Terrence Malick

2013.MalickMorgen beginnt im Berliner Kino Arsenal eine Werkschau der Filme von Terrence Malick (*1943). Vor vierzig Jahren hat er mit dem Film BADLANDS debütiert (Foto) und insgesamt nur sechs Filme gedreht, alle nach eigenem Drehbuch und immer mit vollständiger Kontrolle über das jeweilige Projekt. Er gilt als öffentlichkeitsscheu, meidet Pressekonferenzen und Premieren. Als wir bei der Berlinale 2004 in der Retrospektive New Hollywood seinen Film BADLANDS zeigten, kam er als Überraschungsgast, durfte aber nicht vorher angekündigt werden. Während der Vorführung haben wir uns in einem Nebenraum auf das angenehmste unterhalten, und als ich ihn dann als Gast vorstellte, war das Publikum in der Tat völlig überrascht. Peter Körte hat im New-Hollywood-Buch über Malick geschrieben. Ich liebe seine Filme, auch THE NEW WORLD, und freue mich auf TO THE WONDER, der Ende des Monats in unsere Kinos kommt. Auf das neue Buch von Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler, das in diesen Tagen bei Schüren erscheint, gehe ich demnächst gesondert ein. Mehr zum Arsenal-Programm: article/4040/2796.html

Mit Herz und Auge

UMS2295.inddEs geht um die Liebe im sowjetischen Film und in der Literatur in der Zeit zwischen 1956 und 1990. Natalia Borisova unterrichtet russische Literatur und Sprache an der Universität Konstanz. Geleitet von den kommunikations-theoretischen Ansätzen von Roland Barthes (die Sprache der Liebe), Michel Foucault (der Diskurs der Liebe) und Niklas Luhmann (der Code der Liebe) untersucht die Autorin den Codewandel  in der Sowjetunion vor allem in den 1960er und 70er Jahren. Sie zeigt an vielen Beispielen, wie sich die Regeln des öffentlichen Verhaltens auflösen und dabei ein autonomer Raum für Liebesbeziehungen entsteht. Aber auch diese Liebe folgt oft noch alten Normen. Es sind vor allem die späten 50er und die 60er Jahre, die in Filmbeispielen analysiert werden; dabei stehen DER EINUNDVIERZIGSTE (1956) von Grigori Čuchraj, DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) von Michail Kalatozow, NEUN TAGE EINES JAHRES (1961) von Michail Romm, UND WENN DAS LIEBE IST? (1961) von Julij Rajsman und mehrere Filme von Andrej Michalkow-Končalowskij im Mittelpunkt. Im zweiten Teil der Publikation dominiert die sowjetische Literatur. Auch im letzten Kapitel („Der Krieg der Geschlechter“) bleibt der Film im Hintergrund. Borisovas Erkenntnisse sind auch dann interessant, wenn man die Romane oder Erzählungen nicht gelesen hat. Ihre Hinweise auf WARTE AUF MICH (1943) von Aleksandr Stolper als „Vorgängerfilm“ von DIE KRANICHE ZIEHEN haben mich besonders interessiert. Mehr zum Buch: ts2295/ts2295.php

