Die Künste des Kinos

2013.Künste des KinosMit seinem sensiblen Filmblick durchquert der Autor die Welt der Künste: der Architektur, der Musik, der Malerei, des Schauspiels, der Literatur. Martin Seel (*1954) ist Professor für Philosophie in Frankfurt am Main. Das Schöne an diesem Buch sind die konkreten Beispiele, die Seel für seine kunstphilosophischen Passagen heranzieht. Er beschreibt sehr präzise Sequenzen u.a. aus den Filmen THE SEARCHERS (1956) von John Ford, NORTH BY NORTHWEST (1959) von Alfred Hitchcock (Titelbild), A NIGHT AT THE OPERA (1935) von Sam Wood mit den Marx Brothers, BLOW-UP (1966) und ZABRISKIE POINT (1970) von Michelangelo Antonioni, FONTANE EFFI BRIEST (1974) von R. W. Fassbinder, THE BOURNE SUPREMACY (2004) von Paul Greengrass, CACHÉ (2005) von Michael Haneke und thematisiert ihren Umgang mit dem Raum, mit der Zeit, mit Bild und Ton, mit Schauspiel und Wirklichkeit. Eigene Kapitel sind der Exploration, der Imagination und der Emotion gewidmet. Das letzte Kapitel heißt logischerweise „Film als Philosophie“. Das Vergnügen bei der Lektüre ist eng verknüpft mit der Kenntnis der Filme, andererseits: man möchte die meisten wiedersehen und danach noch einmal den Text lesen. Mehr zum Buch: 9783100710123

Der Ullstein Verlag und der Stummfilm

2013.Ullstein + FilmDiese (fürs Buch komprimierte) Dissertation aus Mainz ist für mich eine spannende Lektüre. Bernard Schüler untersucht frühe Verbindungen zwischen Literatur- und Filmproduktion. Der Ullstein-Verlag in Berlin, gegründet 1877, war zunächst im Bereich von Zeitungen und Zeitschriften erfolgreich, erweiterte sich 1903 zu einem Buchverlag und beteiligte sich in den frühen 1920er Jahren an der Filmproduktionsfirma Uco Film GmbH., um eine mediale Brücke zu seinen Büchern zu schlagen, die zum Teil auch in den Zeitungen vorabgedruckt wurden. Schüler hat (das beweist sein Forschungs-bericht in der Einleitung) viele neue Quellen entdeckt und beschreibt im ersten Teil seines Buches den komplizierten Medienverbund Ullstein mit Gründung (1920) und Auflösung (1924) der Uco, soweit die Aktenlage und die Archivierung der Dokumente dies zulassen. Die Genauigkeit der Recherchen ist schon mal bewundernswert. Im zweiten Teil des Buches werden die fünf von der Uco produzierten Filme analysiert: DIE KWANNON VON OKADERA (1920) von Carl Froelich, SCHLOSS VOGELÖD (1921) von F. W. Murnau, der zweiteilige Film DR. MABUSE, DER SPIELER (1921/22) von Fritz Lang, PHANTOM (1922) von F. W. Murnau und DIE PRINZESSIN SUWARIN (1922/23) von Johannes Guter nach einem Buch von Thea von Harbou. Schüler charakterisiert jeweils die literarischen Vorlagen, beschreibt die Umsetzung in den Film und informiert über die Rezeption. Er hat ein sensibles Bildverständnis, auch wenn ihm die Bücherwelt offenkundig näher ist. Erschienen als Band 23 der „Mainzer Studien zur Buchwissenschaft“. Auf Abbildungen wurde verzichtet. Mehr zum Buch: title_1998.ahtml

JADUP UND BOEL

2013.JadupZum CineFest in Hamburg, das sich in diesem Jahr dem Thema „Filmzensur“ widmet, ist bei Absolut Medien eine DVD des Films JADUP UND BOEL (1980/81) von Rainer Simon erschienen. Der DEFA-Film wurde nach seiner Fertigstellung 1981 verboten und kam erst 1988 in die Kinos. Er spielt in der DDR-Gegenwart und blendet zurück in das Jahr 1945. Er erzählt von der Liebesbeziehung zwischen dem Flücht-lingsmädchen Boel und dem jungen Mann Jadup, der später Bürgermeister der kleinen märkischen Stadt Wickenhausen wird. Da ist Boel nach einer Vergewaltigung längst verschwunden. Nach dem Einsturz eines Hauses kommt ein Buch zum Vorschein,  das Boels Widmung für Jadup enthält . Der Film ist ein fast surreales Verwirrspiel mit vielen ironischen Beobachtungen aus dem Leben in der DDR. Mit Kurt Böwe (Jadup), Katrin Knappe (Boel), Gudrun Ritter, Käthe Reichel und Michael Gwisdek. Beeindruckend: die Kameraarbeit von Roland Dressel. Die DVD enthält drei Kurzfilme, die es zu ihrer Zeit ebenfalls mit der Zensur zu tun bekamen: POLIZEIBERICHT – ÜBERFALL (1928) von Ernö Metzner, ZWEI WINDHUNDE/ZWEI GENIES (1934) von Detlef Sierck und BESONDERS WERTVOLL (1968) von Hellmuth Costard. Dazu: DVD-ROM-Teil mit Texten und Dokumenten zu den Filmen. Mehr zur DVD: list=ed..&list_item=0

