Der Opernbesuch im Spielfilm

2013.Opernbesuch 2Im Wagner- und Verdi-Jahr ist dies ein schönes Thema. Sabine Sonntag, Regisseurin, Dramaturgin und Autorin in Hannover, hat mit einer Dissertation über „Richard Wagner im Kino“ promo-viert. Jetzt geht sie der Frage nach, welche Spielfilmfiguren aus welchen Motiven in die Oper gegangen sind, in welchen Genres dies besonders häufig vorkommt und welche Opern dabei bevorzugt werden. 250 Filme bezieht die Autorin in ihre Untersuchung ein, der älteste stammt aus dem Jahr 1913 (RICHARD WAGNER von William Wauer und Carl Froelich), die aktuellsten sind aus dem Jahr 2012: der „Tatort“ WEGWERF-MÄDCHEN, TO ROME WITH LOVE von Woody Allen, ANNA KARENINA von Joe Wright, QUARTETT von Dustin Hoffman. Zwölf Kapitel hat die Autorin gebildet und dabei entweder eine spezielle Oper bzw. einen Komponisten in den Mittelpunkt gestellt oder (mehrheitlich) die Opernbesuche in bestimmten Genres ausgemacht, dem Künstler-drama, der Comedy, der Literaturverfilmung, dem Kriminalfilm, dem Horrorfilm (vor allem die verschiedenen Versionen von PHANTOM OF THE OPERA), dem biographischen Künstlerfilm (Sänger / Komponisten) und dem Historienfilm. Eigene Kapitel sind den Besuchen von Verdis „La Traviata“, Wagner-Opern und Mozarts „Zauberflöte“ vorbehalten. Der Titel des Buches, „Einfach toll!“, ist natürlich ein Zitat aus PRETTY WOMAN, die Meinungsäußerung von Julia Roberts bei einem „Traviata“-Besuch. Die Qualitäten der Filme und die der jeweils besuchten Opernaufführungen werden von der Autorin oft sehr unterschiedlich bewertet. Man spürt: Sabine Sonntag kennt sich im Film und in der Oper gut aus. Das macht die Lektüre des Buches so lohnenswert. Mehr zum Buch: 18lnbb3vq3ld0vmo4

Béla Tarr

2013.Béla TarrDer ungarische Regisseur Béla Tarr (* 1955) hat von 1977 bis 2011 neun Filme gedreht, am bekanntesten sind wohl BETON-BEZIEHUNG (1982), SATANSTANGO (1994), DER MANN AUS LONDON (2007) und DAS TURINER PFERD (2011). Das kleine, gewichtige Buch des französischen Philosophen Jacques Rancière (*1940) ist eine beeindruckende Passage durch das Werk von Béla Tarr. „Er macht immer denselben Film, spricht immer von derselben Realität; nur dringt er immer tiefer in diese ein. Vom ersten bis zum letzten Film geht es immer um eine enttäuschte Hoffnung, um eine Reise, die am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt.“ Film für Film entfaltet Rancière die Tiefe der Geschichten, der Themen, des Stils dieses Regisseurs. Er analysiert den Umgang mit der Zeit, die Funktion der Familie, die Bedeutung des Regens, die Rolle der Betrüger, der Idioten, der Verrückten, die Schwarzweißfotografie, den Ton, die Offenheit des geschlossenen Kreises, die als Textur den Filmen zugrunde liegt. Es ist ein Essay, wie er nur aus der intimen Kenntnis der Filme heraus geschrieben werden kann. So bewundernswert wie das Werk des Regisseurs. Mehr zum Buch: bela-tarr-die-zeit-danach/

