Lubitsch

Heute wird Nicola Lubitsch, die Tochter von Ernst, 80 Jahre alt. Sie wohnt in Los Angeles, feiert ihren Ehrentag in Engand und freut sich über den weltweiten Ruhm ihres Vaters, der vor 71 Jahren in Los Angeles gestor-ben ist. In diesem Sommer ist bei Columbia University Press ein Buch über Ernst Lubitsch erschienen, auf das ich mit zwei Zitaten aufmerksam machen möchte: „Ernst Lubitsch’s work has never needed reappraisal more than it does today, and McBride is just the writer for the job. As usual, he mobilizes formidable research and passionate sympathy to probe a great director’s many sides. We see Lubitsch the ethnic comedian, the exile, the romantic, the sardonic satirist, the sly provocateur, the moralist, the supremely confident master of technique. Above all, we see an artist who poured into film after film his keen sensitivity to the vagaries of love and his tolerant wisdom about the ways of the world.“ (David Bordwell, University of Wisconsin-Madison). „It’s a wonderful book on a wonderful picturemaker! The work and detail and time put into it – just extraordinary. Superb! A great service to the public, bringing this unique and brilliant director back to the public’s attention. This splendid work does real justice to its subject.“ (Peter Bogdanovich). Der Filmhistoriker Joseph McBride hat Bücher über Frank Capra, Steven Spielberg, John Ford und Orson Welles geschrieben. Ich finde sein Lubitsch-Buch herausragend, und Nicola ist stolz darauf. Cover-Abbildung: TROUBLE IN PARADISE. Mehr zum Buch: dp/0231186444

Filme der 50er

In der Bibliotheca Universalis des Taschen Verlages ist jetzt ein weiterer Dekadenband er-schienen, eine Überarbeitung des großformatigen Bandes von 2005, herausgegeben von Jürgen Müller. 90 Filme werden in Texten und Bildern vorgestellt, beginnend mit THE THING FROM ANOTHER WORLD (1951) endend mit LES YEUX SANS VISAGE (1960). Natürlich kann man über die Auswahl streiten, der amerikanische Film dominiert, Billy Wilder ist mit vier Filmen Spitzenreiter, Hitchcock, Huston und Kazan sind mit jeweils drei Titeln dabei, aber nur ein Film von John Ford (THE SEARCHERS) hat es am Ende geschafft. Immerhin sind Ingmar Bergman und Federico Fellini mit jeweils drei Filmen vertreten. Und ein Film von Yasujiro Ozu: TOKYO MONOGATARI. Drei deutsche Filme wurden berücksichtigt: DER UNTERTAN von Wolfgang Staudte, ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG von Ladislao Vajda und DER TIGER VON ESCHNAPUR von Fritz Lang. Ich vermisse aus Deutschland DIE BRÜCKE von Bernhard Wicki, aus Frankreich À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard, aus der Sowjetunion WENN DIE KRANICHE ZIEHEN von Michail Kalatosow, aus Indien die APU-Trilogie von Satyajit Ray, aus den USA RIO BRAVO von Howard Hawks. Zu den Autorinnen und Autoren gehören Ulrike Bergfeld, Philipp Bühler, Jörn Hetebrügge, Lars Penning, Burkhard Röwekamp und Matthias Steinle. Ihre Texte sind professionell und pointiert formuliert. Die Abbildungen haben, wie immer bei Taschen, eine hervorragende Qualität. Mit 750 Seiten für 15 € ein preiswertes Buch. Cover-Grafik: Deborah Kerr und Burt Lancaster in FROM HERE TO ETERNITY. Mehr zum Buch: 52889506/ oder filme_der_50er.htm

