Asghar Farhadi

Er gehört zu den bekanntesten iranischen Filmregisseuren, hat bisher acht Spielfilme realisiert, zwei Oscars und einen Golde-nen Bären bei der Berlinale (für NADER UND SIMIN) gewon-nen. Asghar Farhadi ist das neue, 55. Heft der Film-Kon-zepte gewidmet, das Jörn Glasenapp herausgegeben und mit einem Team der Universität Bamberg erarbeitet hat. Glase-napp unternimmt eine sehr reflektierte Werksichtung der Filme von Farhadi („Gefesselter Blick, freies Urteil“). Bei Sahar Daryab geht es um die beiden Filme TANZ IM STAUB und DIE SCHÖNE STADT („Tragödie des Alltäglichen“). Felix Lenz befasst sich mit dem Film NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG („Beobachten und Urteilen“). Katharina Stahl äußert sich zu der postmodernen Kriminalerzählung LE PASSÉ („Auf Spurensuche in der Vergangenheit“). Corina Erk richtet ihren Blick auf THE SALESMAN („Von Ehekrisen und Adaptionsmomenten auf der Bühne und im Film“). Ein sehr gelungenes Heft über den Regisseur aus dem Iran. Mit Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: ALLES ÜBER ELLY. Mehr zum Heft: XWeMJTsgBW8

76. Filmfestspiele Venedig

Heute werden in Venedig die 76. Internationalen Film-festspiele mit dem Film LA VÉRITÉ von Hirokazu Koreeda eröffnet. Die Haupt-rollen spielen Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke. 21 Lang-filme konkurrieren um den Goldenen Löwen, darunter ABOUT ENDLESSNESS von Roy Anderson, AD ASTRA von James Gray, EMA von Pablo Larraín, GUEST OF HONOUR von Atom Egoyan, J’ACCUSE von Roman Polanski, JOKER von Todd Philips, THE LAUNDROMAT von Steven Soderbergh, SATURDAY FICTION von Lou Ye, WAITING FOR THE BARBARIANS von Ciro Guerra und WASP NETWORK von Olivier Assayas. Ein deutscher Film ist nicht dabei. Jury-Präsidentin ist die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel. Einen Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhalten die britische Schauspielerin Julie Andrews und der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. Das Festival dauert bis 7. September. Mehr zum Festival: Filmfestspiele_von_Venedig_2019

„Im Licht der Zeit“

Ein Roman von Edgar Rai über die Produktion des Films DER BLAUE ENGEL. Er beginnt mit einem Vorspiel im Februar 1917, in dem der Filmstar Henny Por-ten und die Geigerin Marlene Dietrich sich sehr nahekom-men. Dann erfolgt ein Zeit-sprung ins Jahr 1929. Emil Jannings, Oscar-Preisträger für Filme von Victor Fleming und Josef von Sternberg, scheitert in Hollywood an der Umstellung auf den Tonfilm und kehrt nach Deutschland zurück. Sein Freund, der Autor Karl Voll-möller, und der neue Ufa-Boss Alfred Hugenberg wollen ihm hier zu einem glorreichen Comeback verhelfen. Dies soll mit der Verfilmung des Heinrich-Mann-Romans „Professor Unrat“ als erstem Ufa-Tonfilm geschehen. Als Regisseur ist Josef von Sternberg vorgesehen, mit dem Jannings nie wieder zusammenarbeiten wollte. Sternberg kommt nach Berlin und entscheidet sich für Marlene Dietrich als Darstellerin der Rosa Fröhlich, weil sie ihn persönlich fasziniert. Sie wird von Jannings zunächst nicht erstgenommen und während der Dreharbeiten hasserfüllt bekämpft. Die Konflikte zwischen Jannings, Sternberg und Dietrich eskalieren immer wieder bis zum Äußersten. Erich Pommer als Produzent sorgt für mehrere Etaterhöhungen, Karl Vollmöller ist als Vermittler zwischen den Streithähnen tätig, im Hintergrund spielt der Komponist Friedrich Hollaender eine wichtige Rolle, hinter der Kamera steht Günther Rittau, der Marlene zunächst als Filmdarstellerin ungeeignet findet, aber nach Sternbergs Lichtsetzung seine Meinung ändert. Im Hauptteil wird der Roman aus zwei Perspektiven erzählt: aus Karl Vollmöllers und aus Marlene Dietrichs Sicht. Das verschafft Marlenes Ehemann Rudi Sieber, ihrer gemeinsamen Tochter Maria und Siebers Partnerin Tamara eine Plattform. Nicht zu vergessen: Mit Hans Albers steht Marlene an vielen Abenden in dem Stück „Zwei Krawatten“ auf der Bühne, und er spielt im BLAUE ENGEL die Rolle des Artisten Mazeppa. Der Roman endet mit der Abreise von Marlene nach Hollywood; sie singt auf der Plattform eines Lastwagens, begleitet von Friedrich Hollaender, das Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte…“. 500 Seiten sind prall gefüllt mit Auseinandersetzungen, Intrigen, intimen Szenen, Besuchen in Restaurants und Bars, Personen aus der Kulturszene Berlins und helfendem Personal vom Tontechniker bis zum Chauffeur. Den 58 Kapiteln sind häufig Zeitungszitate vorangestellt, die auf politische oder filmische Ereignisse verweisen. Auch wenn der Autor manchmal im Aktionismus übertreibt, finde ich den Roman spannend erzählt. Erschienen im Piper Verlag. Mehr zum Buch: 978-3-492-05886-5

