Österreichisches Filmmuseum (1)

Layout 1In Wien wird zurzeit der 50. Geburtstag des Österreichischen Filmmuseums gefeiert. Dafür gibt es allen Grund, denn in diesem Haus wird vorbildliche Arbeit geleistet, die Programme sind gut ausgedacht und originell, sie verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart des Films, die Sammlungen wachsen, und die internationale Anerkennung ist enorm. Zum Jubiläum hat sich das Filmmuseum eine dreibändige Festschrift geschenkt, deren Lektüre noch einmal vor Augen führt, was in den fünf Jahrzehnten geleistet wurde. Der erste Band erzählt von der Gründung und Etablierung, vor allem von der schweren Geburt. Zwei Väter haben hier Großes vollbracht: Peter Konlechner (*1936) und Peter Kubelka (*1934). Sie mussten sich in Wien gegen viele Vorbehalte durchsetzen, hatten mit der eifersüchtigen Feindschaft des Österreichischen Filmarchivs zu kämpfen und schafften es dank Energie und Kompetenz, in ihrer Stadt ein interessiertes Publikum an das Haus zu binden und international – zum Beispiel durch die schnelle Aufnahme in den internationalen Filmarchiv-Verband (FIAF) – anerkannt zu werden. Eszter Kondor (*1983) hat über die Gründung des Österreichischen Filmmuseums ihre Magisterarbeit geschrieben und war damit für den ersten Band zur Autorin prädestiniert, zumal sie seit 2009 Mitarbeiterin des Hauses ist. Ihre Recherchen sind bewundernswert, und sie hat die große Begabung, aus all den Aktennotizen, Zeitungsberichten und zum Teil spröden Dokumenten einen höchst lesenwerten Text zu formulieren, in dem man sich nicht zwischen den Fußnoten verirrt. Vorausgesetzt wird natürlich ein Interesse an Kulturpolitik, am Umgang mit Filmgeschichte und etwas Geduld mit den speziellen österreichischen Kommunikationsformen. Mitgearbeitet an der Publikation hat Alexander Horwath, der 2001 Nachfolger von Konlechner und Kubelka als Direktor des Filmmuseums wurde. Mehr zum Buch: 1386672122423#.UvESoOmPJ9M . Morgen folgt die Rezension des zweiten Bandes.

MENSCHEN UNTEREINANDER / UNTER DER LATERNE

2014.DVD.Lamprecht 1Im vergangenen Jahr sind bereits zwei Filme von Gerhard Lamprecht auf DVD in der Edition Filmmuseum erschienen: DIE VERRUFENEN (1925) und DIE UNEHELICHEN (1926). Jetzt folgen MENSCHEN UNTEREINANDER (1926) und UNTER DER LATERNE (1928). Der erste Film erzählt Geschichten aus einem „nicht uninteressanten Mietshause“, Hier leben ein Juwelier und ein Regierungs-rat im ersten Stock, über ihnen die verwitwete Hausbesitzerin und ein Beamter, darüber befinden sich eine Ballettschule und ein Heirats-vermittlungsinstitut, und unterm Dach wohnen ein armer Klavierlehrer und ein Luftballonverkäufer mit seiner Familie. Ihre individuellen Situationen werden uns vor Augen geführt. Dramatisch geht es vor allem beim Regierungsrat zu: seine Frau sitzt wegen eines Verkehrsdelikts mit Todesfolge im Gefängnis ein, bringt dort ein Kind zur Welt, wird schließlich aber begnadigt. Am Ende kauft der Juwelier das Haus und lädt zu einer Mieterversammlung ein. Viele gute Darsteller (darunter Alfred Abel, Aud Egede-Nissen, Paul Bildt, Käte Haack und Margarethe Kupfer), präzise Kameraführung (Karl Hasselmann), die Musikbegleitung kann alternativ gewählt werden: Donald Sosin oder das „ensemble mosaik“. UNTER DER LATERNE ist ein Melodram und zeigt, wie ein junges Mädchen aus gutem Hause durch die Bösartigkeit ihres Vaters aus der Bahn gerät, ihren Freund verliert und zur Prostituierten wird. Am Ende stirbt sie nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Zuhälter. Beeindruckend gespielt (Lissy Arna als Mädchen Else, Mathias Wieman als ihr Freund, der sie verlässt, Gerhard Dammann als schrecklicher Vater, Hubert von Meyerinck als Varieté-Agent), hervorragend fotografiert (wieder: Hasselmann). Diesmal kann man zwischen Donald Sosin und der „shortfilmlivemusic“ wählen. Vor allem UNTER DER LATERNE, den ich noch nicht kannte, zeigt die Schattenseiten Berlins in den späten 1920er Jahren erstaunlich realistisch. Die Digitalisierung lässt die Bilder gut zur Geltung kommen. Mehr zur DVD: Menschen-untereinander—Unter-der-Laterne.html

