Ray Harryhausen

2013.Harry 2Im Münchner Filmmuseum findet heute Abend eine Hommage an den Visual-Effects-Spezialisten Ray Harryhausen statt, der vor zwei Wochen im Alter von 92 Jahren in London gestorben ist. Gezeigt wird der Film THE 7th VOYAGE OF SINDBAD (1957) von Nathan Juran. Harryhausen gehörte zu den Schlüssel-figuren des Filmtricks der 1950er und 60er Jahre. Als Rolf Giesen 1985 für die Kinemathek die Ausstellung und Retrospektive „Special Effects“ organisierte, kam Ray zur Vernissage nach Berlin. Fünfzehn Jahre später, bei der Eröffnung des Filmmuseums am Potsdamer Platz, war er wieder unser Ehrengast, denn ein Raum der ersten Ständigen Ausstellung („Künstliche Welten“) war seiner Arbeit gewidmet. Viele Exponate stammten aus seinem Archiv. Mir haben vor allem die sieben kämpfenden Gerippe in JASON AND THE ARGONAUTS und das vierarmige Seeungeheuer in CLASH OF THE TITANS gefallen. Die jüngeren Museumsbesucher waren fasziniert von Harryhausens Phantasiewelt. Nach sieben Jahren wurde der Ausstellungsbereich für die Erweiterung der deutschen Filmgeschichte benötigt, die Exponate gingen nach London zurück. Harryhausen war persönlich ein bewundernswert bescheidener und sachkundiger Mensch. 1992 wurde er mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet. Ich werde immer gern ihn denken.

Richard Wagner 200

2013.WagnerVor hundert Jahren, zu seinem hundertsten Geburtstag, wurde das erste Biopic über den deutschen Komponisten gedreht. Oskar Messter war der Produzent, William Wauer und Carl Froelich führten Regie. Die Hauptrolle wurde von dem italienischen Komponisten Giuseppe Becce gespielt, der auch für die Musik verantwortlich war. Aus Urheberrechtsgründen durfte keine Originalmusik gespielt werden. RICHARD WAGNER hat vor vier Wochen die Veranstaltungsreihe „Wagner Kino“ im Zeughauskino eröffnet. Ich habe den Film dort zum ersten Mal gesehen und war sehr beeindruckt. Episodenhaft erzählt er das Komponistenleben von der Kindheit bis zum Tod. Die Frauenbeziehungen werden dezent dargestellt, der Antisemitismus wird ausgespart, die Intrigen am Königshof sorgen für Spannung. Ernst Reicher ist ein differenzierter Darsteller Ludwig II. Der Film reiht sich in die wichtigen Autorenwerke des Jahres 1913 ein, zu denen DER ANDERE von Max Mack, DER STUDENT VON PRAG von Stellan Rye und Hanns Heinz Ewers, DIE INSEL DER SELIGEN von Max Reinhardt und DIE FILMPRIMA-DONNA von Urban Gad gehören. Heute Nacht ist RICHARD WAGNER auf Arte zu sehen.  Mehr dazu: geburtstags-des-grossen-meisters

Lotte Reiniger

2013.ReinigerSie war eine Pionierin des Animationsfilms. Ihr Metier: der Silhouettenfilm. Lotte Reiniger (1899-1981) kam über Paul Wegener in die Filmbranche, ihre große Zeit waren die 1920er Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Carl Koch (der vor allem für die Technik zuständig war) realisierte sie ihren ersten Märchenfilm, ASCHEN-PUTTEL. Drei Jahre dauerte dann die Produktion des abendfüllenden Silhouetten-films DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED , der zu ihrem bekanntesten Werk wurde. Die NS-Zeit verbrachte Lotte Reiniger großenteils in der Emigration, in den Fünfzigern arbeitete sie für die BBC, nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie nach Deutschland zurück und starb 82jährig in Tübingen. Der 60minütige Dokumentarfilm von Susanne Marschall, Rada Bieberstein und Kurt Schneider erzählt das Leben der Künstlerin, zeigt ihre speziellen gestalterischen Fertigkeiten, verbunden mit vielen Filmausschnitten. Die schöne Hommage an Lotte Reiniger ist jetzt als DVD verfügbar. Mehr dazu: list_item=53

