Otto Sander

2013.Otto SanderGestern ist der Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Ich habe ihn in den siebziger Jahren als Ensemblemitglied der Schaubühne sehr verehrt und über alle Jahre als Filmdarsteller hoch geschätzt. Er wird mir in vielen Rollen in Erinnerung bleiben, als Kapitänleutnant in DAS BOOT, als Staatsanwalt in PALERMO ODER WOLFSBURG, als Karl Liebknecht in ROSA LUXEMBURG, als Engel Cassiel in DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH!, als Krimineller in DER BRUCH. Wir kannten uns persönlich seit Mitte der siebziger Jahre, als sich seine Ziehtochter Meret und meine Tochter Friderike in der Schule eng befreundeten. Die Verbindung zwischen der Jenaer Straße und der Kufsteiner Straße war damals sehr intensiv, und Ottos Frau, Monika Hansen, hatte daran einen großen Anteil. Otto Sanders Stimme prädestinierte ihn für Lesungen, Hörbücher und Synchronisationen. Aber es war vor allem die Präsenz auf der Bühne, die seinen Ruf als herausragender Darsteller begründet hat: in Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“, in Tschechows „Sommergästen“, in Robert Wilsons „Death, Destruction & Detroit“, in den „Bakchen“ des Euripides. 1981 hat er als Regisseur zusammen mit Bruno Ganz einen wunderbaren Film über die beiden Schauspieler Bernhard Minetti und Curt Bois gedreht: GEDÄCHTNIS. Ich bin über Ottos Tod sehr traurig. Zum 70. Geburtstag vor zwei Jahren hat Peter von Becker im Tagesspiegel ein Porträt geschrieben, das Otto Sander sehr nahe kam: der-gluecksrabe/4334352.html .

Film in der Schweiz

2013.Schweiz

Die große Zeit des Schweizer Films waren die 1970er und frühen 80er Jahre, dies gilt vor allem für die deutschsprachige Schweiz. Wir erinnern uns an die Filmemacher Alexander J. Seiler (UNSER LEHRER, 1971), Daniel Schmid (HEUTE NACHT ODER NIE, 1972), Kurt Gloor (DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER, 1976), Richard Dindo (DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS RICHARD S., 1976), Rolf Lyssy (DIE SCHWEIZERMACHER, 1978), Markus Imhoof (DAS BOOT IST VOLL, 1982) oder Fredi M. Murer (HÖHENFEUER, 1986), die damals auch international anerkannt wurden. In der „Blauen Reihe“ des Hanser Verlages erschien 1978 das Buch „Film in der Schweiz“, 1985 publizierte Wolfgang Gersch seine „Schweizer Kinofahrten“. Die Produktionsbedingungen und die staatlichen Förderungen in unserem Nachbarland hatten immer einen Zusammenhang mit der Größe und dem finanziellen Potential der föderalen Schweiz. Das 140-Seiten-Buch des Kultursoziologen Olivier Moeschler mit dem Untertitel „Kulturpolitik im Wandel: der Staat, die Filmschaffenden, das Publikum“ liefert die notwendigen Basisinformationen für die vergangenen fünfzig Jahre, es bewertet die Förderungseffekte, die künstlerischen Höhepunkte und auch die Durststrecken, es ist sehr gut recherchiert. Die Parallelen zur Filmförderung in der Bundesrepublik halten sich allerdings in Grenzen. Das Titelbild benutzt Produktionsfotos des Films IMAGE PROBLEM (2012) von Simon Baumann und Andreas Pfiffner. Mehr zum Buch: der-schweizer-film.html

DOKU.ARTS

2013.doku.artsHeute beginnt im Berliner Zeughauskino das Festival DOKU.ARTS. Andreas Lewin hat ein interessantes Programm mit 22 Dokumen-tar- und Kompilations-filmen zur Kunst und über Künstler aus 17 Ländern zusammen-gestellt. Einen Schwerpunkt bilden in diesem Jahr Filme, die mit Archivmaterial arbeiten. Als regionaler Fokus sind nordafrikanische Länder und der arabische Raum zu erkennen. Eröffnet wird das Festival mit dem Film ROOM 237 von Rodney Ascher, der Stanley Kubricks THE SHINING analysiert. Zwei deutsche Filme stehen auf dem Programm: TADAO ANDO: VON DER LEERE ZUR UNENDLICHKEIT von Mathias Frick, ein Portrait des japanischen Architekten, und TRANSMITTING von Christoph Hübner, eine Begegnung mit den Jazzmusikern Joachim Kühn, Majid Bekkas und Roman Lopez. Das Festival wird neuerdings von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Mehr zum Programm: http://doku-arts.de/2013/de/programme