Filmrezepte

2014.Filmrezepte 325 „kulinari-sche Filme“ und dazu 25 Menüs von zehn Köchen und drei Köchinnen, die sich von den Filmen haben inspirieren lassen. Also: ein Buch zur Unterhaltung mit sehr schönen Fotos von Joerg Lehmann. Dass unter den Filmen LE GRANDE BOUFFE von Marco Ferreri nicht fehlt, versteht sich von selbst. Aber man findet auch (jeweils auf einer Doppelseite mit Text und Fotos) Buñuels LE CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE, Alexander Paynes SIDEWAYS, Sandra Nettelbecks BELLA MARTHA, Scorseses GOODFELLAS, Ang Lees EAT DRINK MAN WOMAN, Brad Birds RATATOUILLE, Chaplins THE GOLD RUSH, Hal Ashbys BEING THERE, Nora Ephrons JULIE & JULIA, Wes Andersons FANTASTIC MR. FOX und sechs Dokumentarfilme, darunter FOOD INC. von Robert Kenner und HOW TO COOK YOUR LIFE von Doris Dörrie. Eine durchaus originelle Filmauswahl. Auf der Küchenseite stehen u.a. Sonja Frühsammer, Michael Hoffmann, Johannes King, Kolja Kleeberg, Marco Müller, Cornelia Poletto und Tim Raue am Herd. Ihre Menüs werden jeweils auf zwei oder drei Doppelseiten präsentiert. Die Autorin Karin Laudenbach und der Filmemacher Thomas Struck (auch Sektionsleiter des „Kulinarischen Kinos“ der Berlinale) tragen die inhaltliche Verantwortung. Küche und Kino gehen da eine gute Verbindung ein. Mehr zum Buch: buecher/filmrezepte/

Auf den Spuren des DRITTEN MANNES

2014.Dritter MannEr wurde 1949 gedreht und ist wohl bis heute der berühmteste Wien-Film: DER DRITTE MANN (THE THIRD MAN) von Carol Reed nach einem Originaldrehbuch von Graham Greene mit Joseph Cotten, Orson Welles und Alida Valli, ein Kriminalfilm, zu dessen Höhe-punkten eine Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation gehört. Inzwischen gibt es in Wien ein „Dritte-Mann-Museum“, und jetzt ist im Pichler-Verlag ein kleiner Stadtführer von Alexander Glück erschienen, der den Film in eine Beziehung zur Gegenwart stellt. Er erzählt in zehn Kapiteln die Vorgeschichte des Films, seine Handlung, Kuriositäten  aus der Produktion, die Biografien der Macher, vieles über die Personen und ihre Darsteller (dazu gehörten auch Paul Hörbiger, Annie Rosar, Ernst Deutsch, Erich Ponto, Siegfried Breuer, Hedwig Bleibtreu) und die Geschichte des kleinen Jungen Hansl (dargestellt von Herbert Halbik), er informiert über die Kanalisation als Drehort, vergleicht die Orte von damals und heute, lässt die Zither erklingen, gespielt von Anton Karas, berichtet über die Nachwirkungen des Films und die „Erben“ des DRITTEN MANNES. Die Fremdenführerin Brigitte Timmermann führt Neugierige zweimal in der Woche wahlweise zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus zu den Drehorten des Films. Und dreimal in der Woche zeigt das Burgkino am Opernring die englische Originalfassung. Wien-Reisende mit Filminteresse sollten das Buch beim nächsten Mal im Gepäck mitnehmen. Es enthält viele Abbildungen. Mehr zum Buch: www.styriabooks.at/article/4818