Judith Kaufmann

2013.Kaufmann2006 bekam sie (als erste Frau) den Marburger Kamerapreis. Monica Bleibtreu hielt damals die Laudatio, es gab das traditionelle mehrtägige Symposium zu ihrer Arbeit und natürlich eine Retrospektive ihrer Filme. Jetzt ist, als Band 8 der „Marburger Kameragespräche“, das Buch über Judith Kaufmann erschienen, und das Warten hat sich gelohnt. In sechs Texten wird ihre herausragende Arbeit sehr konkret analysiert: Marli Feldvoß schreibt über die Strategien der Kamera in SCHERBENTANZ (2002) von Chris Kraus, Karl Prümm charakterisiert die Bildgestaltung in ERBSEN AUF HALB 6 (2004) von Lars Büchel, Andreas Kirchner nimmt die Bilder von FREMDE HAUT (2005) von Angelina Maccarone unter die Lupe, Bernd Giesemann untersucht Aspekte der überwältigenden Bildästhetik in VIER MINUTEN (2006) von Chris Kraus, Annett Müller beschreibt die Kameraarbeit in DIE FREMDE (2010) von Feo Aladag und Rasmus Greiner widmet sich Kaufmanns Fernseharbeiten. Außerdem sind Gespräche von Marli Feldvoß, Martin Langer, Karl Prümm und Astrid Pohl mit Judith Kaufmann dokumentiert. Und sie selbst kommentiert drei exemplarische Sequenzen ihrer Filme WER WENN NICHT WIR von Andreas Veiel, THE LOOK von Angelina Maccarone und ZWEI LEBEN von Georg Maas aus den Jahren 2011/12. Biografie und Filmografie schließen den Band ab, der nach einem Vorwort mit der Bleibtreu-Laudatio beginnt. Viele, zum Teil farbige Abbildungen. Ein Muss für jeden, der sich für Kameraarbeit interessiert. Mehr zum Buch: judith-kaufmann.html

Die amerikanischen Eighties in Wien

2013.Eighties 2Im Österreichi-schen Film-museum beginnt heute eine Filmreihe, mit der dem amerikanischen Kino der 1980er Jahre Gerechtig-keit widerfahren soll. Es gilt ja gemeinhin – nach den großen Aufbrüchen von New Hollywood – als Zeit einer Mainstream-Verflachung und der Preisgabe der Wirklichkeit im Kino. Aber es gab in dem Jahrzehnt auch junge Talente, erfahrene Regisseure, kleine Meisterwerke und große Darsteller. 47 Spielfilme werden in Wien gezeigt, darunter sind einige, an die ich mich gern erinnere: BRONCO BILLY (1980) von und mit Clint Eastwood, GLORIA (1980) von John Cassavetes mit Gena Rowlands (Foto), ESCAPE FROM NEW YORK (1981) von John Carpenter, WHITE DOG (1982) von Sam Fuller, TO LIVE AND DIE IN L.A. (1985) von William Friedkin, YEAR OF THE DRAGON (1985) von Michael Cimino mit Mickey Rourke, THE BIG EASY (1986) von Jim McBride, SOMETHING WILDE (1986) von Jonathan Demme, NO WAY OUT (1987) von Ronald Donaldson, RUNNING ON EMPTY (1988) von Sidney Lumet mit River Phoenix oder JOHNNY HANDSOME (1989) von Walter Hill. Die Wiener Reihe wurde von der Gruppe „The Canine Condition“ (Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke und Cecilia Valenti) kuratiert. Sie endet am 23. Juni. Mehr zum Programm: reserve-mode=active

Die Erfindung von Hollywood

2013.Selig 2Filmgeschichte lässt sich auch literarisch erzählen. Christine Wunnicke (*1966) ist eine kluge, sprach-sensible Münchner Autorin, die uns noch einmal in Erinnerung ruft, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das damals sehr entlegene Hollywood als Filmstadt entdeckt wurde. Einerseits geht es dabei um Wetter-verhältnisse, anderer-seits um das Macht-spiel zwischen dem Filmproduzenten William Selig und dem Regisseur Francis Boggs. Selig fühlt sich Chicago verbunden und will dort auch die Regenzeiten aussitzen. Boggs zieht es aus Vernunftgründen ins sonnige Kalifornien. Letzten Endes gewinnt er den Kampf. Aber der Preis dafür ist hoch: er wird – und das ist historisch verbürgt – von dem Gärtner Frank Minematsu erschossen. Auf hundert Seiten wird diese Geschichte, unterbrochen von kurzen zeitgenössischen Zitaten, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und bekommt zeitweise eine filmische Dimension. Im Hintergrund spielen auch die Patentrechte von Thomas Edison eine Rolle, und am Rande taucht der Universal-Gründer Carl Laemmle auf. Wohlgemerkt: kein Sachbuch, sondern ein kleiner biografischer Roman. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: programm/selig-boggs/

