THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

2013.BlimpSie gaben dem englischen Kino und der Entwicklung des Farbfilms in den 1940er Jahren die größten Impulse: Michael Powell (1905-1990) & Emeric Pressburger (1902-1988). Ich nenne nur drei Titel: THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP (1943), THE BLACK NARCISSUS (1947), THE RED SHOES (1948). COLONEL BLIMP ist ein für seine Zeit ganz ungewöhnlicher Film. Die Hauptfigur, genannt Candy, eigentlich eine Karikatur aus der Comic-Geschichte, wurde bei P. & P., gespielt von Roger Livesy,  zu einem eher tragischen General mit schwierigen Liebesbeziehungen und einer kontinuierlichen Freundschaft zu dem deutschen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück). Er muss am Ende auch nicht sterben. Die wunderbare Deborah Kerr ist in drei verschiedenen Rollen zu sehen. Winston Churchill wollte den Film 1943 verhindern, schaffte aber nur ein Exportverbot während des Weltkriegs. Ursprünglich war COLONEL BLIMP 163 Minuten lang, dann wurde er gekürzt und verstümmelt. Inzwischen ist er in England, unterstützt von Martin-Scorseses Film Foundation, rekonstruiert worden und lief 2012 in seiner Originallänge auf der Berlinale. Fritz Göttler hat damals einen grundlegenden Text in der SZ geschrieben, der leider nicht im Netz abrufbar ist. Von Koch Media wurde jetzt die DVD ediert, die unbedingt zu empfehlen ist. Sie enthält den rekonstruierten Film in bester Farbqualität (Technicolor!), eine Dokumentation zum Film und zur Rekonstruktion und ein kleines Booklet. Mehr zur DVD: masterpieces_of_cinema_collection_5/

Andreas Dresen

2013.Dresen GlücksspielEs gibt von ihm bisher 17 Kurzfilme, zwölf Spielfilme und drei Dokumen-tarfilme, der 13. Spielfilm ist in Arbeit. Sie haben alle mit der Realität zu tun, auch wenn es manchmal um Utopien geht. Der Filmemacher Andreas Dresen (*1963) lebt in Potsdam, ist als juristischer Laie Verfassungsrichter im Land Brandenburg, er sitzt dem DEFA-Stiftungsrat vor und hat einen biografischen Ost-Bezug. Hans-Dieter Schütt, geboren in Thüringen, ist Spezialist für Gesprächsbücher. Er stellt die richtigen Fragen, und er redet natürlich vor allem mit Menschen, die etwas zu sagen haben. In seinen vier Gesprächen mit Andreas Dresen, die dem Buch eine Struktur geben, kommt alles zur Sprache, was Dresen  biografisch und beruflich mitzuteilen hat: manchmal lakonisch, teilweise sehr schlagfertig und dann ausführlich, wo es ihm wichtig ist. Man erfährt viel, was noch nicht überall zu lesen war. Am Anfang steht ein Gedicht „Für den kleinen Andreas“ vom Vater Adolf Dresen. In der Mitte ist ein Text von Andreas über eine Reise von Tokio nach Tblissi über Moskau zu lesen. Und fürs Ende haben die Dramaturgin Laila Stieler und der Autor Wolfgang Kohlhasse schöne, sehr persönliche „Nach-Sätze“ geschrieben. Andreas ist jetzt fünfzig Jahre alt. Das Buch ist eine beeindruckende Zwischenbilanz. Mehr zum Buch: andreas-dresen.html

Joe Dante

2013.Joe Dante15 Filme hat Joe Dante (*1946) als Regisseur in den Bereichen Fantasy und Horror bisher gedreht, das Österreichische Filmmuseum hat ihm soeben eine Retrospektive gewidmet und dazu ein sehr lesenswertes Buch herausgegeben – in englischer Sprache. Es ist im Übrigen die erste Publikation über diesen eigensinnigen Filmemacher. Mit den PIRANHAS (1978) wurde er bekannt, mit den GREMLINS (1984) berühmt, THE HOLE (2009) war sein bisher letzter Film. Das freundschaftlich-kollegiale Vorwort zum Buch stammt von John Sayles, der früh mit Dante zusammengearbeitet hat. Im Mittelpunkt steht ein 60-Seiten-Gespräch mit Dante von dem Autor und Filmemacher Gabe Klinger, in dem sehr reflektiert auf Form und Inhalte der Filme eingegangen wird. Weitere Texte stammen u.a. von Bill Krohn, J. Hoberman (über die GREMLINS und das Verhältnis zu Spielberg), Christoph Huber und Violeta Kovacsics. Howard Prouty und Gabe Klinger haben eine Dante-Chronik zusammengestellt, und von Prouty stammen auch die meisten Texte der kommentierten Filmografie. Dies ist bereits der 19. Band der „FilmmuseumSynemaPublikationen“ im reizvollen, fast quadratischen Format. Mehr zum Buch: www.filmmuseum.at/shop/joe_dante

