WERK OHNE AUTOR (2018)

Der Film von Florian Henckel von Donnersmarck bekam im vergangenen Jahr nach seiner Kinopremiere im August beim Filmfestival in Venedig und im Oktober in Deutschland sehr unterschiedliche Kritiken, zum Teil wurde er heftig verrissen. Er erzählt, nahe an der Lebens-geschichte des Malers Gerhard Richter, ein Familiendrama, das Kindheits- und Jugenderinne-rungen an die NS-Zeit und die DDR verknüpft mit Ausbil-dungserlebnissen an der Kunstakademie Düsseldorf und der Liebe zur Tochter eines Arztes, der in der NS-Zeit schwere Schuld auf sich geladen hat. Das Drehbuch ist in der Tat etwas überfachtet mit Geschichtsverbindungen, die dramaturgischen Höhepunkte werden durch die Musik zu stark betont, aber die Darstellung fand ich hervorragend, vor allem Tom Schilling als Maler Kurt Banert, Paula Beer als Kunststudentin Ellie Seeband, Sebastian Koch als ihren Vater Prof. Carl Seeband, Lars Eidinger als Ausstellungsführer, Oliver Masucci und Hanno Koffler als Künstlerkollegen in Düsseldorf. Der Film dauert 189 Minuten, man kann verschiedene Zeitverbindungen kritisieren, aber insgesamt finde ich ihn beachtlich. Bei der Oscar-Verleihung (Nominiert für Kamera und bester fremdsprachiger Film) und beim Deutschen Filmpreis ging er leer aus. Bei Disney ist jetzt eine DVD des Films erschienen, den man durchaus gesehen haben sollte. Mehr zur DVD: B07J5LHWVV

Grenzüberschreitendes Kino

Der Band dokumentiert die Referate des 23. Bremer Sym-posiums des vergangenen Jahres. Es ging um „Gedästhe-tik, Arbeitsmigration und transnationale Identitätsbil-dung“. 15 Texte sind zu lesen, die sich alle mit Kompetenz dem Thema widmen. Das Vorwort stammt von den Herausgebern Dalia González de Reufels, Winfried Pauleit und Angela Rabing. Matthias Christen und Kathrin Rothemund reflektieren über Grenzüberschreitungen als Mittel der kosmopolitischen Theoriebildung im Kino. Hauke Lehmann und Nazli Kilerci-Stevanovic betrachten die Migration als Entstehung medialer Erfahrungsräume. Anke Zechner sieht das Exil als Erkenntnismöglichkeit. Für Humberto Saldanka sind Filmfestivals Orte kultureller Begegnungen. Camilla Fojas analysiert den Film SLEEP DEALER von Alex Rivera. Olaf Stiegnitz erinnert an die Visualisierung des Grenzgebiets zu Mexiko im US-Kino der 1910er Jahre. Sergej Gordon sieht die mexikanische Küste als Kontaktzone in REDES und FLOR DE MAYO. Severin Müller befasst sich mit Grenzüber-schreitungen in Roberto Minervinis THE OTHER SIDE. Bei Ivo Ritzer geht es um Black Cinema als transgressives Kino, bei Laura Rascaroli um die EU-Grenzen in Zeiten der Globalisierung. Aidan Power beschäftigt sich mit dem katalanischen Science-Fiction-Film. Olesya Dronyak äußert sich zu den Filmen BANDE DE FILLES und DIVINES, Angela Rabing zu HAVARIE und LES SAUTEURS. Evelyn Echle markiert Grenzlandschaften im jungen arabischen Film, Iris Fraueneder äußert sich zu dem Film RECOLLECTIONS von Kamal Aljafari. Wie immer: interessante Texte zu einem aktuellen Thema. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: grenzueberschreitendes.html

