Christoph Waltz

2013.Christoph WaltzNach seinem zweiten Oscar als Darsteller in einem Film von Quentin Tarantino war er endgültig ein Weltstar. Das macht die Fans neugierig auf eine Biografie. Und das Leben von Christoph Waltz (* 1956) liefert ausreichend Stoff dafür. Gernot Wolfson hat gut recherchiert und konzentriert sich weitgehend auf die Fakten, auf die Familien-geschichte, die Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar und bei Stella Adler in New York, die vielen Haupt- und Nebenrollen im Film und Fernsehen der 1980er, 90er und frühen 2000er Jahre, bis zur Entdeckung durch Tarantino im Sommer 2008. Den ersten Teil seiner Biografie (50 Seiten) nennt Wolfson „Sisyphos“, den zweiten Teil (60 Seiten) „Glorios“. Der handelt dann vor allem von INGLOURIOS BASTERDS und DJANGO UNCHAINED, von Preisverleihungen, Projekten und Publicity. Die „exklusive Biografie“, mit vielen Abbildungen, ist eine gut gemeinte Hommage. Mehr zum Buch: 3131-christoph-waltz/

Haro Senft

2013.Haro SenftDer Titel verbindet metaphorisch einen Rechtlosen, Ausgestoßenen mit einem Kinder- und Naturfreund. Der Filme-macher Haro Senft (*1928) hat sich viele Freiheiten herausgenommen und musste um seine Anerkennung hart kämpfen, die Vogelfreiheit bezieht sich aber speziell auf die Jahre 1944/45, als Senft zunächst als Luftwaffenhelfer in den Krieg musste und dann in Prag interniert wurde. Der Zauberbaum verweist auf seine Kinder-filme und seine Naturverbundenheit. Die Publizistin Michaela Ast hat für ihre Biografie eine schöne Montageform gefunden: Sie verbindet ihren Text mit sehr viel Originalton Senft und Zitaten seiner Freunde und ehemaligen Mitarbeiter. Man kann Senfts Filmleben in sieben Phasen teilen: die frühe Zeit der experimentellen und engagierten Kurzfilme (1954-1959), die Gründung der Gruppe DOC 59, die Initiativen für das Oberhausener Manifest und die Mühen auf der Kurzfilmstrecke (1959-66), die Realisierung der beiden Spielfilme DER SANFTE LAUF und FEGEFEUER (1967-70), die Kinderfilmzeit mit der ZDF-Reihe RAPPELKISTE und den beiden Spielfilmen EIN TAG MIT DEM WIND und JAKOB HINTER DER BLAUEN TÜR (1972-80), die Filmreisen für das Goethe-Institut (1980-83) und die späten Dokumentarfilme (1984-97). Vor allem über die 1960er Jahre (Oberhausener Manifest, Filmarbeit in München und Prag) habe ich aus dem Buch viele neue Informationen erhalten. Zahlreiche, gut gedruckte Abbildungen. Textbeiträge u.a. von Gerald Fritzen, Rob Houwer, Pavel Jurácek, Hans-Georg Knopp (GI), Kurt Lorenz, Dorothee Mariano, Klaus Müller-Laue und Rainer Schmitt-Bruckmayer. Mehr zum Buch: action=detail&id=183&rubrik_id=