Inszenierung des Alter(n)s

2013.Inszenierung Alter 2Dies ist eine Magisterarbeit aus dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig (Prof. Rüdiger Steinmetz): interessant in der Themenwahl, komplex in der Analyse. Nina Alexandra Roser untersucht die Darstellung von Senioren in deutschen Kino-spielfilmen von 1999 bis 2009. Sechs Titel stehen bei ihr im Mittelpunkt: JETZT ODER NIE – ZEIT IST GELD (2000) von Lars Büchel, SCHULTZE GET THE BLUES (2003) von Michael Schorr, KIRSCHBLÜTEN – HANAMI (2008) von Doris Dörrie, WOLKE 9 (2008) von Andreas Dresen und DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR ALT AUS! (2009) von Leander Haußmann. Die Filme werden einer quantitativen und qualitativen Analyse unterzogen; dabei geht es um die Identität der Hauptfiguren, um Familie, soziale Netzwerke, Partnerschaft und Sexualität, Leiblichkeit, Professionalität, materielle Situation, Wohnsituation und psychologische Aspekte. Die Filmfiktionen werden realen Erkenntnissen gegenübergestellt. Natürlich ist Andreas Dresen so etwas wie der Gewinner. Der Anhang enthält Sequenzprotokolle der sechs Filme inklusive einer Feinanalyse, eine internationale Filmliste von Senioren als Filmprotagonisten von 1999 bis 2009, eine Liste der 120 in der Arbeit angeführten Filme und eine umfangreiche Literaturliste (268 Titel). Die Autorin betont ihre Leseleistung, indem sie alle Autorennamen in Versalien schreibt. Das macht die Lektüre manchmal etwas mühsam. Der Verzicht auf Abbildungen ist zu akzeptieren. Mehr zum Buch: www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,1387

Der italienische Neorealismus

2013.GlasenappIm vergangenen Jahr hat der Bamberger Germanist Jörn Glasenapp eine umfangreiche Monografie über Michelangelo Antonioni herausgegeben (michelangelo-antonioni/), jetzt stellt er als alleiniger Autor Antonioni in den Zusammenhang des italienischen Neorealismus, der bis heute als die wichtigste filmische Erneuerungsbewegung nach 1945 bewertet wird. Glasenapp folgt den definitorischen Spuren vor allem von André Bazin („Der filmische Realismus und die italienische Schule nach der Befreiung“, 1948) und den neueren Überlegungen von Gilles Deleuze („Das Zeit-Bild“, 1985). Vier Filme stehen dabei im Mittelpunkt der Analysen: I VITELLONI (1953) von Federico Fellini, ACCATTONE (1961) von Pier Paolo Pasolini, LA NOTTE (1961) von Michelangelo Antonioni und IL CASANOVA (1976) von Fellini. Natürlich fungieren De Sicas LADRI DI BICICLETTE und andere Klassiker des Neorealismus als Vergleichsfilme und auch zur französischen Nouvelle Vague werden Bezüge hergestellt. Glasenapp hält sich eng an sein theoretisches System, aber es ist sehr lesenswert, wie er einzelne Szenen beschreibt und interpretiert. Das animiert dazu, die Filme mal wieder zu sehen. Die 64 Abbildungen sind von mittlerer Qualität. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5538-3.html

Karl Valentin im Babylon

2013.karlvalentinGanz schön mutig: Valentin in Berlin, wo es die Bayern ohnehin nicht leicht haben und zurzeit schon gar nicht. Aber vielleicht gibt es in der Stadt inzwischen genügend Valentin-Fans, so wie es, trotz allem, ja auch Fans von Bayern München gibt. Zu sehen sind im Babylon kurze und lange Filme, Stummfilme und Tonfilme, darunter auch MYSTERIEN EINES FRISIERSALONS (1922/23), DER SONDERLING (1929), KIRSCHEN IN NACHBARS GARTEN (1935) und DONNER, BLITZ UND SONNENSCHEIN (1936). Dazu kommt die Dokumentation EINMAL IM JAHR MÖCHT’ ICH AUCH LACHEN KÖNNEN (1982) von Joe Baier. Die Valentin-Saison dauert bis zum 12. Mai. Mehr zum Programm: karlvalentin.htm

