Zum Jahresende

2016-schottlandWir wünschen nicht nur unseren Familien

und unseren Freundinnen und Freunden,

sondern vielen Menschen in der Welt

ein gutes, friedliches und gesundes Jahr 2017.

Hans Helmut Prinzler + Antje Goldau

 

(Foto: Antje Peters, Schottland, Highlands, September 2016)

Ulrike Roesen

2016-ulrike-roesenMehr als 30 Jahre war sie für die Abteilung Film- und Medienkunst in der Akademie der Künste tätig, kurze Zeit als Sachbearbeiterin, ab 1990 als „Sekretär“, zuerst am Hanseatenweg, dann am Pariser Platz. Ulrike Roesen war die ideale Kontaktperson für uns Mitglieder, seit 1996 also auch für mich. Welche Bedeutung ihre Funktion und ihr Engagement hatten, habe ich vor allem in den 15 Jahren erfahren, als ich Direktor oder Stellvertretender Direktor der Sektion war. Sie hat immer Ideen für gute Veranstaltungen, ist neugierig auf interessante Filme, kümmert sich auch um die Bereiche Fotografie und Hörspiel, die zu unserer Sektion gehören, ist kommunikativ, denkt sich gute Konstellationen für Jurys aus und behält auch die Mitglieder im Blick, die nicht zu den halbjährlich stattfindenden Versammlungen kommen. Ihr Interesse ist sehr auf die Zukunft gerichtet, der Archivbereich bedeutet ihr weniger. Unsere regelmäßigen Programmbesprechungen werde ich nicht vergessen. Ulrike geht jetzt, man kann sich das gar nicht vorstellen, in den Ruhestand. Sie wird dem Haus verbunden bleiben. Ihre Nachfolgerin wird Cornelia Klauß, bisher Sprecherin des Bundesverbandes kommunale Filmarbeit und Mitglied der Auswahlkommissionen in Leipzig und Oberhausen. Wir freuen uns auf sie.

Zwischen Flamenco und Charleston

2016-zwischen-flamencoEine Dissertation, die an der Universität Bonn entstanden ist. Sie untersucht an ausgewählten Beispielen den „Tanz in Litera-tur, Stummfilm und Malerei im Spanien der Moderne“, also in der Zeit zwischen 1900 und 1950. Ein umfangreiches Kapi-tel ist zunächst der Bedeutung des Tanzes und seiner histori-schen Entwicklung in Spanien gewidmet. Speziell dem Fla-menco gilt eine besondere Aufmerksamkeit, weil er – aus Andalusien kommend – sowohl auf der Bühne wie als Volkstanz sehr populär ist. Im Bereich der Literatur konzentriert sich Franz Reza Links auf den Tanz im Werk von Federico Garcia Lorca (1898-1936), in seinen Gedichten und Theaterstücken. Das Kapitel über den Tanz im spanischen Stummfilm ist mit über 100 Seiten das umfangreichste des Bandes. Sehr interessant sind die generellen Vorüberlegungen über das Verhältnis von Tanz und Film in der Zeit der Medienumbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwei Filme werden dann detailliert analysiert, beide stammen aus dem Jahr 1927: EL NEGRO QUE TENÍA EL ALMA BLANCA von Benito Perojo nach einem Roman von Alberto Insúa (über die Konflikte eines Tanzpaares in Madrid) und FRIVOLINAS von Arturo Carballo (über die Konflikte zwischen Vater und Tochter in der Revueszene von Madrid). Der Film von Carballo wird vom Autor in der Darstellung des Tanzes als komplexer eingeschätzt. Das dritte Kapitel handelt vom Tanz in der Malerei und richtet den Blick auf den Tänzer und Choreographen Vicente Escudero (1888-1980), der auch als Maler und Zeichner tätig war. Es gibt im Text natürlich zahlreiche Querverweise in die zeitgenössische Malerei. 838 Quellenangaben und Fußnoten sichern den Text wissenschaftlich ab. Die Filmstills und Abbildungen sind in der Qualität grenzwertig. Mehr zum Buch: zwischen-flamenco-und-charleston?c=738

Alain Bergala

2016-bergalaDer Franzose Alain Bergala (*1943) war Herausgeber der Cahiers du Cinéma, hat Bücher über Godard, Rossellini, Bergman, Bunuel und Kiarostami geschrieben, lehrt an der Pariser Filmhoch-schule und an der Sorbonne Nouvelle und ist bestens vertraut mit dem Thema „Film und Schule“. Sein Buch „Kino als Kunst“ erschien 2006 bei Schüren und ist inzwischen vergriffen. In der Reihe der Synema-Publikationen haben jetzt Alejandro Bachmann und Alexander Horwath in Zusammenarbeit mit dem British Film Institute den Band „The Cinema Hypothesis“ herausgegeben, Untertitel: „Teaching Cinema in the Classroom and beyond“. Die acht Kapitel heißen „The Experience has been rewarding“, „The Hypothesis“, „State of Things, State of Mind“, „Cinema in Childhood“, „One Hundred Films for an alternative Culture“, „Toward a Pedagogy of Fragments: Excerpts in Conversation“, „Toward a ‚Creative Analysis’“, „Creating in Classroom: Stepping into creative Practise“. Wer „Kino als Kunst“ nicht kennt oder besitzt, ist mit der englischen Ausgabe bestens bedient. Mit einem Vorwort von Bachmann und Horwath und einem Gespräch von Bachmann mit Alain Bergala. Coverfoto: LES QUATRE CENTS COUPS von François Truffaut. Mehr zum Buch: 1474494605925

