Fünf-Seen-Festival

Bild 1Vor fünf Jahren lief der Film AUGE IN AUGE auf dem Fünf-Seen-Festival in Starnberg, Schloß Seefeld, Herrsching, Weßling und Wörthsee. Das war ein wunderbares Sommer-erlebnis in Oberbayern, an das ich gern zurückdenke. Heute findet die Eröffnung des siebten Festivals statt, das inzwischen an Bedeutung gewonnen hat. Es gibt verschiedene Wettbewerbe (um den „Fünf Seen Filmpreis“ für einen Spielfilm aus dem deutschsprachigen Bereich, der noch nicht im Kino zu sehen war, um einen Drehbuchpreis, einen Nachwuchspreis, einen Dokumentarfilmpreis, einen Kurzfilmpreis und einen „Horizonte-Filmpreis“ mit  unterschiedlichen Jurys). Ehrengast ist der Autor Wolfgang Kohlhaase, der über 50 Jahre Drehbuch-schreiben spricht und an einem Werkstattgespräch „Schreiben fürs Kino“ teilnimmt. Es werden außerdem sieben Kohlhaase-Filme gezeigt. Ehrengäste sind auch Corinna Harfouch und der französische Regisseur Phillippe Lioret. In der Galerie der Kreissparkasse München Starnberg zeigt Lothar Just eine Auswahl von Festivalplakaten aus seiner Sammlung. Kuratiert von Elisabeth Carr findet in sieben verschiedenen Räumen eine Filmreihe statt, die sich mit Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Tanz, Dichtkunst und Film beschäftigt. Mehr zum Programm des Festivals: fff-2013-2/index.html

Heinrich George

2013.George-BuchWir befinden uns mitten in einer George-Saison. Gestern war das Dokudrama GEORGE auf Arte zu sehen, heute wird der Hauptdarsteller Götz, Sohn von Heinrich, 75 Jahre alt (in den Feuilletons gab es bereits zahlreiche Interviews mit ihm und jetzt folgen die Geburtstagsartikel), morgen läuft der Film im ARD-Programm (21.45 Uhr), heute Abend beginnt im Berliner Babylon eine große Heinrich-George-Retrospektive (sie dauert bis 4. August). Wem das immer noch nicht genug George ist, der kann in einem Buch an der Spurensuche des Regisseurs Joachim A. Lang teilnehmen, der dort seinen Weg zum GEORGE-Film sehr ausführlich beschreibt und dokumentiert. Deutsche Geschichte, Theatergeschichte, Filmgeschichte, Familiengeschichte. Das geht natürlich nicht ohne Wiederholungen und Redundanzen. Das Götz-Gespräch von Lang fand bereits 2012 statt, es umfasst 33 Druckseiten und handelt vor allem vom Vater-Sohn-Verhältnis, von den persönlichen Erinnerungen und von der Einschätzung der schauspielerischen Leistungen des Vaters. Noch informativer ist das Gespräch mit dem älteren Bruder Jan (*1931), dessen Erinnerungen natürlich konkreter sind und der auch den Nachlass des Vaters verwahrt (56 Textseiten im Buch). Dokumentiert sind außerdem Gespräche mit Schauspielkollegen (Anneliese Uhlig, Gunnar Möller), mit Angehörigen von Schauspielkollegen (u.a. Stefan Lukschy, Sohn von Wolfgang Lukschy) und mit Mithäftlingen in den Lagern Hohenschönhausen und Sachsenhausen. Zahlreiche Abbildungen, 16 Seiten Filmfotos in Farbe. Erschienen im Henschel Verlag. Am 9. Oktober könnte man an den 120. Geburtstag von Heinrich George erinnern.

