Carl Laemmle – Ausstellung und Katalog

2016.Carl LaemmleIm „Haus der Geschichte Baden-Württemberg“ findet zurzeit die Ausstellung „Carl Laemmle presents – Ein jüdischer Schwabe erfindet Hollywood“ statt. Man kann sie noch bis zum 30. Juli 2017 besuchen. Wer an amerikanischer Studiogeschichte interessiert ist, aber eine Reise nach Stuttgart scheut, sollte sich unbedingt den beeindruckenden Katalog beschaffen, der die Ausstellung sorgfältig dokumentiert. Fotos, Briefe, Plakate und Abbildungen anderer Exponate erzählen die Lebensgeschichte von Carl Laemmle (1867-1939), der im schwäbischen Laupheim geboren wurde, mit 17 Jahren seine Familie verließ und in Amerika Karriere machte. Er war der Gründer der Universal Studios; seine Idee, die Filmproduktion von der Ost- an die Westküste zu verlagern, weil hier das Wetter sonniger und die Löhne niedriger waren, hatte die Etablierung von Hollywood zur Folge. Zu den von Laemmle produzierten Filmen gehörten THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME (1923), THE PHANTOM OF THE OPERA (1925), ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930), DRACULA und FRANKENSTEIN (1931) und IMITATION OF LIFE (1934). Vor allem die Fotos mit den entsprechenden Informationen vermitteln einen Eindruck von der Schaffenskraft dieses Produzenten, dessen 150. Geburtstag im Januar dieses Jahres gefeiert wurde. Mehr zur Ausstellung: www.carl-laemmle-ausstellung.de/

„Ein wenig Leben“

HB Yanagihara_25471_MR1.inddMeine Lektüre über Ostern war kein Filmbuch, sondern der Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, ein Geschenk meines Freundes Rosa von Praunheim. Ich habe die fast tausend Seiten wie im Sog gelesen, auch wenn man zwischendurch Pausen einlegen muss, weil die Selbstzerstörung der Hauptfigur Momente hat, die kaum auszuhalten sind. Erzählt wird die Geschichte von vier Männern, die seit ihrer College-Zeit befreundet sind: Jude St. Francis, der später Anwalt wird, Willem Ragnarsson, der als Schauspieler Karriere macht, Malcolm Irvine, der ein gefragter Architekt wird, und Jean-Baptiste Marion (genannt JB), der als Maler den Lebensweg seiner Freunde begleitet. Im Mittelpunkt des Romans steht Jude, eine charismatische Schmerzensfigur, der von Kindheit an zu leiden hat, dies mit zunehmender Verzweiflung und Hoffnung übersteht, aber niemandem seine schrecklichen Erlebnisse und Erfahrungen berichten kann. Die Geschichten der vier Protagonisten werden nicht chronologisch erzählt, sie beginnen, als sie 27 Jahre alt sind, sie enden rund 30 Jahre später, nur einer von ihnen überlebt. Verwandte und Freunde begleiten sie durch die Zeit, der Arzt Andy spielt eine wichtige Rolle, Jude wird von einem älteren Paar adoptiert, Willem wird zum Lebensgefährten von Jude. Wichtigster Schauplatz ist New York, aber mehr geografisch als zeitgeschichtlich, der 11. September kommt nicht vor. Am Rande spielt auch der Film eine Rolle, denn der Schauspieler Willem wird zum Star, dreht oft in Europa und muss Jude dann allein lassen; seine Arbeit wird sehr anschaulich beschrieben. Die Übersetzung von Stephan Kleiner liest sich gut, das Titelfoto stammt von Peter Hujar, der Roman hat große Qualitäten. Mehr zum Buch: ein-wenig-leben