CineFest in Hamburg

2013.CinefestMorgen beginnt in Hamburg das 10. CineFest, das „Internationale Festival des deutschen Film-Erbes“, eine Veranstaltung von CineGraph Hamburg und dem Bundesarchiv. Das Thema in diesem Jahr: Filmzensur in Europa. Gezeigt werden mehr als dreißig Titel aus siebzig Jahren Filmgeschichte, von den 1920er bis zu den 1980er Jahren. Im Rahmen der Eröffnung wird traditionell der „Reinhold Schünzel-Preis“ für ein herausragendes Engagement für das deutsche Film-Erbe verliehen. Er geht in diesem Jahr, und das freut mich sehr, an den Filmkritiker und Publizisten Wolfram Schütte, der als Filmredakteur der Frankfurter Rundschau große Verdienste um den deutschen Film erworben hat. Zum CineFest werden viele Gäste erwartet, darunter die Regisseure Peter Fleischmann, Rainer Simon und Günter Stahnke, die Regisseurin Iris Gusner, der Autor Günter Kunert und die Schauspielerin Jutta Hoffmann. Am kommenden Mittwoch beginnt der 26. Internationale filmhistorische Kongress, der sich ebenfalls dem Thema Zensur widmet. Im Rahmen seiner Eröffnung erfolgt die Verleihung der „Willy-Haas-Preise“, einer Auszeichnung von herausragenden internationalen Publikationen (Buch, DVD) zum Film im Deutschland. Nominiert snd mehrere meiner „Bücher des Monats“. Mehr zum Programm: www.cinefest.de/d/festival.php

Fassbinder JETZT

2013.FassbinderIm Deutschen Filmmuseum in Frankfurt findet zurzeit eine Fassbinder-Ausstellung statt. Ihr programmatisches Ziel: RWF in eine Verbindung zur Gegenwart zu setzen. Das gelingt mit den Beiträgen von sieben Film- und Videokünstlern: Tom Geens, Runa Islam, Maryam Jafn, Jesper Just, Jeroen de Rijke/Willem de Rooij und Ming Wong. Zur Ausstellung ist ein schöner Katalog erschienen, der in seinem dritten Teil auch Bilder dieser Künstler zeigt und sie zu Wort kommen lässt. Im ersten Teil sind nach dem Geleitwort (Juliane Lorenz), dem Vorwort (Claudia Dillmann) und der Einleitung (Anna Fricke, Ausstellungskuratorin) vier kluge Texte von Ursula Frohne, Brigitte Peucker, Cristina Nord und Thomas Elsaesser zu lesen. Der umfangreiche Mittelteil schlüsselt Fassbinders Werk in einer originellen Bildfolge auf. Da geht es um Türen und Räume, um Personen im Spiegel, um distanzierende Ornamente und Fenster, um Bisexualität und Gewalt, um melodramatische Momente, Verzweiflung, Familie, um das „Dritte Reich“ und die von Fassbinder skeptisch beurteilte westdeutsche Demokratie. Den Schluss des Buches bildet ein Besuch von Hans-Peter Reichmann im Fassbinder-Archiv in der Berliner Giesebrechtstraße. Mehr zur Ausstellung und zum Buch: /fassbinder-jetzt/