Unterwegs im Kino

Bild 1Seit fast dreißig Jahren ist die Publizistin Marli Feldvoß im Kino unterwegs. Sie hat für die FAZ, die Frankfurter Rund-schau, die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit und epd Film Kritiken, Porträts und Essays vor allem zu Themen des Films geschrieben, die immer mehr als Tages-journalismus waren. Sie hat sich an Büchern beteiligt und für Rundfunkanstalten gearbeitet. Jetzt ist bei Stroem-feld eine Auswahl von 90 Texten erschienen, die uns auf eine anregende Reise durch die Filmgeschichte mitnehmen und die großen Stärken der Autorin bezeugen. Das Buch ist intelligent strukturiert: Es gibt neun Kapitel mit geografischen oder thematischen Schwerpunkten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“, „Bigger Than Life“ (zehn Porträts zum Umfeld des Hollywoodfilms), „Zwei oder drei Dinge, die ich von der Nouvelle vague weiß“, „Anarchie und Utopie“, „Frauenkino“, „Krieg und Politik“ (mit einem Essay über das Lebensgefühl in den Filmen von 1939), „New British Cinema und eine Prise Dogma“, „Wolkenreiter, Regenmacher…Martial Arts und Samurais“ (China, Japan), „Amor, Amor“. Dazu vier Spezial-Kapitel über Eric Rohmer, Jane Campion, Ang Lee und Pedro Almodóvar. Ausgespart sind die Interviews aus den drei Jahrzehnten. Es gibt für mich zahlreiche Lieblingstexte, dazu gehören gleich am Anfang die Rekonstruktionen zu Mord, Sitte und Kunst in den fünfziger Jahren („Wer hat Angst vor Rosemarie Nitribitt?“), der Essay „Alfred Hitchcock und die Frauen“, die Porträts von Giulietta Masina und Ulrike Ottinger, der Nachruf auf Joris Ivens und das Almodóvar-Spezial. Marli Feldvoß ist neugierig, schreibt unprätentiös und hat politische Überzeugungen. Gute Voraussetzungen für so eine Textsammlung. 94 Abbildungen. Mehr zum Buch: buecher_U_667_1/

Lubitsch und Heymann im Babylon

2013.lubitschheymannIm Babylon-Kino am Rosa Luxemburg-Platz beginnt heute eine umfängliche Retrospektive der Filme des Regisseurs Ernst Lubitsch (1892-1947) und des Komponisten Werner Richard Heymann (1896-1961). Gezeigt wird das Gesamtwerk von Lubitsch und eine Auswahl von 16 Filmen, zu denen Heymann die Musik geschrieben hat. Die Zusammenarbeit von Lubitsch und Heymann in Amerika führte zu sechs Klassikern des Hollywood-Kinos, die natürlich alle zu sehen sind: ANGEL (1937), BLUEBEARD’S EIGTH WIFE (1938), NINOTCHKA (1939), THE SHOP AROUND THE CORNER (1940), THAT UNCERTAIN FEELING (1941) und TO BE OR NOT TO BE (1942). Lubitsch war schon 1922 nach Amerika ausgewandert und machte dort bekanntlich eine große Karriere, Heymann musste 1933 emigrieren und kehrte 1951 nach Deutschland zurück. Helma Sanders-Brahms hat über sein Leben einen sehenswerten Film gedreht, der morgen auf dem Programm steht: SO EIN WUNDER – DAS SINGENDE KINO DES HERRN HEYMANN (2012). Zu Gast im Babylon sind in den kommenden Tagen Nicola Lubitsch, die Tochter von Ernst, und Elisabeth Trautwein-Heymann, die Tochter von Werner Richard. Kuratiert wird die Retrospektive von Friedemann Beyer. Mehr zum Programm: berlinbabylon.htm

Tarkowskij im Arsenal

2013.TarkowskijSeit mehr als zwanzig Jahren zeigt das Berliner Arsenal im Sommer eine Retrospektive der Filme von Andrej Tarkowskij (1932-1986). Auch in diesem Jahr kann man wieder die sieben langen Filme und den mittellangen Diplomfilm des russischen Regisseurs sehen (Foto: SOLARIS). Inzwischen ist bei Schirmer/Mosel der lang erwartete Bildband zum Werk von Tarkowskij erschienen, herausgegeben von Andrej Tarkowkij jr., Hans Joachim Schlegel und Lothar Schirmer. Als Kinobegleiter ist er allerdings zu schwergewichtig: 171&products_id=681 Mehr zum Programm im Arsenal: 4208/2796.html

Katastrophe und Kapitalismus

2013.KatastrophenIn den 1970er Jahren gab es eine erstaunliche Welle von disaster movies, beginnend mit AIRPORT (1970) von George Seaton, endend mit METEOR (1979) von Ronald Neames. Sie gelten als Initialzündung des Blockbuster-Prinzips, waren mit großen Stars besetzt und endeten nicht mit dem Weltuntergang. Mit einer neuen Welle des Katastrophenfilms sind wir seit 2007 konfrontiert; ich nenne nur fünf Titel: I AM A LEGEND (2007) von Francis Lawrence, THE HAPPENING (2008) von M. Night Shyamalan, 4:44 LAST DAY ON EARTH (2011) von Abel Ferrara, MELANCHOLIA (2011) von Lars von Trier, WORLD WAR Z (2013) von Marc Forster. Sie enden in der Regel mit dem Ende der Menschheit/der Welt, sie sind globaler konzipiert und teilen sich in Blockbuster-Titel und in Arthouse-Filme. 2008 wurde mit der Insolvenz der Lehman-Bank die weltweite Finanzkrise offenbar. Zu den Visionen vom Weltuntergang kamen die Apokalypsen vom Gelduntergang. Und Naturkatastrophen begleiteten das Weltgeschehen: der Tsunami in Thailand 2004, der Hurrikan Katrina im Süden der USA 2005, das Erdbeben von Fukushima 2011. Jan Distelmeyer (*1969), Professor für Mediengeschichte in Potsdam, versucht in seinem Essay, mit viel theoretischen Bezügen Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen herzustellen. Er verweist auf Texte und Sprachbilder im deutschen und amerikanischen Journalismus, nimmt sich die Kapitalismuskritik in der ökonomischen und philosophischen  Literatur vor und navigiert uns mit überraschenden Assoziationen durch den theoretischen Überbau. Das ist manchmal sehr summarisch, liest sich aber – vor allem im zweiten Teil – recht spannend, auch wenn der Katastrophenfilm dann eigentlich zu kurz kommt. Mehr zum Buch: 44&products_id=408