Zwei Filme von Iris Gusner

2017.DVD.Alle meine MädchenSie war eine der begabtesten Regisseurinnen der DEFA. Iris Gusner (*1941) hat in Moskau studiert und von 1973 bis 1988 sechs Filme für die DEFA gedreht. Am erfolgreichsten war ALLE MEINE MÄDCHEN (1980). Er erzählt die Geschich-te von fünf Mädchen in einem Berliner Glühlampenwerk. Sie gelten als vorbildliche Brigade, aber als ein Regiestudent aus Babelsberg einen Film über sie dreht, werden die Konflikte zwischen ihnen deutlich. Ihre Meisterin erlebt einen Nervenzusammenbruch. Am Ende scheidet ein Mädchen aus dem Kollektiv aus. Der Film beeindruckt durch das Zusammenspiel des Ensembles, nur Lissy Tempelhof als Meisterin ist als Darstellerin bekannt. Als Dramaturgin wirkte Tamara Trampe mit, die Kamera führt Günter Haubold. Der Film ist jetzt als DVD bei Icestorm erschienen, zusammen mit Iris Gusners ein Jahr später entstandenem Film WÄRE DIE ERDE NICHT RUND… Hier wird die Geschichte einer deutschen Studentin erzählt, die in Moskau studiert, sich in einen syrischen Kommilitonen verliebt, von ihm ein Kind bekommt, aber am Ende beschließt, nicht nach Syrien auszuwandern, sondern in die DDR zurückzukehren. Ein Akt der Emanzipation. Die beiden Hauptdarsteller (Bozena Strykówna und Rasim Balajew) sind mir unbekannt. Der Film hat viele starke Momente, in Nebenrollen sind Lissy Tempelhof, Ursula Werner und Dieter Montag zu sehen. Ich erinnere gern an das Buch „Fantasie und Arbeit“, eine „Biografische Zwiesprache“ von Iris Gusner und Helke Sander, das 2009 im Schüren Verlag erschienen ist. Es enthält interessante Informationen zu den beiden Filmen. Mehr zu den DVDs: nicht-rund.html

Robert Beavers

2017.Robert BeaversDer amerikanische Filmemacher Robert Beavers (*1949) lebt seit vielen Jahren in Europa. Im März wurden im Österreichischen Film-museum, das ihm sehr verbunden ist, verschie-dene Restaurierungen und seine drei jüngsten Filme gezeigt. Dazu erschien auch die erste Publikation über ihn, herausgegeben von Rebekah Rutkoff in der Reihe Synema/ Filmmuseum. Es ist bereits der 30. Band der Reihe. Das Buch in englischer Sprache enthält Beiträge u.a. von Gregory J. Markopoulos (bis zu seinem Tod Partner von Beavers), Jonas Mekas („Introduction to the Work of RB“), René Micha („RB or Absolute Film“), Rebekah Rutkoff („Toward RB’s Poetry“), Luke Fowler („Sonic Montage in the Works of RB“), P. Adams Sitney („Masked Rhythm in RUSKIN“), James Macgillivray („Architectural Thought in the Films of RB“), Eric Ulman („Notes on RB“), Susan Oxtoby („Love, Loss, and Eternity“) Haden Guest („Of Place and Portraiture“), ein Gespräch von Ute Aurand mit Beavers über THE STOAS und sechs Texte des Filmemachers über seine Arbeit. Im Anhang findet man eine detaillierte Filmografie und eine ausgewählte Bibliografie. Mit zahlreichen Abbildungen in sehr guter Qualität. Mehr zum Buch: 1484552585701

Späte Stummfilme

2017.Späte StummfilmeAusgangspunkt für das Buch war eine Ringvorlesung an der Universität Bielefeld im Winter-semester 2015/16. Dokumentiert sind 16 Texte, die sich in der Regel jeweils einem Film widmen und seine ästhetische Bedeutung analysieren. Vom Initiator und Herausgeber Heinz-Peter Preußer stammt ein informatives Vorwort. Meinolf Schumacher beschäftigt sich mit dem Heldenepos DIE NIBE-LUNGEN von Fritz Lang. Bei Matthis Kepser geht es um Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN und den Russischen Formalismus. Preußer positioniert Abel Gance’ NAPOLEON zwischen ästhetischer Innovation und nationalistischem Gründungsmythos. Nathalie Mälzer verweist auf die Kunst der Zwischentitel in Carl Theodor Dreyers LA PASSION DE JEANNE D’ARC. Claudia Liebrand befasst sich mit montierten Körpern und Gesten in Robert Wienes ORLAC’S HÄNDE. Matteo Galli erinnert an VARIETÉ von E. A Dupont. Helmut G. Asper sieht die Stummfilm-oper DER ROSENKAVALIER von Robert Wiene zwischen Experiment, Film-Volksoper und Ausstattungsfilm. Irmbert Schenk untersucht DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ von Arnold Fanck und G. W. Pabst („’Gipfel der Filmkunst’ versus ‚blödes Märchen’“). Norbert M. Schmitz erinnert an das surrealistische Kino und die Montagetechnik des Stummfilms am Beispiel von UN CHIEN ANDALOU von Luis Bunuel und Salvador Dalí. Judith Ellenburger entdeckt die Filmästhetik des Seriellen in THE CROWD von King Vidor. Julian Hanich unternimmt eine Reise ans Ende der Nacht in F. W. Murnaus SUNRISE („Moderne und Modernisierungsängste“). Torsten Voß vergleicht Großstadt-Phantasmagorien von Fritz Lang (METROPOLIS) und Walther Ruttmann (BERLIN. DIE SYMPHONIE DER GROSSSTADT). Von Annemarie Weber stammt eine „Marginalie“ zur Verwertungs-geschichte der Standfotos von Horst von Hartlieb (METROPOLIS). Joachim Michael hat den Film SAO PAULO, A SINFONIA DA METRÓPOLE von Adalberto Kemeny und Rudolf Rex Lustig entdeckt. Karl Prümm erzählt sehr präzise die Produktionsgeschichte von MENSCHEN AM SONNTAG. Dominik Oth schlägt einen Bogen von Charlie Chaplins THE GOLD RUSH zu CITY LIGTHS. Alle Texte sind sachkundig und lesenswert. Ein beeindruckendes Buch über den internationalen Film der späten 1920er Jahre. Mit Abbildungen. Mehr zum Buch: spaete-stummfilme.html

