Thriller

2013.ThrillerSeit 1976 gibt es die Genrereihe „Grundlagen des populären Films“. Sie erschien anfangs im Verlag Roloff & Seesslen, wechselte in den 1980ern zu Rowohlt und ist  seit den 90ern fester Bestandteil des Schüren-Programms. Weil sie als Basisliteratur gilt, trägt sie inzwischen den Reihen-Namen „Filmwissen“. Sie deckt fast den gesamten Genrebereich ab: Abenteuer, Detektive, Western, Horror, Erotik; es fehlen zurzeit ergänzte Neuauflagen für Komik, Utopie, Fantasy und Melodram. Soeben ist der neue Band über den Thriller erschienen. Der Autor Georg Seeßlen (* 1948) verbindet ein enormes Wissen mit einem verständlichen Stil, seine Schreibleistung ist bewundernswert; jüngst wurde er Mitglied der Abteilung Film- und Medienkunst der Akademie der Künste. – Beim Thrill geht es seit Anbeginn um ein Vergnügen an Angst und Verbrechen. Seeßlen erzählt die Geschichte vom Suspense im Stummfilm, über die deutschen, englischen und französischen Kriminalfilme der 1930er Jahre zum amerikanischen Film noir der Vierziger.  Er beschreibt das Ende der Gangsterhelden in der Nachkriegszeit, das PSYCHO- und das James Bond-Syndrom, bringt etwas Ordnung in die Zeit von 1980 bis 1995 und widmet das größte Kapitel (über 200 Seiten) den Jahren seit 1995 („Globalisierte Stätten der Angst“). Die Schlussthese heißt: „Der Thriller im Jahr 2013 muss schlagen, brennen, reißen, fallen, foltern, bluten und in jeder erdenklichen Weise wehtun, um sein eigentliches Experiment durchzuführen. Herauszufinden, ob seine Zuschauer überhaupt noch Gefühle haben.“ Titelfoto aus dem Film NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007). Mehr zum Buch: filmwissen-thriller.html

Hans Hillmann

2013.HillmannIm Essener Museum Folkwang, einem deutschen Zentrum für Plakatkunst, ist noch einen Monat lang die interessante Ausstellung der Film-plakate von Hans Hillmann (* 1925) zu sehen: „Der Titel wird im Bild fortgesetzt“. Die Ausstellung würdigt die stilprägenden Entwürfe von Hillmann vor allem in den 1960er Jahren. Zwei Verleihfirmen haben damals mit dem Künstler kooperiert: die Neue Filmkunst von Walter Kirchner und der Atlas Filmverleih von Hanns Eckelkamp. Ich erinnere mich als Programmsammler an die „Kleine Filmkunstreihe“, zum Beispiel an ABEND DER GAUKLER, BELLISSIMA, STURM ÜBER ASIEN oder TO BE OR NOT TO BE: schwarzweiß, ausschnitthaft, akzentuiert. Auch die Plakate, die fürs Kino früher eine große Bedeutung hatten, haben sich immer eingeprägt. Hier arbeitete Hillmann oft mit Farbkontrasten. Auf dem Titel des Katalogs (erschienen bei Edition Folkwang/Steidl) ist THE LONELINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER zu sehen. Mehr zur Ausstellung: hans-hillmann.html

Haneke über Haneke

2013. HanekeDie frühen Filme von Michael Haneke (* 1942) waren mir zu effekthascherisch und grausam. Aber DIE KLAVIER-SPIELERIN (2001) und CACHÉ (2005), vor allem DAS WEISSE BAND (2009) und LIEBE (2012) respektiere und bewundere ich. Es gab viel darüber zu lesen, auch in Gesprächsform (Thomas Assheuer im Alexander Verlag), nun ist das Buch der Franzosen Michel Cieutat und Philippe Rouyer, übersetzt von Marcus Siebert, ebenfalls im Alexander Verlag erschienen, in dem der Regisseur Film für Film Frage und Antwort steht und dabei über Produktions-bedingungen, künstlerische Entscheidungen, Vorbilder und Einflüsse, Schauspielerinnen und Schauspieler Auskunft gibt. Das ist spannend zu lesen, weil man den Sprachduktus von Haneke im Ohr hat und spürt, dass er seine Interviewpartner ernst nimmt und nicht einfach das schon mehrfach Gesagte wiederholt. Meine Meinung über seine frühen Filme hat sich nach der Lektüre nicht unbedingt geändert, ist aber etwas offener geworden, zu den neueren Filmen gibt es interessante Informationen. Also: ein lesenswertes Buch. Die Abbildungen sind sehr akzeptabel, das Nachwort von Georg Seeßlen ist klug. Mehr zum Buch: HANEKE_ueber_HANEKE.html

