen von Realität (Andreas Dresen und, als eine Art Gegenpol, die „Berliner Schule“). Natürlich ist ein umfangreiches Kapitel der Darstellung von deutscher Geschichte gewidmet (DER UNTERGANG, DAS LEBEN DER ANDEREN), das sich anschließend erweitert in den Themen politische Nachbarschaft (LICHTER) und multikulturelle Erfahrung (GEGEN DIE WAND). Als spezieller Aspekt wird das Thema Filme von Frauen (FREMDE HAUT, KIRSCHBLÜTEN) und über Frauen (DIE UNBERÜHRBARE) behandelt. Dann geht es um die Brücke nach Amerika (SCHULTZE GETS THE BLUES) und am Ende um neue Formen des Heimatfilms (WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOD, DAS WEISSE BAND). Cooke ist nicht nur sachkundig, er kommt auch zu differenzierten Urteilen. Das Titelbild stammt aus dem Film BERLIN CALLING von Hannes Stöhr. Die Druckqualität der rund 50 Abbildungen im Buch ist leider grenzwertig. Mehr zum Buch: 9780719076190

Hollywood in Deutschland

2013.GarncarzImmer wieder wird davon ausgegangen, dass es eine Dominanz des Hollywoodkinos in Deutschland schon in den 1920er Jahren gab, die sich in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik fortgesetzt hat und Dank der Blockbuster bis in die Gegenwart anhält. Joseph Garncarz (*1957) hat in seiner Kölner Habilitationsschrift systematisch die Publikums-interessen ab 1925 erforscht und dabei festgestellt, dass erst in den 1970er Jahren eine Präferenz des amerikanischen Films in der internationalen Kinokultur nachweisbar ist. In den 50er Jahren kamen die Kassenhits noch überwiegend aus der BRD, in den Sechzigern aus den europäischen Nachbarländern. Die Kino-Erfolgranglisten, die im Anhang abgedruckt sind, belegen die Thesen von Garncarz nachdrücklich. Natürlich hat das vor allem mit der Abwanderung großer Zuschauermengen zum Fernsehen und mit dem Generationswechsel beim Kinopublikum zu tun. Erst seit dem Inkrafttreten des Filmförderungsgesetzes 1968 gibt es im Übrigen verlässliche Daten über Besucherzahlen, die Recherchen von Garncarz für die Zeit davor waren mühsam und aufwendig. Sie sind in der Konsequenz aufschlussreich, führen aber nicht zu einer generellen Neubewertung der Filmgeschichte. Mehr zum Buch: buecher_H_658_1/

VIEHJUD LEVI (1998)

2013.Viehjud LeviAusgelöst durch den Fernsehfilm UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER wird in diesen Tagen viel über die Traumatisierung der Deutschen durch die Nazi-Verbrechen gesprochen. Da sind Hinweise auf frühere Filme angebracht. Der Schriftsteller Thomas Strittmatter war zwanzig Jahre alt, als er das Theaterstück „Viehjud Levi“ schrieb, das 1982 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Der Autor starb 1995. Didi Danquart hat das Stück 1998 verfilmt. Erzählt wird die Geschichte eines Viehhändlers im Schwarzwald, der 1933 die ideologischen Veränderungen existentiell zu spüren bekommt. Angeführt von einem Berliner Ingenieur repariert ein Bautrupp einen eingestürzten Eisenbahntunnel und bringt bei den Bewohnern eines entlegenen Tals irrationale Sympathien für den Nationalsozialismus zum Vorschein. Levi wird die Zielscheibe rassistischer Angriffe und kann nur mit Hilfe einer engagierten Bauerntochter sein Leben retten. Von Danquart subtil inszeniert, von Bruno Cathomas, Caroline Ebner, Ulrich Noethen und Martina Gedeck eindrucksvoll gespielt. Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD des Films publiziert worden. Da wird auch noch einmal klar, dass uns mit Strittmatter ein hochbegabter Autor früh verloren gegangen ist. Mehr zur DVD: thema&list_item=53.

Gespräche über Dokumentarfilm

2013.Subjektiv_SprechenIm Winter 2010/2011 haben sich in München die Pinakothek der Moderne und die Hochschule für Fernsehen und Film für eine Veranstaltungsreihe zusammengetan. Heiner Stadler (*1948, Leiter der HFF-Dokumentarfilm-abteilung) und Bernhard Schwenk (*1960, Kurator für Gegenwartskunst der PdM) diskutierten an sieben Abenden mit jeweils einer Studentin / einem Studenten und einem arrivierten Gast aus der Filmszene. Thema: was leistet der Dokumentarfilm, der Blick auf die Wirklichkeit, in unserer Zeit? Bei Doris Dörrie und Jan Gassman ging es um die Frage „Wen interessiert schon Alltag?“. Hans-Christian Schmid und Andy Wolff beschäftigte die Überlegung „Ist der Spielfilm der bessere Dokumentarfilm?“. Michael Ballhaus und Noemi Schneider fragten sich „Wo bleibt im Dokumentarfilm die Kunst?“. Ulrich Seidl und Leonie Stade diskutierten über „Grenzüberschreitungen im Dokumentarfilm“. Dominik Graf und Fatima Abdollahyan thematisierten das Problem „Kann man Leben recherchieren?“. Christian Jankowski und Alexander Hick fanden sich mit der Frage konfrontiert „Braucht die bildende Kunst das Dokumentarische?“. Und Jochen Kuhn sprach mit Ali Zojaji über die These „Blockiert Theorie die Arbeit am Film?“. Stadler und Schwenk fungierten als moderierende, aber meinungsfreudige Gesprächsteilnehmer, und auch das Publikum kam zu Wort. Die Gäste gaben mit ihrer Erfahrung den Gesprächen ein Zentrum. Interessanter Lesestoff, die Präsentation wirkt etwas selbstverliebt. Mehr zum Buch: werke_default_film.

