NUESTRO TIEMPO

Dies ist der fünfte Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas (*1971) und mit 175 Minuten der bisher längste. Man muss sich auf die ruhige Erzählweise einlassen, es gibt wenige Dialoge, es ist viel zu beobachten. Drei Personen stehen im Mittelpunkt: der erfolgreiche Poet Juan, seine Frau Ester und ein amerikani-scher Pferdeflüsterer namens Phil. Juan und Ester züchten auf einer Ranch Kampfstiere. Sie leben in einer offenen Bezie-hung, aber als sich Ester in Phil verliebt, beginnt für Juan eine schwierige Lebensphase, in der er aus Eifersucht gelegentlich die Kontrolle verliert. Reygadas arbeitet immer mit Laiendarstellern. Diesmal spielt er selbst die Rolle des Juan und seine Ehefrau Natalia López die selbstbewusste Ester. Wunderbar der Beginn des Films, wenn eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in einem ausgetrockneten See ihre Spiele treiben. Schockierend, wenn später ein Kampfstier einem Maultier mit den Hörnern die Eingeweide ausreißt. Beeindruckend: die Musik des Films. Bei Absolut Medien ist jetzt die DVD des Films erschienen. Unbedingt sehenswert. Mehr zur DVD: https://absolutmedien.de/film/7046

Hedy Lamarr

Sie stammte aus Österreich, hieß eigentlich Hedwig Kiesler und wurde mit dem skandalträchtigen Film EKSTASE (1933) internatio-nal bekannt. Louis B. Mayer holte sie 1938 nach Holly-wood, gab ihr den Namen Hedy Lamarr und ließ sie in den 40er und 50er Jahren große Rollen spielen. 1958 drehte sie ihren letzten Film, blieb durch Affären zunächst in den Schlagzeilen, zog sich dann nach Florida zurück, wo sie im Januar 2000 gestorben ist. Es gibt mehrere biografisch orientierte Bücher über sie: von Peter Körte (2000), immer noch sehr lesenswert, von dem Journalisten Jochen Förster und ihrem Sohn Anthony Loder (2013), im Dialog erzählt, von Michaela Lindinger (2019), die mehr am Leben der Protagonistin als an ihren Filmen interessiert war. Frank Stern konzentriert sich in seinem Buch, das vom Filmarchiv Austria publiziert wurde, auf die Filme mit Hedy Lamarr. Seine Beschrei-bungen sind konkret und sachkundig. Beispielhaft, wie er die beiden Filme würdigt, die sie unter der Regie von King Vidor gedreht hat: COMRADE X (1940) und H. M. PULHAM ESQ. (1941). Ich habe sie gerade in der Retrospektive der Berlinale noch einmal gesehen. Das Buch ist unbedingt lesenswert. Mit Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfoto aus THE HEAVENLY BODY (1944). Mehr zum Buch: 26708536

Musik im Vorspann

Der Vorspann eines Films dient – wie die Ouvertüre der Oper – der Einstimmung auf das nach-folgende Geschehen. Er hat emotional eine große Bedeu-tung. In der Reihe „FilmMusik“ der edition text + kritik ist ihm ein Band gewidmet, der vier interessante Texte enthält: Frank Lehmann beschäftigt sich mit Form und thematischer Struktur in den Vorspann-musiken von E. W. Korngold. Wolfgang Thiel untersucht Hanns Eislers Vorspannmusiken aus drei Jahrzehnten. Bei Felix Kirschbacher geht es um Episodenbeginn und Vorspann der amerikanischen CBS-Serie THE GOOD WIFE. Andreas Wagenknecht äußert sich zur Wiederverwendung der Musik aus dem Vorspann des Films THE LAST TEMPTATION OF CHRIST des Regisseurs Martin Scorsese, die Peter Gabriel komponiert hat (er bekam damals einen Oscar dafür). Eine interessante Publikation zur Vorspann-Thematik. Coverabbildung: Screenshot aus THE MAN WITH THE GOLDEN ARM. Mehr zum Buch: 9783869167176#.Xl-vKjvl5W8 

Die USA und ihre Bösen

Eine Dissertation, die an der Universität Tübingen entstanden ist. Stefan Butter untersucht darin Feindbilder im amerikanischen Spielfilm 1980-2005. Mit über 800 Seiten ist die Publikation sehr voluminös. Die drei Teile tragen die Überschriften „Vom ‚Reich des Bösen’ zum Reich des Chaos“ mit den Unterkapiteln „Die letzte Hochphase des Kalten Krieges“ und „Aus Feinden werden Freunde“, „Eine Welt von Feinden“ mit den Unterkapiteln „Kalter-Krieg-Nostalgie“, „Nazis überall“, „Die gelbe Gefahr“, „Der Krieg gegen die Drogen“, „Der ‚Krieg gegen den Terror’“ mit den Unterkapiteln „Terrorismus als Bedrohung der USA“, „Die Rolle der Schurkenstaaten“, „Die islamische Welt“. Filme, auf die der Autor ausführlicher eingeht, sind u.a. AIR FORCE ONE von Wolfgang Petersen, THE DELTA FORCE (drei Teile) von Menahem Golan, Aaron Norris und Sam Firstenberg, EXECUTIVE DECISION von Stuart Baird, FIRE BIRDS von David Green, IRON EAGLE (vier Teile) von Sidney J. Furie (3 Teile) und John Glen, NIGHTHAWKS von Bruce Malmuth, THE PEACEMAKER von Mimi Leder, RAMBO: FIRST BLOOD PART II von George P. Cosmatos, ROCKY IV von Sylvester Stallone, TRUE LIES von James Cameron. Die politischen Hintergründe werden ausführlich erläutert. So spielen natürlich die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, George Bush, Bill Clinton und George W. Bush eine wichtige Rolle. In der Schlussbetrachtung inklusive „Ausblick“ bekommt auch Donald Trump eine Funktion. Insgesamt: viel Text, keine Abbildungen. Mehr zum Buch: Die+USA+und+ihre+Bösen+

