Mein Filmbuch des Jahres 2013

Bild 1Das Jahr 2014 hat begonnen. 13 „Filmbücher des Monats“ habe ich 2013 vorgestellt (www.hhprinzler.de/´filmbuecher/). Eines davon soll wieder das „Filmbuch des Jahres“ werden. Wie immer gibt es drei Kandidaten: die drei Bände zu Gerhard Lamprecht, herausgegeben von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Eva Orbanz (Februar; edition-gerhard-lamprecht/), die zwei Bände „Denkmal Film“ von Anna Bohn (März; denkmal-film/) und den Bildband über Ingrid Bergman, herausgegeben von Isabella Rossellini und Lothar Schirmer (Oktober; /ingrid-bergman/). Ich entscheide mich für „Denkmal Film“ von Anna Bohn, weil sie damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz des internationalen Filmerbes geleistet hat. Das Thema ist zurzeit auch in Deutschland in der kulturpolitischen Diskussion, ausgelöst durch einen Mahnruf des Filmemachers Helmut Herbst, der es mit Hilfe von Klaus Kreimeier und Jeanpaul Goergen durch eine große Solidaritätsaktion mit inzwischen mehr als 2.500 Unterschriften zu einer Petition an den neuen Bundestag geschafft hat ( www.change.org/de/Petitionen/-unser-filmerbe-ist-in-gefahr). Die zwei Bände von Anna Bohn sind Basisliteratur zum Thema. Also Pflichtlektüre für alle, die es ernst meinen mit dem Schutz des audiovisuellen Kulturgutes. Mehr kann ein Buch des Jahres nicht leisten.

Jim Jarmusch

2013.JarmuschIn unseren Kinos ist zurzeit sein neuer Film zu sehen: ONLY LOVERS LEFT ALIVE. Es ist sein elfter Spielfilm als Autor und Regisseur. Jim Jarmusch (*1953) gilt in Deutschland als klassischer amerikanischer Independent-Regisseur. 2012 hat Sofia Glasl mit einer Dissertation über „JJ als Kartograph von Popkultur“ in München promoviert. Mit großer Genauigkeit und vielen Querverbindungen analysiert sie COFFEE AND CIGARETTES und THE LIMITS OF CONTROL als Schlüsselfilme in Jarmuschs Werk, GHOST DOG und DEAD MAN als Genrefilme, DOWN BY LAW und BROKEN FLOWERS als Literarische Plateaus, MYSTERY TRAIN und NIGHT ON EARTH als Studien synchronen Erzählens und STRANGER THAN PARADISE und PERMANENT VACATION als Negative des Hollywoodfilms. Die Filmanalysen verstecken sich nicht hinter einem theoretischen Überbau. Die Autorin ist den Filmen mit großer Empathie verbunden. Das macht ihren Text so lesenswert. Mit 30 Abbildungen und einem überschaubaren Literaturverzeichnis. Mehr zum Buch: kartograph-von-popkultur.html

Fotografien von F. W. Murnau

2013.MurnauEr starb 1931, mit 42 Jahren, nach einem Autounfall auf der Küsten-straße von Santa Barbara. In diesen Tagen kann man seinen 125. Geburtstag feiern. Er war einer der großen Regisseure der 1920er Jahre: Friedrich Wilhelm Murnau. Bekannt sind vor allem seine Filme NOSFERATU, DER LETZTE MANN, FAUST, SUNRISE. Zu seinen privaten Leidenschaften gehörten das Fotografieren und der Umgang mit jungen Männern. Das Schwule Museum in Berlin hat dies zum Thema einer Ausstellung gemacht, die noch bis zum 10. März zu sehen. Das Buch dazu ist bei Schirmer/Mosel erschienen. Es enthält 84 Abbildungstafeln in Duotone aus den Jahren 1926 bis 1931, aus Berlin, Amerika und der Südsee. Sie stammen aus dem Murnau-Nachlass, der in der Deutschen Kinemathek verwahrt wird. Besonders schön finde ich die 16 Stadtfotos aus New York + Los Angeles und die Schnappschüsse  von Ernst Lubitsch, Rochus Gliese, Johnny Weissmüller, Salka Viertel + Françoise Rosay, Douglas Fairbanks Jr. und das Selbstportrait von Murnau an der Schreibmaschine auf seiner Yacht „Bali“. Ein kurzes Vorwort stammt von Rainer Rother, Ernst Szebedits und Michael Wedel. Sehr lesenswert ist der einführende Text von Guido Altendorf, Werner Sudendorf und Wolfgang Theis: „Vom Tod und Nachleben Friedrich Wilhelm Murnaus“. Der Anhang enthält zwei Textdokumente von Ruth Landshoff-Yorck („Begegnung auf dem Schulweg“) und Berthold Viertel („Murnau. Zum Tod des Filmregisseurs“). Mehr zum Buch: 47&products_id=732

