„Berliner Schule“

2013.HochhäuslerDie DVD des Films von Christoph Hoch-häusler ist schon länger auf dem Markt; ich benutze sie heute als eine Brücke. UNTER DIR DIE STADT (2010) ist ein beein-druckender Film, sein Regisseur wird der „Berliner Schule“ zugerechnet. Er hat nicht – wie etwa Thomas Arslan, Christian Petzold oder Angela Schanelec – die dffb absolviert, sondern die Münchner HFF. Er gilt mit seinen Filmen als stilbewusst – wie Ulrich Köhler, Maren Ade oder Henner Winckler. Auch ihre Namen werden genannt, wenn es um die „Berliner Schule“ geht. Die ist in diesen Tagen stark im Gespräch, weil ihr ab Ende November eine große Retrospektive im New Yorker MoMA gewidmet wird. Jetzt kommt meine Brücke in der Form eines Links: zu einem Essay von Georg Seeßlen, der auf seiner Website „GETIDAN“ zu lesen ist. Seeßlen hat im September/Oktober eine Retrospektive zur Berliner Schule in Rio de Janeiro kuratiert. In diesem Zusammenhang entstand sein Text. Er gehört zum Besten, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Hier ist der Link: berliner-schule . In den USA erscheinen in diesen Wochen mehrere neue Bücher zur Berliner Schule. Ich komme demnächst auf sie zu sprechen.

Béla Tarr / Jacques Lacan

2013.Innen im ASußenBernhard Hetzenauer (*1981) ist Filmemacher. Er hat an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert. Das Buch basiert auf einer Master-Thesis des Autors und wurde von Hanne Loreck und Pepe Danquart betreut. Es fokussiert sein Thema auf den Blick bei Lacan und den Blick bei Béla Tarr. Die jeweils drei Kapitel heißen bei Lacan „Das Subjekt des Unbewussten“, „Der skopische Trieb“ und „Der Schirm“, bei Tarr „Und immer wieder Regen“, „Von Räumen, Rahmen und Fenstern“ und „Die Nahtstelle“. Im Mittelpunkt steht der Film SATANSTANGO (1994). Hetzenauers Beschreibungen sind genau und konkret. Natürlich wird Béla Tarr-Anhängern vieles vertraut sein, aber jede Publikation über diesen Regisseur ist ja auch als Erfolg zu werten. Das Nachwort stammt von dem österreichischen Autor und Regisseur Michael Pilz. Mehr zum Buch: Das_Innen_im_Aussen.html

Leander Haußmanns Autobiografie

2013.Haußmann 2Der Kinofilm – Leander Haußmann (*1959) hat davon immerhin acht realisiert – kommt in dieser Autobiografie eher am Rande vor. Im Zusammenhang mit dem Tod des Vaters Ezard wird von den DINOSAURIERN gesprochen. Und die Kapitel 37 bis 39 handeln vom HOTEL LUX, von Günter Rohrbach, Martin Moszkowicz, Herman Weigel und vom Floppen des Films. Die anderen Titel – von SONNENALLEE bis ROBERT ZIMMERMANN WUNDERT SICH ÜBER DIE LIEBE – sucht man vergebens. Aber dieses Buch mit dem Titel „BUH“ – er bezieht sich auf die traumatische Erfahrung einer „Fledermaus“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper – ist in seinem Erzählduktus, seiner Assoziationsdramaturgie und seinem Personenreichtum ein deutsches Panorama vor allem der 1980er und 90er Jahre. Haußmann kann erzählen. Die schönsten Geschichten spielen in der DDR-Zeit, sie handeln von seiner Druckerlehre, von der Ausbildung an der Schauspielschule Ernst Busch, vom Vorsprechen bei Frank Castorf, von Engagements in Gera und Parchim, von Volkspolizei und Stasi, von seinem Freund Uwe Dag Berlin und seiner Freundin Steffi Kühnert, von seiner ersten Frau Christiane und seiner jetzigen Ehefrau Annika Kuhl (mit respektvoller Diskretion), von den Kollegen Norbert Stöß und Henri Wiese, aber auch von der Intendanz in Bochum, dem Gastspiel in Salzburg und dem Aufenthalt in einer Psychoklinik. Es gibt eine „Liebeserklärung“ an Claus Peymann, eine Begegnung mit Edward Bond, eine Reminiszenz an Heiner Müller, einen Besuch von Botho Strauß in der Haußmann-Wohnung in Friedrichshagen und den bereits formulierten Text für einen Nachruf. Viel Lesestoff, ein Bild (Treppenhaus in Friedrichshagen). Das letzte Wort heißt „Ausweiskontrolle!“. Am 23. November findet im Berliner Ensemble die Premiere von Haußmanns „Hamlet“-Inszenierung statt. Mehr zum Buch: buh/978-3-462-30696-5/

