BACKLASH (1956)

2014.SturgesSein berühmtester Film ist THE MAGNIFICENT SEVEN (1960). Aber John Sturges (1910-1992) hat in den 1950er Jahren viele eindrucksvolle Western gedreht, ich erinnere nur an GUNFIGHT AT O.K. CORRAL (1957) oder LAST TRAIN FROM GUN HILL (1958). BACKLASH (dt.: DAS GEHEIMNIS DER FÜNF GRÄBER) ist ein Western und gleichzeitig ein Kriminalfilm, weil es um die Suche nach einem Täter geht, der erst am Ende entlarvt wird. Und da es der Vater des Helden ist, sprechen manche auch von einem „Ödipus-Western“. Die Geschichte von den fünf Männern, die Opfer eines Verräters werden, von Jim Slater (Richard Widmark), der auf der Suche nach seinem Vater (John McIntire) ist, und von Karyl Orton (Donna Reed), die ihren Mann verloren hat und seinen Mörder finden will, ist spannend erzählt, hat eine psychologische Tiefe und enthält viele traditionelle Westernelemente: Zweikämpfe, Verfolgungsjagden, geraubtes Gold, die Weite der texanischen Prärie und im Hintergrund die Apachen. Die DVD von „explosive media“ ist Resultat einer Restaurierung und Neuabtastung, enthält ein schmales Booklet mit einem Text von Markus Tschiedert und kann wahlweise in deutscher oder originaler Fassung gespielt werden. Mehr zur DVD: artikel&ArtikelNr=6414931

Kannibalen im Film

2013.KannibalenAnthropophagie – also der Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen – ist tabuisiert. Also ein Filmthema, bei dem auch gern die Grenzen über-schritten werden. Es geht in diesem Buch von Paul Drogla – ursprünglich eine Staats-examensarbeit an der Universität Dresden – um die „filmische Rezeption und Re-Inszenierung des wilden Kannibalen“, aber andererseits werden auch aus der Zivilisation hervorgegangene Degenerationen behandelt (DOCTOR X, 1932, von Michael Curtiz). 137 Titel nennt die Filmliste im Anhang, auf 38 geht der Autor detaillierter ein. So gibt es eigene Kapitel über den Kannibalen in der Robinsonade, über den Zombie als kannibalische Metapher, über den dokumentarischen Blick auf die kannibalische Welt (beispielhaft: MONDO CANE, 1962) und über den erfolgreichsten Kannibalenfilm, CANNIBAL HOLOCAUST (1980) von Ruggero Deodato, dem die ausführlichste Analyse im Buch vorbehalten ist (Titelfoto). Auch der Kannibale im historischen Film wird thematisiert, zum Beispiel in 1492 : CONQUEST OF PARADISE (1992) von Ridley Scott und in HANS STADEN (1999) von Luis Alberto Pereira. Kleinere Kapitel handeln von Cartoon-Cannibals und Comedy-Cannibals. Keine Abbildungen, gut lesbarer Text. Mehr zum Buch: vom-fressen-und-gefressenwerden.html

Gender und Raum im Shakespeare-Film

2014.UnsexEine Dissertation aus Bremen aus dem Umfeld der „Textualität des Films“. Sie beginnt mit einem historischen Überblick über 100 Jahre Shakespeare-Film (das ist passend zur gerade stattfindenden Würdigung von Shakespeares 450. Geburtstag). Dann geht es um Filmwissenschaft und Geschlechterstudien, um die Interdependenz von Geschlecht und Raum in der Literatur und im Film und um ein synthetisches Konzept zum Gender-Raum. Das sind die notwendigen Präliminarien zur wissenschaftlichen Verortung auf rund 80 Seiten. Es folgt der Hauptteil (200 Seiten) mit beeindruckend genauen Analysen von neun zeitgenössischen Shakespeare-Filmen. Das sind drei Komödien (MUCH ADO ABOUT NOTHING, 1993, von Kenneth Branagh, 10 THINGS I HATE ABOUT YOU, 1999, von Gil Jungers und SHE’S A MAN, 2006, von Andy Fickman), drei Historien (HENRY V, 1989, von Kenneth Branagh, RICHARD III, 1995, von Richard Loncraine und LOOKING FOR RICHARD, 1996, von Al Pacino) und drei Tragödien (OTHELLO, 1995, von Oliver Parker, WILLIAM SHAKESPEARE’S ROMEO + JULIET, 1996, von Baz Luhrmann und MACBETH, 2006, von Geoffrey Wright). Jennifer Henke hat einen guten Blick für Aspekte der Inszenierung und filmischen Auflösung. Die daraus folgenden Interpretationen klingen überzeugend. Viele farbige Abbildungen in ausgezeichneter Qualität, die in den Bildunterschriften analytisch genutzt werden. Für Liebhaber von Shakespeare-Verfilmungen fast so etwas wie Pflichtlektüre. Der Titel des Buches „Unsex Me Here“ zitiert Lady Macbeth (Akt 1, Szene 5). Auch das Titelbild stammt aus MACBETH. Mehr zum Buch: http://www.wvttrier.de  (und dann das Buch suchen).