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

2013.HolländerDas Wagner-Jahr (200. Geburtstag) neigt sich seinem Ende zu und wird langsam zum Verdi-Jahr (200. Geburtstag im Oktober). Zum Abschied von Wagner gibt es noch eine schöne DVD mit dem berühmten Holländer-Film von Joachim Herz aus dem Jahr 1964. Er hat die Oper auf eine sehr kluge Weise filmisch konzipiert: Sentas reale Welt wird im Normalformat gezeigt, für ihre Traumwelt erweitert sich das Bild in die CinemaScope-Breite (von der DEFA damals Totalvision genannt) und lässt die Musik im 4-Kanal-Magnetton erklingen. Das waren vor fünfzig Jahren neue und mutige Ideen, die vor allem die Techniker vor große Herausforderungen stellten, denn die Bild- und Tonwechsel fanden häufig statt und mussten perfekt funktionieren. Darstellung und Gesang wurden separiert und durch Playback synchronisiert, die Hauptrollen spielten Anna Prucnal (Senta) und Fred Düren (Holländer), es sangen Gerda Hannemann und Rainer Lüdecke. Das Gewandhausorchester Leipzig spielte unter Rolf Reuter, und eine besondere Leistung vollbrachte der Kameramann Erich Gusko. Ich habe im Januar 1965 in der Stuttgarter Zeitung über den Film geschrieben: hollander-1965/. Die DVD enthält ein Booklet, ein Gespräch mit der späteren Ehefrau von Joachim Herz, der Musikwissenschaftlerin Kristel Pappel-Herz, und einen Bericht über die Dreharbeiten in der Wochenschau „Der Augenzeuge“. Joachim Herz starb im Oktober 2010. Mehr zur DVD: hollaender-guenstig-kaufen.html

High Definition

2013.High DefinitionDiesmal stammt die (kleine) Publikation aus dem Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrungen im Zeichen der Entgrenzung der Künste“, auch ihn gibt es an der Berliner FU. Simon Rothöler reflektiert über die „Neuen Medien des Kinos“ und erklärt viele Aspekte der digitalen Filmästhetik. Seine Überlegungen konkretisiert er unter den Begriffen „Nachtbild“, „Effektbild“, „Dokumentarkunstbild“ und „Geschichtsbild“ an sechs Filmbeispielen: COLLATERAL (2004) von Michael Mann, THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY (2012) von Peter Jackson, HOLY MOTORS (2012) von Leos Carax, LEVIATHAN (2012) von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel, STREET (2012) von James Nares und PUBLIC ENEMIES (2009) von Michael Mann. Der Autor, technisch versiert, beschreibt auch für mich einigermaßen verständlich die Differenzen zwischen den Produktionsstandards und den genannten aktuellen Digitalfilmen. Schön ist sein Einstieg mit Abel Ferraras 4:44 LAST DAY ON EARTH (2011). Das Buch enthält eine umfängliche Bibliografie, aber keine Abbildungen. Mehr zum Buch: high-definition/

Der Hollywood-Kriegsfilm

2013.KriegsfilmDie Publikation kommt aus dem Forschungsprojekt „Inszenierungen des Bildes vom Krieg als Medialität des Gemeinschaftserlebens“ der Berliner FU. Sie enthält 15 Beiträge. Es geht ums Genrekino, um den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege. Sechs Texte haben mich besonders beeindruckt: Thomas Elsaesser analysiert Steven Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN (1998) unter den Gesichtspunkten Retrospektion, Überlebensschuld und affektives Gedächtnis. Elisabeth Bronfen beschäftigt sich bedenkenswert mit der Rolle der Justiz in den Kriegsgerichtsdramen PATHS OF GLORY (1957) von Stanley Kubrick, JUDGMENT OF NUREMBERG (1961) von Stanley Kramer, A FEW GOOD MEN (1992) von Rob Reiner und RULES OF ENGAGEMENT (2000) von William Friedkin. Michael Wedel schreibt über WINDTALKERS  (2002) von John Woo und den postklassischen Hollywood-Kriegsfilm. Als Verehrer von John Ford finde ich den Text von Hermann Kappelhoff über THEY WERE EXPENDABLE (1945) sehr substantiell. David Gaertner nimmt Frank Capras WHY WE FIGHT-Reihe unter die Lupe. Und ziemlich originell erscheint mir der Blick von Torsten Gareis auf den Helm im amerikanischen Kriegsfilm. Brilliante Abbildungen, aber leider kein Register. Mehr zum Buch: 160&submit=+Details

Odysseus’ Heimkehr?

