Kinematographisches Handeln

Bild 1Der Filmemacher und Medienwissen-schaftler Rainer Bellenbaum reflektiert zunächst philosophisch und filmhistorisch die kinematografischen Handlungsmodelle in der Frühzeit; da geht es vor allem um die Brüder Lumière, Edwin S. Porter und David W. Griffith. Als philosophische Stützpfeiler dienen Hannah Arendt, Jacques Lacan und Jürgen Habermas. Im zweiten Kapitel werden die Produktionsmittel durchdacht; dafür sind ihm Hans Richter, Viking Eggeling, Fernand Léger, Man Ray, Germaine Dulac, Luis Bunuel, Dziga Vertow und Marcel Duchamp die wichtigsten Protagonisten. Philosophische Schützenhilfe kommt von Henri Bergson und Gilles Deleuze. Das dritte Kapitel heißt „Film als Aktivität“. Schauplatz ist hier zunächst die USA, die handelnden Personen sind Maya Deren, Joseph Cornell, Stan Brakhage, Andy Warhol und Jonas Mekas, dann geht es über Kanada (Michael Snow) nach Europa, zu Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard und Lars von Trier. Im vierten Kapitel, „Migrationen des Kinematografischen“, schließt sich der Gedankenkreis des Autors. Das Kino ist nicht mehr der wichtigste Ort des kinematografischen Handelns, sondern das Museum, der Ort für Ausstellungen. Hauptdarsteller sind nun Harun Farocki, Maurizio Lazzarato, Angela Melitopoulps, Omer Fast und Yael Bartana. 18 gut ausgewählte Abbildungen. Mehr zum Buch: k-handeln/index.html

Herbert Linder

2013.LinderEr hat kluge, differenzierte Texte zum Thema Film geschrieben, die noch immer lesenswert sind. Sie erschienen ab 1964 in der Zeitschrift Filmkritik, ab 1967 in der Süddeutschen Zeitung, ab 1968 im Zürcher Tages-Anzeiger. Er galt als sehr intelligent, aber streitsüchtig. Persönlich habe ich ihn nicht kennen gelernt. Herbert Linder (1941-2000) ist der 17. Band der Reihe „Film & Schrift“ gewidmet. Die Hommage von Stefan Flach ist als fiktiver Dialog zweier „Nachgeborener“ gestaltet, die sich über die „Ästhetische Linke“ Gedanken machen. Rolf Aurich hat sich auf das Jahr 1972 konzentriert, ausgehend von einem Themenheft der Filmkritik zu Leni Riefenstahl (Redaktion: Herbert Linder und Herman Weigel). Er fördert sehr widersprüchliche Meinungen über Linder zutage. Die „Zeittafel“, hervorragend recherchiert, listet die sehr komplexen Tätigkeiten Linders in den 1960er und frühen 70er Jahren auf. 1971 wanderte er nach Amerika (N.Y.) aus, gab zwei Nummern der Zeitschrift Filmhefte heraus und betrieb in den folgenden Jahren ein Antiquariat für Filmliteratur, Fotografie und Architektur. Das Buch dokumentiert 31 Texte, darunter den phänomenalen Essay über Max Ophüls, „Die Lust am Sehen“, publiziert in der Filmkritik im Mai 1967. Und man kann viele Entdeckungen machen. Ich kannte zum Beispiel nicht seine Überlegungen zu den Marx-Brothers aus dem Tages-Anzeiger (1969) und hatte seine Assoziationen zu Amerika in der Filmkritik (April 1971) schlicht vergessen. Die beigefügte DVD enthält den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen Raimund Koplin und Herbert Linder aus dem Frühjahr 1969.  Mehr zum Buch auf der neuen Homepage des Verlages edition text + kritik: UxBV2xxiBgs