Der Klang des Films

2014.KlangDie Beschäftigung mit dem Filmton ist in der letzten Zeit intensiver geworden. Ich verweise auf drei Publikationen (sounddesign-im-deutschen-spielfilm/ filmgerausch/ ton-im-dokumentar-film/) und empfehle das Buch von Peter Rabenalt mit dem Untertitel „Dramaturgie und Geschichte des Filmtons“, das kürzlich im Alexander Verlag erschienen ist. Der Autor unternimmt eine sehr anregende Reise durch die Filmgeschichte, holt sich Unterstützung in der Theorie (Kracauer, Adorno/Eisler, Arnheim), informiert über die „Stummfilm“-Zeit mit Hinweise auf die Begleitmusik (Giuseppe Becce, Werner Schmidt-Boelke, Edmund Meisel, speziell der „Fall“ PANZERKREUZER POTEMKIN) und geht auf einzelne Tonfilme sehr ausführlich ein: SOUS LE TOITS DE PARIS, M, LA STRADA, HIROSHIMA MON AMOUR). Eigene Kapitel sind Chaplin und Tati („Klingende Komik“), dem „Hollywood-Sound“, einer Reihe von Komponisten (Schostakowitsch, Rósza, Williams, Rota, Morricone, Nyman), dem Ton im Dokumentarfilm, Richard Wagner, Stanley Kubrick und Jean-Luc Godard gewidmet. Trotz vieler Zitate (es gibt 231 Quellenverweise) liest sich das Buch flüssig und ist sehr informativ. Das Titelfoto darf als bekannt vorausgesetzt werden. Mehr zum Buch: Klang_des_Films.html

40 Jahre Schirmer/Mosel

2014.SchirmerHeute wird in München der 40. Geburtstag des Verlages Schirmer/Mosel gefeiert: mit der Eröffnung der Ausstellung „Menschen vor Flusslandschaft. August Sander und die Fotografie der Gegenwart aus der Sammlung Lothar Schirmer“ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne. Und anschließend mit einem Fest im Vorhoetzer Forum der TU München. Ich habe die Qualität der Bücher von Schirmer/Mosel immer sehr bewundert, wobei der Film im Verlagsprogramm ja eher ein Nebenschauplatz ist. Aber seit der Zusammenarbeit an dem Buch „Magnum am Set“ fühle ich mich Lothar Schirmer freundschaftlich verbunden, es war wunderbar, für ihn das Buch „Licht und Schatten“ zu machen, und es wird wohl noch die eine oder andere Publikation folgen. Natürlich sind wir heute bei der Gratulation in München dabei. Mehr zum Verlag und seiner Geschichte: www.schirmer-mosel.de/homed1/index.htm

Robert Siodmak-Retrospektive

2014.SiodmakIm Berliner Zeughauskino wird morgen eine Retro-spektive der Filme von Robert Siodmak eröffnet. Die letzte fand 1998 im Rahmen der Berlinale statt. Der Leiter der damaligen Retrospektive, Wolfgang Jacobsen, hält jetzt auch die Eröffnungsrede. Gezeigt wird der Film THE KILLERS (1946) mit Burt Lancaster und Ava Gardner. Bis zum 29. Juni sind 47 Filme von Robert Siodmak im Zeughauskino zu sehen, die frühen deutschen, darunter natürlich MENSCHEN AM SONNTAG, ABSCHIED und VORUNTERSUCHUNG, sieben aus der französischen Zeit 1933 bis 1939, 17 aus der Zeit des amerikanischen Exils, darunter PHANTOM LADY, SPIRAL STAIRCASE und CRISS CROSS, sowie 13 aus den 1950er und 60er Jahren, die in Deutschland, England und Frankreich entstanden. Für Einführungen konnten Ralph Eue, Norbert Grob, Frederik Lang, Claudia Mehlinger, Karl Prümm und Chris Wahl gewonnen werden. Die Retrospektive wird vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Mehr zum Programm: robert-siodmak.html