Thriller

2013.ThrillerDer 16. und neueste Band der Reclam-Reihe „Filmgenres“ ist dem Thriller gewidmet. Thomas Koebner und Hans Jürgen Wulff zeichnen gemeinsam als Herausgeber. Sie haben mit 35 Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet. Mit 512 Seiten ist der Band genauso umfangreich wie der Komödien-Band. 116 Filme aus der Zeit zwischen 1933 und 2011 werden in chronologischer Reihenfolge vorgestellt. Natürlich dominieren die USA mit 73 Titeln, gefolgt von Frankreich (18) und Großbritannien (13). Aus Deutschland kommen drei Filme: DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE (1933) von Fritz Lang, SUPERMARKT (1974) von Roland Klick und ABWÄRTS (1984) von Carl Schenkel. Die Mehrzahl der Texte – sie sind in der Regel drei bis vier Seiten lang – kommt den Filmen sehr nahe und lässt sich gut lesen. Viele der Autorinnen und Autoren sind mir bisher unbekannt. Man wünscht ihnen die Möglichkeit, auch weiterhin zu schreiben. Titelbild: Noomi Rapace in dem Film VERDAMMNIS von Daniel Alfredson. Mehr zum Buch: Thriller

Martin Scorsese

2013.ScorseseAls die herausragende Martin Scorsese-Ausstellung zu Beginn des Jahres im Berliner Museum für Film und Fernsehen stattfand, gab es leider keinen Katalog. Der wurde zur folgenden Station im Museo Nationale del Cinema in Turin nachgeliefert, herausgegeben von den Berliner Kuratoren Kristina Jaspers und Nils Warneke in der Silvana Editoriale. Er gliedert sich in die neun Ausstellungssegmente: Family, Brothers, Men and Women, Lonely Heroes, New York, Cinema, Cinematography, Editing und Music. Im Katalog enthalten sind Gespräche mit Martin Scorsese, der Kostümbildnerin Sandy Powell und dem Kameramann Michael Ballhaus sowie zwei informative Texte von Rainer Rother und Kristina Jaspers + Nils Warnecke. Der Anhang enthält eine Filmografie. Texte in Italienisch und Englisch. Das Schönste an diesem Buch sind natürlich seine Abbildungen: Filmfotos, Storyboards, Plakate, Fotos von Exponaten. Schade, dass es das Buch nicht schon zu Beginn des Jahres gab. Aber, wie man so sagt: es ist ja nie zu spät. Zurzeit ist die Ausstellung im Caermersklooster in Ghent zu sehen: martin-scorsese. Mehr zum Buch: asp?id=3800 / Vorgestern hatte Scorseses neuer Film WOLF OF THE WALL STREET Premiere.