Asta Nielsen

2013.Asta NielsenSie kam 1911 aus Dänemark nach Deutschland und wurde einer der großen Stars des Stummfilms. Asta Nielsen (1881-1972) hat in mehr als 80 Filmen die Hauptrolle gespielt. Sie wurde zum Prototyp der emanzipierten, konfliktbereiten Frau. Andererseits hatte sie auch das Talent zur Komik. In der „Edition Filmmuseum“ sind, verantwortet von der Deutschen Kinemathek, zwei DVDs mit vier Asta-Nielsen-Filmen erschienen. In DIE SUFFRAGETTE (1913, Titelfoto) spielt sie eine junge Frau, die für die Gleichberechtigung kämpft und dadurch in einen Liebeskonflikt gerät. Regisseur des Films war Nielsens damaliger Ehemann Urban Gad. DAS LIEBES-ABC (1916, Regie: Magnus Stifter) ist eine Komödie, in der Asta Nielsen einen unerfahrenen Mann in die Liebe einführt und zwischendurch, als Mann verkleidet, die Geschlechterrollen persifliert. Auch in DAS ESKIMOBABY (1916, Regie: Heinz Schall) spielt sie eine Hosenrolle: das Mädchen Ivigtut, das ein Grönlandforscher mit nach Berlin bringt und das in ihren Fellhosen die Gesellschaft aufmischt. DIE BÖRSENKÖNIGIN (1916, Regie: Edmund Edel) ist ein Melodram, in dem Nielsen als Besitzerin einer Kupfergrube viel Geld macht, aber kein Glück in der Liebe hat. Alle vier Filme wurden mühevoll aus vorhandenen Materialien rekonstruiert, bei der BÖRSENKÖNIGIN gab es eine viragierte Nitrokopie, sodass wir den Film in Farbe sehen können. Musikbegleitung aller Filme: Maud Nelissen. Zur DVD-Edition gehört wie immer ein informatives Booklet. Mehr zur DVD: Vier-Filme-mit-Asta-Nielsen.html

Lola-Filme

2013.Lola Film„Lola-Filme“ sind für Simon Richter, Professor an der University of Pensylvania, ein Subgenre des Frauenfilms und des Melodrams. Sie haben zwei Namens-Ursprünge: die historische Figur Lola Montez (1821-1861), Geliebte des Königs Ludwig I. von Bayern, und vor allem die Figur der feschen Lola in Josef von Sternbergs Film DER BLAUE ENGEL (1931) mit Marlene Dietrich. 49 Titel nennt die Filmografie am Ende des Buches „Women, Pleasure, Film“ als Beispiele für Lola-Filme. Die bekanntesten sind, neben dem BLAUEN ENGEL, LOLA MONTEZ (1955) von Max Ophüls, LOLA (1961) von Jacques Demy, LOLITA (1962) von Stanley Kubrick, LOLA (1981) von Rainer Werner Fassbinder und LOLA RENNT (1998) von Tom Tykwer. In 16 Kapiteln entfaltet Richter ein differenziertes Lola-Spektrum, ich nenne acht: „“Lola Doesn’t Kill and Lola Doesn’t Die“, „Lola’s Legs“, „Lola’s Bedroom and the Staircase to Paradise“, „Lola and Motherhood“, „Lola, Race, and Ethnicity“, „Lola’s Menagerie“, „The Colors of Lola“, „It’s Lola’s Time“. Es ist erstaunlich, wieviel Material für Interpretation und Analyse die Filme hergeben. Mit zehn Abbildungen ist das Buch sparsam illustriert. Auf den vier Titelfotos sehen wir Lola Montez (oben) auf einem Foto der George Grantham Bain Collection, Ashleigh Sumner (rechts) in dem Film AND THEN CAME LOLA (2009) von Ellen Seidler und Megan Siler, Lothar Lambert (Mitte) als Lola in seinem Film IN HASSLIEBE LOLA (1995) und Marlene Dietrich (unten) in DER BLAUE ENGEL (1930) von Josef von Sternberg. Mehr zum Buch: 10.1057/9781137309730