Textualität des Films

2013.TextualitätEine neue Schriftenreihe: „Zur Textualität des Films“. Sie wird herausgegeben von John Bateman, Heinz-Peter Preußer und Sabine Schlickers vom Bremer Institut für transmediale Textualitätsforschung. Der zweite Band über „Hybride Räume“ erschien im Herbst 2012. Jetzt folgt der erste. Von den 15 Aufsätzen haben mich zwei besonders interessiert: eine Analyse des Films MENSCHEN AM SONNTAG (1929/30) von Heinz-Peter Preußer und ein Text von Thomas Althaus über Stillstand und Bewegung im deutschen Film der 1920er Jahre. Preußer arbeitet sehr konkret die visuellen Qualitäten des Films von Robert Siodmak und Edgar Ulmer heraus, erkennt Blick- und Raumkonstellationen, interpretiert den besonderen Stellenwert der Strandfotografen-Sequenz und benennt die entscheidenden Kunstmittel des späten Stummfilms. Die permanenten Textualitätsbezüge sind dem wissenschaftlichen Anspruch des Autors geschuldet. Althaus stellt in seinem Aufsatz eine hilfreiche Brücke zur Entwicklung des Ausdruckstanzes her und benutzt fünf Schlüsselfilme des Jahrzehnts – CALIGARI, GOLEM, NOSFERATU, WACHSFIGURENKABINETT und METROPOLIS – mit Verweisen auf ihre Genrekonventionen, um seine Überlegungen zur Spezifik von Standbild und Bewegtbild zu formulieren, die auch ohne die semantischen Hypothesen nachvollziehbar sind. Mehr zum Buch: film-text-kultur.html.

Dominik Graf

2013.GrafIm Österreichischen Film-museum beginnt morgen eine Werkschau mit Filmen von Dominik Graf. Sie wird eröffnet mit einem Wunsch-film des Regisseurs: NIGHT MOVES (1975) von Arthur Penn. Dominik hat vier weitere Filme anderer Regisseure als Carte blanche im Programm, und es werden 15 seiner Arbeiten gezeigt. Zur Werkschau hat das Filmmuseum in der Reihe der Synema-Publikationen ein eigenes Buch herausgegeben. Christoph Huber, Filmredakteur der Wiener Presse, unternimmt darin eine Reise durch das Werk von Dominik Graf („Ein anderes Deutschland ist möglich“), die viele, auch neue Erkenntnisse zutage fördert. Von Olaf Möller, Autor in Köln, stammt eine umfängliche kommentierte Filmografie, die auch kritische Worte findet. Huber und Möller haben ein gemeinsames Gespräch mit Graf geführt. Das sehr empfehlenswerte Buch ist bereits Band 18 der „FilmmuseumSynemaPublikationen“, die eine meiner Lieblingsreihen unter den Filmbüchern ist. Mehr zum Buch: mode=active.

 

Stars und ihre deutschen Stimmen

2013.Stimmen 2Vor einigen Tagen starb der Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Schult. Er war die deutsche Stimme u.a. von Robert Redford, Anthony Hopkins, Clint Eastwood und Donald Sutherland. Die Synchronisation ausländischer Filme gibt es in Deutschland seit den 1930er Jahren, seit der Umstellung auf den Tonfilm. Thomas Bräutigam, im Hauptberuf mit spanischer Literatur beschäftigt, ist inzwischen eine Kapazität für deutsche Stimmen auf der Leinwand. Sein Lexikon erschien erstmals 2001, jetzt liegt eine dritte, ergänzte Auflage vor. Sie beschäftigt sich zunächst sehr sachkundig mit der Geschichte und den Problemen der Filmsynchronisation, die ja nicht unumstritten ist. Für die meisten Zuschauer ist sie eine Erleichterung beim Filmbesuch, weil die Untertitelung ausländischer Filme höhere Ansprüche stellt. Bräutigams Lexikon der Synchronschauspieler von A-Z, von Curt Ackermann bis Wolfgang Ziffer, versammelt mehr als 300 Biografien und stellt damit die wichtigsten Vertreter des Berufs vor. In einer Liste werden sodann die deutschen Sprecher der Weltstars genannt. Ein weiterer lexikalischer Teil schlüsselt Klassiker des Kinofilms und der TV-Serien mit Darstellern und Sprechern auf, von DAS A-TEAM bis ZWÖLF UHR MITTAGS. Als PDF-Datei ist eine umfangreichere Fassung unter www.schueren-verlag.de/synchronsprecher.html mit dem Passwort „Fremde Zungen“ im Netz zu finden. Ein Literaturverzeichnis schließt den Band ab. Mehr über das Buch: lexikon-der-synchronsprecher.html.