Klassiker des Fernsehfilms

2013.FernsehfilmEinerseits weckt die Lektüre des Buches Erinnerungen an wichtige Fernseherlebnisse. Zum Beispiel an Egon Monks KZ-Film EIN TAG (1965), an Martin Eckermanns DDR-Fünfteiler WEGE ÜBERS LAND (1968), an Tom Toelles/ Wolfgang Menges Vision EIN MILLIONENSPIEL (1970), an Axel Cortis österreichischen Zweiteiler EINE BLASSBLAUE FRAUEN-SCHRIFT (1984). Rund 300 Filme aus 60 Jahren Fernsehgeschichte hat Thomas Bräutigam (*1958) für sein Buch ausgewählt, sie sind von A bis Z gelistet. Zu jedem Titel gibt es Credits und Cast, eine kurze Inhaltsangabe, eine vorsichtige Bewertung und ein Zitat aus einer zeitgenössischen Kritik. Oft sind den Texten Verweise auf themengleiche Filme angefügt. Alles gut zu lesen. Bräutigams Lieblingsregisseure sind Dominik Graf und Peter Beauvais (je 11 Titel), Egon Monk (10), Jo Baier, Eberhard Fechner, Dieter Meichsner und Dieter Wedel (je 8). Gegen sie ist überhaupt nichts einzuwenden – aber (jetzt kommt das Andererseits) es fehlen zu viele wichtige Namen und Produktionen. Kein Film von Percy Adlon, Peter F. Bringmann, Imo Moszkowicz, Christian Rischert oder Werner Schroeter. Das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF hat offenbar nicht stattgefunden. Mit 20 Titeln ist der DDR-Fernsehfilm deutlich unterrepräsentiert. Und das Feld des Dokumentarfilms, ein genuines Fernsehgenre, ist nicht bestellt: fünf Filme von Eberhard Fechner sind benannt (das ist ihm zu gönnen), aber kein einziger von Hans-Dieter Grabe, Thomas Schadt oder Klaus Wildenhahn, nichts von Winfried Junge oder Volker Koepp. An FUSSBALL WIE NOCH NIE (1970) von Hellmuth Costard, ZÜNDSCHNÜRE (1974) von Reinhard Hauff  oder WAS SOLL’N WIR DENN MACHEN OHNE DEN TOD? (1980) von Elfi Mikesch wagt man gar nicht zu erinnern. Dagegen werden mehrere Filme aus den Jahren 2011 und 2012 bereits zu Klassikern erklärt. Das leuchtet mir nicht ein, auch wenn der Autor damit offenbar eine Brücke in die Gegenwart bauen will. So hinterlässt die Lektüre gemischte Gefühle. Mehr zum Buch: fernsehgeschichte.html

Von Marburg nach Konstanz

2013.AugenblickDie medienwissenschaftliche Zeitschrift Augenblick gibt es seit Dezember 1985. Sie wurde von Günter Giesenfeld, Thomas Koebner, Wilhelm Solms und Guntram Vogt in Marburg gegründet. Die Nr. 1/2 handelte vom neuesten deutschen Film. Nach 28 Jahren ist die Zeitschrift jetzt nach Konstanz umgezogen. Das neue Herausgeberteam sind Ursula von Keitz, Beate Ochsner, Isabell Otto, Bernd Stiegler und Alexander Zons. Die erste Ausgabe der Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft ist eine Doppelnummer und thematisiert den „Erlebnisraum Kino“. In den drei Kapiteln „Kino als Ort und Öffentlichkeit“, „Kino als Ort ästhetischer Erfahrung und Wissensvermittlung“ und „Veränderungen des Erfahrungsraums ‚Kino’ durch neue Technologien und andere Medien“ sind zwölf Texte zu lesen. Besonders gut gefallen haben mir Johanne Hoppes historischer Exkurs „Schauplatz Metropol“ (über ein Bonner Lichtspielhaus als Spiegel von Kinogeschichte und Filmkultur einer Stadt), Julian Hanichs Überlegungen zur „Wut im Kino“ (wie sich die Verärgerung über einen Film ausdrücken kann), Marcus Stigleggers Reflexionen über „Blicke von der Leinwand“ (Nahaufnahmen des Auges als Affektbilder im Film), Thomas Webers Text „Kollektive Traumata“ (die filmische Inkorporation von traumatischen Erfahrungen im Frühwerk von Alain Resnais) und Ursula von Keitz’ Essay „Das Kino als Reflexionsort von Sinnes- und Geisteserziehung“ (über François Truffauts L’ENFANT SAUVAGE). Die Zeitschrift erscheint weiterhin im Schüren-Verlag in Marburg.