Michael Haneke

2013.Du.HanekeVor einem Jahr hatte Michael Hanekes AMOUR in Cannes Premiere und startete seinen Siegeszug durch das Weltkino. Jetzt widmet die Schweizer Zeitschrift Du dem österreichi-schen Regisseur ein interessantes Themenheft. Die Reporterin Daniele Muscionico beschreibt fast sarkastisch die Stimmungs-ambivalenzen, denen ein Journalist in einem Haneke-Interview ausgesetzt ist. Die Münchner Filmkritikerin Martina Knoben und der Wiener Kritiker Stefan Grissemann haben sich noch einmal alle Haneke-Filme angeschaut, sie die Kinofilme, er die Fernsehfilme. Zwei Texte mit Blick für inhaltliche und ästhetische Zusammenhänge. Über jeweils einen Film schreiben die Schriftstellerinnen Terézia Mora (CACHÈ) und Sibylle Berg (FUNNY GAMES) mit einer sehr persönlichen Haltung. Gerda Wurzenberger reflektiert über das österreichische Wesen des Regisseurs. Der Zürcher Operndramaturg Claus Spahn hat sich die Haneke-Inszenierung von „Cosi fan tutte“ in Madrid angeschaut. Und den Abschluss bildet ein Gespräch mit der Schauspielerin Isabelle Huppert. Wie immer bei Du sind die Fotos von besonderer Qualität. Das neue Heft fügt sich in die große Reihe der Regisseurs-Würdigungen dieser Zeitschrift, zuletzt galten sie Clint Eastwood (März 2012), Ang Lee (Februar 2006), Pedro Almodóvar (September 2002). Mehr: www.du-magazin.com/

Michael Ballhaus

2013.Ballhaus 2Der 30. Band der Film-Konzepte ist dem Kameramann Michael Ballhaus gewidmet. Die Herausgeberin Fabienne Liptay hat ein langes, inten-sives Gespräch mit ihm geführt, das am Ende des Bandes abgedruckt ist. Acht Texte umkreisen sein Werk und suchen spezielle Stilmerk-male. Der zentrale Essay stammt von Karl Prümm; mit großer Genauigkeit rekonstruiert er die Zusammenarbeit zwischen Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder bei insgesamt 17 Filmen zwischen 1970 und 1978, von WHITY bis zur EHE DER MARIA BRAUN. Hier werden Entwicklungen beschrieben, Erfindungen analysiert und die sehr speziellen Spannungen zwischen einem bildbesessenen Regisseur und einem eigenwilligen Kameramann thematisiert. Zwei Texte spezifizieren die Arbeit für RWF: der Kunsthistoriker Christian Drude interpretiert die klaustrophilen Bilder nach Klimt in DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, Susanne Marschall öffnet den Blick für die Bildvisionen in WELT AM DRAHT. Die Zusammenarbeit von Ballhaus mit Martin Scorsese beschreibt Matthias Bauer sehr konkret am Beispiel von drei Filmen. Ein kurzer Text über BRAM STOKER’S DRACULA stammt von dem Filmemacher Rudi Gaul. Drei Kameraleute – Stephan Vorbrugg & Diana Weilepp (beide sind Absolventen der Münchner HFF) und Rolf Coulange – haben jeweils ihre persönlichen Eindrücke von der Bilddramaturgie, der Bildersuche und den visuellen Konzepten von Ballhaus formuliert. Juliane Lorenz darf kurz für den physischen Erhalt des Filmerbes im digitalen Zeitalter werben. Nach dem Buch „Das fliegende Auge“ (Ballhaus im Gespräch mit Tom Tykwer, 2002, aktualisierte Neuausgabe 2011) hat es eine neue Ballhaus-Publikation natürlich schwer. Die Lektüre des 120-Seiten-Heftes ist sehr anregend und bringt auch neue Erkenntnisse. Mehr zur Publikation: neu_werke_default_film

