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05. Juni 2014

BOYHOOD + „Der Distelfink“

2014.BoyhoodAb heute ist der Film BOY-HOOD von Richard Linklater in unseren Kinos zu sehen – und weil es für mich einer der schönsten Filme der letzten Jahre ist, gebe ich ihm heute den Vorzug vor einem Film-buch. Schon während der Berlinale, wo der Film im Wettbewerb lief, waren sich eigentlich alle einig: das war der Höhepunkt des Festivals. Er erzählt die Geschichte eines Jungen aus einer Patchworkfamilie in Texas; am Anfang ist Mason sechs Jahre alt, am Ende 18. Die wunderbare Idee von Linklater: er hat die Darsteller der Familie in jedem Jahr für ein paar Drehtage vor die Kamera geholt und damit, soweit ich weiß, eine erste Langzeitbeobachtung als Spielfilm realisiert. Zwei der Hauptdarsteller sind durchaus bekannt: Patricia Arquette spielt die Mutter, die viel Pech mit ihren Männern erlebt, Ethan Hawke den Vater, der die Familie verlassen hat. Ellar Colltrane als Mason ist ein Glücksfall, weil er mit seiner Rolle wächst und wir dabei zusehen können, wie er einen Platz in seiner Familie und in verschiedenen Orten von Texas sucht und findet. Seine Schwester Samantha wird von Linklaters Tochter Lorelei gespielt. Es ist kaum zu glauben, wie sich alles in diesem Film zusammenfügt, wie er uns bewegt und auch gedanklich beschäftigt. Er dauert 163 Minuten, und das ist keine zuviel. – Linklaters Trilogie BEFORE SUNRISE, SUNSET und MIDNIGHT war ja auch eine schöne Langzeitbeobachtung. Aber BOYHOOD geht noch darüber hinaus. Ich bin hingerissen und werde mir den Film natürlich noch einmal anschauen. Mehr zum Film  in allen Zeitungen.

Bildschirmfoto 2014-06-03 um 22.02.34Ein schöner Zufall: ich lese gerade den faszinierenden Roman „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Auch das ist eine Boyhood-Story, erzählt aus der Perspektive eines zunächst 13jährigen Jungen, dessen Mutter Opfer eines Bombenanschlags auf das Metropolitan Museum wird. Theo, der Sohn, überlebt mit traumatischen Folgen, kommt zunächst in der Familie seines besten Freundes unter, wird dann von seinem Vater in Las Vegas aufgenommen, befreundet sich mit einem Schul-kameraden, der aus der Ukraine stammt und ebenfalls seine Mutter verloren hat. Theos Vater stirbt bei einem von ihm verursachten Verkehrsunfall, der Junge flüchtet in die Obhut eines väterlichen Freundes zurück nach New York und führt in seinem Handgepäck das Bild „Der Distelfink“ von Carel Fabritius mit sich, das er aus dem Museum mitgenommen hat. Es ist ein Tausend-Seiten-Buch mit unendlich vielen Episoden, mit tragischen und komischen Momenten, mit überraschenden Wendungen und vielen Personen, die wir gut im Gedächtnis behalten. Natürlich spielen auch Film und Kino eine gewisse Rolle, aber im Kern geht es um die Suche nach sich selbst und ums Überleben. Die Autorin, bekannt geworden mit ihrem Buch „Die geheime Geschichte“, hat über zehn Jahre am „Distelfink“ gearbeitet. Irgendwie stellen sich in meinem Kopf ständig Verbindungen zwischen Linklaters Film und Donna Tartts Roman her. Das betrifft vor allem den ersten Teil des Buches. Im zweiten Teil dominieren die Themen Kunstraub und Antiquitätenschwindel. In der FAZ hat Felicitas von Lovenberg eine schöne Rezension des Buches geschrieben: zum-entsetzen-zum-entzuecken-12836657.html .