Ein Buch von Peter Nau

2013.NauSein legendäres Buch „Zur Kritik des Politischen Film“ erschien vor 35 Jahren bei DuMont. Zuletzt publizierte er vor drei Jahren bei Stroemfeld/Roter Stern einen Text über “Die Filme von Reinhard Kahn und Michel Leiner“, die kaum jemand kennt. Peter Nau (*1942) hat sich immer für das Entlegene interessiert und darüber mit einer besonderen, poetischen Zuneigung geschrieben. In der „Filit“-Reihe des Verbrecher Verlages ist jetzt ein kleiner Band mit „Miniaturen“ erschienen: das sind jeweils 30 Zeilen über einen Film, ein Erlebnis, eine Person. In den 32 Texten geht es um einen Ausflug nach Spindlersfeld, einen Prozess in Moabit, einen Geburtstag in Kladow, um acht Filme von Konrad Wolf (damit ist er so etwas wie ein Zentrum), um vier Filme von Thomas Heise und zwei Filme von Jürgen Böttcher, um Kurt Maetzigs EHE IM SCHATTEN (1947), Victor Vicas’ WEG OHNE UMKEHR (1953), Helmut Käutners himmel ohne sterne (1955), Gerhard Kleins DER FALL GLEIWITZ (1959), Alexander Kluges ABSCHIED VON GESTERN (1966), Egon Günthers DIE SCHLÜSSEL (1972), um Erwin Geschonneck (1906-2008), um einen 1. Mai, Ahrenshoop, Lichtenberg und Treptow, um die Filme MMH (1981) von Karl Heil, AUSZEIT (2006) von Jules Herrmann, ELEKTROKOHLE (VON WEGEN) (2009) von Uli M. Schueppel, AN DER SAALE HELLEM STRANDE (2010) von Helga Storck und Peter Goedel. Eingerahmt werden diese Miniaturen von einer Begegnung mit Jürgen Böttcher in dessen Haus in Karlshorst und einer Erinnerung an die November-Retrospektiven von Peter Nau zum Neuen Deutschen Film im Arsenal, damals noch in der Welserstraße. In den Texten gibt es philosophische, literarische und filmische Momente. Wenn man sie liest, kommt man zu einer inneren Ruhe. Der Titel des Buches zitiert einen Film von Gerhard Lamprecht aus dem Jahr 1946 und einen schönen Text von Peter Nau zum 100. Geburtstag von Gerhard Lamprecht aus dem Tagesspiegel vom 5. Oktober 1997, der leider nicht im Netz steht. Auf dem Titel erkennt man Ivan Desny in WEG OHNE UMKEHR. Mehr zum Buch: book/detail/705

Die Hamburger Schulen

Hißnauer-Wegmarken-9783867643870_CUFür die Geschichte des westdeutschen Dokumen-tarfilms gibt es wegweisende Institutionen. Man spricht zum Beispiel von der „Stuttgarter Schule“ des Süddeutschen Rundfunks der 1960er und 70er Jahre. Die zentrale Rolle Im Bereich des Dokumentarfilms (und des realistischen Fernsehspiels) in den ersten Jahrzehnten unseres Fernsehens darf der Norddeutsche Rundfunk für sich beanspruchen. Sie entwickelte sich über drei Generationen, und deshalb sprechen die beiden Autoren Christian Hißnauer und Bernd Schmidt mit Recht von den „Hamburger Schulen“. Sie erinnern zunächst an Peter von Zahn, Hans Walter Berg und Peter Schier-Gribowsky, an Carsten Diercks, Rüdiger Proske und Max Helmut Rehbein, die sich als Reporter betrachteten und thematisch orientiert waren (die erste Generation). Im Mittelpunkt der Publikation steht die zweite Generation, verkörpert in Klaus Wildenhahn und Eberhard Fechner, denen vom damaligen Leiter der Fernsehspielabteilung Egon Monk viele neue Möglichkeiten des Dokumentarfilms eröffnet wurden. Sie profitierten von den technischen Neuerungen des 16mm-Films mit Synchronton und den Vorbildern des amerikanischen cinema direct, richteten den Fokus auf die Arbeitswelt bzw. die deutsche Geschichte. Mit großer Genauigkeit analysieren Hißnauer/Schmidt Stil und Methoden von Wildenhahn und Fechner, referieren das Echo der Zuschauer und der Kritik. Die beiden Autoren haben gut recherchiert, auch wenn sie ihre Befunde manchmal etwas besserwisserisch formulieren. Am Ende des Fechner-Kapitels stehen Auszüge aus einem Nachruf von Horst Königstein. Inzwischen ist auch Königstein gestorben, der in diesem Buch als Exponent der „dritten Generation“, als Initiator des DokuDramas gewürdigt wird. Gut ausgewählte Fotos, umfangreiche Bibliografie. Band 25 der Reihe „Close Up. Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms“. Mehr zum Buch: 86488c7091bb6/

