Helmut Käutner

Fast zeitgleich mit der Werkanalyse von René Ruppert, meinem Filmbuch des Monats Dezember 2018 (kaeutner/), ist das Buch „Helmut Käutner. Cineast und Pazifist“ von Bernhard Albers im Rimbaud Verlag erschienen, ein großforma-tiger Band mit 500 Abbil-dungen, der „von Film zu Film“ den deutschen Regisseur in Erinnerung ruft. Dies geschieht faktenreich mit vielen Informationen über die Produktions-hintergründe, aber auch mit kritischen Anmerkungen zu manchen formalen Lösungen. Häufig wird aus dem Interview des Regisseurs mit Edmund Luft zitiert, das im Käutner-Buch der Deutschen Kinemathek und der Akademie der Künste aus dem Jahr 1992 dokumentiert ist. Auf die Fernsehseharbeiten wird nicht eingegangen, sie sollen offenbar in einem eigenen Buch gewürdigt werden. Im „Epilog“ wird an Käutners Karl May-Darstellung im Film von Hans-Jürgen Syberberg erinnert. Der Bilderreichtum des Bandes – Szenen- und Werkfotos, Werbematerial, Plakate, Autogrammkarten – ist überwältigend. Coverabbildung: Arbeitsfoto von den Dreharbeiten zu DES TEUFELS GENERAL (1955) mit Curd Jürgens, Käutner und Viktor de Kowa. Mehr zum Buch: die-kinofilme-1939-1970/

Roger Corman

Er war seit Mitte der 50er Jahre eine Schlüsselfigur des unab-hängigen amerikanischen Kinos, hat bei 55 Filmen Regie geführt und über 300 Filme produziert, den letzten 2017. Bisher gab es keine deutsch-sprachige Publikation über Roger Corman. Aber das Warten hat sich gelohnt. Robert Zions Monografie mit dem Untertitel „Die Rebellion des Unmittel-baren“ ist exzellent. In acht Kapiteln erschließt der Autor das Werk des Regisseurs, richtet unseren Blick auf spezielle Genre (Frauen-Western, Science Fiction, Horror, Gangster, Hippie-Film), befasst sich dabei ausführlicher mit 16 Filmen, darunter den „Klassikern“ HOUSE OF USHER, MACHINE GUN KELLY, BLOODY MAMA, THE WILD ANGELS, THE TRIP. Natürlich kennt Zion die amerikanische Literatur über Corman inklusive dessen Autobiographie „How I Made A Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime“ (1998), aus der er gelegentlich zitiert, aber es sind vor allem seine eigenen Beobachtungen, die die Lektüre spannend machen. Inhalt und Form der Filme werden so präzise beschrieben, wie man es selten liest. Ein letztes, neuntes Kapitel erzählt die Geschichte des Produzenten Corman und seiner Firma „New World Pictures“. 2009 erhielt er den Ehren-Oscar. Robert Zion lebt als Journalist in Gelsenkirchen, ist politisch engagiert und hat bisher drei Monografien zu Filmthemen publiziert: über William Castle, Vincent Price und Dario Argento. Er gestaltet seine Bücher selbst. Die Qualität der rund 140 Abbildungen und zehn Farbtafeln ist hervorragend. Ich bin beeindruckt! Coverfoto: THE TOMB OF LIGEIA. Mehr zum Buch: die-rebellion-des-unmittelbaren

Raum/Akteure

Eine Dissertation, die an der Universität Bonn entstanden ist. Philipp Scheid untersucht darin „Inszenierte Landschaften in den frühen Filmen von Wim Wenders“. Gedanken zur Diskursgeschichte der filmischen Landschaftsdar-stellung und – als Gegenbeispiel – zum „eklektizistischen“ Blick auf die Natur in Stanley Kubricks BARRY LYNDON sind als Einleitungskapitel formuliert. Es folgt eine kurze Erinnerung an die Entwicklung des bundesdeutschen Autorenfilms in den 1960er und 70er Jahren. Dann geht es um den klassischen und den kritischen Heimatfilm, um NACHTSCHATTEN von Niklaus Schilling, FALSCHE BEWEGUNG von Wim Wenders, HERZ AUS GLAS von Werner Herzog. Das Hauptkapitel ist auf den „Orts-Sinn“ in den frühen Filmen von Wenders fokussiert: SILVER CITY REVISITED, 3 AMERIKANISCHE LP’S, ALICE IN DEN STÄDTEN, IM LAUF DER ZEIT, THE STATE OF THINGS. Schließlich richtet sich der Blick des Autors noch auf Fenster und Sehen, Reisen und Bewegung, Musik und Gefühl. Eine Schlussbetrachtung summiert Ergebnisse. Der Anhang enthält Auszüge aus Interviews mit der Szenografin Heidi Lüdi und dem Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein, sowie Sequenzprotokolle zu NACHTSCHATTEN und SILVER CITY REVISITED. Mit 54 Abbildungen in akzeptabler Qualität. Eine lesenswerte Dissertation. Mehr zum Buch: raum-akteure/