Philosophie des Films

2013.Früchtl 2Ohne Philosophiestudium kann man diesem Buch nicht gerecht werden. Deshalb formuliere ich mit aller Vorsicht ein paar Gedanken, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen. Josef Früchtl (*1954), Professor für Philosophie und Kultur an der Universität Amsterdam, rekapituliert die auch von Gilles Deleuze vertretene These, dass das Medium Film auf der Basis des Neorealismus, der Nouvelle Vague und des westdeutschen Autorenfilms dafür gesorgt hat, den Menschen im ontologischen und existentiellen Sinne Vertrauen in das Funktionieren der Welt zurückzugeben. Im Zentrum des Buches steht dann der Versuch, die Vertrauensthese von Deleuze zu befreien und ihr mit dem Denken anderer Philosophen zu einer eigenständigen, weniger metaphysischen Bedeutung zu verhelfen. Dafür holt sich Früchtl Unterstützung bei Jean-Luc Nancy, Walter Benjamin, Georg Simmel, Immanuel Kant, Hans Ulrich Gumbrecht, Stanley Cavell und einem Dutzend anderer Kollegen. Die neun Kapitel – meist aus Vorträgen destilliert – bauen ein kompliziertes Konstrukt aus Definition, Abgrenzung und neuer Hypothese. Der Film selbst spielt dabei zwar eine existentielle, aber nur in wenigen Momenten eine konkrete Rolle. Seinen Einstieg findet Früchtl mit der Schlussszene des Antonioni-Films BLOW UP, die als Einladung zum Vertrauen interpretiert wird. Ein kleines Kapitel ist dem Film FIGHT CLUB von David Fincher gewidmet. Da geht es um den „Kampf des Ich mit und gegen sich selbst.“ Als dritter Film wird im siebten Kapitel FLAGS OF OUR FATHERS von Clint Eastwood auf das Heldenbild hin untersucht. Das ist mir, aufs Ganze gesehen, zu wenig Konkretisierung. Im Labyrinth der Philosophie hätten mir ein paar Brücken in die filmische Realität sehr geholfen. Aber wahrscheinlich bin ich die falsche Zielgruppe für diese Publikation. Und für ein Zweitstudium ist es leider ein bisschen zu spät. Mehr zum Buch: titel/978-3-7705-5506-2.html

Hundert Ufa-Stars

2013.Ufa-GesichterEr hat Bücher über Peter Lorre, Karlheinz Böhm und Sybille Schmitz geschrieben und sich speziell mit dem deutschen Film der 1930er, 40er und 50er Jahre beschäftigt. Friedemann Beyer (*1955) beherrscht das Handwerk des Portraitierens. 1991 erschien in der Heyne-Filmbibliothek  sein Buch „Die Gesichter der Ufa“. Jetzt hat er es für eine Neuausgabe überarbeitet: aktualisierte Texte, besserer Druck, anderer Verlag. Hundert Schauspielerinnen und Schauspieler sind hier versammelt, je zur Hälfte Frauen und Männer, jeder Person ist eine Doppelseite gewidmet, links der Text, rechts das Bild. Bei den Frauen beginnt es mit Lida Baarová und endet mit Paula Wessely (Titelfoto: Lilian Harvey), bei den Männern wird die Reihe von Alfred Abel eröffnet,  Mathias Wieman schließt sie. Es gibt ein informatives Vorwort und eine kleine Ufa-Chronik. 99 Portraitierte sind inzwischen tot, nur eine ist noch am Leben: Marta Eggerth. Die in Ungarn geborene Schauspielerin und Sängerin ist 1938 in die USA emigriert und wohnt, 101 Jahre alt, in New York. Mehr zum Buch: ufa/index.html

Cannes

2013.CannesIn Cannes beginnt heute das 66. Festival. Es wird mit Baz Luhrmans Film THE GREAT GATSBY eröffnet, der ab morgen auch schon in den deutschen Kinos zu sehen ist. Zwanzig Filme konkurrieren im Wettbewerb, darunter allein sechs Beiträge aus Frankreich. Man kann gespannt sein u.a. auf UN CHÂTEAU EN ITALIE von Valeria Bruni Tedesci, INSIDE LLEWYN DAVIS von Ethan und Joel Coen, THE IMMIGRANT von James Gray, ONLY LOVERS LEFT ALIVE von Jim Jarmusch, NEBRASKA von Alexander Paine, LA VÉNUS À LA FOURRURE von Roman Polanski, BEHIND THE CANDELABRA von Steven Soderbergh oder ONLY GOD FORGIVES von Nicolas Winding Refn. Die Jury wird von Steven Spielberg präsidiert. Sofia Coppolas neuer Film THE BLING RING läuft nur in der Reihe „Un certain regard“. Die Retrospektive offeriert „Cannes Classics“, 25 Filme u.a. von Bernardo Bertolucci, René Clément, Jean Cocteau, Alfred Hitchcock, Yasujiro Ozu, Satyajit Ray, Luchino Visconti und Billy Wilder. Ein deutscher Film ist nicht dabei. In zahlreichen Festival-Blogs wird zeitnah aus Cannes berichtet. Mehr zum Programm: www.festival-cannes.fr/en.html