Kongress der Kommunalen Kinos

2013.KongressIn Frankfurt am Main beginnt heute der neunte Bundes-kongress der Kommunalen Kinos. Sein Motto: „Mit Blick zurück nach vorn“. Claudia Dillmann, Direktorin des Deutschen Filmmuseums, hält nach der Begrüßung durch die Vorsitzende des BkF, Christiane Schleindl, den Eröffnungsvortrag über „Filmkultur in der digitalen Ära“. Das Programm mit Vorführungen, Vorträgen und Diskussionsrunden ist bunt gemischt. Es geht um das Thema Cinema-on-Demand, um die Zukunft der Unikinos, die Geschichte des 3D-Films (Referent: Stefan Drößler) und die Probleme des Repertoire-Film-Markts. Volker Gerling präsentiert seine Variation des Daumen-Kinos, das Filmmuseums München zeigt Rekonstruktionen von Female Comedies aus den 1920er und 30er Jahren, das Deutsche Filminstitut holt I MARRIED A WITCH (1942) von René Clair aus seinem Archiv. Und am Ende, am Sonntag um 12, kann die neue Dauerausstellung des Deutschen Filmmuseums gemeinsam besichtigt werden.

Wolfgang Theis 65

2013.Theis 2Er ist der Hüter des Fotoarchivs der Deutschen Kinemathek, und das seit 28 Jahren. Er weiß wie niemand sonst, welche Schätze sich dort befinden. Heute wird Wolfgang Theis 65 Jahre alt. Dazu gratuliere ich ihm als Archivar und als Menschen, den ich in all der Zeit sehr schätzen gelernt habe. Zuletzt haben wir bei meiner Münchner Ausstellung „Licht und Schatten“ zusammengearbeitet, und seine Ratschläge waren außerordentlich wichtig für mich. In den vergangenen Jahrzehnten hat er die Umzüge der Kinemathek von der Pommernallee in die Heerstraße und von der Heerstraße an den Potsdamer Platz mitorganisiert, er hat den Beginn der Digitalisierung erlebt, das Scannen gelernt und immer die Balance zwischen Bewahrung und Auswertung seiner Bestände im Auge gehabt. Eine gewisse Skepsis gehört zu seiner Grundhaltung. Er führt ein zweites Leben als Mitbegründer und Ausstellungskurator des Schwulen Museums, das 1987 eröffnet wurde, seit 1989 am Mehringdamm existierte und gerade in die Lützowstraße umgezogen ist. Viele interessante Ausstellungen des Museums (u.a. über Conrad Veidt, Gustaf Gründgens, Greta Garbo, Luchino Visconti, Zarah Leander, Pier Paolo Pasolini) wurden in Kooperation mit der Kinemathek veranstaltet und hatten immer ihren eigenen Stil, in dem Wolfgang Theis zu spüren war. Ich hoffe, dass er der Kinemathek auch über das Rentenalter hinaus verbunden bleibt. Natürlich bewundere ich an ihm noch eine spezielle Fähigkeit, die er als Koch erlernt hat: wie man professionell ein Spanferkel zerlegt. Das hat er einmal bei einem Kinematheksfest in Brodowin demonstriert. Herzlichen Glückwunsch!

Josef Meinrad

2013.MeinradEr war auf der Bühne und im Film die Inkarnation des Österreichers. Im vergangenen April wäre Josef Meinrad 100 Jahre alt geworden, 1996 ist er in Wien gestorben. Zwischen 1947 und 1964 hat er in 52 Filmen mitgewirkt, darunter waren DER PROZESS von G.W. Pabst, SISSI (alle drei Teile) von Ernst Marischka (er spielte den Major Böckl), DIE TRAPP-FAMILIE I und II von Wolfgang Liebeneiner (da war er Dr. Wasner, der Freund der Familie), FRÄULEIN CASANOVA von E. W. Emo als Partner von Gertrud Kückelmann und THE CARDINAL von Otto Preminger (seine Rolle: Kardinal Theodor Innitzer). Das Buch aus dem Mandelbaum Verlag ist eine schöne Hommage. In 17 Kapiteln wird in vielen Varianten, aber immer in Bewunderung an den Schauspieler erinnert. Persönliche Texte stammen von Lotte Tobisch-Labotyn, Dagmar Koller, Michael Heltau und Achim Benning. Karin Moser, Mitarbeiterin des Filmarchivs Austria, hat ein umfangreiches und sehr sachkundiges Kapitel über die Filmrollen von Meinrad beigesteuert: „Exzentrisch – wahrhaftig – österreichisch“. Das Titelfoto stammt aus dem Film 1. APRIL 2000, an den ich mich noch gut erinnere. Mehr zum Buch: www.mandelbaum.de/books/764/7455