Die Brüder Dardenne

2013.DardenneDie Brüder Dardenne, Jean-Pierre (*1951) und Luc (*1954), gehören inzwischen zu den wichtigsten Autoren/Regisseuren des europäischen Films. Schön, dass ihnen das neue Heft der Film-Konzepte gewidmet ist, das Johannes Wende herausgegeben hat. Es enthält zunächst Tagebuchauszüge von Luc Dardenne von 1993 bis 2005, die auf Deutsch noch nicht erschienen sind. Dann folgen vier Aufsätze: Andreas Gruber, Regisseur und Filmprofessor an der Münchner HFF, schreibt über den „Kriegsfilm“ ROSETTA (1999). Johannes Wende analysiert die wichtige Rolle des Geldes in den Dardenne-Filmen. Johannes Rosenstein erweitert die Motiv-Beobachtungen auf Grenze, Wald und Seele („Innen ist außen“). Mariella Schütz, die 2011 ein Buch über das „Explorationskino“ der Dardennes publiziert hat, beschäftigt sich mit den Figuren des Jungen Olivier und des Mörders Francis in LE FILS (2002). Vier kluge, den Brüdern sehr zugeneigte Texte. Mehr zum Heft: werke_default_film .

Joris Ivens

2013.IvensVor 25 Jahren wurde sein letzter Film, UNE HISTOIRE DU VENT, in Venedig uraufgeführt, und Joris Ivens erhielt einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Ein Jahr später starb er neunzigjährig in Paris. Der Holländer war einer der Großen der internationalen Dokumentarfilm-geschichte, beginnend mit den experimen-tellen Filmen DE BRUG (1928) und REGEN (1929). BORINAGE (1934, mit Henri Storck) und SPANISH EARTH (1937, mit dem Kommentar von Ernest Hemingway) waren wichtige Stationen eines politischen Engagements. Ivens drehte in den späten 1930er Jahren in den USA, unterstützte die indonesische Unabhängigkeitsbewegung, realisierte in den 50er Jahren Dokumentarfilme in Osteuropa, nahm mit verschiedenen Filmen Stellung gegen den Vietnamkrieg und schuf in den 70er Jahren zusammen mit Marceline Loridan den zwölfteiligen Zyklus COMMENT YUKONG DEPLACA LES MONTAGNES über die Kulturrevolution in China. Ich habe Ivens 1974 an der dffb kennen gelernt und damals das Protokoll eines siebenstündigen Gesprächs mit den Studenten ediert („Von Joris Ivens lernen“), später für den Film ZWISCHEN DEN BILDERN ein interessantes Interview mit ihm geführt und mich viel mit seinem Werk beschäftigt. Mein Text „The Flying Dutchman“ steht im Netz (/2001/04/356/ ). Es war eine große Tat von Absolut Medien, eine DVD-Box mit den wichtigsten Ivens-Filmen herauszugeben; der Direktor der Ivens-Stiftung, André Stufkens, hat dazu ein sehr informatives Buch geschrieben. Die Box gehört zum Pflichtbestand jedes Dokumentarfilminteressenten. Mehr zur Box: edition&list_item=53

Ikonen des Film noir

2013.Film noirIm Münchner Filmmuseum beginnt heute die Reihe „Noir to the Core“, ein Blick zurück in die 1940er und 50er Jahre. Das Pro-gramm gruppiert seine 46 Filme um Autoren (James M. Cain, Raymond Chandler, Dashiel Hammett, Cornell Woolrich), die wir einmal mit Leidenschaft gelesen haben, um Regisseure (Robert Siodmak, Joseph L. Lewis, Anthony Mann, Edgar G. Ulmer), die wir noch immer hoch schätzen, um Stars (Humphrey Bogart, Gene Tierney, Richard Widmark, Gloria Grahame, Robert Mitchum, Barbara Stanwyck), die wir unvermindert verehren. Der amerikanische Filmkritiker Glenn Erickson hat die Reihe zusammengestellt, sie ist bis Mitte Februar 2014 zu sehen. Alle Filme laufen natürlich in der Originalfassung, und sie sind so schwarzweiß, wie man es sich nur träumen kann. Foto: Burt Lancaster und Ava Gardner in THE KILLERS (1946) von Robert Siodmak. Mehr zur Filmreihe: film-noir.html

Das Politische im Dokumentarfilm

2013.ZoomingAm Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien fand im Mai 2012 ein Symposium zu „Produktionen des Politischen im neueren deutschsprachigen Dokumentarfilm“ statt. Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Veranstaltung, bei der Theoretiker und Praktiker aufeinander trafen. Das Titelbild spielt mit dem Tandem-Begriff, und Gespräche, zum Beispiel zwischen Anette Baldauf und Katharina Weingartner über den neueren österreichischen Dokumentarfilm oder zwischen Elisabeth Scharang und Dan Christian Ghattas über Intersexualität, sind ein Schwerpunkt der Publikation. Vier „monologische“ Texte bilden die Mitte des Buches: Eva Hohenberger stellt Fragen zu Form und Politik im Dokumentarfilm, Peter Zimmermann gibt einen historischen Überblick über den dokumentarischen Portraitfilm in Deutschland, Georg Seeßlen setzt sich begrifflich und sinnsuchend mit dem Essayfilm auseinander, Christian Schulte äußert sich zur Film-Poetik von Alexander Kluge. Insgesamt haben 22 Autorinnen und Autoren mitgearbeitet. Das Buch aus unserem Nachbarland gibt viele Anregungen für eine Vertiefung der Debatte über den Dokumentarfilm. Mit Literaturhinweisen und akzeptablen Abbildungen. Mehr zum Buch: books/806/7462