Siegfried Kracauers Grenzgänge

In zwölf Texten und einer sehr schönen Einleitung von Helmut Lethen werden die Grenzgänge Siegfried Kracauers „Zur Rettung des Realen“ thematisiert. Acht Beiträge haben mir besonders gut gefallen. Der Kracauer-Biograf Jörg Später richtet seinen Blick auf „Die Geburt des westlichen Marxismus und das philosophische Quartett“. Gerhard Hommer befasst sich mit der „Direkten Rede bei Kracauer um 1930“. Thomas Elsaesser beschreibt „Siegfried Kracauers Affinitäten“. Peter Geimer äußert sich zu Kracauers Unbehagen am Historienfilm („Verstellte Zeit“). Johannes von Moltke erinnert an Kracauer in der Kultur des Kalten Krieges („Der wunderliche Humanist“). Maria Zinfert offeriert einen Querschnitt durch das Fotoarchiv von Lili und Siegfried Kracauer („Doppelbelichtung“). Inka Mülder-Bach konfrontiert Realismus und Exil bei Kracauer und Erich Auerbach („Entfremdungschancen“). Drehli Robnik sieht Kracauers Film-Theorie als Politik der Nonsulotion („DemoKRACy“). Der Band dokumentiert eine Tagung, die 2016 in Wien stattgefunden hat. Herausgegeben von Sabine Biebl, Helmut Lethen und Johannes von Moltke im Campus Verlag. Mehr zum Buch: grenzgaenge-14228.html

Von Indianern, Geistern und Parteisoldaten

Eine Dissertation, die an der Brandenburgischen Techni-schen Universität Cottbus in Kooperation mit der Justus-Liebig Universität Gießen entstanden ist. Andreas Neumann analysiert darin „Eskapistische DDR-Fernseh-mehrteiler der 1980er Jahre“. Dies sind seine zehn ausge-wählten Titel: ARCHIV DES TODES (1980), FEUER-DRACHEN (1981), RÄCHER, RETTER UND RAPIERE (1982), SPUK IM HOCHHAUS (1982), FRONT OHNE GNADE (1984), POLIZEIRUF 110: SCHWERE JAHRE (1984), TREFFPUNKT FLUGHAFEN (1986), DAS BUSCHGESPENST (1986), SPUK VON DRAUSSEN (1987) und PRÄRIEJÄGER IN MEXIKO (1988). Ich kenne nur die zwei Folgen des POLIZEIRUFS und bin sehr beeindruckt, wie konkret der Autor die verschiedenen Serien beschreibt, analysiert und ihren ideologischen Gehalt interpretiert. Ein Basisbuch für die Fernsehgeschichte der DDR. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: von-indianern-geistern-und-parteisoldaten.html

Ent-Täuschung des weißen Blicks

Eine Dissertation, die an der Universität Bayreuth entstanden ist. Julia Dittmann beschäftigt sich darin mit „Rassismussensi-blen Strategien für eine ideolo-giekritische Filmanalyse“. Aus-gehend von einem „Re-reading Laura Mulvey“ (mit einer inter-essanten Interpretation von BLONDE VENUS, 1933) gibt es zwei Hauptkapitel: „Deduktives Analyseverfahren: Darstellung weißer Weiblichkeit im okzi-dentalen Mainstream-Spielfilm im Analyseraster der ‚phallisch weiß’ gelesenen Mulvey’schen Theorie“ und „Induktives Analyseverfahren: Darstellung weißer Weib-lichkeit im Afrikanischen Third Cinema unter besonderer Berücksich-tigung der Brechung phallisch-weißer Blickregime“. Als Filmbeispiele im ersten Kapitel dienen vor allem DIE WEISSE MASSAI (2005) von Hermine Huntgeburth, OUT OF AFRICA (1985) von Sydney Pollack, THE NUN’S STORY (1959) von Fred Zinnemann und EINE WEISSE UNTER KANNIBALEN (FETISCH) (1921) von Hans Schomburgk, im zweiten Kapitel LA NOIR DE… (1966) von Ousmane Sembène. Die wissenschaftliche Absicherung ist durch 2.260 Quellenverweise garantiert. Mit vielen kleinen Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Buch: ent-taeuschung-des-weissen-blicks/

EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLICHEN FRAGEN (1978)