Filmrecht 1919 bis 1939

2013.FilmrechtDie Frankfurter Rechtsanwältin Astrid Ackermann kommentiert in diesem schmalen Buch kurz und verständlich die Entwicklung des Filmrechts in Detschland vom Beginn der Weimarer Republik bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ihre Zäsur ist das Jahr 1929, in dem der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm stattfand. Der Blick ist vor allem auf die soziologische und rechtliche Entwicklung gerichtet. Es geht um die Filmzensur und um das Urheber- und Vertragsrecht. Entscheidende Veränderungen waren natürlich mit der Machtüber-nahme der Nationalsozialisten 1933 verbunden. Das Lichtspielgesetz vom 12. Mai 1920 und das Reichslichtspielgesetz vom 16. Februar 1934 werden präzise erläutert und sind im Anhang abgedruckt. Für eine erste Einführung ins Thema ist die Publikation gut geeignet. Mehr zum Buch: productview.aspx?product=21074

Atomkrieg im Kino

UMS1995.inddDie Herausgeber Tobias Nanz (Siegen) und Johannes Pause (Trier) konzentrieren sich in ihrem Buch „Das Undenkbare filmen“ auf die Analyse von sechs einzelnen Filmen: LA JETÉE (1962) von Chris Marker (Text: Lars Nowak), FAIL-SAFE (1964) von Sidney Lumet (Tobias Nanz), THE WAR GAME (1965) von Peter Watkins (Johannes Pause), CROSSROADS (1976) von Bruce Conners (Eva Kernbauer), THE ATOMIC CAFÉ (1982) von Jayne Loaders und Kevin + Pierce Raffertys (Sascha Simon) und BRIEFE EINES TOTEN (1986) von Konstantin Lopusanskij (Barbara Wurm). Die ursprünglich als Vorträge konzipierten Texte erfüllen wissenschaftliche Ansprüche und rufen die Filme sehr konkret in Erinnerung. Jedem Text ist eine weiterführende Literaturliste angefügt. In ihrer Einleitung stellen die Herausgeber die Einzelbeiträge in einen größeren medientheoretischen Zusammenhang. 25 Abbbildungen. Das Umschlagfoto zeigt eine Momentaufnahme der Operation Crossroads am 25. Juli 1946 auf dem Bikini Atoll. Mehr zum Buch: ts1995.php

GLÜCKSKINDER (1936)

2013.Glückskinder grösserDies ist ein für die NS-Zeit ungewöhnlicher Film. Ich zitiere den unvergessenen Karsten Witte: „Paul Martins wunderbare Nonsens-Komödie GLÜCKSKINDER (1936) kombiniert männliche Tagträumer und Spinner mit einer entlaufenen Erbin. Beide Seiten machen sich die schönsten Illusionen, ihrer Herkunft zu entrinnen. Lilian Harvey flirtet mit Mickey Mouse, Willy Fritsch liebäugelt mit Clark Gable. Beide tun es ohne Anstrengung. Das schafft Sympathie und Wohlgefallen für die verrückte Harmlosigkeit, die den Ton angibt. Es nimmt der Komödie wenig, führt man sie auf ihr offenes Geheimnis zurück: Sie ist eine Eindeutschung von Frank Capras IT HAPPENED ONE NIGHT (1934) mit Clark Gable und Carole Lombart.“ (aus Karstens Kapitel zum Film im Nationalsozialismus in der „Geschichte des deutschen Films“, 2. Auflage, Stuttgart 2004). Angesiedelt ist die Screwball-Comedy in einer Szenerie zwischen Presse und Öl. Harvey und Fritsch, Oskar Sima und Paul Kemp singen das Lied „Ich wollt’, ich wär ein Huhn…“. Concorde hat jetzt eine DVD der restaurierten Fassung des Films herausgegeben. Mehr zur DVD: 1393,type__dvd.htm