Hanna Schygulla

2013.SchygullaHeute feiert Hanna Schygulla ihren 70. Geburtstag. Sie hat sich dazu eine Autobiografie geschenkt oder von Lothar Schirmer schenken lassen. Ein ungewöhnliches Titelfoto: Hanna mit geschlossenen Augen (Foto: Lilian Birnbaum, 1992). Ein schöner Titel: offenbar ein Zitat von Peter von Becker. Ein berührendes Buch. Wenn ich ihm drei Adjektive zuschreiben darf, dann wären das: zärtlich, diskret, bescheiden. Teile ihres Textes erschienen 1981 bei Schirmer/Mosel und ließen sich mühelos in die Autobiografie integrieren. Da ging es vor allem um die Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder. Neu: das sind die vergangenen 32 Jahre, die Arbeit mit ganz unterschiedlichen Regisseuren (Godard, Ferreri, Guerra), Begegnungen mit Helmut Newton, Alicia Bustamante, Gabriel Garcia Márquez, die Arbeit mit ihrer Schauspielschülerin Anika Dressler, das Leben in Paris, die Betreuung ihrer kranken Mutter, die Sorge um den Vater, auch Rückblicke in die Kindheit und Jugend, Monate im Rollstuhl, Reminiszenzen an Stéphane Hessel und Eugen Bavcar, Überlegungen zu einem Umzug nach Berlin und neue Erinnerungen an RWF. Das letzte Kapitel heißt „Ende gut, alles gut“. Es gibt keine feste Chronologie, sondern eine Vorliebe für Assoziationen. Viele kleine Bilder. Claudia Lenssen hat für den Tagesspiegel eine schöne Rezension des Buches geschrieben: 8960070.html Mehr zum Buch: info.php?cPath=39&products_id=725

Romy & Alain

2013.Romy & AlainVor fünf Jahren hat der Wiener Film-historiker Günter Krenn im Aufbau Verlag eine hervorragende Romy Schneider-Biografie publiziert: bestens recherchiert, gut geschrieben. Jetzt lässt er dem umfänglichen Buch ein kleineres folgen: die Geschichte der kurzfristigen Liebe und späteren Freundschaft zwischen Romy und Alain Delon. Die beiden haben sich 1958 bei den Dreharbeiten zu CHRISTINE (Regie: Pierre Gaspard-Huit) kennen gelernt und in den folgenden Jahren in fünf Filmen zusammen gespielt. Zu den bekanntesten gehört LA PISCINE/DER SWIMMINGPOOL (1968/69) – da war ihre aber Liebesgeschichte bereits zu Ende. Romy und Alain gehörten in den 1960er und 70er Jahren zu den großen europäischen Stars. Krenn beschreibt mit Diskretion und Respekt das Miteinander und Nebeneinander der beiden. Er hat (das belegen 433 Fußnoten) noch einmal intensiv geforscht. Es geht dabei um die Einflüsse des Stiefvaters Hans Herbert Blatzheim und der Mutter Magda, von denen sich Romy befreien wollte, um die Arbeit mit Fritz Kortner, Luchino Visconti, Orson Welles, Claude Sautet und das parallele Leben von Alain Delon. Delon gibt es noch, Romy starb 1982, also vor mehr als 30 Jahren. Mehr zum Buch: romy-und-alain.html

Kira Muratova

2013.Kira MuratovaKira Muratova (* 1934) ist eine experimentierfreudige russische Filmregisseurin, die inzwischen 15 eigene Spielfilme realsiert hat. Ich habe leider nur zwei davon gesehen, DAS ASTHENISCHE SYNDROM (1989) und KLEINE LEIDENSCHAFTEN (1994). Das Buch von Isa Willinger, erschienen in der Reihe „kommunikation audiovisuell“ der HFF München, macht neugierig auf weitere Filme, die in den letzten Jahren teils ins Russland, teils in der Ukraine entstanden sind. Die Autorin hat für ihre zehn Kapitel schöne Überschriften gefunden: „Subversion und körperliche Affizierung“, „Ritus, Gender, Formalismus“, „Zersetzung total“, „Leiche im Koffer: Täuschung und Tod“, „Figuren des Performativen“, „Groteske Welten“, „Ohrensausen: die Tongestaltung“, „Weibliche Selbstinszenierung, entblößte Männer“, „Zirkustricks und Eisensteins Attraktionsmontage“. Jedem Kapitel sind ein, zwei oder drei Filme zugeordnet, die von Willinger sensibel interpretiert werden. Der Anhang enthält eines der seltenen Interviews mit Muratova und ihrem Ausstatter Evegenij Golubenko und eine kommentierte Filmografie. Unbedingt lesenswert, wenn man sich für den osteuropäischen Film interessiert. Mehr zum Buch: 5f595d4e2c729e5d5061/

