ZUGVERKEHR UNREGELMÄSSIG (1951)

Ein DEFA-Film, den ich bisher nicht kannte. Er wurde 1951 gedreht und spielt im geteilten Berlin. Erzählt wird die Geschichte des Aufsichts-beamten Jochen (Claus Holm), der bei der S-Bahn arbeitet und sich von der West-Agentin Ellen (Inge Keller) anwerben lässt. Er beteiligt sich an Sabotageakten, wird dafür gut bezahlt, macht sich damit aber bei seiner neuen Freundin Inge (Brigitte Krause) und seinem langjährigen Freund Erich (Peter Lehmbrock) verdächtig. Die beiden vereiteln einen geplanten Anschlag, Jochen kommt dabei ums Leben. Interessante Schauplätze, gute Schauspiele-rinnen und Schauspieler, bemerkenswerte Kameraführung (Willi Kuhle). Der Regisseur Erich Freund war 1933 ins Exil geflohen, hatte in London die NS-Zeit überlebt und kehrte 1946 nach Ostberlin zurück. Zusammen mit Wolfgang Schleif inszenierte er 1947/48 das historische Drama GRUBE MORGENROT, ebenfalls mit Claus Holm in der Haupt-rolle. ZUGVERKEHR UNREGELMÄSSIG war sein zweiter, aber auch letzter Film. Freund starb 1958 in Schöneiche bei Berlin. Eine DVD des Films ist jetzt bei Icestorm erschienen. Mehr zur DVD: zugverkehr-unregelmaessig.html

Ornamentale Oberflächen

Eine Dissertation, die an der Universität Zürich entstanden ist. Evelyn Echle hat sich darin auf eine „Spurensuche zu einem ästhetischen Phänomen des Stummfilms“ begeben: Orna-mentale Oberflächen. Es handelt sich dabei um Vorhänge, Teppiche, Tapeten, Möbel, Lampen, aber auch um Kostüme der Hauptfiguren. Sie haben Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Fläche und Raum, stellen Spannungen her, korrespondieren mit der Inszenierung. Die Autorin strukturiert ihren Text in vier Kapitel. Sie verortet das Ornament zunächst zwischen Kunst- und Filmtheorie, bringt Heinrich Wölfflin, Alois Riegl, Adolf Loos, Wilhelm Worringer, Rudolf Arnheim und Siegfried Kracauer ins Spiel. Dann stellt sie filmische Ordnungen des Ornamentalen im Kino der 1910er Jahre her. Ihre wichtigsten Filmbeispiele sind: DON JUAN HEIRATET von Heinrich Bolten-Baeckers, SUMERKI SCHENSKOI DUSCHI und POSLE SMERTI von Jevgeni Bauer und MODE DE PARIS. Anschließend erfolgt der „Avantgardistische Transit“ in die 20er Jahre. Besonders lesenswert sind die Passagen über SUMURUN von Ernst Lubitsch, AZ ARANYEMBER von Sándor Korda, DER MÜDE TOD von Fritz Lang und L’INHUMAINE von Marcel L’Herbier. Das letzte Kapitel ist dem Verhältnis von Fotografie und Film gewidmet, der Werkbund-ausstellung 1929, dem Film MANHATTA von Charles Sheeler und Paul Strand, den IMPRESSIONEN VOM ALTEN MARSEILLER HAFEN von Lászlo Moholy-Nagy, dem Werk von Werner Graeff und schließlich dem Film BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT von Walter Ruttmann. Ein beeindruckendes Buch mit Abbildungen in hoher Qualität. Band 41 der „Zürcher Filmstudien“. Mehr zum Buch: ornamentale-oberflaechen.html

