WORK HARD – PLAY HARD

9783894728526Zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis hat es leider nicht gereicht, aber WORK HARD – PLAY HARD (2009-2011) von Carmen Losmann war einer der erfolgreichsten und am meisten gelobten Dokumentarfilme der letzten Jahren. Sein Thema: „Human Ressource Management“. Wie lassen sich die Arbeits-leistungen von Mitarbeitern maximieren? Losmann hat Architekten, Programmierer, Manager, Trainer dazu befragt. Ihr Film besteht vorwiegend aus Arbeitsbeobachtungen und kommt ohne Kommentar aus. Jetzt ist das Buch zum Film erschienen, herausgegeben von der Philosophieprofessorin Eva Bockenheimer, der Filmemacherin Losmann und dem Burnout-Spezialisten Stephan Siemens. Es besteht aus den drei Kapiteln „Resonanzen“ (Mitwirkende, Presse, Publikum), „Szenen“ (Beschreibungen, Interpretationen, Exkurse), „Recherche“ (Fährten, Exzerpte, Notizen). Den Auftakt bildet ein Gespräch zwischen Carmen Losmann und Stephan Siemens, moderiert von Eva Bockenheimer. So ein Buch macht Sinn, um die Problematik des Filmthemas zu vertiefen und Fragen zu beantworten, die der Film stellt, aber in 90 Minuten nicht alle hinreichend beantworten kann. Mehr zum Buch: work-hard-play-hard.html

Jacques Demy – eine Ausstellung

2013.DemyEin Text von Gerhard Midding in der neuen Ausgabe von epd Film macht neugierig auf eine Ausstellung über den französischen Regisseur Jacques Demy (1931-1990) in der Pariser Cinémathèque. 1964 hat Demy in Cannes für den Film DIE REGEN-SCHIRME VON CHERBOURGH die Goldene Palme gewonnen, und ich erinnere mich, dass ich damals sehr begeistert war von der Poesie, Musikalität und Farbenpracht des Films, in dem die Dialoge gesungen wurden – ohne dass es wie ein Musical wirkte. Auch andere Filme von Demy, der wenig mit der Nouvelle Vague zu tun hatte, haben mich beeindruckt: LOLA, DAS MÄDCHEN AUS DEM HAFEN (1960), DIE MÄDCHEN VON ROCHEFORT (1967) und später EIN ZIMMER IN DER STADT (1982). Wie schön, dass in Paris eine Ausstellung an den Regisseur erinnert. Ein zweiter Text von Midding aus der Welt über die Demy-Ausstellung steht auch im Netz: Unter-einem-Regenschirm-mit-Catherine-Deneuve.html Mehr über die Ausstellung, die noch bis zum 4. August zu sehen ist: exposition-jacques-demy/

Arsenal 50

2013.ArsenalNach der Deutschen Kinemathek (Februar) feiern nun auch die ehemaligen „Freunde der Deutschen Kinemathek“ ihren 50. Geburtstag. Sie nennen sich nach einem Generationswechsel inzwischen „Arsenal. Institut für Film und Videokunst e.V.“. Ihre Erfolgsgeschichte ist beeindruckend. Mit dem Arsenal in der Welserstraße haben sie ab 1970 Basisarbeit geleistet, mit dem „Internationalen Forum des jungen Films“ ab 1971 die Berlinale gerettet, mit ihrem Verleih vor allem den unabhängigen Film für die Kommunalen Kinos zugänglich gemacht und – nicht zu vergessen – sie haben eine Publikationsreihe („Kinemathek“) ediert, die allerdings bei der Nummer 99 stehen geblieben ist. Heute Abend wird gefeiert. Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, der das Arsenal auch finanziert, führt die Rednerliste an, gefolgt von Hortensia Völkers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Dann sprechen Erika und Ulrich Gregor, Mitbegründer und langjährige Leiter des Hauses. Natürlich sind auch die jetzigen Leiterinnen, Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte-Strathaus, präsent. Nach dem Fest ist ein Film zu sehen: das kann nur ARSENAL (1928) von Alexander Dowshenko sein, das namensgebende Revolutionsdrama. Mehr zur Geschichte des Arsenals: article/4096/2796.html