Genre Hybridisation

2013.HybridisationIm Februar 2012 fand in Mainz eine Konferenz zum Thema „A Paradigm of Cultural Globalization“ statt. Die Vorträge – alle in Englisch – wurden jetzt in der Reihe „Marbur-ger Schriften zur Mediendrama-turgie“ publiziert. Einige interessante Texte wurden hinzugefügt. Der Horizont ist weit gespannt. Es geht um Geschichte und Gegenwart, um diverse Genre, einzelne Filme und auch einige weit entfernte Länder. Die beiden Herausgeber, Ivo Ritzer und Peter W. Schulze (Mainz), haben eine ausführliche Einleitung verfasst. Ich wähle sechs Texte aus, die mich am meisten interessiert haben: Marcus Stigleggers Referat über den Gothic Horror in Antonio Margheritis Spaghetti-Western. Dimitri Eleftheriotis’ Essay über die Filme von Jules Dassin (ihm haben wir 1984 eine Hommage der Berlinale gewidmet), Ivo Ritzers Vortrag über „Hybridisation, Deterritorialism, and the Post-Colonial Imaginary in Transnational Philippine Media Culture“ (auch wenn das philippinische Kino mir eher fremd ist), Barry Keith Grants Überlegungen zu Bram Stokers „Dracula“ und den beiden Verfilmungen von Murnau und Herzog, Irina Gradinaris Erkenntnisse über das neue russische Action-Kino von Aleksay Balabanov und Oksana Bulgakowas Text über den Umgang mit Genres und den zeitweiligen Verzicht darauf im sowjetischen Kino von den 1920er bis in die 50er Jahre. Die Abbildungen sind technisch perfekt, auch wenn sie manchmal relativ klein erscheinen. Mehr zum Buch: global-cinematic-flow.html

Dokumentarfilm-Ausbildung

2013.DokumentarfilmEs geht um die Ausbildung zum Filmdokumentaristen. Der Herausgeber Edmund Ballhaus ist Volkskundler und Filmemacher. Sein Buch hat eine klare Struktur: in vier Kapiteln werden die Filmhochschulen, die Kunsthochschulen, die ethnologischen und die kulturanthropologischen Institute Deutschlands, der Schweiz und Südtirols (Bozen) mit ihren Unterrichtskonzepten vorgestellt. Es gibt Interviews und Projektberichte. In einem letzten Kapitel werden Dokumentarfilmkonzepte und Repräsentationsformen im Umbruch thematisiert. Zu den Autoren gehören einige mir bekannte Protagonisten der Filmausbildung: Mathias Allary, Pepe Danquart, Dietrich Leder, Klaus Stanjek, Heiner Stadler, Dominik Wessely. Man spürt ihre oft langjährige Lehrerfahrung, Das Telefonat des Herausgebers mit Thomas Schadt hat einen fast dokumentarischen Duktus. Schadt bringt immerhin auch die Berliner dffb ins Spiel, die ansonsten in diesem Band nicht vorkommt, weil sie keinen eigenen Dokumentarfilm-Schwerpunkt hat. Auch die Wiener Filmakademie fehlt. Diese Lücken verwundern, aber die Lektüre der Texte vor allem von Leder (KHM, Köln), Stadler (HFF München), Stanjek (HFF Babelsberg) und Wessely (ifs, Köln) lohnt sich. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: =102864&verlag=4

Zur Genese des Jungen Deutschen Films

2013.AstMit dieser Dissertation hat Michaela Ast 2013 an der Ruhr-Universität in Bochum promo-viert. Der Titel „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ ist ein Zitat aus dem „Oberhau-sener Manifest“ vom Februar 1962. Die Autorin stellt ihren Text methodisch in den Zusammenhang der „New Film History“, sie untersucht das Entstehen des Jungen Deutschen Films nicht primär an den Filmen selbst, sondern stellt sie in den größeren Zusammenhang (film)politischer, (film)publi-zistischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Ein wichtiger Aspekt sind für sie die „Westdeutschen Kurzfilmtage“ in Oberhausen. Auch die Zeitschrift Filmkritik spielt für sie eine große Rolle. Sie hat in den Archiven sorgfältig recherchiert (davon zeugen 1.369 Quellenhin-weise). Eigene Kapitel gelten der Frage „Operationalisierung des Films für Gesellschaftskritik oder Operationalisierung von Gesellschaftskritik für den Film?“ und dem Verhältnis des Jungen Deutschen Films zu Sprache und Literatur. Der Anhang enthält reproduzierte Dokumente und fünf Interviews mit Zeitzeugen, mit den Manifest-Unterzeichnern Bernhard Dörries und Haro Senft, dem damaligen Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage Hilmar Hoffmann, dem filmpolitisch sehr engagierten Tagesspiegel-Redakteur Volker Baer und der Schauspielerin Hanna Schygulla. Das Cover-Foto stammt von Haro Senft. Mehr zum Buch: wir-glauben-an-den-neuen.html