Werner Schroeter

In der österreichischen Buch-reihe „Filmmuseum/ Synema Publikationen“, die ich beson-ders schätze, ist jetzt ein Band in englischer Sprache über den Regisseur Werner Schroeter (1945-2010) erschienen, her-ausgegeben von Roy Grund-mann. Die Beiträge stammen vorwiegend von einer Konfe-renz, die 2012 in Boston statt-gefunden hat. Mit einem beeindruckenden 50-Seiten-Essay „The Passions of Werner Schroeter“ eröffnet Grundmann das Buch. Gertrud Koch untersucht „Operatic and Filmic Gestures in Werner Schroeter’s Films“. Bei Caryl Flinn geht es um „Werner Schroeter’s Exotic Music and Margins“. Sieben sehr lesenswerte Texte konzentrieren sich auf einzelne Filme. Sie stammen von Marc Siegel (über DER TOD DER MARIA MALIBRAN), Michelle Langford (SALOME), Christine N. Brinckmann (WILLOW SPRINGS), Gerd Gemünden (die beiden Italienfilme NEL REGNO DI NAPOLI und PALERMO ODER WOLFSBURG), Fatima Naqvi (MALINA), Roy Grundmann (POUSSIÈRES D’AMOUR) und Edward Dimendberg (NUIT DE CHIEN). Christine N. Brinckmann und Roy Grundmann haben im Sommer 2016 ein sehr schönes Interview mit der Kamerafrau Elfi Mikesch geführt. Dokumentiert wird schließlich ein Gespräch von Michel Foucault und Werner Schroeter, das 1982 im Goethe-Institut Paris stattfand. Eine gut recherchierte Schroeter-Filmografie von Stefan Drößler und eine Auswahlbibliografie von Frankie Vanaria schließen den Band ab. Mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität. Das Coverfoto stammt aus den 70er Jahren. Mehr zum Buch: 1530003154837

„Vor dem Anfang“ von Burghart Klaußner

Der von mir sehr geschätzte Schauspieler Burghart Klaußner hat einen Roman geschrieben: „Vor dem Anfang“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Auf 164 Seiten erzählt er eine Ge-schichte, die sich am 23. April 1945 in Berlin ereignet. Die Protagonisten sind der 36jäh-rige Kasinobesitzer Fritz und der 42jährige Schultz, über dessen Beruf wir nicht informiert werden. Beide haben den Krieg überlebt, sitzen auf einer Bank am Flughafen Johannisthal und werden von einem Feldwebel aufgefordert, eine Kasse mit 750 RM zum Luftfahrtministerium in die Stadtmitte zu bringen. Der Transport wird zu einer Überlebens-frage. Auf zwei Fahrrädern durchqueren sie mit vielen Unterbrechun-gen die Stadt, erreichen ihr Ziel, aber dort herrscht das Chaos und im Referat IV gibt es keine Person, der sie die Kasse übergeben können. Auf Seite 65 verschwindet Schultz und Fritz wird zur Hauptfigur. Sein Weg führt nach Wannsee, wo er hofft, auf seiner Segeljacht in Sicherheit zu kommen. Es bedarf vieler Umwege, um das Ziel zu erreichen. Am Ende taucht Schultz wieder auf und raucht mit Fritz eine Friedenszigarette. Die Geschichte wird mit inneren Monologen und vielen Reminiszenzen vor allem aus dem Leben von Fritz erzählt, die Atmosphäre der Zeit finde ich gut beschrieben, die Perspektivwechsel müssen nachvollzogen werden. Erinnerungen an seinen Vater hat Klaußner in der Fritz-Figur personifiziert. Und eine große Bedeutung hat das Segeln. Die Beschreibung einer Sturmnacht auf der Ostsee ist phänomenal. Ich habe den Roman mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: 978-3-462-05196-4/

Günter Rohrbach 90

Wenn man, wie Günter Rohrbach, im Saarland zur Welt kommt, in Bonn stu-diert, in Paris lernt, was Filmkunst ist, in Köln öffentlich-rechtlich pro-duziert und in München bei der Bavaria Verantwortung übernimmt, dann geht man mit 65 nicht in den Ruhe-stand, sondern produziert weiter, nimmt am kultu-rellen Leben teil, wird für einige Jahre Präsident der Deutschen Filmakademie und feiert schließlich seinen 90. Geburtstag, an dem sich nicht nur die Branche daran erinnert, wie sich in den Jahrzehnten die Welt, der Film und das Fernsehen verändern haben. Günter Rohrbach hat seinen Anteil daran. Herzlichen Glückwunsch!