Abschied von Michael Ballhaus

2017.BallhausEr war einer der großen deut-schen Kameramänner. Er bevor-zugte die Berufsbezeichnung „Director of Photography“, weil sie auch seine internationale Bedeutung zum Ausdruck brach-te, denn er hatte ja auch in Amerika herausragende Filme gedreht und war dreimal für den Oscar nominiert. Michael Ballhaus ist gestern in Berlin gestorben. Darüber bin ich sehr, sehr traurig. Wir kannten uns seit 1969. Michael war damals Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, hatte mehrere Filme mit Peter Lilienthal gedreht und stand am Beginn einer Karriere. Ab 1970 war Rainer Werner Fassbinder sein wichtigster Regisseur. Sie haben 15 Filme zusammen realisiert. Sein internationaler Ruhm begann 1985 mit dem Film AFTER HOURS von Martin Scorsese. Er hat dann in Hollywood u.a. mit Mike Nichols, Frank Oz, Steven Kloves, Francis Ford Coppola, Robert Redford und Wolfgang Petersen zusammengearbeitet. In den 90er Jahren ergab sich eine größere persönliche Nähe zwischen uns. Ich habe mehrfach Veranstaltungen mit ihm moderiert, 2001 haben wir ihm eine kleine Ausstellung im Filmmuseum gewidmet, und 2006 war er ein „Pate“ in dem Film AUGE IN AUGE, den ich mit Michael Althen gedreht habe. Er hat damals über die Zusammenarbeit mit Fassbinder gesprochen, die ungewöhnliche 360°-Fahrt in dem Film MARTHA beschrieben und verschiedene Szenen aus der EHE DER MARIA BRAUN in Erinnerung gerufen. Als wir das Gespräch gefilmt haben, lebte seine Frau Helga noch, die im September 2006 gestorben ist. Später fand er in Sherry Hormann eine Partnerin, die ihm in den letzten Jahren viel bedeutet hat. Wunderbar sein Buch „Das fliegende Auge“ (2002), basierend auf Gesprächen mit Tom Tykwer. Zusammen mit Claudius Seidl hat er 2014 die Autobiografie „Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens“ publiziert. Es war damals mein Filmbuch des Monats April: michael-ballhaus/. Rosa von Praunheim hat mir gerade ein Gedicht zur Erinnerung an Michael gemailt: „Wenn Augen sprechen / erzählen sie von Gangstern und Zitronen / und von einem Mann / der sie verstanden hat / er hat sie auf einen Tisch gelegt / und hat gewartet, bis sie fliegen konnten / dann ist er um die Welt gereist / und hat uns alle so bezaubert / dass wir jetzt reich sind / an zauberhaften Bildern / die uns begleiten in die Ewigkeit. / Der schönste Mann der Welt, / so süß und freundlich seine Hände / wenn er die Kamera berührte / und sie auch nachts in seinen Armen hielt. / Ab heute wissen wir, dass er unsterblich ist.“