Sichtbar machen

16 Texte, in denen auf hohem theoretischem Niveau über Politiken des Dokumentarfilms reflektiert wird. Die meisten sind Resultate von Workshops, die an der Universität Wien stattgefunden haben, initiiert von Elisabeth Büttner, die im Februar 2016 verstorben ist. Ihr ist der Band gewidmet. Ich nenne neun Beiträge, die mir besonders gut gefallen haben. Lena Stölzl richtet ihren Blick auf Leere (Filmbeispiel: CALI-FORNIA COMPANY TOWN), Grund (LE CERCLE DES NOVÈS) und Feld (REVISION) als dokumentarische Bildstrategien. Bei Anke Zechner geht es um geliehene Stimmen in dokumentarischen Filmen. Ihre beeindruckend beschriebenen Beispiele: TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND von Jutta Brückner, SCHILDKRÖTENWUT von Pary El-QalQili und MEIN LEBEN 2 von Angelika Levi. Ute Holl untersucht die Kontingenz-produktion als Strategie des Dokumentarischen und konkretisiert dies an Filmen von Abbas Kiarostami. Zwei Texte beschäftigen sich mit der Arbeit von Alexander Kluge: Karin Harrasser reflektiert über Film und die Darstellung der deutschen Geschichte im Futur II mit verschiedenen Beispielen, Valentin Mertes beschreibt Kluges antirealistischen Realismus am Beispiel von IN GEFAHR UND GRÖSSTER NOT BRINGT DER MITTELWEG DEN TOD. Britta Hartmann befasst sich mit Imagination und Subjektkonstruktion in suggerierten Autobiographien, ihr Beispiel ist der Schweizer Film DAY IS DONE von Thomas Imbach. Bei Nana Heidenreich geht es um das Recht auf Opazität, Illegalisierung und andere Sichtbarkeiten in Europa. Guido Kirsten erinnert an die Darstellung von proletarischer und subproletarischer Lebensrealität im Kino der Weimarer Republik, speziell bei Dudow, Hochbaum und in MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK von Phil Jutzi. Eva Hohenberger äußert sich zum Verhältnis von Dokumentarfilm und Recht. In manchen Texten nervt der hohe theoretische Anspruch, aber es gibt immer wieder beeindruckende Passagen mit neuen Gedanken. Die Abbildungen sind in der Qualität unterschiedlich. Mehr zum Buch: 238&am=8

Sommerfrauen Winterfrauen

September/Oktober 1996. Der Berliner Filmstudent Jonas Rosen wird von seinem Profes-sor Lila von Dornbusch nach New York geschickt, um eine größere Ausbildungsproduktion organisatorisch vorzubereiten. Im Flieger lernt er den sympa-thischen Fotografen Robert Polanski kennen, den er „Red-ford“ nennt. In New York findet er bei dem sehr chaotischen Filmprofessor Jeremiah Fulton eine Unterkunft. Seine Freundin Mah Kim Namgung ist in Berlin geblieben. Nele Zapp, Prakti-kantin des New Yorker Goethe-Instituts, erweist sich als attraktive „Sommerfrau“. Und Jonas entschei-det sich für das Ohr als zentrales Thema seines New York-Films. Der Autor und Filmemacher Chris Kraus hat in seinem neuen Roman eigene Erfahrungen fiktionalisiert und verbindet sie mit Aspekten der Familienvergangenheit; eine Schlüsselrolle spielt da die Malerin Paula Herzlieb (*1921). Ein spannender Roman mit vielen interessanten Figuren und einem authentischen New York-Bild jener Zeit. Neben der Hardcover-Fassung (416 Seiten, Diogenes Verlag) gibt es auch ein Hörbuch. Hier wird der Roman von Lars Eidinger und Paula Beer gelesen. Man muss sich dafür nur 8 ½ Stunden Zeit nehmen. Mehr zum Buch: 9783257070408.html

 

75. Filmfestival Venedig

Heute Abend wird mit dem Film FIRST MAN von Damien Chazelle das 75. Festival in Venedig eröffnet. Ryan Gosling ist der Hauptdarsteller des Films. Im Wettbewerb konkurrieren 21 Filme, darunter DOUBLES VIES von Olivier Assayas, THE SISTERS BROTHERS von Jacques Audiard, THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS von den Coen Brothers, 22 JULY von Paul Greengrass, der deutsche Beitrag WERK OHNE AUTOR von Florian Henckel von Donnersmarck, THE NIGHTINGALE von Jennifer Kent (als einziger Film einer Frau), PETERLOO von Mike Leigh, CAPRI-REVOLUTION von Mario Martone, NAPSZÁLTA von László Nemes und AT ETERNITY’S GATE von Julian Schnabel. Jurypräsident ist in diesem Jahr der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, zu seiner Jury gehören u.a. Christoph Waltz und Naomi Watts. Zwei Ehren-Leoparden werden vergeben: an den kanadischen Regisseur David Cronenberg und die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave. Das Festival dauert bis 8. September. Mehr zum Programm: /cinema/2018

