DIE HERREN MIT DER WEISSEN WESTE (1970)

2013.Weisse WesteMit seinem selbst produzierten Film HEIMLICHKEITEN hatte sich Wolfgang Staudte Ende der 1960er Jahre maßlos verschuldet. So nahm er dankbar das Angebot von Horst Wendlandt an, eine „Gaunerkomödie“ zu drehen, für die ihm hervorragende Schauspieler zur Verfügung standen. Martin Held spielt einen pensionierten Oberlandesgerichts-rat, der mit seinem Freundeskreis (dazu gehören Heinz Erhardt, Herbert Fux, Walter Giller, Rudolf Platte, Willy Reichert und Rudolf Schündler) einen raffinierten Ganoven (Mario Adorf) zur Strecke bringt. Auch wenn uns Dramaturgie und Tempo des Films etwas konventionell erscheinen, liefert er einen amüsanten Blick in das Westberlin jener Jahre, als die Studentenbewegung ins Laufen kam, von der hier natürlich nichts zu sehen ist. Immerhin war Staudte kurz zuvor noch Dozent an der dffb. Hannelore Elsner spielt eine weibliche Hauptrolle. Die sechs Darsteller der Herren mit den weißen Westen sind inzwischen gestorben. Aber im Film wirken sie noch sehr lebendig. Pidax hat in der Reihe seiner Film-Klassiker eine DVD herausgebracht. Mehr zur DVD: products_id=395

Jerry Lewis

2013.Jerry LewisMorgen endet die Jerry-Lewis-Retrospektive der Viennale im Österreichischen Filmmuseum. Inzwischen habe ich die von Astrid Ofner und Hans Hurth heraus-gegebene Publikation gelesen und kann sie natürlich allen Jerry-Lewis-Fans nur empfehlen. Das 200-Seiten-Buch ist zweigeteilt. Der erste Teil enthält Texte und Essays: u.a. Überlegungen von Chris Fujiwara (Autor eines JL-Buches) über die Gegenwärtigkeit von Jerry Lewis, Auszüge aus „The Total Film-Maker“, Reflexionen des französischen JL-Experten Robert Benayoun, einen aktuellen Beitrag von Jonathan Rosenbaum, ein Gespräch zwischen Peter Bogdanovich und JL aus dem Jahr 2000, ein kleines JL-Lexikon von Aumont/Comolli/Lavarthé/Narboni/Pierre aus dem Weihnachtsheft der Cahiers du Cinéma 1967, Auszüge aus der Love-Story „Dean & Me“ (2005) und einen Text von David Ehrenstein über Frank Tashlin und JL. Im zweiten Teil werden die 30 Filme der Retrospektive mit alten und neuen Texten gewürdigt; darunter sind viele längere Zitate aus den Cahiers und Positif, aus der New York Times und der Filmkritik, aber auch neue Texte, u.a. von Ann Dettmar, Julia Bantzer, Johannes Beringer und Peter Nau. An der Textauswahl war Stefan Flach beteiligt. Der Band ist Frieda Grafe (1934-2002) gewidmet, die Jerry Lewis sehr geliebt hat. Von ihr ist der wunderbare Text über THE GEISHA BOY aus der Süddeutschen Zeitung (1973) abgedruckt. Mehr zum Buch: jerry-lewis.html

Herbert Achternbusch

2013.AchternbuschMorgen wird der Autor, Filme-macher und Maler Herbert Achternbusch 75 Jahre alt. Aus der deutschen Kinolandschaft ist er inzwischen verschwunden, aber nicht aus dem filmhistorischen Gedächtnis. In den 1970er und 80er Jahren hat er – beginnend mit dem ANDECHSER GEFÜHL (1974) – in jedem Jahr mindestens einen Film gedreht. Sein Christus-Film DAS GESPENST (1982) wurde zum Konfliktfall, als der damalige Innenminister Zimmermann ihm die Filmförderung aberkannte. Den letzten Film, DAS KLATSCHEN DER EINEN HAND (2002) hat dann aber kaum noch jemand gesehen. Zum Geburtstag ist jetzt bei edition text + kritik ein wunderbares Buch über HA erschienen. Der Autor Manfred Loimeier, Privatdozent in Heidelberg und eigentlich Spezialist für afrikanische Literaturen, nennt es im Untertitel „Annäherung an das künstlerische Gesamtwerk von Herbert Achternbusch“. Es geht dabei auf hohem Niveau um die bildreiche Sprache von HAs Prosa, um seine Theaterfiguren, seine Filme, seine Malerei und sein künstlerisches Umfeld. Natürlich sollte der Leser eine gewisse Affinität zu Achternbuschs Sprache, seiner Bild- und Denkwelt haben. Denn es ist ein eigenes Universum, in dem man sich da bewegt. Der Anhang listet auf 50 Seiten die Quellen auf, die dem Autor zur Verfügung standen. Ein schönes Geburtstagsgeschenk für den Jubilar und seine Fans. Mehr zum Buch: neu_werke_literatur