Musik im DEFA-Spielfilm

2013.Musik DEFAEine „spannende Lektüre“ garantiert Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung, in seiner kurzen Vorbemerkung. Und er hat völlig Recht. Ich habe seit langem kein so interessantes Buch über die DEFA gelesen wie „Klang der Zeiten“, weil es den Blick auf die Filme aus einer speziellen und mir so nicht bekannten Perspektive öffnet. Der Hauptteil (130 Seiten) trägt den Titel „Komponisten im Gespräch“. Die sieben Interviews mit Peter Rabenalt, Bernd Wefelmeyer, Peter Michael Gotthardt, Christian Steyer, Wolfgang Thiel, André Asriel und Reiner Bredemeyer, meist geführt vom Herausgeber Klaus-Dieter Felsmann, sind extrem spannender Lesestoff, weil sie Auskunft geben über das Komponistenleben in der DDR, über die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Regisseuren in den verschiedenen Genres, im Auf und Ab der DEFA-Geschichte und speziell über die Situation vor und nach der Wende. Besonders interessant fand ich die Gespräche mit Rabenalt, Gotthardt, Steyer und Thiel. Günther Fischer stand leider für ein Interview nicht zur Verfügung. Wolfgang Thiel hat einen kurzen, aber informativen Beitrag (30 Seiten) über die Geschichte der Musik zu DEFA-Filmen zugeliefert. Im dritten Teil des Buches (70 Seiten) sind Analysen der Filmmusik von 16 ausgewählten DEFA-Filme zu lesen, darunter DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (Musik: Ernst Rothers, Text: Wolfgang Thiel), DER RAT DER GÖTTER (Hanns Eisler/Guido Heldt), BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER (Günter Klück/Jean Martin), DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (Peter Gotthardt/Dieter Wiedemann), DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER (Siegfried Matthus/Robert Rabenalt) und der Dokumentarfilm DU UND MANCHER KAMERAD (Paul Dessau/Jean Martin). Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Es ist in der Schriftenreihe der DFEA-Stiftung erschienen, die im Bertz + Fischer Verlag publiziert wird. Mehr zum Buch: 42&products_id=428

Essays von Norbert Grob

2013.GrobDies ist – nach „Im Kino gewesen…“, „Zwischen Licht und Schatten“ und „Just be natural!“ – der vierte Band mit Texten von Norbert Grob und der 66. Band der „Filmstudien“. Er enthält 24 Essays zur Filmgeschichte, gegliedert in vier Kapitel: „Klassisches“, „Modernes“, „Solitäres“ und „Neuer Deutscher Film“. Mein Freund Norbert kommt von der Filmkritik; der Übergang zur Filmwissenschaft hat seinen Umgang mit dem Medium Film eher intensiviert und gottlob nicht grundlegend verändert. Er ist weiterhin ein Entdecker und Interpret und kein Definitionsartist. Ich bewundere seine analytischen Fähigkeiten, seine Neugier auf die Entwicklung von Erzählformen und sein nicht nachlassendes Interesse für die unterschiedlichsten Aspekte der Filmgeschichte. Er kann wunderbar porträtieren (dafür gibt es in dieser Anthologie mehr als ein Dutzend Beispiele, ich verweise nur auf seine Texte über Altman, Graf, Herzog, Hsiao-hsien, Ozu, Pabst, Rivette, Schroeter, Curt Siodmak, Visconti, Téchine sowie auf die neue Fassung seines Essays über Veit Harlan und dessen Melodramen). Ein schöner Text handelt von der „Großstädtischen Aura der 1920/30er Jahre“, interessante Überlegungen spielen mit der „Regie im Kino“, natürlich ist das klassische Hollywood-Kino präsent (mit einem Text über Warner Bros.), aber auch der experimentelle Film (Ottomar Domnick) und sein Lieblingsgenre, der Film noir (hier personifiziert in Alain Corneau). Auch die „Miniaturen“ sind vertreten (zu Handke, Wenders und den Frauen bei Godard). Ich hoffe sehr, dass es eines nicht zu fernen Tages einen fünften Band der Grob-Texte geben wird. Das verschafft ihnen eine Präsenz, die sie an den unterschiedlichen Orten ihrer Erstveröffentlichung (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher) nicht haben können. Titelbild: Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in Godards A BOUT DE SOUFFLE (1959). Mehr zum Buch: Grob-Vom-Gesicht-Welt/productview.aspx?product=21512