Brigitte Lacombe

2013.LacombeNoch zwei Wochen ist die Ausstellung der französischen Fotografin Brigitte Lacombe (*1950) im Helene-Schwarz-Café der DFFB in der Potsdamer Straße zu sehen. Sie hat sich als schöne Erweiterung der Martin-Scorsese-Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen erwiesen, die inzwischen zu Ende gegangen ist. Lacombe ist mir erst jetzt, ich gestehe es, durch ihre Scorsese-Fotos nahe gekommen. Bei Schirmer/Mosel ist schon vor zwölf Jahren ein wunderschöner Band mit 250 ihrer Schwarzweiß-Aufnahmen aus den 1970er, 80er und 90er Jahren erschienen, auf den ich jetzt aufmerksam wurde und der (ich scheue mich nicht, dafür zu werben) nur 29,80 € kostet: „Lacombe. cinema / theater“. Es sind vorwiegend Porträtfotos aus der amerikanischen und französischen Filmwelt, die den Porträtierten auf geheimnisvolle Weise nahe kommen; für mich am schönsten: Agnes Varda (1975), Meryl Streep (1988), Dustin Hoffman (1988), Isabelle Adjani (1989), Leonardo DiCaprio, Martin Scorsese (beide 2000). Andere Aufnahmen zeigen Regisseure entspannt in Positur: Spielberg (1976), Kazan, Polanski, Rossellini, Truffaut, Warhol (alle 1977), Allen (1983), Mankiewicz (1989), Joel und Ethan Cohen (2000). Es gibt Theateraufnahmen, vorwiegend aus New York, wenige Standfotos, einige private Momente und beobachtete Gespräche (Billy Wilder/I.A.L.Diamond, Arthur Miller/Daniel Day-Lewis). Es darf, zumindest in den ersten Jahrzehnten, noch geraucht werden. Einige Protagonisten sind inzwischen tot, andere für uns sichtbar älter geworden. Das Buch ist wahrhaftig eine Schatzkiste und Lacombe eine große Fotografin. Mehr zum Buch: Lacombe_2013.pdf

Terrence Malick

2013.MalickSein neuer Film TO THE WONDER ist zurzeit in den deutschen Kinos zu sehen. Also ein guter Zeitpunkt für ein Buch über den Regisseur Terrence Malick (*1943), der es inzwischen gerade mal auf sechs Filme gebracht hat. Zunächst: es ist ein schönes Buch mit vielen gut ausgesuchten und hervorragend gedruckten Bildern. Titelbild: Jessica Chastain und Tye  Sheridan in THE TREE OF LIFE (2011). Die beiden österreichischen Autoren Dominik Kamalzadeh (Film-redakteur des Standard) und Michael Pekler (freier Filmpublizist) setzen sich in ihren Texten auf hohem Niveau mit Malick auseinander. Eröffnet wird mit einem biografischen Kapitel, in dem es auch um die vielen Projekte geht, die nicht realisiert werden konnten. Dann geht es um die Schauplätze der Filme, um ihre Naturbezüge und philosophischen Wurzeln. Den Erzählperspektiven und der Entfernung von einer linearen Dramaturgie gilt ein weiterer Text. In einer positiven Konnotierung des Wortes wird die Nostalgie von Malicks Filmen untersucht. Wichtig ist natürlich auch die Tonebene mit Voice-Over, dem Flüstern der Menschen und dem Rauschen der Natur. Da Malick bekanntlich nicht über seine Filme spricht, haben die Autoren ein Interview mit dem Production Designer Jack Fisk (*1945) geführt, der an allen sechs Filmen beteiligt war. Eine kurze kommentierte Filmografie steht am Ende des Bandes. Vor allem für Malick-Fans ein Muss. Mehr zum Buch: terrence-malick.html