Angeschlossen und gleichgeschaltet

In diesem Buch geht es um die österreichische Kinogeschichte. Klaus Christian Vögl, seit vielen Jahrzehnten in der Wirtschafts-kammer Wien tätig, hat intensiv die Struktur und Organisation der österreichischen Film- und Kinowirtschaft während der Zeit der deutschen Okkupation er-forscht. Als Geschäftsführer der Fachgruppe der Lichtspiel-theater und Audiovisionsveran-stalter in der Parte Tourismus und Freiwirtschaft hatte er 1981 Kino-Akten aus der Zeit der Reichsfilmkammer in Österreich gefunden, die in einem Stahlschrank gesichert waren und inzwischen an das Stadt- und Landesarchiv übergeben wurden. Sie sind die wichtigste Basis für die nun vorliegende Untersuchung, ergänzt durch Interviews, die der Autor mit Zeitzeugen geführt hat. In 24 Kapiteln werden wir sehr sachkundig über die Kinowirtschaft in Österreich bis 1938, über die Verflechtungen zwischen Österreich und Deutschland, über Staat, Verwaltung und Recht im „Dritten Reich“, über die „Kulturpolitik“ des nationalsozialistischen Staates, dessen Verhältnis zu Film und Kino, die Instrumentalisierung der NS-Film- und Kinopolitik, Partei und Propaganda im Kino, das NS-Wirtschafts-system und seine Auswirkungen auf Kino und Film, die Einführung der Reichskulturkammergesetzgebung in Österreich und ihre unmittelbaren Konsequenzen, über die Rahmenbedingungen der Kino- und Filmwirtschaft in technisch-gesellschaftlicher Hinsicht, die NS-Rassengesetzgebung und „Arisierung“ informiert. Das umfangreichste Kapitel ist der Kinobetriebsführung gewidmet, u.a. mit Hinweisen auf die bauliche Gegebenheiten, Ausstattung, das Personal, den Ablauf der Vorstellungen, die Wochenschau, Zensur und Prädikatisierung, Kinokarten und Eintrittspreise, Werbung. Auch die Zeit nach 1945 wird am Ende des Bandes thematisiert. Ein Anhang vermittelt in einer Chronik die wichtigsten Ereignisse in Stichworten. 866 Quellenverweise zeugen von der Sorgfalt der Recherche. Keine Abbildungen. Mehr zum Buch: 978-3-205-20297-4.html

DIE GEZEICHNETEN (1922)

Sein bekanntester Film ist wohl LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928). Anfang der 1920er Jahre hat der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) zwei Filme in Deutschland realisiert: DIE GEZEICHNETEN und MI-CHAEL. Sie haben beide große Qualitäten, denn Dreyer ist thematisch und stilistisch immer eigene Wege gegangen. DIE GEZEICHNETEN erzählt die Geschichte des jüdischen Mädchens Hanna in einer russischen Kleinstadt am Dnepr zu Beginn des zwanzigsten Jahrhun-derts. Sie flieht aus dem Ort, als sie dort wegen einer angeblichen Affäre mit dem Studenten Sascha angefeindet wird, und findet eine Bleibe bei ihrem Bruder in St. Petersburg. Dort trifft sie auch Sascha wieder, der inzwischen in oppositionellen Studentenkreisen verkehrt. Eines Tages wird Sascha verhaftet und Hanna in ihre Heimatstadt zurückverwiesen. Dort spitzt sich die Progromstimmung gegen die jüdische Bevölkerung zu. – Es sind vor allem russische Schauspielerinnen und Schauspieler, die Dreyers Film prägen. Er ist bei uns verhältnismäßig unbekannt, weil die deutsche Fassung als verloren gilt und die russische Fassung stark gekürzt war. Erst eine Fassung aus dem Archiv der Cinémathèque de Toulouse hat das Dänische Filmarchiv in den Stand gesetzt, eine Rekonstruierung und Restaurierung zu bewerkstelligen. Sie liegt jetzt auch als DVD vor, erschienen bei Absolut Medien. Die Musik stammt von Bernd Thewes und hat große Qualitäten. Mehr zur DVD: 281922%29