Lana Gogoberidse ist die be-kannteste georgische Filmregis-seurin und inzwischen 90 Jahre alt. Sie hat eine Autobiografie publiziert, die kürzlich auch in deutscher Sprache erschienen ist (lana-gogoberidse/). Ihr wohl wichtigster Film, EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLI-CHEN FRAGEN, stammt aus dem Jahr 1978 und ist jetzt in Zusammenarbeit der Filmgalerie 451 und des Arsenal als DVD verfügbar gemacht worden. Er erzählt die Geschichte der 40jährigen Journalistin Sofiko, die in einer Redaktion für Leserbriefe verantwortlich ist, Frauen nach ihren Lebensbedingungen befragt und ihnen Ratschläge erteilt, aber ihre eigene Familie zunehmend vernachlässigt. Daraus ergeben sich Konflikte, die erst spät gelöst werden können. Eine spezielle Rolle spielt Sofikos Mutter, von der sie jahrelang getrennt war. Hauptdarstellerin ist Sofiko Tschiaureli, die mich sehr beeindruckt hat. Auch Kameraführung und Montage haben große Qualitäten. Das Booklet enthält u.a. die Dokumentation eines Gesprächs von Stefanie Schulte Strathaus mit Lana Gogoberidse, das im Oktober 2017 im Kino Arsenal stattgefunden hat. Mehr zur DVD: arsenal-edition/

WACKERSDORF (2018)

Der Ort in der Oberpfalz kam in die Schlagzeilen, als zu Beginn der 1980er Jahre die bayerische Staatsregierung plante, dort eine atomare Wiederaufbereitungs-anlage zu bauen. Die wirtschaft-liche Lage ist angespannt, es würden in der Region neue Arbeitsplätze entstehen, die ökonomischen Perspektiven sind positiv, aber es gibt Warnungen vor den Risiken des Projekts und eine erste Bürgerinitiative. Mehrere Dokumentarfilme haben das in den Jahren ab 1986 gezeigt. Im vergangenen Jahr kam der erste Spielfilm zu diesem Thema in die Kinos. Realisiert hat ihn Oliver Haffner nach einem Drehbuch von Gernot Krää. Die Qualitäten sind groß. Im Mittelpunkt steht der damalige Landrat Hans Schuierer (SPD), der einen Meinungswechsel vollzog und zu einem Gegner des Bauvorhabens wurde. Johannes Zeiler spielt ihn im Film sehr differenziert und macht aus der Rolle einen beeindruckenden Charakter. Seine Gegenspieler sind Sigi Zimmerscheid als Umweltminister und August Zirner als Innenminister. Im Hintergrund agiert Franz-Josef Strauß als Ministerpräsident. Bei Alamode ist inzwischen eine DVD des Polit-Dramas erschienen, die ich sehr empfehle. Zu den Extras gehören Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern, Deleted Scenes und Audiodeskription. Mehr zur DVD: wackersdorf.html

Der Schnitt als Denkfigur

Eine Dissertation, die an der Ludwig-Maximilians-Univer-sität in München entstanden ist. Sarah Hadda untersucht darin den „Schnitt als Denkfigur des Surrealismus“. Der zeitliche Rahmen sind die 1920er und 30er Jahre. Vier Künstler stehen im Mittelpunkt: Max Ernst, Man Ray, Luis Buñuel und Salvador Dalí. Bei Max Ernst geht es um seine Montagetechniken zwischen Kunst, Natur und Populärkultur, um seine „poetische Objektivität“. In seinen frühen Collagen (1919-21) sind kinematografische Elemente zu entdecken. Dann dominieren Metamorphose und Vieldeutigkeit. Im Kapitel über Man Ray richtet die Autorin ihren Blick auf den inszenierten Zufall und die Poesie im Bild. Im Zentrum stehen die 12 Rayografien „Les Champs délicieux“ (1922). Aber auch Verfremdung und Identifikation im Spiegel-Bild kommen zur Sprache. Am interessantesten finde ich das Kapitel über Luis Buñuel: „Bewusster Automatismus und semantische Verschiebung durch Montage“. Die Analysen von UN CHIEN ANDALOU (1929) und L’ÂGE D’OR (1930) sind beeindruckend. Auch das vierte Kapitel über Salvador Dalís Entdeckung paranoisch-kritischer Aktivität vermittelt sehr interessante Erkenntnisse. Am Ende schlägt die Autorin noch ein Bogen in die Gegenwart und befasst sich mit der Ausstellung „Der Stachel des Skorpions“ (2014), die von dem Künstlerduo M+M konzep-tioniert wurde. Eine bemerkenswerte Publikation. Mit 56 kleinen Abbildungen im Anhang. Coverabbildung: Rayografie von Man Ray. Mehr zum Buch: der-schnitt-als-denkfigur-im-surrealismus/