Der DEKALOG von Krzystof Kieslowski

Bild 1DEKALOG war eine zehnteilige Fernsehserie des polnischen Regisseurs Krzystof Kieslowski aus den Jahren 1988/89, die in den europäischen Kinos einen erstaunlichen Erfolg hatte. Thema: die zehn Gebote. Besonders verstörend: Folge fünf, in der es eine siebeneinhalb-minütige Mord-Sequenz gibt. Jan Ulrich Hasecke (*1963) hat über den DEKALOG seine Magisterarbeit geschrieben. Sie kreist um die Fragen des Realismus, ausgehend von Siegfried Kracauer und André Bazin, fokussiert sie auf die Geschichte des polnischen Films, reflektiert das Werk von Kieslowski als „Kino der moralischen Unruhe“ und analysiert in einem eigenen Kapitel die Blickstrategien im DEKALOG. „Zehn Versuche über den DEKALOG“ stehen im Mittelpunkt der Arbeit, sie sind exzellente Interpretationen, in denen alle wichtigen Aspekte der Serie zur Sprache kommen. Der Anhang enthält eine Literaturliste, ein Glossar und Sequenzlisten, in denen es vorzugsweise um Blickachsen und um komprimierte Handlungsbeschreibungen geht. Kay Kirchmann hat ein Vorwort geschrieben, das Titelbild wurde von Bartosz Sasínski gestaltet. Mehr über das Buch: www.hasecke.eu/Dekalog/

Noriko Smiling

2013.NorikoBANSHUN (SPÄTER FRÜHLING/ LATE SPRING) ist ein Film von Yasujiro Ozu aus dem Jahr 1949. Er erzählt die Geschichte des verwitweten Professors Somiya (Chishu Ryu), der von seiner 27jährigen Tochter Noriko (Setsuko Hara) betreut wird, die sich bisher offenbar wenig Gedanken über ihre eigene Zukunft gemacht hat. Am Ende des Films verlässt sie den Vater und heiratet. Der englische Autor Adam Mars-Jones (*1954), Romancier und Essayist, hat sich mit einer kaum vorstellbaren Genauigkeit in den Ozu-Film hineingearbeitet und eine Analyse formuliert, die den Film in die Gegenwart holt. Es ist in keinem Moment eine wissenschaftliche Herangehensweise, sie ist subjektiv, beobachtend und wertend, die westliche Perspektive nicht verleugnend, sie ist beschreibend, fragend, sie geschieht in genauester Kenntnis des Films und auf der Basis unterschiedlicher DVD-Editionen. Mars-Jones zitiert Ozu-Experten (Donald Richie, Paul Schrader, Shigehiko Hasumi, Kristin Thompson, Noel Burch), er widerspricht ihnen, ergänzt sie, nutzt sie für eigene Erkenntnisse. Er charakterisiert das Personal vor allem mit Blick auf die Hauptfigur, Noriko, er hat eine Haltung zu ihrem eher passiven Vater, der aktiven Tante Masa, der emanzipierten Freundin Aya, dem Assistenten des Vaters, Hattori, Die Fahrradfahrt von Noriko und Hattori wird fast emphatisch beschrieben, der Besuch von Vater und Tochter im No-Theater den Ritualen zugeordnet. Es ließen sich noch viele andere Beschreibungen hervorheben. Das Buch enthält keine Abbildungen. Sie entstehen in unseren Köpfen. Ich bin begeistert. Mehr zum Buch: noriko-smiling/169

Liebe am Set

2013.Liebe am SetDas Thema scheint seine Liebhaber(innen) zu haben, und das sind offenbar nicht nur die Leserinnen der Bunten. 16 Paare hat der Autor Joachim Kurz (*1967, Redaktionsleiter des Portals www.kino-zeit.de) ausgewählt, von Mary Pickford & Douglas Fairbanks sen. bis zu Anna Loos und Jan Josef Liefers. Und natürlich sind Humphrey Bogart & Lauren Bacall (Titelfoto), Marlene Dietrich & Josef von Sternberg, Elizabeth Taylor & Richard Burton dabei. Man vermisst u.a. Charles Chaplin & Paulette Goddard, Veit Harlan & Kristina Söderbaum, Simone Signoret & Yves Montand, Paul Newman & Joanne Woodward. Über eine Auswahl lässt sich ja immer streiten. Und weil über Filmpaare schon viel geschrieben wurde, soll man auch keine Neuigkeiten von den Texten erwarten. Die Fotos (schwarzweiß und Farbe) sind gut ausgewählt, ein ganzseitiges eröffnet jeweils ein Kapitel. Ein Buch für den Coffee Table, soweit man noch einen hat. Mehr zum Buch: liebe-am-set/index.html