Vom Film zum Ich

Rainer Dirnberger ist Psycho-loge und hat eine große Zunei-gung zum Kino. In seinem Buch führt er uns auf einen „Weg zur Selbsterkenntnis durch Filme“. Er folgt dabei einem Spiel, das der amerikanische Therapeut Tav Sparks als „Movie-Yoga“ methodisiert hat. Ausgangs-punkt ist eine bewusste, acht-same Haltung, verbunden mit einer Innenperspektive bei der Betrachtung eines Films. Von dieser Basis aus beginnt ein Prozess in zwölf Stufen, der uns jeweils auf einen „Erweiterungsset“ führt: Freie Assoziation, Schatten, Innere Repräsentanzen, Innere Persönlichkeiten, Aktive Imagination, Lebensthemen, Spirituelle Lebensreise, Wiederholungszwang und sich selbst erfüllende Prophezeiung, Heldenreise, Tod und Wiedergeburt/ Geburtsmatrix, Arbeiten/ Spielen, Happy-End (mit Fragezeichen). Über 200 Filmbeispiele sind Bestandteil des Spiels. Sie stammen vor allem aus den letzten dreißig Jahren, dominant wirken dabei Fantasy-Filme wie ALIEN, DER HERR DER RINGE, DER HOBBIT, MATRIX, WATCHMAN. Aber auch das japanische Kino und der Animationsfilm sind präsent. In den einzelnen Kapiteln gibt es „Übungen“ „Erfahrungs-berichte“, Ausflüge in die „Theorie“. Wir werden vom Autor persönlich angesprochen, wenn man sich auf das Spiel einlässt. Keine Abbildungen aus Filmen, sondern Zeichnungen eines Freundes. Mehr zum Buch: vom-film-zum-ich/

Jenseits von Heimat

Eine Dissertation, die an der Universität Köln entstanden ist. Öngün Eryilmaz untersucht darin den „Raum im cinéma du métissage in Deutschland und Frankreich“. Es geht um Folgen der Migration, um Inter- und Transkulturalität. Nach einem umfangreichen Kapitel, in dem die soziokulturellen Grundlagen formuliert werden, konzentriert sich die Autorin auf die Raum-darstellung im Werk von zwei Regisseuren: Fatih Akin und Abdellatif Kechiche. Sie analy-siert drei Filme von Akin (GEGEN DIE WAND, AUF DER ANDEREN SEITE, SOUL KITCHEN) und drei Filme von Kechiches (LA FAUTE À VOLTAIRE, L’ESQUIVE, LA GRAINE ET LE MULET). Die Genauigkeit ihrer Beschreibung, ihre Verortungen und die Schlussfolgerungen haben mich sehr beeindruckt, weil der Text einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und sich andererseits nicht in einem theoretischen Labyrinth verirrt. Er bleibt nahe an den Filmen, die für das thematischen Ziel hervorragend ausgewählt sind. Wenige Abbildungen. Mehr zum Buch: 3658220902

Märchen im Medienwechsel

Der Märchenfilm hat sich früh in der Filmgeschichte etabliert, er wurde nicht nur für Kinder konzipiert, sondern hat seine oft düsteren Geschichten auch in speziellen künstlerischen For-men erzählt. Das von Ute Dett-mar, Claudia Maria Pecher und Ron Schlesinger herausge-gebene Buch macht das breite Spektrum seiner Geschichte und die Veränderungen in den letz-ten Jahrzehnten deutlich. 19 Textbeiträge sind hier ver-sammelt. Ich nenne zehn, die mich besonders beeindruckt haben: Claudia Maria Pecher beschäftigt sich mit einem Pionier des Märchenfilms, dem franzö-sischen Regisseur Georges Méliès, beschreibt sein Leben, seine filmtechnischen Erfindungen und analysiert beispielhaft zwei Filme. Jan Sahli äußert sich zu Jean Cocteaus Märchenverfilmung LA BELLE ET LA BêTE (1946). Horst Schäfer erinnert an Märchen-Stummfilme in Deutschland („Verkannt, vergessen, verschollen“). Bei Andrea Hartmann und Michel Nölle geht es um Lotte Reinigers Silhouetten-Märchenfilme. Ingrid Tomkowiak richtet ihren Blick auf 100 Jahre Disney-Märchenanimationsfilme („Capture the Imagination“). Ron Schlesinger informiert sehr sachkundig über den Märchenfilm im „Dritten Reich“. Mit 50 Seiten ist der Beitrag von Dieter Wiedemann über Märchenfilme in der Bundesrepublik und in der DDR der umfangreichste des Bandes („Es war einmal…“). Steffen Retzlaff gibt einen Überblick über den tschechoslowakischen Märchenspielfilm von 1920 bis 1989. „Terra incognita“ nennt Olena Kuprina ihren Text über den sowjetischen Märchenfilm von 1917 bis 1990. Klaus Maiwald untersucht aktuelle Tendenzen des Märchenfilms am Beispiel von Schneewittchen. Andere Texte widmen sich bekannten TV-Produktionen, dem komischen Märchenfilm und dem Computerspiel. Alle Beiträge haben ein hohes Niveau und machen den Band zu einem Basiswerk zum Thema Märchenfilm. Mit Abbildungen in unterschiedlicher Qualität. Mehr zum Buch: medienwechsel