KATZ UND MAUS (1967)

2016-dvd-katz-und-mau Der Film von Hansjürgen Poh-land nach der Novelle von Günter Grass wurde damals kurzfristig zum politischen Zankapfel, weil er – gefördert vom Kuratorium Junger Deutscher Film – im satirischen Umgang mit deutscher Geschichte Tabus verletzte. Die Konfrontation zwischen CDU und SPD wurde zum Teil sehr persönlich ausgetragen, weil die Söhne von Willy Brandt – Lars und Peter, 16 und 19 Jahre alt – die Hauptrolle spielten, den Gymnasiasten Joachim Mahlke, der an einem übergroßen Adamsapfel leidet, einem Soldaten sein Ritterkreuz stiehlt und damit Schabernack treibt, von der Schule fliegt, freiwillig in den Krieg zieht (der Film spielt im Zweiten Weltkrieg in Danzig), selbst ein Ritterkreuz verliehen bekommt, bei einem Heimaturlaub in die alte Schule zurückkehrt, dort weiterhin keine Anerkennung findet, aus der Truppe desertiert und im Nirgendwo verschwindet. Das ist von Pohland pointiert inszeniert, wichtige Rollen spielen Wolfgang Neuss als Erzählfigur Pilenz und Ingrid van Bergen als Mahlkes Tante, die Kamera führte Wolf Wirth. Die politischen Konflikte wurden damals bereinigt. Sie sind im Booklet der DVD in zeitgenössischen Texten von Peter W. Jansen, Lutz Lehmann, Wolfgang Neuss und Karena Niehoff dokumentiert. Von Stefan Drößler stammt eine „Chronik der Ereignisse“. Auf der DVD findet man noch zwei Kurzfilme: BÜRGER GRASS (1965) von Hansjürgen Pohland und PROJEKT KATZ UND MAUS (1966) von Michael Klier. Im ROM-Bereich gibt es u.a. das Drehbuch, das Presseheft und Aushangfotos. Mehr zur DVD: Katz-und-Maus.html

DER NACHTMAHR (2015)

2016-dvd-der-nachtmahrAn den Weihnachtstagen ist mehr Zeit als sonst, sich DVDs anzuschauen, die kürzlich erschienen sind. Da ich (noch) kein Serien-Junkie bin, sind es vorwiegend alte oder neue Filme, die mich interessieren. Sehens-wert finde ich den deutschen Film DER NACHTMAHR des Regisseurs AKIZ, der eigentlich Achim Bornhak heißt, die Filmakademie in Ludwigsburg absolviert hat, mit dem Fernsehfilm DIE NACHT DER NÄCHTE 1997 debütierte, 2007 den Film DAS WILDE LEBEN über Uschi Obermaier realisiert hat und mit seinem neuen Film in Saarbrücken den Preis der Jugendjury gewann. Einerseits beginnt der Film als traditionelle Coming-of-Age-Geschichte: wie sich die 17jährige Tina aufs Abitur vorbereitet, mit ihren Freundinnen unterwegs ist und mit dem attraktiven Adam ihr Spiel treibt. Andererseits gerät die Geschichte dann außer Kontrolle, als eine fremdartige, hässliche Kreatur in Tinas Leben eindringt und ihre Wahrnehmung dominiert. Ihre Eltern und ein Psychiater können nicht helfen, die Horrorwelt gewinnt die Oberhand. Das ist sehr phantasievoll fotografiert (Kamera: Clemens Baumeister), effektvoll vertont, eindrucksvoll gespielt (Tina: Carolyn Grenzkow) und leistet sich Exkurse in die Film- und Kunstgeschichte. Nicht zu vergessen: Schauplatz des Geschehens ist Berlin. Ein ungewöhnlicher deutscher Film. Mehr zur DVD: 0&id=1014851