MAD MEN

2014.Mad MenEs ist eine der berühmtesten und erfolgreich-sten amerikanischen Fernsehserien. Die erste Staffel wurde 2007 von AMC ausge-strahlt, und gerade hat in den USA die siebte und letzte Staffel begonnen. Der MAD MEN-Erfinder Matthew Weiner hat schon an den SOPRANOS mitgearbeitet. Das kleine Buch von Daniela Sannwald ist mehr als eine Einführung in die Serie. Es ruft den zeitlichen Hintergrund, die 1960er Jahre, in Erinne-rung und porträtiert acht Hauptfiguren, vier Männer und vier Frauen, die in der Mehrzahl schon von der ersten Folge an dabei sind: Peter Campbell (Kapitelüberschrift: „Verlorene Jugend“), Roger Sterling („Der Veteran“), Don Draper („Männlichkeit in der Krise“), Peggy Olsen („Die Karrierefrau“), Joan Holloway, vormals Harris („Wehr-hafte Weiblichkeit“), Betty Draper-Francis („Elend in Suburbs“); dazu: Lane Pryce („Der Brite im Exil“, Staffel 4+5) und Dawn Chambers („Schwarz und weiß“, ab Staffel 5). In jedes Porträt ist eine zeitgenössische Anzeige mit inhaltlichem Bezug eingefügt. Danielas Text rekapituliert die Entwicklung der jeweiligen Person im Zusammenhang der Serie und hat große analytische Qualitäten. Mit Abbildungen, Anmerkungen und Kurzfilmografie. Band 1 der Bertz + Fischer-Reihe „Prime Time“. Mehr zum Buch: 42&products_id=383

Mord in Metropolis

2014.Metropolis

Ein neuer Krimi, er spielt in den 1920er Jahren in Berlin. Fiktion und Realität mischen sich. Fiktive Hauptfigur ist der Ex-Kom-missar Robert Grenfeld, den sein ehemaliger Chef, Erich Gennat (er war später real Leiter der Zentralen Mord-inspektion), zur Klärung von Verdachtsmomen-ten bei der Filmproduktion METROPOLIS zu Hilfe ruft. Die Hauptdarstellerin Brigitte Helm erhält anonyme Dro-hungen. Die Handlung beginnt am 16. Juni 1925 um 8.30 Uhr in Berlin-Grunewald, Douglasstraße 63, und endet am 19. November 1925 um 17 Uhr in Neubabelsberg. Es wird chronologisch erzählt, Ortswechsel strukturieren die Handlung, unterschiedliche Perspektiven erhöhen die Spannung. Ziemlich zu Beginn werden zwei Statistinnen ermordet, die eine im Stahlkostüm der Maschinen-Maria. Bei den Ermittlungen stellt sich die Hauptfrage: wer hat ein Interesse daran, den Film von Fritz Lang in Verruf zu bringen? Seine Produktionskosten erhöhen sich ständig, weil der Regisseur mehr Geld als geplant in das Aufgebot an Statisten, in Bauten und Kostüme investiert, dadurch seinen Produzenten Erich Pommer in die Bredouille bringt und den UFA-Aufsichtsrat zum Handeln zwingt. Es ist erstaunlich, wie genau der Autor Robert Baur (von Beruf Personalentwickler) die historischen Fakten der METROPOLIS-Produktion recherchiert hat und mit der Story seines Kriminalromans verknüpft. Immer wieder werden Passagen aus der Perspektive realer Personen erzählt: zum Beispiel Brigitte Helm, Erich Pommer, Fritz Rasp. Im Hintergrund operieren die Nazis, die „Schwarze Reichswehr“, die Berliner Ringvereine, die politische Polizei. Auch viele Schauplätze – Filmstudios, Cafés und Restaurants, Hotels und kulturelle Treffpunkte – existierten im Berlin der 20er Jahre. Eine schöne Erfindung ist die weibliche Hauptfigur, Mascha, eine Exilrussin, die zwischen den Fronten laviert und zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein spannender „Roman aus dem Filmmilieu“ mit einem beeindruckenden, eigenwilligen Ermittler. Mehr zum Buch: mord-in-metropolis.html