Vampirkult im Film

2012.VampireIm Düsseldorfer Film-museum findet zurzeit die Ausstellung „Fürsten der Finsternis“ statt, und dies ist der Katalog – oder besser: das Basisbuch – dazu, heraus-gegeben vom Museums-Chef Bernd Desinger und seinem Vize Matthias Knop im belleville Verlag von Michael Farin. Es enthält sechs größere Aufsätze. Knop sucht nach Vampirmotiven im frühen Film, Desinger biografiert die vier Vampirdarsteller Max Schreck, Bela Lugosi, Christopher Lee und Gary Oldman, Özdan Süzer konzentriert sich auf den hypnotisierenden Blick in Tod Brownings DRACULA (1931), und Karin Woyke reflektiert über weibliche Monstrosität am Beispiel der Vampirin im Film. Zwei umfangreiche Texte stammen von dem Autor Hans Schmid, der eine eigenständige Geschichte des Frankenstein-Films vorbereitet; er analysiert zunächst mit verschiedenen Querverweisen die Filme NOSFERATU – EINE SINFONIE DES GRAUENS (1921) von F. W. Murnau und VAMPYR (1931) von Carl Theodor Dreyer, eingerahmt von den dokumentarischen Filmen UMBRACLE (1970) und VAMPIR (1972) von Pedro Portabella mit Christopher Lee; Schmids zweiter Text ist eine informative Passage durch den europäischen Vampirfilm der 1960er und 70er Jahre. Die zahlreichen Abbildungen sind von exzellenter Qualität, es fehlt ein Register, und nur im Vorwort wird auf die Ausstellung verwiesen. Aber es ist ein schönes Buch. Titelbild: Helen Chandler und Bela Lugosi in DRACULA. Mehr zur Publikation: buch.php?ID=573

Kindheiten

2013.KindheitenIn zehn Texten wird im Band 7 der Reihe „Projektionen“ das Thema Kindheiten in Literatur und Film konkretisiert. Der umfangreichste (Autorin: Bettina Kümmerling-Meibauer) handelt von der Darstellung von Störungen der Kindheit. Hans-Richard Brittmacher beschreibt Lebewesen, die um ihre Kindheit betrogen wurden: Kaspar Hauser und seine Geschwister Mignon und Meret. Anette Kaufmann entwickelt eine kleine Phänomenologie kindlicher Monster im Film. Im Beitrag von Andreas Friedrich geht es um Portale und Spiegelwelten im Fantasyfilm, im ersten Text von Felicitas Kleiner um die Verfilmung der Harry Potter-Romane. Ihr zweiter Text ist kurz und besonders originell, er verbindet Kinder und Fahrräder im Film, „Spritztour mit einem Requisit“. Eva Hiller schreibt über „zu groß geratene Kinder“ und analysiert sehr beeindruckend die Filme PRETTY BABY von Louis Malle, LITTLE MISS SUNSHINE von Jonathan Dayton und Valerie Faris, ABOUT A BOY von Chris und Paul Weitz und WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN von Lynne Ramsey. Natürlich geht es auch immer um die Erwachsenen. Also um uns, die Leser dieses Buches, das Thomas Koebner ediert hat. Mehr zum Buch: neu_werke_default_film

Zerstörte Vielfalt

2013.Zerstörte VielfaltIm Hamburger Metropolis-Kino beginnt heute eine Filmreihe mit dem Titel „Zerstörte Vielfalt“. Es geht um die „Trans-formation des Weimarer Kinos in den national-sozialistischen Film“, die bekanntlich nicht von einem Tag auf den anderen erfolgte, sondern in einem monatelangen Prozess, aus dem sich Künstler jüdischen Herkunft oder kommunistischer Überzeugung ins Exil verabschieden mussten. Im Hamburger Programm sind entsprechend Filme wie LIEBELEI, DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE und VIKTOR UND VIKTORIA mit HITLERJUNGE QUEX, S.A.-MANN BRANDT und FLÜCHTLINGE konfrontiert. Und man kann relativ unbekannte Filme wie SCHLEPPZUG M 17 von Heinrich George und Werner Hochbaum oder DAS HÄSSLICHE MÄDCHEN von Hermann Kosterlitz mit Dolly Haas wiedersehen. Die 16teilige Filmreihe entstand in Zusammenarbeit der Deutschen Kinemathek mit CineGraph Hamburg. Zur Eröffnung präsentiert Rainer Rother den Film MORGENROT von Gustav Ucicky mit Rudolf Forster und Adele Sandrock. Mehr zum Programm: Programmheft_1933.pdf .