Irritation of Life

2013.IrritationDie Internationalität ist beeindruckend: Loren Scott und Jörg Metelman lehren in der Schweiz (Universität St. Gallen), schreiben auf Englisch und publizieren in Deutschland (Schüren, Marburg) ein Buch über den Österreicher Michael Haneke, den Engländer David Lynch und den Dänen Lars von Trier. Thematisch geht es um das Melodram, um die Elemente des Subversiven und der Irritation, also der Verunsicherung, Verstörung, Verwirrung. Der Titel spielt mit der assoziativen Erinnerung an Sirks Melo IMITATION OF LIFE. 50 Seiten werden für Begriffsklärungen und theoretische Ableitungen aufgewendet, dann geht es (110 Seiten) auf hohem Niveau um die drei genannten Regisseure: Haneke („Irritaded judgment as the ethical condition sine qua non“), Lynch („From attractions to disattractions, and back home again“), von Trier („Misogyny or feminism?“). Mit Querverweisen werden auch andere Filme ins Spiel gebracht. In den analytischen Methoden orientieren sich Scott und Metelmann stark an Elsaessers und Hageners „Film Theory“. Viele Abbildungen, in der Mitte ein 16seitiger Farbteil. Band 43 der „Marburger Schriften zur Medienforschung“. Mehr zum Buch: titel/353–irritation-of-life.html

Ton im Dokumentarfilm

dfi.cover.hohenbergerWie ein kunstvolles Mosaik zur Akustik im Dokumentarfilm wirken die 23 Texte dieses Buches, das der Hamburger Filmemacher Volko Kamensky und der Düsseldorfer Professor für Musikinformatik und Medientheorie Julian Rohrhuber herausgegeben haben. Sie verbinden 15 bedeutsame historische Dokumente – u.a. von John Grierson (2), Jean-Louis Comolli (2), Dziga Vertov und Basil Wright – mit Essays zum breiten Spektrum des Themas aus jüngerer Zeit. Zwei Symposien der Dokumentarfilminitiative im Filmbüro Nordrhein-Westfalen waren offenbar die Initialzündung. Besonders informativ finde ich die Texte von Carolyn Birdsall über die Orchestrierung urbaner Akustik, Vrääth Öhner über die britische Schule und den Realismus des Geräuschs, Gunnar Iversen über die Rolle des Tons in der Theorie des Dokumentarfilms, Randolph Jordan über die audiovisuelle (A)Synchronität in den Medien des 21. Jahrhunderts am Beispiel des Films 9/11 der Brüder Naudet und den Essay der beiden Herausgeber über das Problem des Geräuschs im dokumentarischen Filmton. Schön ist die Exkursion von Michael Girke durch die tönende Welt von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub. Zum Thema Ton und Getäusch wurden in den letzten Jahren mehrere Bücher publiziert. Dieses hat eine besondere Qualität. Auf Abbildungen wurden logischerweise verzichtet. Mehr über das Buch: titel-ansicht.php?id=162

DIE ANDERE HEIMAT

2013.Reitz.HeimatDies ist das zweite Buch über DIE ANDERE HEIMAT von Edgar Reitz. Das erste erschien im September im Schüren-Verlag (die-andere-heimat/ ) und war die ideale Vorbereitung für den Kinobesuch. Inzwischen haben wir den Film gesehen und sind tief beeindruckt und berührt von seiner Geschichte, seinen Bildern, seinen Darstellern. Das ist der richtige Zeitpunkt für „Das Buch der Bilder“, das jetzt bei Schirmer/Mosel publiziert wurde. Sein „Tafelteil“ (200 Seiten) sind 164 Abbildungen in Schwarzweiß mit den wenigen, auch im Film überraschenden Farbmomenten, mit Zitaten aus dem Tagebuch des Jakob Adam Simon, mit Bekanntmachungen, Briefen, Gebeten, Liedern und Zaubersprüchen. Noch einmal sehen wir den Film in den von Edgar Reitz ausgewählten Fotos. Und wieder partizipieren wir an der Empathie der Erzählung, die kulminiert im endlosen Treck der Pferdefuhrwerke, der am 4. August 1844 Schabbach und den Hunsrück verlässt. Ein Jahr später besucht Alexander von Humboldt das Dorf (Cameo-Auftritt von Werner Herzog), die Mutter stirbt und endlich bringt ein Postreiter den lange erwarteten Brief von Bruder Gustav und seiner Frau Jette aus Brasilien, den Jakob den Dorfbewohnern vorliest und dann auf das frisch aufgeschüttete Grab seiner Mutter legt. Der Autor und Verleger Michael Krüger hat ein sehr persönliches Vorwort verfasst, zwei kleine Texte von Edgar Reitz handeln von „Filmzeit – Lebenszeit“ und dem „Mythos Heimat“. Ein Buch, das der Größe des Films angemessen ist. Mehr über das Buch: id=&products_id=739