Schlechtes Gedächtnis?

Der Band dokumentiert die Arbeit einer Filmsichtungs-gruppe zum Thema „Film und jüdische Themen“. Es geht um „Kontrafaktische Darstellungen des Nationalsozialismus in alten und neuen Medien“. 15 Beiträge sind den drei Kapiteln „Film und Geschichte“, „Spiel und Wiederholung“, „Rache und Überleben“ zugeordnet. Acht Texte haben mich besonders beeindruckt. Chris Wahl richtet seinen Blick auf „Alternative Geschichte(n) und die Amazon-Serie THE MAN IN THE HIGH CASTLE“. Drehli Robnik beschäftigt sich mit Kontrafaktik, jüdischer Agency und ihrem politischen Potenzial im Postfaschismus bei Spielberg und Tarantino. Irina Gradinari informiert über „Ästhetische Alternativen des Zweiten Weltkriegs im russischen Gegenwartskino“. Caspar Battegay reflektiert über Spielelemente des kontrafaktischen Erzählens in Film (Beispiel: INGLORIOUS BASTERDS) und Literatur. Sandra Nuy erinnert an Hitler-Bilder im Independent-Film der 1980er Jahre. Bei Alexander Wagner geht es um den Film 100 JAHRE ADOLF HITLER von Christoph Schlingensief. Raphael Rauch befasst sich mit dem Film ZAHNSCHMERZEN von Michael Kehlmann. Von Jonas Engelmann stammt ein Beitrag über Nazis im Comic. Die genannten Texte haben mich vor allem durch ihre Konkretisierungen überzeugt. Die Herausgeber*innen Johannes Rhein, Julia Schumacher und Lea Wohl von Haselberg haben dem Band eine 40seitige informative Einleitung vorangestellt. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: schlechtes-gedaechtnis

Qualität

Das Schwerpunktthema des Schweizer Filmjahrbuchs ist diesmal „Qualität“. Elf Texte sind ihm gewidmet, sechs haben mir besonders gut gefallen. Henry M. Taylor beschäftigt sich mit „Dramaturgien journalistischer Qualität im Reporterfilm“ und stellt dabei ALL THE PRESIDENT’S MEN (1976) von Alan J. Pakula in den Mittelpunkt. Bei Marius Kuhn geht es um Clint Eastwood und drei seiner letzten Filme: AMERICAN SNIPER, SULLY und THE 15:17 TO PARIS. Die Beschreibungen und Verknüpfungen sind beeindruckend. Simon Meier äußert sich zur wechselhaften Rolle der Filmkritik bei Siegfried Kracauer. Josephine Diecke informiert über Farbfilme aus Wolfen im Qualitätswettstreit. Margarete Wach befasst sich mit Amateurfilmclubs in Polen 1953-1989. Michel Bodmer schildert seine Erfahrungen als Filmredakteur beim Schweizer Fernsehen und als Mitarbeiter des „Filmpodiums“ der Stadt Zürich. Der „Filmbrief“ kommt in diesem Jahr aus Kambodscha und ist ein Erfahrungsbericht von den Dreharbeiten zu MIRR. In der „Sélection Cinema“ werden wieder 33 Filme der Saison 2017/18 vorgestellt. Auch das 64. Jahrbuch bietet interessanten Lesestoff. Mehr zum Buch: 600-qualitaet.html