Synchronisierung der Künste

2013.Synchronisierung 2Ein Vorwort (Gertrud Koch), ein Textdokument (Eisenstein) und zehn Aufsätze, die vor drei Jahren bei der Abschlusskonferenz eines Forschungs-projektes noch die Form von Vorträgen hatten. Es geht – und deswegen kommt man an Eisenstein nicht vorbei – um die Montage und um die Synthese von Material. Dies wird im letzten Teil des Buches vom Film auf den Kunstbereich insgesamt ausgeweitet. Dafür sind Sabeth Buchmann („Montage und Synästhesie in (post)konzeptuellen Werkformen“), Branden W. Joseph („Biomusik und elektronische Medien“) und Diedrich Diedrichsen („Synchronie in der zentrumslosen Popmusik“) zuständig. Barbara Wurm stellt Verbindungen zwischen Dsiga Wertow, Peter Kubelka und Kurt Kren her. Robin Curtis untersucht die urbane Immersion in den 1920er Jahren am Beispiel der Filme von László Moholy-Nagy. Gut gefallen haben mir Karl Siereks Suche nach Godards Hund in HELAS POUR MOI (1993) und seine Gedanken zum Bild-Ton-Verhältnis in den Filmen dieses Regisseurs, Marc Siegels Überlegungen zur Verbreitung von Gerüchten, beispielhaft in Joseph L. Mankiewiczs THE BAREFOOT CONTESSA (1954), und Hermann Kappelhoffs Konkretisierung von Personenbewegung und Choreographie in William Wylers JEZEBEL (1938). Sammelbände haben den Vorteil, dass man eigentlich immer einige Texte darin findet, die einen persönlich besonders interessieren. Das ist auch hier der Fall. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5102-6.html

Paul Czinner

2013.CzinnerEr stand meist im Schatten seiner Frau, der Schauspielerin Elisabeth Bergner. So ist es konsequent, dass sie auch auf dem Titel dieser Bro-schüre über den Produzenten und Regisseur Paul Czinner (1890-1972) abgebildet ist. Von 1924 bis 1932 haben Czinner und Bergner in Berlin sieben Filme gedreht, dann gingen sie ins Exil nach London, wo sie weitere fünf Filme machen konnten. Ab 1940 lebten sie in den USA, arbeiteten zusammen für Bühnen in New York, kehrten 1950 nach England zurück. In der Folgezeit dokumentierte Czinner (ohne Bergner) Opern- und Ballettaufführungen in London und Salzburg. Die Synema-Publikation (Redaktion: Michael Omasta und Brigitte Mayr) ist eine schöne Hommage an Czinner, der aus Wien stammt. Sie enthält eine gut recherchierte biografische Skizze, einen klugen Essay von Olaf Möller über Czinners Filme, eine Filmographie und Texte von Czinner über Arthur Schnitzler, Karl Kraus, das Medium Film und seine Frau Elisabeth Bergner. DER GEIGER VON FLORENZ (1926), DONA JUANA (1928) und FRÄULEIN ELSE (1929) gehören für mich zu den wichtigen Stummfilmen der Weimarer Republik. Mehr über das Heft demnächst auf der neuen Website von Synema: www.synema.at/

Michael Moore

Bild 2Der Amerikaner Michael Moore (*1954) ist der international wohl bekannteste Dokumentar-filmmacher. ROGER & ME (1989), BOWLING FOR COLOMBINE (2002), FAHRENHEIT 9/11 (2004) und CAPITALISM: A LOVE STORY (2009) haben in den Kinos Furore gemacht, weil sie ihre politisch und gesellschaftlich wichtigen Themen mit dem Einsatz persönlicher Stilmittel dargestellt haben. Man kann da durchaus von einer eigenständigen Methode sprechen. Daniel Alles hat sie in seiner Mainzer Dissertation analytisch untersucht und in den Zusammenhang der Dokumentarfilmgeschichte gestellt. So genau und sorgfältig ist das bisher nicht geschehen. Es sind vor allem vier Kapitel, die uns die Mittel von Moore deutlich machen: „Rhetorik im Spannungsfeld von Biografie und Performance“, „Konstruktion und Beobachtung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“, „Montage und Dramaturgie“, „Humor“. Der Autor Alles tritt dabei nicht als Verteidiger dieser Mittel, sondern als ihr analytischer Vermittler auf. Er verirrt sich nie in einem definitorischen Labyrinth, sondern beschreibt sehr genau, was in den Filmen zu sehen und zu hören ist. Ich gestehe, dass mir Frederick Wiseman als Dokumentarist weiterhin sehr viel näher steht als Michael Moore. Aber ich habe aus diesem gut lesbaren Buch einiges gelernt. Mehr dazu: aspx?product=19747