Transmediale Texturen / Narrative Wirklichkeiten

2013.Transmediale TexturenHeinz-Peter Preußer, Akademischer Rat am Fachbereich Sprach- und Literatur-wissenschaft der Universität Bremen, hat für die „Schriftenreihe zur Textualität des Films“ einen Band mit 19 Aufsätzen aus den letzten acht Jahren zusammengestellt, die den Film mit den angrenzenden Künsten in Verbindung bringen. Sie sind in der Substanz sehr unterschiedlich. Interessant finde ich den Text zur „(Re-) Konstruktion der DDR über den Westblick“, der Filme von Buck, Roehler und Schlöndorff mit Volker Brauns Schreibprojekt „Lebens/Werk/DDR“ konfrontiert. Etwas zu kurz gegriffen sind mir die Anmerkungen zu Frank Beyers SPUR DER STEINE, weil sie auf das Verbot des Films begrenzt bleiben und den Roman von Erik Neutsch außer Acht lassen. Am besten gefallen hat mir die Analyse des späten Stummfilms MENSCHEN AM SONNTAG, weil sie die Komplexität des Films entschlüsselt. Über Preußers Kritik an den ersten drei Teilen der HEIMAT von Edgar Reitz kann man sich streiten. Informativ ist sein Text über Technik und Technikkritik im dystopischen Film, der vor allem in Science-fiction-Filmen der letzten zwei Jahrzehnte ihre postapokalyptischen Elemente entdeckt. Und sehr schön ist seine Rückblick auf Kitsch, Kunst und Literatur um 1900: „Sentimentale Worpsweder“. Mehr zum Buch: : transmediale-texturen.html /

2013.Narrative WirklichkeitenDas Buch „Narrative Wirklichkeiten“ ist die Überarbeitung einer Dissertation von Dominik Orth, mit der dieser – betreut von Heinz-Peter Preußer – 2012 an der Universität Bremen promoviert hat. Der Untertitel präzisiert den Gegenstand: „Eine Typologie pluraler Realitäten in Literatur und Film“. Die ersten 100 Seiten sind theoretische Basisarbeit mit entsprechend zahlreichen Fußnoten: „Zur Konzeption der narrativen Wirklichkeit mithilfe trans-medialer Erzähl- und Fiktionstheorien“, „Narrative Wirklichkeit und Lebenswirklichkeit“, „Narrative Fakten“. Der Mittelteil (125 Seiten) ist der für mich interessanteste, weil er sich auf eine Analyse von Fallbeispielen aus Literatur und Film einlässt. Für die Literatur sind das u.a. „Der fernste Ort“ von Daniel Kehlmann, „Flucht in die Finsternis“ von Arthur Schnitzler, „Emma“ von Jane Austen, „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann, „Das Judengrab“ von Ricarda Huch, „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye, „Making History“ von Stephan Fry, „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann und Daniel Kehlmanns „Ruhm“. Die Filmseite ist vertreten mit YELLA von Christian Petzold, DAS CABINET DES DR. CALIGARI von Robert Wiene, LOVE AND OTHER DESASTERS von Alek Keshishian, DEATH ON THE NILE, einer Agatha Christie-Verfilmung von John Guillermin, STAGE FRIGHT von Alfred Hitchcock, GOOD BYE LENIN! von Wolfgang Becker, THE MATRIX von Andy und Larry Wachowski, THE BUTTERFLY EFFECT von Eric Bress und J. Mackye Gruber, LOLA RENNT von Tom Tykwer, MEMENTO von Christopher Nolan und INLAND EMPIRE von David Lynch. Im letzten Teil (25 Seiten) gibt es die theoretische Konklusion. Die Abbildungen beschränken sich auf modellhafte Grafiken. Filmfotos hätten hier wohl einen Rahmen gesprengt. Mehr zum Buch: literatur-und-film.html