The Making of The Good War

2013.Good WarSebastian Haak (*1983) hat mit dieser Untersuchung am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt promoviert. Es geht um „Hollywood, das Pentagon und die amerika-nische Deutung des Zweiten Weltkriegs 1945-1962“. The Good War war für die Amerikaner in ihrem politischen und kulturellen Verständnis ein zentrales Ereignis, das natürlich auch die Themen vieler Filme beeinflusste. Es gab dabei eine zeitweise sehr intensive Zusammenarbeit zwischen den Hollywood-Studios und dem amerikanischen Verteidigungs-ministerium, es wurden Verbesserungsvorschläge für die Drehbücher gemacht und auch die fertigen Filme kommentiert. Haak hat für seine Arbeit eine beeindruckende Recherche geleistet. Ein eigenes kleines Kapitel handelt von der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit des Archivmaterials, wobei die Militärakten (public domain) natürlich zugänglicher und eigentlich auch informativer sind als die Studiounterlagen. Sechs Filme stehen im Zentrum des Textes: THE BEST YEARS OF OUR LIVES (1946) von William Wyler, BATTLEGROUND (1949) von William A. Wellman, SANDS OF IWO JIMA (1949) von Allan Dwan, THE YOUNG LIONS (1958) von Edward Dmytryk nach dem Roman von Irwin Shaw, THE NAKED AND THE DEAD (1958) von Raoul Walsh nach dem Roman von Norman Mailer und  THE LONGEST DAY (1962) von Ken Anakin, Andrew Marton und Bernhard Wicki. Haak geht auf diese Filme sehr genau ein, schildert vor allem die Auseinandersetzungen zwischen Ministerium und Filmstudios, die am heftigsten bei THE LONGEST DAY stattfanden. Die hohe Wertschätzung des Good War durch die Amerikaner wirkte sich natürlich auch auf den anschließenden Kalten Krieg aus. Insofern haben wir es hier vor allem mit einer Historien- und Kulturanalyse der Fünfziger Jahre zu tun. Das Buch ist der Band 76 in der Reihe „Krieg in der Geschichte“ (KRiG), von der ich bisher noch nichts gehört hatte. Das Titelbild kombiniert eine Großaufnahme von Tom Hanks in SAVING PRIVATE RYAN (1998) mit einem kleinen Finalbild aus THE LONGEST DAY, im Vordergrund: Robert Mitchum. Mehr zum Buch: titel/978-3-506-77693-8.html

Slatan Dudow

2013.DudowVor fünfzig Jahren starb der Film-regisseur Slatan Dudow nach einem Verkehrsunfall während der Dreharbeiten zu seinem Film CHRISTINE. Das Berliner Zeughauskino erinnert an ihn mit einer Filmreihe. Der Bulgare Dudow kam in den frühen 1920er Jahren nach Berlin und drehte 1932 den Klassiker des proletarischen Films, KUHLE WAMPE, nach einem Drehbuch von Bertolt Brecht mit der Musik von Hanns Eisler und der von mir sehr verehrten Hertha Thiele in der weiblichen Hauptrolle. Er verbrachte die Exilzeit in Frankreich und der Schweiz, kehrte 1946 nach Deutschland zurück und realisierte für die DEFA sieben Filme, darunter UNSER TÄGLICH BROT (1949), FRAUENSCHICKSALE (1951), STÄRKER ALS DIE NACHT (1954) und VERWIRRUNG DER LIEBE (1958). Zu seinen speziellen Fähigkeiten gehörte die realistische Porträtierung von Frauenfiguren. Mehr zum Programm: dudow.html#zeitprobleme