DAS UNMÖGLICHE BILD (2016)

Sandra Wollner erzählt in ihrem Film „Fragmente einer Fami-liengeschichte und ihrer Ge-heimnisse“. Wir blicken zurück ins Österreich der Jahre 1956/57. Ein Vater filmt  mit einer 8mm-Kamera die Familie im Garten: die Mutter und zwei Töchter, Lissi und Johanna. Kurz darauf stirbt der Vater, und Johanna erbt die Filmkamera. Sie dokumentiert den Alltag und die Feste, den Geburtstag der jüngeren Schwester, Weihnach-ten im Familienkreis, das Zusammentreffen verschiedener Frauen in Omas Kochklub. Es gibt brutale Momente, wenn gegen den Willen von Lissi ein Karpfen geschlachtet und ausgenommen wird, wenn statt einer Abtreibung eine Geburt stattfindet, wenn die Oma ihrer Enkelin kochend heißes Wasser über die Füße schüttet. Der Kunstgriff von Sandra Wollner ist die Bildsprache: alles wirkt wie bei einem Amateurfilm aufgenommen, wurde aber mit Schauspielerinnen und Schauspielern professionell auf 16mm gedreht. Aus dem Off kommentiert die 13jährige Johanna das Geschehen und fügt Gedanken hinzu, die ihr durch den Kopf gehen. Aus dem Radio hört man zeitbezogene Reportagen (Laika auf dem Weg zum Mond). Der beeindruckende Film von Sandra Wollner ist ihre Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg und jetzt als DVD bei Absolut Medien erschienen. Mehr zur DVD: DAS+UNMOeGLICHE+BILD

MARY, QUEEN OF SCOTS (2018)

Ein Historiendrama über zwei Frauen, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind, aber in der Filmgeschichte eine große Rolle spielen: Mary Stuart, von 1542 bis 1567 Königin von Schott-land, und Elizabeth I., von 1558 bis zu ihrem Lebensende Königin von England. Mary Stuart wurde schon von Katharine Hepburn, Zarah Leander oder Vanessa Redgrave dargestellt, Königin Elisabeth I. u.a. von Flora Robson, Bette Davis, Jean Simmons, Glenda Jackson, Helen Mirren und Cate Blanchett. Im Film von Josie Rourke spielt Saoirse Ronan die Titelrolle und Margot Robbie die Elizabeth. Sie agieren in einem Politthriller, der aus den höfischen Intrigen im 16. Jahrhundert ein spannendes Konfliktdrama zwischen zwei emanzipierten Frauen macht, die sich in der männerdominierten Welt nur begrenzt behaupten können. Wunderbar: die Kostüme von Alexandra Byrne. Raffiniert inszeniert: das geheime Treffen der beiden Protagonistinnen. Es ist der erste Film der Theaterregisseurin Josie Rourke, den sie mit erstaunlicher Professionalität realisiert hat. Hinter der Kamera stand der erfahrene John Mathieson. Bei Universal ist jetzt eine DVD des Films erschienen. Das Bonusmaterial ist umfangreich, es gehören Kommentare der Regisseurin Josie Rourke und des Komponisten Max Richter dazu. Mehr zur DVD: maria_stuart