Film und Kino in Italien

2014.ItalienIrmbert Schenk, Professor für Medienwissenschaft i.R. an der Universität Bremen, hat eine besonders intensive Beziehung zum italienischen Kino, die von großer Sachkompetenz getragen wird. In seinen Vorlesungen und Aufsätzen spürt man auch eine spezielle Liebe zum Land. Der vorliegende Band enthält acht längere Texte und einen Lexikoneintrag. Die ersten Beiträge handeln von der Frühzeit und reichen bis in die 1930er Jahre. Zweimal geht es um den italieni-schen Historienfilm, der ein spezielles Genre des Landes war, im ersten Text stehen die Jahre 1905 bis 1914 im Mittelpunkt, im zweiten wird ein Bogen von CABIRIA (1914) zu Mussolini geschlagen. Ein Essay über Walter Ruttmanns ACCIAIO (1930) verortet den Film zwischen Futurismus, Realismus und Faschismus. Dann wird das Motiv des Automobils als Subtext der Modernisierung in den Komödien der 1930er Jahre interpretiert. Ein Basistext ist Schenks Vorlesung über den italienischen Neorealismus, die bisher unveröffentlicht war (gefolgt vom Eintrag „Neorealismus“ im „Lexikon der Filmbegriffe“). Sehr informativ ist der Vergleich zwischen Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und ihrer Verfilmung von Luchino Visconti: MORTE A VENEZIA (1971). Den schönen Text über Michelangelo Antonioni kennen wir aus dem Buch „Das goldene Zeitalter des italienischen Films“, das Thomas Koebner und Irmbert Schenk 2008 herausgegeben haben. Noch unveröffentlicht ist bisher der Text über Entstehung und Rezeption von Roberto Benignis LA VITA E BELLA (1998). Es lohnt sich, die Texte im Zusammenhang zu lesen. Viele Abbildungen in guter Qualität. Titelbild: Monica Vitti in L’AVVENTURA (1960). Mehr zum Buch: film-und-kino-in-italien.html

Mediale Inception

2014.Mediale Inception„Bewusstseinsfilme“, wie sie in Hollywood seit den 1990er Jahren vermehrt entstehen, haben Protagonisten, die oft an Amnesie oder Schizo-phrenie leiden. Sie können nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden und nehmen den Zuschauer auf ihre Reise ins Unterbewusstsein mit. Christian Bumeder entwickelt in seiner Dissertation (entstanden an der Ludwig-Maximilian-Universität in München) eine „Poetik“ des Bewusstseinsfilms. Im Mittelpunkt seiner konkreten Analysen stehen die Filme SHUTTER ISLAND (2010) von Martin Scorsese und INCEPTION (2010) von Christopher Nolan. Es geht um Erzählperspektiven, Personalisierungen, Wahrnehmung, Okularisierung und Aurikularisierung, Introspektion und Subjektivität. In der traditioneller Genre-Zuordnung würde man vom „Psycho-Thriller“ sprechen, aber die inhaltliche und formale Fokussierung und Vertiefung, wie sie Bumeder wissenschaftlich begründet, hat ihre Logik und überzeugt, wenn sie in Filmbeispielen konkretisiert wird. Im Anhang findet man Sequenzprotokolle der beiden genannten Filme und eine umfangreiche Bibliographie. Die Abbildungen sind relativ klein, aber akzeptabel. Mehr zum Buch: 7a85hh3m5

Giallo

2014.Formelkino.GialloUntersuchungen zum Genre-Kino sind en vogue. Dies ist eine Dissertation aus Köln, die sich mit dem „Giallo“ beschäftigt, einer Mischung aus Kriminalfilm und Gothic-Horror, die in Italien Mitte der 1960er Jahre entstand und in den 70er Jahren ihre Höhepunkte hatte. Die beiden wichtigsten Standardfiguren sind der Amateur-Detektiv und der Serienmörder, der es vor allem auf attraktive Frauen abgesehen hat. Emotionale Höhepunkte erreichen die Filme durch brutale Mordszenen, die Ermittlungen werden eher unterkühlt inszeniert. Die bekanntesten Regisseure des Giallos sind Mario Bava und Dario Argento. Der Autor Peter Scheinpflug (wissenschaftlich betreut von Irmela Schneider) setzt sich zunächst sehr generell mit der Genre-Theorie auseinander, mit den Aporien der Definition, mit Diskurs-Theorie und Genre-Hermeneutik. Natürlich spielen beim Thema „Gallio“ Genre-Mixing und Genre-Hybride eine wichtige Rolle. Scheinpflug nutzt seine Kenntnis der Filme für viele beispielhafte Szenenanalysen, bringt immer wieder Genre-Theoretiker ins Spiel und sorgt so für eine gewisse Balance zwischen Konkretisierung und Abstraktion. Eigene Kapitel sind der Genre-Parodie und dem Verhältnis „Genre und Gender“ gewidmet. Hier gibt es einen originellen Exkurs über Gender- und Genre-Zitate in KILL BILL: VOL. 2 von Quentin Tarantino. Das Schlusskapitel behandelt – als Folge der DVD-Welle von Gialli ab Ende der 1990er Jahre – den „Neo-Giallo“, also seine aktuelle Variante. Mehr zum Buch: /formelkino