TAT/ORT

2013.TAT:ORTMit der Krimireihe in unserem Ersten Fernsehprogramm hat dieses Buch nicht das Geringste zu tun. Es handelt sich vielmehr um die Dissertation des Schweizer Filmwissenschaftlers Johannes Binotto, mit der er 2010 in Zürich promoviert hat. Den Eingang in seinen Text bildet das Horrorhotel „The Castle“ in Chicago, das der Serienmörder H. H. Holmes in den 1890er Jahren erbauen ließ und zu einem Tatort machte. Am Ende, als Ausgang, sind wir in dem von Gregor Schneider ab 1985 erbauten „Haus ur“ in Mönchengladbach-Rheydt, das  wie ein Irrgarten funktioniert. Auf der Basis des von Freud und Lacan für die Psychoanalyse definierten „Unheimlichen“ schlägt Binotto einen großen historischen Bogen durch die Kulturgeschichte, von Giovanni Battista Piranesi über Edgar Allen Poe, Charlotte Perkins Gilman, H. P. Lovecraft bis zu Fritz Lang („Obskure Kammern“) und Dario Argento („Perverse Räume“). Bei jeder Person findet der Autor einen für die Thematik individuellen Kern. Und wer eine Affinität zum Unheimlichen hat, wird mit vielen Entdeckungen konfrontiert. Dass Binotto ein glänzender Stilist ist, wissen wir u.a. aus seinen Texten für das Film-Bulletin. Seine Dissertation wurde von Elisabeth Bronfen wissenschaftlich betreut. Ein kleiner Nachteil des Buches: die Abbildungen sind technisch nicht gerade brillant. Titelfoto: Detail aus Hans Holbeins „The Ambassadors“ (1533). Mehr zum Buch: tatort-2178

Hollywood in Kodachrome

2013.Hollywood in KodachromeDies ist ein ganz spezielles Bilderbuch. Es handelt von den großen Hollywood-Stars der 1940er Jahre. Alle Fotos in den schönsten Farben, nichts ist verblasst. Mehr Hoch-glanz ist kaum vorstellbar. Es geht auf 328 Seiten um die Göttinnen und Götter der Zeit. Um ihre Gesichter, ihre Figur, ihre Kleider oder Anzüge, um Hüte und Schuhe, um Frisuren, Augen, Lippen, Hände und Schmuck, um privates Leben und öffentliche Auftritte, zu zweit, auch in Gruppen, aber vor allem allein, mit sich und dem Fotografen, der zu Posen animiert oder nur das Gesicht porträtiert. So sehen wir u.a. Ingrid Bergman, Bette Davis, Marlene Dietrich, Rita Hayworth, Hedy Lamarr, Jane Russell, Barbara Stanwyck, Fred Astaire, Humphrey Bogart, Montgomery Clift, Gary Cooper, William Holden, Frank Sinatra und 100 andere Stars, deren Namen zum Teil nur noch Spezialisten bekannt sind. Fotografiert von den Großen der Zeit, zum Beispiel George Hurrell, Clarence Sinclair Bull, Paul Hesse, Eugene Robert Richee. Auch der Krieg kommt ins Bild: Stars in Uniform, patriotisch vor der amerikanischen Flagge positioniert. Ein eigenes Kapitel gilt der Werbung: Zigaretten, Lippenstifte, Max Factor, Royal Crown Cola, Mint Cocktail, Lipton Tea. David Willis und Stephen Schmidt haben die Publikation herausgegeben, Rhonda Fleming hat ein Vorwort geschrieben. Titelbild: Lauren Bacall. Unser Freund Rick Rentschler hat uns das Buch aus Amerika mitgebracht. Danke! Mehr zum Buch: 9780062265548

Schauplatz „Tatort“

2013.TatortGestrige Tages-meldung: Meret Becker bildet zusammen mit Mark Waschke das neue Er-mittlerpaar im rbb-„Tatort“. Das gefällt mir gut, weil ich Meret seit ihrer Schulzeit kenne und als Schau-spielerin besonders schätze. – Im Münchner Callwey-Verlag ist kürzlich ein großes und sehr schönes Buch über die „Tatort“-Reihe erschienen. Sein Untertitel: „Die Architektur, der Film und der Tod“. Zunächst werden die Teams der „Tatorte“ in Wort und Bild vorgestellt (einschließlich Wohn- und Präsidiumsarchitektur, Wohnverhalten und Blickfang). In einem zweiten Hauptteil werden die „Tatort“-Städte Duisburg, Essen, Frankfurt, Berlin, Münster, München und Hamburg ausführlicher dokumentiert. Einzeltexte gelten u.a. speziellen „Tatort“-Gebäuden, den Szenenbildnerinnen im „Tatort“, der frauenbewegten Spurensuche in Frankfurt und Bremen, den Orten des Bösen, wo getötet wird und den Kommissarswohnungen als Charakterzeichnungen. Zehn Fragen werden von Mehmet Kurtulus, Stefan Konarske, Andres Hoppe und Adele Neuhauser beantwortet. Dominik Graf äußert sich in einem Gespräch über die Räumlichkeit der Spannung. Die Druckqualität des Buches ist hervorragend, die Texte (Autoren: Oliver Elser, Alexander Gutzmer, Udo Wachtveitl, Guido Walter) sind intelligent und fördern zum Teil überraschende Erkenntnisse zutage. Mehr zum Buch: www.callwey.de/buecher/schauplatz-tatort/