Luchino Visconti

2013.ViscontiEr gehörte zu den Mitbegründern des italienischen Neorealismus und wurde später einer der Großen des Melodrams. Luchino Visconti (1906-1976) hat 15 Spielfilme gedreht, die meisten in den 1960er und 70er Jahren. Sechs Filme gibt es jetzt in einer schönen Arthaus-Box, drei davon zum ersten Mal als DVD: OSSESSIONE (1942), die Verfilmung des James M. Cain-Romans „The Postman Always Rings Twice“ mit Massimo Girotti und Clara Calamai, LA TERRA TREMA (1947/48), ein fast dokumentarischer Film nach einem Roman von Giovanni Verga mit sizilianischen Laiendarstellern, und BELLISSIMA (1951), nach einer Novelle des Neorealismus-Ideologen Cesare Zavattini mit Anna Magnani als Mutter eines potentiellen Kinderstars. SENSO (1954), Viscontis erster Historienfilm, mit Alida Valli und Farley Granger, wird in einer restaurierten Fassung vorgelegt. ROCCO E I SUOI FRATELLI (1960) mit Alain Delon, Renato Salvatori und Annie Girardot ist Viscontis letzter dem Neorealismus verbundener Film und erzählt eine Familiengeschichte aus Mailand. LUDWIG (1972) blickt zurück ins 19. Jahrhundert und inszeniert die Lebensgeschichte des Bayerischen Königs, der sich vor allem für die schönen Künste (und für Richard Wagner) interessierte. Mit Helmut Berger, Romy Schneider und Trevor Howard. Gute Zeiten, Visconti für die Gegenwart wiederzuentdecken. Mehr zur DVD: luchino_visconti_edition_

Werner Schroeter

2013.Schroeter DVDNun sind, dank der Restaurierungsarbeit des Münchner Filmmuseums, zwei relativ frühe Filme von Werner Schroeter als Doppel-DVD verfügbar: DER BOMBERPILOT (1970) und NEL REGNO DI NAPOLI/ NEAPOLITANI-SCHE GESCHWISTER (1978). Beide Filme handeln in der Kriegs- und Nachkriegszeit, DER BOMBERPILOT in Deutschland, NEL REGNO DI NAPOLI in Italien. Mit Carla Aulaulu, Mascha Elm und Magdalena Montezuma realisierte Schroeter so etwas wie eine Komödie, in der, wie so oft bei ihm, drei Frauen im Mittelpunkt stehen. Sie reüssieren als Künstlerinnen, oft am Rande grotesker Trivialität, zwischen Deutschland und den USA (auch die Amerika-Szenen wurden jedoch in Deutschland gedreht), und auf den titel-gebenden Bomberpiloten wartet man natürlich vergebens. Der Film wurde fürs „Kleine Fernsehspiel“ realisiert und ist relativ unbekannt. Die Geschichte des Geschwisterpaares Massimo und Vittoria aus Neapel erzählt vergleichsweise realistisch das Leben der Stadt zwischen 1944 und 1977. Der Zweistundenfilm ist voll von Haupt- und Neben-figuren, Schicksalen und Todesfällen, gedreht mit Laiendarstellern und einer professionellen Kamera von Thomas Mauch. Die DVD enthält als Bonusmaterial einen Schroeter-Film von 1978 (VIVRE À NAPLES ET MOURIR) und die Dokumentation eines Besuchs von Schroeter im Österreichischen Filmmuseum, ebenfalls 1978. Im Booklet findet man Kommentare von Schroeter zu den beiden frühen  Filmen und einen Text von Fassbinder über Schroeter aus dem Jahr 1979. Weitere Schroeter-Filme sollen in der Reihe „Edition Filmmuseum“ folgen. Mehr zur DVD: Der-Bomberpilot—Nel-Regno-di-Napoli.html