Über Loriot

2013.Loriot

Er war Regieassistent bei Vicco von Bülow ab 1973 und hat die Fernseharbeiten von Loriot zuerst in Stuttgart und dann in Bremen kontinuierlich begleitet. Stefan Lukschy (*1948) studierte damals noch an der dffb in Berlin; ich habe ihn als begabten und sich schnell emanzipierenden Studenten schätzen gelernt und bin mit ihm seit langer Zeit befreundet. Stefans Zusammenarbeit mit Loriot war über viele Jahre sehr intensiv und wurde schließlich zu einer tiefen Freund-schaft. Es gab zahlreiche Berührungspunkte, vor allem ihre gemeinsame Liebe zur Musik (nicht nur zu Wagner) und Stefans Fähigkeit, für technische oder logistische Probleme immer eine Lösung zu finden. Sein Loriot-Porträt mit dem kongenialen Titel „Der Glückliche schlägt keine Hunde“ schildert die lange Phase der Zusammenarbeit mit vielen Erlebnissen im Fernsehstudio, mit Reisen nach Ostberlin und nach Bayreuth, mit Begegnungen in Ammerland und am Savignyplatz, mit Erinnerungen von Vicco von Bülow an seine Kindheit, Jugend und Militärzeit, die in dieser Form noch nicht zu lesen waren. Stefan erzählt faktenreich, er hat ein großes Erinnerungsvermögen (gelegentlich hilft ihm auch sein Tagebuch weiter), er vermeidet pure Anekdoten, weil es ihm nicht um Pointen geht, sondern um eine biografische Würdigung. Trotzdem muss man beim Lesen oft herzhaft lachen, weil die Situationen einfach komisch sind, und am Ende gibt es einen wirklichen Abschieds-schmerz. Mit sehr schönen Zitaten kommen u.a. Axel Hacke, Bully Herbig, Max Raabe, Peter Raue, Dagmar Reim und Otto Sander zu Wort. Stefan ist als Autor sehr präsent, nimmt sich aber immer wieder zugunsten seines Protagonisten zurück. Es ist das Buch einer Freundschaft und das Porträt einer großen Persönlichkeit. Mehr zum Buch: keine-hunde.html

Die Künste des Kinos

2013.Künste des KinosMit seinem sensiblen Filmblick durchquert der Autor die Welt der Künste: der Architektur, der Musik, der Malerei, des Schauspiels, der Literatur. Martin Seel (*1954) ist Professor für Philosophie in Frankfurt am Main. Das Schöne an diesem Buch sind die konkreten Beispiele, die Seel für seine kunstphilosophischen Passagen heranzieht. Er beschreibt sehr präzise Sequenzen u.a. aus den Filmen THE SEARCHERS (1956) von John Ford, NORTH BY NORTHWEST (1959) von Alfred Hitchcock (Titelbild), A NIGHT AT THE OPERA (1935) von Sam Wood mit den Marx Brothers, BLOW-UP (1966) und ZABRISKIE POINT (1970) von Michelangelo Antonioni, FONTANE EFFI BRIEST (1974) von R. W. Fassbinder, THE BOURNE SUPREMACY (2004) von Paul Greengrass, CACHÉ (2005) von Michael Haneke und thematisiert ihren Umgang mit dem Raum, mit der Zeit, mit Bild und Ton, mit Schauspiel und Wirklichkeit. Eigene Kapitel sind der Exploration, der Imagination und der Emotion gewidmet. Das letzte Kapitel heißt logischerweise „Film als Philosophie“. Das Vergnügen bei der Lektüre ist eng verknüpft mit der Kenntnis der Filme, andererseits: man möchte die meisten wiedersehen und danach noch einmal den Text lesen. Mehr zum Buch: 9783100710123