Wagner und das Kino der Dekadenz

Bild 1Ein schöner Nachklang des Wagner-Jahres, auch wenn inzwischen schon das Richard Strauss-Jahr begonnen hat: bei Turia + Kant wurden jetzt die Vorträge publiziert, die im April 2013 bei einem Symposium zur Veranstaltungsreihe „Wagner Kino“ im Zeughauskino gehalten worden sind. Dass ihre Lektüre zusätzlichen Gewinn bringt, war mir schon klar, als ich die Vorträge gehört habe. Der Philosophie-Professor Andreas Urs Sommer (Freiburg) setzt sich mit Nietzsche, Wagner und der Dekadenz auseinander. Der Filmhistoriker Bernd Kiefer (Mainz) bringt Wagner in eine sehr reflektierte Beziehung zu den Untergangsfantasien und Verfallsgeschichten von Luchino Visconti und Hans-Jürgen Syberberg. Peter Moormann, inzwischen Professor am Institut für Musikpädagogik der Universität Köln, unternimmt eine sehr sachkundige Entdeckung von Wagners Klangwelten im Fantasyfilm. Von Elisabeth Bronfen (Zürich) stammt ein neuer Essay über „Hollywoods Wagner“ mit analytischen Verweisen auf HI DOODLE DIDDLE (1943) von Andrew I. Stone, VERTIGO (1958) von Alfred Hitchcock, PANDORA AND THE FLYING DUTCHMAN (1951) von Albert Lewin und THE LADY EVE (1941) von Preston Sturges. Und Jörg Buttgereit (Berlin) führt ein sehr substantielles Gespräch mit Marcus Stiglegger (Siegen) über Wagnerianische Monsterfilmsound-tracks von Akira Ifukube. Den Abschluss des Bandes, den Jan Drehmel, Kristina Jaspers und Steffen Vogt herausgegeben haben, bildet eine Medieninstallation zum Thema „Wagner Kino“, die in der Akademie der Künste zu sehen war. Mehr zum Buch: www.turia.at/titel/wagnerkino.html

Kino und Geschichte bei Kracauer

2013.KracauerVor 125 Jahren, im Februar 1889, wurde er geboren, vor 48 Jahren, im November 1966, ist er gestorben. Siegfried Kracauer war Filmkritiker, Theoretiker und Geschichts-philosoph. Vor allem zwei seiner Bücher haben Spuren in der Filmgeschichtsschrei-bung hinterlassen: „Von Caligari zu Hitler“ (zuerst erschienen 1947) und „Theorie des Films“ (1960). Das jetzt vorliegende Buch „Film als Loch in der Wand“ basiert auf einem Workshop, der im November 2009 in Budapest und Wien stattfand. 13 Texte sind hier versammelt, beginnend mit Heide Schlüpmanns sehr reflektierten und informativen Essay über Kracauers politischen Humanismus und die Filmwissenschaft, der einen Bogen von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart schlägt. Ich nenne noch vier andere Beiträge, die mir besonders gefallen haben: die Überlegungen von János Weiss über Kracauers frühe filmtheoretische Reflexionen mit seiner fast euphorischen Kritik zu Karl Grunes DIE STRASSE (1923); Amália Kerekes’ Gedanken zum Begriff der Episode bei Béla Balázs und Kracauer; die Thesen von Philippe Despoix zur Geschichtsschreibung im Zeitalter fotografischer und filmischer Reproduzierbarkeit; und Siegfried Mattls Text über das Bild der Vergangenheit bei Siegfried Kracauer. In mehreren Beiträgen steht Kracauers letztes, posthum veröffentlichtes Buch, „Geschichte. Vor den letzten Dingen“ (1969), im Mittelpunkt, das ich nicht gelesen habe. Ich finde es wichtig, dass die Auseinandersetzung mit Kracauer auch in der Gegenwart stattfindet. Mehr zum Buch: www.turia.at/titel/kracauer.html