Kulinarisches Kino

UMS2217.inddDas Herausgebertrio – Daniel Kofahl, Gerrit Fröhlich und Lars Alberth – kommt aus der Soziologie, Fröhlich und Alberth lehren in Trier bzw. Wuppertal, Kofahl leitet das „Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur“ (das auch den Druck des Buches unterstützt hat) und ist Mitglied der „Deutschen Akademie für Kulinaristik“. Sie bieten uns 16 Texte zur Lektüre, die in der Regel um jeweils einen Film kreisen. Die meisten dieser Filme können als bekannt vorausgesetzt werden: zum Beispiel EAT DRINK MAN WOMAN (1994) von Ang Lee (Text von Irene Schütze), BRUST ODER KEULE (1976) von Claude Zidi (Texte von Susanne Groß und Janine Legrand / Thomas Vilgis), BITTERSÜSSE SCHOKOLADE (1992) von Alfonso Arau (Gerrit Fröhlich), ZIMT UND KORIANDER (2003) von Tasso Boulmetis (Benedikt Jahnke), BABETTES FEST (1987) von Gabriel Axel (Peter Peter), EINE KOMÖDIE IM MAI (1990; Umschlagabbildung) von Louis Malle (Lars Alberth), DAS GROSSE FRESSEN (1973) von Marco Ferreri (Judith Ehlert / Robert Pfaller), DELICATESSEN (1991) von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro (Petra F. Köster), DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER (1989) von Peter Greenaway (Christoph Klotter). So bunt wie diese Mischung sind auch die interdisziplinären Perspektiven der Autorinnen und Autoren. Immerhin regen sie weitgehend den Appetit auf die Filme an. Natürlich darf im Ensemble Thomas Struck nicht fehlen, in der Berlinale für das Kulinarische Kino verantwortlich: er führt uns in neun kleinen Kapitel von seinem Film FLÜSSIG (2003) zu Theodor W. Adorno, der Nahrung und Kunst nicht verbinden wollte. Struck fragt mit Recht: „Wer würde gerne bei den Adornos essen, wenn die Kunst aus der Küche verbannt wäre?“. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2217/ts2217.php

WORK HARD – PLAY HARD

9783894728526Zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis hat es leider nicht gereicht, aber WORK HARD – PLAY HARD (2009-2011) von Carmen Losmann war einer der erfolgreichsten und am meisten gelobten Dokumentarfilme der letzten Jahren. Sein Thema: „Human Ressource Management“. Wie lassen sich die Arbeits-leistungen von Mitarbeitern maximieren? Losmann hat Architekten, Programmierer, Manager, Trainer dazu befragt. Ihr Film besteht vorwiegend aus Arbeitsbeobachtungen und kommt ohne Kommentar aus. Jetzt ist das Buch zum Film erschienen, herausgegeben von der Philosophieprofessorin Eva Bockenheimer, der Filmemacherin Losmann und dem Burnout-Spezialisten Stephan Siemens. Es besteht aus den drei Kapiteln „Resonanzen“ (Mitwirkende, Presse, Publikum), „Szenen“ (Beschreibungen, Interpretationen, Exkurse), „Recherche“ (Fährten, Exzerpte, Notizen). Den Auftakt bildet ein Gespräch zwischen Carmen Losmann und Stephan Siemens, moderiert von Eva Bockenheimer. So ein Buch macht Sinn, um die Problematik des Filmthemas zu vertiefen und Fragen zu beantworten, die der Film stellt, aber in 90 Minuten nicht alle hinreichend beantworten kann. Mehr zum Buch: work-hard-play-hard.html