Der Pakt

2017.Der PaktDie amerikanische Ausgabe des Buches („The Collaboration“) erschien im Herbst 2013. Ben Urwand (*1977) hat sich mit spürbarer Leidenschaft in sein Thema vertieft, und sein Buch hat zumindest eine Qualität: es stellt Fragen an das Verhalten der Studiobosse in Hollywood in den 1930er Jahren, die bisher gern tabuisiert wurden. In der Beantwortung dieser Fragen bleibt Urwand allerdings oft vage und hypothetisch, weil es große Lücken in den schriftlichen Quellen gibt. Seine These, dass Hollywood in den 1930er Jahren aus wirtschaftlichem Interesse mit den Nazis „kollaboriert“ hat, klingt provokant, lässt viele differenzierte Aspekte außer Acht und hat natürlich sogleich heftigen Widerspruch ausgelöst. Die sechs Kapitel haben eher lakonische Titel: „Hitlers Filmobsession“, „Auftritt: Hollywood“, „’Gut’“, „’Schlecht’“, „’Abgebrochen’“ (das bezieht sich auf Hitlers Reaktionen bei internen Vorführungen) und „Film ab“. Urwand hat ausführlich recherchiert; es gibt insgesamt 980 Zitate und Quellenverweise. Zwei Schlüsselfiguren sind der damalige deutsche Konsul in Los Angeles, Georg Gyssling, und der Leiter der amerikanischen Production Code Administration, der sehr konservative Joseph I. Breen, ein ausgewiesener Antisemit. Ihr Zusammenspiel hatte sicherlich fatale Folgen, denn Gyssling wurden neue Produktionen oft zur Begutachtung vorgeführt, und er konnte seine Vorbehalte offenbar erfolgreich vermitteln. Hierfür gibt es allerdings selten belastbare Dokumente, denn meist wurden Entscheidungen im Produktionsprozess telefonisch oder in internen Sitzungen vermittelt. So behilft sich der Autor oft mit der Einschränkung „wahrscheinlich“ oder „vermutlich“. Urwand dokumentiert natürlich den deutschen Zensurkampf um ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT, der auch Auswirkungen auf die Fassungen anderer Länder hatte. Interessant ist seine ausführliche Schilderung der erfolgreichen Versuche, die Verfilmung des satirischen Romans „It Can’t Happen Here“ von Sinclair Lewis zu verhindern. Was leider fehlt, sind konkrete Zahlen für den wirtschaftlichen Erfolg der amerikanischen Filme in Deutschland. Man weiß, dass vor allem die Komödien sehr viele Zuschauer hatten. Aber man weiß nicht, um wieviel Geld es bei der Connection zwischen Deutschland und den Hollywood-Studios im Kern ging. Die deutsche Übersetzung liest sich oft sehr holperig. Mehr zum Buch: der-pakt-1017659-001–3

Kippbilder der Familie

2017.Kippbilder der FamilieEine Dissertation, die an der Ruhr-Universität Bochum entstanden ist. „Kippbilder“ verändern bei Perspektivwechsel der Betrachter ihre Bedeutung. Anja Michaelsen setzt sich in ihrem zweiteiligen Text mit der Adoption als Kippbild ausein-ander. Im ersten Teil geht es um das „Mutteropfer“ im Holly-wood-Melodram, um Biopolitik und Klassenhierarchie. Zentra-les Filmbeispiel ist STELLA DALLAS (1937) von King Vidor; er wird zunächst mit MILDRED PIERCE (1945) von Michael Curtiz verglichen und dann mit ALL I DESIRE (1953) von Douglas Sirk. Im einen Fall geht es um Mütterliche Entlastungsfantasien, im anderen um die Zuschauerin als „ideale“ Mutter. Die Filme werden sehr konkret und anschaulich in ihren Perspektiven auf die Adoption analysiert. Im zweiten Teil geht es um „Krisennarrative transnationaler Adoption“, um Ursprung, „Rasse“, Heimat. Filmbeispiele sind hier zwei Fernsehproduktionen: DAUGHTER FROM DANANG (2002) von Gail Dolgin und Vicente Franco und FIRSTPERSONAL PLURAL (2000) von Deann Borshay Liem. Der Blick richtet sich dabei auf fehlende Väter, Weiß und Schwarz, Heimatgefühle. Die Filme sind natürlich weniger bekannt, werden aber genau beschrieben. Im Schlusskapitel äußert sich die Autorin über die Bedeutung „biologischer“ Beziehungen für die „neue“ Familie. Interessante Lektüre. Coverfoto: FIRST PERSONAL PLURAL. Mehr zum Buch: kippbilder-der-familie

DIE GESCHICHTE DER KRIEGSBERICHTERSTATTUNG (1994)