„Berliner Schule“

2013.HochhäuslerDie DVD des Films von Christoph Hoch-häusler ist schon länger auf dem Markt; ich benutze sie heute als eine Brücke. UNTER DIR DIE STADT (2010) ist ein beein-druckender Film, sein Regisseur wird der „Berliner Schule“ zugerechnet. Er hat nicht – wie etwa Thomas Arslan, Christian Petzold oder Angela Schanelec – die dffb absolviert, sondern die Münchner HFF. Er gilt mit seinen Filmen als stilbewusst – wie Ulrich Köhler, Maren Ade oder Henner Winckler. Auch ihre Namen werden genannt, wenn es um die „Berliner Schule“ geht. Die ist in diesen Tagen stark im Gespräch, weil ihr ab Ende November eine große Retrospektive im New Yorker MoMA gewidmet wird. Jetzt kommt meine Brücke in der Form eines Links: zu einem Essay von Georg Seeßlen, der auf seiner Website „GETIDAN“ zu lesen ist. Seeßlen hat im September/Oktober eine Retrospektive zur Berliner Schule in Rio de Janeiro kuratiert. In diesem Zusammenhang entstand sein Text. Er gehört zum Besten, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Hier ist der Link: berliner-schule . In den USA erscheinen in diesen Wochen mehrere neue Bücher zur Berliner Schule. Ich komme demnächst auf sie zu sprechen.

Béla Tarr / Jacques Lacan

2013.Innen im ASußenBernhard Hetzenauer (*1981) ist Filmemacher. Er hat an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert. Das Buch basiert auf einer Master-Thesis des Autors und wurde von Hanne Loreck und Pepe Danquart betreut. Es fokussiert sein Thema auf den Blick bei Lacan und den Blick bei Béla Tarr. Die jeweils drei Kapitel heißen bei Lacan „Das Subjekt des Unbewussten“, „Der skopische Trieb“ und „Der Schirm“, bei Tarr „Und immer wieder Regen“, „Von Räumen, Rahmen und Fenstern“ und „Die Nahtstelle“. Im Mittelpunkt steht der Film SATANSTANGO (1994). Hetzenauers Beschreibungen sind genau und konkret. Natürlich wird Béla Tarr-Anhängern vieles vertraut sein, aber jede Publikation über diesen Regisseur ist ja auch als Erfolg zu werten. Das Nachwort stammt von dem österreichischen Autor und Regisseur Michael Pilz. Mehr zum Buch: Das_Innen_im_Aussen.html

Leander Haußmanns Autobiografie

2013.Haußmann 2Der Kinofilm – Leander Haußmann (*1959) hat davon immerhin acht realisiert – kommt in dieser Autobiografie eher am Rande vor. Im Zusammenhang mit dem Tod des Vaters Ezard wird von den DINOSAURIERN gesprochen. Und die Kapitel 37 bis 39 handeln vom HOTEL LUX, von Günter Rohrbach, Martin Moszkowicz, Herman Weigel und vom Floppen des Films. Die anderen Titel – von SONNENALLEE bis ROBERT ZIMMERMANN WUNDERT SICH ÜBER DIE LIEBE – sucht man vergebens. Aber dieses Buch mit dem Titel „BUH“ – er bezieht sich auf die traumatische Erfahrung einer „Fledermaus“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper – ist in seinem Erzählduktus, seiner Assoziationsdramaturgie und seinem Personenreichtum ein deutsches Panorama vor allem der 1980er und 90er Jahre. Haußmann kann erzählen. Die schönsten Geschichten spielen in der DDR-Zeit, sie handeln von seiner Druckerlehre, von der Ausbildung an der Schauspielschule Ernst Busch, vom Vorsprechen bei Frank Castorf, von Engagements in Gera und Parchim, von Volkspolizei und Stasi, von seinem Freund Uwe Dag Berlin und seiner Freundin Steffi Kühnert, von seiner ersten Frau Christiane und seiner jetzigen Ehefrau Annika Kuhl (mit respektvoller Diskretion), von den Kollegen Norbert Stöß und Henri Wiese, aber auch von der Intendanz in Bochum, dem Gastspiel in Salzburg und dem Aufenthalt in einer Psychoklinik. Es gibt eine „Liebeserklärung“ an Claus Peymann, eine Begegnung mit Edward Bond, eine Reminiszenz an Heiner Müller, einen Besuch von Botho Strauß in der Haußmann-Wohnung in Friedrichshagen und den bereits formulierten Text für einen Nachruf. Viel Lesestoff, ein Bild (Treppenhaus in Friedrichshagen). Das letzte Wort heißt „Ausweiskontrolle!“. Am 23. November findet im Berliner Ensemble die Premiere von Haußmanns „Hamlet“-Inszenierung statt. Mehr zum Buch: buh/978-3-462-30696-5/