Filme.Macherinnen

2013.FilmeMacherinnenCoverDie Münchner Hochschule für Fernsehen und Film hat sich in den letzten Jahr-zehnten sehr gezielt für die Situation ihrer Studentin-nen und Absolventinnen (sie heißen neuerdings „Alumnae“) interessiert. Sie hat Umfragen organisiert und Symposien veranstaltet. Jetzt ist ein Buch erschienen, das die Erfolgsgeschichte der HFF aus der Sicht der Frauen darstellt. Im Mittelpunkt (300 Seiten) stehen 41 Gespräche, die Henrietta Kaiser mit Absolventinnen geführt hat. Darunter sind einige sehr prominente Frauen (Doris Dörrie, Amelie Fried, Katja von Garnier, Nina Grosse, Jeanette Hain, Sherry Hormann, Caroline Link, Vivian Naefe, Maris Pfeiffer, Uschi Reich), für die das HFF-Studium zum Beginn einer Karriere wurde. Die Gespräche sind sehr informativ und gehen auch individuell auf die Situationen der Befragten ein. Claudia Schröter hat in einer Online-Befragung unter 364 HFF-Absolventinnen erkundet „Wie geht es den Frauen der HFF heute?“ (40 Seiten). Hier sind vor allem die statistischen Ergebnisse interessant. Die Dritte um Bunde der Herausgeberinnen, Monika Lerch-Stumpf, ist der HFF seit über 30 Jahre als Lehr- und Forschungskraft verbunden. Ihre „Geschichte der HFF“ (70 Seiten) rundet mit großer Sachkenntnis die Darstellung der Institution ab. Mehr zum Buch: default_film

Handbuch Nachkriegskultur

2013.NachkriegskulturNur ein Fünftel des Buches ist dem Film gewidmet, aber er wird hier als Teil der Nachkriegskultur ernstgenommen und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Das macht die Publikation so interessant. Das Herausgeberpaar Elena Agazzi (Bergamo) und Erhard Schütz( Berlin) hat zwölf Themenkomplexe gebildet, denen es wichtige Werke der Literatur (Romane, Erzählungen, Theaterstücke, vor allem auch Sachbücher) und des Films aus den Jahren 1945 bis 1962 zuordnet: Krieg und Zivilisationsbruch, Gefangenschaft und Heimkehr, Flucht und Vertreibung, die Schuldfrage, Seelenheil und Religion, technische Zeit, die atomare Situation, Kritik der Medienkultur, Kulturimport, Nonkonformismus und Experiment, Wünsche des Alltags, neue Jugend. Insgesamt 116 Bücher, Stücke, Filme werden von 52 Autorinnen und Autoren in Einzeltexten kommentiert. In diesen Texten, es handelt sich dabei um jeweils zwei bis fünf Druckseiten, geht es einerseits um die zeitgenössische Bedeutung der Bücher und Filme, andererseits aber auch um ihre Relevanz aus heutiger Sicht. Nicht alle Texte können ihren Anspruch einlösen, aber es entsteht ein erstaunlich komplexes Bild der Zeit. Erhard Schütz hat eine sehr umfängliche und kluge Einführung geschrieben, und jedem Thema ist eine kurze Einführung vorangestellt. Mit fast 130 € Ladenpreis ist das Buch eine mittlere Investition. Mehr zum Buch: 9783110221398.pdf

Figurenspiele

2013.FigurenspieleSchon das Blättern in diesem Buch ist ein Vergnügen: die fünf Kapitel und die 22 Texte sind durch einfarbige Seiten verbunden, die den Farbton des Titelkostüms aus dem Film FUNNY FACE aufnehmen. Das Papier ist gut, die Fotos sind excellent gedruckt, das Layout hat einen subtilen Reiz. Katharina Sykora, Professorin für Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, hat sich immer wieder mit Figuren des Erzählkinos beschäftigt, die in Typologie, Interaktion und Habitus ein besonderes Potential haben und durch Inszenierung, Kamera und Licht spezielle Wirkungen erzielen. Die hier versammelten Texte sind zwischen 1989 und 2012 in zum Teil sehr entlegenen Publikationen erschienen, und es war eine wunderbare Idee, sie zu einer Anthologie zu vereinen. Die fünf Kapitel heißen: Diven, Majestäten, Männlichkeiten, Großstadtfiguren, Fotojäger. Alle Texte sind lesenswert, fünf finde ich ganz besonders schön: über Kim Novak („Blond in Schwarzweiß und Technicolor“), über die beiden Katharina-Filme aus dem Jahr 1934, THE SCARLET EMPRESS mit Marlene Dietrich und CATHERINE THE GREAT mit Elisabeth Bergner („Nero im Reifrock oder Venus im Pelz“), über Jean Cocteaus ORPHÉE (1949) mit Jean Marais („Kino-Poet im Zweilicht“), über Werner Hochbaums VORSTADTVARIETÉ (1935) mit Luise Ullrich und über das Fotografieren in Edward Yangs YI YI, A ONE AND A TWO (2000). Eigentlich ist dies ein „Buch des Monats“. Deshalb kombiniere ich diesen Hinweis mit der Vorstellung meines Oktober-Buchs. Mehr zum Buch: figurenspiele.html