2013.Odysseus' HeimkehrNoch eine Münchner Dissertation, diesmal betreut von Prof. Oliver Jahraus am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Medien. Benedikt Steierer untersucht den Odysseus-Mythos als Medien-Mythos und analysiert fünf Filme, die sehr unterschiedlich mit ihm umgehen: L’ILE DE CALYPSO OU ULYSSE ET LE GÉANT POLYPÈME (1905) von Georges Méliès, ULISSE (1954) von Mario Camerini mit Kirk Douglas in der Titelrolle, LE MÉPRIS (1963) von Jean-Luc Godard, der eine Odyssee-Verfilmung von Fritz Lang thematisiert, 2001: A SPACE ODYSSEY (1968) von Stanley Kubrick und INCEPTION (2010) von Christoper Nolan, eine Odyssee durch Realität, Unterbewusstsein und Traum-Sharing. In seinen Analysen konzentriert sich Steierer auf filmsprachliche Phänomene und lässt politische, ökonomische und ideologische Aspekte weitgehend außer Acht. Er ordnet seine fünf Beispiele drei Phasen der Filmgeschichte zu: der Frühphase (Méliès), der „Selbstexplorationsphase“ (Camerini, Godard, Kubrick) und der „Inkorporations- und Selbsterweiterungsphase“ (Nolan). Für den medientheoretischen Anlauf braucht der Autor ein Drittel, für die analytische Strecke zwei Drittel seines Buches, das ist nach meiner Wahrnehmung eine gute Proportion. Trotz vieler Zitate und Quellenverweise beeindruckt der Text durch seine konkrete,  verständliche Sprache. Mit 25 informativen Abbildungen. Mehr zum Buch: 6t06vdc9lo7d2

Der religiöse Refrain

2013..Der religiöse RefrainEine Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Olga Havenetidis hat dort in Religionswissenschaft promoviert, ihre Arbeit handelt von „Rückzugsszenen im europäischen Autorenfilm der Gegenwart“. Sechs Filme sind die Basis für ihre Untersuchung: DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (2001) von Jean-Pierre Jeunet, CATERINA VA IN CITTÀ (2003) von Paolo Virzì, NÓI ALBÍNÓI (2003) von Dagur Kári, BREAKING THE WAVES (1996) von Lars von Trier, LILJA 4-EVER (2003) von Lukas Moodysson und REQUIEM (2006) von Hans-Christian Schmid. Ausführlich wird der „Rückzug“ in der psychologischen Literatur geklärt und als Kategorie in der Religionswissenschaft definiert, bevor im dritten Teil mit methodischen Voraussetzungen von Roland Barthes, David Bordwell und Paul Schrader die Filmanalysen beginnen. Es geht um „das immergleiche Bild“ in AMÉLIE, den Chorgesang in CATERINA, das „heimliche unterirdische Nichtstun“ in NÓI ALBÍNÓI, das „Sprechen als Gott“ in BREAKING THE WAVES, die „Begegnung mit dem Engel“ in LILJA, und „das Hören der Dämonen“ in Requiem. Die religionswissenschaftliche Sicht auf die Filme führt zu interessanten Erkenntnissen. Mit einem Vorwort von Michael von Brück. Kleine Fotos im Analyseteil. Mehr zum Buch: rueckzugsszenen-im-europaeischen-autorenfilm-der-gegenwart.html

LONTANO – Die Schaubühne von Peter Stein

Bild 1Vor einer Woche hatte der Film LONTANO. DIE SCHAUBÜHNE VON PETER STEIN von Andreas Lewin in der Berliner Akademie der Künste Premiere. Es ist – nach Klaus Kammer, Fritz Kortner und Thomas Holtzmann – das vierte Porträt von Lewin über einen großen Theater-künstler. Der Film kommt ohne Kommentar aus, er lässt Fragen offen, er vertraut der Neugier des Zuschauers. Ich finde ihn nicht nostalgisch, auch wenn er mich persönlich sehr berührt, weil ich in den 1970er Jahren theatersüchtig war und all die Aufführungen gesehen habe, die im Film zitiert werden. Lewin hat – neben Peter Stein – die früheren Ensemblemitglieder Bruno Ganz, Corinna Kirchhoff, Michael König, Willem Menne, Libgart Schwarz und Peter Simonischek zur Arbeit an der Schaubühne befragt. Und in den Filmausschnitten sieht man u.a. Edith Clever, Therese Giehse, Jutta Lampe und Otto Sander. „Ein besinnlicher Film“, sagt Peter Stein. Zeitgleich mit der Premiere ist eine DVD des Films erschienen. Das Booklet enthält einen Essay von Norbert Miller und einen Text von mir über Lewins Porträtfilme (drei-theaterleben/). Mehr zur DVD: filmography/lontano