Mediale Dispositive

Mit hohem theoretischen An-spruch geht es in diesem Band, der von Ivo Ritzer und Peter W. Schulte herausgegeben wurde, um Dispositiv-Modelle im Medienbereich. In der Begriff-lichkeit geben Jean-Luc Baudry und Michel Foucault die Basis-orientierung. Zu lesen sind eine umfangreiche Einleitung und zwölf Beiträge. Vier Kapitel strukturieren das Buch: „Me-diendispositive und Genre-konfigurationen“, „Dispositive und Rundfunk“, „Transmediale Dispositive“, „Dispositive der Globalisierung“. Fünf Texte haben mir besonders gut gefallen: Vincent Fröhlich beschäftigt sich mit „Serialität & Genre“, reflektiert über die entstehende Endlosigkeit zwei transmedialer Ordnungsschemata und stellt die Serie JUSTIFIED in den Mittelpunkt, die auf einer Figur von Elmore Leonhard basiert. Kathrin Dreckmann befasst sich mit dem „Mediendispositiv ‚Weimarer Rundfunk’“ und erinnert an die Entwick-lung neuer Gattungen und Genres vor dem Hintergrund akustischer Übertragungsprozesse. Sigrun Lehnert sieht die „Kino-Wochenschau als generischen Sonderfall“: von der Reportage bis zum Kabarett. Bei Nadja Gernalzick geht es um „Filmische Autobiographie“ als Auto-medialität zwischen den Medien. Katja Hettich richtet ihren Blick auf „Romance als Genreerfahrung“ und beschreibt sehr anschaulich „Musical Moments“ in STRANGER THAN FICTION von Marc Foster, BEFORE SUNRISE von Richard Linklater und ALLE ANDEREN von Maren Ade. Mehr zum Buch: onepage&q&f=false

DER PRIESTER UND DAS MÄDCHEN (1958)

Heimatfilm, Zölibatsmelodram, Dreiecksgeschichte. Die Haupt-figuren sind der neu in die klei-ne Stadt kommende Priester Walter Hartwig (Rudolf Prack), die nach einem Unfall gelähmte Adligentochter Eva von Gronau (Marianne Hold), ihr Verlobter Stefan von Steinegg (Rudolf Lenz), ihr Vater (Willy Birgel), Stefans Mutter (Winnie Markus). Ort der Handlung: Mariental. Walter bewirkt Positives bei Eva, die langsam wieder laufen lernt, und verliebt sich in sie. Stefan bekommt einen Diplomatenjob in Rom, kehrt aber nach Mariental zurück, als er von seiner Mutter über die Verbindung zwischen Walter und Eva informiert wird. Walter, von Zweifeln geplagt, beantragt beim Bischof seine Versetzung, verlässt Mariental und kehrt nur noch einmal zurück, um Eva und Stefan zu trauen. Man kann von einem prototypischen Fünfziger-Jahre-Film sprechen, den mit Gustav Ucicky ein Routinier inszeniert hat. Es gibt unfassbar klischeehafte Momente. Walter engagiert Eva als Leiterin des zuvor schrecklich klingenden Kinderchors und plötzlich können die Kinder singen. Eva wird ständig von Selbstzweifeln geplagt, Walter schwankt zwischen Zölibat und Liebe zu Eva, Stefan zwischen beruflicher Karriere und Verantwortung für seine Verlobte. Ewald Balser als Bischof sorgt schließlich für Ordnung. Die Musik von Franz Grothe verstärkt die Gefühlslagen, die Kamera von Günther Anders orientiert sich an den Gesichtern der Schauspieler/innen. Im Film-Echo hieß es damals: „Vorwiegend Frauen – die sogenannten reiferen versteht sich – dürften von diesem Film seelisch durchgeschüttelt und ordentlich ergriffen sein.“ Bei Filmjuwelen ist jetzt eine DVD erschienen. Mit einem informativen Booklet von Roland Mörchen. Mehr zur DVD: Der+Priester+und+das+Mädchen

Das Grüne Kinohandbuch

Im Kino möchten wir Filme in möglichst guter Projektion sehen, wir kaufen uns vielleicht ein Getränk oder Eiskonfekt und wissen wenig über die Infra-struktur des Filmtheaters, in dem wir uns befinden. Das kürzlich publizierte „Grüne Kinohand-buch“ der Filmförderungs-anstalt ist als Blick hinter die Kulissen sehr informativ. Es gliedert sich in vier Teile: Ener-gieeffizienz, Ökostrom, Conces-sion (Speisen und Getränke), Abfallmanagement. Wie kann man ein Kinounternehmen umweltfreundlich gestalten? Welche EU-Verordnungen gibt es? Wie kann man Kosten reduzieren? Es gibt unendlich viele Fragen in diesem Zusammenhang und das Handbuch hat erstaunlich viele Antworten anzubieten. Sie werden von den unterschiedlichsten Kinos gegeben und sind – dank der grafischen Gestaltung des Buches – ein unterhaltsamer Gang durch die deutsche Kinolandschaft. Birgit Heidsiek hat den Band als Autorin betreut. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Mehr zum Buch: Grüne%20Kinobuch

Zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis

Eine Dissertation, die an der Universität der Künste in Berlin entstanden ist. Bianca Herlon untersucht darin „Erinnern und Erzählen im biografischen Do-kumentarfilm“. Fünf Kapitel strukturieren die Arbeit. Zu-nächst geht es um „Erinne-rungskulturelle Positionen für die biografische Arbeit im Do-kumentarfilm“ mit Verweisen auf die theoretische Vorarbeit von Maurice Halbwachs, Paul Ricœr, Jan & Aleida Assmann und Harald Welzer. Dann klärt die Autorin filmtheoretische Ansätze für das biografische Erzählen, verweist auf lebensgeschichtliche Erzählungen im Fern-sehdokumentarismus, Oral History und das Authentizitätspostulat, beschreibt Analysepatterns und Strukturmerkmale. Das zentrale Kapitel enthält Analysen repräsentativer Beispiele aus der internationalen Film- und Fernsehgeschichte, die gut ausgewählt sind. Hier einige Beispiele: NACHREDE AUF KLARA HEYDEBRECK, KLASSENPHOTO und DER PROZESS von Eberhard Fechner, LE CHAGRIN ET LA PITIÉ von Marcel Ophüls, MENDEL SCHEINFELDS ZWEITE REISE NACH DEUTSCHLAND von Hans-Dieter Grabe, TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND von Jutta Brückner, DIE LEBENSGESCHICHTE DES BERGARBEITERS ALFONS S. von Christoph Hübner und Gabriele Voss, VERRIEGELTE ZEIT von Sybille Schönemann, CHOICE & DESTINY von Tsipi Reichenbach, PASSING DRAMA von Angela Melitopoulos, NOBODY’S BUSINESS von Alan Berliner, HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN von Volker Koepp, IM TOTEN WINKEL – HITLERS SEKRETÄRIN von André Heller und Othmar Schmiderer. Die analytischen Befunde habe ich mit großem Interesse gelesen. Ein letztes Kapitel ist dem Thema Geschichte in der Erinnerung und dem Film …VERZEIHUNG, ICH LEBE von Andrzej Klamt und Marek Pelc gewidmet. Mehr zum Buch: gedaechtnis/

Königinnen – Macht und Mythos

Zehn Königinnen der vergan-genen 480 Jahre aus europäi-schen Ländern porträtieren Daniela Sannwald und Christina Tilmann in diesem sehr lesenswerten Buch, das kürzlich im Verlag Ebersbach & Simon erschienen ist: Elizabeth I. (England), Maria I. (Schott-land), Christina (Schweden), Katharina II. (Russland), Caroline Mathilde (Dänemark und Norwegen), Marie Antoinette (Frankreich), Luise (Preußen), Victoria (England), Elisabeth (Österreich-Ungarn) und Elizabeth II. (England). Wie gingen die Monarchinnen mit ihrer Macht um? Was hatten sie für ein Privatleben? Haben sie regiert oder nur repräsentiert? Wer hat sie beraten? Wie konnten sie sich in einer Männerwelt behaupten? Das sind die wichtigsten Fragen, die sich den beiden Autorinnen gestellt haben. Eine zweite Ebene in den Texten ist die Darstellung der genannten Königinnen im Film. 51 Titel sind am Ende des Bandes aufgelistet, die meisten bei Elizabeth I. Der älteste ist DER FILM VON DER KÖNIGIN LUISE von Franz Porten aus dem Jahr 1912, die jüngsten sind VICTORIA & ABDUL (2017) von Stephen Frears mit Judi Dench und die Serie THE CROWN von Stephen Daldry u.a. (2016/17) mit Claire Foy als Elizabeth II. Die bekanntesten sind wohl QUEEN CHRISTINE (1933) von Rouben Mamoulian mit Greta Garbo, THE SCARLETT EMPRESS (1934) von Josef von Sternberg mit Marlene Dietrich, die drei SISSI-Filme (1955-57) von Ernst Marischka mit Romy Schneider, KÖNIGIN LUISE (1957) von Wolfgang Liebeneiner mit Ruth Leuwerik, MARIE ANTONINETTE (2006) von Sofia Coppola mit Kirsten Dunst und THE QUEEN (2006) von Stephen Frears mit Helen Mirren. Sie werden, wie alle anderen Filme, von Daniela und Christina mit großer Sachkenntnis beschrieben. Die beiden Autorinnen haben die Texte unter sich aufgeteilt, ihre Verantwortung ist im Inhaltsverzeich-nis ausgewiesen. Aber das spielt beim Lesen keine Rolle, weil beide bestens recherchiert haben und wunderbar formulieren können. Ich bin beeindruckt. Den Abbildungen – jeweils ein Gemälde und ein Filmfoto – fehlt etwas der königliche Glanz. Coverfoto: Elizabeth II. Mehr zum Buch: koeniginnen-macht-und-mythos