Gerd Kroske

2013.Gerd KroskeGerd Kroske (*1958) ist unter den deutschen Dokumentaristen ein besonderer Spurensucher und Entdecker. Er hat nach dem Studium an der HFF ‚Konrad Wolf’ in Babelsberg vier Jahre als Autor, Dramaturg und Regisseur im DEFA-Dokumentarfilmstudio gearbeitet und ist seit 1991 freier Autor und Regisseur . Seine Filmografie umfasst 16 Titel, in der DVD-Box, die jüngst bei Absolut Medien erschienen ist, sind 13 Filme enthalten. Relativ bekannt wurde sein Porträt DER BOXPRINZ (1999/2000) über den Selbstruin des Boxers Norbert Grupe. Sehr berührend ist die Leipzig-Trilogie KEHRAUS (1990), KEHREIN, KEHRAUS (1997) und KEHRAUS, WIEDER (2006), eine Langzeitbeobachtung von drei Protagonisten, die bei der Straßenreinigung beginnt und auf dem Armenfriedhof endet. Kroske interessiert sich besonders für den Rand der Gesellschaft, seine Filme handeln oft von Verlierern und fragen nach den Verantwortlichen. VOKZAL – BAHNHOF BREST (1993/93) ist ein Schwarzweiß-Film über die Grenzstation zwischen Weißrussland und Polen und ihre Geschichte. In GALERA (1998) beobachtet Kroske Jugendliche in St. Petersburg, Mantes-la-Jolie (Frankreich), Rio de Janeiro und Berlin. DIE STUNDENEICHE (2006) setzt einem Baum am Berliner Autobahnring ein Denkmal, der 2004 gefällt wurde und als Skulptur der Bildhauerin Franziska Uhl überlebt. SCHRANKEN (2009) erzählt von erfolgreichen und von tragisch endenden Fluchtversuchen an der DDR-Grenze der 80er Jahre. HEINO JAEGER – LOOK BEFORE YOU KUCK (2012) ist der Nachruf auf den Maler und Kabarettisten, der dem Alkohol verfiel: ein Spagat zwischen Komik und Verzweiflung. Für das Booklet hat Christa Blümlinger einen sehr lesenswerten Text verfasst. Mehr zur Box: edition&list_item=53

Spuren eines dritten Kinos

UMS2061_2.inddWenn das „Erste Kino“ in Nord-amerika lokalisiert ist und das „Zweite“ in Europa, dann verteilt sich das Dritte auf den Rest der Welt. Es gab ein historisches Drittes Kino in den 1960er und 70er Jahren, und es gibt ein World Cinema der Gegenwart. Von ihm handelt – in aus-schnitthafter Konkretisierung – das vorliegende Buch. Es schließt an eine Filmreihe an, die im Sommer 2010 im Berliner Zeughaus-kino stattfand und von der Herausgebergruppe Foerster/Perneczky/ Tietke/Valenti, die sich „The Canine Condition“ nennt, kuratiert wurde. Finanziert hat die Publikation der FU-Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“. Zu Beginn geht es um die Präsentation und Archivierung des Dritten Kinos, speziell um die Rolle des Berliner Arsenals. Dann richtet sich der Fokus auf vier Länder: China, Nigeria, die Philippinen und Brasilien. Zu jedem Land gibt es drei informative Texte. Neben den vier Editoren sind zehn Autorinnen und Autoren an dem Buch beteiligt, das sich mit Ästhetik, Politik und Ökonomie beschäftigt. Die Umschlagabbildung stammt aus dem Film DERNIER MAQUIS von Rabah Ameur-Zaimeche. Weitere Aktivitäten zum Thema (Filmreihen, Publikationen) sind angekündigt. Mehr zum Buch: www.transcript-verlag.de/ts2061/ts2061.php