STAUB AUF UNSEREN HERZEN (2012)

2013.Staub 1Dies ist der Abschiedsfilm der Schauspielerin Susanne Lothar, die im Juli 2012 mit 51 Jahren viel zu früh verstarb. Damit hat das Mutter-Tochter-Drama STAUB AUF UNSEREN HERZEN, der Abschlussfilm von Hanna Doose an der DFFB, einen eigenen Subtext. Denn man kann den Film nicht sehen, ohne an das Schicksal der Hauptdarstellerin zu denken. Aber der Lothar-Tod wirft keinen Schatten auf diesen Film, sie spielt ihre ambivalente Rolle mit aller Intensität, sie zieht die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Als Psychotherapeutin Chris dominiert sie ihre 30jährige Tochter Kathi, eine allein erziehende Mutter und mäßig erfolgreiche Schauspielerin. Stephanie Stremler muss als Kathi die Protagonistin einer orientierungslosen Generation verkörpern. Sie tut das mit sympathischer Zögerlichkeit und spürbarer Unsicherheit. Am Rande gibt es einen Vater, der sich nach 15 Jahren zurückmeldet, und einen Liebhaber, der Puppenspieler ist. Das Ende bleibt offen. Der Film entstand ohne fertiges Drehbuch, es wurde viel improvisiert. Das Ergebnis hat erstaunliche Qualitäten, gewann 2012 den Förderpreis beim Münchner Filmfest und den „First Steps Award“ als bester abendfüllender Spielfilm, hatte beim Publikum aber keinen nennenswerten Erfolg. Jetzt ist die DVD des Films erschienen. Lohnt sich. Mehr zum Film: www.movienetfilm.de/staub/dvd.php

Affektpoetiken des amerikanischen Großfilms

UMS2426_neu.inddDie Dissertation von Christian Pischel entstand 2008 am Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Im Mittelpunkt stehen zwei amerikanische Blockbuster aus den frühen 1990er Jahren, TERMINATOR 2  – JUDGEMENT DAY (1991) von James Cameron und JURASSIC PARK (1993) von Steven Spielberg und zwei aus dem Jahr 2001: PEARL HARBOUR von Michael Bay und HOLLOW MAN von Paul Verhoeven. Pischel kommt in seinen Analysen zu dem interessanten Schluss, dass diese Filme trotz der schon damals zur Verfügung stehenden Digitalisierungseffekte noch stark am Fotorealismus orientiert sind, was den dominanten Rezeptionsgewohnheiten des Jahrzehnts geschuldet ist. In der Definition des „Großfilms“ greift der Autor weit in die Filmgeschichte zurück, orientiert sich an ersten Phantasien von Kurt Pinthus (1913), erinnert an die Manifeste vom Futurismus und die Studie „The Photoplay“ (1916) des deutsch-amerikanischen Psychologen Hugo Münsterberg, nennt natürlich Eisenstein als Kronzeugen für die Montage der Attraktionen (1923/24) und findet viel theoretischen Rückhalt bei Tom Gunning und seinem fundamentalen Aufsatz „The Cinema of Attraction: Early Film, It’s Spectator and the Avant-Garde“ (1990). Eine sehr aufschlussreiche Passage ist der konkrete Vergleich zwischen HOLLOW MAN und THE INVISIBLE  MAN (1933) von James Whale. Vier Abbildungen, umfangreiches Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: ts2426.php