Abschied von Bruno Ganz

Über fünfzig Jahre hat er mich als Schauspieler im Theater und im Film durch mein Leben begleitet. 1964 habe ich ihn in Brendan Behans „Der Spaßvogel“, inszeniert von Peter Zadek, zum ersten Mal auf der Bühne erlebt. In den 70er Jahren war ich Stammgast in der Schaubühne am Halleschen Ufer und erinnere mich natürlich gut an „Torquato Tasso“, die „Optimistische Tragödie“, den „Ritt über den Bodensee“, „Peer Gynt“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Kleists Traum vom Prinzen Homburg“ und die „Sommergäste“. Mindestens 20mal haben mich seine Präsenz und seine Stimme auf der Bühne beeindruckt. Im Kino habe ich ihn zum ersten Mal 1964 in DER SANFTE LAUF von Haro Senft gesehen. Es folgten dann u.a. DIE MARQUISE VON O. von Eric Rohmer, DER AMERIKANISCHE FREUND von Wim Wenders, MESSER IM KOPF von Reinhard Hauff, SYSTEM OHNE SCHATTEN von Rudolf Thome, DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH! von Wim Wenders, DER UNTERGANG von Oliver Hirschbiegel und, zuletzt, IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS von Matti Geschonneck – und das sind nur die für mich wichtigsten Filme. Er war einer unserer größten Schauspieler. Jetzt ist Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich gestorben.

Bären-Verleihung

Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Die Jury, präsidiert von Juliette Binoche, kann sieben Silberne und einen Goldenen vergeben. Es konkurrieren 16 Filme im Wettbewerb. Als Favoriten für den Goldenen Bären werden SO LONG, MY SON von Wang Xiaoshuai, SYNONYMES von Nadav Lapid und ICH WAR ZUHAUSE, ABER von Angela Schanelec gehandelt; der Preis geht an den Produzenten. Die Prognosen für die Juryentscheidungen bei den Silbernen Bären sind schwierig, weil hier auch viele diplomatische Aspekte eine Rolle spielen. Vergeben werden Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch, eine herausragende künstlerische Leistung in den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design sowie der „Große Preis der Jury“ und der „Alfred Bauer-Preis“ für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Mit drei Titeln im Wettbewerb war der deutsche Film diesmal gut vertreten. Da sollte mit der einen oder anderen Auszeichnung schon zu rechnen sein. Zur internationalen Jury gehören der Filmkritiker Justin Chang (USA), die Schauspielerin Sandra Hüller (Deutschland), der Regisseur Sebastián Lelio (Chile), der Filmkurator des MoMA Rajendra Roy (USA) und die Schauspielerin Trudie Styler (Großbritannien). Die Preisverleihung wird ab 19 Uhr live auf 3sat übertragen. Anschließend wird im Berlinale-Palast der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Film gezeigt. Wenn der chinesische Film SO LONG, MY SON gewinnt, wird es ein langer Abend, denn er dauert drei Stunden.

Regisseurinnen der DEFA

„Sie“ – so der Titel dieser beeindruckenden Publikation – das sind die Regisseurinnen der DEFA, die in 46 Jahren für diese Firma Spiel-, Dokumentar-, Kurz- oder Animationsfilme realisiert haben. Es waren insgesamt 63. Sie werden in alphabetischer Reihenfolge porträtiert. Natürlich kenne ich, weil mich die DEFA immer interessiert hat, viele Namen, zum Beispiel Iris Gusner, Karola Hattop, Barbara Junge, Helke Misselwitz, Gitta Nickel, Ingrid Reschke, Ingrid Sander, Elke Schieber (aber mehr als Filmhistorikerin), Evelyn Schmidt, Sibylle Schönemann, Annelie Thorndike, Tamara Trampe, Petra Tschörtner, Hannelore Unterberg. Aber die Mehrzahl ist mir gänzlich unbekannt. Vier Jahre wurde für dieses Buch recherchiert, das Herausgeberduo Cornelia Klauß und Ralf Schenk hat 19 Autorinnen und Autoren für die Textmitarbeit gewonnen, darunter Barbara Felsmann, Jan Gympel, Günter Jordan, Claus Löser, Dorett Molitor, Anke Westphal. Elf Porträts stammen von Connie Klauß, sechs von Ralf Schenk. Die Porträts haben einen Umfang von einer bis sieben Seiten, angefügt ist jeweils eine Filmografie, in der neben der Regie auch andere Funktionen aufgelistet sind. Bei den Recherchen hat Johannes Roschlau sehr aktiv mitgewirkt. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist ideal: synchron mit der Retrospektive der Berlinale über die Perspektiven von Filmemacherinnen in Deutschland von den 60er bis in die 90er Jahre. Der Retro-Titel „Selbstbestimmt“ war für die Regisseurinnen der DEFA allerdings die seltene Ausnahme. Zwei DVDs mit 18 Filmen sind der Publikation beigefügt, neben vielen Kurzfilmen enthalten sie die Spielfilme KENNEN SIE URBAN? von Ingrid Reschke und ISABEL AUF DER TREPPE von Hannelore Unterberg. Coverfoto: Helke Misselwitz und Kameramann Thomas Plenert bei den Dreharbeiten zu HERZSPRUNG (1992), fotografiert von Helga Paris. Mehr zum Buch: http://www.bertz-fischer.de/sie.html