Regie Guide 2013/2014

2013.Regie-GuideBraucht man in der sich ständig aktualisierenden Netz-Zeit noch das gedruckte Mitglieder-Lexikon eines Berufsverbandes? Ich bin beein-druckt, wie anregend und informativ die Lektüre im gerade erschienenen Regie Guide ist, weil man ständig auf Personen stößt, die man kennt, aber aus den Augen verloren hat. Rund 730 Mitglieder hat der „Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure e.V.“, der 1975 gegründet wurde. Sie stellen sich mit Bild, Kontaktdaten, Filmografie, Auszeichnungen und Arbeitsprofil auf jeweils einer Seite vor, von Alexander Adolph bis Christian Zübert, dazu kommen noch die Bereiche Werbefilm, Synchronregie, Assistenz und Continuity. Zu Beginn dokumentiert ein Grundsatztext von Jobst C. Oetzmann und Jürgen Kasten „Wesen, Funktion und urheberrechtliche Bedeutung der Regie bei der Werkschöpfung des Filmwerks“, und Kasten, Geschäfts-führer des Verbandes, fordert die Gültigkeit des Urhebervertragrechts auch in der TV-Branche ein. Eine „Chronik des BVR 1975-2012“ vermittelt die historische Entwicklung des Verbandes. Alle Texte in Deutsch und Englisch. Und am Ende werden die Preisträger des Deutschen Regiepreises METROPOLIS der Jahre 2011 und 2012 vorgestellt. Eine nutzerfreundliche Publikation. Mehr zum Regie Guide: 2014/517/detail.html.

 

Hitchcock und PSYCHO

2013.HitchcockHeute kommt der Film HITCHCOCK von Sacha Gervasi in unsere Kinos. Mit Anthony Hopkins als Alfred, Helen Mirren als Alma und Scarlett Johansson als Janet Leigh. Die Kritiken sind ambivalent. Es geht um die Produktion des Films PSYCHO (1959/60). Das Script basiert auf dem Buch „Alfred Hitch-cock & the Making of PSYCHO“ von Stephen Rebello aus dem Jahr 1999, das aus gegebenem Anlass neu aufgelegt wurde. Der Autor hat sich intensiv mit der Geschichte von PSYCHO beschäftigt, die in der Biographie des Regisseurs bekanntlich eine besondere Rolle spielt. Im Buch liest sich das sehr sachlich, und es vermittelt sich ein intensiver Blick in die Hollywoodgeschichte der späten 1950er Jahre. Aus der umfänglichen Hitchcock-Literatur (inklusive des Klassikers „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von François Truffaut) sind natürlich viele Details hinreichend bekannt. Aber wer von dem Thema nicht genug bekommen kann, wird von Rebello gut bedient. Mehr zum Buch: Stephen-Rebello/e424921.rhd

Trollschack, Adorno, Herbst

2013.Wietz neuDies ist eine Graphic Novel im Pop-Art-Stil, die uns mitten hinein in die späten 1960er Jahre, ins Zentrum der Studentenbewegung, ins Kuddelmuddel von Politik, Sexualität und Gewalt führt. Die Bilder sparen nichts aus, die Zeit wird in einer skurrilen Mischung aus Phantasie und realen Personen in Erinnerung gerufen. Der Fährmann Hermann C. Trollschack aus Itzehoe, der im Kampf gegen Rechtsradikale seine Potenz steigert und seinen Aktionsraum erweitert, kommt über Hamburg nach Westberlin, trifft in der Filmakademie auf Holger Meins und Ulrike Meinhof, gerät in die Pornofilmgruppe, die für „Schweine-Schröder“ Filme dreht, erlebt den Tod des DFFB-Studenten Roland Hehn, besetzt mit Gleichgesinnten den Bundestag in Bonn, wird von Adorno zum „Verräter der dialektischen Aufklärung“ erklärt und ersticht ihn. Am Ende gebährt ihm seine Frau Kunigunde einen Sohn, in dem er – schreckliche Vision – Adorno erkennt. Trollschack, der Protagonist, ist physiognomisch als Hommage an den Trickfilmdozenten Helmut Herbst gezeichnet. Der Autor des Buches, Helmut Wietz (*1945), hat sich mit den ersten Blättern seines Comics 1969 an der DFFB beworben und dort bis 1973 studiert. In einem Nachwort beschreibt er seinen weiteren Berufsweg und begründet, warum er das Buch, nach jahrzehntelanger Unterbrechung, jetzt zu einem Ende gebracht hat. Es ist kein Filmbuch im eigentlichen Sinne, aber doch ein Beitrag zur Filmgeschichte. Eine sehr schöne Rezension hat Christian Schlüter für die Berliner Zeitung geschrieben: der-libido-kick-von–68,10809200,21969104.html. Mehr zum Buch: der-tod-von-adorno.