Gustaf Gründgens

2013.Gründgens2Im September 1963, also demnächst vor fünfzig Jahren, starb auf einer Weltreise in Manila der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens im Alter von 63 Jahren. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Theaters in der Zeit der Weimarer Republik, unter der Nazi-Herrschaft und in der frühen Bundesrepublik. Seine Nähe zu Hermann Göring wurde zu einer großen Hypothek, andererseits verhalf ihm die Fürsprache jüdischer Exilanten später zur Entnazifizierung. Er war eine Persönlichkeit, die polarisierte. Der Autor (und promovierte Theaterwissenschaftler) Thomas Blubacher hat bereits 1999 und 2011 zwei Anläufe zu einer Gründgens-Biografie genommen, jetzt ist ihm so etwas wie eine definitive Fassung gelungen. Sie ist hervorragend recherchiert, gut lesbar und weicht auch den Ambivalenzen des privaten Gründgens nicht aus. Beginnend mit dem ziemlich geheimnisvollen Tod wird das Leben von GG weitgehend chronologisch erzählt. Viele frühere Kolleginnen und Kollegen kommen zu Wort. Ein Schwerpunkt ist die Zeit des Nationalsozialismus. Spannend finde ich auch die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Filmarbeit von Gründgens tritt gegenüber der Theaterarbeit etwas in den Hintergrund. Immerhin hat er in 28 Filmen mitgespielt und bei fünf Filmen auch Regie geführt. Als Schränker in M (1931) von Fritz Lang und als Baron von Eggersdorf in LIEBELEI (1933) von Max Ophüls ist er unvergesslich. Blubacher erzählt ein ungewöhnliches Künstlerleben im Spannungsfeld deutscher Geschichte und psychischer Individualität. Sehr lesenswert. Mehr zum Buch: 0.6.7.8.0.1

Hitchcock und die Künste

2013.Hitchcock+KünsteDer Herausgeber Henry Keazor (*1965) ist Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg. Im Winter 2011/12 hat er in Saarbrücken eine Ringvorlesung über Hitchcock und die Künste veranstaltet, deren Vorträge hier gesammelt sind. Eine lohnende Lektüre. In den Texten geht es um Hitchcock und seine Literaturadaptionen (Barbara Damm), um das Londoner Theater der 1920er und 30er Jahre (Beatrix Hesse), den MARNIEschen Blick auf Vermeer (Thierry Greub), die Gebäude in Hitchcock-Filmen (Steven Jacob), Hitchcocks Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik (Claudia Bullerjahn), um Choreografien von Traumata (Katja Erdmann-Rajski), Hitchcocks Filme im Spiegel zeitgenössischer Videoinstallationen (Ursula Frohne), um Korrelationen zwischen Essen, Sexualität und Tod in H.’s Filmen (Gregor Weber), um Fisch-Frauen (Anne Martinetti, unterstützt vom Herausgeber; mit Fisch-Rezepten) und um Angstlust als psychische Wirkung der Filme (Alf Gerlach). Keazor hat eine umfängliche Einleitung beigesteuert und ein Gespräch mit dem Künstler Benjamin Samuel über sein Werk Hitchcock30 geführt, das im Frankfurter Filmmuseum ausgestellt war. Die Abbildungen des Buches, oft sehr klein, sind hervorragend gedruckt. Wer noch mehr über Hitchcock und die Kunst erfahren will: 2001 erschien in Montreal ein Katalog zur Ausstellung „Hitchcock and Art“, herausgegeben von Dominique Paini und Guy Cogeval. Mehr zum Buch von Keazor: hitchcock-und-die-kuenste.html