Location Berlin

2013.BerlinIn dieser Serie sind bereits einschlägige Bücher über Los Angeles, Tokio, London, New York, Dublin, Paris, Madrid, Istanbul, Las Vegas, New Orleans, Wien, Peking und Reikjavik erschienen. Nun ist als 14. Stadt Berlin an der Reihe, zeitgleich mit Mumbai und Melbourne. Da freuen wir uns und hoffen, dass noch viele Filme in Berlin gedreht werden. Die Herausgeberin des Bandes, Susan Ingram, hat 46 Filme ausgewählt, in denen unsere Stadt eine zentrale Rolle spielt, beginnend mit Oskar Messters EINE FAHRT DURCH BERLIN (1910). Für die 1920er Jahre stehen DER LETZTE MANN und BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT. Natürlich sind MENSCHEN AM SONNTAG, KUHLE WAMPE, UNTER DEN BRÜCKEN, DIE HALBSTARKEN, EINS, ZWEI DREI, SOLO SUNNY, DER HIMMEL ÜBER BERLIN, LOLA RENNT und SOMMER VORM BALKON dabei. Aber auch Thomas Schadts Remake der Berlin-Sinfonie und Bettina Blümners PRINZESSINNENBAD. Jedem Film sind zwei Seiten gewidmet, eine Seite mit Fotos aus dem Film und eine Seite mit einem aktuellen Fotomotiv und einem kurzen Text. Kleine Stadtpläne lokalisieren die Schauplätze. Für eine Neuausgabe stünde wohl OH BOY weit oben auf der Liste. Das Titelfoto stammt aus BERLIN CALLING (2008) von Hannes Stöhr. Mehr über das Buch: www.intellectbooks.co.uk/books/view-Book,id=4943/.

DEFA international

2013.DEFA internationalEinerseits galt die DEFA mit ihren Künstlerischen Arbeitsgruppen im Spielfilmbereich, mit dem Dokumentarfilm- und dem Animationsfilmstudio als geschlossene Gesellschaft, deren Kontakte in die weite Welt einer strengen Kontrolle unterlagen. Andererseits gab es mehr Kooperationen und Beeinflussungen als man bisher annahm. Das belegen die 25 Beiträge dieses Bandes, der viele interessante Informationen enthält. Ich nenne acht Texte, die mir besonders gefallen haben: Oksana Bulgakowa schreibt über „DEFA-Filme im Kontext der ‚neuen Wellen’ im osteuropäischen Films“. Die Zusammenarbeit zwischen der DEFA und dem DDR-Fernsehen thematisiert der auf diesem Gebiet sehr sachkundige Thomas Beutelschmidt. Sabine Hake vergleicht die politische Satire im Kalten Krieg an dem DEFA-Film DER HAUPTMANN VON KÖLN (1956) und dem westdeutschen Film ROSEN FÜR DEN STAATSANWALT(1959). Die Rezeption von Peter Lilienthals Film ES HERRSCHT RUHE IM LAND (1975) in Ost- und Westdeutschland wird von Claudia Sandberg aufgearbeitet. Günter Agde informiert über das herzliche Willkommen und den abrupten Abschied von Joris Ivens in der DDR der 1950er Jahre. Birgit Schapow analysiert den Film DER FALL GLEIWITZ (1961) von Gerhard Klein nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase. Über „die Road Movies der DEFA und die Grenzen an allen Enden“ schreibt Marius Böttcher. Persönlich hat mich am meisten der Text von Rosemary Scott über die Kriterien für die Auswahl der aus dem Westen in die DDR importierten Filme interessiert, weil ich über dieses Thema in den 1960er Jahren an der FU meine Dissertation schreiben wollte. Mehr zum Buch: default%29/book/978-3-531-18493-7

Frankenheim Kino

Bild 2Das Frankenheim Kino an der Düsseldorfer Rheinterrasse ist einer der schönsten Open-Air-Orte in Deutschland, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Unsere Freundin Rosemarie Schatter ist seit Anbeginn für das Programm verantwortlich. Es werden die Highlights der letzten Monate gespielt, einige Erfolgsfilme der letzten Jahre und – als Vorpremieren – Filme, auf die viele neugierig sind, als Eröffnungsfilm R.I.P.D. – REST IN PEACE DEPARTMENT von Robert Schwentke mit Ryan Reynolds und Jeff Bridges. Zweimal findet die Joker-Night statt, und am Ende (25. August) ist als Vorpremiere KÖNIG VON DEUTSCHLAND von David Dietl mit Olli Dittrich und Veronica Ferres zu sehen. Wir wünsche Rosemarie und den Frankenheim Kino gutes Wetter! Mehr zum Programm: /filmprogramm.php