Schweizer Filmgeschichte

RZ SU Schärer, Cinememoire.inddMit 700 Seiten ist dies ein voluminöses Buch. Es handelt vom Film in der Schweiz zwischen 1958 und 1975. Im Zentrum stehen Interviews, also konkrete Erinnerungen. 41 Gesprächspartner haben ausführlich auf die Fragen von Thomas Schärer geantwortet, darunter der Kulturpolitiker Alex Bänninger, die Kameramänner Renato Berta und Pio Corradi, die Schauspielerin Anne-Marie Blanc, der Schauspieler Helmut Förnbacher, die Filmverleiherin Ilona Stamm, die Regisseure Max Peter Ammann, Nicolas Gessner, Markus Imhoof, Rolf Lyssy, Fredi M. Murer, Hans-Ulrich Schlumpf, Alexander J. Seiler und Yves Yersin, die Filmhistoriker Victor Sidler und Franz Ulrich. Zwanzig Kapitel strukturieren das Buch inhaltlich, es geht dabei u.a. um die Nobilitierung des Films, das Filmgesetz und die Gründung der „Association suisse des réalisateurs de films“, Autodidaktik und Ausbildung, Experimentalfilme, um die Krise des Alten und die Suche nach dem Neuen, um die Solothurner Filmtage, Arbeitsgemeinschaften, Kooperativen, Firmen und Verbände, das Verhältnis zwischen Film und Fernsehen in der Deutschschweiz, um Publikum und Erfolg. Momentaufnahmen der Jahre 1958, 1964, 1969 und 1975 sind eingefügt. Die Interviews sind in Zitate zu den einzelnen Themen aufgelöst und durchgehend auf den linken Seiten des Buches platziert. Natürlich gibt es eine Chronologie, eine Bibliografie, ein Namens- und ein Filmtitelregister. Dazwischen: viele Fotos. Fünf Gespräche sind auf einer beigefügten DVD zu hören und zu sehen. Also: ein Standardwerk über den Schweizer Film. Der Autor Thomas Schärer (*1968) ist Kurator, Dozent und Publizist. Titelfoto: Dreharbeiten von GOLDFINGER am Furkapass. Mehr zum Buch: www.limmatverlag.ch/

Österreichisches Filmmuseum (4)

2014.Kubelka 2Er hat, zusammen mit Peter Konlechner, 1964 das Österreichische Filmmuseum gegründet und bis 2001 geleitet. Peter Kubelka (*1934) ist Filmemacher, Kunsttheoretiker, Professor und ein legendärer Koch. Martina Kudláček, Filmemacherin, geprägt durch frühe Besuche im Österreichischen Filmmuseum und eng mit den Anthology Film Archives in New York verbunden, hat ein fast vierstündiges Porträt über Kubelka gedreht, das jetzt als Doppel-DVD in der Edition Filmmuseum erschienen ist. Wenn es nicht so lebendig wäre, könnte man es ein Denkmal nennen. Kubelka, immer im weißen Hemd, meist mit schwarzer Weste, vermittelt seine Film-Philosophie, erzählt seine Familiengeschichte, sitzt am Schneidetisch und kommentiert seine Filme, zeigt Objekte aus seinen erstaunlichen Sammlungen, hält Vorträge zur Metrik, zur Zeit, zur Sprache und zum Kochen. Kudláček ist mit ihrer Handkamera meist nahe bei ihm, und doch wackelt da nichts, weil Kubelka als Ruhepol fungiert und so viel zu sagen hat, dass man über die universellen Bezüge nur staunen kann. Gesprochen wird Englisch, es gibt keine Untertitel, weil sie das Bild zerstören würden; das lehnt Kubelka grundsätzlich ab. Zu den einmontierten Dokumenten gehören Ausschnitte aus einer amerikanischen Talkshow von 1972 (EATING THE UNIVERSE) und filmische Tagebuchskizzen von Jonas Mekas. Auch den 1970 gegründeten Anthology Film Archives ist ein Kapitel gewidmet. Den Schluss bildet – wie könnte es anders sein – die Fertigung eines Wiener Schnitzels. Die DVD ist auch ein Beitrag zum 50. Geburtstag des Filmmuseums, das in der Edition der Archive einen wichtigen Platz hat. Mehr zur DVD: Fragments-of-Kubelka.html