Die rechte und die linke Hand der Parodie

Die Mainzer Magisterarbeit von Christian Heger erschien erst-mals 2009 und ist jetzt vom Schüren Verlag in einer zweiten, ergänzten Auflage publiziert worden. Dank der unverminder-ten Popularität von Bud Spencer und Terence Hill hat das eine Logik. Es gibt einen Prolog zur Erstauflage („Zeit für eine film-wissenschaftliche Ehrenret-tung“) und einen Epilog zur Neuauflage („Ein sagenhaftes Revival“). Die Vorüberlegungen des Autors sind dem Weg zum komischen Western-Helden gewidmet. Ein kleines Kapitel beschäftigt sich mit dem Leben von Carlo Pedersoli (*1929) und Mario Girotti (*1939), bis sie 1967 zu Bud Spencer und Terence Hill mutierten. Im Hauptteil (90 Seiten) geht es um die Zusammenarbeit von Spencer und Hill („Zwei neue Helden erobern das Kino“). Eine ausführliche Filmografie (80 Seiten) enthält Stab- und Besetzungsangaben zu allen Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill mit Einzelbesprechungen. Bud Spencer starb im Juni 2016 in Rom. Das Buch von Christian Heger ist eine sehr lesenswerte Würdigung des Duos. Mit 318 kleinen Abbildungen in guter Qualität. Coverfoto: VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA. Mehr zum Buch: ihre-filme.html

„Wir von der anderen Seite“

Anika Decker (*1975) ist Dreh-buchautorin (KEINOHR-HASEN) und Regisseurin (TRAUMFRAUEN). „Wir von der anderen Seite“, erschienen im Ullstein Verlag, ist ihr erster Roman, erzählt aus der Ich-Perspektive. Rahel Wald ist Drehbuchautorin. Sie erleidet eine Blutvergiftung mit Organ-versagen. Nach neun Tagen erwacht sie aus dem Koma. Damit beginnt der Roman, das erste Kapitel heißt „Intensiv-station“. Wir begleiten sie auf dem Weg zurück ins Leben, in die normale Krankenstation, in die Reha, nach Hause, zur Physiotherapie, zur Psychotherapie und zur Behandlung bei dem Schamanen Jesus, der ihr wirklich hilft. Schlüsselfiguren sind Rahels Lebensgefährte Olli, Mitglied einer Anwaltskanzlei, ihre Eltern, ihr Bruder Juri, der in New York lebt, ihr Freund und Kollege Kevin, ihre Ärzte (der wichtigste heißt Professor Held), Pflegerinnen, Therapeu-tinnen, Mitpatientinnen und die Menschen aus der Filmwelt, von der anderen Seite, zu der sie sich zurückarbeitet. Sie trennt sich von ihrem Lebensgefährten und verabschiedet sich am Ende aus der Produktions-firma, weil man ihr neues Drehbuch umgeschrieben hat. Anika Decker erzählt mit großer Empathie, ihre Heldin ist streitlustig, aber ermüdet schnell, macht die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Menschen aus der Welt der Medizin und des Films. Die Lektüre des 380-Seiten-Romans, ist spannend, zuweilen nervig, aber insgesamt lohnend. Mehr zum Buch: 9783550200373.html

Theodor Fontane im Film

Sein 200. Geburtstag wird in diesem Jahr gefeiert. Die Zeitschrift Die Mark Branden-burg widmet aus diesem Anlass eine Ausgabe dem Thema „Theodor Fontane im Film“. Die Redaktion hat eine Fontane-Filmografie erarbeitet, die 45 Titel aus der Zeit zwischen 1937 und 2018 auflistet, darunter natürlich auch die vier Effi-Briest-Verfilmungen von Gustaf Gründgens (1938) mit Marianne Hoppe, Wolfgang Luderer (1968) mit Angelica Domröse, Rainer Werner Fassbinder (1974) mit Hanna Schygulla und Hermine Huntgeburth (2009) mit Julia Jentsch. In einem eigenen Text äußert sich Klaus-Peter Möller zu „Effi Briest als Film“. Von Michael Grisko stammt ein Beitrag über Fontane im DDR-Fernsehen. Dokumentiert wird ein schöner Text von Sibylle Wirsing aus der FAZ vom 1. April 1975 über Fontanes „Stechlin“ als Fernsehfilm; Regie führte damals Rolf Hädrich. Edgar Meyer-Karutz vergleicht die Filme über die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Eberhard Itzenplitz nach einem Drehbuch von Horst Pillau (1986) und Bernhard Sallmann (2016-18): „Die Wanderungen – szenisch und puristisch“. Roland Berbig untersucht abschließend Fontanes Wanderungen literarhistorisch. Dies alles auf 48 Seiten, mit Abbildungen in guter Qualität. Mehr zum Heft: 82697377/Products/112