Frohe Weihnachten

Frohe und friedliche Weihnachten

wünschen

Hans Helmut Prinzler

+ Antje Goldau

ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN

2016-zur-sache-schaetzchen50 Jahre nach der Entstehung des Films ist in der Pasinger Fabrik in München zurzeit die Ausstellung „Zur Sache, Schätz-chen“ zu sehen (noch bis zum 29. Januar 2017). Und es gibt in der Reihe „MEDIA Net-Edition“ eine sehr empfehlenswerte Begleitpublikation von Lisa Wawrzyniak und Reinhold Keiner, die schon 2011 erschie-nen ist, aber an Bedeutung nicht verloren hat. Sie stellt den Film zunächst in den Zusammen-hang des „Oberhausener Manifest“ und des „Jungen Deutschen Films“, informiert über die „Neue Münchner Gruppe“ und widmet sich dann sehr detailliert der Entstehungsgeschichte des Films. Nach einer Inhaltsangabe und Hinweisen zur Produktion gibt es einen „Sequenzplan“ und Anmerkungen zur Inszenierung. Ausführlich werden die Filmfiguren – Martin, Henry, Barbara, Anita, die Polizisten, Victor Block, Bruno, Muller und ein Voyeur – analysiert. Wir werden über die Berufe der Filmfiguren und die Milieus der Filmhandlung informiert, über Normen, Regeln, Werte, Moralvorstellungen, Sozialbeziehungen, die Sprache der Hauptfigur Martin und die damalige Wirkung des Films. Der Anhang enthält eine biografische Skizze des Hauptdarstellers Werner Enke, ein Gespräch mit dem Produzenten Peter Schamoni aus dem Jahr 2005, ein Gespräch mit dem Kameramann Klaus König und die protokollarische Fassung des Drehbuchs, redigiert von Klaus Eder. Eine vorbildliche Publikation. Mehr zum Buch: zur-sache-schatzchen-inhaltsanalyse.html

Claus Theo Gärtner

2016-matula32 Jahre war Claus Theo Gärtner (*1943) als Josef Matula in Frankfurt am Main unterwegs, er spielte in 300 Folgen der Serie EIN FALL FÜR ZWEI bis 2013 den Privatdetektiv, an der Seite wechselnder Partner, beginnend mit Günter Strack. Demnächst wird es eine Rückkehr in einem eigenen MATULA-Film geben, und weil dieser Schauspieler sehr populär ist, kann man jetzt seine Autobiografie lesen, die bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen ist. Seine Ehefrau Sarah Gärtner hat sie aufgeschrieben. Sie wird nicht chronologisch erzählt, sondern folgt Themen, die Gärtner seinem Publikum vermitteln will. Der Einstieg ist natürlich die Serie, die ihn bekannt gemacht hat, ausgeschmückt mit vielen Anekdoten und persönlichen Erinnerungen an die Partner. Dann folgt ein Kapitel über Kindheit und Jugend. Anschließend geht es um die Film- und Theaterzeit. Sein „zweites Leben“ hat er dem Motorsport gewidmet, er war Werksfahrer bei Mercedes-Benz und hat an vielen Autorennen teilgenommen. Und sein „drittes Leben“ sind die Reisen, nach Indien, in die Wüste, als Globetrotter. Als Überleitungen zwischen den Kapiteln dienen kurze Impressionen mit Gärtner am Filmset. Ein unterhaltsames Buch mit Abbildungen. Mehr zum Buch: HAU_MICH_RAUS%21.html

Ruth Beckermann

2016-ruth-beckermannIm Österreichischen Filmmuseum ist zurzeit eine Retrospektive der Filme von Ruth Becker-mann zu sehen. Aus diesem Anlass haben Alexander Horwath und Michael Omasta ein sehr lesenswertes Buch in der Publikationsreihe „Synema“ herausge-geben, es ist inzwischen schon der 29. Band. Das Geleitwort stammt von Georg Stefan Troller („Filmemachen in Wien“). In einem beeindruckenden Essay beschäftigt sich Bert Rebhandl mit den Identifikationen von Ruth Beckermann („Judenkind, Flüchtlingskind, Wirtschaftswunderkind“). Armin Thurnher untersucht vier frühe Filme, Christoph Ransmayer erinnert sich an Begegnungen in Beckermanns Wohnung in der Wiener Marc-Aurel-Straße, bei Christa Blümlinger geht es um die Geschichte der Stadt Wien in verschiedenen Filmen und der Installation „The Missing Image“, bei Cristina Nord um das Motiv der Bewegung. Jean Perret sieht in dem Film JENSEITS DES KRIEGES ein „fundamentales Werk über Schuld und Verdrängung“. Die Autorin Ina Hartwig (inzwischen Kulturdezernentin in Frankfurt am Main) erzählt mit großer Empathie von der gemeinsamen Arbeit an dem Film DIE GETRÄUMTEN, dem ersten Spielfilm von Ruth Beckermann, der den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan in Szene setzt. Mit der Form dieses Films beschäftigt sich auch Alice Leroy. Dokumentiert sind Fotografien (New York, Ägypten) und Texte (ein Exposé, Drehtagebücher, Notizen aus dem Schneideraum) von Ruth Beckermann. Den Abschluss bildet ein langes Gespräch, das die Herausgeber Horwath und Omasta mit ihr geführt haben. Eine hervorragende Publikation! Mehr zum Buch: 1476222805914