2017.DVD.KriegsberichterstattungMarcel Ophüls ist ein eigenwilliger Dokumentarist, seine Filme folgen nie einer klassischen Dramaturgie, sie sind subjektiv und assoziativ, fordern vom Zuschauer die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen. Sein Film über DIE GESCHICHTE DER KRIEGSBERICHT-ERSTATTUNG (1994) dauert 226 Minuten. Im Mittelpunkt steht die im Bosnienkrieg belagerte Stadt Sarajewo Mitte der 90er Jahre. 80 Jahre zuvor war sie Ausgangspunkt des Ersten Weltkriegs. Wer sind die Journalisten und Reporter, die über Kriege berichten? Was sind ihre Motive? Wie authentisch sind die Bilder, Töne und Texte, die sie in alle Welt verbreiten? Ophüls interviewt französische und englische Reporter, beklagt die Programmpolitik der nationalen Fernsehsender, thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen Propaganda und objektiver Berichterstattung, schlägt einen historischen Bogen vom Krimkrieg über den Spanischen Bürgerkrieg, den Holocaust, den Vietnamkrieg bis zu den Jugoslawien-Kriegen. Zweimal ist Ophüls für diesen Film nach Sarajewo gereist. Es waren auch Reisen in die eigene Vergangenheit. Man sieht Ausschnitte aus dem Film VON MAYERLING BIS SARAJEWO, den sein Vater Max Ophüls gedreht hat, als Hitler den Zweiten Weltkrieg begann. Ausschnitte aus Hollywood-Filmen konstrastieren mit Aufnahmen von den Folgen des aktuellen Krieges. Die Montage ist, wie meist bei Ophüls, auch ein Kommentar zum Thema des Films, denn einen eigenständigen Off-Kommentar gibt es nicht. Momente der Selbstinszenierung gehören zum Stil dieses Films, der die Frage stellt „Können Katastrophenbilder Krieg und Elend verhindern?“ Sie können es wohl nicht, wie man an der aktuellen Situation Syrien sieht. – Bei Absolut Medien ist jetzt eine DVD dieses beeindruckenden Films von Marcel Ophüls erschienen, in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Das Begleitmaterial (darunter ein kleines „Who’s Who der Protagonisten“) stammt von Ralph Eue. Mehr zur DVD: Die+Geschichte+der+Kriegsberichterstattung

Kinobesuche einer Stenotypistin

2016.ProtokolleCharlotte Gerth aus Leipzig, geboren 1918, hat – zunächst als Schülerin, später als Steno-typistin einer Uhrenfabrik – in einer Art Tagebuch ihre Kino-besuche notiert und die Filme zum Teil mit kurzen Bemer-kungen bewertet. Das liest sich zum Beispiel so: „’F.P.1 ant-wortet nicht’ mit Hans Albers, Sybille Schmitz u.a. Ein Film einer künstlichen Insel im Meer. Wunderbar. Ges. 29.1.33.“ Oder: „’Menschen im Hotel’ mit Greta Garbo, John Barrymoore u.a. Das Treiben des Hotels, sehr schön. Ges. 9.4.33.“ Oder: „’Die Finanzen des Großherzogs’ mit Viktor de Kowa, Hilde Weissner u.a. Hatte sehr wenig Sinn. Ges. 18.1.34.“ Oder: „’Das Privatleben des Don Juan’ mit Douglas Fairbanks u.a.m. Große Aufmachung, nichts dahinter. Ges. 18.5.35.“ Das Notizbuch landete 1999, nach dem Tod von Charlotte Gerth, auf dem Flohmarkt, wurde dort von einem Typografie-Dozenten erworben, der es Jahre später seinen Studie-renden zeigte – und zwei von ihnen haben daraus ein Buchprojekt gemacht. Das interessante Resultat ist jetzt im Institut für Buchkunst in Leipzig erschienen. Band 1 enthält die transkribierten handschrift-lichen Eintragungen, die in ihrer Lakonie und Empathie berührend sind. Band 2 enthält ein Drehbuch der beiden Herausgeberinnen Katrin Erthel und Tabea Nixdorf, das die Protagonistin in Leipzig bei ihrer Arbeit und vor allem bei ihren Kinobesuchen zeigt, verbunden mit Ausschnitten aus Filmen, zu denen sie sich geäußert hat. In 21 Szenen wird so die Zeit zwischen 1931 und 1946 rekonstruiert. Natürlich werden auch die politischen Hintergründe deutlich gemacht. Die Lektüre dieses originellen Drehbuchs ist sehr spannend. Außerdem enthält der 2. Band neun Texte von Siegfried Kracauer aus seiner Serie „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ (1927). Ich bin sehr beeindruckt von der Publikation (und dies nicht nur, weil ich selbst in meiner Jugend Kinolisten geführt habe. Die Filme wurden da mit Schulnoten bewertet…). Mehr zum Buch: series/8#103