MAN WITHOUT A STAR

2014.DVD.Mit stahlharter FaustEin Western von King Vidor aus dem Jahr 1955. „Die Rancher gegen die Farmer, die Freien gegen die Stacheldrahtzäune. Die Hippies haben in Amerika eine lange Tradition. Außerdem mit Kirk Douglas (als Dempsey Rae), was immer bedeutet, dass es ungeheuer komische Momente gibt. Dempseys Drama wird nicht gezeigt als moralischer Konflikt, sondern als Kampf um physische Selbstbehauptung.“ (Frieda Grafe, SZ, 11.12.1970). Jetzt ist bei „Explosive media“ eine DVD des Films erschienen, restauriert und neu abgetastet. Brilliante Bilder (Kamera: Russell Metty), guter Ton (wahlweise in Deutsch oder im Original). Im kleinen „Booklet“ kann man einen schönen Einführungstext von Markus Tschiedert lesen. King Vidor gehörte immer zu meinen Lieblingsregisseuren. Im Herbst 1980 haben wir ihn zu Dritt für den Film ZWISCHEN DEN BILDERN in Hollywood besucht. Teile aus dem Interview sind in meinem Text über Vidor zu lesen: directed-by-king-vidor/ Mehr zum Film und zur DVD: www.filmstarts.de/kritiken/36143.html

Stummfilm um Mitternacht

Bild 1Eine neue Reihe im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, konzipiert und präsentiert von Friedemann Beyer. An jedem Samstag um 0 Uhr gibt es einen Stummfilm mit Begleitung an der Kinoorgel (Anna Vavilkina ist eine wunderbare Interpretin der Filme). Der Eintritt ist frei. So fördert man Interesse an der Filmgeschichte. Heute findet die vierte Veranstaltung statt, die bisherigen waren alle „ausverkauft“. Gezeigt wird heute Abend Murnaus NOSFERATU. An den kommenden Samstagen gibt es DAS MÄDCHEN AUS DER ACKERSTRASSE von Reinhold Schünzel (5. April), MENSCHEN AM SONNTAG von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer (12. April), I.N.RI. von Robert Wiene (18. April) und DIE CARMEN VON ST. PAULI von Erich Waschneck (26. April). Am 3. Mai wird das Programm international mit einer Auswahl an Laurel & Hardy-Filmen. Mehr zum Programm: www.babylonberlin.de/stummfilme.htm

Mary Pickfords Locken

2014.Mary Pickfords LockenSie war der größte Star der Stummfilmzeit: das Mädchen mit den Ringellocken. Mary Pickford (1892-1979) drehte 1909 ihren ersten und 1933 ihren letzten Film. Insgesamt waren es weit über 100, anfangs kleine Einakter, später große Dramen. Stefan Ripplinger schreibt in seinem wunderbaren Essay wenig über ihr Leben, aber viel über ihre Rollen und die Erwartungen des Publikums. Die Bruchstelle ist der 21. Juni 1928, als sich Pickford in einem Friseursalon in New York ihr schulterlanges Haar abschneiden lässt und künftig einen „Bob“ trägt. Damit verliert sie die Bindung zu ihren Zuschauern und „die Karriere der meistgeliebten, erfolgreichsten, reichsten, mächtigsten, freiesten, vielseitigsten, sensibelsten und begabtesten Frau der Filmgeschichte“ geht zu Ende. Ripplinger beginnt mit dem Märchen „Rapunzel“, erinnert an den frühen Film WILFUL PEGGY (1910), schlägt den Bogen zu CINDERELLA (1914), würdigt ihren Kameramann Charles Rosher, entschlüsselt die Filme STELLA MARIS (1917) und SUDS (1919), schreibt über die Motive in DADDY-LONG-LEGS (1919) und SPARROWS (1926), knüpft Verbindungen zur internationalen Filmgeschichte, zu Literatur und Malerei und verliert dabei nie sein Thema aus den Augen: Mary Pickfords Locken. Ich bin beeindruckt. Mehr zum Buch: book/detail/726