Aufbruch ins Jetzt

Heute wird in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München die Ausstellung „Aufbruch ins Jetzt – Der Neue Deutsche Film“ mit Fotografien von Beat Presser eröffnet. Beat hat in den vergangenen neun Jahren 56 Personen fotografiert, befragt und gefilmt, die an Pro-duktionen des Neuen Deutschen Films vor oder hinter der Kamera beteiligt waren. Sie haben auf unterschiedliche Weise zur Erneuerung beigetragen. Einige von ihnen sind vielfach ausgezeichnet worden, andere wirkten eher im Hintergrund. Die mediale Landschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Das macht den Blick zurück in Bild, Wort und Ton spannend und immer wieder überraschend. Er verbindet sich mit der Erinnerung auch an all diejenigen , die inzwischen verstorben sind. Wie sehen die porträtierten Filmschaffenden den Aufbruch des Neuen Deutschen Films heute? Wie erleben sie das Jetzt? Zu den fotografierten und befragten Personen gehören Mario Adorf, Claudia von Alemann, Harry Baer, Michael Ballhaus, Barbara Baum, Hark Bohm, Jutta Brückner, Peter Fleischmann, Molly und Veith von Fürstenberg, Bruno Ganz, Hans W. Geißendörfer, Erika und Ulrich Gregor, Reinhard Hauff, Irm Hermann, Roland Klick, Alexander Kluge, Peter Lilienthal, Eva Mattes, Thomas Mauch, Jeanine Meerapfel, Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Rosa von Praunheim, Tilo Prückner, Edgar Reitz, Helke Sander, Helma Sanders-Brahms, Volker Schlöndorff, Hanna Schygulla, Bernhard Sinkel, Ula Stöckl, Hans Jürgen Syberberg, Rudolf Thome, Margarethe von Trotta, Michael Verhoeven, Joachim von Vietinghoff (Plakatmotiv), Wim Wenders, Angela Winkler. Die Ausstellung dauert bis zum 28. Juli und wird im kommenden Jahr auch in Berlin zu sehen sein. Auf die Begleitpublikation gehe ich zu einem späteren Zeitpunkt ein. Mehr zur Ausstellung: www.badsk.de

Fernsehserie und Literatur

Welche Beziehungen gibt es zwischen Romanen und Fern-sehserien? In 16 Texten werden die Facetten dieser Medienbezie-hung reflektiert. Vincent Fröh-lich und Jens Ruchatz ziehen in zwei Teilen Vergleiche zwischen Roman und televisueller Narration im 21. Jahrhundert und zwischen Fernsehen und Zeitschrift im 19. Jahrhundert. Christian Hißnauer erinnert an zwei Fernsehserien der 1960er Jahre: SO WEIT DIE FÜSSE TRAGEN und AM GRÜNEN STRAND DER SPREE. Hans Richard Brittnacher sieht die Western-Serie DEADWOOD als Drama und Theater. Kay Kirchmann beschäftigt sich mit Rainer Werner Fassbinders BERLIN ALEXAN-DERPLATZ, Matthias Däumer mit Michael Hirsts VIKING. Bei Ralf Adelmann geht es um populärkulturelle Automatismen und Sherlock Holmes, bei Arno Meteling um Fantasyserien. Vincent Fröhlich untersucht Figur und Form von JUSTIFIED. Torsten Hahn fragt nach dem Umgang mit expliziten Referenzen in EMPIRE. Jens Schröder entdeckt Aspekte der Literatur in STAR TREK – THE NEXT GENERA-TION. Marco Lehmann findet lyrische Konfigurationen im seriellen Erzählen. Tobias Haupts befasst sich mit JMS, BABYLON 5 und der Space Opera. Uwe Wirth porträtiert den Bestsellerautor Richard Castle. Vera Cuntz-Leng reflektiert die Wechselbeziehung von Fanfiction und Fernsehserie. Lisa Gotto richtet den Blick auf die digitalen Schreib-operationen von MR. ROBOT. Das ist ein sehr komplexes Angebot für alle, die mit Fernsehserien eng vertraut sind. Mit Abbildungen in akzeptabler Qualität. Mehr zum Buch: .XPdU2On-BW8