Präriebanditen

Vor drei Jahren hat Gregor Hauser das Buch „Mündungs-feuer“ über die 50 besten B-Western und ihre Stars publiziert (muendungsfeuer/). Jetzt hat er zusammen mit Peter L. Stadlbaur nachgeladen: „Präriebanditen“ heißt der neue Band über „die packende Welt der B-Western“. Diesmal sind es 30 ausgewählte Filme, auf die wir neugierig gemacht werden, beginnend mit BLACK BART (1948) von Ray Enright, endend mit POSSE FROM HELL (1961) von Herbert Coleman. Es gibt jeweils eine kurze Inhaltsangabe und eine etwas längere Analyse. Abgebildet ist in der Regel die Frontseite des „Neuen Film-Programms“. Im zweiten Teil sind drei Schauspielerinnen und 48 Schauspieler porträtiert: 15 „Gute“ (darunter Virginia Mayo, Rhonda Fleming und Julie Adams) und 36 „Schurken“. Die bekanntesten „Guten“ sind John Lund, Cornel Wilde, Lloyd Bridges, Jeffry Hunter, Van Heflin, Robert Ryan und Alan Ladd, die berühmtesten „Schurken“ Dan Duryea, Elisha Cook jr., Jack Palance, John McIntire, Lee Marvin, Lee Van Cleef und Walter Brennan. Fünf von 51 sind noch am Leben: Julie Adams, John Ericson, Rhonda Fleming, Henry Silva und Clint Walker. Das Geleiwort zum Buch stammt von Brett Halsey. Die Texte der beiden Autoren sind natürlich sachkundig, das Buch ist eine schöne Reminiszenz an den B-Western der 50er Jahre. Mehr zum Buch: php?id=200

MESSER IM KOPF (1978)

Der Film von Reinhard Hauff kam vor rund 40 Jahren ins Kino und hat viele Qualitäten, die ihn bis heute sehr sehenswert machen. Ich nenne fünf herausragende künstlerische Leistungen: 1. Das Drehbuch von Peter Schneider, das mit großer Sensibilität verfasst wurde. Wir verfolgen den Über-lebenskampf des Biogenetikers Berthold Hoffmann, der bei einer Polizeirazzia in einem Jugendzentrum angeschossen und schwer verletzt wird. Nach dem Erwachen aus dem Koma scheint er das Gedächtnis verloren zu haben. Er gerät in den Verdacht, ein Terrorist zu sein. Hoffmanns wiederkehrende Erinnerung führt ihn auf den Weg der Wahrheitssuche, der bei dem Polizisten Schurig endet. Die Geschichte ist spannend bis zur letzten Sekunde. 2. Der Haupt-darsteller Bruno Ganz, der die schwierige Rolle des Biogenetikers durch alle Höhen und Tiefen seiner gefährdeten Existenz herausragend darstellt. 3. Die Kameraführung von Frank Brühne, der die gesellschaft-lichen Konflikte der späten 60er Jahre in präzise Bilder umsetzt. 4. Die Montage von Peter Przygodda, der uns die unterschiedlichen Gruppie-rungen vor allem aus dem Blickwinkel der Hauptfigur sehen lässt. 5. Die Regie von Reinhard Hauff, der mit herausragenden Schauspieler* innen zusammenarbeiten konnte; neben Bruno Ganz erleben wir Angela Winkler, Hans Christian Blech, Heinz Hoenig, Hans Brenner und Udo Samel (als Polizist Schurig). Bei Studio Canal ist jetzt eine digital restaurierte Fassung des Films als DVD erschienen. Zu den Extras gehört ein Gespräch mit Reinhard Hauff und dem Produzenten Eberhard Junkersdorf. Mehr zur DVD: messer_im_kopf-digital_remastered