Hollywoods Schwarze Liste

Im September 2018 fand im Kino Arsenal eine Filmreihe zum Thema „Hollywood Blacklist“ statt. Es wurden 24 Werke von Filmschaffenden gezeigt, die in den 30er, 40er und 50er Jahren in den USA auf der Schwarzen Liste standen, weil ihnen eine Nähe zum Kommunismus unterstellt wurde. Jetzt ist, herausgegeben vom Kurator der Filmreihe Hannes Brühwiler, bei Bertz + Fischer eine Publikation erschienen, die auf beeindruckende Weise dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte dokumentiert. Der Buchtitel „The Sound of Fury“ bezieht sich auf den relativ unbekannten Film Noir von Cy Endfield. Zehn Essays vertiefen das Thema, sie stammen von Brühwiler (Einführung), Abraham Polonsky (Wie die Blacklist in Hollywood funktioniert hat), Gina Telaroli (über JOHNNY GUITAR und CRAIG’S WIFE), Chris Fujiwara (zur Kritik der Männlichkeit in drei Film gris), Patrick Holzapfel (zur Politisierung von Dorothy Parker), Christoph Huber (zur Karriere von Cy Endfield), Wolf-Eckart Bühler (über Irving Lerner), Lukas Foerster (über die Produzentin Hannah Weinstein), Stefan Ripplinger (über SALT OF THE EARTH) und Madeleine Bernstorff (über THE MAN I MARRIED). 15 kürzere Texte richten den Blick auf spezielle Filme, beginnend mit MARKED WOMAN (1937) von Lloyd Bacon und Michael Curtiz, endend mit THE YOUNG ONE (1960) von Luis Bunuel. In 56 Kurzbiografien erinnern Frank Arnold und Hannes Brühwiler an die Opfer der Blacklist. Mit zahlreichen Abbildungen in sehr guter Qualität. Coverfotos: Screenshot aus GUN CRAZY (1950) und Standfoto aus FORCE OF EVIL (1948). Mehr zum Buch: soundoffury.html

Filmgeschichte weltweit

Vor 25 Jahren, als der 100. Ge-burtstag des Kinos gefeiert wur-de, entstanden auf Initiative des British Film Institute 16 Doku-mentationen über die Filmge-schichte von 16 Ländern. Sie wurden von prominenten Regisseuren realisiert und waren sehr persönliche Reisen in die Vergangenheit. Stanley Kwan erzählte vom Kampf der Geschlechter im chinesischen Kino, Nagisa Oshima erinnerte an 100 Jahre japanisches Kino, Jang Sun-Woo informierte über den Aufbruch des koreanischen Kinos, Stephen Frears und Mike Dibb charakterisierten, was am britischen Kino „Typically British“ ist, Donald Taylor Black fragte, warum das irische Kino „allein“ ist, Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville richteten ihren Blick auf 2 x 50 Jahre französisches Kino, Edgar Reitz verbrachte mit vielen Kollegen DIE NACHT DER REGISSEURE, Pawel Lozinski äußerte sich zu 100 Jahren polnischem Kino, Sergej Selyanov formulierte „Die Idee Russland“, Mrinal Sen nannte seinen Beitrag über das indische Kino „And the Show Goes On“, Nelson Pereira dos Santos zeigte das „Kino der Tränen“ in Lateinamerika, Stig Björkman das „Kino der Neugier“ in Skandinavien, Sam Neill und Judy Rymer das „Kino der Unruhe“ in Neuseeland, George Miller „40.000 Jahre Träumen“ in Australien. Zwei Reisen unternahm damals Martin Scorsese: durch die amerikanische und die italienische Filmgeschichte. Mit jeweils knapp vier Stunden war man bei ihm am längsten unterwegs. Die meisten anderen Filme dauerten auftragsgemäß 52 Minuten. Gesamtlänge: 1.294 Minuten, also mehr als 20 Stunden. Bei Absolut Medien sind jetzt auf sieben DVDs alle genannten Filme in einer Sonderausgabe erschienen. Das Wiedersehen ist unbedingt lohnenswert. Ein Booklet ist online zu lesen: Booklet-www.pdf . Mehr zu den sieben DVDs: weltweit+%28Sonderausgabe%29