Valentinstag

Dies ist kein offizieller Feiertag, aber es gab mehrere frühchristliche Heilige mit dem Namen Valentinus, und einem von ihnen zu Ehren hat der 14. Februar diesen Namen bekommen. Ein „heiliger“ Valentin ist für mich der geniale Komiker Karl Valentin (1882-1948), ein bayerisches Original, das weit über die Grenzen dieses Landes hinaus berühmt wurde. Auf der Bühne und im Film hat er mit seinem sehr speziellen Humor einen unglaublichen Figurenreichtum verkörpert. Mimisch, gestisch und sprachlich. Bei Schirmer/Mosel ist jetzt ein Buch mit Photographien von ihm erschienen: Karl Valentin in 63 verschiedenen Masken. Das Vorwort stammt von Wolfgang Till, der viele Jahre – zuletzt als Direktor – am Münchner Stadtmuseum tätig war. Ein zentraler Beitrag ist der Text des Kunstkritikers, Publizisten und Diplomaten Wilhelm Hausenstein „Die Masken des Komikers“, der aus großer Nähe die Persönlichkeit Valentins würdigt. Es ist ein Nachruf, der uns Valentin siebzig Jahre nach seinem Tod in Erinnerung ruft. Ein wunderbares Buch zum Valentinstag. Das Coverfoto von Karl Kurt Wolter (aufgenommen um 1940) ist ein Kontrast zu den Rollenporträts. Mehr zum Buch: 39&products_id=918

Dieter Kosslick

Nach 18 Jahren verab-schiedet sich Dieter zurzeit als Direktor der Berlinale. Das prägte schon im Vorfeld die Berichterstattung über das Festival, es gab lesenswerte Interviews im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung, und auch bei der Eröffnung stand er im Mittelpunkt des Abends. In seinen ersten Berlinale-Jahren habe ich eng mit Dieter zusammengearbeitet, war als Leiter der Retrospektive bei den Treffen der Sektionschefs dabei und konnte beobachten, wie souverän er in diesem Kreis die Fäden in der Hand hat. Dieters größte Begabung ist sein Kommunikations-verhalten, er verfügt über eine positive Ausstrahlung, er lässt sich von Menschen beraten, denen er vertrauen kann. Das betrifft natürlich auch die Auswahl der Filme für den Wettbewerb. Aus meiner Sicht hat er hier – immer ihm Rahmen seiner Möglichkeiten – gute Entscheidungen getroffen, auch wenn er häufig hart kritisiert wurde. 2006 hat Dieter mir zum Abschluss unserer Zusammenarbeit die Berlinale-Kamera verliehen und 2008 den Film AUGE IN AUGE als Berlinale Special ins Programm aufgenommen. Vor einigen Wochen saßen wir bei der Eröffnung der Ausstellung „Zwischen den Filmen“ im Museum für Film und Fernsehen wieder einmal nebeneinander. Ich fühle mich mit ihm freundschaftlich verbunden und habe großen Respekt vor seiner Leistung als Berlinale-Direktor. Im September wird bei Hoffmann und Campe seine Autobiografie erscheinen: „Schön auf dem Teppich bleiben“ – mit dem Untertitel „Kino, Kunst und Kulinarik“. Ich bin gespannt, wie er sein Leben erzählt.