Der Ullstein Verlag und der Stummfilm

2013.Ullstein + FilmDiese (fürs Buch komprimierte) Dissertation aus Mainz ist für mich eine spannende Lektüre. Bernard Schüler untersucht frühe Verbindungen zwischen Literatur- und Filmproduktion. Der Ullstein-Verlag in Berlin, gegründet 1877, war zunächst im Bereich von Zeitungen und Zeitschriften erfolgreich, erweiterte sich 1903 zu einem Buchverlag und beteiligte sich in den frühen 1920er Jahren an der Filmproduktionsfirma Uco Film GmbH., um eine mediale Brücke zu seinen Büchern zu schlagen, die zum Teil auch in den Zeitungen vorabgedruckt wurden. Schüler hat (das beweist sein Forschungs-bericht in der Einleitung) viele neue Quellen entdeckt und beschreibt im ersten Teil seines Buches den komplizierten Medienverbund Ullstein mit Gründung (1920) und Auflösung (1924) der Uco, soweit die Aktenlage und die Archivierung der Dokumente dies zulassen. Die Genauigkeit der Recherchen ist schon mal bewundernswert. Im zweiten Teil des Buches werden die fünf von der Uco produzierten Filme analysiert: DIE KWANNON VON OKADERA (1920) von Carl Froelich, SCHLOSS VOGELÖD (1921) von F. W. Murnau, der zweiteilige Film DR. MABUSE, DER SPIELER (1921/22) von Fritz Lang, PHANTOM (1922) von F. W. Murnau und DIE PRINZESSIN SUWARIN (1922/23) von Johannes Guter nach einem Buch von Thea von Harbou. Schüler charakterisiert jeweils die literarischen Vorlagen, beschreibt die Umsetzung in den Film und informiert über die Rezeption. Er hat ein sensibles Bildverständnis, auch wenn ihm die Bücherwelt offenkundig näher ist. Erschienen als Band 23 der „Mainzer Studien zur Buchwissenschaft“. Auf Abbildungen wurde verzichtet. Mehr zum Buch: title_1998.ahtml

JADUP UND BOEL

2013.JadupZum CineFest in Hamburg, das sich in diesem Jahr dem Thema „Filmzensur“ widmet, ist bei Absolut Medien eine DVD des Films JADUP UND BOEL (1980/81) von Rainer Simon erschienen. Der DEFA-Film wurde nach seiner Fertigstellung 1981 verboten und kam erst 1988 in die Kinos. Er spielt in der DDR-Gegenwart und blendet zurück in das Jahr 1945. Er erzählt von der Liebesbeziehung zwischen dem Flücht-lingsmädchen Boel und dem jungen Mann Jadup, der später Bürgermeister der kleinen märkischen Stadt Wickenhausen wird. Da ist Boel nach einer Vergewaltigung längst verschwunden. Nach dem Einsturz eines Hauses kommt ein Buch zum Vorschein,  das Boels Widmung für Jadup enthält . Der Film ist ein fast surreales Verwirrspiel mit vielen ironischen Beobachtungen aus dem Leben in der DDR. Mit Kurt Böwe (Jadup), Katrin Knappe (Boel), Gudrun Ritter, Käthe Reichel und Michael Gwisdek. Beeindruckend: die Kameraarbeit von Roland Dressel. Die DVD enthält drei Kurzfilme, die es zu ihrer Zeit ebenfalls mit der Zensur zu tun bekamen: POLIZEIBERICHT – ÜBERFALL (1928) von Ernö Metzner, ZWEI WINDHUNDE/ZWEI GENIES (1934) von Detlef Sierck und BESONDERS WERTVOLL (1968) von Hellmuth Costard. Dazu: DVD-ROM-Teil mit Texten und Dokumenten zu den Filmen. Mehr zur DVD: list=ed..&list_item=0

CineFest in Hamburg

2013.CinefestMorgen beginnt in Hamburg das 10. CineFest, das „Internationale Festival des deutschen Film-Erbes“, eine Veranstaltung von CineGraph Hamburg und dem Bundesarchiv. Das Thema in diesem Jahr: Filmzensur in Europa. Gezeigt werden mehr als dreißig Titel aus siebzig Jahren Filmgeschichte, von den 1920er bis zu den 1980er Jahren. Im Rahmen der Eröffnung wird traditionell der „Reinhold Schünzel-Preis“ für ein herausragendes Engagement für das deutsche Film-Erbe verliehen. Er geht in diesem Jahr, und das freut mich sehr, an den Filmkritiker und Publizisten Wolfram Schütte, der als Filmredakteur der Frankfurter Rundschau große Verdienste um den deutschen Film erworben hat. Zum CineFest werden viele Gäste erwartet, darunter die Regisseure Peter Fleischmann, Rainer Simon und Günter Stahnke, die Regisseurin Iris Gusner, der Autor Günter Kunert und die Schauspielerin Jutta Hoffmann. Am kommenden Mittwoch beginnt der 26. Internationale filmhistorische Kongress, der sich ebenfalls dem Thema Zensur widmet. Im Rahmen seiner Eröffnung erfolgt die Verleihung der „Willy-Haas-Preise“, einer Auszeichnung von herausragenden internationalen Publikationen (Buch, DVD) zum Film im Deutschland. Nominiert snd mehrere meiner „Bücher des Monats“. Mehr zum Programm: www.cinefest.de/d/festival.php