Bären-Verleihung

Heute Abend werden im Berlinale-Palast die Bären verliehen. Die Jury, präsidiert von dem Schauspieler Jeremy Irons, kann sieben Silberne und einen Goldenen vergeben. Es konkurrieren 18 Filme im Wettbe-werb. Als Favorit für den Goldenen Bären gilt zurzeit NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Hittman. Prognosen sind schwierig, weil auch viele diplomatische Aspekte eine Rolle spielen. Vergeben werden Silberne Bären für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch, eine herausragende künstle-rische Leistung in den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design, der „Große Preis der Jury“ und ein Sonderpreis zur 70. Berlinale. Ich habe zu wenige Filme des Wettbewerbs gesehen, um Prognosen abzugeben. Den Preis für die beste Darstellerin würde ich Nina Hoss für SCHWESTERLEIN verleihen, eine Auszeichnung würden aus meiner Sicht auch FIRST COW von Kelly Reichardt, UNDINE von Christian Petzold und THE WOMAN WHO RAN von Hong Sangsoo verdienen. Den Film ROZI/DAYS von Tsai Ming-Liang, der viel Zustimmung erhielt, habe ich nicht gesehen. Nach der Preisverleihung, die auf 3sat übertragen wird, ist der Siegerfilm zu sehen. Mehr zur Internationalen Jury: internationale-jury.html

O.K. von Michael Verhoeven

Vor fünfzig Jahren führte Michael Verhoevens Film O.K. zu einer Kon-troverse, die den Abbruch des Wettbewerbs der 20. Berlinale auslöste. Es wurden damals keine Bären vergeben. Heute wird der Film in einer Sondervorführung in der Akademie der Künste im Haus am Hanse-atenweg gezeigt. Die Kopie wurde vom Filmmuseum München restau-riert und digitalisiert. Der Film spielt im Jahr 1966. Der Vietnamkrieg findet im Bayerischen Wald statt. Das Mädchen Phan Ti Mao (Eva Mattes) radelt an einem gerodeten Waldstück vorbei. Sie wird von GIs angehalten und drangsaliert. Nach einer Leibesvisitation wird sie vergewaltigt und am Ende erstochen. Der Captain resümiert: „Der Mord ist außerhalb der Zivilisation geschehen, nämlich auf dem Schlachtfeld. Ein Strafanzeige würde der Sache des Friedens schaden.“ So ist am Ende alles „o.k.“. Ein auch formal sehr interessanter Film, der auch heute noch seine Qualitäten hat. Mehr zum Film: 36876.html

Henny Porten

Vor 34 Jahren fand im Rahmen der Berlinale eine Henny Porten-Retrospektive statt, die von der Deutschen Kinemathek verantwortet wurde. Helga Belach war die Herausgeberin und Hauptautorin des Begleitbandes, die detaillierte Filmografie stammte von Corinna Müller, einen Essay („Mütterliche Venus und leidendes Weib“) steuerte Knut Hickethier bei. Der Autor Detlef Romey hat jetzt im Neopubli Verlag eine Porten-Biografie veröffentlicht, „Der gefallene Engel“, die von neu erschlossenen Quellen profitiert und vor allem die schwierige Lebensphase in der Zeit des Nationalsozialismus präziser beschreibt. Tonbandaufzeichnungen von Henny Porten sind die Basis für ausführliche Zitate, ergänzt durch Briefe und frühe Texte von ihr. Kommentare zu ihren Filmen sind meist der zeitgenössischen Presse entnommen. Der 40seitige Bildteil und die Einzelfotos haben eine akzeptable Qualität. Die Umschlagzeichnung stammt von Reinhardt Trinkler. Lesenswert. Mehr zum Buch: 9783750269507/94104

Contemporary German and Austrian Cinema

Seit den 1970er Jahren gibt es die Zeitschrift New German Critique, „the leading journal of German studies“. Als Nr. 138 ist kürzlich ein Heft über den zeit-genössischen deutschen und österreichischen Film erschie-nen, herausgegeben von Brad Prager und Eric Rentschler, die auch die Einleitung verfasst haben: „New Prospects – After the Berlin School?“. Neun interessante Beiträge sind hier zu lesen. Codruţa Morari äußert sich zur Neuentdeckung des Western in den Filmen von Thomas Bidegain (LES COWBOYS) und Valeska Griesebach (WES-TERN). Jörn Glasenapp schreibt über Maren Ades TONI ERDMANN, Voker Pantenburg über Julian Radlmaier und Max Linz, Anne Röhrborn über Stephan Geenes UMSONST, Olivia Landry über Philip Scheffners HALFMOON FILES, Fatima Naqvi über Nikolaus Geyrhalter, Brad Prager über Ulrich Seidl. Zwei besonders interessante Texte sind Dominik Graf gewidmet: Laura A. Frahm richtet ihren Blick auf Grafs „Urban Essay Films“ („Architectures of Images, Avalanches of Memory“), Eric Rentschler befasst sich mit dem zweiteiligen Essay VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM (2016) und OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM (2017) von Graf und Johannes F. Sievert. Alle Beiträge haben ein hohes Niveau. Mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Heft: contemporary-german-and-austrian-cinema