California Trilogy

Bild 1James Benning (*1942) macht seit 1971 dokumentarische Avantgardefilme. Er ist ein extremer Individualist, gelernter Mathematiker, immer sein eigener Kameramann, dreht in langen, statischen Einstellungen, ohne Kommentar. Sein Werk wird vom Österreichischen Filmmuseum archiviert. Jahrelang hat sich Benning gegen die Verbreitung seiner Filme als DVD gewehrt, jetzt ist er zur Digitalisierung bekehrt geworden. Die CALIFORNIA TRILOGY (1999-2001), gedreht in 16mm/Farbe, besteht aus drei jeweils 87 Minuten langen Filmen. Der erste, EL VALLEY CENTRO, dokumentiert die landwirtschaftliche Massenproduktion im Great Central Valley, der zweite, LOS, zeigt soziale Interaktionen im Großraum Los Angeles, der dritte, SOGOBIL, ist ein Porträt der kalifornischen Wildnis. Jeder Film ist exakt 87 Minuten lang und besteht aus jeweils 35 festen Einstellungen von zweieinhalb Minuten Länge. Einerseits sehen wir Landschaften und Flächen, andererseits werden räumliche Perspektiven geöffnet und Eingriffe der Menschen in die Natur dokumentiert. Zwischen den drei Filmen gibt es erkennbare Unterschiede in den Bildmotiven, im Umgang mit Horizontale und Vertikale, in der Akzentuierung sozialer Interaktionen. Musik wird erst im Nachspann eingesetzt, die Bilder sind ganz puristisch mit Originalton unterlegt. Bennings Filme fordern vom Zuschauer Geduld, genaues Hinschauen, aktive Neugier. Mehr zur DVD: California-Trilogy.html

Hanns Zischlers Berlin

2013.ZischlerHanns Zischler (*1947) ist Schauspieler, Autor, Übersetzer und Fotograf. Er weiß viel über Architektur, über deutsche Geschichte und über die Stadt Berlin, auch wenn er in Ingolstadt geboren wurde. Und er hat die große Begabung, uns seine Beobachtungen und Gedanken auf Umwegen zu vermitteln. Seine Texte haben eine assoziative Dramaturgie. Sie werden immer wieder von Zitaten unterbrochen, sind mit Bildern verknüpft, mit historischen Dokumenten und aktuellen Fotos. Man muss sie wie ein Puzzle im Kopf zusammenfügen. Elf Kapitel bilden so etwas wie eine Struktur. Das erste handelt vom Teufelsberg, der bekanntlich ein Trümmerberg ist und aufs engste mit der Nachkriegsgeschichte verbunden. Das letzte und für mich schönste ist eine Fahrt mit dem Bus 104 vom Brixplatz im Westend (Charlottenburg) zur Tunnelstraße in Stralau (Treptow). Das sind 59 Stationen, und Zischler macht daraus eine Zeitreise durch die Stadtgeschichte, wie man sie so noch nie gelesen hat. Im längsten Kapitel („Straßenzusammenstöße“) geht es um Berliner Plätze, Gärten und Parke, um ihre Pflege, ihre Veränderungen, ihren aktuellen Zustand, zum Beispiel: Ludwigkirchplatz (positiver Befund), Olivaer Platz (negativer Befund). Der Walter-Benjamin-Platz kommt in der Bewertung überraschend gut weg. Dem Lebenskünstler Oskar Huth und der Dichterin Gertrud Kolmar werden kleine Denkmale gesetzt. Und fürs Tempelhofer Feld wünscht sich Zischler den damals nicht gebauten Turm des russischen Künstlers Wladimir Tatlin aus dem Jahr 1920, 400 Meter hoch. Eine Computersimulation macht ihn sichtbar. So vermittelt dieses wunderbare Buch auch persönliche Visionen. Mehr Informationen: berlin-ist-zu-gross-fuer-berlin.html