Fünf-Seen-Festival

Bild 1Vor fünf Jahren lief der Film AUGE IN AUGE auf dem Fünf-Seen-Festival in Starnberg, Schloß Seefeld, Herrsching, Weßling und Wörthsee. Das war ein wunderbares Sommer-erlebnis in Oberbayern, an das ich gern zurückdenke. Heute findet die Eröffnung des siebten Festivals statt, das inzwischen an Bedeutung gewonnen hat. Es gibt verschiedene Wettbewerbe (um den „Fünf Seen Filmpreis“ für einen Spielfilm aus dem deutschsprachigen Bereich, der noch nicht im Kino zu sehen war, um einen Drehbuchpreis, einen Nachwuchspreis, einen Dokumentarfilmpreis, einen Kurzfilmpreis und einen „Horizonte-Filmpreis“ mit  unterschiedlichen Jurys). Ehrengast ist der Autor Wolfgang Kohlhaase, der über 50 Jahre Drehbuch-schreiben spricht und an einem Werkstattgespräch „Schreiben fürs Kino“ teilnimmt. Es werden außerdem sieben Kohlhaase-Filme gezeigt. Ehrengäste sind auch Corinna Harfouch und der französische Regisseur Phillippe Lioret. In der Galerie der Kreissparkasse München Starnberg zeigt Lothar Just eine Auswahl von Festivalplakaten aus seiner Sammlung. Kuratiert von Elisabeth Carr findet in sieben verschiedenen Räumen eine Filmreihe statt, die sich mit Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Tanz, Dichtkunst und Film beschäftigt. Mehr zum Programm des Festivals: fff-2013-2/index.html

Heinrich George

2013.George-BuchWir befinden uns mitten in einer George-Saison. Gestern war das Dokudrama GEORGE auf Arte zu sehen, heute wird der Hauptdarsteller Götz, Sohn von Heinrich, 75 Jahre alt (in den Feuilletons gab es bereits zahlreiche Interviews mit ihm und jetzt folgen die Geburtstagsartikel), morgen läuft der Film im ARD-Programm (21.45 Uhr), heute Abend beginnt im Berliner Babylon eine große Heinrich-George-Retrospektive (sie dauert bis 4. August). Wem das immer noch nicht genug George ist, der kann in einem Buch an der Spurensuche des Regisseurs Joachim A. Lang teilnehmen, der dort seinen Weg zum GEORGE-Film sehr ausführlich beschreibt und dokumentiert. Deutsche Geschichte, Theatergeschichte, Filmgeschichte, Familiengeschichte. Das geht natürlich nicht ohne Wiederholungen und Redundanzen. Das Götz-Gespräch von Lang fand bereits 2012 statt, es umfasst 33 Druckseiten und handelt vor allem vom Vater-Sohn-Verhältnis, von den persönlichen Erinnerungen und von der Einschätzung der schauspielerischen Leistungen des Vaters. Noch informativer ist das Gespräch mit dem älteren Bruder Jan (*1931), dessen Erinnerungen natürlich konkreter sind und der auch den Nachlass des Vaters verwahrt (56 Textseiten im Buch). Dokumentiert sind außerdem Gespräche mit Schauspielkollegen (Anneliese Uhlig, Gunnar Möller), mit Angehörigen von Schauspielkollegen (u.a. Stefan Lukschy, Sohn von Wolfgang Lukschy) und mit Mithäftlingen in den Lagern Hohenschönhausen und Sachsenhausen. Zahlreiche Abbildungen, 16 Seiten Filmfotos in Farbe. Erschienen im Henschel Verlag. Am 9. Oktober könnte man an den 120. Geburtstag von Heinrich George erinnern.