Otto Sander

2013.Otto SanderGestern ist der Schauspieler Otto Sander im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Ich habe ihn in den siebziger Jahren als Ensemblemitglied der Schaubühne sehr verehrt und über alle Jahre als Filmdarsteller hoch geschätzt. Er wird mir in vielen Rollen in Erinnerung bleiben, als Kapitänleutnant in DAS BOOT, als Staatsanwalt in PALERMO ODER WOLFSBURG, als Karl Liebknecht in ROSA LUXEMBURG, als Engel Cassiel in DER HIMMEL ÜBER BERLIN und IN WEITER FERNE, SO NAH!, als Krimineller in DER BRUCH. Wir kannten uns persönlich seit Mitte der siebziger Jahre, als sich seine Ziehtochter Meret und meine Tochter Friderike in der Schule eng befreundeten. Die Verbindung zwischen der Jenaer Straße und der Kufsteiner Straße war damals sehr intensiv, und Ottos Frau, Monika Hansen, hatte daran einen großen Anteil. Otto Sanders Stimme prädestinierte ihn für Lesungen, Hörbücher und Synchronisationen. Aber es war vor allem die Präsenz auf der Bühne, die seinen Ruf als herausragender Darsteller begründet hat: in Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“, in Tschechows „Sommergästen“, in Robert Wilsons „Death, Destruction & Detroit“, in den „Bakchen“ des Euripides. 1981 hat er als Regisseur zusammen mit Bruno Ganz einen wunderbaren Film über die beiden Schauspieler Bernhard Minetti und Curt Bois gedreht: GEDÄCHTNIS. Ich bin über Ottos Tod sehr traurig. Zum 70. Geburtstag vor zwei Jahren hat Peter von Becker im Tagesspiegel ein Porträt geschrieben, das Otto Sander sehr nahe kam: der-gluecksrabe/4334352.html .

Film in der Schweiz

2013.Schweiz

Die große Zeit des Schweizer Films waren die 1970er und frühen 80er Jahre, dies gilt vor allem für die deutschsprachige Schweiz. Wir erinnern uns an die Filmemacher Alexander J. Seiler (UNSER LEHRER, 1971), Daniel Schmid (HEUTE NACHT ODER NIE, 1972), Kurt Gloor (DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER, 1976), Richard Dindo (DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS RICHARD S., 1976), Rolf Lyssy (DIE SCHWEIZERMACHER, 1978), Markus Imhoof (DAS BOOT IST VOLL, 1982) oder Fredi M. Murer (HÖHENFEUER, 1986), die damals auch international anerkannt wurden. In der „Blauen Reihe“ des Hanser Verlages erschien 1978 das Buch „Film in der Schweiz“, 1985 publizierte Wolfgang Gersch seine „Schweizer Kinofahrten“. Die Produktionsbedingungen und die staatlichen Förderungen in unserem Nachbarland hatten immer einen Zusammenhang mit der Größe und dem finanziellen Potential der föderalen Schweiz. Das 140-Seiten-Buch des Kultursoziologen Olivier Moeschler mit dem Untertitel „Kulturpolitik im Wandel: der Staat, die Filmschaffenden, das Publikum“ liefert die notwendigen Basisinformationen für die vergangenen fünfzig Jahre, es bewertet die Förderungseffekte, die künstlerischen Höhepunkte und auch die Durststrecken, es ist sehr gut recherchiert. Die Parallelen zur Filmförderung in der Bundesrepublik halten sich allerdings in Grenzen. Das Titelbild benutzt Produktionsfotos des Films IMAGE PROBLEM (2012) von Simon Baumann und Andreas Pfiffner. Mehr zum Buch: der-schweizer-film.html