Fassbinder JETZT

2013.FassbinderIm Deutschen Filmmuseum in Frankfurt findet zurzeit eine Fassbinder-Ausstellung statt. Ihr programmatisches Ziel: RWF in eine Verbindung zur Gegenwart zu setzen. Das gelingt mit den Beiträgen von sieben Film- und Videokünstlern: Tom Geens, Runa Islam, Maryam Jafn, Jesper Just, Jeroen de Rijke/Willem de Rooij und Ming Wong. Zur Ausstellung ist ein schöner Katalog erschienen, der in seinem dritten Teil auch Bilder dieser Künstler zeigt und sie zu Wort kommen lässt. Im ersten Teil sind nach dem Geleitwort (Juliane Lorenz), dem Vorwort (Claudia Dillmann) und der Einleitung (Anna Fricke, Ausstellungskuratorin) vier kluge Texte von Ursula Frohne, Brigitte Peucker, Cristina Nord und Thomas Elsaesser zu lesen. Der umfangreiche Mittelteil schlüsselt Fassbinders Werk in einer originellen Bildfolge auf. Da geht es um Türen und Räume, um Personen im Spiegel, um distanzierende Ornamente und Fenster, um Bisexualität und Gewalt, um melodramatische Momente, Verzweiflung, Familie, um das „Dritte Reich“ und die von Fassbinder skeptisch beurteilte westdeutsche Demokratie. Den Schluss des Buches bildet ein Besuch von Hans-Peter Reichmann im Fassbinder-Archiv in der Berliner Giesebrechtstraße. Mehr zur Ausstellung und zum Buch: /fassbinder-jetzt/

Klassiker des Fernsehfilms

2013.FernsehfilmEinerseits weckt die Lektüre des Buches Erinnerungen an wichtige Fernseherlebnisse. Zum Beispiel an Egon Monks KZ-Film EIN TAG (1965), an Martin Eckermanns DDR-Fünfteiler WEGE ÜBERS LAND (1968), an Tom Toelles/ Wolfgang Menges Vision EIN MILLIONENSPIEL (1970), an Axel Cortis österreichischen Zweiteiler EINE BLASSBLAUE FRAUEN-SCHRIFT (1984). Rund 300 Filme aus 60 Jahren Fernsehgeschichte hat Thomas Bräutigam (*1958) für sein Buch ausgewählt, sie sind von A bis Z gelistet. Zu jedem Titel gibt es Credits und Cast, eine kurze Inhaltsangabe, eine vorsichtige Bewertung und ein Zitat aus einer zeitgenössischen Kritik. Oft sind den Texten Verweise auf themengleiche Filme angefügt. Alles gut zu lesen. Bräutigams Lieblingsregisseure sind Dominik Graf und Peter Beauvais (je 11 Titel), Egon Monk (10), Jo Baier, Eberhard Fechner, Dieter Meichsner und Dieter Wedel (je 8). Gegen sie ist überhaupt nichts einzuwenden – aber (jetzt kommt das Andererseits) es fehlen zu viele wichtige Namen und Produktionen. Kein Film von Percy Adlon, Peter F. Bringmann, Imo Moszkowicz, Christian Rischert oder Werner Schroeter. Das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF hat offenbar nicht stattgefunden. Mit 20 Titeln ist der DDR-Fernsehfilm deutlich unterrepräsentiert. Und das Feld des Dokumentarfilms, ein genuines Fernsehgenre, ist nicht bestellt: fünf Filme von Eberhard Fechner sind benannt (das ist ihm zu gönnen), aber kein einziger von Hans-Dieter Grabe, Thomas Schadt oder Klaus Wildenhahn, nichts von Winfried Junge oder Volker Koepp. An FUSSBALL WIE NOCH NIE (1970) von Hellmuth Costard, ZÜNDSCHNÜRE (1974) von Reinhard Hauff  oder WAS SOLL’N WIR DENN MACHEN OHNE DEN TOD? (1980) von Elfi Mikesch wagt man gar nicht zu erinnern. Dagegen werden mehrere Filme aus den Jahren 2011 und 2012 bereits zu Klassikern erklärt. Das leuchtet mir nicht ein, auch wenn der Autor damit offenbar eine Brücke in die Gegenwart bauen will. So hinterlässt die Lektüre gemischte Gefühle. Mehr zum Buch: fernsehgeschichte.html